Woche XXXIV | Montag, 18.04.2016

Fast hätte ich es verpasst – ist ja schon wieder ein Beitrag fällig geworden, wenn ich meinen Turnus einhalten möchte… Zum Start der 34. Woche dieses Schuljahres bewegten mich weniger die Sorgen meiner eigenen Kinder, sie sind vergleichsweise harmlos geworden. Mein kleines großes Mädchen, dessen Präfrontaler Kortex sich derzeit erheblich gestaltet, empfindet sehr scharf jegliche Art des Zunahetretens: insbesondere auch die Beschneidung ihrer eigenen Entscheidungen durch die in ihrer Schule gängige Unterrichtspraxis. Sie träumt immer kräftiger von selbstbestimmtem Lernen, von Begleiter*innen, die anregen und anleiten statt vorzuschreiben oder mit Benotung zu drohen. Von Räumen voller Material und Möglichkeiten. Sie hat die permanente Unterstellung der schülerischen Unwilligkeit mehr als satt.
Mein Grundschulkind geht ebenfalls wieder, wenn auch hustend, zur Schule. Seit ich nun andere Kinder mit Schulproblemen begleite, wird mir der Segen der benotungsfreien Rückmeldung noch einmal mehr deutlich und ich genieße es, diese Ablenkung vom eigentlichen Sinn des Erlernens der Kulturtechniken nicht auch bei ihm zu haben, und den Umgang damit am Ende des Tages als Hauptthema serviert zu bekommen. Ja, die Kinder verletzen sich an schlechten Noten, vielleicht schlimmer als an Schlägen auf den Hosenboden – da kann man sich wenigstens als tapferer Held feiern lassen. „Es macht gar keinen Spaß zu lernen, wenn man immer nur schlechte Noten bekommt“, gestand mir ein 9jähriges Mädchen kürzlich.
Ich arbeite mit den Kindern daran, dass sie trotzdem wieder an die Sache herangehen, erschließe mit ihnen den Spaß, den man daran haben kann, zu rechnen oder Botschaften schriftlich zu ver- und wieder entschlüsseln. Die Eltern bestärke ich darin, Eltern zu sein, keine Nachhilfepauker, und ihr normales Familienleben nicht für Hausaufgaben- und Übungsorgien zu opfern. Ich rede zudem mit ihren Lehrer*innen, möchte sie ermutigen, menschlich auf die Not der Kinder zu schauen. Sie sagen, sie müssen das alles schließlich in der Grundschule lernen, und ich frage, ob denn die Kinder, die sie mit schlechten Zeugnissen dann weiterziehen lassen, gelernt haben, was sie sollen. Das einzige, was geschehen ist, ist die Abarbeitung des Planes seitens der Pädagog*innen. Sie haben ihre Pflicht erfüllt. Die Kinder, die nicht das Glück haben, rein zufällig mit dem Tempo und der Darreichungsform der Unterrichtsinhalte gut klarzukommen, könnten sich diagnostizieren lassen, manche fahren weite Wege übers Land, um in eine LRS-Klasse zu gehen, stehen morgens dafür eine Stunde oder mehr früher auf, ihre Eltern mit ihnen, und kommen müde wieder heim, womöglich immernoch mit demotivierenden Erlebnissen. Abgesehen davon, als diagnostiziertes Wesen aus dem sonst Üblichen hervorzustechen, zementiert sich die Diagnose nachträglich noch, wenn die Resignation einsetzt.
Ja, hier in der Gegend gibt es einen Aufschrei, wenn ich das Thema Benotung anspreche und in Frage zu stellen wage. Die Eltern fürchten, ein wichtiges Instrument zur Erziehung ihrer Kinder zu verlieren. Für viele ist die Note die einzige Orientierung. Sie wissen dann sofort, ob ihr Kind „gut“ ist. Und wenn nicht, dann geht die Notfall-Maschinerie los: das Kind wird zu mehr Üben gezwungen, den Lehrpersonen in der Schule werden die Türen eingerannt. Schuld wird verteilt und zurückgewiesen. Der zweite Bildungsweg wird beschritten, monatlich viel Geld für Nachhilfe ausgegeben, da könnte man gleich in eine private Schule gehen, in der ein Kind in seinem Tempo lernen kann, individueller betreut wird und dann auch noch Freizeit behält, die für seine geistige und seelische Erholung unerlässlich ist.
Lehrer*innen beklagen sich, dass sie in der Schule die Erziehungsmängel der Elternhäuser ausbaden, ich selbst habe mich lange dagegen aufgelehnt, die Schädigungen meines Kindes durch die Schule ausgleichen zu müssen.
Und sehe ich es falsch? Steuerzahlende zahlen doppelt für ein schlechtes Schulwesen: entweder in Nachhilfe oder in private Schule fließt ihr Geld, beides macht die staatlichen Schulen nicht besser, die wiederum aus den Steuern derselben Leistungstragenden bemittelt werden. Und dann noch die Spätrechnung, wenn die Kinder krank werden, psychische Probleme bewältigen müssen oder, bei erfolgreicher Verdrängung, körperliche Leiden erleben müssen, die von all den Leichen im Keller hervorgerufen werden: „Das Gehirn macht aus Psychologie Biologie“, sagt Joachim Bauer in einem seiner Internet-Vorträge, der Körper ist das Gedächtnis unseres täglichen Empfindens, bis in die Gene hinein. Wann beginnt das Großreinemachen? Es ist Frühling, eine gute Zeit für den gründlichen Winterschlussputz! Für das Ausmisten all der Glaubenssätze und Ideologien, die uns von Mitmenschlichkeit im Umgang miteinander und mit uns selbst abhalten. Ich selbst bin intensiv dabei, und – es tut einfach gut!

