Woche XXXI | Freitag, 01.04.2016

Habe ich gestern nicht geschrieben, um einen Aprilscherz auszuschließen? (Nun ist es schon vorgestern…) Vielleicht, aber es war auch sehr wenig Schreibzeit für mich drin.
Wir haben die beiden Schultage meisterlich bewältigt, d.h. die Kinder sind ungeschoren davon gekommen bzw. haben sogar einigen Erfolg verbuchen können.
Am Freitag Nachmittag nahmen wir einen Schulfreund mit nach Hause und nutzten am Abend das tolle, wenn auch etwas kalte Wetter, um das für Ostern vorgesehene Grillgut seiner Bestimmung zuzuführen. Dieser Schulfreund hatte das Pech, wegen dreier Gelber Karten nicht am Wandertag ins Schwimmbad teilnehmen zu dürfen. Als ich das hörte, ging ich innerlich gleich auf die Barrikaden, ich geb’s zu, aber ich habe das möglichst nicht gucken lassen und erst einmal genauer nachgefragt, ob ihm das dabei hilft, sein Verhalten besser zu kontrollieren. Es geht um einen 9jährigen Jungen.
Wenn man aus einem Kontext kommt, in dem Strafe ein probates Mittel zur Erziehung ist und einem der Sinn der Strafe auch erklärt wird, kann man das auch gut für sich akzeptieren, wie es scheint. Der Knabe war überzeugt, dass alles seine Richtigkeit hat.
Ich bin es nicht, ich denke nun darüber nach, wie ihm diese Strafe dabei helfen kann, günstige Umgangsweisen für jene Situationen zu finden, in denen er die drei gelben Karten zugeteilt bekommen hat. Ich könnte es soweit akzeptieren, dass er nicht mitdarf, wenn die Lehrerin meint, dass er wegen seiner mangelnden Selbstkontrolle eine besondere Gefahr für sich und andere darstellt und deshalb mehr Aufsichtspersonen nötig wären, die vielleicht gerade nicht vorhanden sind. Aber für die bessere Selbstkontrolle? Wäre es da nicht besser, es gäbe unmittelbarere Maßnahmen? Anstatt ihn auszuschließen, bräuchte er es doch viel eher, besseren Anschluss zu bekommen, oder?
Wenn ich mit Kindern arbeite, dann lege ich großen Wert darauf, das unerwünschte Verhalten nicht einfach nur zu kritisieren und zu unterdrücken. Natürlich ist es wichtig, das Stopp-Schild klar sichtbar zu machen und deutlich zu zeigen, was dieses Verhalten bewirkt. (Wenn du mir weh tust, kann ich nicht mit dir spielen. Wenn ich nicht mit dir spielen kann, wie soll ich dein Freund sein?) Genauso wichtig finde ich jedoch, dem Betreffenden Alternativen aufzuzeigen. Die Kindergruppe muss sich gemeinsam Gedanken machen und darüber klar werden. Jedes Kind kramt in seiner eigenen Erfahrung und erzählt, wie es in einer vergleichbaren Situation handelt. Was kann man tun, wenn man wütend ist? Wie kann man ruhig bleiben, wenn jemand einen provoziert?
