Woche XXXXIII | Montag, 20.06.2016

Wenn das unbewegte Gesicht der Mutter das Baby aus der Fassung bringen kann (Still Face Experiment), so tut es das auch jedes andere Gesicht. Bei fremden Leuten irritiert uns das vielleicht nicht so sehr wie bei Vertrauten, aber immer wollen wir lesen, wie wir uns befinden in Bezug auf ein Gegenüber.
Manch einer hat in sich selbst genügend Sicherheit, dass er davon nicht allzusehr erschüttert wird, aber ganz kalt wird es auch ihn nicht lassen, nehme ich an.
Ich kann nur für mich sprechen: Ich bin weniger ein Felsen in der Brandung und mehr die Brandung um den Felsen herum. Unsere Kinder sehe ich eher als Brandung, sie holen sich ihre ganze Kindheit lang intensiv Orientierung im „Außen“ und lernen ihre Umgebung, was das Zeug hält. Und wenn eine Klasse zur schlechtesten und schlimmsten Klasse der ganzen Schule wird, dann frage ich mich, ob die erwachsenen Bezugspersonen Felsen in der Brandung sind, und wenn ja, welche Art: mit unbewegtem Gesicht? (Ganz objektiv.) Oder gar mit Zornesblitzen in den Augen? (Besser als gar keine Regung!) Bestimmt kein freundlicher Felsen, dessen bin ich mir sicher. Auch wenn die Fassade das vortäuschen mag. Das ist schnell entlarvt.
Ich wünsche meinen Kindern Erwachsene, die freundliche Felsen in der Brandung sind.
Ich wünsche das allen Kindern auf der Welt. Wenigstens einen, damit keines die Hoffnung am Menschsein verlieren muss und auf die schiefe Bahn gerät.
Und frei nach Erich Kästner: Es ist nie zu spät für eine glückliche Kindheit! Ich wünsche allen Großen, dass sie einem Kind begegnen dürfen, das ihnen dabei hilft…

Woche XXXXII | Freitag, 17.06.2016

Angenommen alles um mich herum ist ein Spiegel meiner eigenen inneren Umstände, die Menschen, die mich umgeben, sind nicht zufällig diese Menschen mit ihren jeweiligen eigenen Naturellen und Verstrickungen. Alles, was ich in ihnen sehe, ist allein meine Schöpfung. Sind sie mir Lust oder Last, zum Lachen oder zum Heulen – ich lerne nichts über sie, kann nichts über sie lernen, ohne mich selbst dabei mit zu betrachten. Denn alles, was ich sehe, was sie tun, kann alle möglichen Bedeutungen für sie selbst oder andere haben, es ist im Grunde völlig gleichgültig in seiner unglaublichen Beliebigkeit, wenn ich es nicht als die Palette der Möglichkeiten in mein Leben hole und mit Bedeutsamkeit belege. Es zählt immer nur das, was mit mir irgendetwas zu tun hat, was eine Regung bei mir hervorruft. Ich kann vielleicht aus der Palette der Deutungen wählen, wenn die aktuelle mir nicht passt. Also, wenn ein Verhalten mich alles andere als erfreut. Wenn ich Wut, Trauer oder andere unbequeme Empfindungen habe in Bezug auf Situationen und Handlungen anderer Menschen. Sonst gäbe es ja keinen Grund, alles zu überdenken. Ich könnte also versuchen, aus einem anderen Blickwinkel draufzuschauen und so alles ins rechte Licht zu bringen, ich könnte aus einer Negativ-Betrachtung in eine konstruktive Umdeutung finden. Was ich daran merken würde, dass aus dem Unwohlsein in Bezug auf die Lage Freude wird.
(Reicht das wirklich? Oder braucht es Umstellungen?)
So werden alle Menschen um mich herum zu einem Buch, in dem ich über mich selbst lesen lernen kann. In dem ich herum wandern kann, bis ich die heimeligen Orte und Blickachsen kenne und auch die Wege dorthin. Ich richte mich ein, in Bezug auf die Gegebenheiten, die inneren und äußeren, falls man das überhaupt so trennen und nennen kann. Dann ändert sich mal was, alles fließt, die Erde dreht sich weiter oder ein Mensch kommt dazu oder verlässt die Nähe. Ich plumpse aus meiner Komfortzone heraus, und darf mich auf den Weg machen, die Harmonie wieder zu finden. (Herzustellen?) Auf die nächste Wanderung des Lernens oder Festigens. (Schöpfen? Gestalten?)
Anspannung – Entspannung. Ein fortwährender Wechsel.
Aber wie ist es mit den Kindern, die durch mich auf die Welt gekommen sind? Was sind sie auf meinem Bildschirm?
Es heißt, die Schwächsten tragen und zeigen die Symptome. Sie sind in meinen Garten geboren und in ihn hineingewachsen, und sie bringen die Wirkungen zum Vorschein, die dieser Garten zeitigt. Wie das Kind im Märchen, das ruft: „Aber der hat ja gar nichts an!“ Der Kindermund tut Wahrheit kund, sagt man.
Wenn mir nicht gefällt, was ich an meinen Kindern beobachte, dann handelt es sich wohl folgerichtig um eine unbequeme Wahrheit über mich selbst? Wenn ich dann die Kinder zum Arzt oder Psychologen oder Therapeuten schleppe, dann diagnostiziert der letztlich meine eigenen Baustellen? Da sie als Lebewesen eine Eigendynamik haben, will ich mir das nicht einfach linear-mechanisch vorstellen, es ist wohl das Knirschen an der Schnittstelle, am Interface, das durch meine Beschränktheit ermöglicht wird, durch mein jeweils noch mangelndes Wissen und Verstehen. Durch das ich, zwar für mich bisher tolerable oder aushaltbare, Kompromisse aufgezeigt bekomme, die jetzt, mit Jungpflanzen, nicht mehr haltbar sind, wenn ich diese nicht leiden und darben sehen will.
Wieviel Verantwortung können die Kinder selber übernehmen? Solange sie nicht erwachsen und eigenständig sind, glaube ich, keine. Sie bleiben mit ihren Antwort- und Handlungsmöglichkeiten immer durch ihre Abhängigkeit beschränkt. Immer nur reaktiv. Bei aller Erfindungskraft, die sie dabei einsetzen mögen. Solange sie Heranwachsende sind, brauchen sie sie, um von ihrem Platz aus den Weg zum Licht zu suchen, und koste es Verrenkungen aller Art. Augenhöhe und Verantwortlichkeit kann erst bei Reife und Ausgewachsensein eingefordert werden. Bis dahin geht es um den Weg nach oben, mit allen möglichen Experimenten und Erfahrungen. Die ich Erwachsene entweder einräumen, begleiten und betreuen kann, oder aber nicht – wenn ich selbst diese Wachstumsaufgaben noch nicht gemeistert habe. Das zeigen mir meine Kinder.
Das zeigen Kinder ihren Lehrer*innen.
Alle Verantwortung für das Lernen der Kinder liegt bei den beteiligten Erwachsenen. Denn die Kinder lernen, und tun die ganze Zeit nichts anderes. Sie lernen ihre Umgebung. Mit Wiederholung als der Mutter der Weisheit und anhaltender Übung als dem Vater der Selbstverteidigung und Lebensrettung. Sie übernehmen die erfolgreichen Strategien und Wege der Großen, um ihre eigene Nische zu finden, ihren schützenden Wachstumspfad hinauf zu den ausgewachsenen Wipfeln.
Dann erst können sie aus unserem Schatten treten und im ungefilterten Sonnenlicht eigene Antworten erschaffen.
Wenn die Kinder in unseren Augen nicht gut lernen oder Schwierigkeiten in oder mit der Schule haben, dann ist es unsere Aufgabe als Erwachsene, uns darum zu kümmern. Wir müssen die Antworten geben. Wir müssen den Raum für das gewünschte Wachstum geben, Zugriff auf die „Nährstoffe im Boden“ gewähren und die Richtung sichtbar machen, aus der das Licht kommt – in der das Ziel liegt. Da hilft auch kein Ziehen und Schieben und Stützen, wenn das nicht zu sehen ist.
Meine Beobachtungen und Gedanken zum Schulleben meiner Kinder bescheren mir am Ende der 42. Woche dieses Schuljahres eine Erkenntnis, für die sich mein Blogvorhaben gelohnt hat. Alles ist klar vor meinen Augen. Ich fühle mich ganz leicht. So ein schönes Gleichnis! Diesen Platz in meinem Garten muss ich mir gut merken (werde ich ihn wiedererkennen?) und den Weg dahin sicherlich noch öfters suchen, bis ich ihn wieder finde. Aber nun weiß ich, dass es einen solchen Ort gibt, und ich werde das nie vergessen.
Ich habe noch Einiges zu tun, wenn ich glückliche Kinder sehen will. Vor allem ist da Angst zu überwinden. Oder aufzulösen. Angst zu versagen, Angst für mich einzustehen, Angst Probleme anzusprechen und Konflikten ins Auge zu sehen. Angst, meine Stärken zum Vorschein zu bringen. Ich habe das in meinem Leben noch nicht gemeistert, bisher ist es immer misslungen. So oft, dass ich des Lebens direkt müde geworden bin, mit all seiner Vergeblichkeit und Enge. Ich lege nicht Hand an mich, selbst zu so einer Aktion bin ich zu müde. Ich richte mich einfach unmerklich zu Grunde. Nach aller Wut meiner Jugendjahre, dem Kopfzerbrechen während der Kinderpflege, der Trauer im Abschied von der Zuversicht – heute nun diese klare Sicht in den blauen, sonnendurchfluteten Himmel!
Ich erhebe mich über die letzten Schatten meiner eigenen Kindheit, scheint’s.
Wohlan.

