Woche XXXXVIII | Freitag, 29.07.2016

Das neue Schuljahr beginnt am 01.08., daher hier nun mein letzter Beitrag in diesem Wochenblog, wenn auch wieder im Rückblick von einem Sonntag auf den regulären Blogtag. Vor uns liegen noch 5 Wochen Ferien. Ich genieße jeden Tag, über den ich selber bestimmen kann. Machen wir uns nichts vor: Schulpflicht schließt das aus. Jedenfalls, solange ich mich nicht ungestraft für andere Möglichkeiten und Wege der Bildung für meine Kinder entscheiden kann. Schulpflicht als Privileg? Erst wenn wir es als gesellschaftliche Pflicht anerkennen, eine Schule zu erschaffen, die der Freiheit verpflichtet ist. Das heißt ganz klar, allen Kindern, also jedem! Kind seinen individuellen Voraussetzungen entsprechend die Kulturschätze zugänglich zu machen und zu erschließen. Nicht als Pflicht, sondern als wertvolles, sinnvolles Gut für heranwachsende Menschen, denen diese Schätze dienen, ein friedliches, die Erde hegendes Leben zu führen.

Ich hatte eine Woche lang keine Kinder, die beiden Großen haben eigene Pläne in diesen Ferien – ein Novum, nachdem wir Jahr für Jahr einfach nur unsere Ruhe gesucht haben. Kann natürlich auch am Alter liegen, aber es gehören immerhin auch Freunde dazu und die Lust, etwas zu unternehmen. Letzteres bekommen wir bei der Zeugung mitgeliefert, und es bleibt mehr oder weniger erhalten im Laufe der Schwangerschaft, je nach dem, wie stresshaltig die mütterliche Umgebung wird. Danach verlieren wir weiter Stück für Stück dieser Lebenslust, wenn wir uns mit Pflichten zumüllen (lassen).
Aber auch mit dem Jüngsten kann ich in den Ferien eher was anfangen, er ist in diesem Schuljahr Mensch geblieben. Was meine ich damit?
Seine Integrität ist nicht durch Bedrohungen irgendwelcher Art zerstört worden. Er musste nicht von Angst getrieben für die Schule arbeiten, und selbst jetzt am Ende des Schuljahres ist er recht locker geblieben, obwohl sich einige Lücken in Bezug auf das Jahrgangsziel aufgetan haben. Die diesbezüglichen Gespräche halsten ihm nicht die alleinige Verantwortung dafür auf, vielmehr fand sich auch die Frage, was denn seitens der Lehrenden in der Schule getan werden müsste, damit sich ein Kind zur Mitarbeit motiviert fühlen kann. Natürlich steht auch die Frage, was zu Hause los ist, wenn ein Kind kein ausreichendes Interesse an den Kulturtechniken findet.
Dazu kann ich so viel sagen: solange ich mit existenziellen Sorgen beschäftigt bin, habe ich kaum den Nerv, heile Schulwelt zu spielen. Ich bin froh, wenn wenigstens einige Stunden des Tages nicht im Zeichen der Defizitbearbeitung stehen. Außerdem bin ich wenig inspiriert, wenn ich etwas soll.
Nun, und ich bin eben nicht recht einverstanden mit dem, was die Schule so tagtäglich fordert. Und wie sie ihre Ziele zu erreichen sucht. Die Sortierung der Kinder nach Alter verhindert, dass sich Kinder untereinander inspirieren und füreinander Experten werden können. Jeder mit offenen Sinnen herumlaufende Mensch kann jederzeit beobachten, wie gern und wie schnell Kinder von Kindern lernen, sich was abgucken und nacheifern.
Man spüre in sich selbst hinein: Wie sieht es mit der eigenen Auswahl der Personen aus, von denen man was lernen will? Und, falls es Erinnerung an die eigene Kindheit gibt: Wo haben wir hingeschaut, wem nachgemacht? Dass ich Lust am Lesen und Schreiben finden konnte, verdanke ich spannenden Geschichten in Büchern und der Freude, meiner weit entfernt wohnenden Freundin seitenweise Briefe zu schreiben mit meinen Gedanken, mit der tagelangen frohen Erwartung einer ebenso umfänglichen Antwort und dem unbeschreiblichen Erlebnis der Übereinstimmung, des Mitfühlens, des Verständnisses. Klar habe ich in der Schule die Handhabung der Buchstaben gelernt. Aber ich hätte das auch ohne Schule herausgeknobelt.