Woche XXIX | Freitag, 18.03.2016

Wie schön, wenn man einfach in Ruhe arbeiten gehen kann! Mit dem guten Gefühl, die Kinder gut aufgehoben zu wissen in ihren Schulen. Und, welch Romantik, am Nachmittag oder Abend Anekdoten und Abenteuer erzählt zu bekommen! Ich wage noch nicht, mich daran zu gewöhnen, aber ich schätze mal, das passiert einfach.
Nun, die ganze Romantik hatte ich nun nicht, es gab Läusealarm, ich hatte mein Grundschulkind drei Tage zu Hause, um ganz sicher zu gehen. Zum letzten Schultag konnten wir ihn nur motivieren, weil wir ihm die Sicherheit zu geben imstande waren, dass er nicht gleich wieder Läuse einfangen würde – in der Schule haben alle Eltern zugestimmt, dass ihre Kinder dort kontrolliert werden dürfen, so dass ganz gezielt informiert werden kann.
Nun haben wir wieder Ferien, heute mit praller Sonne und der Ahnung, wie schön es im Frühjahr sein kann – wenn nicht immer alles grau überhangen bleibt…
Aber was mir dennoch vergönnt war: ganz nach meinem Rhythmus zu leben. Mit welcher Kraft kann ich unterwegs sein, wenn ich mir meine eigene Art erlaube! Dann bin ich auch weniger davon abhängig, ob die Umstände günstig sind, und kann mich viel besser auf Gegebenes einstellen. Wie sehr ich doch meistens von mir selbst entfernt bin! Ich lande in einem Automatik-Modus, der auf Planerfüllung programmiert ist, ich funktioniere dann einfach und ich erwarte das natürlich dann auch von den Kindern. Ich tue Dinge nicht, weil sie notwendig sind, sondern weil das jetzt so geplant ist. Ich habe die Verbindung zum Sinn nur in der Planungsphase, in der Umsetzungsphase bediene ich nur noch die Programmpunkte. Ich bin auch in einem gewissen Grad flexibel und kann den Kurs ändern, aber eigentlich immer mit einem schlechten Gewissen wegen des Planes oder wegen anderen Menschen, die sich drauf verlassen. Es ist irre aufwändig, immer allen Beteiligten die Änderungen mitzuteilen, damit sie sich mit ihrer Planung darauf einrichten können.
Eigentlich möchte ich nicht planen, ich möchte lieber viele Möglichkeiten inpetto haben und auf die jeweilige Situation eingehen. Das macht Absprachen schwierig, vor allem mit Planer*innen, die jede Einzelheit festgelegt sehen wollen. Ich habe lieber die Möglichkeit, mit den Aktualitäten zu spielen, kreativ im Augenblick zu entscheiden, gern auch mit Anderen im Team, die genauso auf verschiedene Ressourcen zurückgreifen können und spontan Ideen aufgreifen und umsetzen.
Wenn das so läuft, erlebe ich Flow. Ich bin kaum zu erschöpfen, die Quelle sprudelt fröhlich, bis mir buchstäblich die Augen zufallen und meine Körperzellen mir Pause verordnen.
Das beobachte ich auch an den Kindern – wie werden sie munter und ihre Kopfschmerzen verfliegen, wenn sie nach ihrer eigenen Fasson lesenschreibenzeichnensingentanzenrechnen dürfen! Habe ich sie nach acht Stunden Schule völlig erledigt in Empfang genommen, kommen sie nach kurzer Ruhe auf ihre eigenen Gedanken und finden Betätigung, die sie wieder zu sich kommen lässt – wenn ich sie lasse und nicht mit Pflichten oder Vorstellungen behellige. Die suchtartige Ausprägung einer Beschäftigung macht klare Aussage darüber, wie sehr ihre Bereitwilligkeit zur Erledigung fremder Aufträge überstrapaziert ist. Wie sehr ihr Bedürfnis nach Selbstbestimmung im roten Bereich gelandet ist. Gewiss steht hier wissenschaftliche Untersuchung aus, es ist aber meine Beobachtung und Auslegung, immer wieder.
Nun, mal sehen, wie lange es dieses Mal dauert, bis sich eine gesunde Unternehmungslust einstellt und die Bereitschaft, den Rückzug in die persönliche Höhle einzutauschen gegen Expeditionen in die Welt. In ausgewogener Weise.
Achja: Liebe Grüße an mein Kind im fernen Lande! Bitte grüße deine Gastfamilie und alle, die sich freundlich um dich bemühen und sage ihnen meinen Dank!

