Woche XXXX | Freitag, 03.05.2016

Eine Woche mit zwei kranken Kindern liegt hinter mir. Und ich schreibe den Freitagsstand der Dinge rückblickend von Sonntag früh um 2:30.
Wie groß ist die Sehnsucht der Kinder, sich des wirklich Wichtigen anzunehmen! Und sie möchten es in Ruhe tun, ausgiebig und bis es richtig gut ist für sie.
Ich meine nicht, dass sie in Ruhe gelassen werden wollen im Sinne von „Nicht ansprechen“. Im Gegenteil, sie wollen in aktiver Verbindung sein, nicht abgeschottet, aber es soll eine von der Sorte sein, in der sie sich sicher fühlen: Keines ihrer Bedürfnisse wird verletzt, sie werden in ihrer Würde geachtet und nicht als Objekte benutzt. Sie möchten eigene Entscheidungen treffen für die Beschäftigung mit den Gegebenheiten der Welt. Und wenn sie etwas schreiben sollen, dann möchten sie wissen warum. Und es reicht nicht, dass ich es wichtig finde, sie müssen diese Wichtigkeit selbst empfinden. Und wenn es ein nutzbringendes Werkzeug für ihr späteres Leben werden soll, dann muss die Wichtigkeit positiv sein, womit ich sagen will, dass sie es nicht zu nutzen lernen, um sich vor Strafe oder anderen Sanktionen zu schützen, sondern um ihr Leben zu gestalten und zu verbessern. Wozu eben auch ein gutes Miteinander gehört, das auf gegenseitiger Unterstützung basiert, nicht auf gegenseitiger Erpressung oder Unterdrückung.
Wir tun alle Dinge im Leben, weil sie wichtig sind. Ob sie immer ihren Zweck erfüllen, steht auf einem anderen Blatt, aber dafür genau haben wir unser hoch entwickeltes Gehirn: um herauszufinden, wie es gut geht, und was am besten passt. Und keiner lässt sich einfach so von jemand anders etwas sagen. Alle wollen selbst. Selbst drauf kommen, selbst wissen und können, selbst tun. Alle überprüfen, was sie gesagt bekommen, auch diejenigen, die erstmal Ja sagen. Denn sie machen die Erfahrung, ob Worte und Tatsachen zusammenpassen, übereinstimmen, und welche Bedeutung Worte haben können. Stehen sie für Ideen, Absichten, Pläne, Taten? Welchen Grad der Verwirklichung meinen die Sprechenden? Spielen sie das Gegenteilspiel? Machen sie Witze?
Die Kinder reagieren empfindlich auf die Natur unserer Angebote. Wenn sie die Bedeutung ihres Lesens, Schreibens und Rechnens, ihres Malens, Singens und Tanzens für mich kennen, dann können sie mir bereitwillig schenken, worum ich sie bitte, oder es, sich selbst schützend, verweigern. Wovor schützen sie sich? Davor, vorgeführt zu werden, selbst wenn es lobend ist; davor, gehorsam sein zu müssen und ohne eigene Bereitwilligkeit etwas zu tun. Und wie genießen sie es, wenn wir einander Gutes tun, unsere Arbeit tauschen! Du schreibst was für mich, während ich für dich etwas nähe. Du machst Musik für mich, während ich das Essen für uns koche. Du liest mir etwas vor, dann lese ich dir etwas vor, wir wechseln uns ab.
Ich selbst habe so viel Lob bekommen in meinem Leben, ich habe es satt. Es war mir peinlich, wenn ich vor anderen ausgezeichnet wurde. Das ist es immernoch. Ich bin genervt, wenn jemand etwas anhimmelt, was ich kann – es aber niemals wirklich für sich in Gebrauch nehmen will. Es ist dagegen schön zu hören, dass eine Person sich darüber freut, was ich mache, es genießt, also nutzt. Und mir mit einer Äußerung in dieser oder jener Form Dank ausdrückt, weil durch mein Handeln sein Leben besser geworden ist. Und mir etwas von sich gibt, was auch immer, und diese Geste verbessert mein Leben.
Danach lechzen wir alle, dessen bin ich mir sicher. Auf jeden Fall lieben es auch meine Kinder, wenn sie echte Bedeutung erfahren. Wenn ich ihnen erzähle, wie sehr ich ihre Musik, ihr Bauen, ihr Malen und Schreiben genieße, wie ich mich bei den verschiedenen Ausdrucksformen fühle, wie es mir bei der Arbeit Freude bereitet, dann staunen sie über ihre Wirkungen und freuen sich über Resonanz, gemeinsames Schwingen. Und die Dinge, mit denen ich sie wiederum mit Freuden beglücke.
Und ich freue mich gerade über ein Lego-Duplo-Regal für meine Sprossen-Schälchen, die nun nicht mehr abenteuerlich übereinander gestapelt ständig vom Einsturz bedroht sind. Ich kann sie alle einzeln nehmen, ohne erst darüber stehende abzutragen und umzustapeln. Und der Erfinder dieser Konstruktion freut sich über meine Freude, und wie praktisch ihm seine Konstruktion gelungen ist. Und zum Dank bekommt er von mir ein Eis spendiert. Oder eine Extratour an den Strand, ich habe schließlich etwas Zeit gewonnen… Und das macht ihn wiederum froher.
Ja, die Begegnung als Menschen macht’s, nicht die als Funktionäre, Joberfüller und Rollenspieler.

