Woche XXXXI | Freitag, 10.06.2016

Was für ein Drama! Die Aussicht auf ein Sportfest löst ein derartiges Unbehagen aus, dass ich befürchten muss, meinen Kindern könnte ernsthaft Schaden erwachsen.
Nun, ich denke, der Schaden ist ihnen bereits entstanden, nur aus üblen Erfahrungen heraus kann so eine intensiv-abwehrende Haltung entstehen. Also wieder ein Schulereignis, an das rote Tücher geknüpft sind.
Ich möchte voranschicken, dass wir nicht von vornherein skeptisch an Schule herangehen, ich habe Vertrauen in die professionellen Erwachsenen gehabt, als ich ihnen meine Kinder übergab. Im Laufe der Jahre musste ich mich über vieles wundern, und, ja, inzwischen äuge ich eher kritisch auf die Schule. Ich habe meine Kinder immer ermutigt und ihnen mit Rat und Tat zur Seite gestanden, ihnen Raum und Zeit für die Erledigung von Hausaufgaben gegeben, ihnen zugehört und bei Bedarf Vorschläge unterbreitet. Ich habe mich um sie gesorgt, wenn sie schlechte Noten heimbrachten, weil ich sah, wie geknickt sie davon waren, habe ihnen versucht zu zeigen, dass sie dennoch gute Kinder sind, in Ordnung, so wie sie sind. Dass es normal ist, wenn nicht alles auf Anhieb klappt, wie beim Laufenlernen. In der Schule wurde aber jeder Sturz zusätzlich noch bewertet: das macht das Straucheln zur Gefahr für das Selbstbild.
Schule ist ein Ort für uns geworden, an dem die Kinder vor Aufgaben gestellt werden, die wir zu Hause zu lösen bekommen. Meine Versuche, diese Aufgaben mit den Lehrenden zu erörtern, stießen auf Selbstverteidigung, Abwiegelung und klare Zuordnung in häusliche Verantwortung.
Sicherlich ist es meine Entscheidung, wie ich damit umgehe, ob ich es zum Privatproblem erkläre und im Stillen mein Süppchen koche oder ob ich dieses zunächst persönliche Thema in die Gesellschaft trage und ihr damit die Möglichkeit gebe, sich zu einer Gemeinschaft zusammenzufinden. Zu dem sprichwörtlichen Dorf.
Der erste Schritt dahin besteht darin, mich zu outen.
Mit einem Misserfolg.
Mit einem Versagen.
Mit einer Schwäche.
Mit dem Eingeständnis, es nicht allein hinzukriegen.
Mit dem Scheitern an der Forderung nach Perfektion und Richtigkeit.
Das sind alles keine Ruhm bringenden Anteile.
Solches zu zeigen verleitet noch viele Leute dazu, einem weitere Ratschläge zu erteilen, was man wie oder anders machen muss. Das verstärkt noch das Gefühl der eigenen Mangelhaftigkeit und zerlöchert das Selbstvertrauen weiter. Oder sie sagen, das sei doch alles nicht so schlimm – ohje, dann bin ich wohl besonders lebensunfähig???
Mein Kind konnte in seinem gegenwärtigen Umfeld niemanden konkret benennen, von dem es eine beschämende Äußerung zu befürchten hätte, wenn es tatsächlich eine schwache sportliche Leistung bringt. Das tröstet mich sehr, aber die Befürchtungen wirken dennoch und verlangen vollen Einsatz zu ihrer Entkräftung, damit überhaupt hingegangen werden kann.
Was allerdings nicht so schnell abzustellen geht, ist die Konsequenz dieser Leistungen für die Noten auf dem Zeugnis. Was das Festliche an diesem Sportfest in meinen Augen gleich wieder zerstäubt. Jegliche Bewertung beraubt solchen Anlass seiner Unbeschwertheit und der damit verbundenen lustvollen Entfaltung auch der kleinsten Talente und Potenziale, die in der Querschnitts-Bewertung ja doch immer schlecht abschneiden. Ein Fest nur für die Überdurchschnittlichen, die Guten.
Abgesehen davon ist es das Bedürfnis eines jeden Menschen, gute Ergebnisse zu erzielen. Wir machen es vielen systematisch unmöglich, wenn wir immer an Klassenzielen orientieren und nie die persönlichen Errungenschaften und Fortschritte eines Kindes ins Licht setzen (und wenn, dann hat es keine Evidenz auf dem Zeugnis), dann machen die mittelmäßigen und unterdurchschnittlichen Kinder andauernd Misserfolgserfahrungen, weil sie ja nie etwas richtig gut hinkriegen, wodurch sie gezwungen werden, in irgendeine Form der Lebensrettungsmaßnahme zu gehen – um ihre Würde, ihr Selbstwertgefühl, Selbstvertrauen nicht völlig zu verlieren.
Mein Kind hat definitiv was nachzuholen in diesem Bereich, wenn die Aussicht auf ein kleines Scheitern solche Panik hervorruft. Und hierfür braucht es „ein ganzes Dorf“, wenn wir nicht abgeschottet leben wollen. Denn das, was die eigenen Eltern sagen, muss vom Rest der Welt verifiziert werden.
Ach ja – Sport-FEST: ich denke auch, jedes Kind sollte eine Teilnahme-Urkunde erhalten, auf der die eigenen Werte draufstehen. Dann kann es von Jahr zu Jahr erkennen, wie es sich verbessert hat in den einzelnen Disziplinen, und es ist ein greifbarer Ausdruck für das Motto „Dabeisein ist alles, schön, dass du mitgemacht hast!“. Die Besten in den Altersklassen müssten sich zudem bei den anderen bedanken, denn ohne sie könnten sie ja gar keine Sieger sein, und es ist schwer für die anderen, Stolz auf diese Leistungen ihrer Altersgefährten zu empfinden, denen nachzueifern Freude macht.

