Fachkräftemangel

Schritt zurück? Schuld ist die Schule.
In Deutschland herrscht Fachkräftemangel – das ist zu lesen und zu hören. Durchaus auch zu spüren. Ärztliche Behandlungsfehler, pflegerischer Notstand, Lehrermangel, freie Lehrstellen… Nun freut man sich hierzulande über das Potenzial, das durch die Völkerwanderung an unsere Gestade gelangt. Was wollen die Flüchtlinge hier, im Land der fehlenden Fachkräfte? Besteht da nicht ein besonderes Risiko, sich mit Doofheit anzustecken?

Mal Polemik beiseite: Wieso werden so viele unserer eigenen Früchtchen faul?

Ich diagnostiziere: Uns mangelt es an Fachkräften für Freiheit!

Unser Schulsystem basiert auf Zwang, wer nicht hingeht, kann belangt werden, bis hin zu Geldstrafe, Inhaftierung oder Sorgerechtsentzug. Argumentiert wird damit, dass ja sonst die ganzen Bildungsfernen gar nicht erst zur Schule gingen. Dass jedoch auch von den anderen viele der Schule eine Absage erteilen (offen oder verdeckt), fällt noch nicht so richtig auf. Meine Kinder z.B. würde ich auch nicht hinschicken, wenn ich ein wenig mutiger wäre. Sie leiden unter den Ansagen in der Klasse, die für die „Bösen“ gedacht sind, viel mehr als die eigentlich Gemeinten. Kollateralschaden? Ich leide unter dem Zettelkram, dem Krankmelde-Zwang und der Entfremdung meiner Kinder von sich selbst. Sie leiden unter dem fortwährenden Gleichschritt, unter dem Verpassen von Unterrichtsstoff und unter der Ignoranz gegenüber ihren Bedürfnissen, ihrem individuellen Rhythmus, ihrer eigenen Art, in die Welt zu gehen und sie sich zu erschließen.

Nun erreicht unser Schulsystem also die Bildungsfernen trotz Zwang nicht und verstümmelt obendrein die Willigen. Denn ihre körperliche Anwesenheit allein reicht nicht, um den Kindern die Kulturschätze einzuverleiben. Ja, das klingt schon wie ein übergriffiger, gewalttätiger Akt. Die Bildungsfernen üben sich im Einüben von Vermeidungsstrategien, meine Kinder suchen Schutz im Traumland oder lassen sich hinwegfegen und landen in Kopfschmerzen, also zu Hause im Bett. Sind also gar nicht aufnahmebereit. Und dann gibt es noch einige „Erfolgreiche“. Sie sind Lernmaschinen oder anderweitig begabt, so dass sie die Schule mit guten und sehr guten Noten verlassen können. Sind sie die Fachkräfte für Freiheit, die wir so dringend benötigen? Ich bezweifle das, denn sie haben Systemkonformität bewiesen – immer schön artig lernen und im Unterricht aufpassen und machen, was aufgetragen ist. Klar ist ihnen die Erfahrung vergönnt, dass Übung zur Meisterschaft führt, und sie können das für ihr eigenes Fortkommen nutzen. Auch wenn sie als Pädagogen enden sollten, denn nun können sie es dem Nachwuchs predigen und behalten recht.

Meine ehemals kooperationsfähigen und -bereiten Kinder befinden sich im Widerstand. Leider nicht in konstruktiver Weise wie z.B. mit kreativem Selbstausdruck in Text, Bild oder Musik. Sie sind im Flucht-Modus. Auf Lebensrettungsmission. Es geht um ihre Integrität. Die erfolgreichen Schulabgänger*innen haben in der Regel wenig Verständnis für die Versager, sie selbst sind meist als Einzelkämpfer*innen ans Ziel gelangt und meinen hochmütig, man müsse sich halt etwas mehr anstrengen, dann schaffe man das schon.

Auf der Strecke bleiben also die Faulen. Die Angestoßenen. Das Fallobst. Die Madigen. Die Angepieksten. Die von der industriellen Verarbeitung Beschädigten. Asozialer geht es kaum. Genial: gesellschaftlich nicht nur geduldet, sondern etabliert und anerkannt.

Fachkräfte für Freiheit also. Leute, die sich daran erinnern, dass Motivation nur von innen kommen kann. Leute, die darum wissen, dass wir als lebende Wesen alle dieselben Grundbedürfnisse haben – nach Lebensunterhalt, Sicherheit, Zuwendung, Verständnis, Teilhabe, Muße, Kreativität, Identität und Freiheit. Wir müssen nur ein wenig komplex denken können, um sie unter einen Hut zu bekommen. Oder eben: kreativ. Und mit Gleichwürdigkeit als echtem Anspruch. Wir brauchen Schulen (wenn schon Schule), in denen die Kulturschätze wie Schätze – zum Entdecken und Bergen – dargereicht werden. Wir Erwachsenen brauchen Arbeit, die gewürdigt wird anstatt ausgebeutet, damit wir aus unserem Dauer-Alarm herauskommen. Und nicht nur die „Erwerbsarbeit“. Eine jegliche Tätigkeit, die der Stillung der Grundbedürfnisse dient, ohne dabei eines zu verletzen, muss höher angesehen sein als Tätigkeiten und Arbeitsumfelder, die Gefahren für Leib, Leben und Beziehung bergen. Die Zerstörung meines Familienfriedens begann mit der Überlastung des erwerbstätigen Vaters, setzte sich fort in der Überstrapazierung der Kooperationsbereitschaft meiner Kinder in Kita und Schule und findet ihre anhaltende Konsolidierung im staatlichen Kontrollzwang durch Entschuldigungszettel und Gesundheitswesen. (An letzterem verdienen sich auch wieder einige Erfolgreiche Asoziale ihre goldenen Nasen.) Mal ganz zu schweigen von meinen eigenen seelischen Verletzungen, deren Heilung ich als Geschichtsbewältigung und Friedensarbeit empfinde – Eine Leistung, für die man gewürdigt werden müsste, statt als „Versager“, ErwerbsUNFÄHIGER, Sozialschmarotzer dazustehen. Mutter. Ehrenamtlich. Elternvertreter*in. Meine Autonomie und Selbstachtung mühselig wahrend als Freiberufliche. Ich möchte, dass meine jahrelange, stille Aufbauarbeit nicht einfach so niedergemetzelt wird. Von Fachkräften zweifelhafter Art an den Hebeln der Gesellschaft.

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