Und da komme ich zum zweiten Kritikpunkt: Die unreflektierte Forderung nach Gehorsam, Unterordnung oder Unterwerfung. Die Lerninhalte werden den Kindern als Aufgaben nahegebracht, die sie machen müssen. Kaum einmal wird die Frage mit ihnen erörtert, wozu das gut sein soll. Es ist ganz klar: Das brauchst du für später. Wenn du groß bist.
Für mich ist jetzt „später“. Als ich ein Kind war, wurde ich auf eine ganz andere Gesellschaftsordnung vorbereitet. Jetzt muss ich alles, was ich nun brauche, selber lernen, nachholen(?). Daher denke ich, dass die beste Vorbereitung auf „Später“ darin bestehen müsste, die Kinder jederzeit das lernen zu lassen, was sie gerade für ihre jeweilige Gegenwart brauchen. Und wenn wir mit unserer erwachsenen Weitsicht erreichen wollen, dass sie bestimmte Fertigkeiten erlangen, dann müssen wir sie relevant für die Gegenwart der Kinder machen. Klar geht das mit Forderung und Strafe, jedenfalls kurzfristig. Wir bewirken sogar auch Nachhaltiges damit: Hass auf alles, was mit Schule zu tun hat, also auch auf die Kulturschätze. Was wesentlich für ein gelingendes Gemeinwesen wäre, wird auf diese Weise entwertet.
Mit relevant meine ich wertvoll für die Kinder. Damit muss die Frage beantwortet werden, was es einem Kind denn bringt, lesen, schreiben und rechnen zu können, sprechen, malen, singen, tanzen, musizieren, formen, zusammenfügen, … Wenn wir Erwachsenen diese Fragen nicht beantworten, dann handeln wir unverantwortlich.
Wir Erwachsenen müssen uns über die Werte in unserem Leben im Klaren sein und uns darüber einig werden, sie hochzuhalten. Dann mag der Weg eines Jeden so individuell werden wie seine Handschrift.
Meine Werte leiten sich aus den Bedürfnisse ab, die wir Menschen alle gemeinsam haben: Lebensunterhalt, Sicherheit/Schutz, Zuwendung, Verständnis, Teilhabe/Zugehörigkeit, Muße/Spiel, Kreativität, Identität, Selbstbestimmung/Freiheit. Diese Werte bilden mit unseren Daseins-Aspekten Sein, Haben, Tun, sich Befinden eine Matrix für die Verwirklichung. Ich möchte meinen Lebensunterhalt finden, ohne ein anderes dieser Bedürfnisse dafür zu belasten oder die Bedürfnisse eines anderen Menschen. Und wenn man es genauer betrachtet, kommt am Ende, wenn man das Rätsel genial gelöst hat, ein Leben in einem Friedensprozess heraus, die größte Herausforderung überhaupt, denn Waage zu halten und das goldene Maß zu finden ist eben eine Kunst.
Ich habe diese Grundbedürfnisse bei Manfred Max-Neef entdeckt und erprobe sie seit einigen Jahren auf Vollständigkeit und Umsetzungsmöglichkeiten hin. Er hat sie in seinem Buch „Desarrollo a escala humana“ (Entwicklung nach menschlichem Maß) eingehend betrachtet, da ich aber nicht wirklich gut spanisch kann und das Werk nicht auf deutsch zu bekommen ist, sind mir seine umfangreichen Betrachtungen dazu nicht geläufig. Ich suche auch nach wie vor nach Gesprächspartnern, die mit mir zusammen in dieses Puzzle eintauchen möchten und über die Wege und Strategien beraten, die diesen Werten dienen.
Vielen Dank meinen Leser*innen und Kommentar-Gesprächspartner*innen. Bis zum Ende unserer Sommerferien bleibe ich gern noch im schriftlichen Gespräch, wenn es sich ergibt.
Und nun meine letzten Worte in diesem Blog:
Es gibt nichts Schöneres als zu lernen! Nach Herzenslust.

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3 Gedanken zu “Woche XXXXVIII | Freitag, 29.07.2016

  1. Kann leider auch kein Spanisch. War so’n Deal mit der Lehrerin. Wer die Note nicht brauchte und kein Interesse hatte, konnte fehlen und hatte am Ende ne drei stehen, damit die mit denen, die Spaß dran hatten in Ruhe arbeiten konnte.

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