Woche XXXXII | Montag, 13.06.2016

Für Kinder, die in zwei gegensätzlichen Kulturen aufwachsen, knirscht es mächtig, und sie müssen sich entweder dick polstern oder bekommen es mit allerhand Krankheiten zu tun – da stellt sich ein ganzer Körper mit seinen inneren Organen als Bildschirm zur Verfügung.
Ich hatte es als Kind da viel leichter, Schule und Elternhaus waren sich in wesentlichen Punkten einig. Dass einige dieser Punkte für mich fatal waren oder später wurden, steht auf einem anderen Blatt, denn zu jener Zeit gab es noch keine Gehirnforscher, die deutlich sagten: Das Gehirn macht aus Psychologie Biologie. Und wo es keinen direkt sichtbaren, linearen ursächlichen Zusammenhang gab, wurde er auch nicht angenommen.
Wie viele Spinner*innen mussten ohne wissenschaftliche Messmethoden mit ansehen, wie das für sie Offensichtliche abgestritten wurde. Nun ist die Psychosomatik schon etwas weiter und bestätigt viele der Spinnereien.
Ich als Kind konnte mich eindeutig falsch fühlen, wenn sich Schule und Eltern einig waren, ganz egal, ob ich mit allen meinen Zellen spürte, dass sie im Unrecht waren.
Bis heute kann ich mich dank der eingespurten Denkweisen als Versagerin fühlen. Nur mühsam bekomme ich die Puzzleteile zusammen: Natürlich musste ich scheitern, wenn ich zu Tätigkeiten verdonnert wurde, die mir nicht lagen.
Meine Kinder haben nur das Schulwesen gegen sich, ihre Eltern stehen nach Einfühlung und Verständnis suchend hinter ihnen. Inzwischen ist mir klar geworden, dass die Schule, die ich selbst ja oberflächlich betrachtet ganz gut überstanden habe, heute viel größeren Schaden anrichtet als damals, wenn sie mit den Methoden der Unterwerfung und Bedrohung versucht, ihren Lehrauftrag zu erfüllen. Nicht nur, dass sie die Kinder als Menschen missachtet und zu Objekten der Belehrung und Bewertung degradiert, womit der Weg zum Opfersein systematisch gebahnt wird. Zudem wird das unentschuldigte Fernbleiben auch noch mit Strafen geahndet, derer sich eine freiheitliche Demokratie bedient, die ihren eigenen Bürgern nicht traut.
Mit den Maßnahmen, die eigentlich den Bösen gelten, machen sie in Wirklichkeit den Guten das Leben schwer. Denen, die eigene Antworten geben wollen, Verantwortung leben. Vor allem entlässt sie im Erfolgsfall artige, gehorsame junge Erwachsene, die weit davon entfernt sind, eine freiheitliche Gesellschaft mit der notwendigen kritischen Betrachtung aller Umstände zu bereichern und mit aller Kreativität auf die Lösung der komplexen Probleme hinzuarbeiten. Sie werden Bankleute, Lehrer oder Geschäftsführer – oder Wissenschaftler, letztere vielleicht zusammen mit den Künstlern die einzige Hoffnung auf Rettung?
Sicherlich ist es naiv, blindes Vertrauen in einander zu erwarten, aber Vertrauen ist nichts Blindes. Vertrauen hat mit Vertraut-Sein zu tun, das heißt, man kennt sich. Man ist aufmerksam für einander, in Verbindung. Und alles was diese Verbindung be- oder verhindert, mindert das Vertrauen, beschädigt die Sicherheit und schränkt damit den Raum ein, in dem man sich als Mensch fühlen kann.
Dass das Schmerzen bereitet, können Neurowissenschaftler sichtbar machen. Nun ist das kein romantisches Gedöns mehr.
Inzwischen sind auch die selbst erfüllenden Prophezeiungen wissenschaftlich erwiesen und damit die Grundlage für die Legitimation des Vertrauensvorchusses gelegt: Traue den Anderen das Beste zu! Vor allem den Kindern.
Im Rückblick auf die Schulzeit meiner Kinder beginnt mich Trauer zu erfüllen. Ich musste mich von meinem Grundvertrauen verabschieden, das sich mit jedem Jahr als gegenstandsloser erwies. Bis auf einzelne Mensch gebliebene Pädagog*innen haben viel mehr Pflichterfüller*innen oder Ideolog*innen das Leben meiner Kinder verunstaltet als ich mir hätte träumen lassen – 15 Jahre nach dem Mauerfall, zur Einschulung meines ersten Kindes, müsste das doch anders sein?! Und jetzt, nochmal über 10 Jahre später? Was tun die Erwachsenen, die von Verantwortung sprechen? Was leben sie selbst?
Aber vielleicht ging es wirklich nur um Bananen und nicht um Freiheit. Bananen werden schließlich auch nicht von freien Bauern geliefert.
Die Kinder zwischen den Kulturen werden gesundheitlich von Leuten betreut, die nichts mit dem täglichen Leben der Kinder zu tun haben. Wie kommt die Rückmeldung dort hin, wo sie in die Entscheidungen einfließen kann? Viele Mediziner haben sich in der Vergangenheit an Pädagogen gewandt oder sich gar selbst pädagogisch betätigt, wie Maria Montessori vor bald 100 Jahren. Nun haben wir die Neurowissenschaften, die sich mit dem Organ beschäftigen, das auch fürs Lernen zuständig ist – ich hoffe, dass nun auch die Lernbeauftragenden zugänglicher werden und ihr tägliches Tun besser reflektieren!!! Es gibt ja schon viele, die sich auf den Weg gemacht haben, man kann hingehen und sich was abgucken, wenn man selbst nicht zu den Erfindern gehört.
Und ich selbst? Ich bin Versager, ja, ich kann es einfach nicht: Andere zu Objekten meiner Arbeit zu machen. Und sie dann noch zu bewerten. Und zum ersten Mal im Leben bin ich darauf stolz. Ich bin froh, immernoch diesen direkten Draht zu meinen Gefühlen zu haben und genau zu spüren, wie hohl ein Lob ist und wie schmerzhaft und ungerecht die Eingruppierung jenseits der Guten und Sehr Guten. Zumal weder die einen noch die anderen daraus ein Gefühl dafür entwickeln können, was sie wirklich gut können. Die einen rennen mit einer aufgeblähten Eitelkeit herum, haben aber womöglich nie gelernt, etwas durchzustehen oder etwas wirklich Wertvolles zu tun, und eine Garantie für ein gutes Erwerbsleben sind die guten Noten auch nicht (wie man an mir sehen kann). Die anderen schotten sich -nicht ganz zu Unrecht- von der Arroganz der Guten ab und machen fortan ihr eigenes Ding, den Rest ihres Lebens nicht müde werdend über die Studierten zu schimpfen oder zu lachen.
Die Kinder zwischen den Kulturen zeigen mit Krankheit oder Abschottung deutlich auf die Gefahren hin, denen sie ausgesetzt sind, wir Erwachsenen können nun die Mühlsteine und die ganze Mühle dahinter zu erkennen suchen und uns darüber einigen, was wir wirklich wollen: das ist vielleicht besser für die Kinder, auch wenn wir zunächst irren. Es gibt einen gemeinsamen Nenner, dessen bin ich sicher, der die Unterschiedlichkeit der Menschen und ihrer Wege zu fassen vermag und den Kindern dadurch einen sicheren Boden unter die Füße gibt.

