Woche XXXXVI | Freitag, 15.07.2016

Sicher ist es zunächst einmal ganz hilfreich, wenn man seine Gefühlswallungen beruhigt und zu diesem Zweck Abstand zwischen sich und das auslösende Ereignis bringt. Geht das nicht, können auch beruhigende Mittel vielleicht mal eine Variante sein, aber sie werden wohl niemals die Klärung und Lösung des Konfliktes herbeiführen. Ich denke, wir können gar nicht klug genug sein, um unser gegenwärtiges Leben zu meistern mit all den Altlasten, die wir uns gönnen, solange wir auch nur das winzigste Lebewesen geringschätzen.
Aber wir müssen gar nicht mit der Lupe suchen, Wir müssen nur unseren unreflektierten Umgang mit den Beschulungsobjekten ansehen.
Klingt krass, oder?
Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun. Und wollen es auch lieber nicht, bloß keine schlafenden Hunde wecken…
Ich habe in den vergangenen 8 Jahren gelernt wie besessen, nicht für Abschlüsse und Scheine, nein, nur, um mein Leben zu retten. Ich wollte mich dabei aber nicht mit Kollateralschäden belasten, sonst wäre ich schnell fertig gewesen. Ist nur fraglich, ob ich erreicht hätte, was ich wollte.
Nein, das ist gar nicht fraglich, es ist völlig außer Frage: Ich wollte erreichen, dass ich endlich verstanden werde, dass ich in meinem Sosein anerkannt und willkommen bin und meinen Platz in der menschlichen Gemeinschaft finde – als vital verbundenes Mitglied. Das geht wohl kaum mit Leichen, über die ich gehe.
Die Art meiner Verbindung war lange Zeit mit dem Minus als Vorzeichen versehen, es wurde zu meinem Schutzschild. Aber auch ganz ohne Verbindung zu sein habe ich erlebt. Obwohl man nicht nicht kommunizieren kann, aber vielleicht ist hier das Stillface-Experiment eine passende Illustration. Wie Luft behandelt zu werden, aber auch das Unliebsame durch Ignorieren von sich fernzuhalten oder zum Aufgeben zu bewegen, kenne ich.
Drogen waren nicht meine Strategie. Ich kann verstehen, wenn Menschen diesen Weg wählen, ein paar Alkoholräusche habe ich auch in meiner Biografie und etwas Marihuana ist ebenfalls in meinen Stoffwechsel gelangt.
Aber es wurde mir bald viel zu verstörend. Ich will mich selbst spüren.
Mit dem Rauchen habe ich aufgehört, als ich mein erstes Kind bekam. Ich fand, es sollte eines Tages selbst entscheiden, ob es sich mit Drogen welcher Art auch immer manipulieren will.
Seither und immer noch ist es mir der spannendste aller Filme, mich selbst zu spüren. Ich will wissen, welche Emotionen aufkommen, wenn dieses oder jenes mir begegnet, ich will herausfinden, was ich machen kann, um sie in Freude zu verwandeln, ich bin der Alchimist meiner Körpersäfte. Als ich das erste Mal davon hörte, dass wir unsere eigene innere Apotheke haben, leuchtete mir das sofort ein – wie hätten wir sonst all die Jahrtausende ohne Arzt und Apotheker überstanden? Und auf der Stelle begann ich, mit mir selbst zu spielen, herumzuprobieren, zu forschen, mich zu beobachten, wie es mir geht, womit es mir gut geht.
Habe mich gehenlassen und mir dabei zugesehen, wohin es mich brachte.
Nicht dass ich gleichgültig gegen all die Interpretationen anderer Leute gewesen wäre, aber meine Probleme damit wurden der Ausgangspunkt meines Lernens.
Nun habe ich das Problem, alles Mögliche zu wissen und ausprobiert zu haben, kann es aber nicht mit Zetteln belegen. Mir bleibt vielleicht nur, es in einem eigenen Konzept zusammenzufassen, die Doktorarbeit meines Lebens zu schreiben, gewissermaßen. Wenn ich mich damit irgendwo bewerben will.
Woher soll sonst einer wissen, zu was ich tauge?
Vielleicht muss ich ein Buch schreiben oder doch noch eine akademische Doktorarbeit.
Bis dahin muss man mich wohl erleben, um einen Eindruck zu bekommen, was ich vollbringe und wie ich vorgehe.
Und ich muss das Feedback sammeln, denn in den Augen Anderer leuchten andere Schönheiten, und vielleicht sind welche dabei, die ich noch gar nicht kenne.
Um Klienten oder Abnehmer zu finden für meine Fähigkeiten, muss ich ja wissen, was in ihnen Nützliches steckt und was den Menschen wichtig ist.
Ach ich merke schon, hätte ich mich mal regulär fortgebildet…
Nein, ich bin kein Typ des systematisch-planvollen Vorgehens. Ich tingele gern durch die Landschaft, geografisch und im übertragenen Sinn. Wie Rotkäppchen beim Blumenpflücken. Ich habe auf diese Weise eine unorthodoxe Ortskenntnis. Manchmal bin ich selbst überrascht.
Aber angesichts von Titeln und Abschlüssen anderer lernfreudiger Leute schrumpft meine Eitelkeit und übrig bleibt ein seiner selbst nicht bewusstes kleines Mädchen. Etwas schüchtern. Und alles andere als davon überzeugt, dass es etwas auf dem Kasten habe. (Es hat ja nur Blumen gepflückt und ist zu spät zur Großmutter gekommen. Immerhin hat es nicht vergessen, was sein Auftrag war…)
Außer all diesen vielen Fragen und mit jeder gefundenen Antwort vermehren sie sich. Exponentiell.
Vielleicht ist das ein Qualifizierungsmerkmal: nicht die Diplome an der Wand sondern die Liste der Fragen, mit denen man sich herumschlägt.
Ich glaube, das könnte ich schaffen, meine Fragen sammeln. Und mich dadurch auszuweisen als immernoch lernendes Wesen. Damit müsste ich doch eine Chance haben – vielleicht auf ein bedingungsloses Grundeinkommen?

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s