Woche XXXVI | Freitag, 06.05.2016

In dieser Woche tagt in Berlin die Konferenz zur Zukunft der Lernkultur. Mich beschäftigt von ferne die Frage, wann denn jeder Mensch endlich seinen natürlichen Lerndrang verfolgen kann. In seiner Intensität, in seinem persönlichen Maß.
Die Unausgewogenheit hat mir bei meinen beiden größeren Kindern schwer zu schaffen gemacht, und sie tut es noch. Nicht nur, dass sie unmäßig viel sitzen müssen und mussten, viel zu wenig eigene Entscheidungen zu treffen bekamen und im Grunde gar keine Wahl in Bezug auf den Themenplan, das Tempo und die Benotung haben und hatten. Nein, sie werden ihrer Unbeschwertheit beraubt, weil die Erwachsenen in diesem Land mit einer Grundannahme herumlaufen, die den Kindern unterstellt, von alleine sowieso nichts zu lernen. Die Erwachsenen in diesem Land gehen ja auch davon aus, dass Hartz-IV-Empfänger selbst schuld sind an ihrer Lage und nur durch Bedrohung dazu gebracht werden können, wenigstens für dieses Almosen aus ihrer Komfortzone zu kommen.
Das Ausmaß der Entwürdigung wird uns eines Tages zu Bewusstsein kommen, so wie uns DDR-Bürger*innen der Blick auf Nordkorea vielleicht einen Eindruck von unserer seinerzeitigen Manipulierung bescheren kann. Es ist mir eine jahrelange Aufgabe geworden, Linsen und Erbsen wieder auseinanderzusortieren, sachliche Zusammenhänge von ideologischen zu trennen.
Ich beklage die Unausgewogenheit, weil ich sie ausbaden muss: Sämtliche Bereitwilligkeit meiner Kinder ist von der Schule aufgebraucht und absorbiert worden, sie wurde sogar enorm überstrapaziert, so dass ich zu Hause andauernd in die Rolle der Krankenschwester gedrängt wurde und werde, in die Rolle der externen Steuerin und Überwacherin. Mir fällt die unliebsame Aufgabe zu, den übermäßigen Bücher- und Bildschirmkonsum ständig eindämmen zu müssen, was ich zum großen Teil dem Umstand zuschreibe, dass die Kinder in der Schule solche großen Zugeständnisse an viele ihrer Bedürfnisse machen müssen: wenn der Unterricht langweilig ist und sie sich nicht selbst belebende Beschäftigungen und Inhalte suchen dürfen, ihrer Kreativität nicht entsprechen können, weil z.B. Kritzeleien am Heftrand verpönt sind, ihren Hunger nach spannenden Schilderungen nicht stillen können, keine Rückzugsmöglichkeiten finden, keine Anleitung in der Lösung von Konflikten, keine Inspiration für die Erkundung der Kulturschätze bekommen und keinen Schutz vor der Androhung von Strafen oder vor Beschämung, zuwenig Zuwendung erfahren und nicht genug Zeit haben, Wissen und Verständnissicherung zu vollenden, bevor etwas Neues anfängt…
Was suchen sie in Büchern und im Internet, was sie in der konkret-analogen Umgebung nicht erlangen?
Mir geht es nicht um das Verhindern der Nutzung all dieser Medien, und ich sehe auch deutlich, wie sie einen Menschen vereinnahmen können. Ich weiß nicht, wo die Manipulation beginnt, die dazu führt, dass man seinen körperlichen Bedürfnissen keine Aufmerksamkeit mehr schenkt, zu essen, trinken, schlafen und sich zu bewegen solange hintanstellt, wie man es für eine Schulaufgabe wohl nie fertigbrächte, aber auch im Flow eines Gruppenspiels kämmen diese Dinge nicht zu kurz…
Ich weiß aber, dass ich selbst lieber draußen in der Natur bin, mich rühre und im Garten buddele oder still und andächtig den Vögeln und dem Blätterrauschen lausche als stundenlang Hayday oder Minecraft zu spielen oder Let’s plays zu gucken. Jedenfalls geht es mir nach Stunden von Ersterem viel besser als nach Stunden von Letzterem. Ich bin überzeugt, dass ich auch ohne die Unausgewogenheiten, die für meine Kinder definitiv durch die Schule entstehen, das Thema Maßhalten im Umgang mit den Medien aufkommt, denn dieses Maßfinden ist eine uralte Lebensaufgabe und im Tanz von Yin und Yang symbolisch dargestellt. Das muss mich aber nicht davon abhalten, die Unmäßigkeiten der Schule auf’s Korn zu nehmen.
Ja, sie entstehen durch die Schule, aber ich habe sie zugelassen, diese Unausgewogenheiten. Ich und viele andere Erwachsene. Und ich habe sie meinen Kindern angelastet. Anstatt endlich dafür zu sorgen, dass sich ihre Schulwelt endlich dahingehend wandelt, dass die Kinder dort sicher sind und achtsam begleitet werden auf ihrem Weg ins Leben. ein Leben als freie Erwachsene, die auf eigenen Beinen aufrecht stehen und gehen können und mit Weitblick und lebensfördernder Feinfühligkeit ihrerseits für Kinder und eine intakte Umwelt sorgen werden.
Nu aber.

