Woche XIII | Freitag, 27.11.2015

Frei beweglicher Ferientag Nr. 2. Die Kinder schlafen noch. Gestern hatte ich starken Drang, sie vor sich selbst und ihrer Versenkung in Bildschirm und Büchern zu bewahren, ich bestand darauf, dass sie an die frische Luft gingen. Was für ein Kampf! Ihre Bedürfnisse nach Selbstbestimmung, Kreativität, Muße, Zuwendung sind alle im roten Bereich, was kann man da schon an einem Tag ausgleichen, und wo fängt man an? Ja, Daddeln macht Spaß, die Biochemie des Spaßes ist notwendig und ist eine wichtige Medizin. Aber ich frage, wie nachhaltig der Spaß denn bleibt, und weil er mit dem Ausschalten des Gerätes oder dem Zuklappen des Buches verschwindet, sehe ich ihn nicht als wirklich hilfreich an – zumal er mit einer schlimmen Körperhaltung bezahlt wird…
Also bin ich mal wieder die Böse, die die Kinder an ihrem Spaß hindert. Ich lege fest, dass sie eine Stunde draußen zu sein haben, dass PC und Lesen etc. nur 20 Minuten am Stück sein darf. Dass eigene Aktivitäten oder eben Schlafen dran sind und sein müssen, auch wegen des länger anhaltenden Glücksgefühls.
Meine Oishi-Kawaii locke ich mit einem Streit aus der Reserve und bringe sie dazu, ihre verborgenen Regungen preiszugeben – sie explodiert endlich mal in Rebellion und wehrt verbal ab, was ihr nicht passt. Sie hat wieder mehr Schnupfen, was ich als Zeichen werte, dass sie von irgendetwas die Nase voll bekommt. Da ich von Krankenschwester-Diensten am eigenen Kind nicht leben kann, „drohe“ ich ihr mit Fremdbetreuung, falls sie nicht anfängt, ihre Sorgen rechtzeitig in Worte oder Bilder gefasst zu artikulieren, so dass ich mit so etwas Konkretem losziehen kann, um mein Kind zu vertreten. Natürlich kann sie das dann auch viel besser selbst, wenn sie einmal einen Begriff hat.
Ja, die Freizeit-Verwahrlosung versetzt mich in Alarmstimmung. Vielleicht auch nur, weil ich die Kinder gar nicht mehr in ihrer Bestform erlebe, sondern nur noch im Reste-Modus und im Hunger. Aber die wahre Verwahrlosung findet in der Schul- und Arbeitswelt statt, wenn nur noch Vorschriften und Pläne erfüllt werden, die Menschen einander als Vollstrecker begegnen, nicht als lebende Wesen mit Gefühlen.
McFlitz hatte eine lustige Lesenacht in der Schule, er ist weiterhin recht ansprechbar und ausgeglichen. Ich hoffe, dass sich meine Auftragslage nun bald merklich verbessern wird, damit wir uns seine Schule weiterhin leisten können! Ich stecke alle meine freien Kräfte in meinen beruflichen Start, ich habe die Freiberuflichkeit gewählt, es gibt hier keine Schule, die auf lebensentfremdende Kommunikation (M.B. Rosenberg) verzichten lernen will, und somit keinen Platz für mich in einer solchen. Moralische Urteile, Vergleiche, Leugnung der Verantwortung für das eigene Fühlen, Denken und Handeln, Forderungen, Lob und Strafe – das ist immernoch an der Tagesordnung. Basierend auf einem Menschenbild, das die Grundannahme der Faulheit und des bösen Willens akzeptiert.
Kkumhada macht sich Sorgen wegen der Finanzierung ihres Auslandsjahres und verliert zwischendurch die Zuversicht. Denn auch sie gibt immer wieder die Verantwortung ab oder überlässt sich der Selbstverurteilung. In dieser Haltung ist kaum Aussicht auf Besserung zu entdecken, nur wenn wir dessen bewusst bleiben, dass wir durch jeden eigenen Schritt weiterkommen, kann der nächste auch mit Freude gemacht werden.
Ich bin froh, dass meine Kinder im Chor singen können, gestern trällerten sie mehrstimmig bei der Vorbereitung des Abendbrotes – was für ein Lebensgefühl! Zur Abwechslung mal nicht die düstere Feierabenderschöpfung!
Mein Blog ist derzeit nur in seiner Tagebuchfunktion für mich vorhanden. Gegenseitige Besuche, Kommentare und Likes sind für mich in den Hintergrund getreten. Vorübergehend, meine ich. Ich finde es spannend, all die anderen Schilderungen zu lesen und in der Vielfalt zu „baden“. Meine Null-Statistiken gehen nicht gefühllos an mir vorbei, natürlich ist es irgendwie traurig, keinen Besuch gehabt zu haben. Wie ein Zuhause, in dem einen Keiner erwartet, in dem ich Keinen erwarte. Manchmal mag ich dieses Alleinsein. Manchmal nicht. Jetzt gerade reicht mir mein Blog als stummes Tagebuch.

