Woche XXXXIV | Freitag, 01.07.2016

Wenn ich nach einem 3-h-Abend im Elternrat die ganze Nacht so inspiriert-aufgekratzt bin, dass ich erst eine Stunde vorm Aufstehen einnicke, und dagegen nach 4,5 Stunden Teilnahme an der Schulentwicklung völlig verspannt und kopfschmerzig in die Federn falle, dann macht sich darin deutlich, wo das Leben pulsiert und wo es erstarrt.
Allerdings hege ich Hoffnung, denn auch in der Schule regen sich unter den Erwachsenen Kräfte, die nach Lebendigkeit lechzen.
Mein Part war gewesen, da zu sein. Ich habe in einer Arbeitsgruppe auch eine Beobachtung eingebracht, die sich auf das Erleben der Kinder bezieht, die Vorträge halten dürfen anstatt Klassenarbeiten zu schreiben. Die Rückmeldungen der anderen Schüler*innen kommen dabei dazu, was die Note in den Hintergrund rückt, die es natürlich auch noch gibt. Aber sie ist nicht mehr der einzige Grund für Vorbereitung. Und auch die Erweiterung der Jury von einem Erwachsenen, der sich Objektivität anmaßt, auf 20 oder mehr Personen bringt mehr Realismus in die Auswertung. Ich habe also gesagt, dass hier ein Sinnzusammenhang entsteht, in dem und für den gelernt und vorbereitet, erarbeitet und eingeübt wird. Das motiviert. Und zu wissen, man bringt anderen etwas bei, denn nicht alle halten denselben Vortrag zum selben Thema, macht die Sache erst richtig rund. Zumal man gern aus der Peergroup lernt, schnell und ohne die Hürden der Generationen oder besser gesagt der Hierarchie, denn solange von Schüler*innen Respekt verlangt wird bei gleichzeitiger Ignoranz ihrer Gleichwürdigkeit, ist es weniger der Altersunterschied, der den Weg des Wissens versperrt.
Es ist also nochmal richtig spannend geworden für mich, drei Wochen vor den Ferien.
Es haben sich nun einige Eltern mehr in die Aktivität locken lassen. Sie denken über Fragen der Gestaltung nach, über Werte, die belebt werden müssten. Sie wollen Impulse geben.
Ich bin so froh! Vor drei Jahren noch war ich ziemlich einsam auf meinem Posten. Mit meinen Träumen.
Jetzt frage ich mich, wie ich mein Zögern wohl rechtfertigen will…
Ich habe also erstmal „hospitiert“ und die Stimmung kennengelernt, in der Schule beschlossen wird von den Lehrenden. Meine Hoffnung liegt auf den Jüngeren, und bei ihnen insbesondere bei denjenigen, die sich andere Schulen ansehen, die sich Gedanken machen um ihr Menschenbild, um ihre eigene Freude an der Arbeit. Es ist heikel, Lehrern erzählen zu wollen, was man sich wünscht oder wie man sich etwas vorstellen könnte. Aber hier tauchen plötzlich mehr von der Sorte auf, die interessiert sind und es wissen wollen. Die nicht in erster Linie befürchten angegriffen oder infrage gestellt zu werden. Die nicht in Verteidigungs- oder Rechtfertigungshaltung übergehen, wenn man naht. Sondern die sogar fragen, wie man etwas sieht!
Wenn ich sehe, wie sich einige um Leben bemühen, bekomme ich Lust, sie zu unterstützen. Ich mache also den Mund auf und bringe meine Beobachtungen ein.
Mein nächstes Anliegen ist die alltägliche Spürbarkeit demokratischer und freiheitlicher Werte in der Schule. Das bedeutet konkret die Förderung des kontinuierlichen Rückmeldens und der Formulierung eigener Gedanken und Anliegen durch die Heranwachsenden. Und es bedeutet auch konkret, dass Schüler*innen und Eltern informiert werden über ihre Mitwirkungsmöglichkeiten in den Gremien. Also – es bleibt interessant, und wird es noch mehr im neuen Schuljahr.