Woche XXX | Freitag, 25.03.2016

Vor drei Monaten war Weihnachten, die diesseitige Feierlaune hielt sich in Grenzen, viel verlockender war es, diese freie, unschulverpflichtete Zeit mit den vielen Sättigungsquellen hinter den Bildschirmen zu verbringen, sich zurückzuziehen von den nervigen Verpflichtungen gegenüber anderen Menschen – jedenfalls bei den Kindern, und auch dieses Mal habe ich in den Ferien reichlich Gelegenheit, meine Angebote und Wünsche in Bezug auf die Kinder und unser Familienleben mit den Boni der virtuellen Welt ins Verhältnis gesetzt zu erleben.
Ich vermute ja meistens Flucht, wenn ich die Kiddies vorm Bildschirm sehe, aber es darf auch gern ein Fantasy-Buch sein oder Lego-Welten auf dem Wohnzimmerboden. Natürlich ist ein Treffen mit Busenfreundinnen in 3D und zum Anfassen davon kaum zu toppen, aber die Begegnung mit der eigenen Mutter schon. (Das spricht Bände, nicht wahr?)
Also Flucht ist ein Aspekt, aber was finden wir in den Tiefen des Internet, was uns das analoge Hierundjetzt nicht bieten kann?
Für meine Kinder freue ich mich, weil sie recht unkompliziert auch Freunde treffen können, die sonst immer zu Hause bleiben müssen, wenn sie sich verabreden wollen. Natürlich wünsche ich ihnen die echten Begegnungen, aber die jeweiligen Eltern haben dieses Bedürfnis nicht ganz so im Auge wie ich. Oder auch dann, wenn eben kein Bus fährt, sie sind weniger abhängig von der (fehlenden) Infrastruktur vor Ort.
Aber auch weniger abhängig von den Menschen vor Ort. Wenn hier nun einmal keine passenden Freund*innen zu finden sind – Zeit, Chemie, Interessen, Alter etc. – und somit man selbst irgendwie einsam bleibt in der Menge, dann bietet die Telefonleitung doch die Möglichkeit einer befriedigenden Verbindung. Mir selbst geht es ja auch so. Und dank dieser Schreibplattform kann ich Leute finden, die sich mit mir über meine Lieblingsthemen austauschen möchten, Leute, die widersprechen oder gleich gesinnt beipflichten – alles sehr befruchtende Impulse. (An dieser Stelle danke!!!)
Und dann der Hunger nach allen möglichen Ideen, Rollen, Experimenten! Jenseits von Räuber und Gendarm, aber nicht irgendwie doch auch wieder ähnlich. In einer Unzahl von Variationen. (Da kommt mir der Denkspruch „Alles ist Nichts, und aus Nichts kann Alles werden“ in den Sinn.)
Die Zeit, die wir miteinander verbringen, hält sich in Grenzen. Ich brötele gern mal für mich allein herum, bin froh, dabei nicht unterbrochen zu werden. Klar, als Mutter bin ich immer irgendwie im Bereitschaftsmodus, lasse alles stehen und liegen, wenn Not am Kind ist. Oder um echte Not zu vermeiden. Das hat natürlich nachgelassen, seit ich keine Windeln mehr wechseln muss. Aber die Art, wie wir diese Zeit verbringen, ist wesentlich: Vielleicht bringt Baymax das analog auf den Punkt, als er sagt, „…wenn Fliegen mich zu einem besseren Gesundheitsbegleiter macht…“ (sinngemäß). Wenn die Zeit in den persönlichen Höhlen und Welten dazu beiträgt unser Miteinander zu verbessern, dann habe ich nichts zu bemängeln oder befürchten. Wenn aber unsere gemeinsame Zeit explosiv ist, jeder irgendwie dauernd ungeduldig (re)agiert und vielleicht sogar verletzend wird, dann schiebe ich die Schuld gewohnheitsmäßig gern auf die Daddelei, die ich ja so großzügig toleriere.
Neuerdings nehme ich jedoch unser Miteinander diesbezüglich unter die Lupe: Welche Automatismen und Selbstverständlichkeiten pflege ich im Umgang mit meinen täglichen Nahestehenden, -sitzenden, und lebenden? Meine Kindheit fand statt im Kontext von Gehorsam, eine Ansage, und dann ein Mensch – ein Wort, ein Wort – eine Tat. Keine großen oder kleinen Abstufungen, nur Sanktionen bei Nichtbefolgen. Durchaus auch mündlich, in Form von „Vorträgen“, Leviten oder anderen Ansprachen, die aber fernab von Gesprächen in Gleichwürdigkeit waren. Ich war dann die Dumme oder Böse. Oder Undankbare. Es gab beschämende Strafen und unterwerfende Bedingungen, wenn ich nicht den Wünschen und Vorstellungen meiner Umwelt entsprach. Ich hatte auf der anderen Seite jedoch auch sehr viel unbehelligte Zeit, vielleicht auch weil ich mich gern still beschäftigte. Da fällt nicht gleich auf, womit. Ich dachte viel nach, hatte Fragen, kam auf Situationswitze (oft im Stillen, weil als unangemessen empfunden, wenn es von einem Kind kam) und beobachtete Ironien des Schicksals.
Meinen Kindern kann ich mit den Automatismen aus diesen prägenden Jahren nicht kommen. Ich stehe vor der Wahl, sie als vollwürdige Menschen anzusehen, die eher ruhige Begleitung und Aufklärung brauchen, oder als unmündige Unfähige, denen mit Kritik und Zurechtweisung das Leben gerettet werden muss.
Ich übe ersteres, versuche die Schwerkraft nicht aufzuheben und sie nicht in Watte zu packen, wenn ich meine Grenzen und die unserer Welt geltend mache und verständlich.
Frohe Ostern, und Großer Geist vergib uns, denn wir wissen nicht, was wir tun!