Woche XXXXI | Freitag, 10.06.2016

Was für ein Drama! Die Aussicht auf ein Sportfest löst ein derartiges Unbehagen aus, dass ich befürchten muss, meinen Kindern könnte ernsthaft Schaden erwachsen.
Nun, ich denke, der Schaden ist ihnen bereits entstanden, nur aus üblen Erfahrungen heraus kann so eine intensiv-abwehrende Haltung entstehen. Also wieder ein Schulereignis, an das rote Tücher geknüpft sind.
Ich möchte voranschicken, dass wir nicht von vornherein skeptisch an Schule herangehen, ich habe Vertrauen in die professionellen Erwachsenen gehabt, als ich ihnen meine Kinder übergab. Im Laufe der Jahre musste ich mich über vieles wundern, und, ja, inzwischen äuge ich eher kritisch auf die Schule. Ich habe meine Kinder immer ermutigt und ihnen mit Rat und Tat zur Seite gestanden, ihnen Raum und Zeit für die Erledigung von Hausaufgaben gegeben, ihnen zugehört und bei Bedarf Vorschläge unterbreitet. Ich habe mich um sie gesorgt, wenn sie schlechte Noten heimbrachten, weil ich sah, wie geknickt sie davon waren, habe ihnen versucht zu zeigen, dass sie dennoch gute Kinder sind, in Ordnung, so wie sie sind. Dass es normal ist, wenn nicht alles auf Anhieb klappt, wie beim Laufenlernen. In der Schule wurde aber jeder Sturz zusätzlich noch bewertet: das macht das Straucheln zur Gefahr für das Selbstbild.
Schule ist ein Ort für uns geworden, an dem die Kinder vor Aufgaben gestellt werden, die wir zu Hause zu lösen bekommen. Meine Versuche, diese Aufgaben mit den Lehrenden zu erörtern, stießen auf Selbstverteidigung, Abwiegelung und klare Zuordnung in häusliche Verantwortung.
Sicherlich ist es meine Entscheidung, wie ich damit umgehe, ob ich es zum Privatproblem erkläre und im Stillen mein Süppchen koche oder ob ich dieses zunächst persönliche Thema in die Gesellschaft trage und ihr damit die Möglichkeit gebe, sich zu einer Gemeinschaft zusammenzufinden. Zu dem sprichwörtlichen Dorf.
Der erste Schritt dahin besteht darin, mich zu outen.
Mit einem Misserfolg.
Mit einem Versagen.
Mit einer Schwäche.
Mit dem Eingeständnis, es nicht allein hinzukriegen.
Mit dem Scheitern an der Forderung nach Perfektion und Richtigkeit.
Das sind alles keine Ruhm bringenden Anteile.
Solches zu zeigen verleitet noch viele Leute dazu, einem weitere Ratschläge zu erteilen, was man wie oder anders machen muss. Das verstärkt noch das Gefühl der eigenen Mangelhaftigkeit und zerlöchert das Selbstvertrauen weiter. Oder sie sagen, das sei doch alles nicht so schlimm – ohje, dann bin ich wohl besonders lebensunfähig???
Mein Kind konnte in seinem gegenwärtigen Umfeld niemanden konkret benennen, von dem es eine beschämende Äußerung zu befürchten hätte, wenn es tatsächlich eine schwache sportliche Leistung bringt. Das tröstet mich sehr, aber die Befürchtungen wirken dennoch und verlangen vollen Einsatz zu ihrer Entkräftung, damit überhaupt hingegangen werden kann.
Was allerdings nicht so schnell abzustellen geht, ist die Konsequenz dieser Leistungen für die Noten auf dem Zeugnis. Was das Festliche an diesem Sportfest in meinen Augen gleich wieder zerstäubt. Jegliche Bewertung beraubt solchen Anlass seiner Unbeschwertheit und der damit verbundenen lustvollen Entfaltung auch der kleinsten Talente und Potenziale, die in der Querschnitts-Bewertung ja doch immer schlecht abschneiden. Ein Fest nur für die Überdurchschnittlichen, die Guten.
Abgesehen davon ist es das Bedürfnis eines jeden Menschen, gute Ergebnisse zu erzielen. Wir machen es vielen systematisch unmöglich, wenn wir immer an Klassenzielen orientieren und nie die persönlichen Errungenschaften und Fortschritte eines Kindes ins Licht setzen (und wenn, dann hat es keine Evidenz auf dem Zeugnis), dann machen die mittelmäßigen und unterdurchschnittlichen Kinder andauernd Misserfolgserfahrungen, weil sie ja nie etwas richtig gut hinkriegen, wodurch sie gezwungen werden, in irgendeine Form der Lebensrettungsmaßnahme zu gehen – um ihre Würde, ihr Selbstwertgefühl, Selbstvertrauen nicht völlig zu verlieren.
Mein Kind hat definitiv was nachzuholen in diesem Bereich, wenn die Aussicht auf ein kleines Scheitern solche Panik hervorruft. Und hierfür braucht es „ein ganzes Dorf“, wenn wir nicht abgeschottet leben wollen. Denn das, was die eigenen Eltern sagen, muss vom Rest der Welt verifiziert werden.
Ach ja – Sport-FEST: ich denke auch, jedes Kind sollte eine Teilnahme-Urkunde erhalten, auf der die eigenen Werte draufstehen. Dann kann es von Jahr zu Jahr erkennen, wie es sich verbessert hat in den einzelnen Disziplinen, und es ist ein greifbarer Ausdruck für das Motto „Dabeisein ist alles, schön, dass du mitgemacht hast!“. Die Besten in den Altersklassen müssten sich zudem bei den anderen bedanken, denn ohne sie könnten sie ja gar keine Sieger sein, und es ist schwer für die anderen, Stolz auf diese Leistungen ihrer Altersgefährten zu empfinden, denen nachzueifern Freude macht.

