Woche V | Freitag, 02.10.2015

Schon wieder eine Woche rum. Heute schreibe ich erst am Nachmittag, gestern abend schlief ich beim Kuscheln endgültig ein, heute morgen ging gleich das Karussell auch für mich in die Vollen.

Alle Kinder waren in der Schule, keines befand sich in sichtbarem Alarmzustand. Oishi-Kawaii war ein bisschen aufgeregt wegen eines Vokabeltestes, Kkumhada ging wie immer kommentarlos ihrer Wege und McFlitz hat keine ernsten Sorgen in Bezug auf Schule. Allerdings holte ich ihn zu einem Zeitpunkt von dort ab, als er noch in einer unvollendeten Geschichte steckte, die er noch nicht zu seinem eigenen Besten lesen konnte: Im Aikido ist es wohl zu einer Auseinandersetzung gekommen, bei der er außer sich geriet. Seine Trainerin bestärkte ihn, dass er endlich mal selber sehen konnte, wieviel Kraft doch in ihm steckt, und dass er sein Potenzial ruhig zum Vorschein treten lassen kann – auch wenn es zunächst in Form von lautstarker Interessenvertretung geschieht. Man kann sich natürlich überlegen, ob Fenster einschmeißen (das war sein Hinweis auf mögliche Entladungswege) vielleicht durch etwas anderes ersetzt werden kann, in das die Wut fließen könnte…

Seit dem Schulelternrat sind zwei Tage vergangen, jetzt habe ich alle Kontaktdaten und kann die Impulsgebung starten, Steinchen ins Wasser werfen, Wellen machen. Ich möchte vor allem das leidige „das ändern WIR nicht mehr“ und „da können wir nichts machen“ loswerden, umwandeln. Oder jenes „das hat uns auch nicht geschadet“ widerlegen, wenn nicht gar entkräften.

Ich habe mich auch bei einer Schule gemeldet, in der ich vielleicht Offen Unterrichten könnte, je nachdem. Aber ich glaube, mein Platz ist eher außerhalb des „Systems“, jedenfalls für gewisse Zeit, auch um den Blick aus der Ferne zu behalten, auf das Großeganze. Einen Ort zu schaffen, an dem sich Kinder und Jugendliche mit ihrem innersten, lebendigen Kern rückverbinden können, ungestört aus sich selbst heraus die Bilder schöpfen können und sich selbst aufbauen. Sei es im Wort oder im Bild oder musikalisch. Oder handwerklich. Einen Ort, an den Erwachsene kommen können, die sich erinnern wollen und sich zu ihrer Lebensquelle durcharbeiten möchten,

Eine Mutter und ich haben auch schon überlegt, eine Zeugnis-Verbrennung zu organisieren. Ihre Entstehung ist höchst gesundheitsgefährdend und ihr Inhalt völlig unbrauchbar. Unsere Kinder in eine Massenabrichtungsinstitution zu schicken, „sie den Verhältnissen anzubequemen“, wie es Eva Strittmatter sagt, gefährdet das Kindeswohl. Ich habe es bei zweien meiner drei Kinder über Jahre erlebt. Und auch das Wohl der Familie ist nachhaltig beeinträchtigt. Mein Kleiner hat nur vereinzelt die Gelegenheit, aus dem Gleichschritt zu fallen und sich als den Anschluss verpassend zu erleben.

Unsere Verhältnisse sind lebensgefährlich, wir müssen Kinder von allem fernhalten, was wir Erwachsenen so machen. Straßenverkehr, Getreidefelder, Energiekraftwerke… Und wir haben asoziale Arbeits- und Lebensbedingungen: Vereinzelung, systematische Verantwortungslosigkeit, Unzuständigkeit, knauserige Bezahlung.

Ich möchte meine Kinder diesen Verhältnissen nicht anbequemen. Auch mich selbst nicht. Ich möchte mit Freunden arbeiten, die Früchte meiner Arbeit genießen und mit anderen teilen, tauschen. Ich möchte auf eine Weise arbeiten, dass ich gesund dabei werde, und nur ab und an einmal so, dass ich urlaubsreif bin. Ich möchte Arbeit auch nicht nur als Lohnbeschäftigung auffassen, auch das Reisen als Arbeit verstehen – Bildung. Die Arbeit am eigenen Heim genauso bewertet sehen wir die für jemand Anderen. Die Pflege guter nachbarschaftlicher Beziehungen muss genauso wertvoll gesehen werden wie die Führung eines Unternehmens. Na, die Liste lässt sich endlos fortsetzen.

Jetzt gehe ich erstmal ins Wochenende. Und in meinen Garten, den so lange vernachlässigten.