Ich kenne den Gelbe-Karten-Katalog der Klasse nicht genau, aber wenn ich gelbe Karten einsetzte, dann würde ich versuchen, sie nicht über den Tag hinaus stehen zu lassen. Und wenn sich das Verhalten eines Kindes dauernd als problematisch erweist, dann würde ich versuchen, mit den Eltern zusammen auf Ursachensuche zu gehen, um die geeigneten Mittel und Wege wählen zu können. Sicherlich wäre auch die Hilfe eines Psychologen zu erwägen. Aber auch die übrigen Kinder der Gruppe haben dabei was zu lernen. Man kann nicht einfach einen „Übeltäter“ ausschließen oder in Ketten legen. Seine ganzen Anstrengungen gelten nur genau denselben Zielen, die jeder Mensch hat: sich zu schützen, sich zu behaupten und dazuzugehören. Dass die Mittel ungeeignet sein können, steht außer Frage, aber lernt derjenige die geeigneten, wenn er ausgeschlossen wird? Andererseits müssen auch die Anderen geeignete Wege lernen, sich zu schützen und mit schwierigen Situationen umzugehen. Weggucken, Wegschicken, Weglaufen geben sicherlich erstmal Zeit zum Luft holen. Aber engt man nicht seinen eigenen Spielraum auf die Dauer ein, wenn man alles Unerwünschte immer nur wegschiebt? Da häuft sich doch Einiges an, würde ich meinen, zumal sich nicht alles von allein „verwächst“.
Konsequent, also durchhaltend, zu sein gibt einer Forderung Bedeutung, ohne Frage. Eine Grenze wird dadurch zur sicheren Orientierung, dass sie hält. Aber Bestrafung als Konsequenz, also Folge, hat etwas Willkürliches an sich, etwas Entwürdigendes. Jemand denkt sich etwas für einen Anderen aus, was der dann machen muss oder nicht darf. Das ist eher das Gegenteil von Verantwortlichkeit. Es ist übergriffig. Es geht auf Kosten der Selbstbestimmung. Es gibt Einem (oder gar einer Gruppe) Macht über den Anderen. Der kann gar keine eigene Antwort geben außer einer Selbstschutzreaktion, wenn er sich nicht unterwerfen will. Und es vermischt diese beiden Aspekte, so dass man in einer Zwickmühle landet: Ich habe Einsicht, aber ich muss mich gleichzeitig erniedrigen. Ich finde das nicht sachdienlich.
So genau sortiert das für gewöhnlich keiner auseinander. Für mich macht es jedenfalls einen riesigen Unterschied, ob ich aus freien Stücken einsichtig bin und dann aus eigener Entscheidung mein Verhalten anders gestalte, oder ob ich zum Schämen in die Ecke verurteilt werde, damit ich endlich aufhöre, irgendetwas Bestimmtes zu tun und beginne mir irgendetwas Anderes anzugewöhnen.
Mit dem Daheimbleiben sind seine drei gelben Karten nun wieder gelöscht. Er ist traurig, dass er nicht mitdurfte, aber er meint, er habe es verdient. Und er meint, er strenge sich nun mehr an und passe besser auf sich auf. Ich bin gespannt.