Woche XXXXI | Montag, 06.06.2016

Wenn sich ein Kind vor der Schule versteckt, mag das darüber beredtes Zeugnis ablegen, dass es von zu Hause nicht mit den Werkzeugen und Techniken des Kampfes ausgerüstet worden ist. Dass es sich für Flucht und Rückzug entscheidet, wurzelt vielleicht in einer Vielzahl von Misserfolgserfahrungen in verlorenen Kämpfen. Oder in seiner Sensibilität gegen Krach und andere grobe Kräfte wie Machtspielchen.
Vielleicht schon in den Misserfolgen als Baby, als es um die Aufmerksamkeit, die Spiegelung und das Echo kämpfte, die es dringend brauchte, um sich verbunden und damit sicher fühlen zu können. Um seiner selbst gewahr zu werden, sein Selbst-Sein zu spüren zu bekommen mit allem was dazu gehört: Bedürfnissen und Grenzen.
Ja, ich kann mich als Mutter fragen, ob ich mein Kind gut ausgerüstet habe. Vielleicht übernehme ich in meiner Fürsorglichkeit zu viele Aufgaben und bringe mein Kind damit um die Notwendigkeit und Möglichkeit, selbst zu tun, was es kann. Aber wenn mein Kind den Willen zum Selbsttun verloren hat, dann steckt da möglicherweise die Resignation vor dem Übermaß dahinter. Und es will sich mit dem Letzten schützen, was jetzt noch geht: Verstecken.
Ich habe drei Kinder, sie sind alle verschieden, haben alle dieselben Eltern. (Oder diegleichen, wenn man sie als Fluss betrachtet, in den man nicht zweimal steigen kann, auch wenn es geografisch dieselbe Stelle wäre.) Ihre Arten sich zu verstecken sind unterschiedlich. Eines hat sich einen unsichtbaren Komplettschutzschild zugelegt, an dem alles abprallt, was es sich nicht selbst ausgesucht hat. Eines kommt zu mir gerannt und vergräbt sich in meinen Schoß. Eines verkriecht sich im hintersten Eckchen der Wohnhöhle und von dort aus tritt es die weitere Flucht tief in die hintersten Winkel der Fantasy-Medien an. Unter dem zusätzlichen Deckmantel von körperlichen Krankheitssymptomen, wenn das nicht reicht. (Ich selbst tarne mich meistens mit Lernen und Experimenten und Neuanfängen, den denen wohnt ein besonderer Zauber inne, von dem ich nicht genug bekommen kann.)
Alle drei haben bei mir zu sprechen gelernt, alle drei waren sie Plappermäulchen erster Güte. Zwei sind verstummt, seit sie zur Schule gehen, das dritte droht die Sprache zu verlieren, aber noch bekomme ich, wenn auch mit einiger Verzögerung, Manches erzählt.
Ich meine nicht stumm im buchstäblichen Sinne. Ich meine, dass sie Sprache im Ernstfall nicht mehr als Mittel des Selbstausdrucks nutzen. Sie fallen zurück in unartikulierte Beschwerdeäußerungen und Weinen, wenn sie sich sicher fühlen, oder verschieben das Ganze: in Fettpölsterchen oder Kopfschmerzen, zum Beispiel.
Ihre Angst haben sie nicht hier zu Hause gemacht bekommen. Wir haben sie nicht unter Erfolgsdruck gesetzt. Wir haben getröstet, wenn’s mal schief gegangen ist, haben versucht herauszubekommen, was und wie es gelaufen ist.
Ihre Angst haben sie „draußen“ gesammelt.
In der Obhut von Erwachsenen, denen ich sie vertrauensvoll anheimgestellt habe – fraglos, aber mit dem großen Hoffen auf nette Lehrer*innen, ist ihnen angst und bange geworden. Sie haben die Lust zu lernen immer mehr verloren, immer mehr Furcht vor irgendwelchen Maßnahmen gewonnen, mit deren Hilfe diese professionellen Erwachsenen erreichen wollten, dass sie die Anforderungen erfüllen. Wenigstens die nach Disziplin, denn die guten Ergebnisse im Lernen sind ja Privatsache, das können sowieso nicht alle.
Mein Vertrauen ist geschwunden. Ich bin nun gegen die Schulpflicht, die ich einst als Privileg ansah – als Selbstverpflichtung einer Gesellschaft, ihren Sprösslingen eine solide Basis fürs spätere Leben zu verschaffen. Meine sind beim Gedanken an Schule zermürbt. Was hilft’s, ihnen die viel schlimmere Situation anderer Kinder vorzustellen?
Ist die wirklich schlimmer?
Klar, da zwickt der Hunger noch direkt in den Bauch und macht die Schimpfereien der Lehrerin zum geringeren Übel. Hier aber spüren wir die manipulative Behandlung der Kinder sehr deutlich, keine Armutsschmerzen übertönen das.
Ja, ich empfinde das Unterrichtsgeschehen hier als unterdrückend und manipulierend. Ich finde es sehr treffend dargestellt, wenn es in den Begriffen von Objekt und Subjekt betrachtet wird: Die Kinder als Objekte der Beschulung, Bewertung, Beprüfung und Betestung, Bestrafung, Beleidigung, Bedrohung, Beurteilung. Das ist ganz subtiles, systematisches Mobbing, die Erwachsenen gegen die Kinder. Die Kinder untereinander sind weniger zimperlich, aber gelernt haben sie es von den Großen. Und sei es dadurch, dass die den Kindern, die Hilfe bei ihnen suchen, sagen, sie sollten das alleine klären, ohne sie dazu anzuleiten, wie ein Konflikt im Gespräch gelöst wird.
Meinen Kindern bietet unsere Gesellschaft ein aus Steuern finanziertes Gruselkabinett mit der Aufschrift „Kulturschatzkiste“, das sie nicht straflos meiden dürfen. Und wenn sie drin sind und sich fürchten, dann bekommen sie gesagt, dass das doch Quatsch sei und es gar keinen Grund gebe. Und im nächsten Augenblick setzen die Sprecher wieder die Masken der Pflicht erfüllenden Rollenspieler auf und sind als Menschen fast unkenntlich.
Übertreibe ich?
Auch ich spiele in diesem Gruselkabinett mit, lasse mir einreden, ich müsse meine Kinder da durch jagen, damit sie fit fürs Leben werden. Beim Arzt muss ich für jeden Impfungspiks unterschreiben, dass ich dieser vorsätzlichen Schmerzzufügung zustimme und auch den Risiken und Nebenwirkungen in der Packungsbeilage. Die seelische Verstümmelung meiner Kinder in der Schule muss ich ungefragt hinnehmen, wenn ich mich nicht wegen Schulschwänzen strafbar machen will.
Und komme mir keiner mit der Ausrede, dass das ja alles nicht wegen meinen Kindern so eingerichtet ist, sondern um die Bösen im Zaum zu halten. Diese Schutzmaßnahmen gegen die „Bösen“ bewirken dort genausowenig Gutes wie sie meinen Kindern Schutz und ungestörtes Lernen bieten.
Hinzunehmender Kollateralschaden?
Ihr Kinderärzte und Psychiater, Lerntherapeuten und Sozialarbeiter*innen, brecht euer Schweigen und erzählt den Eltern der „Starken und Erfolgreichen“ und den Lehrer*innen, was ihr für Abgründe zu sehen bekommt! Welch wundervolle Geschöpfe ihr retten müsst, und wodurch diese sensiblen, kunstreichen Kinder so verstört werden. Was sie brauchen, um zu gedeihen. Diese Traumschüler*innen, die ihre enorme Bereitwilligkeit zur Gemeinschaft und zu guten Zensuren mit ihrer Gesundheit bezahlen.
Ich glaube, ein Großteil unserer Stumpfheit gegen das Leiden könnte geheilt werden, wenn wir wieder zu Gärtner*innen würden: Dann könnten wir ein Gefühl für die Bedürfnisse anderer Wesen entwickeln, denn Pflanzen lassen sich nicht befehlen. Sie brauchen die richtigen Umstände, um ihr volles Potenzial zu entfalten, Klima, Bodenbeschaffenheit, Nährstoffe. Ein Gärtner zögert nicht, das optimal einzurichten. Ein Gärtner freut sich an der Vielfalt, und jede eigen-artige Pflanze, der er zu Blüte und Frucht verhelfen kann, erfüllt ihn mit Gärtnerstolz auf seinen grünen Daumen. Und je größer die Auswahl, mit der er das schafft, um so glücklicher wird er.
So geht es auch denjenigen Lehrer*innen, die als Menschen mit Menschen arbeiten, oder wie Gerald Hüther es ausdrückt, als Subjekte mit Subjekten. In der Gewaltfreien Kommunikation heißt das verletzlich miteinander zu kommunizieren.
Wer macht den Anfang?
Ich. Warum nicht.
Also: ich habe Angst vor Leuten, die nur ihren Job machen, die Sachen machen, weil sie müssen oder weil sie sonst ihren Job verlieren. Ich habe Angst, etwas falsch zu machen. Ich habe Angst, nicht gut genug zu sein. Ich habe Angst, ausgelacht zu werden.
Nächstes Mal mehr.