Woche XIII | Montag, 23.11.2015

Ein zauberhafter Start: über Nacht ist etwas Schnee gefallen. Draußen sind Feld, Wiese und Bäume mit etwas Weiß überpudert. Dieser Erste bewegt mich immernoch und bringt mich zum Staunen. Ich fühle mich wie ein personifiziertes Oh! und Ah!
Wir sind alle gesund und an unserer Arbeit. Das Wochenende hat mir interessante Gespräche und Beobachtungen und damit Stoff zum Nachdenken beschert. In der Schule war Elternsprechtag, ich hatte keine eigenen Termine vereinbart, gesellte mich einfach in das SchülerCaf´e und plauderte mit den Pädagog*innen. „Druck müssen wir aber auch machen“, ist ein Spruch, den es immer wieder zu hören gibt. Ich bin jetzt ganz klar in dieser Hinsicht geworden: Kinder brauchen nicht Druck, sie brauchen Schwerkraft. Wichtigkeit, Bedeutung, Sinn. Muskeln, Sehnen, Knochen – das alles brauchen wir, um der Schwerkraft der Erde etwas entgegenzusetzen. Und ihre Benutzung macht sie besser, bewirkt die Produktion von Botenstoffen in unserem Körper, die uns verlocken, weiter zu trainieren. Naja, nur, wenn freiwillig. Bzw. sonst werden diese Botenstoffe gleich wieder verbraucht, um die Verletzungen der eigenen Intergrität zu reparieren. Oder so.
Es ist sinnlos, das mit Noten zu bewerten.
Genauso die Musikalität eines Menschen.
Oder seine künstlerische Begabung.
Oder oder.
Und fürs Lernen braucht es Sinn, Wichtigkeit – JA! aber Druck??? Die Schwerkraft heißt hier dann vielleicht Werte, wenn etwas als Schatz betrachtet wird, wahrhaftiglich, dann muss es niemandem eingeprügelt werden, oder? Lasst die Schulen zu Schatzkammern werden!
McFlitz hatte Chorwochenende und war begeistert. Die Chorleiterin versuchte, das mit Worten zu fassen, was Kindern an so einem Wochenende angedeiht. Sie singen zusammen, stellen sich aufeinander ein und gliedern ihre eigene Stimme in den Gesang. Sie hat beobachtet, wie die gegenseitige Achtsamkeit zunimmt und die Kinder beginnen, füreinander Verantwortung zu übernehmen, Unterstützung für ein gemeinsames Leben zu leisten.
Kkumhada kam mit zum Abschlusskonzert, ich staunte über ihre Aufgeschlossenheit und ihren Wunsch, beim ersten Auftritt ihres kleinen Bruders dabei zu sein, Oishi-Kawaii dagegen zog es vor, für sich zu Hause zu bleiben. Sie hatte drei Tage lang ein Wechselbad der Gefühle durchwatet: Geplant war ein Ausflug nach Berlin mit ihrer Freundin. Deren Eltern wollten das dann aber nicht, wegen der Attentatsgefahren. So blieb es bei einem Bummel-Gang durch eine näher gelegene Stadt. Das konnte sie dann schlussendlich auch froh genießen und kam am Samstag Abend glücklich wieder nach Hause. Der nächste Wermutstropfen ließ nicht lange auf sich warten, ein größeres Treffen mit Freunden am Sonntag Morgen drohte für sie zu scheitern wegen des Zeitplanes der Eltern ihrer Freundin…
Wenn ich mir Konzerte meiner Kinder ansehe, kommen mir immer die Tränen der Rührung. Sicherlich hängt das auch mit meinen eigenen Erinnerungen an Chorerlebnisse zusammen, aber mitzuerleben, wie aus dem eigenen Kind ein aufgeregtes, frohes, Musik machendes Wesen in einer Gemeinschaft wird, das eine Bühne bekommt und sein selbst geübtes Können beitragen und zeigen darf, treibt mir die Wasser der Glückseligkeit durch die Schleusentore. Nicht nur das Musizieren selbst ist unschätzbare Medizin, auch das in einer Gruppe gelebte Miteinander schafft Einsamkeit ab und bietet Berührungspunkte. Natürlich vorausgesetzt, dass genau das auch zum Kriterium erhoben wird…
Heute also weiß und mit Sonne, die die unzähligen Schmelzwassertropfen an den Sträuchern und Bäumen zum Glitzern und Funkeln bringt. Auch mein Gemüt ist sonnig, und ich spanne die Segel auf, um das Licht einzufangen.

