Woche XIII | Freitag, 27.11.2015

Frei beweglicher Ferientag Nr. 2. Die Kinder schlafen noch. Gestern hatte ich starken Drang, sie vor sich selbst und ihrer Versenkung in Bildschirm und Büchern zu bewahren, ich bestand darauf, dass sie an die frische Luft gingen. Was für ein Kampf! Ihre Bedürfnisse nach Selbstbestimmung, Kreativität, Muße, Zuwendung sind alle im roten Bereich, was kann man da schon an einem Tag ausgleichen, und wo fängt man an? Ja, Daddeln macht Spaß, die Biochemie des Spaßes ist notwendig und ist eine wichtige Medizin. Aber ich frage, wie nachhaltig der Spaß denn bleibt, und weil er mit dem Ausschalten des Gerätes oder dem Zuklappen des Buches verschwindet, sehe ich ihn nicht als wirklich hilfreich an – zumal er mit einer schlimmen Körperhaltung bezahlt wird…
Also bin ich mal wieder die Böse, die die Kinder an ihrem Spaß hindert. Ich lege fest, dass sie eine Stunde draußen zu sein haben, dass PC und Lesen etc. nur 20 Minuten am Stück sein darf. Dass eigene Aktivitäten oder eben Schlafen dran sind und sein müssen, auch wegen des länger anhaltenden Glücksgefühls.
Meine Oishi-Kawaii locke ich mit einem Streit aus der Reserve und bringe sie dazu, ihre verborgenen Regungen preiszugeben – sie explodiert endlich mal in Rebellion und wehrt verbal ab, was ihr nicht passt. Sie hat wieder mehr Schnupfen, was ich als Zeichen werte, dass sie von irgendetwas die Nase voll bekommt. Da ich von Krankenschwester-Diensten am eigenen Kind nicht leben kann, „drohe“ ich ihr mit Fremdbetreuung, falls sie nicht anfängt, ihre Sorgen rechtzeitig in Worte oder Bilder gefasst zu artikulieren, so dass ich mit so etwas Konkretem losziehen kann, um mein Kind zu vertreten. Natürlich kann sie das dann auch viel besser selbst, wenn sie einmal einen Begriff hat.
Ja, die Freizeit-Verwahrlosung versetzt mich in Alarmstimmung. Vielleicht auch nur, weil ich die Kinder gar nicht mehr in ihrer Bestform erlebe, sondern nur noch im Reste-Modus und im Hunger. Aber die wahre Verwahrlosung findet in der Schul- und Arbeitswelt statt, wenn nur noch Vorschriften und Pläne erfüllt werden, die Menschen einander als Vollstrecker begegnen, nicht als lebende Wesen mit Gefühlen.
McFlitz hatte eine lustige Lesenacht in der Schule, er ist weiterhin recht ansprechbar und ausgeglichen. Ich hoffe, dass sich meine Auftragslage nun bald merklich verbessern wird, damit wir uns seine Schule weiterhin leisten können! Ich stecke alle meine freien Kräfte in meinen beruflichen Start, ich habe die Freiberuflichkeit gewählt, es gibt hier keine Schule, die auf lebensentfremdende Kommunikation (M.B. Rosenberg) verzichten lernen will, und somit keinen Platz für mich in einer solchen. Moralische Urteile, Vergleiche, Leugnung der Verantwortung für das eigene Fühlen, Denken und Handeln, Forderungen, Lob und Strafe – das ist immernoch an der Tagesordnung. Basierend auf einem Menschenbild, das die Grundannahme der Faulheit und des bösen Willens akzeptiert.
Kkumhada macht sich Sorgen wegen der Finanzierung ihres Auslandsjahres und verliert zwischendurch die Zuversicht. Denn auch sie gibt immer wieder die Verantwortung ab oder überlässt sich der Selbstverurteilung. In dieser Haltung ist kaum Aussicht auf Besserung zu entdecken, nur wenn wir dessen bewusst bleiben, dass wir durch jeden eigenen Schritt weiterkommen, kann der nächste auch mit Freude gemacht werden.
Ich bin froh, dass meine Kinder im Chor singen können, gestern trällerten sie mehrstimmig bei der Vorbereitung des Abendbrotes – was für ein Lebensgefühl! Zur Abwechslung mal nicht die düstere Feierabenderschöpfung!
Mein Blog ist derzeit nur in seiner Tagebuchfunktion für mich vorhanden. Gegenseitige Besuche, Kommentare und Likes sind für mich in den Hintergrund getreten. Vorübergehend, meine ich. Ich finde es spannend, all die anderen Schilderungen zu lesen und in der Vielfalt zu „baden“. Meine Null-Statistiken gehen nicht gefühllos an mir vorbei, natürlich ist es irgendwie traurig, keinen Besuch gehabt zu haben. Wie ein Zuhause, in dem einen Keiner erwartet, in dem ich Keinen erwarte. Manchmal mag ich dieses Alleinsein. Manchmal nicht. Jetzt gerade reicht mir mein Blog als stummes Tagebuch.