Woche XXXX | Freitag, 03.05.2016

Eine Woche mit zwei kranken Kindern liegt hinter mir. Und ich schreibe den Freitagsstand der Dinge rückblickend von Sonntag früh um 2:30.
Wie groß ist die Sehnsucht der Kinder, sich des wirklich Wichtigen anzunehmen! Und sie möchten es in Ruhe tun, ausgiebig und bis es richtig gut ist für sie.
Ich meine nicht, dass sie in Ruhe gelassen werden wollen im Sinne von „Nicht ansprechen“. Im Gegenteil, sie wollen in aktiver Verbindung sein, nicht abgeschottet, aber es soll eine von der Sorte sein, in der sie sich sicher fühlen: Keines ihrer Bedürfnisse wird verletzt, sie werden in ihrer Würde geachtet und nicht als Objekte benutzt. Sie möchten eigene Entscheidungen treffen für die Beschäftigung mit den Gegebenheiten der Welt. Und wenn sie etwas schreiben sollen, dann möchten sie wissen warum. Und es reicht nicht, dass ich es wichtig finde, sie müssen diese Wichtigkeit selbst empfinden. Und wenn es ein nutzbringendes Werkzeug für ihr späteres Leben werden soll, dann muss die Wichtigkeit positiv sein, womit ich sagen will, dass sie es nicht zu nutzen lernen, um sich vor Strafe oder anderen Sanktionen zu schützen, sondern um ihr Leben zu gestalten und zu verbessern. Wozu eben auch ein gutes Miteinander gehört, das auf gegenseitiger Unterstützung basiert, nicht auf gegenseitiger Erpressung oder Unterdrückung.
Wir tun alle Dinge im Leben, weil sie wichtig sind. Ob sie immer ihren Zweck erfüllen, steht auf einem anderen Blatt, aber dafür genau haben wir unser hoch entwickeltes Gehirn: um herauszufinden, wie es gut geht, und was am besten passt. Und keiner lässt sich einfach so von jemand anders etwas sagen. Alle wollen selbst. Selbst drauf kommen, selbst wissen und können, selbst tun. Alle überprüfen, was sie gesagt bekommen, auch diejenigen, die erstmal Ja sagen. Denn sie machen die Erfahrung, ob Worte und Tatsachen zusammenpassen, übereinstimmen, und welche Bedeutung Worte haben können. Stehen sie für Ideen, Absichten, Pläne, Taten? Welchen Grad der Verwirklichung meinen die Sprechenden? Spielen sie das Gegenteilspiel? Machen sie Witze?
Die Kinder reagieren empfindlich auf die Natur unserer Angebote. Wenn sie die Bedeutung ihres Lesens, Schreibens und Rechnens, ihres Malens, Singens und Tanzens für mich kennen, dann können sie mir bereitwillig schenken, worum ich sie bitte, oder es, sich selbst schützend, verweigern. Wovor schützen sie sich? Davor, vorgeführt zu werden, selbst wenn es lobend ist; davor, gehorsam sein zu müssen und ohne eigene Bereitwilligkeit etwas zu tun. Und wie genießen sie es, wenn wir einander Gutes tun, unsere Arbeit tauschen! Du schreibst was für mich, während ich für dich etwas nähe. Du machst Musik für mich, während ich das Essen für uns koche. Du liest mir etwas vor, dann lese ich dir etwas vor, wir wechseln uns ab.
Ich selbst habe so viel Lob bekommen in meinem Leben, ich habe es satt. Es war mir peinlich, wenn ich vor anderen ausgezeichnet wurde. Das ist es immernoch. Ich bin genervt, wenn jemand etwas anhimmelt, was ich kann – es aber niemals wirklich für sich in Gebrauch nehmen will. Es ist dagegen schön zu hören, dass eine Person sich darüber freut, was ich mache, es genießt, also nutzt. Und mir mit einer Äußerung in dieser oder jener Form Dank ausdrückt, weil durch mein Handeln sein Leben besser geworden ist. Und mir etwas von sich gibt, was auch immer, und diese Geste verbessert mein Leben.
Danach lechzen wir alle, dessen bin ich mir sicher. Auf jeden Fall lieben es auch meine Kinder, wenn sie echte Bedeutung erfahren. Wenn ich ihnen erzähle, wie sehr ich ihre Musik, ihr Bauen, ihr Malen und Schreiben genieße, wie ich mich bei den verschiedenen Ausdrucksformen fühle, wie es mir bei der Arbeit Freude bereitet, dann staunen sie über ihre Wirkungen und freuen sich über Resonanz, gemeinsames Schwingen. Und die Dinge, mit denen ich sie wiederum mit Freuden beglücke.
Und ich freue mich gerade über ein Lego-Duplo-Regal für meine Sprossen-Schälchen, die nun nicht mehr abenteuerlich übereinander gestapelt ständig vom Einsturz bedroht sind. Ich kann sie alle einzeln nehmen, ohne erst darüber stehende abzutragen und umzustapeln. Und der Erfinder dieser Konstruktion freut sich über meine Freude, und wie praktisch ihm seine Konstruktion gelungen ist. Und zum Dank bekommt er von mir ein Eis spendiert. Oder eine Extratour an den Strand, ich habe schließlich etwas Zeit gewonnen… Und das macht ihn wiederum froher.
Ja, die Begegnung als Menschen macht’s, nicht die als Funktionäre, Joberfüller und Rollenspieler.

