Woche XXXX | Freitag, 03.05.2016

Eine Woche mit zwei kranken Kindern liegt hinter mir. Und ich schreibe den Freitagsstand der Dinge rückblickend von Sonntag früh um 2:30.
Wie groß ist die Sehnsucht der Kinder, sich des wirklich Wichtigen anzunehmen! Und sie möchten es in Ruhe tun, ausgiebig und bis es richtig gut ist für sie.
Ich meine nicht, dass sie in Ruhe gelassen werden wollen im Sinne von „Nicht ansprechen“. Im Gegenteil, sie wollen in aktiver Verbindung sein, nicht abgeschottet, aber es soll eine von der Sorte sein, in der sie sich sicher fühlen: Keines ihrer Bedürfnisse wird verletzt, sie werden in ihrer Würde geachtet und nicht als Objekte benutzt. Sie möchten eigene Entscheidungen treffen für die Beschäftigung mit den Gegebenheiten der Welt. Und wenn sie etwas schreiben sollen, dann möchten sie wissen warum. Und es reicht nicht, dass ich es wichtig finde, sie müssen diese Wichtigkeit selbst empfinden. Und wenn es ein nutzbringendes Werkzeug für ihr späteres Leben werden soll, dann muss die Wichtigkeit positiv sein, womit ich sagen will, dass sie es nicht zu nutzen lernen, um sich vor Strafe oder anderen Sanktionen zu schützen, sondern um ihr Leben zu gestalten und zu verbessern. Wozu eben auch ein gutes Miteinander gehört, das auf gegenseitiger Unterstützung basiert, nicht auf gegenseitiger Erpressung oder Unterdrückung.
Wir tun alle Dinge im Leben, weil sie wichtig sind. Ob sie immer ihren Zweck erfüllen, steht auf einem anderen Blatt, aber dafür genau haben wir unser hoch entwickeltes Gehirn: um herauszufinden, wie es gut geht, und was am besten passt. Und keiner lässt sich einfach so von jemand anders etwas sagen. Alle wollen selbst. Selbst drauf kommen, selbst wissen und können, selbst tun. Alle überprüfen, was sie gesagt bekommen, auch diejenigen, die erstmal Ja sagen. Denn sie machen die Erfahrung, ob Worte und Tatsachen zusammenpassen, übereinstimmen, und welche Bedeutung Worte haben können. Stehen sie für Ideen, Absichten, Pläne, Taten? Welchen Grad der Verwirklichung meinen die Sprechenden? Spielen sie das Gegenteilspiel? Machen sie Witze?
Die Kinder reagieren empfindlich auf die Natur unserer Angebote. Wenn sie die Bedeutung ihres Lesens, Schreibens und Rechnens, ihres Malens, Singens und Tanzens für mich kennen, dann können sie mir bereitwillig schenken, worum ich sie bitte, oder es, sich selbst schützend, verweigern. Wovor schützen sie sich? Davor, vorgeführt zu werden, selbst wenn es lobend ist; davor, gehorsam sein zu müssen und ohne eigene Bereitwilligkeit etwas zu tun. Und wie genießen sie es, wenn wir einander Gutes tun, unsere Arbeit tauschen! Du schreibst was für mich, während ich für dich etwas nähe. Du machst Musik für mich, während ich das Essen für uns koche. Du liest mir etwas vor, dann lese ich dir etwas vor, wir wechseln uns ab.
Ich selbst habe so viel Lob bekommen in meinem Leben, ich habe es satt. Es war mir peinlich, wenn ich vor anderen ausgezeichnet wurde. Das ist es immernoch. Ich bin genervt, wenn jemand etwas anhimmelt, was ich kann – es aber niemals wirklich für sich in Gebrauch nehmen will. Es ist dagegen schön zu hören, dass eine Person sich darüber freut, was ich mache, es genießt, also nutzt. Und mir mit einer Äußerung in dieser oder jener Form Dank ausdrückt, weil durch mein Handeln sein Leben besser geworden ist. Und mir etwas von sich gibt, was auch immer, und diese Geste verbessert mein Leben.
Danach lechzen wir alle, dessen bin ich mir sicher. Auf jeden Fall lieben es auch meine Kinder, wenn sie echte Bedeutung erfahren. Wenn ich ihnen erzähle, wie sehr ich ihre Musik, ihr Bauen, ihr Malen und Schreiben genieße, wie ich mich bei den verschiedenen Ausdrucksformen fühle, wie es mir bei der Arbeit Freude bereitet, dann staunen sie über ihre Wirkungen und freuen sich über Resonanz, gemeinsames Schwingen. Und die Dinge, mit denen ich sie wiederum mit Freuden beglücke.
Und ich freue mich gerade über ein Lego-Duplo-Regal für meine Sprossen-Schälchen, die nun nicht mehr abenteuerlich übereinander gestapelt ständig vom Einsturz bedroht sind. Ich kann sie alle einzeln nehmen, ohne erst darüber stehende abzutragen und umzustapeln. Und der Erfinder dieser Konstruktion freut sich über meine Freude, und wie praktisch ihm seine Konstruktion gelungen ist. Und zum Dank bekommt er von mir ein Eis spendiert. Oder eine Extratour an den Strand, ich habe schließlich etwas Zeit gewonnen… Und das macht ihn wiederum froher.
Ja, die Begegnung als Menschen macht’s, nicht die als Funktionäre, Joberfüller und Rollenspieler.

