Woche XXXXVIII | Montag, 25.07.2016

Ferien nun also. Für mich heißt das in dieser ersten Woche: ich habe keines meiner Kinder zu Hause. Sie sind vorfreudig in ihre jeweiligen Vorhaben gestartet, davon eins innerfamiliär, das andere ein aus Bundesmitteln finanziertes Medienferienlager.
Ohne diese beiden Möglichkeiten sähen wir alt aus, denn wir können uns keine kostenpflichtigen Ferienlager leisten.
Als mein „innerfamiliäres“ Ferienkind übergeben wurde, entspann sich ein Gespräch über Motivation in einer Schule ohne Noten, das emotionsbeladen wurde in dem Moment, als das Wort Gehorsam fiel. Insbesondere als ich sagte, dass es nur entweder oder geben könne – entweder ich will intrinsisch motivierte Bereitwilligkeit, dann kann ich keine Gehorsamsforderungen stellen, oder ich fuße meine Antriebskultur auf Gehorsam. Diese Position stieß auf vehementen Widerstand.
Da es nicht genug Zeit gab, das eingehend zu betrachten, ist es auch müßig, sich deshalb aufzuregen, aber ich war nicht gleichgültig geblieben in Bezug auf die Art des Gespräches. Nicht nur, dass aus einer Betrachtung von Wirkungen gleich ein Meinungsstreit zu werden drohte, was etwas völlig anderes ist, ich hatte außerdem nicht das Gefühl, dass die Begriffe überhaupt genug geklärt waren, so dass wir hätten wissen können, was der jeweils andere damit genau meinte. Ich fühlte mich weder verstanden noch akzeptiert.
Früher hätte mich das völlig aus der Fassung gebracht. Ich blicke auf eine lange Reihe missglückter Diskussionen (mit meinen Eltern) zurück, und weil es nie gelang, ein Streitthema wirklich für alle bereichernd zu erörtern, habe ich es irgendwann aufgegeben. Ich habe stattdessen eine Konfliktscheu entwickelt und es mir zur Gewohnheit gemacht, meine Probleme im Stillen zu betrachten, selber alle erdenklichen und mir zugänglichen Perspektiven abzuwandern, um wenigstens für mich selbst eine tragbare Haltung zu einer Sache zu finden.
Nur in meinem Freundeskreis finde ich Menschen, mit denen ich kontrovers diskutieren kann. Uns macht es nichts aus, unterschiedlicher Ansicht zu sein. Es ist vielmehr spannend, die Geschichte des Anderen kennen zu lernen. Da keiner unbedingt Recht bekommen möchte, gibt es auch die Streitebene nicht, selbst wenn der eine oder andere Standpunkt emotional vorgetragen wird. Es herrscht einfach eine Stimmung der Neugier. Wie kommt einer auf seine Art der Betrachtung und Auffassung?
Da wir einander also nicht missionieren wollen, erlebe ich selbst die Nichtübereinstimmung als Bestätigung! Denn ich kann eine weitere Perspektive dazugewinnen und meinen Horizont runder machen.
Nicht so im Familienkreis.
Hier scheint die Unterschiedlichkeit von Auffassungen eine Gefahr für Leib und Leben darzustellen.
Und genau das empfinde ich so in Sachen Gehorsam.
Wenn ich ihn verweigere, dann bringe ich etwas ins Wanken – die Pläne des Bestimmers, die Pfeiler seiner Welt. Und jede einzelne Gehorsamsforderung ist ein Angriff auf die Integrität eines Menschen, Kindes. Eine Untergrabung seiner Autonomie, Selbstbestimmung. Ein Akt der Willkür. Eine Erfahrung von Willkür. Eine Untergrabung der Ernsthaftigkeit und Wahrhaftigkeit freiheitlicher Werte.
Natürlich gibt es Fälle, in denen wenig Zeit zur Diskussion und Betrachtung ist, ich muss ein Kind handfest vom Betreten der Straße abhalten, wenn ich ein Auto heransausen sehe, das es selbst nicht bemerkt. Aber es wird unmittelbar feststellen können, dass es zu seinem Schutz war, und sich entsprechend schnell mit diesem Übergriff in Übereinstimmung bringen können. Das heißt aber noch lange nicht, dass es mir nun bis ans Ende aller Tage blind vertrauen wird und mir kommentarlos erlaubt, nach Gurdünken überzugreifen.