Kurzmitteilung

Vertrauen ist gut, …

… Kontrolle ist besser?
Wenn blindes Vertrauen gemeint ist, würde ich sagen, JA.
Vertrautsein ist mir aber jedenfalls lieber, es bringt mich in Verbindung, ich lerne kennen, kenne mich aus, der/die Andere umgekehrt genauso. Es ist gegenseitig, auch wenn beide zu unterschiedlichen Ergebnissen und Schlussfolgerungen kommen mögen. Das kann aufschlussreich werden, wenn man sich auch darüber austauscht, feedbackt.
Kontrolle empfinde ich bedrohlich. Wer mich kontrolliert, muss sich nicht mit mir verbinden. Er/Sie kann mir fremd bleiben und damit unvertraut. Freund oder Feind? Vielleicht steht diese Frage gar nicht. Eindeutig Feind. Mich kontrollieren und dabei die Verbindung verweigern – das ist feindlich. Aber auch Kontrolle ausüben und dafür Verbindung vortäuschen, Vertrauen erwecken. Es wird in dem Moment gebrochen, wo Kontrolle Statt findet. (Es fühlt sich für mich beschämend an. Ich habe vertraut. Mich geirrt. Mir wird misstraut.) Es schließt sich aus. Ja Kontrolle und Vertrauen, das sind wohl zwei unterschiedliche Haltungen. Unvereinbar miteinander.
Kontrolle im Sinne von Lenkung, Machtausübung ist dann noch weniger ein Akt der gleichwürdigen Zusammenarbeit…

Auch deshalb sind Teste und Klassenarbeiten in der Schule asozial bzw. verletzen die Menschenwürde. Wie seht ihr das? Kennt ihr Leistungserhebungen, die glückbringend sind?

