Woche IX | Montag, 26.10.2015

Ferien. Ein Zauberwort. Und alles eine Stunde später. Es ist hell, wenn wir morgens zur selben Uhr-Zeit frühstücken. Der Papa hat keinen Urlaub, er „darf“ arbeiten, wie er es nennt. Ich denke, er ist froh, dem Familienleben auch mal zu entkommen. Bei all dem Bereitschaftsdienst für die Kinder, die bei ihm nur zu bestellen brauchen, was sie wollen – er macht’s. Das kriegt der Weihnachtsmann nur an einem Abend im Jahr hin, mancherorts, ohne persönlich in Erscheinung zu treten. Unser Papa macht das ständig. Wen wundert’s, dass er eine Auszeit braucht… Zumal er das Glück hat, einer bezahlten Tätigkeit nachzugehen, die seine Leidenschaft ist. Ich will nicht behaupten, er erlebte das ungetrübte Vergnügen – er ist, wie wir alle, anderen Menschen ausgesetzt, von denen eher wenige die hohe Kunst des achtsamen Miteinanders beherrschen…
Da ich nicht Lohn-arbeite, habe ich in den Ferien das volle Vergnügen mit den Kindern und übe die hohe Kunst. Weil ich nicht (mehr) ganz so selbstlos bin wie der Papa in seinen Papa-Zeiten, und damit Konflikte vorprogrammiert sind.
Zwei von unseren Dreien haben gerade den Küchentisch mit Beschlag belegt und bekleben einen Luftballon mit Zeitungspapier und Mehlpamps. Daraus soll dann eine Maske für Halloween entstehen. Die Große kuschelt noch im Bett, nein, soeben kommt sie und möchte frühstücken. Ist genervt, weil BTS nicht gewonnen hat. (Eine koreanische Popgruppe.) Ich habe gestern abend schon angesprochen, dass ich die Bildschirmzeiten nicht der Intuition überlassen möchte und vor allem Wert darauf lege, Aktivitäten an der frischen Luft zu unternehmen.
Ein bisschen fürchte ich die Ferien, vor allem, wenn ich daran denke, wie genervt ich von dem ununterbrochenen Bildschirm-Einsatz der Kinder bin und von meiner daraus resultierenden Aufgabe, das zugunsten ihrer Gesundheit zu verhindern. Ich kann dem Geschehen nicht einfach seinen Lauf lassen. Klar wie Kloßbrühe, dass nur attraktive Alternativen im Hier und Jetzt die Aufmerksamkeit im Guten auf unsere Gemeinschaft lenken. Was zur Folge hat, dass man sich ein Miteinander basteln muss, das für alle einen wertvollen Gewinn darstellt. Für mich bezieht sich das in erster Linie auf das Klima, in dem wir hier zusammen den Notwendigkeiten des Lebens entsprechen. Vorschreiben, Meckern, Strafen, Zwingen, Erpressen, Bedrängen… das geht alles nicht. Außer vielleicht, wenn die Auseinandersetzung möglich ist und schließlich alle gewinnen. Die Erfahrung machen, dass Lösung möglich ist und die Anstrengung sich lohnt.
Diese Erfahrung war mir lange Jahre verwehrt in Bezug auf lebensnotwendige, persönlichkeitsstärkende Themen. Hier und da im Kleinen, aber Unbedeutenden, macht einem das sicherlich nichts aus, und es bedeutet entsprechend auch nicht viel, wenn es „hinhaut“. Es weckt vielleicht ein kleines bisschen Hoffnung, aber die verpufft auch so schnell wieder, wie sie aufflammte.
So habe ich seit zehn Jahren die Schulferien mit schwindender Hoffnung verbracht, die Kinder „normalisierten“ sich kaum noch, ich hatte keine Ahnung vom Gegenentwurf, nachdem mir mein „Werk“, unverhinderte Kinder aufwachsen zu lassen, durch die Schule zerstört worden ist. Ich habe der Schule und der in ihr herrschenden Ignoranz, ja Arroganz nichts entgegenzusetzen. (Oder wie nennt man es, wenn die Belange der einzelnen Personen nicht gefragt, geschweige denn beachtet werden?) Nun, meine Kinder sind so normal wie andere auch, die sich von anhaltender Fremdbestimmung erholen wollen, auf die Flucht gehen in Medienwelten, wozu ich auch Bücher zähle. Anderes Suchtverhalten haben wir noch nicht zu beklagen, vielleicht dem Grundsatz zu verdanken, dass wir zu Hause eben gewaltfrei zu leben versuchen.
So bin ich gespannt auf die kommenden Tage, welche Dynamik ich nun erleben werde, nun, da ich einige innere Hausaufgaben erledigt habe. Vielleicht finden wir unseren inneren Start- und Landepunkt in diesen Ferien schneller wieder, vielleicht sind die Kinder schneller wieder bereitwillig und offen für Anliegen, die über sie persönlich hinausgehen, ich nenne das die gemeinnützigen Notwendigkeiten, wie Tisch decken, Aufräumen, …, die nicht unmittelbar und ausschließlich der eigenen Person dienen, sondern erst nach einem bestimmten Aufwand und über einen Umweg ihren Segensreichtum entfalten. Dafür auch nachhaltiger und umfassender. Und vielleicht erwacht auch der eigene Bewegungsimpuls wieder, die Lust auf Unternehmungen und Aktivität. Es sieht ganz gut aus, heute morgen.