Woche XI | Freitag, 13.11.2015

Schon wieder Freitag. Vor einer Woche habe ich mit einer Freundin 5 Stunden lang an der Erarbeitung eines Bewertungsbogens gesessen, der weniger bewertet, eher sichtbar macht, was genau der Stand der Dinge bei einem Kind in Sachen Englisch ist. Also kein scheuklappenartiger Vergleich des vordergründigen Projektergebnisses (Plakat, Präsentation und Ordner), der anhand von Umfang und Ausdifferenzierung beurteilt wird, beeinflusst vom Klassenniveau oder -ziel. Wir haben uns bemüht, die individuellen Errungenschaften in den Vordergrund zu rücken, so dass jedes Kind in der Lerngruppe seinen persönlichen Erfolg gespiegelt bekommt. Und sei es, dass es die Arbeit der anderen Kinder nicht gestört hat.
Nun hat sich inzwischen herausgestellt, dass mein Platz nicht an jener Schule sein wird. Ich bin mit gemischten Gefühlen dabei, einerseits traurig, denn auf die Begleitung der Kinder habe ich mich sehr gefreut. Die Erwachsenen jedoch geben einer Struktur den Vorzug, in der für mich als Lehrerin kein Platz ist. Ich bin aber auch erleichtert: dass ich mich nicht habe erpressen lassen, nicht von meiner finanziellen Situation, nicht von der Enttäuschung mir nahe stehender Menschen, nicht von ihren Sorgen oder Vorstellungen. Ich habe mich nicht unterworfen. Der scheinbaren Sicherheit eines regelmäßigen Gehalts.
Ich weiß, dass ich mich ziemlich abgestrampelt hätte und über kurz oder lang wieder erschöpft herausgepurzelt wäre – das ist unvermeidbar, wenn man sich einer Struktur überantwortet, die undynamisch eingerichtet ist, ignorant gegen die Befindlichkeiten der Menschen in ihr und arrogant gar nicht erst danach fragt. Das könnten sich die Zellen in meinem Organismus gar nicht leisten. Und wenn ich nicht auf sie höre und achte, dann werden sie mir ihren Dienst versagen, krank werden, einfach sterben oder sich zu Krebsgeschwüren auswachsen.
Ich danke nun allen Menschen in Einrichtungen, die mich für mein Kreativ-Angebot buchen und mir damit auf den Weg in die Alternative helfen, meinen freiheitlichen Ansatz unterstützen und letztlich den Aufbau lebensförderlicher Strukturen im Miteinander. Selbstregulierend. Komplex auf die Grundbedürfnisse aller Beteiligter achtend, wissend, dass die Verletzung des Anderen auch die Verletzung des Selbst bedeutet. Es reicht, seinen eigenen Bedürfnissen so achtsam zu begegnen, denn was man sich selbst einräumt, erlaubt man auch seinen Mitmenschen.
Meine drei Kinderchen sind in ihren Schulen, seit ich die Richtigkeit meiner Schritte empfinde, kann ich sie mit einem Sicherheitsgefühl begleiten, das mir sehr neu ist. Ich bin viel gelassener und entspannter, lache viel öfter mit den Kindern und kann auch ihnen die Richtigkeit ihrer Schritte lassen. Wie auch den Lehrer*innen in ihren Schulen und meinen Nachbarn und Freund*innen. Ich finde großen Genuss an der Vielfalt und erkenne die Potenziale in jeder einzelnen Situation und Vorgehensweise. Ich sehe auch die Gefahren, aber sie sind für jeden andere. Nicht dass es mir neu wäre, dass die „Schönheit im Auge des Betrachters“ liegt, diese Erkenntnis macht sich nun wieder in neuen Dimensionen spürbar, ich erlebe sie in wieder neuen Zusammenhängen!
Mit McFlitz habe ich gestern herzlich über „Ich einfach unverbesserlich“ gelacht, für Oishi-Kawaii habe ich vorgestern geweint, weil meine Bereitwilligkeit so blockiert ist – Tränen als ins Fließen kommende Liebe? Kkumhada darf mein Ringen um die Gewährung freier, eigener Entscheidung miterleben und hoffentlich auch den siegreichen Ausgang für die Freiheit… Denn auch sie soll selbst wählen, ob sie meinen Vorschlägen folgen möchte, soll ihre Schritte nach eigenem Ermessen tun, ihre Erfahrungen in Rechnung stellen dürfen. (Macht sie ja ohnehin, eigentlich geht es mir um unsere gute Verbindung bei aller Verschiedenheit.) Ich habe so lange Rat von Menschen bekommen – und versucht anzunehmen, die mich gar nicht verstanden, und außerdem vielleicht sogar ungehalten reagierten, wenn ich mich (und sie) durch Nichtbefolgen in unbequeme Situationen brachte. Nun sortiere ich das alles auseinander. Meins und Ihrs. Und höre auf mein Bauchgefühl. Und lausche neugierig den Schilderungen anderer Menschen, sie öffnen einen neuen Blickwinkel, ergänzen meinen Horizont. Aber ich kann nicht ihre Schritte gehen, nur meine. Hier, von meinem Startpunkt aus. Ich mit meinen kürzeren Beinen und langsameren Bewegungen. Oder so.
Nun geht es ins Wochenende; es ist immer noch das große Aufatmen, also wohl eher ein Anfang…