Woche XXXX | Montag, 30.05.2016

Manchen Kindern, die drei Wochen lang ein Praktikum absolvierten und dann wieder in die Schule zurückkehren, fehlt diese praktische Zeit dann schmerzlich. Das heißt nicht, dass sie nicht mehr lernen wollen, aber eben einfach nicht mehr so theoretisch, gezwungen und fern vom Leben. Sie möchten gute Bildung, weil sie wissbegierig und verständnissuchend in die Welt schauen, und ein Abiturzeugnis, weil das eben die Eintrittskarte für die weiteren Bildungswege ist. Nur leider erstickt die Schule mit ihrer Arbeitsweise jeglichen eigenen Impuls der Wissens- und Verständnissuche, zerreißt die geistigen Prozesse, bietet zerstückeltes Betrachten, Forschen und Lernen und traktiert die Lernenden als Objekte der Überprüfung. Würden sie hier als Subjekte gesehen, wie es Gerald Hüther in den Blick rückt, müssten sie die Möglichkeit bekommen selbst zu bestimmen, wann sie ihr Wissen prüfen wollen, was sie als Nächstes lernen und wie lange und auf welche Weise sie sich damit befassen wollen.
Die Schule hat sie wieder nach einem belebenden Praktikum im echten Leben, zwängt sie wieder ins Stundentafel- und Testkorsett. Es tut einfach nur weh, gerade flackerte ein munteres Flämmchen der kindlichen/jugendlichen Lebendigkeit auf – ich meine nicht die pubertären Auswüchse, die mächtiger sind als Schule – Kreativität und die (Vor-)Ahnung von Sinn im eigenen Leben wagten sich ans Licht, und nun bleiben sie zurück als verblassende Erinnerung. Die Auswertung der Praktikumsmappen geht im Kämmerlein der betreuenden Lehrers vor sich, der Austausch der Lernenden untereinander bleibt auf private Anekdoten beschränkt, nachfolgende Inspiration, gegenseitige Spiegelung und Bekräftigung bleiben aus. Im Praktikum haben sie dagegen jeden Moment Rückmeldungen über ihr Handeln von den anderen Anwesenden bekommen, bewusste und unbewusste, sprachliche und nichtsprachliche.
Bevor eine tragfähige Vision vom Leben nach der Schule entstehen kann, die dem schulischen Lernen Sinn verleihen würde, kehrt die tägliche Tretmühle in das Leben der jungen Menschen zurück.
Ohne meine Rettungseinsätze würden meine Kinder die Schule nicht überstehen. Sei es krankenschwesterliche, hausaufgabenunterstützende oder nachhelfende Arbeit oder die Bezahlung anderer Personen dafür – die Schule dringt tief in das Familienleben ein. Wenn alle Eltern sich dessen bewusst würden, was sie leisten, damit die Schule so bleiben kann wie sie ist, würden sie vielleicht in Streik treten und sagen: „Was hier aus unseren Steuern gemacht wird, ist nicht zielführend.“ Wenn sie sich bewusst wären, wie es sich für ein Kind anfühlt, in der Freizeit, zu Hause auch noch Schule machen zu müssen und nicht nach Herzenslust spielen oder ein Hobby ausüben zu dürfen! Zu Hause wird ein gefährlicher Ort, an dem es nicht sicher ist vor den Schulproblemen, so es sie gibt!
Wenn Eltern den Schmerz spürten, den das Absterben jeder einzelnen Nervenzelle im Gehirn auslöst! Wir haben Schläge und andere körperliche Gewalt abgeschafft, weil’s weh tut. Nun müssen wir den Mord an der eigenen Motivation, Kreativität und Wissbegier abschaffen! Die Vergewaltigung der Seele. Wir mussten da auch durch und es hat uns nicht geschadet? Wir reichen den Schmerz weiter. Klar kann man an den Herausforderungen wachsen, aber dann dürften sich die Leichen im Keller nicht so hoch stapeln.
Meinen ganzen Blog schreibe ich wahrscheinlich nur aus solchen Schmerzen heraus. Und bei aller Münchausenhaften-Mich-Selbst-Aus-Dem-Sumpf-Zieherei kann ich doch eines nicht alleine: Mein Bedürfnis nach menschlicher Gemeinschaft stillen. Dazu brauche ich andere Menschen. Und es schmerzt, wenn sich niemand findet, der mir die magischen Begegnungen beschert, die unsere Märchenfiguren am Ende „erlöst“. Das sind Leute, die sich nicht an den Schwächen und Fehlern stoßen, die sich nicht über Dornenhecken aufregen oder unwegsame Waldwege und Scheintote in gläsernen Särgen. Es braucht ein ganzes Dorf, um die Bedürfnisse eines Menschen zu stillen, es reicht nicht ein einzelner Märchenprinz, der aber setzt eben allem die Krone auf 🙂 (Als Einsiedlerin käme ich insofern gut klar, als ich sehr gut mit mir allein sein kann. Aber es kommt letztlich immer einer, der sich dazudrängelt oder den Platz gar für sich beanspruchen will.)
Den Kindern zu sagen, sie müssten jetzt dies und alles Mögliche lernen, weil sie es später brauchen, ist reine Verschwendung, wenn man genausogut Situationen finden und schaffen kann, in denen der Sinn unmittelbar erlebbar wird: von Schreiben, Rechnen, Lesen, Wissen. Das geht beim Theaterspielen los, beim Musizieren weiter, Malen, Bauen, Kaufen, Forschen…
Stattdessen würgen wir den lebendigen Impuls mit dem Hinweis auf Pläne und Vorschriften ab. Ich als Mutter, indem ich mich den Vorschriften eines Schulgesetzes beuge aus Angst vor den Strafen bei Verweigerung, indem ich mein Kind Menschen anvertraue, die in ihrer Arbeit auch gegen ihr eigenes Herz handeln um die Vorschriften zu erfüllen, so wie ich, wenn ich mich nicht traue da nicht mehr mitzumachen.

Woche XXXIX | Freitag, 27.05.2016

Heute und während der vergangenen Tage habe ich meine von akuten Schulsorgen freie Zeit genossen und mich ausgiebig mit Vorträgen aus dem Internet amüsiert. Besonders gern beschäftige ich mich mit Fragen der Freiheit: Als vor einem Vierteljahrhundert die Mauer fiel, fielen für viele Menschen sämtliche Orientierungspunkte weg, die bis dahin richtig für sie waren. Sie hatten der Freiheit keinen inneren Halt entgegenzusetzen, hatten keinen inneren Kompass, dem sie Zeiten äußerer Wirren zu vertrauen gewöhnt gewesen wären.
Es ist aber auch ein Feindbild weggebrochen für die westliche Welt, die bis heute daran festhält, dass es im Ernstfall eben knallen muss, und sich immer mehr ihre Glaubwürdigkeit verspielt, weil inzwischen nicht mehr nur minder Bemittelte ausgequetscht werden, sondern auch Aufgewecktere in der Zitronenpresse landen und das mangels moralischer und körperlicher Pufferzonen nicht aushalten. Abgesehen von den Lügen, die zutage treten, und auf deren Grund ganze (Kultur)Landstriche verwüstet wurden.
Bis heute bleibt Vieles beliebig anstatt frei. Aber es steht gleichzeitig auch jedem frei, sich ein Rückgrat zuzulegen und die Eigenschaften des Lebens für sich in Anspruch zu nehmen: Sich selbst zu regulieren, eigene Entscheidungen zu treffen, seine eigene Ordnung zu errichten. Anstatt angestrengt einem Wirtschaftssystem zu gehorchen, das wenig darauf gibt, wirklich wirtschaftlich zu sein, denn dann müsste es alles einrechnen, was zur Herstellung eines Produktes wirklich verbraucht wird: auch den Atommüll, der unseren Nachkommen vererbt bleibt, damit wir heute so billig wie es geht die Nacht zum Tag machen können.
Wir verbrauchen Holz ohne die Zeit zu vergüten, die es brauchte, um so zu werden, wie es wurde bis zum Zeitpunkt der Ernte. Wir vernichten Waldflächen und verflachen den bewohnbaren Teil der Biosphäre um unzählige Etagen, wir verlieren weiterhin die Vielfalt der Arten, nachdem wir unsere Kinder der Gleichmacherei unterzogen haben, die wir selbst durchlitten („Aus mir ist ja trotzdem was geworden!“ oder „Das hat mir nicht geschadet“), so dass wir mit der dazu nötigen Stumpfheit ausgestattet werden…