Woche XXIX | Freitag, 18.03.2016

Wie schön, wenn man einfach in Ruhe arbeiten gehen kann! Mit dem guten Gefühl, die Kinder gut aufgehoben zu wissen in ihren Schulen. Und, welch Romantik, am Nachmittag oder Abend Anekdoten und Abenteuer erzählt zu bekommen! Ich wage noch nicht, mich daran zu gewöhnen, aber ich schätze mal, das passiert einfach.
Nun, die ganze Romantik hatte ich nun nicht, es gab Läusealarm, ich hatte mein Grundschulkind drei Tage zu Hause, um ganz sicher zu gehen. Zum letzten Schultag konnten wir ihn nur motivieren, weil wir ihm die Sicherheit zu geben imstande waren, dass er nicht gleich wieder Läuse einfangen würde – in der Schule haben alle Eltern zugestimmt, dass ihre Kinder dort kontrolliert werden dürfen, so dass ganz gezielt informiert werden kann.
Nun haben wir wieder Ferien, heute mit praller Sonne und der Ahnung, wie schön es im Frühjahr sein kann – wenn nicht immer alles grau überhangen bleibt…
Aber was mir dennoch vergönnt war: ganz nach meinem Rhythmus zu leben. Mit welcher Kraft kann ich unterwegs sein, wenn ich mir meine eigene Art erlaube! Dann bin ich auch weniger davon abhängig, ob die Umstände günstig sind, und kann mich viel besser auf Gegebenes einstellen. Wie sehr ich doch meistens von mir selbst entfernt bin! Ich lande in einem Automatik-Modus, der auf Planerfüllung programmiert ist, ich funktioniere dann einfach und ich erwarte das natürlich dann auch von den Kindern. Ich tue Dinge nicht, weil sie notwendig sind, sondern weil das jetzt so geplant ist. Ich habe die Verbindung zum Sinn nur in der Planungsphase, in der Umsetzungsphase bediene ich nur noch die Programmpunkte. Ich bin auch in einem gewissen Grad flexibel und kann den Kurs ändern, aber eigentlich immer mit einem schlechten Gewissen wegen des Planes oder wegen anderen Menschen, die sich drauf verlassen. Es ist irre aufwändig, immer allen Beteiligten die Änderungen mitzuteilen, damit sie sich mit ihrer Planung darauf einrichten können.
Eigentlich möchte ich nicht planen, ich möchte lieber viele Möglichkeiten inpetto haben und auf die jeweilige Situation eingehen. Das macht Absprachen schwierig, vor allem mit Planer*innen, die jede Einzelheit festgelegt sehen wollen. Ich habe lieber die Möglichkeit, mit den Aktualitäten zu spielen, kreativ im Augenblick zu entscheiden, gern auch mit Anderen im Team, die genauso auf verschiedene Ressourcen zurückgreifen können und spontan Ideen aufgreifen und umsetzen.
Wenn das so läuft, erlebe ich Flow. Ich bin kaum zu erschöpfen, die Quelle sprudelt fröhlich, bis mir buchstäblich die Augen zufallen und meine Körperzellen mir Pause verordnen.
Das beobachte ich auch an den Kindern – wie werden sie munter und ihre Kopfschmerzen verfliegen, wenn sie nach ihrer eigenen Fasson lesenschreibenzeichnensingentanzenrechnen dürfen! Habe ich sie nach acht Stunden Schule völlig erledigt in Empfang genommen, kommen sie nach kurzer Ruhe auf ihre eigenen Gedanken und finden Betätigung, die sie wieder zu sich kommen lässt – wenn ich sie lasse und nicht mit Pflichten oder Vorstellungen behellige. Die suchtartige Ausprägung einer Beschäftigung macht klare Aussage darüber, wie sehr ihre Bereitwilligkeit zur Erledigung fremder Aufträge überstrapaziert ist. Wie sehr ihr Bedürfnis nach Selbstbestimmung im roten Bereich gelandet ist. Gewiss steht hier wissenschaftliche Untersuchung aus, es ist aber meine Beobachtung und Auslegung, immer wieder.
Nun, mal sehen, wie lange es dieses Mal dauert, bis sich eine gesunde Unternehmungslust einstellt und die Bereitschaft, den Rückzug in die persönliche Höhle einzutauschen gegen Expeditionen in die Welt. In ausgewogener Weise.
Achja: Liebe Grüße an mein Kind im fernen Lande! Bitte grüße deine Gastfamilie und alle, die sich freundlich um dich bemühen und sage ihnen meinen Dank!