Woche XXXVI | Freitag, 06.05.2016

In dieser Woche tagt in Berlin die Konferenz zur Zukunft der Lernkultur. Mich beschäftigt von ferne die Frage, wann denn jeder Mensch endlich seinen natürlichen Lerndrang verfolgen kann. In seiner Intensität, in seinem persönlichen Maß.
Die Unausgewogenheit hat mir bei meinen beiden größeren Kindern schwer zu schaffen gemacht, und sie tut es noch. Nicht nur, dass sie unmäßig viel sitzen müssen und mussten, viel zu wenig eigene Entscheidungen zu treffen bekamen und im Grunde gar keine Wahl in Bezug auf den Themenplan, das Tempo und die Benotung haben und hatten. Nein, sie werden ihrer Unbeschwertheit beraubt, weil die Erwachsenen in diesem Land mit einer Grundannahme herumlaufen, die den Kindern unterstellt, von alleine sowieso nichts zu lernen. Die Erwachsenen in diesem Land gehen ja auch davon aus, dass Hartz-IV-Empfänger selbst schuld sind an ihrer Lage und nur durch Bedrohung dazu gebracht werden können, wenigstens für dieses Almosen aus ihrer Komfortzone zu kommen.
Das Ausmaß der Entwürdigung wird uns eines Tages zu Bewusstsein kommen, so wie uns DDR-Bürger*innen der Blick auf Nordkorea vielleicht einen Eindruck von unserer seinerzeitigen Manipulierung bescheren kann. Es ist mir eine jahrelange Aufgabe geworden, Linsen und Erbsen wieder auseinanderzusortieren, sachliche Zusammenhänge von ideologischen zu trennen.
Ich beklage die Unausgewogenheit, weil ich sie ausbaden muss: Sämtliche Bereitwilligkeit meiner Kinder ist von der Schule aufgebraucht und absorbiert worden, sie wurde sogar enorm überstrapaziert, so dass ich zu Hause andauernd in die Rolle der Krankenschwester gedrängt wurde und werde, in die Rolle der externen Steuerin und Überwacherin. Mir fällt die unliebsame Aufgabe zu, den übermäßigen Bücher- und Bildschirmkonsum ständig eindämmen zu müssen, was ich zum großen Teil dem Umstand zuschreibe, dass die Kinder in der Schule solche großen Zugeständnisse an viele ihrer Bedürfnisse machen müssen: wenn der Unterricht langweilig ist und sie sich nicht selbst belebende Beschäftigungen und Inhalte suchen dürfen, ihrer Kreativität nicht entsprechen können, weil z.B. Kritzeleien am Heftrand verpönt sind, ihren Hunger nach spannenden Schilderungen nicht stillen können, keine Rückzugsmöglichkeiten finden, keine Anleitung in der Lösung von Konflikten, keine Inspiration für die Erkundung der Kulturschätze bekommen und keinen Schutz vor der Androhung von Strafen oder vor Beschämung, zuwenig Zuwendung erfahren und nicht genug Zeit haben, Wissen und Verständnissicherung zu vollenden, bevor etwas Neues anfängt…
Was suchen sie in Büchern und im Internet, was sie in der konkret-analogen Umgebung nicht erlangen?
Mir geht es nicht um das Verhindern der Nutzung all dieser Medien, und ich sehe auch deutlich, wie sie einen Menschen vereinnahmen können. Ich weiß nicht, wo die Manipulation beginnt, die dazu führt, dass man seinen körperlichen Bedürfnissen keine Aufmerksamkeit mehr schenkt, zu essen, trinken, schlafen und sich zu bewegen solange hintanstellt, wie man es für eine Schulaufgabe wohl nie fertigbrächte, aber auch im Flow eines Gruppenspiels kämmen diese Dinge nicht zu kurz…
Ich weiß aber, dass ich selbst lieber draußen in der Natur bin, mich rühre und im Garten buddele oder still und andächtig den Vögeln und dem Blätterrauschen lausche als stundenlang Hayday oder Minecraft zu spielen oder Let’s plays zu gucken. Jedenfalls geht es mir nach Stunden von Ersterem viel besser als nach Stunden von Letzterem. Ich bin überzeugt, dass ich auch ohne die Unausgewogenheiten, die für meine Kinder definitiv durch die Schule entstehen, das Thema Maßhalten im Umgang mit den Medien aufkommt, denn dieses Maßfinden ist eine uralte Lebensaufgabe und im Tanz von Yin und Yang symbolisch dargestellt. Das muss mich aber nicht davon abhalten, die Unmäßigkeiten der Schule auf’s Korn zu nehmen.
Ja, sie entstehen durch die Schule, aber ich habe sie zugelassen, diese Unausgewogenheiten. Ich und viele andere Erwachsene. Und ich habe sie meinen Kindern angelastet. Anstatt endlich dafür zu sorgen, dass sich ihre Schulwelt endlich dahingehend wandelt, dass die Kinder dort sicher sind und achtsam begleitet werden auf ihrem Weg ins Leben. ein Leben als freie Erwachsene, die auf eigenen Beinen aufrecht stehen und gehen können und mit Weitblick und lebensfördernder Feinfühligkeit ihrerseits für Kinder und eine intakte Umwelt sorgen werden.
Nu aber.