Es ist sicher alles andere als unterhaltsam, solche Litaneien zu lesen und meine wiederkehrenden Bemerkungen zur Schwere des Familienlebens. Und sicherlich ist es wenig zielführend, im Selbstmitleid all die auslösenden Umstände aufzuspüren, die für mein Elend gesorgt haben. Warum tue ich es dann?
Ich möchte einfach wissen, was ich anders machen kann. Ich möchte wissen, wie es denn sein muss, damit es gut wird. Und ich bin zugegebenermaßen recht angespannt. Weil es um die Gesundheit der Kinder geht. Das versetzt mich in Alarmbereitschaft, wie wohl jede fürsorgende Person. Mein Vertrauen in die regulären Versorgungssysteme ist tief erschüttert worden durch die Ignoranz der Ausübenden gegenüber den menschlichen Bedürfnissen. Durch die Arroganz der Gebildeten dem empfindenden Wesen gegenüber, dem sie raten, seinen inneren Schweinehund zu überwinden, so wie sie selbst den ihren zum Schweigen bringen. Wer das nicht tut, ist ihrer nicht würdig.
Dass ich nicht immer optimal tiefenentspannt und voller Verständnis und Geduld (re)agiere, habe ich sicherlich mit der Mehrheit der Menschen gemein. Es ist nie hilfreich, in Zorn, Wut, Verachtung oder Abscheu zu sein, wenn ich eigentlich erreichen möchte, dass sich andere Menschen, mit deren Ansichten ich nicht einverstanden bin, anhören, was ich sage, und mir ihre Zustimmung geben. Dass sie meinen Blickwinkel einmal einnehmen oder sogar ihr Handeln verändern, wenn nicht gänzlich ihre Haltung.
Sowas erreicht man nur, wenn man Sympathieträger für sie ist, und auch dann bleibt es immernoch eine Sache der eigenen Erfahrung, die ein Mensch erstmal machen muss, denn niemand lässt sich einfach so sagen, dass es falsch ist, was er oder sie tut. Es muss schon mit dem eigenen Erleben nachvollziehbar sein, sonst könnte ja Sonstwer kommen und Sonstwas erzählen. (Jemandem zu folgen, der einem aus dem Herzen spricht, ist viel einfacher…)
Ich bin eher weniger eine Sympathieträgerin. Auch das ist tief gespurt. Mein Kindheitsbad in einem Zeitgeist der Menschenverachtung mit all den dazugehörigen Schutz-, Nischensuche- und Anpassungsstrategien hat eine Aufschrift auf meine Stirn gegraben, und ich treffe viel auf ganz normale Menschen, die alle artig der unsichtbaren Anweisung Folge leisten. Kaum einer ist trotzig genug, emanzipiert sich davon, und folgt stattdessen lieber seinem Gewissen, das ihn/sie mahnt, Mitgefühl zu empfinden und eine eigene Antwort zu geben: Du bist richtig, so wie du bist, mit all deinen Schrammen und Narben, deinem krummen Wuchs, der Zeugnis davon ist, dass es mal eng war. Der sagt: „Ich sehe unter die Maske, hinter die äußere Erscheinung, sehe deine wirkliche Natur, deine „True Colours“.“ Dieses Lied von Cindy Lauper treibt mir regelmäßig die Tränen in die Augen, und wenn ich es selbst jemandem vorsingen will, versagt mir die Stimme.
Statt dieser, zugegebenermaßen für Ungeübte etwas anstrengenden, Blickweise (das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar) üben alle „Artigen“ die übliche Kritik. Zu schnell, zu laut, zu kompliziert, zu sprunghaft, zu verkopft, zu gefühlsduselig, … Es gibt eine lange Liste von Urteilen, die mich unannehmbar machen.
Ich befinde mich in einer Umgebung überwiegend mit Menschen, die von mir nicht das wissen wollen, was ich weiß, nicht nutzen wollen, was ich kann. Es ist eine meiner Aufschriften. Ich bin dabei, sie aufzuspüren und auszulöschen. Es ist eine Verknüpfung im Gehirn, in der Kindheit angelegt. Dass diese Autobahn spurlos verschwindet, bräuchte es: – Macht mir gern Vorschläge, wie ihr alte Gewohnheiten los werdet, welche Umstände dabei helfen. Ich für mein Teil würde gern auf Therapeuten verzichten und stattdessen Menschen um mich haben, die auf’s Urteilen verzichten und ihre Rückmeldungen an mich im Sinne der Gewaltfreien Kommunikation geben. Mit denen ich in gegenseitiger Resonanz schwingen kann. Eine uralte Sehnsucht, schon aus Kindertagen, die stattdessen eher von Erziehung geprägt waren. Es würde mir sehr helfen beim eigenen Erlernen dieser neuen Wege und der Beräumung der ausgedienten.

Woche XXXIX | Montag, 23.05.2016

Es hat keinen Freitags-Eintrag gegeben, denn es gab nichts zu schreiben. Auch heute am Wochenstart bewegen mich weniger die aktuellen Vorfälle, weil es schlichtweg keine gibt. Jedenfalls keine, von denen ich weiß.
Ich habe gleichwohl immernoch um gelingendes Familienleben zu ringen, da die Kinder nicht ganz in ihrer Mitte sind, aber das, was jetzt läuft, halte ich überwiegend für „normale“ Entwicklungsetappen. So wie sie eine Phase des Ja-Sagens hatten, die von einer Nein-Zeit abgelöst wurde, so wie sich die Wahrnehmung im Laufe der Zeit ausdifferenziert, so wie sie eine zeitlang sehr hilfsbereit waren und mitwirken wollten, so gibt es eben auch eine Zeit des Alleinseinwollens, des Puzzelns, und bei den Größeren die Sucht nach Altersgenoss*innen und Abgrenzung von den Altvögeln.
Mich können jetzt auch Altlasten beschäftigen, noch offene Entwicklungsfragen, aber auch die Verwicklungen der vergangenen Schuljahre.
Sozial-emotionale Kompetenz steht da weit vorn, aber auch die Beantwortung der Frage, wie Kinder denn Motivation für den Erwerb der Kulturtechniken und die Aneignung von Wissen finden können, wenn sie nicht mehr per Zensuren und Sanktionen dazu gezwungen werden sollen. Wie an der Schule meines Jüngsten, die aber im Konzept dazu keine Aussage formuliert. Die Anfangsneugierde lässt irgendwann nach, es kommt früher oder später auch zum Nachlassen der Bereitwilligkeit zur Mitwirkung bei Themen und Aufgaben, die sich die Kinder nicht selbst gesucht haben. Nun wird es interessant: Wie kann ein*e Erwachsene*r das Feuer am Brennen halten? Oder kann er/sie es aushalten, wenn es mal ausgeht? Kann er/sie zulassen, dass der ihm/ihr anvertraute noch so junge Mensch die Sinnfrage stellt? Hier braucht es schon sozial-emotionale Kompetenz, denn die Welt der Gefühle und Emotionen ist wie ein Schilderwald. Hier brauchen Kinder ganz sicher gute Begleitung, wenn sie diese inneren Maßstäbe nutzen lernen sollen. Bisher ist Verdrängung und Überwindung das, was gemeinhin angeboten wird – mancherorts mag sich das bereits wandeln, aber es ist dennoch Neuland. Erst recht schwierig wird das Gelände, wenn es interaktiv wird und zwei Personen beteiligt sind. Die eigenen Gefühle und Bedürfnisse und die der anderen Person liegen nun in den Waagschalen, da kommt es einem langsam sinnvoll vor, dass sich die Mächtigeren Regeln ausgedacht haben, wie es sein sollte, und diese dann mit den Mitteln der Hierarchie durchgesetzt und aufrechterhalten haben.
Wie geht das zwischen gleichwürdigen Beteiligten?
Jedenfalls nicht so schnell.
Vielleicht spielt sich das im Laufe der Zeit ein, denn alle Sachen, die häufig genug vorkommen oder getan werden, automatisieren sich und werden dann auch schneller.
Kann es also einmal Gewohnheit werden, dass wir unsere Kommunikation umstellen von einer Anweisungsausteilung hin zur gemeinsamen Lagebetrachtung und Handlungsentscheidung? Dass wir sie dafür derart entschleunigen, dass es das heutige Schnellschnell wirklich nur noch in Notfällen gibt?
Ich hoffe sehr und bleibe weltfremd, indem ich es jetzt schon probiere. Nicht leicht, so oft falle ich selbst in die alten Gewohnheiten zurück…