Woche XXVI | Montag, 22.02.2016

Auch wenn ich irgendwie froh bin, dass die Kinder außer Haus was zu tun haben, so spüre ich doch auch gleichzeitig immerzu die Sorge, dass ihnen etwas Schwerverdauliches oder gar ihrer Gesundheit Gefährliches widerfährt. Natürlich kann das immer passieren, in diesem Fall jedoch würde ich mir vorwerfen, sie nicht genügend vor einer Institution geschützt zu haben, die ich ohnehin zu beargwöhnen gelernt habe. (Nein, das war nicht immer so!!!)
Ich empfinde schmerzlich, wie große Ackerflächen zu Tode bewirtschaftet werden, und auch bei den Kindern wird mit dieser industriellen Kahlschlag-Methode gearbeitet. Im Garten meiner Eltern und Großeltern wurde auf eine Weise geackert, die dem Kreislauf eines Waldes glich: Kompostierung, Rückführung dessen, was dem Boden entzogen worden ist, Vielfalt in der Pflanzenauswahl, Zusammenstellung nach gegenseitig begünstigenden Eigenschaften, kleine Beete, Bienenweide, Obstbäume… Die Regenwürmer aus dem Komposthaufen lockten auch Fische an die Angeln, Igel fanden Futter, Hühner auch. Klar gab es eine Zeit, in der die neu erfundenen Chemie-Keulen erprobt wurden, aber das Feingefühl des Gärtners verlangt dann doch den zurückhaltenden Einsatz, wie bei Medikamenten, und gibt dem Anbau klimatisch passender Sorten und der klugen Kombination den Vorzug.
Ich verstehe schon, dass es eine Gratwanderung ist. Wenn Mensch satt werden möchte, ohne den ganzen Tag auf Nahrungssuche zu gehen, dann macht er Landstriche urbar, verdrängt andere Lebewesen. Wir sind im Menschenzeitalter angekommen, alle ausgestorbenen Arten kommen als Menschen wieder (so will es mir scheinen) – werden sie nun hörbar für sich selbst sprechen können und dafür sorgen, dass wir besser aufeinander achten?
Ich jedenfalls brauche Urwald, verwildernde, verwilderte oder wild gebliebene Landstriche, Hecken, Trampelpfade durchs Gestrüpp, Bachläufe. In meinem Garten darf es hohes Gras und Brennnesseln geben (nicht zwischen den Beeten ;)) neben einem gemähten Rasen… Ich wünschte mir die Unterbrechung der riesigen Ackerflächen durch breite Hecken- und Baumstreifen…
Und für die Kinder: lasst sie auch Wildnis erleben und erkunden, ihre eigene, eine umgebende, nicht nur platt gemähte Rasenflächen. Lassen wir sie wachsen und schnippeln nicht allzu sehr an ihnen herum, sie wachsen in die Räume hinein, die wir ihnen erlauben. Ihre innere Vielfalt birgt so unglaublichen Reichtum, und scheine sie uns ein Chaos – es ist ein Biotop, ein sich selbst auswiegendes sensibles System.
An einem Tag wie heute, wo ich selbst zweifle am Sinn der Unternehmung, etwas für die Kinder erreichen zu wollen, da frage ich mich auch gern, ob Leben nicht eigentlich nur ein Fressen und Gefressenwerden ist. Mein Geist will mir das weismachen. Mein Gefühl aber drängt mich in die Tat: schütze die Vielfalt, die Kinder, die wilden Ecken im Garten und am Wegesrand…