Woche XXX | Montag, 21.03.2016

Wenn man seine eigenen Kinder auch mal mehrere Tage hintereinander in ausgeruhtem Zustand erleben kann, ohne Aufträge, die sie erfüllen sollen, dann kann es vorkommen, dass sie sich irre langweilen und damit alle behelligen, die irgendwie auf Empfang sind. Es ist vielleicht wie das berühmte Loch, in das man fällt, wenn man von einem Tag auf den anderen keinen Arbeitsplatz mehr hat, an den man gehen kann. Haben sie dann nach einer Weile etwas gefunden, was sie machen wollen, dann geht damit so richtig die Post ab. Zum Beispiel ein Stück auf Mamas Gitarre einzuüben, das gerade in ist im Freundeskreis. Mit Hingabe und Anstrengungsbereitschaft. (Die ich mir auch für die Erledigung von Familien-Arbeiten wünsche.) Oder aus den Pappzylindern des Toilettenpapiers Werkzeuge zu bauen. Das macht das Leben lebenswert – etwas zu tun, was Bedeutung für das eigene Leben hat. Etwas, was einem Freude macht.
Dem gegenüber der Satz des Grundschulkindes einer Freundin: „Es macht einfach keinen Spaß zu lernen, wenn man immer schlechte Noten bekommt.“ Ich glaube, viele Lehrer*innen würden ihren Job an den Nagel hängen, wenn sie regelmäßig Noten bekämen für ihre Arbeit. Sie sagen, es seien ja die Eltern, die die Noten wollen. Das stimmt sicherlich, aber nicht für mich, zum Beispiel. Auf mich als einzelne Mutter hört dann aber niemand. Dann glaube ich, dass es auch nur eine Ausrede ist. Ich bin sicher, alle Eltern wollen Orientierung über die Sachlage bei ihren Kindern, und am liebsten sollen das natürlich gute Nachrichten sein. Was hindert uns, genau das zu machen? Warum stellen wir uns und den Erwachsenen an den Schulen nicht die Aufgabe, gute Zeugnisse auszustellen? Also nur aufzuschreiben, was gut klappt? Das zeigt doch dann ganz konstruktiv den Stand der Dinge, denn was da nicht draufsteht, bleibt als Aufgabe für den weiteren Schul- und Bildungsweg.
Was leben diejenigen Pädagog*innen vor, die deshalb Noten geben, weil sie müssen?
Was leben diejenigen vor, die einfach in Ruhe unterrichten wollen, ohne mit den Menschen in den Schulpflichtigen zu tun haben zu müssen?
Was leben wir vor, wenn wir die Anforderungen eines Systems über die Bedürfnisse des einzelnen Menschen stellen, selbst wenn dieser dadurch leidet oder erkrankt? Und wenn dieser Mensch ein Schutzbefohlener ist?
Wir haben jetzt Ferien, ich habe den ganzen Tag Gelegenheit, mit den Kindern zu erproben, wie es geht, wenn man z.B. das Kriterium Freiwilligkeit erfüllen möchte. Wie erreiche ich die Mitwirkung meines Kindes im Haushalt, wenn es gerade nicht sowieso begeistert angelaufen kommt, um mir zu helfen? Ohne es zu erpressen oder zu zwingen?
Wie? Indem ich mich als Mensch zeige, der die Dringlichkeit oder Ernsthaftigkeit seiner Bitte auf eine Weise deutlich macht, die dem anderen ans Herz geht und nicht auf die Nerven. Der am Ende Danke sagt für die Bereitschaft des Kindes, diesen Dienst zu leisten, der nicht unmittelbar mit seinen eigenen Bedürfnissen im Zusammenhang steht, sondern erst damit in Berührung kommt, wenn meine „Notlage“ deutlich wird – und dann berührt es das Bedürfnis nach Identität, „Ich bin wichtig“.
Ich selbst leide darunter, wenn ich Dinge für andere tue, die sie selber könnten, und das als Selbstverständlichkeit übergangen wird. Auch in unserer arbeitsteiligen Familie sehe ich diese Arbeitsteilung als etwas zu Würdigendes an, ich muss es nicht immer dick auftragen, aber ich nehme es auch nicht als Naturgesetz hin. Es ist eine Errungenschaft, wenn es gelingt. Oft genug scheitert’s ja.
Es ist aufgrund meiner Erziehung und der Kultur, in die ich hineinwuchs, ein Automatismus „Seid bereit – immer bereit“, aber einer, der mich schlaucht. Ich mühe mich, ihn stillzulegen im Umgang mit andern Menschen, auch Erwachsenen. Auch meinen Eltern. (Besonders heikel.) Ich mühe mich, mit den Kindern zu wachsen und die Versorgungsgewohnheiten abzulegen, die nicht mehr altersgemäß sind. (Das fällt spätestens dann nicht mehr allzu schwer, wenn man für das, was man tut, hauptsächlich Kritik oder Ärger erntet.) Ich mühe mich um meine eigene Freiwilligkeit. Wenn ich sie errungen habe, dann bin ich authentisches Vorbild, dann strahle ich es aus als Wesensmerkmal und muss nicht mehr reden wie ein Buch. Dann gestehe ich es mir und gleichzeitig allen zu.
Tja, ich ringe noch. In den Augenblicken des Gelingens weiß ich, dass es sich wirklich lohnt. Und ich merke das Gelingen, auch wenn mir niemand eine Note dafür gibt. Die ist nur wichtig für jene, die nicht mit mir vertraut sind.
Noten – ein Indiz für mangelndes Auskennen miteinander? Zuwenig Hinwendung, Interesse? Verständnis?