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Nachgedanke. Die Kinder sind jenseits jeglicher Bereitwilligkeit. Ich saß vorhin in der Badewanne und klopfte an die Wand. Das ist gewöhnlich das Signal, dass jemand in der Badewanne Unterstützung braucht. Meine drei Kinder wussten, dass ich es in diesem Falle war, aber sie hatten es nicht eilig. Vielmehr mussten sie schlechtgelaunt klären, wer denn nun gehen soll…

Sie sind sicherlich feierabendreif, eine vollgepackte Woche liegt hinter ihnen. Aber Familienleben stelle ich mir trotzdem anders vor. Warum gehen sie nicht schlafen, wenn sie müde sind? Wonach hungern sie, nach einer Woche viel-zu-tun, dass sie ihren körperlichen Hunger aufschieben?

Kurzmitteilung

Werte,

die mir so wichtig sind, dass ich Alpträume von ihrem Verlust bekomme.
Unsere Welt ist schwer in Bewegung, Menschen aus anderen Kulturkreisen sind auf der Flucht vor Menschen mit wiederum anderer Kultur. Aus ideologischen Gründen dreschen sie auf andere, aufeinander ein. (Vielleicht mit dem stillen Einverständnis der Finanz- und Wirtschaftsheinis, die die Welt unter sich aufteilen und die schmutzige Arbeit dem „Pack“ überlassen. Hey Leute, kommt zur Besinnung!!! Ihr seid Puppen im Theater!)
Worum fürchte ich? Ich fürchte für mich als Frau und für meine Töchter, dass wir die Freiheit, mit der wir durch den Teil der Welt tanzen können, der das zulässt, verlieren könnten. Dass wir unsere Selbstbestimmung aufgeben müssen, die wir in unserer Familie und im Freundeskreis und in Deutschland und einigen anderen Gegenden leben können. Und dann sehe ich mich um: Es gibt auch hier genügend Beispiele von Gewalt gegen Frauen! Frauen, die still ertragen. Die sich nicht trauen, dagegen aufzubegehren. Die keinen kennen, der sie ermutigt, sich nicht alles gefallen zu lassen.
Da ist meine Angst wohl berechtigt. Wenn ich so ein seltenes Privileg habe. Und es nicht nutze, um auch anderen Frauen Teilhabe zu verschaffen.
Ich werde mir eine stärkere Basis schaffen, indem ich die gepeinigten Frauen ermutige! Indem ich mich mit anderen freien Frauen vernetze (unsere Freiheit fördert ja auch eine Individualgesellschaft ohne inneren Zusammenhalt, jedenfalls habe ich hier Nachholbedarf) Und diejenigen Männer würdige, die den Mumm haben, sich der vollen weiblichen Kraft und ihren Abgründen zu stellen, ohne sie fesseln, einsperren und quälen zu müssen! (So wie meiner :). Danke!)

Woche IV | Montag, 21.09.2015

„Mama, wann gehst du arbeiten?“, fragt mich meine Oishi-Kawaii am Frühstückstisch und meint damit Erwerbstätigkeit. Ich sage, ich arbeite die ganze Zeit, nur dass ich eben kein Geld dafür bekomme. Der Stellenwert der Erwerbstätigkeit ist durch nichts zu toppen. Traurig, oder? Auch wenn ich bedenke, mit welchem Geiz sie entlohnt wird. Unsere Sparsamkeit führt dazu, dass wir uns die Arbeit unserer Nachbarn nicht leisten wollen/können(?), ganz zu schweigen unsere eigene!, und lieber die Menschen am anderen Ende der Welt für uns bluten lassen.

Jedenfalls, wenn wir Geld als einziges Tauschmittel betrachten und uns dann selbst nicht mehr einräumen füreinander zu arbeiten. Oder gar miteinander! Die Tomaten im Laden sind billiger als wenn ich sie selber im Garten ziehe. Ich könnte sie niemals verkaufen und Mindestlohn dafür erhalten.

Eine andere Sorge bedrückte sie schon gestern abend: Heute wird ein Test geschrieben in einem Fach, in dem sie wegen Krankheit nicht aktiv teilgenommen hatte, und also nur weiß, was sie durch Abschreiben der verpassten Inhalte aufnehmen konnte. Worum fürchtet mein Kind? Um sich selbst? Dass ihm Schlimmes widerfährt? Eine schlechte Note? Versagen? Droht vielleicht darüber hinaus Beschämung? Ich habe ihr gesagt, dass sie von uns nichts zu befürchten hat, dass ich eher sehe, wie die Schule mal wieder versagt, wenn sie die Kinder vor solche Aufgaben stellt, ihnen aber gleichzeitig nicht ausreichend Zeit zur Beschäftigung mit der Materie einräumt, eben bis auch mein Kind ein sicheres Gefühl hat, die Herausforderung meistern zu können. Es wird ungefragt getestet. Wie ein Objekt. Was bleibt mir sonst zu sagen? Ich versuche für Gelegenheiten zu sorgen, in denen meinem Kind die Erfahrung von Kompetenz möglich ist. In denen es sich als lebensfähig bestätigen kann, als in der Lage, es hinzukriegen. Wir brauchen dazu keine Tests. Wir merken es daran, ob es „hinhaut“.