Woche V | Montag, 28.09.2015

Nun sind sie wieder alle fort. Einige Stunden nach dem „Blutmond“, den sie natürlich schlafend erlebt haben. Von dem sie theoretisch oder bei den Geschichten um Aang, den Avatar, erfahren werden/haben. Schule ist wichtiger als das echte Leben. Wo kämen wir hin?
Für die wichtigen Dinge lohnt es sich ausgeschlafen zu sein. Also kein Mondspektakel gucken.
Unser Wochenende war reich an Unternehmungen, wir haben viel mit Menschen und miteinander zu tun gehabt – Gäste haben, eine japanische Teezeremonie kennenlernen, einen Geburtstag feiern, ein Flüchtlings-Willkommen, ein Erntedankfest, eine Musiker-Begegnung wie sie lebendiger nicht sein könnte (lauter Leute, die so noch nie miteinander geprobt haben, und ein Klangerlebnis hinzauberten wie eine Wanderung durch Wald und Feld, nach Lust und Laune). Im herrlichsten Sonnenwetter Motorradfahren üben, Rad fahren, Pilze sammeln. Ich allerdings habe mich, nachdem Feiern und liebe Gäste gut überstanden waren, am Sonntag Mittag „nur kurz“ hingelegt und von dem ganzen Sonntagszauber nur die letzten Ausläufer vor dem Abendbrot mitbekommen. Wir schlossen mit „Shaun, der Film“ das Programm und fanden kurz vor dem Schlafengehen noch ein paar Hausaufgaben vor…
Tatsächlich von Freitag auf Montag aufgegeben. McFlitz würde also unverrichteter Dinge in die neue Woche starten. Auch Oishi-Kawaii darf sich auf eine Woche mit täglichen Leistungstests freuen, was ihr natürlich immernoch zu schaffen macht. Und damit auch mir wieder Begleitungsaufgaben liefert. Ich muss argumentieren und trösten und den Pädagog*innen Briefchen schreiben für meine beiden Kleinen. Jedenfalls für McFlitz. Das Wochenende sollte HA-frei sein! Wirklich frei zur selbstbestimmten Verwendung. Zum tief-Durchatmen und frohsinnigen Spiel/Kreativsein/Herumströpen/Bauen… Nun, es ist eine Entscheidung, das kann man auch mit HA haben. Die ignoriert man einfach genauso, wie die Schule ignoriert, dass mensch selbstregulierend auch einen eigenen Lerndrang hat, aus dem Bedürfnis nach Verständnis heraus. Und dass mensch immer das Nötige und Mögliche lernt. Und in einer ignoranten Gleichschrittsschule stolpern MUSS – bei aller Liebe und Rücksichtnahme, weil eben nicht in seinem eigenen Rhythmus und Tempo und von innen heraus bewegt. Und dass es manchmal bedeutet, dass mensch die übergriffigen Forderungen Anderer abwehren muss. Die dann eingeschnappt-vorwurfsvoll behaupten, es wäre doch zu menschen’s Bestem gedacht.