Woche XXIX | Freitag, 18.03.2016

Wie schön, wenn man einfach in Ruhe arbeiten gehen kann! Mit dem guten Gefühl, die Kinder gut aufgehoben zu wissen in ihren Schulen. Und, welch Romantik, am Nachmittag oder Abend Anekdoten und Abenteuer erzählt zu bekommen! Ich wage noch nicht, mich daran zu gewöhnen, aber ich schätze mal, das passiert einfach.
Nun, die ganze Romantik hatte ich nun nicht, es gab Läusealarm, ich hatte mein Grundschulkind drei Tage zu Hause, um ganz sicher zu gehen. Zum letzten Schultag konnten wir ihn nur motivieren, weil wir ihm die Sicherheit zu geben imstande waren, dass er nicht gleich wieder Läuse einfangen würde – in der Schule haben alle Eltern zugestimmt, dass ihre Kinder dort kontrolliert werden dürfen, so dass ganz gezielt informiert werden kann.
Nun haben wir wieder Ferien, heute mit praller Sonne und der Ahnung, wie schön es im Frühjahr sein kann – wenn nicht immer alles grau überhangen bleibt…
Aber was mir dennoch vergönnt war: ganz nach meinem Rhythmus zu leben. Mit welcher Kraft kann ich unterwegs sein, wenn ich mir meine eigene Art erlaube! Dann bin ich auch weniger davon abhängig, ob die Umstände günstig sind, und kann mich viel besser auf Gegebenes einstellen. Wie sehr ich doch meistens von mir selbst entfernt bin! Ich lande in einem Automatik-Modus, der auf Planerfüllung programmiert ist, ich funktioniere dann einfach und ich erwarte das natürlich dann auch von den Kindern. Ich tue Dinge nicht, weil sie notwendig sind, sondern weil das jetzt so geplant ist. Ich habe die Verbindung zum Sinn nur in der Planungsphase, in der Umsetzungsphase bediene ich nur noch die Programmpunkte. Ich bin auch in einem gewissen Grad flexibel und kann den Kurs ändern, aber eigentlich immer mit einem schlechten Gewissen wegen des Planes oder wegen anderen Menschen, die sich drauf verlassen. Es ist irre aufwändig, immer allen Beteiligten die Änderungen mitzuteilen, damit sie sich mit ihrer Planung darauf einrichten können.
Eigentlich möchte ich nicht planen, ich möchte lieber viele Möglichkeiten inpetto haben und auf die jeweilige Situation eingehen. Das macht Absprachen schwierig, vor allem mit Planer*innen, die jede Einzelheit festgelegt sehen wollen. Ich habe lieber die Möglichkeit, mit den Aktualitäten zu spielen, kreativ im Augenblick zu entscheiden, gern auch mit Anderen im Team, die genauso auf verschiedene Ressourcen zurückgreifen können und spontan Ideen aufgreifen und umsetzen.
Wenn das so läuft, erlebe ich Flow. Ich bin kaum zu erschöpfen, die Quelle sprudelt fröhlich, bis mir buchstäblich die Augen zufallen und meine Körperzellen mir Pause verordnen.
Das beobachte ich auch an den Kindern – wie werden sie munter und ihre Kopfschmerzen verfliegen, wenn sie nach ihrer eigenen Fasson lesenschreibenzeichnensingentanzenrechnen dürfen! Habe ich sie nach acht Stunden Schule völlig erledigt in Empfang genommen, kommen sie nach kurzer Ruhe auf ihre eigenen Gedanken und finden Betätigung, die sie wieder zu sich kommen lässt – wenn ich sie lasse und nicht mit Pflichten oder Vorstellungen behellige. Die suchtartige Ausprägung einer Beschäftigung macht klare Aussage darüber, wie sehr ihre Bereitwilligkeit zur Erledigung fremder Aufträge überstrapaziert ist. Wie sehr ihr Bedürfnis nach Selbstbestimmung im roten Bereich gelandet ist. Gewiss steht hier wissenschaftliche Untersuchung aus, es ist aber meine Beobachtung und Auslegung, immer wieder.
Nun, mal sehen, wie lange es dieses Mal dauert, bis sich eine gesunde Unternehmungslust einstellt und die Bereitschaft, den Rückzug in die persönliche Höhle einzutauschen gegen Expeditionen in die Welt. In ausgewogener Weise.
Achja: Liebe Grüße an mein Kind im fernen Lande! Bitte grüße deine Gastfamilie und alle, die sich freundlich um dich bemühen und sage ihnen meinen Dank!