Woche XII | Freitag, 20.11.2015

Alle sind körperlich gesund und an ihren jeweiligen Arbeitsplätzen, auch ich, aber wie gehabt rein ehrenamtlich. Ich mache mir viele Gedanken über den Wert von Arbeit, bezahlte, unbezahlte, frei, angestellt, … Wie kann es z.B. sein, dass Pädagog*innen von der Arbeit mit meinen Kindern leben können und ich nicht?
Alles, was die Welt im Innersten zusammenhält, wird ehrenamtlich geleistet, will mir scheinen, und die Lohn- und Gehaltsarbeit darf in einer Art und Weise organisiert sein, die dieses Werk wieder einreißt und zerstört? Den Flüchtlingen wird ehrenamtlich geholfen, aus Steuermitteln finanzierte Fürsorge zuteil, unsere Herzensqualitäten der Einfühlung und Solidarität fließen von Natur aus. Auf der anderen Seite ziehen ganze Wirtschaftszweige privatisierten Vorteil aus dem Geschehen, Waffen und Kriegs-Knowhow werden meistbietend verhökert, aus Spenden finanzierte humanitäre und medizinische Hilfsgüter füttern die Lebensmittel- und Pharmakonzerne fett und letztlich profitieren auch die Agrar-Riesen von der Zerschlagung sozialer Strukturen und können ihre patentierten Sorten und die ganze damit verbundene Chemie an den gepeinigten Mann bringen. Ganz zu schweigen von der Militarisierung unserer Kinderzimmer mit diesen tollen bunten Plastik-Kalaschnikoffs und den virtuellen Kriegsspielen und den Gewinnen, die damit gemacht werden…
Ich fühle mehr denn je mit Hannah Ahrendt und ihrer Beobachtung, dass sich die Handelnden hinter Amtssprachen verstecken und die Verantwortlichkeit in ihren Strukturen zerbröseln. Aber ein jeder lebender Mensch handelt immer aus eigener Entscheidung, es geht gar nicht anders, und wenn er sich weigert sein Tun zu betrachten, dann ist auch das seine Entscheidung. Und wenn er sich weigert anzusehen, was sein Handeln für Folgen zeitigt, stellt er sich der Ignoranz und Arroganz anheim. Und wenn er sich weigert, auf seine eigenen Bedürfnisse zu achten und wahre, gute und schöne Stillungswege zu suchen, darf er sich dann als Krone der Schöpfung betrachten? Ich sehe da eher ein Zahnrad.
Es ist kindtypisches Verhalten, die Augen zuzuhalten und dann zu denken, wenn ich es nicht sehe, gibt es das nicht. Oder gar – dann bin auch ich nicht da. Nichts für etwas zu können, hat wenig mit Erwachsensein zu tun. Wir er-wachsen – im besten Falle – aus unserer Hilflosigkeit, wenn wir als Kinder immer mehr lernen, uns selbst mit dem Nötigen zu versorgen, selbst zu sitzen, laufen, die Stullen zu schmieren, zu lesen, schreiben, rechnen – denken und unsere Gefühle richtig zu deuten. Und irgendwann können wir alles selber, was uns die Eltern bis dahin liefern mussten, um unser Leben zu sichern, und wir können auch selber für Kinder sorgen.
Nun ist es an uns, sozial-emotional erwachsen zu werden und ENDLICH! aufrichtig zu unserem Friedenswillen zu stehen. Unsere Impulse zu regulieren und lebensförderliche Strategien zu finden, mit ihnen umzugehen. Die Konflikte – einander gegenseitig als Menschen anerkennend und wertschätzend – beizulegen und uns für ein aufgeschlossen-kennenlernendes Miteinander zu ENTSCHEIDEN.
In meiner Arbeit als Elternvertreterin geht es mir genau darum: mit allen Beteiligten gemeinsam auf die Schwierigkeiten zu schauen ohne den Umweg der Verstärkung der Konfrontation. Denn wenn wir nicht leben und lernen, um das Leben zu verbessern und einander dabei zu helfen, dann weiß ich auch nicht wozu. Und hier können dann wirklich alle Ersatzbefriedigungen identifiziert werden, alle Pseudo-Stillmittel und gleich auch die den Frieden untergrabenden und verhindernden Faktoren. Lebensentfremdende Kommunikation gehört gleich an erster Stelle dazu. Ich erarbeite mit einigen anderen Eltern gerade Angst- und Stressauslöser an unserer Schule, um sie sichtbar zu machen und auch die sich verbergen wollende Natur des Scheiterns. Deshalb ist es nicht offensichtlich, dass die Kinder sich bedroht fühlen. So etwas zu zeigen bedeutet, sich gleich einer weiteren Gefahr auszusetzen – dem Eingeständnis des Versagens und damit der Lächerlichkeit, Beschämung, Beschuldigung und gar Bestrafung. Was wunder, es stellt sich heraus, dass insbesondere die Bemerkungen von Mitschüler*innen und Pädagog*innen einen solchen Faktor darstellen, genau, wie es in der „Gewaltfreien Kommunikation“ beschrieben ist. Aber wenn ich diese Formen beiseite schiebe und auf die Rufe des dahinter verbarrikadierten und eingesperrten Herzens lausche, ihm Klopfzeichen meines Herzens zurücksendend, dann offenbart sich mir das Wunder der Abrüstung, der Nacktheit und Verletzlichkeit, die uns allen gemeinsam ist. Und der Wärme, wenn wir uns aneinanderschmiegen in der gemeinsamen Suche nach Lösungen und der Zusammenarbeit an den Baustellen des Lebens. Statt im kalten, Wärme ableitenden Metall unserer Schutzpanzerungen einzeln zu erfrieren.
Meinen Kindern schenke ich „geteilte“ Aufmerksamkeit: die kritische, auf das Nichtfunktionieren gerichtete, sortiere ich in bedingungslose Zuwendung und, wenn dieser Tank wieder aufgefüllt ist, beratende Begleitung, falls überhaupt nötig. Seit ich sie einfach in den Arm nehme, wenn sie nicht üben wollen oder Haushaltsaufgaben ablehnen oder anderweitig im „Willaber(nicht)“-Modus feststecken, und nicht wie bisher zähneknirschend an ihrer Stelle oder mit ihnen zusammen die ungeliebten Aufgaben erledige oder sie dahin schiebe, etwas von mir Gewünschtes zu tun, kommen viele Dinge wieder an ihren richtigen Platz. Wenn die Liebe wieder da ist, dann belebt sich auch die Lust zum Klarinettenspiel, zum Kochen, Aufräumen und Putzen oder zu einer Wanderung mit dem Hund an der frischen Luft.
Einfach nur mal Liebhaben ist das Rezept. Ohne Wenn und Aber.
Kommt alle in gutem Miteinander ins Wochenende und gebt Klopfzeichen von Herz zu Herz. Danke für Eure Anteilnahme und -gabe und schreibt weiter!!!

