Woche XXXIII | Freitag, 15.04.2016

Es blieb nicht bei einem kranken Kind. Ich habe seit Mittwoch auch mein Grundschulkind zu Hause, und es gibt mir die Möglichkeit auch mal zu erleben, dass einer unbedingt in seine Schule möchte, aber wegen Krankheit nicht kann… Und ich kann hier nun ganz „entspannt“ davon ausgehen, dass es sich um eine reine biologische Privatangelegenheit handelt, die ihre Türöffner nicht in erster Linie einem maßlosen „Rest der Welt“ verdankt. Die Faktoren befinden sich also in meinem direkten Zugriff, was auch bedeutet, dass ich unmittelbar was machen kann. (Ich schätze, ich kann auch sonst immer was machen, aber es gleicht mehr einem Tappen im Nebel, während ich jetzt gerade klare Sichtverhältnisse habe.)
Auch mein großes Kind in der Ferne hatte dieser Tage mit einer Infektion zu tun, nun ist es seit 8 Wochen im Land seiner Träume, die größte Aufregung hat sich sicherlich gelegt, auch mithilfe eines geregelten Tagesablaufs. Was nicht bedeutet, es würde langweilig, denn die Sprache gilt es intensiv zu lernen, wenn der Unterricht in der Schule ihm etwas mehr bescheren soll als die Fragezeichen des Nichtverstehens.
Ich hatte also krankenpflegerische Aufgaben, dachte wieder einmal über die damit verbundene Verhinderung meiner anschafferischen freiberuflichen Tätigkeit nach und den damit einhergehenden Verlust von Einkünften. Und selbst wenn ich voll weiterarbeitete und mir lieber eine „Krankenschwester“ aus der Nachbarschaft holte, hätte ich Ausgaben, die sonst nicht anfielen, und damit auch unserem Haushalt abgehen. (Für manche Genesungsvorgänge braucht es aber eine Mutter und keine Apotheke.) Ich müsste eigentlich immer eine Bereitschaftsperson vorhalten, wenn ich gut abgepuffert sein und zuverlässig für meine Erwerbstätigkeit bereitstehen möchte. Diese Bereitschaftsperson arbeitet dann für mich, um ihren Unterhalt zu erwerben.
Ich arbeite für das Fortbestehen menschlichen Lebens, wenn ich Kinder großziehe. Für meinen Unterhalt sorgt mein Mann mit seiner Arbeit. Dafür bekomme ich ihn nur kurz am Tag zu Gesicht und das, wenn er abgespannt ist. Er ist auf sich allein gestellt mit seiner Aufgabe, denn Chefs beiderlei Geschlechts und Kolleg*innen sehen sich nicht zwangsläufig als Gemeinschaft an, in der er es darum geht, einander bestmöglich zu unterstützen( – vielleicht noch bei bei einer Gemeinschaftsaufgabe, die dem Leben aller dient). Verliert er seine Arbeit, muss er sich sehr zettellastig beim Amt rechtfertigen, um für seinen Lebensunterhalt und den seiner Kinder zu sorgen. Nun gut, dann könnte ich vielleicht voll loslegen und für uns anschaffen gehen. In freier Wildbahn könnten mich nur konkrete andere Lebewesen, Wetter und Landschaft behindern oder fördern, in unserer Menschlichen Gesellschaft bekomme ich es außerdem mit Regeln und Gesetzen zu tun, die ich verinnerlicht habe. Ich bin, abgesehen von etwas Garten, für den ich zu wenig Zeit finde, weitgehend abgeschnitten von direkter Selbstversorgung (Ackerbau, Jagd, Sammeln), bin auf Kooperation angewiesen, weil ich all die nötigen Handwerke gar nicht beherrsche. Wenn mich unser Gesellschaftswesen so abhängig macht, dann ist es ein Leichtes, mich zu erpressen. Aber einer Menschlichen Gesellschaft ist es möglich, fürsorglich zu ihren Mitgliedern zu sein, es ist sogar nötig. Und wie ich finde, kann es sogar ohne Bedenken bedingungslose Fürsorge sein. Muss. Man erinnere sich an die Studie mit den Kleinstkindern, die zutage förderte, welcher Natur wir sind, wenn wir zur Welt kommen: unterstützend! Kooperativ! Gegenseitig. 100%.