Woche XXXVII | Fr., 13.05.2016

Freitag, ein Dreizehnter, und was für ein Glückstag! Ich teste es seit geraumer Zeit, es klappt wirklich gut. Anstatt das Unglück zu befürchten, unterstelle ich besonderes Glück…
Für mich läuft alles bestens: die Kinder sind gesund, es gibt keinen Grund zur Sorge. Nur der Lebensunterhalt ist sehr knapp, da ich noch nicht wirklich etwas beisteuere. Wenn die Kinder wohlauf bleiben, dann kann sich das schnell ändern! (Eigentlich bräuchte man gerade im Krankheitsfall besondere finanzielle Zuwendung, statt dessen fällt sie eher weg. Von den Kassen bekomme ich nix, schon auch weil ich keine Kassenleistungen zur Genesung in Anspruch nehme. Keine Krankenakte -> keine Maßnahmen, kein Krankengeld…)
Dazu kam sommerlicher Sonnenschein, Vogelstimmen ringsumher, ich habe mir Frei genommen und das Unbehelligtsein ausgiebig genossen.
Und dabei kamen mir solche Gedanken: Wie kann man Kinder so viele Jahre in Räume mit Kunstlicht festsetzen? Sie gehören ins Freie! Woher sollen sie ein Gefühl für die Natur bekommen? Woher erfahren sie die Sensibilität des Lebendigen? Wie sollen sie lernen, es zu hegen und zu pflegen, zu lieben? Wir erhoffen uns im Umgang miteinander Respekt oder Achtung – oder reicht uns Gehorsam? Sollen wir einander fürchten?
Wenn die Kinder nach all den Jahren die Schule verlassen, in denen sie tun mussten, was Lehrer*innen ihnen auftrugen, denken lernen sollten, was die Erwachsenen denken, können sie dann unterscheiden, ob sie einem Redner vertrauen dürfen oder lieber nicht? Wo sie doch die ganze Zeit daran gewöhnt wurden, dass die Erwachsenen recht haben und das Betrachten der Originale nicht auf dem Lehrplan stand? Alles was sie über die Natur wissen, haben sie aus Büchern und Erzählungen, eigene Beobachtungen sind bestenfalls illustrativ vorgenommen worden.
Ich finde das unverantwortlich.
Ich finde es auch unverantwortlich, wenn erwachsene Menschen sich selbst zu Zahnrädern im Getriebe reduzieren. Sich weigern, die Wirkungsweisen von Zusammenhängen zu betrachten und die nötigen Änderungen vorzunehmen, um Schaden abzuwenden. Wenn sie sich hinter Äußerungen wie „Daran ändern wir sowieso nichts“ verstecken. Oder: „Unser Votum hier spielt sowieso keine Rolle, da brauchen wir auch gar nicht abzustimmen.“
Kann sein, dass der Wille eines Menschen oder einer Gruppe von anderen übergangen wird oder erst recht ein Gegenteil entschieden wird. Aber das tun wiederum Menschen und ich frage mich, wie es abei in denen aussehen mag? Wie denken sie? Was nehmen sie stillschweigend an, welches Bild vom Kind und von anderen Erwachsenen tragen sie mit sich herum? Können sie damit glücklich sein?
Ich beobachte meine Denkmuster so oft ich ihrer gewahr werden kann. Es ist ein nicht abreißen wollender Strom, solche Geschichten hat noch keiner geschrieben, solche Filme noch niemand gedreht… Und welcher Aufwand ist es, alle unwahren Gedankenkreise wieder zu entrümpeln. Wenn Robert Betz recht hat, dann merkt man die Unwahrheit an der Schwere, die ein Gedanke in einem bewirkt, und man steht vor der Aufgabe, die Schaltkreise so umzustecken, dass es leicht wird. Wenn man gesund werden möchte oder glücklich. Ich kann mir das gut vorstellen, denn wenn ich etwas gut kann, geht es leicht, wenn ich etwas erkannt habe, dann möchte ich springen vor Glück… Es flutscht. Es gelingt. Es ist stimmig oder fühlt sich in sonst einer Weise gut an. Und versetzt mich in einen Schwung, der mich tanzen macht, singen, jauchzen, frohlocken…
Das schaue und lausche ich heute bei den Vögeln in meinem Garten. Die Bäume sind leider schon so grün, dass ich sie nicht mehr entdecken kann, nur der Walnussbaum ist noch durchsichtig. Wie können Heranwachsende diese kostenlose Medizin vorenthalten bekommen?
Wir glauben, etwas muss schwer sein, damit es was wert ist. Oder echte Arbeit. Wenn ich bei der Arbeit nicht schwitze, dann ist es keine. Aber wie oft schwitze ich mit Vergnügen? Und versetze dabei Berge! Ist das dann keine Arbeit gewesen, wenn ich triefend und stöhnend aber in tiefster Seele glücklich das Beet umgrabe, wie andere ihre Joggingrunden drehen oder im Fitnessstudio irgendetwas ziehen, schieben und stemmen? (Das sollte „angezapft“ werden für die Energiegewinnung!!!) Aber ob es schwer ist oder sich nur so anfühlt, das ist eine persönliche Wahrnehmung. Für viele ist das Stillhalten die schwerste Aufgabe, anderen wird bei der gleichen Übung Faulheit vorgeworfen.
Beim Ballett, und sicher auch in anderen Disziplinen, soll das Ergebnis federleicht aussehen. Welche Anstrengung darin steckt, wissen wohl nur die Tanzenden. Aber fällt sie ihnen schwer?
Welche Freude macht es, Kinder zu unterrichten! Es fällt mir überhaupt nicht schwer. Wenn ich das manchen Pädagog*innen erzähle, schauen sie mich ungläubig an. Ihnen möchte ich ans Herz legen den Mut zu fassen, endlich das zu tun für ihren Lebensunterhalt, was ihnen leicht fällt! Braucht ihr jemanden, der es euch erlaubt? Ich erlaube es euch! Ach, ich bin nicht der Bildungsminister? So ein Pech! Schöne Pfingsten! (Die nächste Kreuzigung kommt bestimmt…)