Woche XII | Montag, 16.11.2015

Der Tag ist nicht mehr ganz taufrisch jetzt um 16:47, aber immerhin halte ich heute meinen Rhythmus einigermaßen ein. Der Start in die neue Woche fand nach einem Wochenende statt, an dem die Mädels, einen Tag sich selbst überlassen, kaum etwas anderes taten als am Bildschirm zu hocken. Sie gucken ihre Serien. Tanken dort etwas, was sie im analogen Hier und Jetzt nicht finden können. Kkumhada hatte sich für den Nachmittag zu Hausaufgaben verabredet, das brachte ihr ein bisschen Fahrradfahren an der frischen Luft ein, Oishi-Kawaii aber hat nur die paar Minuten draußen verbracht, die ich sie vor die Tür „geschoben“ habe, bevor ich zu den Kindern einer Freundin fuhr, mit denen ich an die fünf Stunden lang in einen Flow kommen sollte, der uns alle in Staunen versetzte… (Naja, für mich nichts Neues, aber immer wieder ein wundervolles Erlebnis.)
McFlitz hat noch von sich aus den Weg ins Freie gefunden, nach einer Woche mit vielen Freunden um sich herum genießt er das ungestörte Allein-Spielen in vollen Zügen. Es zieht ihn nirgendwohin am Wochenende. Wenn sein Freund zu uns kommt, spielt er gern mit ihm, aber selbst auf Freundesuche zu gehen, fällt diesem meinem Kind nicht ein.
Meine Oishi-Kawaii macht mir Sorgen, sie kommt immernoch nicht in eigenmotivierte Bewegung. Na gut, unter der Woche hat sie mehrmals 20 Minuten Fußweg an verkehrsarmer Landluft, und das Klarinettenspiel bewirkt Erwärmung und Beatmung ihres Körpers und ihrer Zellen, besser als gar nichts. Aber in ihr wohnt eine große Traurigkeit, aus den Jahren, in denen sie keine Freundin in der Nähe hatte. Zumindest ist das mein Gefühl. Ich muss an Kummer aus dem Film „Alles steht Kopf“ denken, wie sie am Boden liegt und sich von Freude am Bein ziehen lässt und so etwas sagt wie: „Ach das ist eigentlich auch ganz angenehm.“
Ich bin heute morgen dem Frust in die Falle gegangen. Frust über alles Mögliche, was gerade nicht gut klappt. Sorgen. Um meinen Start ins Geldverdienen. Sobald ich daran denke, verliere ich die Verbindung zu meiner Arbeit, meinen Themen. Die Verbindung zu allem, was gut ist. (Und meinen Kunden zur Zufriedenheit verhilft.) Ich denke nur noch daran, was alles gegen meine Arbeit spricht und sie madig macht und damit Grund zur Reklamation gibt. Und dass sie entweder zu teuer ist oder ich nicht davon leben kann… Ein ganzer Film kommt da ins Laufen.
Und dann habe ich auf Frau Birkenbihl gehört und minutenlang meine Mundwinkel in eine grinsende Stellung gebracht und entschieden, mir diese Sorgen später zu machen, wenn ich gerade nichts Besseres zu tun habe… Wenn die Muskeln dabei tatsächlich auf den Knopf zur Glückshormonproduktion drücken, kann ja nichts mehr schiefgehen. Jedenfalls konnte ich nicht gleichzeitig trübe Gedanken schieben und mich voll auf die ordnungsgemäße Ausführung der Übung konzentrieren. Ja, genauso geht es mir auch, wenn ich ein Lied übe oder mir eine Bastelidee für Kinder ausdenke – da habe ich keine Zeit für Trübsal. Jedenfalls bastele ich im Kopf an einem Vortragsprogramm, eine Mischung aus eigenen Texten und Liedern, die ich nun dochmal aus der Schublade freilassen könnte. Ich habe eine Freundin, deren Bilder ich dazu ausstellen möchte. Es kann ein anregend-berührendes Programm daraus werden. Und ich habe wirklich große Lust, mit Menschen ins Gespräch zu kommen über meine Themen, übers Schreiben und und und.
Ich weiß nur nicht, wie ich es angemessen und einladend in die Welt bringen kann, meistens sehe ich das als ein neues Erkundungsfeld an, nur heute Morgen, da kam es mir wie ein heilloses, undruchdringliches Dickicht vor, für mich kleines, nacktes, schwaches Wesen.

Woche XI | Freitag, 13.11.2015

Schon wieder Freitag. Vor einer Woche habe ich mit einer Freundin 5 Stunden lang an der Erarbeitung eines Bewertungsbogens gesessen, der weniger bewertet, eher sichtbar macht, was genau der Stand der Dinge bei einem Kind in Sachen Englisch ist. Also kein scheuklappenartiger Vergleich des vordergründigen Projektergebnisses (Plakat, Präsentation und Ordner), der anhand von Umfang und Ausdifferenzierung beurteilt wird, beeinflusst vom Klassenniveau oder -ziel. Wir haben uns bemüht, die individuellen Errungenschaften in den Vordergrund zu rücken, so dass jedes Kind in der Lerngruppe seinen persönlichen Erfolg gespiegelt bekommt. Und sei es, dass es die Arbeit der anderen Kinder nicht gestört hat.
Nun hat sich inzwischen herausgestellt, dass mein Platz nicht an jener Schule sein wird. Ich bin mit gemischten Gefühlen dabei, einerseits traurig, denn auf die Begleitung der Kinder habe ich mich sehr gefreut. Die Erwachsenen jedoch geben einer Struktur den Vorzug, in der für mich als Lehrerin kein Platz ist. Ich bin aber auch erleichtert: dass ich mich nicht habe erpressen lassen, nicht von meiner finanziellen Situation, nicht von der Enttäuschung mir nahe stehender Menschen, nicht von ihren Sorgen oder Vorstellungen. Ich habe mich nicht unterworfen. Der scheinbaren Sicherheit eines regelmäßigen Gehalts.
Ich weiß, dass ich mich ziemlich abgestrampelt hätte und über kurz oder lang wieder erschöpft herausgepurzelt wäre – das ist unvermeidbar, wenn man sich einer Struktur überantwortet, die undynamisch eingerichtet ist, ignorant gegen die Befindlichkeiten der Menschen in ihr und arrogant gar nicht erst danach fragt. Das könnten sich die Zellen in meinem Organismus gar nicht leisten. Und wenn ich nicht auf sie höre und achte, dann werden sie mir ihren Dienst versagen, krank werden, einfach sterben oder sich zu Krebsgeschwüren auswachsen.
Ich danke nun allen Menschen in Einrichtungen, die mich für mein Kreativ-Angebot buchen und mir damit auf den Weg in die Alternative helfen, meinen freiheitlichen Ansatz unterstützen und letztlich den Aufbau lebensförderlicher Strukturen im Miteinander. Selbstregulierend. Komplex auf die Grundbedürfnisse aller Beteiligter achtend, wissend, dass die Verletzung des Anderen auch die Verletzung des Selbst bedeutet. Es reicht, seinen eigenen Bedürfnissen so achtsam zu begegnen, denn was man sich selbst einräumt, erlaubt man auch seinen Mitmenschen.
Meine drei Kinderchen sind in ihren Schulen, seit ich die Richtigkeit meiner Schritte empfinde, kann ich sie mit einem Sicherheitsgefühl begleiten, das mir sehr neu ist. Ich bin viel gelassener und entspannter, lache viel öfter mit den Kindern und kann auch ihnen die Richtigkeit ihrer Schritte lassen. Wie auch den Lehrer*innen in ihren Schulen und meinen Nachbarn und Freund*innen. Ich finde großen Genuss an der Vielfalt und erkenne die Potenziale in jeder einzelnen Situation und Vorgehensweise. Ich sehe auch die Gefahren, aber sie sind für jeden andere. Nicht dass es mir neu wäre, dass die „Schönheit im Auge des Betrachters“ liegt, diese Erkenntnis macht sich nun wieder in neuen Dimensionen spürbar, ich erlebe sie in wieder neuen Zusammenhängen!
Mit McFlitz habe ich gestern herzlich über „Ich einfach unverbesserlich“ gelacht, für Oishi-Kawaii habe ich vorgestern geweint, weil meine Bereitwilligkeit so blockiert ist – Tränen als ins Fließen kommende Liebe? Kkumhada darf mein Ringen um die Gewährung freier, eigener Entscheidung miterleben und hoffentlich auch den siegreichen Ausgang für die Freiheit… Denn auch sie soll selbst wählen, ob sie meinen Vorschlägen folgen möchte, soll ihre Schritte nach eigenem Ermessen tun, ihre Erfahrungen in Rechnung stellen dürfen. (Macht sie ja ohnehin, eigentlich geht es mir um unsere gute Verbindung bei aller Verschiedenheit.) Ich habe so lange Rat von Menschen bekommen – und versucht anzunehmen, die mich gar nicht verstanden, und außerdem vielleicht sogar ungehalten reagierten, wenn ich mich (und sie) durch Nichtbefolgen in unbequeme Situationen brachte. Nun sortiere ich das alles auseinander. Meins und Ihrs. Und höre auf mein Bauchgefühl. Und lausche neugierig den Schilderungen anderer Menschen, sie öffnen einen neuen Blickwinkel, ergänzen meinen Horizont. Aber ich kann nicht ihre Schritte gehen, nur meine. Hier, von meinem Startpunkt aus. Ich mit meinen kürzeren Beinen und langsameren Bewegungen. Oder so.
Nun geht es ins Wochenende; es ist immer noch das große Aufatmen, also wohl eher ein Anfang…