Wie habe ich es nur hierher geschafft?
Obwohl ich kein Fan von Druckmachen oder Konfrontation bin? Oder gerade weil?
Ich habe immer wieder eingeladen oder Mut gemacht. Habe Andere bestärkt, ihrer eigenen Wahrnehmung Stimme zu geben, es sich nicht ausreden zu lassen, wie sie etwas empfinden. Habe zugehört und genau erfragt.
War einfach nur da.
Habe selbst immer mal wieder Nachfrage erfahren.
Das hat mich neu beflügelt.
Ich habe meine eigene Heilung vorangetrieben, habe Denkmuster aufgespürt, mit denen ich meine Kräfte erschöpfte. Habe sie stillgelegt und neue Schaltkreise angelegt. Habe selber Einiges an Lebensfreude wiedererlangt und insbesondere die Entdeckung gemacht, dass ich, wenn ich ohnehin einen Unterschied mache durch mein Hiersein, diesen Unterschied doch auch kreativ gestalten könnte.
Wichtig ist mir auch, dass ich mich mit vielen Widrigkeiten versöhnen konnte. Sie sind deshalb nicht gleich zu neuen Vorlieben geworden, aber ich kann nun oft die „True Colors“ durchscheinen sehen, kann einen Menschen mit seiner ablehnenden, zurückweisenden oder provozierenden Haltung voll Wärme ansehen und das verschreckte Wesen dahinter hervorlocken, um es zu beruhigen.
Naja, nicht immer, aber ich habe den Zauber kennengelernt, der sich breitmacht, wenn es mal gelingt.
Ich habe Hoffnung. Und freue mich auf die nächsten Abenteuer.

Woche XIX | Freitag, 08.01.2016

Die entfremdende Wirkung der Schule beginnt bei mir selbst dort, wo ich meinen Biorhythmus ignorieren muss und mich zugegebenermaßen recht widerwillig dem Unterrichts-Zeitplan unterwerfe. Ich glaube, der springende Punkt ist der Widerwille, denn seine Impulse zu sortieren, gewichten und in eine Reihenfolge zu bringen, ist an sich keine Gewalttat, sondern sehr nützlich. Sonst würde man verhungern zwischen den reich gedeckten Tischen, weil man sich nicht für einen davon entscheiden kann, mit dem man beginnen will. Ich handle also mit Widerwillen, wenn ich morgens aufstehe, um die Kinder rechtzeitig zur Schule zu schicken. Es nagt am Selbstwertgefühl. Ich traue mich nicht, es einfach anzugreifen oder anders zu machen. Im Grunde bin ich nicht gegen die Schule an sich, aber gegen all die Zipfelchen von Zwang und Kontrolle, von denen ich mich gegängelt fühle. Nun, gut dass mir das immer klarer wird, dann kann ich auch bald drüber sprechen!
Meine große Träumerin hat den Start verschoben, sie bekam Kreislaufprobleme am Wochenende, und als am Montag Abend keine Besserung in Sicht war und sie mir auch noch zusammengesackt ist, hat ihr Papa sie ins Krankenhaus gefahren. Er kam erst nach Mitternacht wieder nach Hause. Dem Kind hat der Ausflug neue Erfahrungen ermöglicht, auch traf sie ein anderes Mädchen, das öfter schlapp macht und unter Essstörungen leidet. Die Erklärung kann sein, dass eine Infektion im Anflug war, jedoch nicht Fuß fassen konnte, aber auch Vorgänge pubertärer Natur können dahinter stecken. Im Gehirn ist schließlich Einiges los in diesem Alter. Jedenfalls kam auch eine große Unlust auf die langweilende Unterrichtswelt zum Vorschein zusammen mit einer Resignation, also keine Aussicht auf Besserung. Ist ja ein salutogenetischer Faktor: man braucht das Gefühl, etwas machen zu können.