Woche XXXVIII | Montag, 16.05.2016

Ich schreibe im Rückblick, denn ich war gestern außerstande.
Mich beschäftigt ein Gedanke aus einem Vortrag bzw. Gespräch mit Joachim Bauer, das ich auf youtube ansah. Es ging um die Wiederentdeckung des freien Willens. Den üben wir aus, wenn wir nicht als Reiz-Reaktions-Automaten agieren, sondern zwischen Reiz und Reaktion innehalten, Luft holen und den Blick für verschiedene Möglichkeiten öffnen. Diese verschiedenen Möglichkeiten sehen zu lernen, sie zu bewerten, ihre Folgen abzuschätzen und zwischen allem abzuwägen, könnten unsere Kinder vom ersten Atemzug an lernen, wenn wir sie lassen, meine ich. Ich habe es meinen gestattet, sie durften immer selbst wählen. Ich habe meine Befindlichkeiten mit in die Waagschale gelegt, vielleicht nicht in vollem Ausmaß, was sich derzeit gerade rächt, aber das hat genau mit ebendieser Maschinerie zu tun, die aufgrund erlernter Denkmuster einrastet im Automatikmodus, wenn man nicht aufpasst.
Mit Schuleintritt war damit weitgehend Schluss für meine beiden Großen, denn dort wurde natürlich fraglos getan, was verlangt wurde.
Aus heutiger Sicht für die Kinder wahrscheinlich ein ganz schöner Schock, plötzlich so ungefragt zu etwas verdonnert zu werden. Anfangs arbeiteten sie wahrscheinlich noch aus Neugier mit, und wenn die Lehrerin geschickt genug war, dann hat sie die Bereitwilligkeit noch ein Weilchen erhalten können, aber letztlich wurde sie doch überstrapaziert. Denn an keiner Stelle gab es Raum zwischen Reiz durch die Lehrerin und geforderter Reaktion vom Kind. Jegliche Nichteinhaltung einer Forderung wurde irgendwie geahndet.
Wenn dieser Raum nicht gegeben wird, kann kein Kind den Umgang mit Freiheit lernen, keine eigenen Entscheidungen treffen jenseits des geringeren Übels – Mach ich HA und opfere meine Freizeit oder lasse ich sie und nehme ich eine tadelnde Bemerkung bzw. schlechte Note in Kauf?
Nur weil es Kinder gibt, die mehr Anleitung „brauchen“, wird denen, die selbst entscheiden wollen, diese Möglichkeit genommen, mehr noch, sie werden entmündigt. Ich vermute, dass zu Beginn eigentlich kein Kind so bedürftig ist in Bezug auf Geleitetwerden, alle haben bis zur Geburt alles selbst gemacht, sich selbst erschaffen. Dieses von Pädagog*innen beobachtete Brauchen ist womöglich erworben worden, vielleicht bei überfürsorglichen oder besonders intensiv erziehenden Familien. Aber das ist meine Spekulation.
Genausowenig, wie der Raum für eigenes Abwägen gewährt wird, gibt es Raum für die dabei ins Spiel kommenden Gefühle und Emotionen, die ja schließlich mitwirken bei der Entscheidungsfindung. Sie sind der Maßstab. Je nach Grad der Freude wird gemeinhin das am meisten Versprechende gewählt, was absolut Sinn macht, wenn man sich den Begriff Bedürfnisstillung auf der Zunge zergehen lässt. Wir tun doch alles im Leben nur, damit es uns (wieder) besser geht. Ein Bedürfnis tritt auf, meldet sich immer stärker und dringlicher, geradezu schmerzhaft, und erst, wenn wir die passende „Nahrung“ dafür zu uns genommen haben, verstummt es wieder. Und welches die am besten passende Nahrung ist, ermessen wir aus den Erfahrungen, die wir mit den einzelnen Angeboten machen, aus den Gefühlen, die sich damit verknüpfen. Ich denke, dass hier auch Nachhaltigkeit zum Kriterium wird. Mir geht es jedenfalls so, dass ich zwar die Spaß machende Wirkung von Süßem zu schätzen weiß, aber ich weiß auch, dass ich dann ganz schnell etwas „Handfestes“ dazu brauche, sonst wird mein Hunger nur noch schlimmer. Das Süße bekommt mir nur gut, wenn es als I-Tüpfelchen dabei ist. Auch bei Kindern beobachte ich das. Klar wollen die immer das Süße zuerst, und wenn ich zuständig bin, dann beschließe ich mit ihnen gemeinsam Maß und Reihenfolge. Vor allem wenn ich sehe, wie das Naschen tatsächlich ein Ausmaß annimmt, das auf echten Hunger schließen lässt, nehme ich das Süße vorerst ganz aus dem Spiel. Und wenn ich die Erfahrung gemacht habe, dass nach dem Leckerli das Sattessen nicht gut klappt, weil kein Hunger (Appetit) mehr beim Speisen hilft, kurze Zeit später aber der Hunger umso heftiger wieder zuschlägt, dann kommt diese Reihenfolge beim nächsten Mal auch gar nicht mehr in Frage. In Abständen erlaube ich die Erneuerung dieser Erfahrung, denn mir ist nun einmal wichtig, dem Kind die Daten für eigene Beobachtungen und Schlüsse zugänglich zu machen, und vor allem die Erfahrung, selbst nicht übergangen zu werden und zu Gehorsam angehalten. Ich glaube, das Selbstwertgefühl hängt sehr damit zusammen und wird enorm gestärkt, wenn ein Kind mitbestimmen darf.
Kompetenz im Umgang mit Entscheidungen und Gefühlen entwickelt sich, wie alle Kompetenzen, in der Ausübung. Mit der einfachen Unterdrückung ist da nichts Gutes getan, und wenn Erwachsene die Bereitwilligkeit der ihnen anvertrauten Heranwachsenden gewinnen wollen, müssen sie in dieser Hinsicht Raum geben. Ich meine nicht Verkumpelung oder etwas dergleichen. Ich meine Anleitung und Begleitung. Doch dazu müssen die Großen erstmal selbst kompetent werden in diesen Dingen, fürchte ich. Und ihre eigenen Scheintoten aus dem Keller befreien, sie anerkennen und die Erfahrung machen, dass auf diese Weise die „negativen“ Emotionen, die nur dem Schutz des Selbst dienen in ihrer abwehrenden oder zum Rückzug veranlassenden Qualität, ihre Botschaft abliefern können und sich dann nach erledigtem Auftrag auflösen.
Der freie Wille hat nichts mit Beliebigkeit zu tun. Bei uns Lebewesen geht es immer um die Stillung von irgendeinem Hunger, denn das Leben ist ein Stoffwechselprozess, auch bildlich gesprochen, und da wird eben immer was zugeführt umgewandelt, eingebaut oder aussortiert und ausgeschieden. Die Angst der Erwachsenen ist sicherlich nicht unbegründet, aber letztlich müssen sie die Kinder nur vor emotional und freiheitlich inkompetenten Menschen und deren Altlasten schützen und hier und da auch vor Ertrinken, Vergiftung oder Absturz.