Woche XI | Montag, 09.11.2015

Wieder ein Beitrag in rückblickender Perspektive, gestern war oben genannter Montag, ich war am Vorabend sehr zeitig im Bett und konnte also nicht vorschreiben, habe den Montag vom Morgen an in ständiger Aktivität verbracht mit einer Stunde Verschnaufen zwischen 16 und 15 Uhr, in der ich sofort einschlief, und Nachtruhe, die ich ab 19:30 suchte. Alle meine Kinder waren nach mir im Bett, dank Papa’s Einsatz wohl auch nicht allzu spät.
McFlitz hatte am Sonntag Fieber, so gab ich ihm den Montag zum Kräftesammeln. Er nutzte ihn ausgiebig zum Lego-Bauen, soviel ich weiß, vielleicht hat er auch am Tablet „Blocky Cars online“ gespielt oder Minecraft-Filmchen geguckt. Ich war unterwegs zu einer weiteren Heilungssitzung, in der ich unverdaute alte Geschichten herauskrame und ihrer Lösung zuführe. Ich würde sagen, ich stecke Schaltkreise neu, bzw. entferne „Parallelschaltungen“, die seinerzeit meiner Rettung gedient haben mögen, mir jetzt aber das Leben schwer machen. Vielleicht ist es auch treffender zu sagen, dass ich aus ungünstigen Reihenschaltungen Parallelschaltungen mache, bei denen ich einen Schalter einbaue bei derjenigen Strecke, die über das „rote Tuch“ führt, so dass ich sie zu Anschauungszwecken wie im Museum zur Verfügung behalte, in Erinnerung. Ich kann solche Kreise bei anderen dann gut verstehen und mit diesem Verständnis andere Entscheidungen für meinen Umgang damit treffen.
Kkumhada und Oishi-Kawaii hatten wieder Tests, bzw. Klausuren vor sich, denen sie sich unterziehen mussten, nach wie vor empfinde ich das als ignorant gegenüber einem Menschen, wenn solche Termine über ihn verhängt werden. Auch wenn sie vorher rechtzeitig angekündigt werden, haben die Kinder doch keine Entscheidung zu treffen außer dafür zu lernen oder nicht. Und ich finde auch, dass es ein Unterschied ist, ob Menschen diese „höhere Gewalt“ ausüben oder „die Natur“ uns vor ihre „Termine“ stellt. Menschen, die sich gegen Einfühlung und Verständnis stellen, rufen in mir ein Gefühl der Ohnmacht wach, Verzweiflung macht sich breit, bis ich schließlich resigniere. Alles Bitten oder Aufbegehren hat bei ihnen nichts gefruchtet, sie wollen ihren Plan durchziehen, der nicht beinhaltet, dass ich mit meinem Stand der Dinge berücksichtigt werde oder einen wirklich guten Stand erreichen können soll.
Also wieder einmal kann ich nicht vorbehaltlos sagen, nimm es hin, es ist in Ordnung. Ich erlaube den Unmut und mache es so auch den Kindern schwer, einfach so in die Schule zu gehen und dort mit ihrem kindlich-offenen Wesen vertrauensvoll alles anzunehmen. Vielmehr überlasse ich sie damit einer schwer greifbaren Verletzungsgefahr. Habe es seit 10 Jahren. Unter dem Deckmantel ihrer Vorbereitung aufs Leben, was ich unreflektiert auslege als „zum Besten der Kinder“, werden sie einer Prozedur unterzogen, die unter Ausschluss der elterlichen Öffentlichkeit und im Alleingang der Pädagoginnen vonstatten geht. Diese Erwachsenen, Einzelkämpfer*innen in einer Horde Minderjähriger, haben niemanden auf Augenhöhe, der ihnen den Spiegel für ihre Handlungen vorhält oder einen zweiten Blickwinkel auf die durch sie beeinflussten Gruppensituation oder einzelne Kinder eröffnet, der Anhaltspunkte liefern könnte über Verstehen und Missverstehen, Zusammenhänge und Hintergründe. Natürlich kann auch ein einzelner Erwachsener für eine gesunde Lernatmosphäre sorgen und seine Antennen auf die Rückmeldungen der ihm anvertrauten Kinder richten. Er kann sie auch ermutigen, mit ihren Sorgen zu kommen, und ein Klima des achtsamen Miteinanders fördern.
Nun gebe ich der Schule die Schuld für das Schlechtergehen meiner Kinder, oder wenigstens sehe ich sie als Auslöserin. Natürlich müssen aus dem Elternhaus Strategien zur Bewältigung „geliefert“ werden, ich habe bisher meine Ratlosigkeit diesbezüglich geliefert. Denn wir leben zu Hause freiheitliche Werte und bringen einander Rücksicht und Achtung entgegen, respektieren die Freiheit des Andersdenkenden und seine freie Wahl. Aber ein „Immunsystem“ gegen diktatorische Übergriffe zu entwickeln, bleibt noch die Aufgabe. Wenn es freiheitlichen Werten entsprechen soll, muss Verständnis an die Stelle des Befehls treten, da bleibt uns wohl nur, die Verletzungen offenzulegen, die wir erleiden an den ignoranten Methoden. Sie müssen den Aktiven in der Schule gezeigt werden, nicht nur den Ärzten und Psychologen.
Aber nicht jeder erleidet Verletzungen; obwohl ohne Panzerung oder dickes Fell mitten im Getümmel, kommen manche heil wieder heraus. So möchte ich auch „tanzen“ können! Das möchte ich meinen Kindern ermöglichen! Mal schauen, was es dazu braucht… Ich zeige zwar auch meine Wunden. Aber, bevor ich tatenlos darauf warte, dass „die Anderen“ aufhören, ignorant und arrogant über sich und ihre Mitmenschen hinwegzugehen, möchte ich lieber auch tanzen lernen.