Woche VI | Montag, 05.10.2015

Es gibt Menschen, die sich an so einem traumhaft-sonnigen Herbstwochenende auf den Weg an die Ostsee machen.
Die Menschen in meiner Familie tun das nicht. Sie wollen am Wochenende einfach nur zu Hause und in Ruhe gelassen sein. Sicherlich hätte ich mit ein wenig Anschieben so einen Ausflug erwirken können, aber auch mir fehlt die Kraft dazu. Die Woche ist voll mit Schulpflichterfüllung und tollen Hobbys. Und wenn wir wirklich Ruhe haben wollen am WE, müssten alle Haus- und Hofarbeiten auch bis Freitag abend erledigt sein. Naja, die laufen nicht weg, und ich kann auch ganz gelassen bleiben, wenn sie sich vor mir auftürmen. Da ist mir auch egal, was Nachbarn denken mögen, ich will es nicht wissen, denn wenn ihnen was nicht passt, wie ich es mache, findet sich physikalisch-unausweichlich auch das Gegending dazu… Ansprechbarer bin ich für einfühlsame Erörterung der Sachlage. Vor ein paar Monaten kam mal eine Tierschützerin auf meinen Hof und fragte, ob sie meinen Hund ausführen dürfte. Ich war arglos und die Frau zunächst einfach nett. Wie sich herausstellte, „kontrollierte“ sie mich und lamentierte dann lang und breit über das Elend, in dem sie viele Tiere vorfände. Ich riet ihr, sich mit dem Elend der dazugehörigen Leute zu befassen, wenn sie den Tieren wirklich helfen wollte.
Meine Familie also in Höhlenstimmung. Kkumhada macht ihr Ding, vermeidet jegliche Kommunikation mit mir, Oishi-Kawaii verschwindet zwischen den „Helden des Olymp“ und reagiert insgesamt sehr gereizt auf uns, wenn wir sie da rausholen, McFlitz ist zunächst auch im Onliniversum und später in seine Lego-Katalog-Träumereien vertieft. Dann geht er aber doch von alleine raus herumtoben und Fahrrad fahren oder quasselt mir von seinen Geschichten und Erlebnissen was vor. Der Papa? – Auch er geht seinen Anliegen nach, stoisch fast, aber dazu gehören auch Frühstück machen, Brombeeren ernten, Holz hacken. Ich wünschte nur, er würde sich öfters mal die Kinder schnappen und sie mit einspannen. Naja, er will auch mal ungestört bleiben. Ich schicke ihm Oishi-Kawaii auf den Hals, Kkumhada sucht sich selbst eine familien-gemeinnützige Arbeit und ich schiebe McFlitz an seine Hausaufgaben: ein Vortrag über die Kartoffel, Malfolgen üben, Leseheft lesen. Ich will frei haben! Wenn ich also eh mein Kind zu Hause auch noch beschulen soll – Hausaufgaben dieser Art sind immer Elternaufgaben! – dann könnte die Schulpflicht doch gleich abgeschafft werden. Billiger wäre es auch. So sehe ich mich gezwungen, meine, unsere Familienanliegen hintanzustellen, damit mein Kind den Anschluss nicht verpasst an einen Plan, der zwar zu seinem Besten ersonnen sein soll, aber ganz offenbar so weit über ihm steht, dass es darin schon wieder keine Rolle mehr spielt und eben zusehen muss, wie es klarkommt.