Oishi-Kawaii bekommt von mir die Ermutigung zur Lücke. Natürlich ist mir wichtig, dass sie sich in der Welt auskennt, zu denken lernt und sich den wichtigen Dingen stellt. Sie darf sich also gegen die Angstpaukerei entscheiden. Ich bin nicht böse auf sie über schlechte Noten. Ich spüre nur die Verletzungen der gequälten Seele, die ständig von außen gezogen und geschoben wird und sich weigert einzusehen, dass manche Menschen eben nicht so auf sie achten wie die eigenen Eltern. Ist vielleicht auch unsere Aufgabe, das mal deutlich zu machen und unsere Kinder dazu anzuleiten unterscheiden zu lernen. Das Gegenteil von „gut“ ist „gut gemeint“ (also ohne den Anspruch, die Wirkungen zu überprüfen und das Vorgehen anzupassen). Es geht eben nicht wirklich um die Kinder.
Kkumhada, meine Große „macht ihr Ding“. Sie schöpft aus der Quelle der Begeisterung für ihre Motorradfahrschule. Sie ist mit eigenen Zielen unterwegs und räumt sich ohne weiteres auch Kursänderungen ein. Sie kann inzwischen ganz gut „trotzdem“ lernen, wenn ihr eine Lehrperson unsympathisch ist, und sich auf diese Weise differenzierter auf Herausforderungen einlassen, sich für Gegebenes öffnen. Das geht erst ab einem bestimmten Reifegrad, sicherlich auch abhängig vom Hormonhaushalt und dem Stand der Pubertät – wie weit kann sich das Kind schon lösen und „den Rest der Welt“ auf sich beruhen lassen oder so ins Verhältnis setzen, wie es das Gebet ersehnt: …gib mir die Kraft zu ändern …, die Geduld hinzunehmen …, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden…
Ich merke schon, es geht immer wieder ums Unterscheiden. Immer wieder Aschenbrödel. Die Guten ins Töpfchen.
Also: statt „Lasst die Kinder endlich in Ruhe lernen!“ und strampelnd drauf zu warten, dass es wahr werde, selbst sortieren und mit einem „Machen wir das Beste draus!“ das Nötige und Mögliche lernen. Hier wohl: selbst entscheiden und die Folgen tragen. Sei es Verweigerung, Flucht nach vorn oder Mitwirkung in Kritik oder Einverständnis. Ich wähle eine Mischung aus allen dreien. Und wenn ich mutig genug bin, kann ich vielleicht sogar unmittelbar (direkt und mündlich) mit den Bildungsmachenden ins Gespräch treten und für das Verständnis sorgen, dessen es bedarf, um wirklich etwas zu verändern. Bis dahin erlaube ich meinen Kindern, in Ruhe zu lernen und sich von der Schule nicht stören zu lassen…