Mein Lecker-Süß-Mädchen hatte sich auf das Wiedersehen mit Freunden gefreut und auf’s Schlittschuhlaufen, was sie dann auch am Mittwoch endlich tun konnte. Dafür hat sie nun heute mit ihrem Dauerschnupfen und zusätzlich Hals- und Ohrenschmerzen zu tun, nachdem sie ihr Geselligkeits- und Geschichtenbedürfnis auf Kosten von Ruhe und Erholung gestillt hat. Es ist schon eine Kunst, alles in Balance zu bringen.
Der kleine Flitzer hat das Schlittschuhlaufen weidlich genossen und dafür die Zeit im Hort aufgegeben. Als gestern mein Auto gar nicht mehr angesprungen ist, war er sehr ungehalten über die verpasste Möglichkeit – er musste warten, bis der Papa ihn abholte, und da war es dann auch schon dunkel. Das Weiß, das uns heute endlich die Augen tröstet, bot ihm am Morgen neuen Anlass zum Kummer – es soll ja nun wärmer werden und wird schmelzen. Wie kann er denn nun den Winter genießen, wenn er die Schulbank drücken muss? Was hilft ein Lied, ein Gedicht, wenn das Erlebnis selbst nicht zustandekommt? Nun, ich hoffe, in seiner Schule gibt es da eine gewisse Flexibilität.
Ich hoffe auch, dass mein Auto nachher wieder anspringt.
Ach ja, im Elternrat geht es ganz gut voran, ich genieße den Umstand, dass wir nun tatsächlich über Reizwörter reden können und einander schildern und zuhören, was es an individuellen Geschichten gibt, ohne dass jemand gleich mit einem „das macht man so, dann läuft das“ abwiegelt, plattrollt oder abschmettert. Es scheint die Akzeptanz der Unterschiedlichkeit zu wachsen und das Zugestehen eigener Empfindungen. Ich bin also wieder etwas zuversichtlicher, dass wir dem Abschied von gleichschrittigem Lernen und Testen näher kommen können.
Damit auf ins Wochenende und an die frische Luft…
Ach ja: hier noch ein Fundstück:
„Kinder wollen leben, nicht auf’s Leben vorbereitet werden.“ Ich glaube, das ist von Jean Paul.
Hier das Original:
„Kinder wollen nicht auf das Leben vorbereitet werden, sie wollen leben.“
Ekkehard von Braunmühl

Woche XII | Freitag, 20.11.2015

Alle sind körperlich gesund und an ihren jeweiligen Arbeitsplätzen, auch ich, aber wie gehabt rein ehrenamtlich. Ich mache mir viele Gedanken über den Wert von Arbeit, bezahlte, unbezahlte, frei, angestellt, … Wie kann es z.B. sein, dass Pädagog*innen von der Arbeit mit meinen Kindern leben können und ich nicht?
Alles, was die Welt im Innersten zusammenhält, wird ehrenamtlich geleistet, will mir scheinen, und die Lohn- und Gehaltsarbeit darf in einer Art und Weise organisiert sein, die dieses Werk wieder einreißt und zerstört? Den Flüchtlingen wird ehrenamtlich geholfen, aus Steuermitteln finanzierte Fürsorge zuteil, unsere Herzensqualitäten der Einfühlung und Solidarität fließen von Natur aus. Auf der anderen Seite ziehen ganze Wirtschaftszweige privatisierten Vorteil aus dem Geschehen, Waffen und Kriegs-Knowhow werden meistbietend verhökert, aus Spenden finanzierte humanitäre und medizinische Hilfsgüter füttern die Lebensmittel- und Pharmakonzerne fett und letztlich profitieren auch die Agrar-Riesen von der Zerschlagung sozialer Strukturen und können ihre patentierten Sorten und die ganze damit verbundene Chemie an den gepeinigten Mann bringen. Ganz zu schweigen von der Militarisierung unserer Kinderzimmer mit diesen tollen bunten Plastik-Kalaschnikoffs und den virtuellen Kriegsspielen und den Gewinnen, die damit gemacht werden…
Ich fühle mehr denn je mit Hannah Ahrendt und ihrer Beobachtung, dass sich die Handelnden hinter Amtssprachen verstecken und die Verantwortlichkeit in ihren Strukturen zerbröseln. Aber ein jeder lebender Mensch handelt immer aus eigener Entscheidung, es geht gar nicht anders, und wenn er sich weigert sein Tun zu betrachten, dann ist auch das seine Entscheidung. Und wenn er sich weigert anzusehen, was sein Handeln für Folgen zeitigt, stellt er sich der Ignoranz und Arroganz anheim. Und wenn er sich weigert, auf seine eigenen Bedürfnisse zu achten und wahre, gute und schöne Stillungswege zu suchen, darf er sich dann als Krone der Schöpfung betrachten? Ich sehe da eher ein Zahnrad.