Woche XXXIII | Freitag, 15.04.2016

Es blieb nicht bei einem kranken Kind. Ich habe seit Mittwoch auch mein Grundschulkind zu Hause, und es gibt mir die Möglichkeit auch mal zu erleben, dass einer unbedingt in seine Schule möchte, aber wegen Krankheit nicht kann… Und ich kann hier nun ganz „entspannt“ davon ausgehen, dass es sich um eine reine biologische Privatangelegenheit handelt, die ihre Türöffner nicht in erster Linie einem maßlosen „Rest der Welt“ verdankt. Die Faktoren befinden sich also in meinem direkten Zugriff, was auch bedeutet, dass ich unmittelbar was machen kann. (Ich schätze, ich kann auch sonst immer was machen, aber es gleicht mehr einem Tappen im Nebel, während ich jetzt gerade klare Sichtverhältnisse habe.)
Auch mein großes Kind in der Ferne hatte dieser Tage mit einer Infektion zu tun, nun ist es seit 8 Wochen im Land seiner Träume, die größte Aufregung hat sich sicherlich gelegt, auch mithilfe eines geregelten Tagesablaufs. Was nicht bedeutet, es würde langweilig, denn die Sprache gilt es intensiv zu lernen, wenn der Unterricht in der Schule ihm etwas mehr bescheren soll als die Fragezeichen des Nichtverstehens.
Ich hatte also krankenpflegerische Aufgaben, dachte wieder einmal über die damit verbundene Verhinderung meiner anschafferischen freiberuflichen Tätigkeit nach und den damit einhergehenden Verlust von Einkünften. Und selbst wenn ich voll weiterarbeitete und mir lieber eine „Krankenschwester“ aus der Nachbarschaft holte, hätte ich Ausgaben, die sonst nicht anfielen, und damit auch unserem Haushalt abgehen. (Für manche Genesungsvorgänge braucht es aber eine Mutter und keine Apotheke.) Ich müsste eigentlich immer eine Bereitschaftsperson vorhalten, wenn ich gut abgepuffert sein und zuverlässig für meine Erwerbstätigkeit bereitstehen möchte. Diese Bereitschaftsperson arbeitet dann für mich, um ihren Unterhalt zu erwerben.
Ich arbeite für das Fortbestehen menschlichen Lebens, wenn ich Kinder großziehe. Für meinen Unterhalt sorgt mein Mann mit seiner Arbeit. Dafür bekomme ich ihn nur kurz am Tag zu Gesicht und das, wenn er abgespannt ist. Er ist auf sich allein gestellt mit seiner Aufgabe, denn Chefs beiderlei Geschlechts und Kolleg*innen sehen sich nicht zwangsläufig als Gemeinschaft an, in der er es darum geht, einander bestmöglich zu unterstützen( – vielleicht noch bei bei einer Gemeinschaftsaufgabe, die dem Leben aller dient). Verliert er seine Arbeit, muss er sich sehr zettellastig beim Amt rechtfertigen, um für seinen Lebensunterhalt und den seiner Kinder zu sorgen. Nun gut, dann könnte ich vielleicht voll loslegen und für uns anschaffen gehen. In freier Wildbahn könnten mich nur konkrete andere Lebewesen, Wetter und Landschaft behindern oder fördern, in unserer Menschlichen Gesellschaft bekomme ich es außerdem mit Regeln und Gesetzen zu tun, die ich verinnerlicht habe. Ich bin, abgesehen von etwas Garten, für den ich zu wenig Zeit finde, weitgehend abgeschnitten von direkter Selbstversorgung (Ackerbau, Jagd, Sammeln), bin auf Kooperation angewiesen, weil ich all die nötigen Handwerke gar nicht beherrsche. Wenn mich unser Gesellschaftswesen so abhängig macht, dann ist es ein Leichtes, mich zu erpressen. Aber einer Menschlichen Gesellschaft ist es möglich, fürsorglich zu ihren Mitgliedern zu sein, es ist sogar nötig. Und wie ich finde, kann es sogar ohne Bedenken bedingungslose Fürsorge sein. Muss. Man erinnere sich an die Studie mit den Kleinstkindern, die zutage förderte, welcher Natur wir sind, wenn wir zur Welt kommen: unterstützend! Kooperativ! Gegenseitig. 100%.
Ich glaube, meinem Mann täte es auch gut, Unterstützung zu spüren bei der Ernährung seines Nachwuchses. Sicher würde er mit Freuden mehr Zeit mit diesen kleinen Menschlein verbringen und dabei auch selbst ausgeschlafen sein. Und auch mehr ausgeschlafene Zeit haben für Reparaturen in der Wohnhöhle, Arbeiten in Hof und Garten. (Ich will ja gar nicht einmal von kulturellen Genüssen jenseits von Radio und Fernsehen reden.)
Wir sind kaum in den Urlaub gefahren, wir wohnen wo andere Urlaub machen, und solange unsere ländliche Ruhe nicht von Zivilisationsgeräuschen gestört wird, geht diese Rechnung auch auf. Aber auch die Kurzausflüge zu den weit verstreut wohnenden Verwandten und Freunden, an die Ostsee oder in die Hauptstadt bedürfen einer finanziellen Ermöglichung…
Wenn gut für die Erwachsenen gesorgt ist, dann haben auch die Kinder ein besseres Leben, werden weniger begluckt, weil größeres Vertrauen herrscht – in die Nachbarschaft, die Gesellschaft, die dann sogar Gemeinschaft sein könnte. Die Erwachsenen brauchen Kooperation, gegenseitige Unterstützung. Unsere Gesellschaft muss darüber klar werden. Das andauernde Gefühl, irgendwie über’n Tisch gezogen zu werden, erpresst und ausgebeutet, führt für mich zu einem Denken a la „Wer’s glaubt, wird selig“ wenn mir jemand weismachen will, ich müsste mich nur noch ein bisschen mehr anstrengen. Auch dazu gibt es eine sehr illustrierende Studie, die inzwischen für eine Süßigkeiten-Werbung missbraucht wird: Wenn du den Marshmallow jetzt nicht isst, dann bekommst du nachher zwei davon. Das funktioniert meines Erachtens nur in einer unterstützerischen Gemeinschaft, nicht in einer ausbeuterischen Gesellschaft. Zumal wenn es keine Zwangskirche mehr gibt, die die Verarschten aufs Paradies vertröstet. Nur diejenigen, die sich abschotten von der ganzen Versuchung, mögen den Segen der Selbstbeherrschung zu erfahren bekommen, aber sie müssen wohl auf der Hut sein und das vom Munde Abgesparte solange vor der Meute verbergen, bis der Bonus kommt. Und dann schnell futtern. Oder wieder auf den nächsten Bonus warten? Und dann geht es ihnen wie dem Mann, der seine gesparten Goldtaler vergrub und aus Angst vor Entdeckung nur seltenst nachsah, ob sie noch da wären. Und als er eines Tages beweisen wollte, dass er als reicher Mann sterbe, waren sie verschwunden. (Immerhin bewies er, dass man würdevoll als armer Arbeiter leben konnte – wenn man nur einen geheimen Schatz sein eigen nannte.)(Was ist mein geheimer Schatz?)
Die derzeitigen Nutznießer der Unbeherrschtheit haben’s aber vielleicht auch nicht viel besser: Müssen sie doch in Gated Communities all die abgeschöpfte Sahne verbergen und vor dem Neid der Besitzlosen schützen…
Wo steht hier die Schule? Unterstützend? Und damit ein sicherer Ort für Kinder? Sie ist vielleicht nicht abschöpfend, aber wenn sie Gehorsam fordert und Disziplin erpressen will, bahnt sie denen den Weg zum Erfolg, die es im echten Leben sind und unter dem Deckmantel einer Wachstumswirtschaft Eltern und Kinder ausquetschen, was das Zeug hält.