Woche XXVII | Montag, 29.02.2016

Da die Schule also nun kaum noch für Alarmstimmung und entsprechenden Ersthelferhandlungsbedarf sorgt, kann ich mich wohl verstärkt dem Boden widmen, der den unliebsamen Symptomen die Nahrung liefert. Ich sehe die Schule nicht als ursächlich an, das habe ich in der „Gewaltfreien Kommunikation“ zu schätzen gelernt. Täte ich es, könnte ich nie aus dem Schlamassel finden, solange die Schule nicht gnädig sein möchte. Ich fühle mich lieber als Gestalterin, damit liegt alles in meiner Hand.
Ich sehe sie allerdings als auslösend an, als Hinweis auf anstehende Aufgaben. Was nicht bedeutet, dass ich alles gutheiße, was sie mir an Gelegenheiten bietet. Ich bin durchaus bereit, das Herangehen dieser Institution an die Bildung unserer Kinder in Frage zu stellen, da sie uns vor Aufgaben stellt, die nicht im Rahmenplan verankert sind, und für die sie uns auch keine Strategien an die Hand gibt…
Ich nehme nun unser Miteinander innerhalb der Familie in den Fokus. Auf welche Weise fordern wir uns, was wollen wir voneinander… Mir ist wichtig, die Bedürfnisse zu erkennen, die hinter dem Hunger stecken, und die Wege zu erforschen, die zu ihrer Stillung führen, und die Kriterien zu entdecken, an denen wir uns orientieren können. Das stelle ich mir als Alternative zu einem Leben nach Vorschrift vor – auch wenn die Vorschriften Gutes bieten: mir sind sie lieber als Anleitungen oder Empfehlungen, bei denen es mir freisteht, ob ich sie befolge oder meine eigenen Experimente und Erfahrungen mache. Ich glaube, wenn wir einander das zugestehen können, ich den Kindern, meinem Mann, und sie mir, dann sehen wir uns als gleichwürdig. Und wenn es uns gelingt, einander in Geduld und Zugewandtheit Rückmeldung zu geben über die Auswirkungen unseres Auftretens, dann können wir bestimmt alle ganz viel voneinander lernen!

Woche XXII | Freitag, 29.01.2016

Letzter Schultag. Zeugnisse. Zwei hustende und schniefende Kinder ins Rennen geschickt. Damit sie nichts verpassen. Das Bedürfnis nach Dampfbad ist nicht ganz so groß wie das nach Geschichten in jeder Form und Selbstvertiefung in ungestörte Beschäftigung. Ich gebe eindeutig dem Selbermalen, Selberschreiben, Selberbauen meine ganze Sympathie und gestehe, dass ich das Glotzen und massenhafte Lesen eher als bedenklich ansehe. Aber wahrscheinlich ist es genau wie mit jedem anderen Hunger – wenn er mit günstigen Mitteln gestillt wird, ist auch eine Weile Ruhe. Also: persönlich vorlesen, gemeinsam glotzen, sich was erzählen? Und danach zusammen Essen machen, oder vorher, eine Runde an die frische Luft gehen.
Dazu müssten die Rhythmen übereinstimmen…
Die Zeugnisse scheinen nicht für allzuviel Unmut zu sorgen. McFlitz findet, er hat ein gutes Zeugnis, weil kein „Förderbedarf“ drin steht, nur „grundsätzliche, sichere und erweiterte“ Fähigkeiten. Die Mädels haben Noten drauf stehen, und Oishi-Kawaii hadert ein wenig mit sich, weil eine Note gerade vor einigen Tagen durch einen verhauenen Test verschlechtert wurde. Kkumhada ist seit Tagen in feierlicher Laune, weil sie im kommenden Halbjahr ganz woanders in eine Schule gehen wird. Mit ihrem Punktestand ist sie deshalb dennoch nicht ganz glücklich. Ihr fehlt Motivation. Die kommt nur von innen, wenn sie nicht durch Verbote oder Vorschriften halb erstickt oder vom Gift der Bewertung gelähmt oder anderweitig dienstunfähig geworden ist…
Könnten Geschichts-Tests nicht darin bestehen, dass die Kinder Krimis, Balladen oder andere literarische Werke verfassen, in denen die ganzen Daten und Fakten gebraucht werden, die für einen Test gelernt werden? Könnten die naturwissenschaftlichen und technischen Entdeckungen nicht in die Erzählung oder Darstellung anschaulicher Kurzgeschichten eingebettet werden, so dass man ihren Nutzen und ihre Bedeutung ermessen kann? Ja, sowas können schon Manche. Andere weigern sich, ihre Kreativität und Phantasie endlich frei zu lassen, denn Spielen ist verpönt, Lernen muss schließlich weh tun, sonst ist es keins.
Die künstlerischen Ausdrucksformen im Dienste der Präsentation schulischen Lernens – ein würdiger Platz? Damit rücken sie auch mehr in den Vordergrund und kommen vielleicht mal aus der Verbannung zurück, die nur dem Zweck dienen kann, den Menschen auf allen Kanälen zum Schweigen zu bringen. Klappt ja auch umfassend.
Aber jetzt sind Ferien, wir haben zwei Wochen. Nicht alle Kinder gehen gesund in diese Erholungsphase, auf die zwei wichtige Grundbedürfnisse beschränkt bleiben: Muße und Kreativität. Ach mehr noch, auch Zuwendung und Verstehen bleiben ja vielfach im „Alltag“ auf der Strecke. Oftmals fühlen sie sich auch nicht sicher genug, zumindest verstecken sie ihre Talente. Von Freiheit/Selbstbestimmung ganz zu schweigen. Damit bleiben drei von Max-Neef’s neun Bedürfnissen im grünen Bereich: Lebenserhaltung, Teilhabe/Zugehörigkeit und Identität. Bei letzterem bin ich mir aber nicht wirklich sicher…
Also auf in die frei gestaltbare Zeit! Möge sie ausreichen, wieder Mensch zu werden.