Es ist kindtypisches Verhalten, die Augen zuzuhalten und dann zu denken, wenn ich es nicht sehe, gibt es das nicht. Oder gar – dann bin auch ich nicht da. Nichts für etwas zu können, hat wenig mit Erwachsensein zu tun. Wir er-wachsen – im besten Falle – aus unserer Hilflosigkeit, wenn wir als Kinder immer mehr lernen, uns selbst mit dem Nötigen zu versorgen, selbst zu sitzen, laufen, die Stullen zu schmieren, zu lesen, schreiben, rechnen – denken und unsere Gefühle richtig zu deuten. Und irgendwann können wir alles selber, was uns die Eltern bis dahin liefern mussten, um unser Leben zu sichern, und wir können auch selber für Kinder sorgen.
Nun ist es an uns, sozial-emotional erwachsen zu werden und ENDLICH! aufrichtig zu unserem Friedenswillen zu stehen. Unsere Impulse zu regulieren und lebensförderliche Strategien zu finden, mit ihnen umzugehen. Die Konflikte – einander gegenseitig als Menschen anerkennend und wertschätzend – beizulegen und uns für ein aufgeschlossen-kennenlernendes Miteinander zu ENTSCHEIDEN.
In meiner Arbeit als Elternvertreterin geht es mir genau darum: mit allen Beteiligten gemeinsam auf die Schwierigkeiten zu schauen ohne den Umweg der Verstärkung der Konfrontation. Denn wenn wir nicht leben und lernen, um das Leben zu verbessern und einander dabei zu helfen, dann weiß ich auch nicht wozu. Und hier können dann wirklich alle Ersatzbefriedigungen identifiziert werden, alle Pseudo-Stillmittel und gleich auch die den Frieden untergrabenden und verhindernden Faktoren. Lebensentfremdende Kommunikation gehört gleich an erster Stelle dazu. Ich erarbeite mit einigen anderen Eltern gerade Angst- und Stressauslöser an unserer Schule, um sie sichtbar zu machen und auch die sich verbergen wollende Natur des Scheiterns. Deshalb ist es nicht offensichtlich, dass die Kinder sich bedroht fühlen. So etwas zu zeigen bedeutet, sich gleich einer weiteren Gefahr auszusetzen – dem Eingeständnis des Versagens und damit der Lächerlichkeit, Beschämung, Beschuldigung und gar Bestrafung. Was wunder, es stellt sich heraus, dass insbesondere die Bemerkungen von Mitschüler*innen und Pädagog*innen einen solchen Faktor darstellen, genau, wie es in der „Gewaltfreien Kommunikation“ beschrieben ist. Aber wenn ich diese Formen beiseite schiebe und auf die Rufe des dahinter verbarrikadierten und eingesperrten Herzens lausche, ihm Klopfzeichen meines Herzens zurücksendend, dann offenbart sich mir das Wunder der Abrüstung, der Nacktheit und Verletzlichkeit, die uns allen gemeinsam ist. Und der Wärme, wenn wir uns aneinanderschmiegen in der gemeinsamen Suche nach Lösungen und der Zusammenarbeit an den Baustellen des Lebens. Statt im kalten, Wärme ableitenden Metall unserer Schutzpanzerungen einzeln zu erfrieren.