Woche XXIII | Freitag, 05.02.2016

Gestern also der Stichtag für die zweite Wochenbuchnotiz, der Tag stand, wie auch die übrigen dieser Woche, im Zeichen von Schniefnasen. Auch nach einer Woche Ferien und fast ungestörtem Spiel hatte McFlitz keine Gelüste auf Unternehmungen, es blieb ihm jedoch wenig Wahl, wir hatten eine Beerdigung auf dem Zettel, ein Novum für ihn. Wir begruben meine Tante, trafen auch wieder einmal Familienmitglieder 2. und 3. Grades.
Die Große, Kkumhada, konnte bei dieser Reise-Gelegenheit ihre Visa-Unterlagen für’s Austauschjahr einreichen, Oishi-Kawaii schrieb an ihrem Buch weiter – Smartphone sei Dank! – und genoss auch das Interesse der entfernt verwandten oder befreundeten Erwachsenen. Beide müssten in meinen Tagebuch-Schilderungen eventuell umbenannt werden, die Jüngere in Nani mo shiranai – „ahnungslos“ – in Anlehnung an einen sehr häufig von ihr zu vernehmenden Ausspruch. Noch scheint sie auch keinen inneren Impuls zur Genesung zu verspüren. Alle unsere Maßnahmen bringen zwar körperliche Heilung, die wird aber sofort wieder hinfällig, sobald Schule ansteht. Es bedarf einer inneren Wandlung, nehme ich an, eine der Gesundheitsressourcen fehlt. Vielleicht diejenige des Selbstwirksamkeitsgefühls, das Gefühl von „Ich kann was machen“. Stattdessen hält sich wohl eher Ohnmacht und damit eine gewisse Resignation, so dass der Konflikt auf eine andere Ebene verschoben wird, die körperliche. Ruft man sich ins Gedächtnis, dass jegliche Gefühlsverfassung mit einer entsprechenden biochemischen Stoffproduktion im Körper einhergeht, die wiederum den Zellstoffwechsel in Gehirn und ausgewählten Organen beeinflussen, dann schließt sich der Zusammenhang ganz ohne Zauberei.
Die Große sollte nun eher Yeoheanghada heißen, Reisende, denn sie ist mit den Vorbereitungen ihres Aufbruchs ans andere Ende der Welt beschäftigt. (Nun ja, nicht genau das andere Ende.) Sie setzt einen Traum um, einen lange gehegten Wunsch, hat einen mit Papier gepflasterten Weg zurückgelegt, mit der Hilfe ihres Papas, hat sich eine Sprache mit anderen Schriftzeichen erschlossen (gut, dass es kein Schulfach war, denn ich zweifle, dass sie dann ihren Eigenantrieb behalten hätte…). Nun geht es in zwei Wochen los…
Ich freue mich für diese Möglichkeit, ich trauere, dass ich nicht mehr für sie tun kann, als ihr einen Papa verschafft zu haben, der sie tatkräftig unterstützt. Ich kann nur mit wenig handfesten Beiträgen dienen: Gespräch und Herzenswunsch. Das Geld haben wir privat geliehen, wir waren nicht förderwürdig, aber das wird auch seine eigene Sinnhaftigkeit entwickeln. Vielleicht führt es dazu, dass außer der pekuniären Unterstützung auch ein weiterer Dialog im Familien- und Freundeskreis über den Status der verschiedenen Arten von Arbeit entstehen kann: Erwerbsarbeit, Familienarbeit, Heilungsarbeit, ehrenamtliche Arbeit ….
Eine Woche Ferien haben wir noch, vielleicht erwacht auch etwas Unternehmungslust, so dass wir mal wieder etwas anderes zu sehen bekommen als unseren alltäglichen Suppentopf. Jedenfalls ist das mein Bedürfnis. Mit den Kindern einen Ausflug zu machen. Ans Meer oder in eine koreanische Handwerks- und Kultur-Ausstellung in Rostock. Auch die Hauptstadt würde mich locken. Mal sehen. McFlitz jedenfalls braucht seinen Spielplatz, sein Lego. Der nahe gelegene Wald könnte auch schon für das Gefühl sorgen, völlig woanders gewesen zu sein.

