Woche XXXXV | Freitag, 08.07.2016

Notenschluss.
Ab jetzt können Schülerinnen und Schüler freier atmen, ihr Handeln steht jetzt nicht mehr unter dem Aspekt, welche Note sie wohl dafür bekommen. Jetzt geht es nur noch um das Zwischenmenschliche. Das Eigentliche, wenn man mich fragt.
Jetzt geht es nur noch darum, ob man mit dem, was man sagt oder tut, den anderen zu berühren in der Lage ist. Und welcher Art diese Berührung ist: schmerzhaft oder angenehm, sanft oder kernig… ermöglicht sie Freundschaft oder macht sie Angst? Weckt sie Wut oder erregt sie Verachtung? Ruft sie Trauer hervor oder Ekel? Ist sie einfach nur überraschend?
„Nur“.
Jetzt, da Beurteilung und Bewertung für die letzten zwei Schulwochen entfallen, atmen wohl auch die Erwachsenen auf, ich insbesondere, weil meine Kinder viel entspannter sind, weil sie ansprechbarer sind und viel lebensfroher. Nun gut, der Jüngste ist ohnehin entspannter unterwegs, weil ihm nie solche Bewertungen drohen. Ja, vielleicht wirkt diese Erleichterung auch bemerkenswert heftig – die Intensität des Freudenschreies mag wohl Zeugnis dafür ablegen, wie sehr bis eben noch die Zwangsjacke gedrückt hat.
Wenn ich jemals wieder als Lehrerin in einer Schule arbeiten sollte, dann sowieso ohne diese Querschnittsstudien, die als Bewertungsinstrumente missbraucht werden, anstatt nur Auskunft über die Gesamtlage zu einem bestimmten Zeitpunkt zu geben, die bestenfalls die Basis für die weitere Arbeit darstellen sollte, aber keine Endabrechnung für die einzelnen Getesteten. Ich würde viel lieber erfassen, was alles gut klappt, aber das sagte ich ja schon an anderer Stelle.
Die Lehrenden in der Schule sind sicherlich auch erleichtert, können den Heranwachsenden menschlicher begegnen, stehen selbst nicht mehr unter dem opferlammzahm akzeptierten Zwang, durch die Bewertungsbrille auf ihre Schützlinge zu schauen, und alle Bemühungen immer nur auf das Erreichen des Jahrgangszieles zu lenken. Vielleicht können sie die Scheuklappen der Zielorientierung ablegen und die Kinder umfassender wahrnehmen, falls sie nicht schon im Automatikmodus festklemmen. Dann müssen sie wohl das Hervorbrechen der lebendigen Impulse der jungen Leute besonders kritisch beäugen und sich in ihren negativen Gefühlen bestätigt finden – „naja, ist doch klar, dass das bei denen in Mathe nicht klappen kann, so verpeilt wie die hier jetzt herumspinnen.“ (Ich schaue wohl etwas pessimistisch auf Lehrer*innen, vermutlich.)
Schließlich ist es nicht nur der berufliche Blick der Pädagog*innen, es ist das Merkmal unserer ganzen Alltagskultur: wir urteilen, werten und packen die Leute in Schubladen. Und viele landen eben unter der Aufschrift „Böse“ oder „Faul“ oder „Schlecht“. Da richten sie sich nach einigen scheiternden Versuchen der Richtigstellung ein, ganz nach dem Motto „Einmal dumm gestellt reicht fürs ganze Leben“, schützen sich so vor weiteren Verletzungen durch weitere Etikettiererei. So wie der Fuchs, der angesichts dieser für ihn viel zu hoch hängenden Trauben irgendwann postuliert, die seien eh zu sauer.
Es ist auch irgendwie bequem in so einer Schublade, man weiß, woran man ist, auch wenns nicht die erste Sahne zu schlecken gibt. „Ich kann das sowieso nicht“ bewahrt einen auch irgendwie davor, zu irgendwelcher Rechenschaft gezogen zu werden. Und davor, vielleicht von sich aus den Sprung aus dem Kasten zu wagen. Dazu muss er schon mächtig eng werden.
Wenn es soweit ist, dann kann man nur hoffen, dass die sich selbst Befreienden noch über einen Funken kindlichen Vertrauens verfügen, über eine spürbare Erinnerung daran, wie es ist, angenommen zu sein in seinem Wesen, und dass sie in der Sehnsucht danach, das wieder zu erleben, zu konstruktiven Mitteln greifen, um das herzustellen, was so schmerzlich fehlt.
Dass ihnen mehr einfällt als den Angsthasen der Nation, die entweder keine schlafenden Hunde wecken wollen und daher die heiklen Themen wie Menschenwürde nicht erörtern oder alles, wovon sie sich bedroht fühlen, aus dem Land verjagen wollen.
Ich hoffe, sie treffen dann auf Menschen, die mit Empathie und Verständnis gutes Geleit geben, die in ihnen das lebende irrende Wesen sehen können, das, wie auch sie selbst, auf die gegenseitige Unterstützung in einer Gemeinschaft angewiesen sind. Auch wir Erwachsenen brauchen das legendäre Dorf, um die Kinder groß zu kriegen. Um die Verirrten heimzuführen.
Ich jedenfalls.