Woche X | Freitag, 06.11.2015

Heute nur ganz kurz, der Tag hat’s wieder in sich. Zwei, die beiden Mädchen, haben Schnupfen, latent, immer irgendwie am Niesen. Der Bube ist ohne Symptome.
Alle sind heute arbeitsfähig. Ich habe ein etwas leeres Gefühl, hinter mir eine Woche voller Termine, und jetzt gerade die Frage, wofür. „Der Laden läuft“, irgendwie was Gutes, aber nun, da er läuft, eben diese Leere.
Oishi-Kawaii legt mir Zettel vor, die sie schon seit einer Woche herumträgt, ich bin ungehalten, morgens will ich sowas gar nicht bearbeiten. Aber, vielleicht doch die beste Zeit, die Nachmittage sind dem Bedürfnis nach selbst bestimmten Aktivitäten oder der Muße vorbehalten, einiges davon auch regelmäßige Termine. Am Abend ist noch weniger Lust auf die Drangsalierungen der Schule da.
Nun nimmt also der letzte Schultag dieser Woche seinen Anfang, ich habe ein Arbeitstreffen zu Englischunterricht und Zeugnis in Freiheit, bin ganz gespannt. Ich wünschte meinen Kindern solche selbstbestimmte Themenwahl! Naja, ich meine, genauer gesagt, dass sie ihnen nicht ständig verhindert wird, denn sie wählen ihre Themen. Sie haben immer ein bisschen Raum dafür bekommen, jedenfalls in der Familie. Zulasten gemeinsamer Arbeiten, denn ich habe gemerkt, dass sie sich erstmal von der ganzen Fremdbestimmung erholen mussten, wenn sie aus der Schule kamen, um ihre Bereitwilligkeit für weitere wenig individuelle Aktivitäten wieder herzustellen. Es macht mich munter, an mein Vorhaben zu denken, und plötzlich weiß ich wieder, wofür…
Was uns auch gerade mächtig drückt, ist der finanzielle Schuh. Mein beruflicher Ausfall konnte bis jetzt von unserem Baugeld aufgefangen werden, nun sind die Ersparnisse futsch, aufgefuttert, wir werden die Musikschulen abmelden und McFlitz in die örtlich zuständige Schule umtopfen müssen, wenn ich nicht bald etwas zum Einkommen beitrage. Ich würde gern, wer nicht, aber was hilft’s etwas anzufangen, was mich nach absehbarer Zeit wieder in die Verzweiflung treiben könnte? Also räume ich weiter Bedenken aus und hoffe auf ein wohlwollendes Entgegenkommen. Am Montag besuche ich nochmal meinen Coach.
Dann also – auf in den Endspurt der Woche.

Kurzmitteilung

ZR X-1: Elternvertretung eine Bildungsfrage???