Woche XXI | Freitag, 22.01.2016

Der fast wegkurierte Schnupfen von Oishi-Kawaii sitzt täglich auf dem Sprung, um wieder zuzuschlagen, nach Schule und Hausaufgaben ist das Mädel so erschöpft, dass Tür und Tor offen stehen bleiben. Also weiter Dampfbaden… Wie kann sie lernen, ihren Einsatz so zu dosieren, das sie gesund bleibt? Ich denke doch, dass sie dafür in der Schule unterstützt werden müsste, wenn sie dort schon so viel Zeit verbringen soll. Aber niemand dort ermutigt ein Kind, sein eigenes Maß kennenzulernen und zu berücksichtigen.
McFlitz hatte Zeugnisgespräch in dieser Woche – was für ein Gegensatz! Keine am Querschnitt orientierten Noten, ein individueller Lernstand mit allem, was richtig gut klappt, und mit dem, was als nächstes kommen könnte. Zum Beispiel ist Lesen noch nicht so seine Leidenschaft, daher macht er’s nicht so oft wie gewünscht. Ist aber nicht schlimm, wir denken nun eben nach, was der richtige Stoff für ihn sein könnte, wenn er unter den vorhandenen Büchern noch nichts finden konnte. Vielleicht müssen es technische Texte oder Geschichten mit solchen Themen sein, so gern wie er baut und konstruiert. Hier regiert nicht die Angst, dass er es nie lernen wird, wenn nicht jetzt…
Meine Träumerin Kkumhada ist ihrem Traum nun ganz praktisch näher gerückt. Zwar sind wir finanziell nicht ganz aus eigenen Kräften unterwegs, aber es finden sich immer mehr Freunde, die uns Geld leihen oder sponsern, so dass ich die Erfahrung machen darf, wie sich ein unterstützendes Netz anfühlt!
Auch im Städtchen tut sich was: Man redet über Zustände in Schule und Gesellschaft, jenseits des Küchentisches und mit der wachsenden Absicht, darüber nachzudenken, ob man nicht doch etwas ändern kann. Aufhänger ist der Film „alphabet. Angst oder Liebe“. Die Kleinreder, Abwiegler und Pessimisten („Da können wir eh nichts machen!“) müssen die erste Reihe räumen und langsam aber sicher Platz machen für diejenigen, die nicht einfach nur labern. So kommt es mir jedenfalls vor und das fühlt sich gut an!!! Es gab sogar Leute, die vom bedingungslosen Grundeinkommen reden, ohne dass ich sie darauf gebracht hätte. Ja, ich denke, dass wir die Einteilung der Arbeit in Erwerbsarbeit und sonstige (Hobby, Ehrenamt, Familie, Freundeskreis) nicht mehr verantworten können.
Meine Kinder ermutige ich, sich den Weg in ihre Zukunft nicht gerade vorzustellen, Schule-Ausbildung-(Studium)-Job. Ich denke, sie werden nach der Schule erstmal Zeit brauchen, um herauszufinden, was sie überhaupt machen wollen, da ihre Talente und Neigungen dort vielleicht gar nicht zum Tragen kommen und sie daher nicht die entsprechende Klarheit gewinnen können. Warum auch nicht ein Jahr lang Familien-Gemeinschaft leben, selbstversorgend aus dem Garten, auch um einfach mal die Herkunft des täglichen Brotes zu erfahren…

Woche XII | Freitag, 20.11.2015

Alle sind körperlich gesund und an ihren jeweiligen Arbeitsplätzen, auch ich, aber wie gehabt rein ehrenamtlich. Ich mache mir viele Gedanken über den Wert von Arbeit, bezahlte, unbezahlte, frei, angestellt, … Wie kann es z.B. sein, dass Pädagog*innen von der Arbeit mit meinen Kindern leben können und ich nicht?
Alles, was die Welt im Innersten zusammenhält, wird ehrenamtlich geleistet, will mir scheinen, und die Lohn- und Gehaltsarbeit darf in einer Art und Weise organisiert sein, die dieses Werk wieder einreißt und zerstört? Den Flüchtlingen wird ehrenamtlich geholfen, aus Steuermitteln finanzierte Fürsorge zuteil, unsere Herzensqualitäten der Einfühlung und Solidarität fließen von Natur aus. Auf der anderen Seite ziehen ganze Wirtschaftszweige privatisierten Vorteil aus dem Geschehen, Waffen und Kriegs-Knowhow werden meistbietend verhökert, aus Spenden finanzierte humanitäre und medizinische Hilfsgüter füttern die Lebensmittel- und Pharmakonzerne fett und letztlich profitieren auch die Agrar-Riesen von der Zerschlagung sozialer Strukturen und können ihre patentierten Sorten und die ganze damit verbundene Chemie an den gepeinigten Mann bringen. Ganz zu schweigen von der Militarisierung unserer Kinderzimmer mit diesen tollen bunten Plastik-Kalaschnikoffs und den virtuellen Kriegsspielen und den Gewinnen, die damit gemacht werden…
Ich fühle mehr denn je mit Hannah Ahrendt und ihrer Beobachtung, dass sich die Handelnden hinter Amtssprachen verstecken und die Verantwortlichkeit in ihren Strukturen zerbröseln. Aber ein jeder lebender Mensch handelt immer aus eigener Entscheidung, es geht gar nicht anders, und wenn er sich weigert sein Tun zu betrachten, dann ist auch das seine Entscheidung. Und wenn er sich weigert anzusehen, was sein Handeln für Folgen zeitigt, stellt er sich der Ignoranz und Arroganz anheim. Und wenn er sich weigert, auf seine eigenen Bedürfnisse zu achten und wahre, gute und schöne Stillungswege zu suchen, darf er sich dann als Krone der Schöpfung betrachten? Ich sehe da eher ein Zahnrad.
Es ist kindtypisches Verhalten, die Augen zuzuhalten und dann zu denken, wenn ich es nicht sehe, gibt es das nicht. Oder gar – dann bin auch ich nicht da. Nichts für etwas zu können, hat wenig mit Erwachsensein zu tun. Wir er-wachsen – im besten Falle – aus unserer Hilflosigkeit, wenn wir als Kinder immer mehr lernen, uns selbst mit dem Nötigen zu versorgen, selbst zu sitzen, laufen, die Stullen zu schmieren, zu lesen, schreiben, rechnen – denken und unsere Gefühle richtig zu deuten. Und irgendwann können wir alles selber, was uns die Eltern bis dahin liefern mussten, um unser Leben zu sichern, und wir können auch selber für Kinder sorgen.
Nun ist es an uns, sozial-emotional erwachsen zu werden und ENDLICH! aufrichtig zu unserem Friedenswillen zu stehen. Unsere Impulse zu regulieren und lebensförderliche Strategien zu finden, mit ihnen umzugehen. Die Konflikte – einander gegenseitig als Menschen anerkennend und wertschätzend – beizulegen und uns für ein aufgeschlossen-kennenlernendes Miteinander zu ENTSCHEIDEN.
In meiner Arbeit als Elternvertreterin geht es mir genau darum: mit allen Beteiligten gemeinsam auf die Schwierigkeiten zu schauen ohne den Umweg der Verstärkung der Konfrontation. Denn wenn wir nicht leben und lernen, um das Leben zu verbessern und einander dabei zu helfen, dann weiß ich auch nicht wozu. Und hier können dann wirklich alle Ersatzbefriedigungen identifiziert werden, alle Pseudo-Stillmittel und gleich auch die den Frieden untergrabenden und verhindernden Faktoren. Lebensentfremdende Kommunikation gehört gleich an erster Stelle dazu. Ich erarbeite mit einigen anderen Eltern gerade Angst- und Stressauslöser an unserer Schule, um sie sichtbar zu machen und auch die sich verbergen wollende Natur des Scheiterns. Deshalb ist es nicht offensichtlich, dass die Kinder sich bedroht fühlen. So etwas zu zeigen bedeutet, sich gleich einer weiteren Gefahr auszusetzen – dem Eingeständnis des Versagens und damit der Lächerlichkeit, Beschämung, Beschuldigung und gar Bestrafung. Was wunder, es stellt sich heraus, dass insbesondere die Bemerkungen von Mitschüler*innen und Pädagog*innen einen solchen Faktor darstellen, genau, wie es in der „Gewaltfreien Kommunikation“ beschrieben ist. Aber wenn ich diese Formen beiseite schiebe und auf die Rufe des dahinter verbarrikadierten und eingesperrten Herzens lausche, ihm Klopfzeichen meines Herzens zurücksendend, dann offenbart sich mir das Wunder der Abrüstung, der Nacktheit und Verletzlichkeit, die uns allen gemeinsam ist. Und der Wärme, wenn wir uns aneinanderschmiegen in der gemeinsamen Suche nach Lösungen und der Zusammenarbeit an den Baustellen des Lebens. Statt im kalten, Wärme ableitenden Metall unserer Schutzpanzerungen einzeln zu erfrieren.
Meinen Kindern schenke ich „geteilte“ Aufmerksamkeit: die kritische, auf das Nichtfunktionieren gerichtete, sortiere ich in bedingungslose Zuwendung und, wenn dieser Tank wieder aufgefüllt ist, beratende Begleitung, falls überhaupt nötig. Seit ich sie einfach in den Arm nehme, wenn sie nicht üben wollen oder Haushaltsaufgaben ablehnen oder anderweitig im „Willaber(nicht)“-Modus feststecken, und nicht wie bisher zähneknirschend an ihrer Stelle oder mit ihnen zusammen die ungeliebten Aufgaben erledige oder sie dahin schiebe, etwas von mir Gewünschtes zu tun, kommen viele Dinge wieder an ihren richtigen Platz. Wenn die Liebe wieder da ist, dann belebt sich auch die Lust zum Klarinettenspiel, zum Kochen, Aufräumen und Putzen oder zu einer Wanderung mit dem Hund an der frischen Luft.
Einfach nur mal Liebhaben ist das Rezept. Ohne Wenn und Aber.
Kommt alle in gutem Miteinander ins Wochenende und gebt Klopfzeichen von Herz zu Herz. Danke für Eure Anteilnahme und -gabe und schreibt weiter!!!