Woche XXII | Montag, 25.01.2016

Einen Monat nach dem ersten Weihnachtstag…
Ein Kind mit Husten und Schnupfen zu Hause, ein Kind mit Husten und Schnupfen in der Schule, ein Kind einigermaßen symptomfrei in der Schule. Ich selbst hänge ziemlich durch, auch heute noch, am Dienstag. Ich habe einen Herpes an der Oberlippe bekommen und seit Wochen einen rissigen Mundwinkel. Ich schlafe sehr viel, bin dann einigermaßen brauchbar. Ich raffe mich zum Einhalten des Tagesablaufes auf, aber nicht, um Ziele oder Leben zu retten. Nur um des Gehorsams willen, der tief in mir die Peitsche schwingt. Also irgendwie doch ein Leben retten – meins. Denn was wird mir geschehen, wenn ich nicht artig bin?
Ja, ich weiß, jetzt bin ich schon groß, und niemandem wird der Kopf abgerissen, und ich kann mich von kindlichen Denkmustern befreien. Das ist so einfach gesagt, sie wirken einfach, ohne dass man Zugriff haben muss, und es reicht auch nicht, sich ihrer bewusst zu werden oder ihnen ihr Weiterwirken zu verbieten. Manche dieser alten und tief gespurten (Auslegungs-, Denk-)Gewohnheiten werde ich vielleicht niemals los, weil selbst mit täglichen Achtsamkeitsübungen und Entwöhnungsaktivitäten kein Herankommen an die emotionale Verwurzelung ist. Da ist es schon viel, wenn mir täglich einmal einfällt, dass ich in einer freiheitlichen Gesellschaft lebe und ich es jeden Tag in der Hand habe, es so oder anders anzugehen. Sklavisch oder eigenverantwortlich. Aber diese dumme Angst vor „Konsequenzen“! Und sei es nur eine Ordnungswidrigkeit… Und überhaupt, was soll die?
Aber wie kann ich z.B. in Sachen Schule eigene Antworten geben, wenn alles festgelegt ist? Stundenplan, Uhrzeiten, Lehrplan, Hausaufgaben – an keiner Stelle können wir unsere eigenen Entscheidungen treffen außer, ob wir aktiv mitmachen oder passiv aussteigen. Im Fall von Hausaufgaben mit strafähnlichen oder ausgesprochen strafverfolgenden Effekten. In Sachen Lehrplan mit schlechten Noten. In Sachen Stundenplan mit Nachschreiben von Klassenarbeiten, aber ohne Nachholen versäumter Inhalte. Uhrzeiten: wer später kommt, muss sich entschuldigen. Hallo?! Unsere Kooperationswilligkeit wird gnadenlos strapaziert. Wer will denn schon immer nur dagegen sein? Die Kinder wollen Zugehörigkeit. Es kostet sie viel. Sie müssen sich unterwerfen, wenn sie noch nicht eingesehen haben, wie sinnvoll und wichtig die bestehende Regelung ist. Sie erleben Bloßstellung oder Strafen, Entwertung und Ignoranz gegenüber ihren Bedürfnissen, ihrem Tempo, ihren Eigenheiten.
Aktiv auszusteigen habe ich in Erwägung gezogen, aber angesichts meiner Feigheit wieder verworfen. Außerdem wollen die Kinder auch mit Gleichaltrigen umgehen und sich außerhalb der eigenen Häuslichkeit umsehen. Mit zunehmendem Alter in immer größerem Radius. Wegziehen, zum Beispiel näher an eine weiterführende Schule, die es schon menschenfreundlicher macht – wo sogar ich arbeiten könnte: das ist ein verlockender Gedanke, aber so schlecht geht es uns wohl doch nicht. Und außerdem kann ich nicht ewig herumziehen, um die für mich passenden Orte zu finden. Irgendwann muss ich doch einmal auch selbst eine Sache in die Hand nehmen und für den notwendigen Wandel sorgen. Das macht mich unabhängiger. Wäre schon schön, mit allem klarzukommen, ohne sich selbst zu verlieren. Ich versuch’s weiter. Und die Kinder bekommen live Geschichte – Unterricht mit Zwang. Zwar ohne Rohrstock. Oder fliegende Schlüsselbunde. Anschaulicher geht’s kaum. Exklusiv. Nur ohne Bühne, Gage und Publikum wie bei „Ich bin ein Star – holt mich hier raus.“ Oder anderen Inszenierungen. Möge es ihnen die Kraft verleihen, die Befreiung weiter voranzutreiben!

Woche XX | Freitag, 15.01.2016

Von drei Kindern ist eins in der Schule. Was mir so durch den Kopf geht, wenn ich sie abmelden muss, ist wohl sehr aufschlussreich. Zum Beispiel denke ich, was für eine nervige Kontrolle das ist, der ich mich da unterwerfe. Ich sehe es gar nicht als mitmenschliche Kooperation, durch die sich alle auf die Situation einstellen können oder Verständnis oder gar Mitgefühl entsteht. Dann wieder habe ich Gedanken um meine Entscheidungskompetenz: Muss das nicht der Kinderarzt unterschreiben??? Ich bin ja bloß die Mutter. Ganz schön eigenmächtig, wenn ich allein urteile, ob es noch ein Tag länger sein muss…
Dann denke ich daran, was sie alles verpassen, wenn sie nicht hingehen. Das geht nur, wenn alle einem Programm folgen, wie bei einer Pauschalreise. Oder eben im Gleichschritt lernen sollen. Sie müssen dann alles nachholen und das Aktuelle mitmachen. Irgendwas leidet dabei immer. (Warum nicht gleich wieder die Gesundheit?)
Meine große Furcht ist jedoch nicht, dass sie etwas Wichtiges nicht lernen. Meine Furcht bezieht sich auf Bestrafung oder Beschämung. Auf welche Weise auch immer. Mir wird immer deutlicher, wie man für seine Unzulänglichkeit auf eine Weise „zur Rechenschaft“ gezogen werden kann, die einem selbst das Gefühl gibt, kriminell zu sein. Fängt es so an? Ist das die Wegbereitung für die Erschaffung der „Bösen“?
Mit meinen beiden „kranken“ Kindern habe ich in dieser Woche ein Miteinanderleben geübt, das schon sehr nahe an das herankommt, was ich als sinnvoll erlebe. Ich bin zwar auch wieder unbezahlte Krankenschwester, habe aber zu einer geruhsameren Lebensführung gefunden, in der das Kriterium unsere Bedürfnisse sind, nicht was „man“ muss. Auch ein leicht „krimineller“ Akt, denn die Beachtung der eigenen Anliegen unter Missachtung gesellschaftlicher Normen ist doch höchst egoistisch, wenn nicht gar aufwieglerisch, oder?
Jedenfalls geht es mit der Gesundheit langsam bergauf. Ist das nicht auch geschäftsschädigend?