Wir sind Lebewesen mit ständiger Rückkopplung. Ein Naturgesetz erkennen wir daran, dass es in 100% der Fälle wirkt, und wenn es das nicht mehr tut, dann ist es keins. Und auch nach 1000maligem „Funktionieren“, wenn wir vielleicht schon eine gewisse Überzeugung gewonnen haben, kann Nr. 1001 eine Überraschung bereithalten – das haben wir alle vielfach erlebt, als wir laufen lernten. Immer auf die Nase gefallen, und dann doch irgendwann mal oben geblieben. 100%ige Zuverlässigkeit haben wir Menschen allein darin, dass wir uns irren können. Ich denke, also irre ich.
Demgegenüber ist die Bereitwilligkeit, sich einem Projekt anzuschließen, einem Chor, einer Sportgruppe, um mit anderen gemeinsam ein Ziel zu erreichen, eine völlig andere Kiste. Ich gehe gestärkt aus allen Anstrengungen hervor, denn ich wende meine Kraft für eigene Ziele an, die ich mit anderen gemeinsam habe. Zwischenzeitlich auftretende Zweifel werden ernst genommen und aufgelöst, nicht einfach übergangen, denn jeder Motor, der ausfällt, verlangsamt den Vorgang, und jede Kraft, die zur Aufrechterhaltung der Mitwirkung abgezogen wird, fehlt dem Schaffensprozess.
Die Skepsis gegenüber dem Willen Anderer werden wir vom Leben gelehrt.
Und wenn Pädagogen und andere Erwachsene endgültige Prognosen stellen zu können meinen, dann müssen sie mit den mehr oder weniger bösen Überraschungen zu leben lernen… Die positiven Gegenbeweise sind es, die mich dazu bringen, meine Hoffnung nicht aufzugeben, immer das Beste zu erwarten und auf das Schlimmste vorbereitet zu sein.
Nunja, ich arbeite dran, denn der Weg aus der Hoffnungslosigkeit birgt viele Rückschläge.
Übers Denken können wir uns gepflegt streiten, aber Gefühle sind wie sie sind. Wenn ich über irgendetwas traurig werde, dann kann das keiner wegreden. Man kann vielleicht erreichen, dass ich nicht so lange traurig bleibe, wenn ich Trost erfahre durch Empathie und Anteilnahme, Spiegelung und Anerkennung meines Schmerzes.
Man kann auch erreichen, dass ich meine Trauer nicht mehr zeige.
Oder dass ich sie auch für mich selbst unsichtbar mache und unterdrücke.
Eine Gefühlslage zu kontrollieren macht durchaus Sinn, schon allein, wenn man in Betracht zieht, dass zu jedem Zeitpunkt mehrere Bedürfnisse hungrig sein können und immer hungriger werden, bis Stillung gefunden ist. Da muss man schonmal eine Reihenfolge bilden, und eines nach dem anderen sättigen. Manchmal gibt es „Nahrung“, die für mehrere Bedürfnisse Befriedigung bringt, das ist dann ein besserer Treffer im „Lotto“. Es gibt auch Stillungen, die auf Kosten anderer Bedürfnisse gehen, die sehe ich dann als faulen Kompromiss an.
Man kann über die Stillungsmittel und -wege diskutieren. Nicht über die Bedürfnisse und die dazugehörigen Gefühle und Emotionen, die eindeutig Hinweis geben.
Man kann darüber diskutieren, ob Ausnahmen die Regel sein dürfen, wenn es um diejenigen Stillungen geht, die auf Kosten anderer Bedürfnisse oder anderer Menschen/Lebewesen gehen. Man kann darüber diskutieren, wie die Kompensation aussehen kann. Wir können uns vor dem Leben verneigen, bevor wir es aufessen, denn wir leben nun einmal an diesem Ende der Nahrungskette. Es ist versöhnend und hilft, seinen eigenen Platz im Universum zu erkennen.
Wir, diese wahrnehmenden, fühlenden, reflektierenden, nachdenkenden Stoffwechsler. Denken. Danken.
Danke für die Pause von der Schule. Einer Schule, die ein fauler Kompromiss ist.