Meinen Kindern schenke ich „geteilte“ Aufmerksamkeit: die kritische, auf das Nichtfunktionieren gerichtete, sortiere ich in bedingungslose Zuwendung und, wenn dieser Tank wieder aufgefüllt ist, beratende Begleitung, falls überhaupt nötig. Seit ich sie einfach in den Arm nehme, wenn sie nicht üben wollen oder Haushaltsaufgaben ablehnen oder anderweitig im „Willaber(nicht)“-Modus feststecken, und nicht wie bisher zähneknirschend an ihrer Stelle oder mit ihnen zusammen die ungeliebten Aufgaben erledige oder sie dahin schiebe, etwas von mir Gewünschtes zu tun, kommen viele Dinge wieder an ihren richtigen Platz. Wenn die Liebe wieder da ist, dann belebt sich auch die Lust zum Klarinettenspiel, zum Kochen, Aufräumen und Putzen oder zu einer Wanderung mit dem Hund an der frischen Luft.
Einfach nur mal Liebhaben ist das Rezept. Ohne Wenn und Aber.
Kommt alle in gutem Miteinander ins Wochenende und gebt Klopfzeichen von Herz zu Herz. Danke für Eure Anteilnahme und -gabe und schreibt weiter!!!

Kurzmitteilung

ZR X-1: Elternvertretung eine Bildungsfrage???

Können nur gebildete Eltern wirklich in einer Elternvertretung mitwirken? Es hat für mich den Anschein. Den Dschungel aus Schriften und Satzungen und Gesetzen und Verordnungen mit Formulierungen, die einen Übersetzer in die Sprache der Menschen brauchen – da kann ich mir bei vielen Müttern und Vätern vorstellen, dass sie mit ihrer Freizeit Besseres anzufangen wissen. Oder dass sie zu schwach oder krank sind, um es zu tun. Oder einfach nicht verstehen, wie es funktioniert.
Ich selbst tue mich schwer, mich mit den Bergen von Papier anzufreunden. Ich hätte für vieles davon die geistigen Kapazitäten. Ich sehe nur den Sinn nicht. Und: meine Anliegen als Mutter in Bezug auf die Schule und das Lernen meiner Kinder kann ich kaum vertreten, weil ich mich nicht traue. Weil ich nicht alles verstehe, befürchte ich Blamage. Weil ich Unterwerfung gelernt habe, kann ich mir aufrechten Gang kaum vorstellen. Weil ich selbst es nie in aller Konsequenz wert war, angehört und verstanden zu werden, bin ich eine Versagerin.
Als ich vor zwei Jahren die Bereitschaft hatte, im Schulelternrat eine Aufgabe zu übernehmen, steckte ich tief im Burnout, mit Depression. So heißt es heute. Niemand hat sich auch nur gefragt, wer diese fremde Person überhaupt ist, von der sie sich vertreten lassen wollen. Nun ja, darum ging es ja auch nicht. Vielmehr brauchte man dann selber nicht die ungeliebte Rolle anzunehmen und musste dementsprechend auch nicht in ihr versagen. Oder Farbe bekennen und zu seiner Nicht-Bereitschaft oder Ratlosigkeit zur aktiven Mitwirkung stehen.
Gewählt werden vielfach auch die Eltern erfolgreicher Kinder. Wie sollen sie aber diejenigen vertreten, die kein Land sehen? Die sich auch in diesem Falle erstmal outen müssten. Als Versager. Schließlich haben sie ihre Kinder nicht gut vorbereitet. Wenn diese dann ihre Interessen auf anderen Wegen, durchaus auch solchen, die wir als kriminell einstufen, vertreten, kriegen sie eine Art von Aufmerksamkeit, die weit weg von Verständnis und Verstehenwollen liegt. Sollten sie nicht von den Gebildeten und Freiheitsliebenden und Demokratielebenden unterstützt werden in der Findung besserer Ausdrucksweisen? In der Findung gesünderer Wege?