Woche XIX | Freitag, 08.01.2016

Die entfremdende Wirkung der Schule beginnt bei mir selbst dort, wo ich meinen Biorhythmus ignorieren muss und mich zugegebenermaßen recht widerwillig dem Unterrichts-Zeitplan unterwerfe. Ich glaube, der springende Punkt ist der Widerwille, denn seine Impulse zu sortieren, gewichten und in eine Reihenfolge zu bringen, ist an sich keine Gewalttat, sondern sehr nützlich. Sonst würde man verhungern zwischen den reich gedeckten Tischen, weil man sich nicht für einen davon entscheiden kann, mit dem man beginnen will. Ich handle also mit Widerwillen, wenn ich morgens aufstehe, um die Kinder rechtzeitig zur Schule zu schicken. Es nagt am Selbstwertgefühl. Ich traue mich nicht, es einfach anzugreifen oder anders zu machen. Im Grunde bin ich nicht gegen die Schule an sich, aber gegen all die Zipfelchen von Zwang und Kontrolle, von denen ich mich gegängelt fühle. Nun, gut dass mir das immer klarer wird, dann kann ich auch bald drüber sprechen!
Meine große Träumerin hat den Start verschoben, sie bekam Kreislaufprobleme am Wochenende, und als am Montag Abend keine Besserung in Sicht war und sie mir auch noch zusammengesackt ist, hat ihr Papa sie ins Krankenhaus gefahren. Er kam erst nach Mitternacht wieder nach Hause. Dem Kind hat der Ausflug neue Erfahrungen ermöglicht, auch traf sie ein anderes Mädchen, das öfter schlapp macht und unter Essstörungen leidet. Die Erklärung kann sein, dass eine Infektion im Anflug war, jedoch nicht Fuß fassen konnte, aber auch Vorgänge pubertärer Natur können dahinter stecken. Im Gehirn ist schließlich Einiges los in diesem Alter. Jedenfalls kam auch eine große Unlust auf die langweilende Unterrichtswelt zum Vorschein zusammen mit einer Resignation, also keine Aussicht auf Besserung. Ist ja ein salutogenetischer Faktor: man braucht das Gefühl, etwas machen zu können.
Mein Lecker-Süß-Mädchen hatte sich auf das Wiedersehen mit Freunden gefreut und auf’s Schlittschuhlaufen, was sie dann auch am Mittwoch endlich tun konnte. Dafür hat sie nun heute mit ihrem Dauerschnupfen und zusätzlich Hals- und Ohrenschmerzen zu tun, nachdem sie ihr Geselligkeits- und Geschichtenbedürfnis auf Kosten von Ruhe und Erholung gestillt hat. Es ist schon eine Kunst, alles in Balance zu bringen.
Der kleine Flitzer hat das Schlittschuhlaufen weidlich genossen und dafür die Zeit im Hort aufgegeben. Als gestern mein Auto gar nicht mehr angesprungen ist, war er sehr ungehalten über die verpasste Möglichkeit – er musste warten, bis der Papa ihn abholte, und da war es dann auch schon dunkel. Das Weiß, das uns heute endlich die Augen tröstet, bot ihm am Morgen neuen Anlass zum Kummer – es soll ja nun wärmer werden und wird schmelzen. Wie kann er denn nun den Winter genießen, wenn er die Schulbank drücken muss? Was hilft ein Lied, ein Gedicht, wenn das Erlebnis selbst nicht zustandekommt? Nun, ich hoffe, in seiner Schule gibt es da eine gewisse Flexibilität.
Ich hoffe auch, dass mein Auto nachher wieder anspringt.
Ach ja, im Elternrat geht es ganz gut voran, ich genieße den Umstand, dass wir nun tatsächlich über Reizwörter reden können und einander schildern und zuhören, was es an individuellen Geschichten gibt, ohne dass jemand gleich mit einem „das macht man so, dann läuft das“ abwiegelt, plattrollt oder abschmettert. Es scheint die Akzeptanz der Unterschiedlichkeit zu wachsen und das Zugestehen eigener Empfindungen. Ich bin also wieder etwas zuversichtlicher, dass wir dem Abschied von gleichschrittigem Lernen und Testen näher kommen können.
Damit auf ins Wochenende und an die frische Luft…
Ach ja: hier noch ein Fundstück:
„Kinder wollen leben, nicht auf’s Leben vorbereitet werden.“ Ich glaube, das ist von Jean Paul.
Hier das Original:
„Kinder wollen nicht auf das Leben vorbereitet werden, sie wollen leben.“
Ekkehard von Braunmühl