McFlitz konnte gestern abend auch keine Ruhe finden. Er hatte noch kein Geburtstagsgeschenk und fühlte sich schlecht, so ganz ohne etwas in der Hand für seinen Papa. Ich kenne dieses Gefühl gut. Bei mir kommt noch dazu, dass ich unter allen meinen Ideen keine ausmachen kann, mit der ich einfach so zufrieden bin. Ich rede mir und McFlitz zu: das Wichtigste sind die guten Gefühle für einander. Die Achtung und Wertschätzung jeden Tag. Nimm deinen Papa doch einfach in den Arm und gib ihm ein Küsschen. Sag ihm, wie lieb du ihn hast. Plötzlich sprudeln die Ideen für weitere liebe Aufmerksamkeiten und wir könnten ohne weiteres einige Wochen lang ein Geschenk nach dem anderen hervorbringen… Er sagte, morgen in der Schule könnte er ja was für Papa machen. Ist das nicht ein Traum? Die Schule als Ort für wirklich relevante Arbeit? (Leider meinte er den Hort. Aber den Traum haben wir tatsächlich schon mal gelebt, bevor ich in der Erschöpfung landete.)

Kkumhada ist anscheinend ganz entspannt in die Woche gestartet. Sie hat noch immer einen guten Schutzschild um sich, durch den nur Sachen herein dürfen, die sie sich selbst ausgesucht hat. Und sie ist wählerisch. Ich hatte in der Vergangenheit wiederholt den beinahe unbezähmbaren Impuls, ihr ihren Eigensinn kräftig auszutreiben, konnte mich aber immer noch weitgehend beherrschen. Schließlich ist er der Schlüssel zu ihrer Unversehrtheit. Unverstörtheit. Jetzt sehe ich die Aufgabe darin, ein gutes Maß zu finden, die Öffnung so „einzustellen“, dass der Schild nicht zu einem Gefängnis werden muss oder seelische und geistige „Mangelernährung“ bewirkt, aber eben auch nicht alles einfach so hineinstürmen kann, was der Rest der Welt gerne mal loswerden will. Rapunzel wird in ihrem Turm nur mit dem „gefüttert“, was ihre Entführerin erlaubt, sie hungert nach der Welt draußen. Mein Kind schaut ebenfalls weit in die Ferne, wo es sich das wahre Leben erhofft. Habe ich es verloren? Wer ist seine eifersüchtige Bewacherin und meldet Ansprüche an/auf es an? Womit haben wir diese Ansprüche geweckt? Mit unserem Gelüst nach Früchten aus dem fremden Garten? Mit unserer Erwerbstätigkeit? Anstatt unseren eigenen Garten gut zu bestellen? Könnten wir es? Wüssten wir, wie es geht?
Vor uns liegt eine Woche, in der wir unseren eigenen Garten wieder hintanstellen werden: „Arbeiten gehen“, Hausaufgaben aus der Schule, Elternabend, Schulfest, Geburtstagsprogramm. (Echt jetzt??? Ja. Die Hoffnungen der Eltern erfüllen. Ich habe mich noch gar nicht gefragt, wie ich es eigentlich gern für meinen Liebsten machen würde!) Dann die Rehas: Abschalten, Essen und Reden, Schlafen. Eigener Garten: Tanzen, Chor, Fahrschule, wenn wir dafür nicht zu erschöpft sind. Spielen, Vorlesen, Bauen und Basteln wage ich gar nicht zu nennen. Das müssen die Kinder allein machen.

Woche III | Montag, 14.09.2015

Ich habe das Wochenende einmal mein schlechtes Gewissen ignoriert und getan, was mir wichtig ist. Das bedeutete zwar, dass ich kaum mit meiner Familie zusammen war, aber auch, dass ich ihnen mal nicht vorlebte, wie man sich ständig bremsen lässt und von seinen Werten abhalten, um andere Werte (übertrieben?) zu würdigen. Im Klartext: Die Fürsorge für meinen (auf mich etwas allergischen) Nachwuchs habe ich auf Nachfrage und Anregungen beschränkt. Allerdings nicht durchgehend, einmal habe ich vehement auf Inhalieren bestanden, als ein „Willabernicht“ die Oberhand gewann über meine schniefende und hustende Tochter, die hier unter dem japanischen Lecker-Süß firmiert, Oishi-Kawaii. Ich habe „Willabernicht“ und „Magaber“ zu inakzeptablen Gesprächspartnern erklärt, und immer wenn sie zum Vorschein kommen, breche ich die Erörterung ab, die dann ohnehin gar nicht mehr möglich ist. Das hatte ich vor einiger Zeit noch nicht so erkannt und mich aufgeregt oder auf einen sinnlosen Kampf eingelassen. Aber ich bin noch selbständig erkenntnisfähig und konnte das jetzt also durchschauen. Seit ich hierin Klarheit habe, geht es uns allen besser. Ach ja, die Kinder hatten ihren Papa zur übrigen Versorgung zur Verfügung. Die Verwahrlosung blieb also in Grenzen (nehme ich an ;)).