Advertisements

10 Gedanken zu “Woche XXXXV | Freitag, 08.07.2016

  1. Die Soziologie nennt uns Deutsch immer noch eine „konformistische Zwangsgesellschaft“. In französischen Schulen solls noch schlimmer zugehen. In Dänemark dagegen sah ich bei einem zehntägigen Kurz-Austausch mal eine sehr angenehme Lernathmosphäre.

    Gefällt 1 Person

  2. Lernzielfeststellung ja, Noten sind völliger Quatsch und meist – wenn icht sogar immer – gefälscht. Da werden in der 4. Klasse durchgewunken die sonst sitzen bleiben würden, weil man sie los werden will. Firmen gehen über keinen Wert mehr auf Zeugnisse zu legen, weil die potenziellen Azubis nicht annähernd das können was ihre Noten versprechen sollen.
    Nach meiner Erfahrung sind es viel zu sehr die Eltern die großen Wert auf die Noten legen. Viel zu wenig kommt die Ermutigung und das Lob für den Aufwand und den Einsatz welchen das Kind erbracht hat. Auch dies ist schwer genug, wenn überhaupt keine Bereitschaft zur Erledigung des Geforderten vorhanden ist. Kein Wunder, wenn noch viel zu häufig mit den falschen langweiligen Methoden ein Stoff an unsere nächsten Generationen vermittelt wird. So glaubt man immer noch an Mind-Maps, anstatt die KaWa’s von Frau Birkenbihl einzusetzen – um nur ein von 1000 Beispielen zu bringen.
    Zwischen wirklichem Lernen und Merken ist eben ein großer Unterschied.
    Vielmehr „lernen“ Kinder in der Schule, wie man mit den Androhungen der LehrerInnen und der Langweile während des Unterrichts umgeht.
    Ich beoachte zu Hauf mangelnde soziale Kompetenz auf allen Ebenen. Einzig das Vorleben was man erzählt und will, bringt manchen Schüler dazu etwas nachzumachen.
    Die LehrerInnen die ich im letzten Schuljahr erfahren durfte mag ich sehr und sie tun mir auch leid. Kaum eine die sich traut auszubrechen, oder mutig etwas zu ändern und gleichzeitig müssen sie einen Haufen völlig unstrukturierter, empathieloser, frecher, total lauter und respektloser Grundschüler unterrichten. Nicht jede – auch erfahrene – LehrerInnen schaffen es eine Klasse ruhig zu bekommen. Gleichzeitig liegt es natürlich auch an der Wechselwirkung zwischen dem Servieren der Inhalte und dem Interesse, Freude und Neugierde der Schüler…
    Mir scheint die Priorität des Mankos an eben diesem Servieren von Inhalten zu liegen. Hier würde ich ansetzen.
    Wie wäre es, wenn du eine eigene (private) Schule eröffnen würdest?
    „Besserwisser“ müssen es vormachen, oder?