Kurzmitteilung

Werte,

die mir so wichtig sind, dass ich Alpträume von ihrem Verlust bekomme.
Unsere Welt ist schwer in Bewegung, Menschen aus anderen Kulturkreisen sind auf der Flucht vor Menschen mit wiederum anderer Kultur. Aus ideologischen Gründen dreschen sie auf andere, aufeinander ein. (Vielleicht mit dem stillen Einverständnis der Finanz- und Wirtschaftsheinis, die die Welt unter sich aufteilen und die schmutzige Arbeit dem „Pack“ überlassen. Hey Leute, kommt zur Besinnung!!! Ihr seid Puppen im Theater!)
Worum fürchte ich? Ich fürchte für mich als Frau und für meine Töchter, dass wir die Freiheit, mit der wir durch den Teil der Welt tanzen können, der das zulässt, verlieren könnten. Dass wir unsere Selbstbestimmung aufgeben müssen, die wir in unserer Familie und im Freundeskreis und in Deutschland und einigen anderen Gegenden leben können. Und dann sehe ich mich um: Es gibt auch hier genügend Beispiele von Gewalt gegen Frauen! Frauen, die still ertragen. Die sich nicht trauen, dagegen aufzubegehren. Die keinen kennen, der sie ermutigt, sich nicht alles gefallen zu lassen.
Da ist meine Angst wohl berechtigt. Wenn ich so ein seltenes Privileg habe. Und es nicht nutze, um auch anderen Frauen Teilhabe zu verschaffen.
Ich werde mir eine stärkere Basis schaffen, indem ich die gepeinigten Frauen ermutige! Indem ich mich mit anderen freien Frauen vernetze (unsere Freiheit fördert ja auch eine Individualgesellschaft ohne inneren Zusammenhalt, jedenfalls habe ich hier Nachholbedarf) Und diejenigen Männer würdige, die den Mumm haben, sich der vollen weiblichen Kraft und ihren Abgründen zu stellen, ohne sie fesseln, einsperren und quälen zu müssen! (So wie meiner :). Danke!)