Woche XII | Montag, 16.11.2015

Der Tag ist nicht mehr ganz taufrisch jetzt um 16:47, aber immerhin halte ich heute meinen Rhythmus einigermaßen ein. Der Start in die neue Woche fand nach einem Wochenende statt, an dem die Mädels, einen Tag sich selbst überlassen, kaum etwas anderes taten als am Bildschirm zu hocken. Sie gucken ihre Serien. Tanken dort etwas, was sie im analogen Hier und Jetzt nicht finden können. Kkumhada hatte sich für den Nachmittag zu Hausaufgaben verabredet, das brachte ihr ein bisschen Fahrradfahren an der frischen Luft ein, Oishi-Kawaii aber hat nur die paar Minuten draußen verbracht, die ich sie vor die Tür „geschoben“ habe, bevor ich zu den Kindern einer Freundin fuhr, mit denen ich an die fünf Stunden lang in einen Flow kommen sollte, der uns alle in Staunen versetzte… (Naja, für mich nichts Neues, aber immer wieder ein wundervolles Erlebnis.)
McFlitz hat noch von sich aus den Weg ins Freie gefunden, nach einer Woche mit vielen Freunden um sich herum genießt er das ungestörte Allein-Spielen in vollen Zügen. Es zieht ihn nirgendwohin am Wochenende. Wenn sein Freund zu uns kommt, spielt er gern mit ihm, aber selbst auf Freundesuche zu gehen, fällt diesem meinem Kind nicht ein.
Meine Oishi-Kawaii macht mir Sorgen, sie kommt immernoch nicht in eigenmotivierte Bewegung. Na gut, unter der Woche hat sie mehrmals 20 Minuten Fußweg an verkehrsarmer Landluft, und das Klarinettenspiel bewirkt Erwärmung und Beatmung ihres Körpers und ihrer Zellen, besser als gar nichts. Aber in ihr wohnt eine große Traurigkeit, aus den Jahren, in denen sie keine Freundin in der Nähe hatte. Zumindest ist das mein Gefühl. Ich muss an Kummer aus dem Film „Alles steht Kopf“ denken, wie sie am Boden liegt und sich von Freude am Bein ziehen lässt und so etwas sagt wie: „Ach das ist eigentlich auch ganz angenehm.“
Ich bin heute morgen dem Frust in die Falle gegangen. Frust über alles Mögliche, was gerade nicht gut klappt. Sorgen. Um meinen Start ins Geldverdienen. Sobald ich daran denke, verliere ich die Verbindung zu meiner Arbeit, meinen Themen. Die Verbindung zu allem, was gut ist. (Und meinen Kunden zur Zufriedenheit verhilft.) Ich denke nur noch daran, was alles gegen meine Arbeit spricht und sie madig macht und damit Grund zur Reklamation gibt. Und dass sie entweder zu teuer ist oder ich nicht davon leben kann… Ein ganzer Film kommt da ins Laufen.
Und dann habe ich auf Frau Birkenbihl gehört und minutenlang meine Mundwinkel in eine grinsende Stellung gebracht und entschieden, mir diese Sorgen später zu machen, wenn ich gerade nichts Besseres zu tun habe… Wenn die Muskeln dabei tatsächlich auf den Knopf zur Glückshormonproduktion drücken, kann ja nichts mehr schiefgehen. Jedenfalls konnte ich nicht gleichzeitig trübe Gedanken schieben und mich voll auf die ordnungsgemäße Ausführung der Übung konzentrieren. Ja, genauso geht es mir auch, wenn ich ein Lied übe oder mir eine Bastelidee für Kinder ausdenke – da habe ich keine Zeit für Trübsal. Jedenfalls bastele ich im Kopf an einem Vortragsprogramm, eine Mischung aus eigenen Texten und Liedern, die ich nun dochmal aus der Schublade freilassen könnte. Ich habe eine Freundin, deren Bilder ich dazu ausstellen möchte. Es kann ein anregend-berührendes Programm daraus werden. Und ich habe wirklich große Lust, mit Menschen ins Gespräch zu kommen über meine Themen, übers Schreiben und und und.
Ich weiß nur nicht, wie ich es angemessen und einladend in die Welt bringen kann, meistens sehe ich das als ein neues Erkundungsfeld an, nur heute Morgen, da kam es mir wie ein heilloses, undruchdringliches Dickicht vor, für mich kleines, nacktes, schwaches Wesen.