Woche XVII | Montag, 21.12.2015

Gestern war oben genannter Tag, erster Ferientag, der für mich ganz und gar im Zeichen der Gesundung und Wiederherstellung stand. Ist ja nichts Ungewöhnliches, wenn endlich Luft ist: Erstmal brechen die Notfall- und Behelfsmechanismen zusammen, die alles aufrecht erhalten haben, was an Reserven da war, um das Alltagsprogramm zu absolvieren. Ich empfinde das durchaus wie einen Alarmzustand, wenn ich andauernd in Bereitschaft bin oder im Hinterkopf die Terminspirale rotiert und mich aus der Gegenwart zerrt.
Also alle geplagten Zellen wieder normalisieren, reparieren, aufräumen…
Die Kinder versenken sich in Legobauen (McFlitz), und Bildschirmgenuckel (die Mädels). Sie sind durchaus nicht nur am Saugen, Spiele und Chats funktionieren wie die echten, nur dass der Körpereinsatz der Spielenden auf ein Minimum beschränkt bleibt bzw. sehr einseitig belastende Haltungen vorherrschen. Ich habe also meine Rolle als böse Mutter eingenommen und sie an die frische Luft gejagt. Ich hasse diese Rolle. Ich denke, im Märchen musste immer eine Stiefmutter herhalten fürs Bösesein, weil man eine Mutter ganz sicher nicht mit solch einer Eigenschaft in Verbindung bringen wollte. Wo doch alle Kinder ihre Mutter lieben wollen!
Ich empfinde mich als böse, wenn ich meine eigenen Bedürfnisse geltend machen möchte und das dann gleichzeitig bedeutet, dass die Kinder sich meinem Willen beugen müssten. Ich bin vielleicht übermäßig sensibel für Übergriffe auf die Selbstbestimmung. Wie gut hat es da Yakari, der nicht ständig vor einer menschgemachten gefährlichen Umwelt geschützt werden muss und zu diesem Zwecke eingesperrt oder rausgejagt wird o.ä.. Ich würde die Kinder gern jeden Tag einfach loslegen lassen bis sie von sich aus spüren, wie hungrig oder müde sie gerade sind. Wie sehne ich mich auch nach einer menschlichen Gemeinschaft, die wie ein Netz alle ihre Kinder hält, nach Bedarf anleitet oder unterstützt.
Nun, es bleibt den Ferien vorbehalten, den eigenen Rhythmus wiederzuentdecken. (Ich hoffe, sie sind dafür lang genug…)
Weihnachten ist dran. Ja, auch das empfinde ich als Termin. Ich bin weder in der Stimmung, die nötig ist, um die dunkelste Zeit des Jahreskreises als Wendepunkt und Beginn der Winterruhe zu feiern, zumal es nirgends wirklich dunkel ist und Ruhe auch nicht in Sicht. Heilig ist mir das Wohlergehen der Kinder und es reicht nicht, einmal im Jahr daran zu erinnern, wie zerbrechlich und nackt und liebenswert sie sind, und sie dann den Rest des Jahres ans Kreuz zu nageln und irgendwelchen Plänen zu opfern. (Die ja letztendlich von einem Wirtschaftswesen geprägt sind, das künstlich Not schafft, sie mit Pseudozeugs verlängert und daraus Profit schlägt.) Die Konsumschlacht vor Weihnachten gibt mir weitere Gelegenheit, die böse Mama zu sein, meine Kinder nur mit Nüssen und Äpfeln im Nikolausstiefel dumm aussehen zu lassen in der Runde ihrer Gleichaltrigen, die sich mit der Schilderung ihrer Gaben gegenseitig übertrumpfen.
Naja, ich bin’s ja schon ein wenig gewöhnt, diese Rolle zu spielen. Spaß macht’s trotzdem nicht. Vielleicht wird’s lustiger, der Wirtschaft die kalte Schulter zu zeigen. Den Lehrplänen und dem Zwang, schlechte Noten zu erteilen. Die armen Lehrer*innen! Sie müssen das ja machen. Ist ja Vorschrift. Wie wär’s mit einem Notenumtausch-Laden? Und die armen Firmen, sie müssen ja Gewinn erwirtschaften und Leute ausquetschen und Natur zerstören, schließlich wollen die Käufer billig kaufen. Vielleicht müssen sie, weil sie gar nicht genug Geld haben für planeten- und mitarbeiterfreundlich hergestellte Produkte?
Ich denke an all den Schmerz, der in den Sachen steckt, die wir hier zu kaufen kriegen. Und: schenke dieses Jahr nur selbst Gemachtes. Ich singe, nehme in den Arm, gebe meine Zeit, meine Gedanken, dichte eigene Reime und fertige kleine Büchlein an. Dazu bräuchte ich noch Umweltpapier, damit es rundum „verdaulich“ wird. Na, ich arbeite drauf hin… Oder wie wär’s Anfang Februar mit einem Zeugnis-Umtausch-Flashmob? Auf dem neuen Zeugnis steht sowas wie „Das Kind … ist ein menschliches Wesen mit Gefühlen und Bedürfnissen. Es lernt in eigenem Tempo, hat besondere Talente und möchte in einer sicheren, anregenden menschlichen Gemeinschaft aufwachsen.“ Oder so ähnlich. (Ach, traumhaft. Lasst mich noch ein bisschen weiterschlafen!) Vorschläge, Absichtserklärungen, Berichte und Hinweise auf solche Aktionen bitte hierher und an jedes schwarze Brett… Das wär mal weihnachtlich!