Woche III | Freitag, 18.09.2015

Gestern erstellte ich wieder eine statische Seite: Fachkräftemangel.

Und ich habe meine Oishii-Kawaii am Mittwoch wieder in die Schule geschickt. Die Nase läuft noch, der Husten ist locker, kein Fieber oder Kopfschmerzen. Das Kind gehört unter ihresgleichen. Ist es das geringere Übel oder das Beste für sie, das in der Schule zu finden? Dort gibt es nicht ihresgleichen, wenige mit ihren Interessen, wenn auch viele in ihrem Alter. Zu wenig Zeit für freies Miteinander. Auf jeden Fall kam sie beseelt nach Hause und war sehr zu Scherzen aufgelegt.

Die Rache für meinen Egoismus heißt Kopfschmerz. Meine Oishi-Kawaii kam dann gestern nach 7 Stunden Schule beschädigt nach Hause, geplagt davon, (noch) nicht zu wissen, worum es im Unterricht ging und nicht alles zu verstehen, weil sie einiges verpasst hatte durch Krankheit, und durch die Aussicht auf Tests. Sie musste ihren Chor ausfallen lassen, auf den sie sich so gefreut hatte.

Wie bin ich sauer auf diese Angst machende, druckbelastete Lernwelt!!! Kein Wunder, dass Kinder sich davor schützen wollen und ihre Motivation verlieren. Tests werden geschrieben ohne Rücksicht darauf, ob sie sich bereit dafür fühlen, der Lehrplan wird abgearbeitet ohne Rücksicht auf die Lernbedürfnisse der Kinder. Wenn der Stoff so wichtig ist, warum dürfen sie ihn sich dann nicht in aller Ruhe erschließen? Warum wird ihr Bedürfnis nach guten Ergebnissen andauernd so übergangen? Da kann ich die Bewertungen überhaupt nicht mehr für voll nehmen. Sie sind für den Eimer!

Wenn man wie ich alles als Lernsituation aufzufassen bereit ist, dann steckt hier auch das Potenzial für Vielfalt-Lernen drin. Die Anerkennung der eigenen Besonderheiten, weil auch alle anderen ihre „Macken“ haben. Etwas negativ? Ja, dem Zeitgeist entsprechend. Alles, was den Gleichschritt behindert, ist eben ein Fehler. Microsoft sei dank haben wir die Alternative jedoch schon auf dem Zettel: It’s not a bug, it’s a feature. So bekommen wir also obendrein noch die Herausforderung zu lernen, die Bewertung des Gleichschrittes kritisch zu sehen und ihre Bedeutung zu relativieren. Für die Kinder bleibt das Erlebnis ihrer selbst als unfähig.

Tja, wie war’s sonst? Alle drei Schutzbefohlenen also seit drei Tagen wieder „im Dienst“. Ich selbst habe mir erste Notizen zu meinem vielleicht zukünftigen Aufgabenfeld gemacht: eine recht frei unterrichtende Englischlehrerin in der Elternzeit zu vertreten und ihre Arbeit fortzusetzen. „Wie bringt man Kindern Englisch bei, die nicht machen müssen, was ich sage?“ habe ich mir seinerzeit als Herausforderung formuliert, als ich Offenen Unterricht in einer Grundschule begleitete. Wir haben daraufhin gemeinsam Fragen betrachtet wie „Warum ausgerechnet Englisch?“ oder „Warum eigentlich nicht?“ Ich kam für mich zu dem (Zwischen)Ergebnis, dass die Motivation der Kinder für diese Sprache ganz entscheidend dadurch geweckt wird, wie sie sich auf mich als Person einlassen können, wie sie selbst bereits den Nutzen des Englischkönnens erlebt haben und welches Material sie zur Verfügung bekommen, wie lebensnah sind die Lernanlässe. Spiele, Bild/Wort-Karten, Bücher mit CD, LieblingsDVD auf Englisch… Hauptsächlich natürlich die persönliche Interaktion während des Schultages. „English along the Way“ war einer meiner Arbeitstitel geworden und ich hatte ein Briefwechselprojekt mit ihnen in Angriff genommen.