Woche VIII | Freitag, 23.10.2015

Ja, schon zwei Tage her… Ich bin am Freitag mit einem schmerzenden linken Unterschenkel aus der Woche gehumpelt, habe mich nur noch lang ausstrecken können und mir Gedanken gemacht, ob es „nur“ ein Krampf ist oder gar ein Blutgerinnsel… Mit Arnika und Biochemie Nr.7, Mineralwasser, achtsamem Essen habe ich die leergelaufenen Tanks der Spurenelemente etc. wieder aufgefüllt, ich konnte gestern schon – schön behutsam aber lebensfroh – draußen arbeiten, Walnüsse sammeln, Laub harken, …
Meine Auslaugung habe ich mir mit einem Arbeitsflow verschafft, bei dem ich wie im Rausch ein Anliegen nach dem anderen auf den Weg bringen konnte. Ein Antrag an die Schulkonferenz wurde formuliert mit anderen Eltern gemeinsam, ein Vorschlag für ein kompetenzorientiertes Zeugnis an meiner vielleicht zukünftigen Arbeitsstelle begonnen zu erarbeiten, Hospitation, Eigenreflektion, Maria Montessori’s „Kinder sind anders“ gelesen, Joachim Bauers „Das Körpergedächtnis“ in Arbeit, eine Fortbildung zu „Direkter Instruktion“ mit den Lehrer*innen der Schule meiner Mädels erlebt. (Wenn die Pädagog*innen den Part mit angeleitetem Üben und anschließendem Feedback über den erreichten Verständnisstand nicht weglassen und davon abhängig machen, wie es weitergehen soll, kann eigentlich gar nichts schief gehen, oder?) Eine eMail-Diskussion mit Zündstoff verdaut. Und schließlich noch ein psychotherapeutisch-systemisch-energetisches Heilungscoaching durchgearbeitet. Derweil die Kinder natürlich auch ihre gewohnte Unterstützung von mir bekamen. (Hier sei angemerkt, dass ein Großteil vom Papa übernommen worden ist, seit ich erschöpft zusammenbrach. Ich leiste Fahrdienst, Wäsche, Putzen, und Heilungsarbeit.) Das alles zwar in einem glücklichen Schwung gewuppt, aber nur mit mangelhafter Wiederauffüllung der dafür verbrauchten Ressourcen.
Jetzt haben wir eine Woche Ferien vor uns, in vergangenen Jahren habe ich sie gern für eine Tingeltour genutzt, die beiden letzten aber standen schon tief im Zeichen meiner Kapitulation vor dem Leben angesichts der Entfremdung und Beschädigung meiner Kinder.
Ich habe seit Januar an meiner eigenen Heilung gearbeitet, die „Leichen aus dem Keller“ befördert. Mit anderen Worten, die unverheilten Verletzungen aus meinem bisherigen Leben eine nach der anderen neu besehen und gepflegt. Die „Leichen“ als „Scheintote“ erkannt. Das, was gemeinhin der „innere Schweinehund“ genannt wird, als den Fürsprecher meiner Bedürfnisse umgedeutet und mich selbst mit einer bisher unüblichen Achtsamkeit gewürdigt. Die Gefahr, egoistisch zu sein, schien mir immer sehr bedrohlich und ich wusste nie, ob sie mich unerwartet und aus dem Blauen heraus erwischen könnte. Klar war nur, dass das ein No-go für mich ist.
Dann habe ich irgendwann ganz schüchtern begonnen mich zu fragen, wer denn für meine Kinder sorgen würde, wenn ich aufgebraucht bin. Langsam gelernt, mir zuzugestehen, mich erholen zu dürfen, gut zu essen und mich auch zu amüsieren. Jetzt möchte ich meine ganze Arbeit unter den Anspruch stellen, dabei Freude zu empfinden und gesund zu bleiben. Auch die berufliche, wenn es denn nun bald mal wieder damit losgehen würde! Denn nach wie vor kann man von den gemeinnützigen Tätigkeiten, mit denen man die Lebenstauglichkeit wiederherstellt, nicht leben. Absurd, was?
Meine eigene Heilung ist ein großartiger Lernprozess geworden. Ich habe mich nicht „reparieren“ lassen oder mit Medikamenten einstellen. Das ist mir immer sehr suspekt vorgekommen. Auch meine Allergie gegen Leute, die alles wissen und recht haben und mich belehren, war mir hinderlich dabei, mich auf den konventionellen, krankenkassengestützten Weg zu begeben. Ich habe ganz rebellisch dem lebendigen Funken in mir vertraut, dass dem Leben auch die Kraft der Heilung innewohnt. Jahrelang war ich auf dem Alleinkämpfertrip, auch mangels passender Mitstreiter*innen oder gegenseitiger Unterstützer*innen. Bis ich mich schließlich von dem Gedanken verabschieden lernte, dass alles nur mit Geld geht, und begann, mir Tauschpartner zu finden. Auch mein Coach konnte und kann sich ein Stück weit auf Tauschgeschäfte einlassen, so dass sich plötzlich der Weg auftat, mir auch Hilfe holen zu können, wie ich sie brauche. Unbevormundet. Zunehmend aus eigener Kraft. Mein linkes Bein tut mir wieder seinen Dienst, und nun trägt es mich gleich hinaus an die frische Luft, in die Oktobersonne, die gerade nicht von Wolken verdeckt und gedämpft in ihrer ganzen goldenen Pracht auf die vielfarbigen Herbstblätter scheint.