Woche XVI | Montag, 14.12.2015

Ich habe am Wochenende „einen drauf“ gemacht, leider ohne meine Familie, wie so oft bleibe ich mit meiner Begeisterung allein. Naja, umgekehrt ist es auch nicht selten der Fall, dass ich was nicht mitmachen will. Zur Zeit empfinde ich wohl weniger den Freiheitsanteil in dieser Konstellation und mehr den Hunger nach Gemeinsamem. Zum Glück lynchen wir uns nicht gegenseitig, wenn wir nicht im Schrittmaß des Anderen mitmachen und eigene Wege gehen. Und wir machen es uns nicht gegenseitig zum Verhängnis, wenn wir die Bedürfnisse des Anderen nicht stillen. Wir räumen einander ein, „Nein“ sagen zu dürfen. Ich habe mit dem Nein so meine Probleme, hin und wieder. Dieses Mal war ich ca. 5 Minuten lang traurig und dann habe ich Freunde aus dem Nachbardorf angerufen, sie hatten einen Platz frei im Auto, ich fuhr mit ihnen und habe den Abend mit handgemachter Livemusik und netten Menschen in vollen Zügen genossen. Ja, einen Schwips habe ich mir auch gegönnt und mich köstlichst amüsiert. Und habe die anwesenden Erwachsenen im Vergleich zu den anwesenden Kindern betrachtet, und ratet mal, wer da sichtbar in Bewegung kam… (Außer mir.)
Ja, ich kann auch still genießen, äußerlich unbewegt. Wenn ich niemandem verraten will, was mich bewegt und wie. Oder wenn ich hochkonzentriert nach innen bin. Dann halte ich sogar die Luft an.
Heute also wieder Schule, die letzte Woche vor den Weihnachtsferien. Eine Zeit von Klausuren und anderen Testungen. Keine Zeit zum Lernen, nur zum Pauken. Wobei die Vorträge, die für Oishi-Kawaii einen Großteil der Klassenarbeiten ersetzen, für viel mehr Austausch und Betrachtungsmöglichkeiten sorgen als so eine einzelkämpferische Klassenarbeit, die nur fürs Papier und den kontrollierenden Lehrer erbracht wird. Auch kann man für seine Präsentationen mit Erfindungsreichtum und Gedankenspiel viel Gutes erreichen, was ja oft genug angefeuert wird von der Aussicht auf Publikum. Schule macht mir heute keine besonderen Bauch- oder Kopfschmerzen. Die Kinder sind etwas verschnupft.
Dennoch, ich bin froh, wenn ich wieder meinem eigenen Rhythmus gemäß schlafen und schaffen kann und nicht nach dem Taktstock der Schulunterrichtszeiten hüpfen muss. Ja, ich muss es, denn ich bin zu feige, die Kinder einfach nach ihrem eigenen Rhythmus und Maß entscheiden zu lassen, ob und wann sie hingehen wollen. Die beiden Großen wollen nichts verpassen, sie würden, glaube ich, morgens auch allein losziehen (ich mag aber den gemeinsamen Start in den Tag). McFlitz ist freitags traurig, dass das Wochenende kommt, weil er dann seine Kumpels nicht sieht, aber auch froh, dass er sich nicht für irgendein Thema anstrengen muss. Eines aber macht er mit Hingabe: Geschichten schreiben. In seiner Klasse gibt es alle 14 Tage Autorenlesungen, und mit ihren Geschichten beflügeln sich die Kinder gegenseitig. Kürzlich habe ich zur Lesenacht mit ihnen eine Suppengeschichte gemacht – jedes Kind schrieb ein Wort auf einen Zettel, der zerknüllt in den Topf kam. Auf einen anderen Zettel anderer Farbe schrieb jedes seinen Namen, ebenfalls zerknüllt in die Suppe. Dann wurde ein Wort gezogen, zu dem sich jedes einen Satz ausdachte und aufschrieb. Per Namenzettel ziehen wurde das jeweils nächste Kind bestimmt, das dran kam und in der Suppe fischen durfte.
Zwischendurch und zum Schluss lasen die Kinder ihre Geschichten vor – wir haben viel gelacht und lauthals gestaunt. Manche hatten gezeichnet und zeigten die entstandenen Szenarien.
McFlitz hat das Schreiben für sich entdeckt, nachdem er sich lange Zeit schwertat, den Sinn darin zu erkennen… Keine Zensuren verderben die Freude am Geschichtenausdenken und -niederschreiben. Die Kinder erzählen sich, was ihnen besonders gut gefallen hat, und lernen dabei ganz unauffällig die Tricks und Mittel kennen, die eine gute Geschichte ausmachen. Rechtschreibung stellt sich als hilfreich beim Vorlesen heraus, ist aber erst relevant, wenn ein Text schriftlich veröffentlicht werden soll. Mal sehen, ob sie ein Buch machen am Ende.
Kkumhada und Oishi-Kawaii schreiben mehr fürs Jenseits ihrer Lernistitution, in der Schule sind ihre Sachen nicht gefragt. Deshalb bin ich als Elternvertreterin immer wieder dabei, solche Themen dort anzustoßen, mal mehr mit dem Schulleiter, dann wieder in den Kreisen einiger Eltern. So viele sind noch nicht der Ansicht, dass das Lernen in der Schule etwas mit der Gegenwart der Kinder zu tun haben muss. Sie orientieren ausschließlich auf die Zukunft. Alles ist für später. Und die Kinder gehen uns verloren. In der Freizeit müssen sie erstmal ihre Integrität wiederherstellen. Viele sagen, sie müssen lernen, sich anzupassen. Kinder machen nichts anderes! (Bis sie krank sind.) Gemeint ist sich unterzuordnen, wenn nicht gar sich unterzuwerfen. So würde das niemand sagen, aber widerlege mir das mal einer! Na, für heute lasse ich es gut sein und denke still weiter drüber nach…