Ich glaube, meinem Mann täte es auch gut, Unterstützung zu spüren bei der Ernährung seines Nachwuchses. Sicher würde er mit Freuden mehr Zeit mit diesen kleinen Menschlein verbringen und dabei auch selbst ausgeschlafen sein. Und auch mehr ausgeschlafene Zeit haben für Reparaturen in der Wohnhöhle, Arbeiten in Hof und Garten. (Ich will ja gar nicht einmal von kulturellen Genüssen jenseits von Radio und Fernsehen reden.)
Wir sind kaum in den Urlaub gefahren, wir wohnen wo andere Urlaub machen, und solange unsere ländliche Ruhe nicht von Zivilisationsgeräuschen gestört wird, geht diese Rechnung auch auf. Aber auch die Kurzausflüge zu den weit verstreut wohnenden Verwandten und Freunden, an die Ostsee oder in die Hauptstadt bedürfen einer finanziellen Ermöglichung…
Wenn gut für die Erwachsenen gesorgt ist, dann haben auch die Kinder ein besseres Leben, werden weniger begluckt, weil größeres Vertrauen herrscht – in die Nachbarschaft, die Gesellschaft, die dann sogar Gemeinschaft sein könnte. Die Erwachsenen brauchen Kooperation, gegenseitige Unterstützung. Unsere Gesellschaft muss darüber klar werden. Das andauernde Gefühl, irgendwie über’n Tisch gezogen zu werden, erpresst und ausgebeutet, führt für mich zu einem Denken a la „Wer’s glaubt, wird selig“ wenn mir jemand weismachen will, ich müsste mich nur noch ein bisschen mehr anstrengen. Auch dazu gibt es eine sehr illustrierende Studie, die inzwischen für eine Süßigkeiten-Werbung missbraucht wird: Wenn du den Marshmallow jetzt nicht isst, dann bekommst du nachher zwei davon. Das funktioniert meines Erachtens nur in einer unterstützerischen Gemeinschaft, nicht in einer ausbeuterischen Gesellschaft. Zumal wenn es keine Zwangskirche mehr gibt, die die Verarschten aufs Paradies vertröstet. Nur diejenigen, die sich abschotten von der ganzen Versuchung, mögen den Segen der Selbstbeherrschung zu erfahren bekommen, aber sie müssen wohl auf der Hut sein und das vom Munde Abgesparte solange vor der Meute verbergen, bis der Bonus kommt. Und dann schnell futtern. Oder wieder auf den nächsten Bonus warten? Und dann geht es ihnen wie dem Mann, der seine gesparten Goldtaler vergrub und aus Angst vor Entdeckung nur seltenst nachsah, ob sie noch da wären. Und als er eines Tages beweisen wollte, dass er als reicher Mann sterbe, waren sie verschwunden. (Immerhin bewies er, dass man würdevoll als armer Arbeiter leben konnte – wenn man nur einen geheimen Schatz sein eigen nannte.)(Was ist mein geheimer Schatz?)
Die derzeitigen Nutznießer der Unbeherrschtheit haben’s aber vielleicht auch nicht viel besser: Müssen sie doch in Gated Communities all die abgeschöpfte Sahne verbergen und vor dem Neid der Besitzlosen schützen…
Wo steht hier die Schule? Unterstützend? Und damit ein sicherer Ort für Kinder? Sie ist vielleicht nicht abschöpfend, aber wenn sie Gehorsam fordert und Disziplin erpressen will, bahnt sie denen den Weg zum Erfolg, die es im echten Leben sind und unter dem Deckmantel einer Wachstumswirtschaft Eltern und Kinder ausquetschen, was das Zeug hält.

Woche XXI | Freitag, 22.01.2016

Der fast wegkurierte Schnupfen von Oishi-Kawaii sitzt täglich auf dem Sprung, um wieder zuzuschlagen, nach Schule und Hausaufgaben ist das Mädel so erschöpft, dass Tür und Tor offen stehen bleiben. Also weiter Dampfbaden… Wie kann sie lernen, ihren Einsatz so zu dosieren, das sie gesund bleibt? Ich denke doch, dass sie dafür in der Schule unterstützt werden müsste, wenn sie dort schon so viel Zeit verbringen soll. Aber niemand dort ermutigt ein Kind, sein eigenes Maß kennenzulernen und zu berücksichtigen.