Ich kann daher gar nicht viel über das Wohlergehen der Kinder berichten, mir stellt sich die Lage nach wie vor ungesund dar, meine Oishi-Kawaii werde ich heute zu Hause haben, bei McFlitz überlegte ich, ob ich ihn überhaupt in seine Läuse-heimgesuchte Schule schicke. Diese Massen-Haltung der Kinder in Schulen und Klassen ist vielleicht auch ein Thema für Kinderschutz. Wobei McFlitz nur 17 weitere Lernbeauftragte neben sich hat. Das Immunsystem bekommt hier jedenfalls auch seine Hausaufgaben. Mich nervt dabei, dass ich verpflichtet bin, über seine Abwesenheit Rechenschaft abzulegen, wegen des Anwesenheitszwangs und der Schulpflicht. Das hat nichts mit Verantwortlichkeit zu tun, das ist Vorschrift und Gehorsamsforderung. Dazu der ewig währende Wettbewerb und Leistungsdruck, der unweigerlich aufkommt, wenn im Gleichschritt gelernt werden soll.

Meine Große, ihr Name hier sei Kkumhada (koreanisch für Träumen), „krankt“ nicht körperlich, zeigt mir für ihr Teil nur „die kalte Schulter“. Das sei ihr zugestanden, denn ich denke, sie tut es aus Selbstverteidigung. Ich bin nicht immer eine Kuschelmama geblieben und wir stecken nun wohl wieder in einer Art Geburt, als was ich die Pubertät geneigt bin zu betrachten. Es könnte schlimmer sein, es könnte Gift und Galle geben oder gar tätliche Auseinander-Setzungen. Glücklicherweise bleibt es bei uns ganz gemäßigt bei friedlichem Aushandeln. Ich halte in diesem Zirkus die ellenlangen Vorträge und tanze durchaus auch einmal wie Rumpelstilzchen…

Ich war also Samstag und Sonntag Gutes Beispiel dafür, sich nicht vom Wahren, Guten und Schönen abhalten zu lassen und unterstützte ehrenamtlich mein Lieblingsprojekt: einen Ort, an dem Kulturaustausch und Achtsamkeit gepflegt werden, wo Menschen wirken, die mithilfe von Kunst und Literatur Raum zum Nachdenken und -empfinden geben. Mit denen ich auf eine Weise zuammenarbeiten kann wie sie mir heilsamer nicht denkbar ist. (Nun müsste man nur noch davon leben können!) (Und das wäre gar nicht teuer, nur Essen, Trinken, Kleidung, Obdach, Heizung, Mobilität. Was braucht man da schon, wenn man glücklich ist?) Wie ich mit Freude zu ungeahnter Höchstform auflaufen kann! Was ich da alles schaffe! Und wie lebensfroh ich noch bin, während mir vor Müdigkeit die Augen zu fallen! (Oh Mann! Wie blockieren wir die Lebenskräfte mit unserer Alltagskultur! Und wie kaputt sind wir am Ende des Tages, anstatt rechtschaffen müde mit einem breiten Grinsen im Gesicht einzuschlafen.)

Ich werde als nächstes mein Gehorsamsproblem angehen und mich davon emanzipieren. Oder einfach heilen. Ich hoffe, ich lerne Vorschläge zu machen, die annehmbar sind (meine Kinder sind da die Jury), und das zudem auf eine Art und Weise, die annehmbar ist. Ja, das ist wohl manchmal der eigentlich springende Punkt. Vielleicht finden sich dann hier vor Ort auch mehr Mitstreiter*innen für die Verbesserung des Schullebens? Irgendwie strahle ich wohl etwas Zwanghaftes aus, was wenig einladend wirkt. Es kann also noch besser werden, und ich bin neugierig auf das Kommende!

Ich bin dankbar für dieses Wochenende, es war angefüllt mit Lachen und Heiterkeit und randvoll mit emsiger Arbeit neben wohliger stiller Besinnung. Ich habe gesungen und Tee getrunken.