    Gefällt 1 Person

    1. Es sind vielleicht auch die Methoden, aber vor allem ist es die Haltung der Erwachsenen dem Kind gegenüber: soll es gehorsam sein und für später irgendwas lernen oder darf es für sich selbst etwas Relevantes lernen – für seine Gegenwart. Wir appellieren an Vernunft, die sich erst mit der Pubertät herausbilden kann, also bleibt uns dann nur der Misserfolg und die Unterstellung von Dummheit, Faulheit und anderen Tugenden beim Kind, das ansonsten gar nicht beachtet wird.
      Und die Erwachsenen, die sich beugen und ducken, kann ein Kind nicht wirklich als zuverlässigen Halt für sich erkennen, diese Ambivalenz macht den Irrsinn in den Klassen möglich. Integre Lehrer*innen mit Rückgrat habens da leichter mit den Kindern, auch wenn ihnen auf Erwachsenenebene nichts geschenkt wird…
      Und das Einzige, was Kinder wirklich für voll nehmen, ist Authentizität, Echtheit. Wer sie beeindrucken will oder besser: wer sie wieder Kinder sein lassen möchte, muss selbst endlich erwachsen werden und all die Krücken wegschmeißen, sich aufrichten und seiner selbst sicher ins Leben gehen.
      Schwierig, wenn du mich fragst, vor allem, wenn von allen Seiten gepiesackt wird und keiner sonst auch den A… in der Hose hat.

      Gefällt mir

      1. Für mich heißt „erwachsen“ sein, zu wissen, dass ich immer Kind bleibe – frage mal meine Mutter… 😉
        Was ich auch damit meine ist, dass ich die Bedürfnisse der Kinder einigermaßen lesen möchte. Zu unterscheiden, wo müssen sie ihre Konflikte selbst bewältigen und wo interveniere ich. Vorleben halte ich für sehr wichtig. Das was ich sage und das was ich vorlebe sollten sich nicht widersprechen. Die Kinder orientieren sich an unserem Verhalten und an dem was wir ihnen sagen.
        Die Erwachsenen handeln mit – oder wollen – mit einer gewissen Nachhaltigkeit und Sinn.
        Die Kinder handeln impulsgesteuert und für einen bestimmten Zweck.
        Hier sehe ich auch einen Handlungsbedarf. Dieser könnte dazu führen Kinder etwas mehr Kinder sein zu lassen.

        Nach den Sommerferien kommt die große Heraufforderung. Wir kommen auf’s Gymnasium. Große Schule, viel mehr Schüler auch in der Klasse und auch viel ältere Schüler, höhere Leistungsanforderungen… Da wird sich meine „Führungspersönlichkeit“ anpassen müssen, oder wie ich immer sage, die Folgen seines Verhaltens ertragen müssen.

        Gefällt 1 Person

        1. Ich denke, die Heranwachsenden sind hauptsächlich mit dem Lernen der Welt beschäftigt, und wir tun gut daran, achtsam zu sein mit uns selbst, wenn es das ist, was wir uns von unserem Nachwuchs wünschen. Guten Rat brauchen wir alle, und unsere Kinder bekommen ihn am allerbesten im gleichwürdigen Zwiegespräch sowie ganz nebenbei, wenn es um sie herum so gelebt wird…

          Gefällt mir

    2. Man lernt, wie man mit Lehrern umgeht… deshalb hab ich also nix gelernt da und gute Noten gekriegt für die Fachkenntnis, so’n Lehrerwesen im Haus gehabt zu haben. Klingt logisch. Gegen die Langeweile half ab der 10. Dann konsequente Selbsttherapie mit Hanf. Der sedierende Effekt hielt die Noten auf dem Niveau, da ich so nicht zum aggressiven Störer wurde.

      Gefällt 2 Personen

      1. Dein Wissen und Erleben kann nun Basis für Entscheidungen werden. Und dass du es mit mir teilst, lässt mich erleben, dass ich keine Ausnahme bin, eine einzelne Spinnerin eben, da muss man ja nicht drauf hören. Alle anderen kommen doch gut klar, für sie passt’s…

        Gefällt 1 Person

        1. Ein längerer, toternster Kommentar, den ich vielleicht auch mal als Artikel bei mir veröffentlich:
          Tipps vom Lehrerkind für einen sehr guten Schulabschluß bei Maximaler emotionaler und sozialer Inkompetenz. Für die Schule und nicht für das Leben täuschen wir Leistung vor!

          Sei freundlich und sanft, wie der Schäfer, der seine Herde zum Schlachter führt. Auch und grade zu den Strebern und Mühsalbeladenen. So halten Dich alle für eine integere Persönlichkeit.