McFlitz hatte Zeugnisgespräch in dieser Woche – was für ein Gegensatz! Keine am Querschnitt orientierten Noten, ein individueller Lernstand mit allem, was richtig gut klappt, und mit dem, was als nächstes kommen könnte. Zum Beispiel ist Lesen noch nicht so seine Leidenschaft, daher macht er’s nicht so oft wie gewünscht. Ist aber nicht schlimm, wir denken nun eben nach, was der richtige Stoff für ihn sein könnte, wenn er unter den vorhandenen Büchern noch nichts finden konnte. Vielleicht müssen es technische Texte oder Geschichten mit solchen Themen sein, so gern wie er baut und konstruiert. Hier regiert nicht die Angst, dass er es nie lernen wird, wenn nicht jetzt…
Meine Träumerin Kkumhada ist ihrem Traum nun ganz praktisch näher gerückt. Zwar sind wir finanziell nicht ganz aus eigenen Kräften unterwegs, aber es finden sich immer mehr Freunde, die uns Geld leihen oder sponsern, so dass ich die Erfahrung machen darf, wie sich ein unterstützendes Netz anfühlt!
Auch im Städtchen tut sich was: Man redet über Zustände in Schule und Gesellschaft, jenseits des Küchentisches und mit der wachsenden Absicht, darüber nachzudenken, ob man nicht doch etwas ändern kann. Aufhänger ist der Film „alphabet. Angst oder Liebe“. Die Kleinreder, Abwiegler und Pessimisten („Da können wir eh nichts machen!“) müssen die erste Reihe räumen und langsam aber sicher Platz machen für diejenigen, die nicht einfach nur labern. So kommt es mir jedenfalls vor und das fühlt sich gut an!!! Es gab sogar Leute, die vom bedingungslosen Grundeinkommen reden, ohne dass ich sie darauf gebracht hätte. Ja, ich denke, dass wir die Einteilung der Arbeit in Erwerbsarbeit und sonstige (Hobby, Ehrenamt, Familie, Freundeskreis) nicht mehr verantworten können.
Meine Kinder ermutige ich, sich den Weg in ihre Zukunft nicht gerade vorzustellen, Schule-Ausbildung-(Studium)-Job. Ich denke, sie werden nach der Schule erstmal Zeit brauchen, um herauszufinden, was sie überhaupt machen wollen, da ihre Talente und Neigungen dort vielleicht gar nicht zum Tragen kommen und sie daher nicht die entsprechende Klarheit gewinnen können. Warum auch nicht ein Jahr lang Familien-Gemeinschaft leben, selbstversorgend aus dem Garten, auch um einfach mal die Herkunft des täglichen Brotes zu erfahren…

Woche XII | Freitag, 20.11.2015

Alle sind körperlich gesund und an ihren jeweiligen Arbeitsplätzen, auch ich, aber wie gehabt rein ehrenamtlich. Ich mache mir viele Gedanken über den Wert von Arbeit, bezahlte, unbezahlte, frei, angestellt, … Wie kann es z.B. sein, dass Pädagog*innen von der Arbeit mit meinen Kindern leben können und ich nicht?
Alles, was die Welt im Innersten zusammenhält, wird ehrenamtlich geleistet, will mir scheinen, und die Lohn- und Gehaltsarbeit darf in einer Art und Weise organisiert sein, die dieses Werk wieder einreißt und zerstört? Den Flüchtlingen wird ehrenamtlich geholfen, aus Steuermitteln finanzierte Fürsorge zuteil, unsere Herzensqualitäten der Einfühlung und Solidarität fließen von Natur aus. Auf der anderen Seite ziehen ganze Wirtschaftszweige privatisierten Vorteil aus dem Geschehen, Waffen und Kriegs-Knowhow werden meistbietend verhökert, aus Spenden finanzierte humanitäre und medizinische Hilfsgüter füttern die Lebensmittel- und Pharmakonzerne fett und letztlich profitieren auch die Agrar-Riesen von der Zerschlagung sozialer Strukturen und können ihre patentierten Sorten und die ganze damit verbundene Chemie an den gepeinigten Mann bringen. Ganz zu schweigen von der Militarisierung unserer Kinderzimmer mit diesen tollen bunten Plastik-Kalaschnikoffs und den virtuellen Kriegsspielen und den Gewinnen, die damit gemacht werden…
Ich fühle mehr denn je mit Hannah Ahrendt und ihrer Beobachtung, dass sich die Handelnden hinter Amtssprachen verstecken und die Verantwortlichkeit in ihren Strukturen zerbröseln. Aber ein jeder lebender Mensch handelt immer aus eigener Entscheidung, es geht gar nicht anders, und wenn er sich weigert sein Tun zu betrachten, dann ist auch das seine Entscheidung. Und wenn er sich weigert anzusehen, was sein Handeln für Folgen zeitigt, stellt er sich der Ignoranz und Arroganz anheim. Und wenn er sich weigert, auf seine eigenen Bedürfnisse zu achten und wahre, gute und schöne Stillungswege zu suchen, darf er sich dann als Krone der Schöpfung betrachten? Ich sehe da eher ein Zahnrad.