Woche XIII | Montag, 23.11.2015

Ein zauberhafter Start: über Nacht ist etwas Schnee gefallen. Draußen sind Feld, Wiese und Bäume mit etwas Weiß überpudert. Dieser Erste bewegt mich immernoch und bringt mich zum Staunen. Ich fühle mich wie ein personifiziertes Oh! und Ah!
Wir sind alle gesund und an unserer Arbeit. Das Wochenende hat mir interessante Gespräche und Beobachtungen und damit Stoff zum Nachdenken beschert. In der Schule war Elternsprechtag, ich hatte keine eigenen Termine vereinbart, gesellte mich einfach in das SchülerCaf´e und plauderte mit den Pädagog*innen. „Druck müssen wir aber auch machen“, ist ein Spruch, den es immer wieder zu hören gibt. Ich bin jetzt ganz klar in dieser Hinsicht geworden: Kinder brauchen nicht Druck, sie brauchen Schwerkraft. Wichtigkeit, Bedeutung, Sinn. Muskeln, Sehnen, Knochen – das alles brauchen wir, um der Schwerkraft der Erde etwas entgegenzusetzen. Und ihre Benutzung macht sie besser, bewirkt die Produktion von Botenstoffen in unserem Körper, die uns verlocken, weiter zu trainieren. Naja, nur, wenn freiwillig. Bzw. sonst werden diese Botenstoffe gleich wieder verbraucht, um die Verletzungen der eigenen Intergrität zu reparieren. Oder so.
Es ist sinnlos, das mit Noten zu bewerten.
Genauso die Musikalität eines Menschen.
Oder seine künstlerische Begabung.
Oder oder.
Und fürs Lernen braucht es Sinn, Wichtigkeit – JA! aber Druck??? Die Schwerkraft heißt hier dann vielleicht Werte, wenn etwas als Schatz betrachtet wird, wahrhaftiglich, dann muss es niemandem eingeprügelt werden, oder? Lasst die Schulen zu Schatzkammern werden!
McFlitz hatte Chorwochenende und war begeistert. Die Chorleiterin versuchte, das mit Worten zu fassen, was Kindern an so einem Wochenende angedeiht. Sie singen zusammen, stellen sich aufeinander ein und gliedern ihre eigene Stimme in den Gesang. Sie hat beobachtet, wie die gegenseitige Achtsamkeit zunimmt und die Kinder beginnen, füreinander Verantwortung zu übernehmen, Unterstützung für ein gemeinsames Leben zu leisten.
Kkumhada kam mit zum Abschlusskonzert, ich staunte über ihre Aufgeschlossenheit und ihren Wunsch, beim ersten Auftritt ihres kleinen Bruders dabei zu sein, Oishi-Kawaii dagegen zog es vor, für sich zu Hause zu bleiben. Sie hatte drei Tage lang ein Wechselbad der Gefühle durchwatet: Geplant war ein Ausflug nach Berlin mit ihrer Freundin. Deren Eltern wollten das dann aber nicht, wegen der Attentatsgefahren. So blieb es bei einem Bummel-Gang durch eine näher gelegene Stadt. Das konnte sie dann schlussendlich auch froh genießen und kam am Samstag Abend glücklich wieder nach Hause. Der nächste Wermutstropfen ließ nicht lange auf sich warten, ein größeres Treffen mit Freunden am Sonntag Morgen drohte für sie zu scheitern wegen des Zeitplanes der Eltern ihrer Freundin…
Wenn ich mir Konzerte meiner Kinder ansehe, kommen mir immer die Tränen der Rührung. Sicherlich hängt das auch mit meinen eigenen Erinnerungen an Chorerlebnisse zusammen, aber mitzuerleben, wie aus dem eigenen Kind ein aufgeregtes, frohes, Musik machendes Wesen in einer Gemeinschaft wird, das eine Bühne bekommt und sein selbst geübtes Können beitragen und zeigen darf, treibt mir die Wasser der Glückseligkeit durch die Schleusentore. Nicht nur das Musizieren selbst ist unschätzbare Medizin, auch das in einer Gruppe gelebte Miteinander schafft Einsamkeit ab und bietet Berührungspunkte. Natürlich vorausgesetzt, dass genau das auch zum Kriterium erhoben wird…
Heute also weiß und mit Sonne, die die unzähligen Schmelzwassertropfen an den Sträuchern und Bäumen zum Glitzern und Funkeln bringt. Auch mein Gemüt ist sonnig, und ich spanne die Segel auf, um das Licht einzufangen.