Können nur gebildete Eltern wirklich in einer Elternvertretung mitwirken? Es hat für mich den Anschein. Den Dschungel aus Schriften und Satzungen und Gesetzen und Verordnungen mit Formulierungen, die einen Übersetzer in die Sprache der Menschen brauchen – da kann ich mir bei vielen Müttern und Vätern vorstellen, dass sie mit ihrer Freizeit Besseres anzufangen wissen. Oder dass sie zu schwach oder krank sind, um es zu tun. Oder einfach nicht verstehen, wie es funktioniert.
Ich selbst tue mich schwer, mich mit den Bergen von Papier anzufreunden. Ich hätte für vieles davon die geistigen Kapazitäten. Ich sehe nur den Sinn nicht. Und: meine Anliegen als Mutter in Bezug auf die Schule und das Lernen meiner Kinder kann ich kaum vertreten, weil ich mich nicht traue. Weil ich nicht alles verstehe, befürchte ich Blamage. Weil ich Unterwerfung gelernt habe, kann ich mir aufrechten Gang kaum vorstellen. Weil ich selbst es nie in aller Konsequenz wert war, angehört und verstanden zu werden, bin ich eine Versagerin.
Als ich vor zwei Jahren die Bereitschaft hatte, im Schulelternrat eine Aufgabe zu übernehmen, steckte ich tief im Burnout, mit Depression. So heißt es heute. Niemand hat sich auch nur gefragt, wer diese fremde Person überhaupt ist, von der sie sich vertreten lassen wollen. Nun ja, darum ging es ja auch nicht. Vielmehr brauchte man dann selber nicht die ungeliebte Rolle anzunehmen und musste dementsprechend auch nicht in ihr versagen. Oder Farbe bekennen und zu seiner Nicht-Bereitschaft oder Ratlosigkeit zur aktiven Mitwirkung stehen.
Gewählt werden vielfach auch die Eltern erfolgreicher Kinder. Wie sollen sie aber diejenigen vertreten, die kein Land sehen? Die sich auch in diesem Falle erstmal outen müssten. Als Versager. Schließlich haben sie ihre Kinder nicht gut vorbereitet. Wenn diese dann ihre Interessen auf anderen Wegen, durchaus auch solchen, die wir als kriminell einstufen, vertreten, kriegen sie eine Art von Aufmerksamkeit, die weit weg von Verständnis und Verstehenwollen liegt. Sollten sie nicht von den Gebildeten und Freiheitsliebenden und Demokratielebenden unterstützt werden in der Findung besserer Ausdrucksweisen? In der Findung gesünderer Wege?
Ich als gebildete Ausgebrannte mit für den Zwang in der Schule schlecht vorbereiteten Kindern finde mich wieder als Ermutigerin. Heute, soeben, sogar als Ermu-TIGERIN, ich habe sogar Feuer gespuckt wie ein Vulkan. Eine meiner Lieblingselternvertreterinnen in dieser neuen Wahlperiode droht daran zu verzweifeln, dass sie das Mitwirkungssystem nicht bedienen kann. Sie möchte, aber sie kann nicht. Sie sieht ihr Scheitern deutlich vor Augen, der ganze Ablauf, die Funktionsweise z.B. einer Schulkonferenz sind für sie verworren und weit weg von ihrer Lebensrealität, von der sie als einfühlsame und kluge Mutter von sieben Kindern reichlich zur Verfügung hat. In ihrer großen Familie kommen andauernd Leute mit unterschiedlichen Bedürfnissen zusammen, für die die jeweils notwendige und am besten passende Lösung gefunden wird. Ich bewundere sie! (Sie sollte gefragt werden, wie Inklusion funktionieren kann!) Diese beherzte Frau, die dafür sorgt, dass Nazi-Schmierereien in der und um die Schule herum beachtet und beseitigt werden, sieht sich in die Knie gezwungen in ihrer ehrenamtlichen Mitwirkungsbereitschaft, weil sie auch ein System von Spielregeln zu berücksichtigen bereit ist, das sie aber gar nicht durchschaut. Weil sie befürchten muss, dass sie keine Unterstützung von den anderen Beteiligten erfährt. Weil sie sich ausgeliefert fühlt, in eine Rolle gedrängt.
Vielleicht lege ich es falsch aus, vielleicht ist das alles nur meine persönliche Lesart. Aber auch dann wirft es die Frage auf: Kann ich überhaupt Elternvertreterin sein???

Woche X | Montag, 02.11.2015

So, nun ist es wieder losgegangen. Die Kinder sind mit gemischten Gefühlen gestartet: McFlitz ganz fröhlich, Oishi-Kawaii mit Befürchtungen, Kkumhada eher ruhig. Jedenfalls nach außen hin. Zumindest haben sie keine der Gefahren für ihr Leben zu meistern, die den Kindern auf den „Gefährlichsten Schulwegen der Welt“ (arte) begegnen, zu denen sich unsere Schulsorgen wie virtuelle Spiel-Herausforderungen ausnehmen. Was sie in meinen Augen aber nicht bagatellisiert, sondern die tückische Gefahr fürs Leben illustriert: Der Mangel an Schwerkraft im Leben unserer Kinder macht sie krank, die kläglichen Versuche, Wichtigkeit zu demonstrieren durch Strafen, Drohungen u.ä., tun ein Übriges. Das Fehlen des Sinnes, des Zusammenhanges, der Bedeutung von (Schul)Bildung für das eigene Leben, wurzelt in unserer Gesellschaft, unseren Beziehungen und Werten, und wird für Kinder zunächst in der Familie offenbar. Obwohl sie zu Schule gehen und sich anstrengen, kommen einige dieser Kinder einfach nicht auf einen grünen Zweig. Der wird ihnen von Menschen verwehrt, die dem Durchschnitt huldigen. Für sie wird die Schule nicht das Tor zu einem besseren Leben.
Bei uns in der Familie ist es nicht die Frage, ob Bildung wichtig ist – ja, klar! Bei uns ist die Frage, wie wir die künstlichen Zwangsmaßnahmen gut verdauen können, die die natürliche Lernfreude meiner beiden großen Kinder ver- und zerstört hat. Dieselben Maßnahmen, die dazu ersonnen wurden, den bereits Unmotivierten Feuer unter den Hintern zu machen, löschen in meinen die Freude und Bereitwilligkeit zum Lernen in der Schule.
Ich finde ja nun aus meiner Betroffenheit heraus, beginne wieder, meine Glieder aus der Schreckstarre zu erlösen. Das macht sich auch für die Kinder bemerkbar. Ich sortiere wie Aschenbrödel, welche der in der Schule für die Kinder anzutreffenden Haltungen hinnehmbar sind, und wo unser „Immunsystem“ dran ist. Allemal also was zu lernen, fürs Leben. In einem Setting, in dem es angeblich nur um bestimmte Lerninhalte aus unserer Kulturschatzkiste geht, eröffnet sich eine heimliche zweite Dimension, von kaum jemandem im Schulwesen offiziell reflektiert in ihrer Qualität als Lernaufgabe.
In unserer freiheitlichen Demokratie haben wir die Schwerkraft noch nicht erkannt und behelfen uns mit Krücken von künstlichen Obenunduntens. Oder wir haben uns aus dem Kraftfeld der Erde entfernt und müssen uns behelfen. Kreislauf- und Stoffwechselprobleme lösen, die Rolle der Schwerkraft hierfür erkennen und uns vorbereiten auf die Rückkehr.
Wenn es beim Lernen nicht um Gesundheit und Verbesserung der Lebensumstände geht, worum sonst? Und: das betrifft in erster Linie die Qualität unserer Verbindungen zueinander, miteinander. Sie entstehen nur, wenn wir einander wichtig sind. Soweit mein Stand der Erkenntnis.