Es ist kindtypisches Verhalten, die Augen zuzuhalten und dann zu denken, wenn ich es nicht sehe, gibt es das nicht. Oder gar – dann bin auch ich nicht da. Nichts für etwas zu können, hat wenig mit Erwachsensein zu tun. Wir er-wachsen – im besten Falle – aus unserer Hilflosigkeit, wenn wir als Kinder immer mehr lernen, uns selbst mit dem Nötigen zu versorgen, selbst zu sitzen, laufen, die Stullen zu schmieren, zu lesen, schreiben, rechnen – denken und unsere Gefühle richtig zu deuten. Und irgendwann können wir alles selber, was uns die Eltern bis dahin liefern mussten, um unser Leben zu sichern, und wir können auch selber für Kinder sorgen.
Nun ist es an uns, sozial-emotional erwachsen zu werden und ENDLICH! aufrichtig zu unserem Friedenswillen zu stehen. Unsere Impulse zu regulieren und lebensförderliche Strategien zu finden, mit ihnen umzugehen. Die Konflikte – einander gegenseitig als Menschen anerkennend und wertschätzend – beizulegen und uns für ein aufgeschlossen-kennenlernendes Miteinander zu ENTSCHEIDEN.
In meiner Arbeit als Elternvertreterin geht es mir genau darum: mit allen Beteiligten gemeinsam auf die Schwierigkeiten zu schauen ohne den Umweg der Verstärkung der Konfrontation. Denn wenn wir nicht leben und lernen, um das Leben zu verbessern und einander dabei zu helfen, dann weiß ich auch nicht wozu. Und hier können dann wirklich alle Ersatzbefriedigungen identifiziert werden, alle Pseudo-Stillmittel und gleich auch die den Frieden untergrabenden und verhindernden Faktoren. Lebensentfremdende Kommunikation gehört gleich an erster Stelle dazu. Ich erarbeite mit einigen anderen Eltern gerade Angst- und Stressauslöser an unserer Schule, um sie sichtbar zu machen und auch die sich verbergen wollende Natur des Scheiterns. Deshalb ist es nicht offensichtlich, dass die Kinder sich bedroht fühlen. So etwas zu zeigen bedeutet, sich gleich einer weiteren Gefahr auszusetzen – dem Eingeständnis des Versagens und damit der Lächerlichkeit, Beschämung, Beschuldigung und gar Bestrafung. Was wunder, es stellt sich heraus, dass insbesondere die Bemerkungen von Mitschüler*innen und Pädagog*innen einen solchen Faktor darstellen, genau, wie es in der „Gewaltfreien Kommunikation“ beschrieben ist. Aber wenn ich diese Formen beiseite schiebe und auf die Rufe des dahinter verbarrikadierten und eingesperrten Herzens lausche, ihm Klopfzeichen meines Herzens zurücksendend, dann offenbart sich mir das Wunder der Abrüstung, der Nacktheit und Verletzlichkeit, die uns allen gemeinsam ist. Und der Wärme, wenn wir uns aneinanderschmiegen in der gemeinsamen Suche nach Lösungen und der Zusammenarbeit an den Baustellen des Lebens. Statt im kalten, Wärme ableitenden Metall unserer Schutzpanzerungen einzeln zu erfrieren.