Ich sehe mich gezwungen, weil ich zu feige bin, einfach zu verweigern. Ich habe Angst vor der Strafe. Auch wenn es vielleicht erstmal „nur“ Geld ist. Nun, wir hätten im Monat an die 300 Euro mehr, wenn wir den Jüngsten aus seiner staatlich anerkannten Ersatzschule nähmen. Die könnten dann ja investiert werden in unsere und seine Menschenwürde-Wiederherstellung… Und sicherlich täten wir anderen ähnlich schreckhaften Eltern den Gefallen, mit unserem Beispiel voran zu gehen, so dass auch sie mutiger werden können.
Na, ich will jetzt erstmal noch weiter als Elternvertreterin und Schreiberin das Feld beackern, immerhin sind meine Kinder auch nicht gerade rebellisch, freuen sich auf ihre Freunde, für wen wäre es also? (Aber ich trage sie in mir, diese Sehnsucht nach freudvollem Lernen in lebendigem Sinnzusammenhang aus unserer Lebenswelt heraus, im Einklang mit ihr, along the way, gewissermaßen, und nicht als etwas, wovon man sich am Wochenende erholen muss und distanzieren will.)
Fazit für mich – mein Familienleben: nicht vorhanden. Ich erlebe die Kinder nur unbereitwillig, erschöpft oder krank (bei McFlitz hauptsächlich unbereitwillig zu Hausaufgaben).
Natürlich sehe ich die Schule auch als Aufgabe an und versuche, damit konstruktiv umzugehen. Natürlich denke ich mir unterhaltsame Möglichkeiten des Übens (für die Schule) aus. Das würde ich so oder so machen. Natürlich sehe ich das Lernpotenzial für mich und die Kinder. Aber ich frage mich, ob wir wirklich so bootcamp-artig mit uns und unseren Kindern verfahren wollen? Angebliche Spreu vom Weizen trennen und damit für selbsterfüllende Prophezeiungen sorgen, die dem Dogma in die Hände spielen, man müsse all die beschränkenden, luftabschnürenden und einschüchternden Vorkehrungen treffen, um das Leben in Freiheit zu retten – ?!? – Die, die’s betreffen soll, werden so auch nicht erreicht. Die Sensiblen kriegen dafür umso mehr das „Vergnügen“, sich erstmal wieder aufrappeln zu müssen, damit sie überhaupt zurück zur eigentlichen Sache kommen können. Worüber wundere ich mich da?
Neue Woche, neuer Anlauf. Neuer Versuch, das Gute darin zu erkennen. Und vielleicht ein paar kleine Wunder? Ach, heute fühle ich mich wenig mutig!