Woche VI | Freitag, 09.10.2015

Ich habe die Mädchen zur Schule gebracht, sie scheinen keine ernsthaften Sorgen zu haben. Kkumhada war ein bisschen traurig, weil gestern ihre Fahrstunde mit häufigem Motor-Ausgehen angereichert war, sie im Nachgang jedoch nicht mit dem Fahrlehrer auswerten konnte, woran das gelegen haben könnte. Oishi-Kawaii hat tatsächlich öfters in ihr Tagebuch geschrieben und kann das als wohltuende Möglichkeit empfinden. Auch unterhaltsam, jedenfalls die Lektüre älterer Einträge. Sehr wortkarge. Das Tagebuch als Ort des Selbstausdruckes, des stillen Übens und Betrachtens. Des Denkenlernens, des Gefühle-Wahrnehmens.
Hatte ich früher auch gemacht. Und beim Schreiben meines Elends ist mir mit der Zeit so übel geworden von dem ganzen Gejammer, dass ich begann, die Verbesserungen herbei zu schreiben. Mir neue Sichtweisen zu erschreiben und damit Lösungswege zu eröffnen.
Die Mädels machen sich also anscheinend beide recht gut, ich erlebe sie ja nur, wenn die Luft schon raus ist. Und ich spüre jetzt schon viel eher, wenn sich der Trott des funktionierenden Tagesplanes einschleicht, wie wenig wir miteinander um- und aufeinander eingehen. Jeder arbeitet sein Pensum Hausaufgaben, dann das Ruhebedürfnis, Rückzug. Von Familienleben kann kaum die Rede sein. Immerhin ist keine*r krank. Ich nehme sie in den Arm, wenn ich mich darauf besinne, wie wir aneinander vorbei oder nebeneinander her leben. Ich rappele mich auf zum Vorlesen und geselligen Palaver. Ich träume von Gemütlichkeit und gemeinsamer Arbeit daran.
McFlitz kommt gerade sehr gut zurecht. Er und seine Mitschüler haben jetzt „Lesekinder“ in der ersten Klasse, jedes Pärchen sucht sich ein Plätzchen und der Große liest dem Kleinen was vor. Wenn das nicht Lernen fürs Leben ist! Er hat gestern in unserer Küche den Uroma-Ofen angeheizt, so dass wir in trauter Zweisamkeit schwatzen, Feuer hüten, kochen und essen konnten, am Ende begann er noch von sich aus, seine Geschichte in den PC zu tippen, die er in der Schule geschrieben hat und nun seinem Freund in Sachsen schicken will. Der ist jetzt in die Schule gekommen.
In dieser Woche hat unser Kreistag die Kostenübernahme für diejenigen Schulpflichtigen gestrichen, die nicht die örtlich zuständige Schule besuchen. Es ist mir unverständlich, wie das eine „freiwillige Leistung“ der Kreise sein kann! Eine Zwickmühle, in die der Staat seine Bürger nimmt: die eine Instanz zwingt uns in die Schule und ruht sich auf einem überalterten Herangehen aus, ignoriert das Wohlergehen der Kinder, eine andere Instanz setzt die Daumenschrauben an und macht den Weg in eine modernere Schule immer ungangbarer für die Finanzschwachen. Zumal es Leistungsträger*innen trifft, die ihre demokratische Betätigung auf ein Minimum beschränken, weil sie so viel arbeiten müssen, mit ihren Steuern das rostig-starre öffentliche Schulwesen mitfinanzieren und sich den Luxus einer privaten Schule leisten, damit die Kinder heil bleiben, die Schule läuft (eine Sorge weniger) und man Geld verdienen gehen kann. Oder so wie ich – die aus Gesundheitserfahrungen nicht mehr ohne weiteres „anschaffen“ gehen können, dafür umso mehr ehrenamtlich Einfluss zu nehmen versuchen (denn die wirklich wichtigen Arbeiten werden nicht mit Geld entlohnt) und in der Schleife abwärts in Richtung Armutsgrenze trudeln. Ein Engagement, das von den Erwerbstätigen nicht honoriert wird, wenn überhaupt wahrgenommen. So ist die Streichung der Busfahrkarten und Fahrtkostenzuschüsse wieder eine Quelle der unentgeltlichen Beschäftigung mehr, die ein Leben in Angstfreiheit und jenseits vom Daueralarm weiter in die Ferne rückt. Kein Wunder, dass Eltern ihre Kinder viel mehr beschützen wollen als vordem, ihren Kindern die Möglichkeiten eines erfolgreichen Lebens erschließen möchten, wenn sie schon nicht Gerechtigkeit und Achtsamkeit als gesellschaftlichen Konsens vorfinden, der uns allen die Sicherheit gibt, dass wir und unsere Nachkommen gut versorgt sind. Und sich dafür das Etikett „Helikoptereltern“ gefallen lassen müssen.
Extreme Umstände treiben eben unglaubliche Blüten, und der Lotus wächst im Morast…
Ich gehe voller Gedanken ins Wochenende, wieder traurig über meine Feigheit, wirklich die Schulpflichterfüllung zu verweigern, traurig, wie wenig es um Gemeinschaftlichkeit geht in den demokratischen Gremien, wie groß die Gier der Geldhorter, Landgrabscher, globalen Konzerne und die Missgunst der Zukurzgekommenen sind und wie sehr sie die Entscheidungen der Volksvertreter*innen vom Gemeinwohl weglotsen. Ich hoffe, dass wir bald gewahr werden, dass das gemeinschaftliche Prinzip mindestens gleichwürdig neben dem Wettbewerb zum Tragen kommen muss, wenn nicht gar viel mehr, zumindest bis die Wunden geheilt sind.