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Woche XXXVII | Fr., 13.05.2016

Freitag, ein Dreizehnter, und was für ein Glückstag! Ich teste es seit geraumer Zeit, es klappt wirklich gut. Anstatt das Unglück zu befürchten, unterstelle ich besonderes Glück…
Für mich läuft alles bestens: die Kinder sind gesund, es gibt keinen Grund zur Sorge. Nur der Lebensunterhalt ist sehr knapp, da ich noch nicht wirklich etwas beisteuere. Wenn die Kinder wohlauf bleiben, dann kann sich das schnell ändern! (Eigentlich bräuchte man gerade im Krankheitsfall besondere finanzielle Zuwendung, statt dessen fällt sie eher weg. Von den Kassen bekomme ich nix, schon auch weil ich keine Kassenleistungen zur Genesung in Anspruch nehme. Keine Krankenakte -> keine Maßnahmen, kein Krankengeld…)
Dazu kam sommerlicher Sonnenschein, Vogelstimmen ringsumher, ich habe mir Frei genommen und das Unbehelligtsein ausgiebig genossen.
Und dabei kamen mir solche Gedanken: Wie kann man Kinder so viele Jahre in Räume mit Kunstlicht festsetzen? Sie gehören ins Freie! Woher sollen sie ein Gefühl für die Natur bekommen? Woher erfahren sie die Sensibilität des Lebendigen? Wie sollen sie lernen, es zu hegen und zu pflegen, zu lieben? Wir erhoffen uns im Umgang miteinander Respekt oder Achtung – oder reicht uns Gehorsam? Sollen wir einander fürchten?
Wenn die Kinder nach all den Jahren die Schule verlassen, in denen sie tun mussten, was Lehrer*innen ihnen auftrugen, denken lernen sollten, was die Erwachsenen denken, können sie dann unterscheiden, ob sie einem Redner vertrauen dürfen oder lieber nicht? Wo sie doch die ganze Zeit daran gewöhnt wurden, dass die Erwachsenen recht haben und das Betrachten der Originale nicht auf dem Lehrplan stand? Alles was sie über die Natur wissen, haben sie aus Büchern und Erzählungen, eigene Beobachtungen sind bestenfalls illustrativ vorgenommen worden.
Ich finde das unverantwortlich.
Ich finde es auch unverantwortlich, wenn erwachsene Menschen sich selbst zu Zahnrädern im Getriebe reduzieren. Sich weigern, die Wirkungsweisen von Zusammenhängen zu betrachten und die nötigen Änderungen vorzunehmen, um Schaden abzuwenden. Wenn sie sich hinter Äußerungen wie „Daran ändern wir sowieso nichts“ verstecken. Oder: „Unser Votum hier spielt sowieso keine Rolle, da brauchen wir auch gar nicht abzustimmen.“
Kann sein, dass der Wille eines Menschen oder einer Gruppe von anderen übergangen wird oder erst recht ein Gegenteil entschieden wird. Aber das tun wiederum Menschen und ich frage mich, wie es abei in denen aussehen mag? Wie denken sie? Was nehmen sie stillschweigend an, welches Bild vom Kind und von anderen Erwachsenen tragen sie mit sich herum? Können sie damit glücklich sein?
Ich beobachte meine Denkmuster so oft ich ihrer gewahr werden kann. Es ist ein nicht abreißen wollender Strom, solche Geschichten hat noch keiner geschrieben, solche Filme noch niemand gedreht… Und welcher Aufwand ist es, alle unwahren Gedankenkreise wieder zu entrümpeln. Wenn Robert Betz recht hat, dann merkt man die Unwahrheit an der Schwere, die ein Gedanke in einem bewirkt, und man steht vor der Aufgabe, die Schaltkreise so umzustecken, dass es leicht wird. Wenn man gesund werden möchte oder glücklich. Ich kann mir das gut vorstellen, denn wenn ich etwas gut kann, geht es leicht, wenn ich etwas erkannt habe, dann möchte ich springen vor Glück… Es flutscht. Es gelingt. Es ist stimmig oder fühlt sich in sonst einer Weise gut an. Und versetzt mich in einen Schwung, der mich tanzen macht, singen, jauchzen, frohlocken…
Das schaue und lausche ich heute bei den Vögeln in meinem Garten. Die Bäume sind leider schon so grün, dass ich sie nicht mehr entdecken kann, nur der Walnussbaum ist noch durchsichtig. Wie können Heranwachsende diese kostenlose Medizin vorenthalten bekommen?
Wir glauben, etwas muss schwer sein, damit es was wert ist. Oder echte Arbeit. Wenn ich bei der Arbeit nicht schwitze, dann ist es keine. Aber wie oft schwitze ich mit Vergnügen? Und versetze dabei Berge! Ist das dann keine Arbeit gewesen, wenn ich triefend und stöhnend aber in tiefster Seele glücklich das Beet umgrabe, wie andere ihre Joggingrunden drehen oder im Fitnessstudio irgendetwas ziehen, schieben und stemmen? (Das sollte „angezapft“ werden für die Energiegewinnung!!!) Aber ob es schwer ist oder sich nur so anfühlt, das ist eine persönliche Wahrnehmung. Für viele ist das Stillhalten die schwerste Aufgabe, anderen wird bei der gleichen Übung Faulheit vorgeworfen.