Meinen Kindern schenke ich „geteilte“ Aufmerksamkeit: die kritische, auf das Nichtfunktionieren gerichtete, sortiere ich in bedingungslose Zuwendung und, wenn dieser Tank wieder aufgefüllt ist, beratende Begleitung, falls überhaupt nötig. Seit ich sie einfach in den Arm nehme, wenn sie nicht üben wollen oder Haushaltsaufgaben ablehnen oder anderweitig im „Willaber(nicht)“-Modus feststecken, und nicht wie bisher zähneknirschend an ihrer Stelle oder mit ihnen zusammen die ungeliebten Aufgaben erledige oder sie dahin schiebe, etwas von mir Gewünschtes zu tun, kommen viele Dinge wieder an ihren richtigen Platz. Wenn die Liebe wieder da ist, dann belebt sich auch die Lust zum Klarinettenspiel, zum Kochen, Aufräumen und Putzen oder zu einer Wanderung mit dem Hund an der frischen Luft.
Einfach nur mal Liebhaben ist das Rezept. Ohne Wenn und Aber.
Kommt alle in gutem Miteinander ins Wochenende und gebt Klopfzeichen von Herz zu Herz. Danke für Eure Anteilnahme und -gabe und schreibt weiter!!!

Kurzmitteilung

ZR X-1: Elternvertretung eine Bildungsfrage???

Können nur gebildete Eltern wirklich in einer Elternvertretung mitwirken? Es hat für mich den Anschein. Den Dschungel aus Schriften und Satzungen und Gesetzen und Verordnungen mit Formulierungen, die einen Übersetzer in die Sprache der Menschen brauchen – da kann ich mir bei vielen Müttern und Vätern vorstellen, dass sie mit ihrer Freizeit Besseres anzufangen wissen. Oder dass sie zu schwach oder krank sind, um es zu tun. Oder einfach nicht verstehen, wie es funktioniert.
Ich selbst tue mich schwer, mich mit den Bergen von Papier anzufreunden. Ich hätte für vieles davon die geistigen Kapazitäten. Ich sehe nur den Sinn nicht. Und: meine Anliegen als Mutter in Bezug auf die Schule und das Lernen meiner Kinder kann ich kaum vertreten, weil ich mich nicht traue. Weil ich nicht alles verstehe, befürchte ich Blamage. Weil ich Unterwerfung gelernt habe, kann ich mir aufrechten Gang kaum vorstellen. Weil ich selbst es nie in aller Konsequenz wert war, angehört und verstanden zu werden, bin ich eine Versagerin.
Als ich vor zwei Jahren die Bereitschaft hatte, im Schulelternrat eine Aufgabe zu übernehmen, steckte ich tief im Burnout, mit Depression. So heißt es heute. Niemand hat sich auch nur gefragt, wer diese fremde Person überhaupt ist, von der sie sich vertreten lassen wollen. Nun ja, darum ging es ja auch nicht. Vielmehr brauchte man dann selber nicht die ungeliebte Rolle anzunehmen und musste dementsprechend auch nicht in ihr versagen. Oder Farbe bekennen und zu seiner Nicht-Bereitschaft oder Ratlosigkeit zur aktiven Mitwirkung stehen.
Gewählt werden vielfach auch die Eltern erfolgreicher Kinder. Wie sollen sie aber diejenigen vertreten, die kein Land sehen? Die sich auch in diesem Falle erstmal outen müssten. Als Versager. Schließlich haben sie ihre Kinder nicht gut vorbereitet. Wenn diese dann ihre Interessen auf anderen Wegen, durchaus auch solchen, die wir als kriminell einstufen, vertreten, kriegen sie eine Art von Aufmerksamkeit, die weit weg von Verständnis und Verstehenwollen liegt. Sollten sie nicht von den Gebildeten und Freiheitsliebenden und Demokratielebenden unterstützt werden in der Findung besserer Ausdrucksweisen? In der Findung gesünderer Wege?
Ich als gebildete Ausgebrannte mit für den Zwang in der Schule schlecht vorbereiteten Kindern finde mich wieder als Ermutigerin. Heute, soeben, sogar als Ermu-TIGERIN, ich habe sogar Feuer gespuckt wie ein Vulkan. Eine meiner Lieblingselternvertreterinnen in dieser neuen Wahlperiode droht daran zu verzweifeln, dass sie das Mitwirkungssystem nicht bedienen kann. Sie möchte, aber sie kann nicht. Sie sieht ihr Scheitern deutlich vor Augen, der ganze Ablauf, die Funktionsweise z.B. einer Schulkonferenz sind für sie verworren und weit weg von ihrer Lebensrealität, von der sie als einfühlsame und kluge Mutter von sieben Kindern reichlich zur Verfügung hat. In ihrer großen Familie kommen andauernd Leute mit unterschiedlichen Bedürfnissen zusammen, für die die jeweils notwendige und am besten passende Lösung gefunden wird. Ich bewundere sie! (Sie sollte gefragt werden, wie Inklusion funktionieren kann!) Diese beherzte Frau, die dafür sorgt, dass Nazi-Schmierereien in der und um die Schule herum beachtet und beseitigt werden, sieht sich in die Knie gezwungen in ihrer ehrenamtlichen Mitwirkungsbereitschaft, weil sie auch ein System von Spielregeln zu berücksichtigen bereit ist, das sie aber gar nicht durchschaut. Weil sie befürchten muss, dass sie keine Unterstützung von den anderen Beteiligten erfährt. Weil sie sich ausgeliefert fühlt, in eine Rolle gedrängt.