Woche IV | Zwischenruf

Elternabend im Gymnasium. Ein kurzer Austausch über das Thema Klassenarbeiten. (Es werden weniger in diesem Schuljahr, damit wird der Belastung Rechnung getragen, die das für viele Kinder bedeutet, wenn sie Aussicht auf eine solche Kontrolle haben.) Eine Mutter ist erbost, dass es so wenige werden. Ich habe gestaunt, dass ich neuerdings innerlich ganz ruhig sein konnte. Ich habe gedacht: Wenn sie Druck für ihr Kind will, dann muss sie ihn schon selbst machen und diesen Dienst nicht von der Schule verlangen. Ich habe erzählt, wie es meiner Tochter geht mit der Aussicht auf Tests und Klassenarbeiten. Wie sie sich vorher quält und sich auch nicht auf die anderen Fächer richtig konzentrieren kann. Wie sie mit Kopfschmerzen darniederliegt und gar nichts vom Tag hat. Und dass ich möchte, dass sie einfach in Ruhe lernen dürfen soll und nach der Schule Zeit haben für ihre Hobbys.
(Unser Schulelternrat hatte dazu die Initiative ergriffen, einen entsprechenden Antrag an die Schulkonferenz gestellt und damit auch den Beobachtungen derjenigen Pädagog*innen Rückhalt gegeben, die achtsam unterrichten wollen.)
Ich bin wieder Elternvertreterin für die Klasse meiner Kopfschmerzerin. Nächste Woche ist Wahl im Schulelternrat. Ich setze mich ein für die Stärkung der Schülervertretung im Sinne eines Mitbestimmungsgremiums und werde auch weiter für achtsamen Umgang miteinander stehen (und den Elternaushang entsprechend gestalten). Dazu gehört für mich, dass aktiv gefragt wird, wie es den Kindern geht. Ich lade also zum Feedback ein. Laufend. Bin auch selbst viel vor Ort gewesen im vergangenen Schuljahr. Werde ich wieder machen, wenn ich kann. EHRENamtlich.

Woche IV | Montag, 21.09.2015

„Mama, wann gehst du arbeiten?“, fragt mich meine Oishi-Kawaii am Frühstückstisch und meint damit Erwerbstätigkeit. Ich sage, ich arbeite die ganze Zeit, nur dass ich eben kein Geld dafür bekomme. Der Stellenwert der Erwerbstätigkeit ist durch nichts zu toppen. Traurig, oder? Auch wenn ich bedenke, mit welchem Geiz sie entlohnt wird. Unsere Sparsamkeit führt dazu, dass wir uns die Arbeit unserer Nachbarn nicht leisten wollen/können(?), ganz zu schweigen unsere eigene!, und lieber die Menschen am anderen Ende der Welt für uns bluten lassen.

Jedenfalls, wenn wir Geld als einziges Tauschmittel betrachten und uns dann selbst nicht mehr einräumen füreinander zu arbeiten. Oder gar miteinander! Die Tomaten im Laden sind billiger als wenn ich sie selber im Garten ziehe. Ich könnte sie niemals verkaufen und Mindestlohn dafür erhalten.

Eine andere Sorge bedrückte sie schon gestern abend: Heute wird ein Test geschrieben in einem Fach, in dem sie wegen Krankheit nicht aktiv teilgenommen hatte, und also nur weiß, was sie durch Abschreiben der verpassten Inhalte aufnehmen konnte. Worum fürchtet mein Kind? Um sich selbst? Dass ihm Schlimmes widerfährt? Eine schlechte Note? Versagen? Droht vielleicht darüber hinaus Beschämung? Ich habe ihr gesagt, dass sie von uns nichts zu befürchten hat, dass ich eher sehe, wie die Schule mal wieder versagt, wenn sie die Kinder vor solche Aufgaben stellt, ihnen aber gleichzeitig nicht ausreichend Zeit zur Beschäftigung mit der Materie einräumt, eben bis auch mein Kind ein sicheres Gefühl hat, die Herausforderung meistern zu können. Es wird ungefragt getestet. Wie ein Objekt. Was bleibt mir sonst zu sagen? Ich versuche für Gelegenheiten zu sorgen, in denen meinem Kind die Erfahrung von Kompetenz möglich ist. In denen es sich als lebensfähig bestätigen kann, als in der Lage, es hinzukriegen. Wir brauchen dazu keine Tests. Wir merken es daran, ob es „hinhaut“.