Beim Ballett, und sicher auch in anderen Disziplinen, soll das Ergebnis federleicht aussehen. Welche Anstrengung darin steckt, wissen wohl nur die Tanzenden. Aber fällt sie ihnen schwer?
Welche Freude macht es, Kinder zu unterrichten! Es fällt mir überhaupt nicht schwer. Wenn ich das manchen Pädagog*innen erzähle, schauen sie mich ungläubig an. Ihnen möchte ich ans Herz legen den Mut zu fassen, endlich das zu tun für ihren Lebensunterhalt, was ihnen leicht fällt! Braucht ihr jemanden, der es euch erlaubt? Ich erlaube es euch! Ach, ich bin nicht der Bildungsminister? So ein Pech! Schöne Pfingsten! (Die nächste Kreuzigung kommt bestimmt…)

Woche XXVI | Freitag, 26.02.2016

Was soll ich sagen? Ich hatte in dieser Woche so gut wie nichts mit Schule zu tun. Einzig die Berichte einiger Anekdoten und die Aktualisierung der „Gruselige-Lehrer-Liste“ eines Kumpels meiner Tochter – also alles im Humorbereich, was ich als richtig gute Nachricht deute. Haben wir es damit auf die sonnige Seite geschafft?
Wenn ja, wie kommt’s?
Ich kann’s nicht sagen, wie sie es dahin geschafft hat, sich so einen Abstand zu schaffen, aus dem sie alles mit einem Zwinkern betrachten kann. Vielleicht hat sie einfach oft genug ausprobiert, ob sie es überlebt, wenn sie sich Kritik, Strafen oder andere Unannehmlichkeiten zuzieht. Natürlich habe ich ihr das schon immermal gesagt, aber nichts geht über eigene Erfahrung… Nun, ich bin froh, dass sie raus ist aus dem Erleben als Ohnmächtige.
Die Große ist seit einer knappen Woche 120 Längen weiter östlich und uns 8 Stunden voraus im Tageslauf. Am Ziel ihrer Träume. Was sie sich da für eine Möglichkeit geschaffen hat!!! (Na gut, es ist noch nicht bis ins Letzte alles im Reinen, jedenfalls finanziell.) Aber sie ist dort und in guten Händen und ich hoffe auf Frieden und gesundes Wiedersehen. Kein gesunder Mensch WILL sterben, ich denke oft an das Lied von Udo Lindenberg. Wir sind so neugierig aufeinander, auf fremde, exotische Lebensräume und Kulturen! Viele ängstigen sich vielleicht davor, aber ich selbst habe es in verschiedenen Gegenden der Welt erlebt, dass überall auch normale Menschen leben. Schwierig wird es nur, wenn irgendwelche Ideologien zum Tragen kommen. Wenn das unmittelbare Empfinden durch kulturelle Deutungen überdeckt wird.
McFlitz ist nun zweistellig unterwegs, ein verständiges Kerlchen und interessiert sich dafür, was seine Schule eigentlich kostet. Er hilft gern zu Hause, schon weil er nun weiß, dass er mir damit das Geldverdienen erleichtert, und sich auf diese Weise seinen Verbleib an der Schule sichern möchte. Ich finde es immernoch ungereimt, dass ich in einem freiheitlich-demokratischen Land außer Steuern weiteres Geld bezahlen muss, damit mein Kind vernünftig begleitet wird – als lernendes Wesen, das etwas mehr Schutz braucht als ein erwachsener selbständiger Mensch, etwas mehr Rücksicht, Raum für eigene Experimente und Entscheidungen und geduldige Anleitung. Na, die tut uns allen gut, schon Platon hat laut Internet gesagt „Wer es eilig hat, kann nicht denken“. Geschweige denn lernen, würde ich meinen. Wenn nun meine Kiddies in ruhigerem Fahrwasser sind, kann ich ja volle Kraft in die Ermutigung anderer Erwachsener gehen – nicht nur ehrenamtlich, wie ich hoffe. Nun aber Wochenende. Und Garten! Raus an die frische Luft! In den Wald! Pflanzt Bäume, für noch mehr frische Luft! XD