Vielleicht lege ich es falsch aus, vielleicht ist das alles nur meine persönliche Lesart. Aber auch dann wirft es die Frage auf: Kann ich überhaupt Elternvertreterin sein???

Woche VI | Freitag, 09.10.2015

Ich habe die Mädchen zur Schule gebracht, sie scheinen keine ernsthaften Sorgen zu haben. Kkumhada war ein bisschen traurig, weil gestern ihre Fahrstunde mit häufigem Motor-Ausgehen angereichert war, sie im Nachgang jedoch nicht mit dem Fahrlehrer auswerten konnte, woran das gelegen haben könnte. Oishi-Kawaii hat tatsächlich öfters in ihr Tagebuch geschrieben und kann das als wohltuende Möglichkeit empfinden. Auch unterhaltsam, jedenfalls die Lektüre älterer Einträge. Sehr wortkarge. Das Tagebuch als Ort des Selbstausdruckes, des stillen Übens und Betrachtens. Des Denkenlernens, des Gefühle-Wahrnehmens.
Hatte ich früher auch gemacht. Und beim Schreiben meines Elends ist mir mit der Zeit so übel geworden von dem ganzen Gejammer, dass ich begann, die Verbesserungen herbei zu schreiben. Mir neue Sichtweisen zu erschreiben und damit Lösungswege zu eröffnen.
Die Mädels machen sich also anscheinend beide recht gut, ich erlebe sie ja nur, wenn die Luft schon raus ist. Und ich spüre jetzt schon viel eher, wenn sich der Trott des funktionierenden Tagesplanes einschleicht, wie wenig wir miteinander um- und aufeinander eingehen. Jeder arbeitet sein Pensum Hausaufgaben, dann das Ruhebedürfnis, Rückzug. Von Familienleben kann kaum die Rede sein. Immerhin ist keine*r krank. Ich nehme sie in den Arm, wenn ich mich darauf besinne, wie wir aneinander vorbei oder nebeneinander her leben. Ich rappele mich auf zum Vorlesen und geselligen Palaver. Ich träume von Gemütlichkeit und gemeinsamer Arbeit daran.
McFlitz kommt gerade sehr gut zurecht. Er und seine Mitschüler haben jetzt „Lesekinder“ in der ersten Klasse, jedes Pärchen sucht sich ein Plätzchen und der Große liest dem Kleinen was vor. Wenn das nicht Lernen fürs Leben ist! Er hat gestern in unserer Küche den Uroma-Ofen angeheizt, so dass wir in trauter Zweisamkeit schwatzen, Feuer hüten, kochen und essen konnten, am Ende begann er noch von sich aus, seine Geschichte in den PC zu tippen, die er in der Schule geschrieben hat und nun seinem Freund in Sachsen schicken will. Der ist jetzt in die Schule gekommen.