Woche IX | Freitag, 30.10.2015

Auch dieses Mal schreibe ich nicht direkt am Freitag. Der war gestern und voller Erledigungen. Die Ferienwoche mit den Kindern war geprägt von einem täglichen Fahrschultermin, zu dem ich Kkumhada bringen musste. Aber mit den beiden „Kleinen“ begab ich mich am Dienstag auf eine Wanderung zum Arbeitsort des Papas, etwa 15 Kilometer hatten wir uns vorgenommen, um ihn „abzuholen“. Wir waren 4 Stunden auf den Beinen, zum Schluss in einem ziemlich straffen Tempo, weil wir noch rechtzeitig zur Suppenküche kommen wollten und uns auf eine warme Stärkung freuten. Wir ließen diesen Plan dann jedoch fallen zugunsten einer schnellen Heimfahrt…
Auf dieser Wanderung schaffte ich den Sprung aus dem Alltag, ich fand darin die Tür zum „Ferienmodus“. Die eigentlich artgerechte Art zu leben und zu denken und Entscheidungen aus der Situation heraus zu treffen anstatt einem vorgegebenen Plan zu dienen. Was nicht heißt, dass ich keine Pläne mache, sie haben aber eher Potenzialcharakter, sind eine Sammlung von Möglichkeiten, aus der ich schöpfen kann, die aber offen ist und jederzeit weitere zulässt.
Die Kinder waren nicht ganz so unansprechbar wie ich sie in Erinnerung habe aus vergangenen Ferien, aber Oishi-Kawaii überließ mir schon die unliebsame Rolle der Antreiberin. Sie gibt die Verantwortung einfach ab, macht nichts, was familien-gemeinnützig oder unmittelbar nötig ist, und übt auch nicht auf der Klarinette für das Konzert, an dem sie teilnehmen darf. Absprachen sind praktisch nicht mehr als heiße Luft. Sie holt sich meine Zuwendung und Aufmerksamkeit durch Verweigerung. Ich lasse mich natürlich zunächst verführen, ungeduldig oder sogar ärgerlich zu reagieren, aber dann besinne ich mich und nehme sie in den Arm, sage ihr, dass ich sie lieb habe, und versuche es mit meinem Herzen zu fühlen. Wenn ich das schaffe, geschieht ein Wunder: Plötzlich geht alles von allein, die Lebenslust erwacht.
Der Freitag barg für mich noch eine Begegnung der eher niederschmetternden Art. Eigentlich. Eine spontan veränderte Verabredung und das Nichtvorhandensein meines Handys führten für mich in eine mehr als einstündige Warteschleife, in der ich wie gewohnt zunächst meine eigene Dummheit beklagte und die kalten Füße ganz mir selbst zuschrieb. Dann jedoch wurde ich mutig genug, einen Teil der Verantwortung einfach beim Anderen zu lassen – er hätte genausogut seine Antennen ausfahren können und mir entgegenkommen. Oder sich einfach an seine eigene Aussage halten und, nachdem er sein länger-als-gedachtes ZuTun abgeschlossen hatte, nach der Lage ausschauen und zu mir kommen können. Anstatt zu (er)warten, dass ich mich melde.
Naja, ein bisschen verworren vielleicht, schwer zu erklären, wenn ich jetzt nicht genauer schildern möchte werwaswannwiewo. Wichtig war für mich, dass ich ein automatisches Muster nicht mehr einfach so abgespult habe, sondern, noch während ich mitten drin steckte, erkennen und beenden konnte. Ich sah plötzlich das traurige, verlassene kleine Mädchen, dass sich selbst die Schuld gab, und hörte ihm zu, tröstete es und ließ es wissen, dass es jedes Recht der Welt besäße, Zuwendung und Aufmerksamkeit anderer Menschen zu bekommen, deren Entgegenkommen und Sympathie. Dass das so wesentlich ist wie das tägliche Brot. Und ich weinte all meine Trauer heraus, im Stillen und Versteckten zwar, aber doch wissend, das zu dürfen.
Nun sehne ich mich nach dem Aufgehobensein. Wenn ich in Gesellschaft meiner Familie weine, stehen Mann und größere Kinder tatenlos daneben, nur die kleineren kamen immer aus einem lebendigen Tröste-Impuls zu mir gelaufen und fragten mich, was mit mir wäre. Das tut nun nur noch McFlitz. Die anderen sagen, sie wären selbst lieber alleine mit ihrem Kummer oder Schmerz, deshalb ließen sie auch mich ohne Nachfrage und Interesse. Mein Mann wartet einfach ab, bis sich die Wogen von allein glätten, und macht danach mit mir weiter, als ob nichts geschehen wäre. Auf eine Art ja toll, dass nichts kaputtgegangen ist. Aber doch auch so unendlich einsam, mit niemandem sprechen zu können. Kein Echo zu hören. Zwar so sein zu dürfen, wie ich bin, jedoch ohne Resonanz. Ohne den Blick in einen Spiegel. Ohne zu erfahren, wie ich denn bin.
Am Ende unserer Wanderung, mit dem Termindruck der Schließzeiten der Läden im Nacken, wurde die heilsame Feriendenkart wieder ausgehölt, ich konnte dabei zusehen, wie ich mürbe und zerknirscht wurde. Mich erschöpfte. Halt. Stopp. So nicht. Nicht einfach funktionieren. Ich bin doch nicht als Zahnrad auf die Welt gekommen! Ich hoffe, ich kann das in die kommenden Schulwochen retten und im Alltag weiterhin dem Ferienmodus treu bleiben und die Verbindung zu meinem Empfinden halten. Von Augenblick zu Augenblick entscheiden. Ich schaffe dann so viel, ohne mich dabei zu schaffen…
Gelesen habe ich und möchte weiter empfehlen: Joachim Bauer „Das Gedächtnis des Körpers“ und Ava Dellaira „Love Letters To The Dead“. Gesehen: „Alles steht Kopf“ und „Die gefährlichsten Schulwege der Welt“. Hat mich alles sehr beeindruckt und bewegt mich nachhaltig.