Ja, dank meinen Kindern, dass sie in der Schule sind! So konnte ich außerdem auch meine innere Geschichtsbewältigung weiter voran bringen. Das braucht Ungestörtheit.

Die Große hatte viel Unterrichtsausfall, dadurch die Möglichkeit, einen Fahrschultermin auf den Morgen zu legen. Unterrichtsausfall sehe ich als Gestaltungsraum, als Glück. Er ist einfach zu selten, um sich konzeptionell darauf einzurichten, aber es geht schon was: Wie bei den Wartezeiten im öffentlichen Verkehr oder in Arztpraxen und Behörden kann man bei Unterrichtsausfall endlich dem Muße-Bedürfnis entsprechen. Oder dem nach selbstbestimmtem Lernen. Ich selbst habe immer Stift und Papier zur Hand, schreibe oder skizziere was, wenn ich genug Löcher in die Luft geguckt habe. Aber auch ein zu-Fuß-Gang an der frischen Luft gehört zu meinen Warte-Beschäftigungen, jedenfalls, wenn es eine feste Uhrzeit für den nächsten Termin, das „Dran-Sein“, gibt. Meine Große hängt auch nicht in der Luft, sie nutzt die Gestaltungsmöglichkeit.

Und McFlitz? Auch noch verschnupft, im Schonungsmodus lernend. Vermeldete mir nach dem ersten Tag, dass er das Gefühl hat, in Mathe wieder den Anschluss verloren zu haben. (Das kommt heraus, wenn man im Gleichschritt unterrichtet und nur die Lehrperson als einzige Quelle der Weisheit anbietet sowie die Kinder nach Alter sortiert.) Andererseits z.B. erbat ich Befreiung vom Sport und dem häufig dort herrschenden Wettbewerb, damit seine Atemwege noch etwas in Ruhe ihrem Reparaturprozess dienen konnten. Dem wurde ohne weiteres entsprochen – bin ich froh! Helikoptermama? Ich möchte, dass die Kinder ihrem eigenen Maß folgen können dürfen. Pause machen, wenn sie eine brauchen. Gas geben, wenn sie bereit sind. Beispielsweise nahm McFlitz nicht am Kaffeetisch teil, hatte keine Zeit. Ich holte ihn hungrig ab. Die Argumentation essen zu sollen, weil ich es bezahle, ist sicher nachvollziehbar, aber ich sehe auch den Hunger nach selbstbestimmter Spielzeit, der ihn viel mehr zwickt. Sehr freundlicher Weise durfte er sich von den weggeräumten Resten (die ich ja bezahle) noch was nehmen, obwohl die Mahl-Zeit schon vorbei war. Ich konnte meine Sicht der Dinge ansprechen. Vielleicht finde ich das Verständnis der Pädagog*innen vor Ort, dass sie die Kinder mehr anleiten, zu den Mahlzeiten auf ihren Bauch zu achten und sie ihnen als DIE Gelegenheit in den Sinn zu rufen und nicht nur die gehorsame Befolgung des Zeitplanes einzufordern. (Der ja so gedacht ist, dass dem Bauch immer rechtzeitig was zugeführt werden kann.) McFlitz jedenfalls vergisst seinen Essenshunger, wenn der freies-Spiel-Hunger zu groß wird. Nun denn: fröhlich auf ins Wochenende! (Das ich auf einer Chorfahrt verbringen werde. Die Familie bekommt endlich wieder Mutterfrei!)