In dieser Woche hat unser Kreistag die Kostenübernahme für diejenigen Schulpflichtigen gestrichen, die nicht die örtlich zuständige Schule besuchen. Es ist mir unverständlich, wie das eine „freiwillige Leistung“ der Kreise sein kann! Eine Zwickmühle, in die der Staat seine Bürger nimmt: die eine Instanz zwingt uns in die Schule und ruht sich auf einem überalterten Herangehen aus, ignoriert das Wohlergehen der Kinder, eine andere Instanz setzt die Daumenschrauben an und macht den Weg in eine modernere Schule immer ungangbarer für die Finanzschwachen. Zumal es Leistungsträger*innen trifft, die ihre demokratische Betätigung auf ein Minimum beschränken, weil sie so viel arbeiten müssen, mit ihren Steuern das rostig-starre öffentliche Schulwesen mitfinanzieren und sich den Luxus einer privaten Schule leisten, damit die Kinder heil bleiben, die Schule läuft (eine Sorge weniger) und man Geld verdienen gehen kann. Oder so wie ich – die aus Gesundheitserfahrungen nicht mehr ohne weiteres „anschaffen“ gehen können, dafür umso mehr ehrenamtlich Einfluss zu nehmen versuchen (denn die wirklich wichtigen Arbeiten werden nicht mit Geld entlohnt) und in der Schleife abwärts in Richtung Armutsgrenze trudeln. Ein Engagement, das von den Erwerbstätigen nicht honoriert wird, wenn überhaupt wahrgenommen. So ist die Streichung der Busfahrkarten und Fahrtkostenzuschüsse wieder eine Quelle der unentgeltlichen Beschäftigung mehr, die ein Leben in Angstfreiheit und jenseits vom Daueralarm weiter in die Ferne rückt. Kein Wunder, dass Eltern ihre Kinder viel mehr beschützen wollen als vordem, ihren Kindern die Möglichkeiten eines erfolgreichen Lebens erschließen möchten, wenn sie schon nicht Gerechtigkeit und Achtsamkeit als gesellschaftlichen Konsens vorfinden, der uns allen die Sicherheit gibt, dass wir und unsere Nachkommen gut versorgt sind. Und sich dafür das Etikett „Helikoptereltern“ gefallen lassen müssen.
Extreme Umstände treiben eben unglaubliche Blüten, und der Lotus wächst im Morast…
Ich gehe voller Gedanken ins Wochenende, wieder traurig über meine Feigheit, wirklich die Schulpflichterfüllung zu verweigern, traurig, wie wenig es um Gemeinschaftlichkeit geht in den demokratischen Gremien, wie groß die Gier der Geldhorter, Landgrabscher, globalen Konzerne und die Missgunst der Zukurzgekommenen sind und wie sehr sie die Entscheidungen der Volksvertreter*innen vom Gemeinwohl weglotsen. Ich hoffe, dass wir bald gewahr werden, dass das gemeinschaftliche Prinzip mindestens gleichwürdig neben dem Wettbewerb zum Tragen kommen muss, wenn nicht gar viel mehr, zumindest bis die Wunden geheilt sind.

Woche IV | Zwischenruf

Elternabend im Gymnasium. Ein kurzer Austausch über das Thema Klassenarbeiten. (Es werden weniger in diesem Schuljahr, damit wird der Belastung Rechnung getragen, die das für viele Kinder bedeutet, wenn sie Aussicht auf eine solche Kontrolle haben.) Eine Mutter ist erbost, dass es so wenige werden. Ich habe gestaunt, dass ich neuerdings innerlich ganz ruhig sein konnte. Ich habe gedacht: Wenn sie Druck für ihr Kind will, dann muss sie ihn schon selbst machen und diesen Dienst nicht von der Schule verlangen. Ich habe erzählt, wie es meiner Tochter geht mit der Aussicht auf Tests und Klassenarbeiten. Wie sie sich vorher quält und sich auch nicht auf die anderen Fächer richtig konzentrieren kann. Wie sie mit Kopfschmerzen darniederliegt und gar nichts vom Tag hat. Und dass ich möchte, dass sie einfach in Ruhe lernen dürfen soll und nach der Schule Zeit haben für ihre Hobbys.
(Unser Schulelternrat hatte dazu die Initiative ergriffen, einen entsprechenden Antrag an die Schulkonferenz gestellt und damit auch den Beobachtungen derjenigen Pädagog*innen Rückhalt gegeben, die achtsam unterrichten wollen.)
Ich bin wieder Elternvertreterin für die Klasse meiner Kopfschmerzerin. Nächste Woche ist Wahl im Schulelternrat. Ich setze mich ein für die Stärkung der Schülervertretung im Sinne eines Mitbestimmungsgremiums und werde auch weiter für achtsamen Umgang miteinander stehen (und den Elternaushang entsprechend gestalten). Dazu gehört für mich, dass aktiv gefragt wird, wie es den Kindern geht. Ich lade also zum Feedback ein. Laufend. Bin auch selbst viel vor Ort gewesen im vergangenen Schuljahr. Werde ich wieder machen, wenn ich kann. EHRENamtlich.