McFlitz konnte gestern abend auch keine Ruhe finden. Er hatte noch kein Geburtstagsgeschenk und fühlte sich schlecht, so ganz ohne etwas in der Hand für seinen Papa. Ich kenne dieses Gefühl gut. Bei mir kommt noch dazu, dass ich unter allen meinen Ideen keine ausmachen kann, mit der ich einfach so zufrieden bin. Ich rede mir und McFlitz zu: das Wichtigste sind die guten Gefühle für einander. Die Achtung und Wertschätzung jeden Tag. Nimm deinen Papa doch einfach in den Arm und gib ihm ein Küsschen. Sag ihm, wie lieb du ihn hast. Plötzlich sprudeln die Ideen für weitere liebe Aufmerksamkeiten und wir könnten ohne weiteres einige Wochen lang ein Geschenk nach dem anderen hervorbringen… Er sagte, morgen in der Schule könnte er ja was für Papa machen. Ist das nicht ein Traum? Die Schule als Ort für wirklich relevante Arbeit? (Leider meinte er den Hort. Aber den Traum haben wir tatsächlich schon mal gelebt, bevor ich in der Erschöpfung landete.)

Kkumhada ist anscheinend ganz entspannt in die Woche gestartet. Sie hat noch immer einen guten Schutzschild um sich, durch den nur Sachen herein dürfen, die sie sich selbst ausgesucht hat. Und sie ist wählerisch. Ich hatte in der Vergangenheit wiederholt den beinahe unbezähmbaren Impuls, ihr ihren Eigensinn kräftig auszutreiben, konnte mich aber immer noch weitgehend beherrschen. Schließlich ist er der Schlüssel zu ihrer Unversehrtheit. Unverstörtheit. Jetzt sehe ich die Aufgabe darin, ein gutes Maß zu finden, die Öffnung so „einzustellen“, dass der Schild nicht zu einem Gefängnis werden muss oder seelische und geistige „Mangelernährung“ bewirkt, aber eben auch nicht alles einfach so hineinstürmen kann, was der Rest der Welt gerne mal loswerden will. Rapunzel wird in ihrem Turm nur mit dem „gefüttert“, was ihre Entführerin erlaubt, sie hungert nach der Welt draußen. Mein Kind schaut ebenfalls weit in die Ferne, wo es sich das wahre Leben erhofft. Habe ich es verloren? Wer ist seine eifersüchtige Bewacherin und meldet Ansprüche an/auf es an? Womit haben wir diese Ansprüche geweckt? Mit unserem Gelüst nach Früchten aus dem fremden Garten? Mit unserer Erwerbstätigkeit? Anstatt unseren eigenen Garten gut zu bestellen? Könnten wir es? Wüssten wir, wie es geht?
Vor uns liegt eine Woche, in der wir unseren eigenen Garten wieder hintanstellen werden: „Arbeiten gehen“, Hausaufgaben aus der Schule, Elternabend, Schulfest, Geburtstagsprogramm. (Echt jetzt??? Ja. Die Hoffnungen der Eltern erfüllen. Ich habe mich noch gar nicht gefragt, wie ich es eigentlich gern für meinen Liebsten machen würde!) Dann die Rehas: Abschalten, Essen und Reden, Schlafen. Eigener Garten: Tanzen, Chor, Fahrschule, wenn wir dafür nicht zu erschöpft sind. Spielen, Vorlesen, Bauen und Basteln wage ich gar nicht zu nennen. Das müssen die Kinder allein machen.