          Wenn Du den Ruf einer Integeren Persönlichkeit hast:
          Laß die Lehrer glauben, sie hätten diese mitgeformt. Das macht sie Stolz und stolze Lehrer sind leicht zu manipulieren.

          Laß jeden abschreiben, egal ob Hausaufgaben, oder Klausur. Aber befreunde dich mit niemandem.

          Sei gebildet, wie der KZ-Arzt, der nach anstrengenden Menschenversuchen zur Entspannung Beethoven spielt oder Goethe liest. Bildung und Coolness beeindrucken Lehrer, denn Lehrer sind bildungsbegeistert und empfindsam.

          Lerne ein klassisches Instrument oder sei gut in einer Sportart. dann wirst Du in der Schule Privilegien genießen.

          Brich deinen Lehrern das Herz, in dem Du kluge Fragen stellst. Ein Lehrer liebt die Klugheit und fürchtet das enge Korsett des 45-Minuten-Taktes. Der Störer stört nur das Konzept, rührt an den Ängsten des Lehrers, das Soll nicht zu schaffen und ärgert ihn. Wer Fragen stellt, die ein Lehrer in der Schulstunde nie erörtern kann, obwohl er es möchte, erinnert ihn Schmerzhaft an die Fesseln und bricht ihm das Herz.

          Wenn Du etwas sagst: Sei großkotzig und selbstbewußt. Dann wirst Du für eine starke Persönlichkeit gehalten. Du bekommst dann in der Regel eine bessere Note, als jemand der mehr arbeitet und mehr weiß, als du, aber das nicht selbstbewußt ausdrücken kann.

          Sei vorbereitet. Dazu muß man so bis Klasse 9 oder 10 die meisten Hausaufgaben wirklich machen. Geht nicht anders. Wenn Du die Hausaufgaben von der ersten Klasse an zuverlässig machst, gewöhnst Du Dich daran und sie gehen schnell und leicht von der Hand. Du wirst aber später im Leben nur noch Aufgaben nach Schema F lösen können, bei allem anderen wirst Du kläglich versagen.
          In der Oberstufe reicht es oft, sich vorher ein wenig einzulesen. Wenn dann die Dummen und Störer in den ersten 20 Minuten rituell gequält werden, kann man sich während der Folter die Aufgabe erschließen und dann mit einer routinierten Meldung glänzen, ist Held des Lehrers und Retter der gequälten.

          Sei anwesend. Zumindest körperlich. Fehlende Schüler und Zuspätkommer verursachen Bürokratischen Aufwand, Lehrer hassen das. Außerdem beneiden sie alle, die dem Unterricht fernbleiben könne. Neid und Haß des Lehrers wirken sich negativ auf Deine Note aus.

          Falls Dir die Anwesenheit schwer fällt: Konsumiere vor dem Unterricht Cannabis. Tue das allein und verabrede Dich nicht während der Schulzeit mit anderen zum Kiffen. Mach auf JEDEN FALL die Hausaufgaben, bekifft solltest Du Deine Vorbereitung schriftlich parat haben.

          Setz Dich neben einen Störer oder Klassenrowdy. Durch den direkten Kontrast wirkst Du kompetenter. Außerdem verhindert der persönliche Kontakt zu Störern zuverlässig, daß Du wegen Deiner guten Noten zum Mobbing-Opfer wirst. Auch kann man sich gute Quellen für Cannabis-Produkte erschließen.

          Bescheiß nicht bei Drogengeschäften.

          Never fuck the factory: Suche Deine Geschlechtspartner niemals an der eigenen Schule.

          Schaue abgedrehte Filme in der Originalsprache.

          Wer diese Tipps nicht befolgen kann, für den wird die Schulzeit Qual und Demütigung. Allerdings bist Du so bestens auf das Arbeitsleben vorbereitet und wirst eine solide bis glänzende Karriere hinlegen.
          Solltest Du diese Tipps befolgen können, bist Du wahrscheinlich ein Lehrerkind. Dann machst Du ein glänzendes Abitur, einen mittelmäßigen Studienabschluß und wirst in der Arbeitswelt untergehen. Du wirst mit Deinen Untergebenen Deine Zeit vertrödeln und Deine Vorgesetzten ängstigen, weil sie Dich um Deine Souveränität beneiden.

          Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s