Ich als gebildete Ausgebrannte mit für den Zwang in der Schule schlecht vorbereiteten Kindern finde mich wieder als Ermutigerin. Heute, soeben, sogar als Ermu-TIGERIN, ich habe sogar Feuer gespuckt wie ein Vulkan. Eine meiner Lieblingselternvertreterinnen in dieser neuen Wahlperiode droht daran zu verzweifeln, dass sie das Mitwirkungssystem nicht bedienen kann. Sie möchte, aber sie kann nicht. Sie sieht ihr Scheitern deutlich vor Augen, der ganze Ablauf, die Funktionsweise z.B. einer Schulkonferenz sind für sie verworren und weit weg von ihrer Lebensrealität, von der sie als einfühlsame und kluge Mutter von sieben Kindern reichlich zur Verfügung hat. In ihrer großen Familie kommen andauernd Leute mit unterschiedlichen Bedürfnissen zusammen, für die die jeweils notwendige und am besten passende Lösung gefunden wird. Ich bewundere sie! (Sie sollte gefragt werden, wie Inklusion funktionieren kann!) Diese beherzte Frau, die dafür sorgt, dass Nazi-Schmierereien in der und um die Schule herum beachtet und beseitigt werden, sieht sich in die Knie gezwungen in ihrer ehrenamtlichen Mitwirkungsbereitschaft, weil sie auch ein System von Spielregeln zu berücksichtigen bereit ist, das sie aber gar nicht durchschaut. Weil sie befürchten muss, dass sie keine Unterstützung von den anderen Beteiligten erfährt. Weil sie sich ausgeliefert fühlt, in eine Rolle gedrängt.
Vielleicht lege ich es falsch aus, vielleicht ist das alles nur meine persönliche Lesart. Aber auch dann wirft es die Frage auf: Kann ich überhaupt Elternvertreterin sein???

Woche VI | Montag, 05.10.2015

Es gibt Menschen, die sich an so einem traumhaft-sonnigen Herbstwochenende auf den Weg an die Ostsee machen.
Die Menschen in meiner Familie tun das nicht. Sie wollen am Wochenende einfach nur zu Hause und in Ruhe gelassen sein. Sicherlich hätte ich mit ein wenig Anschieben so einen Ausflug erwirken können, aber auch mir fehlt die Kraft dazu. Die Woche ist voll mit Schulpflichterfüllung und tollen Hobbys. Und wenn wir wirklich Ruhe haben wollen am WE, müssten alle Haus- und Hofarbeiten auch bis Freitag abend erledigt sein. Naja, die laufen nicht weg, und ich kann auch ganz gelassen bleiben, wenn sie sich vor mir auftürmen. Da ist mir auch egal, was Nachbarn denken mögen, ich will es nicht wissen, denn wenn ihnen was nicht passt, wie ich es mache, findet sich physikalisch-unausweichlich auch das Gegending dazu… Ansprechbarer bin ich für einfühlsame Erörterung der Sachlage. Vor ein paar Monaten kam mal eine Tierschützerin auf meinen Hof und fragte, ob sie meinen Hund ausführen dürfte. Ich war arglos und die Frau zunächst einfach nett. Wie sich herausstellte, „kontrollierte“ sie mich und lamentierte dann lang und breit über das Elend, in dem sie viele Tiere vorfände. Ich riet ihr, sich mit dem Elend der dazugehörigen Leute zu befassen, wenn sie den Tieren wirklich helfen wollte.
Meine Familie also in Höhlenstimmung. Kkumhada macht ihr Ding, vermeidet jegliche Kommunikation mit mir, Oishi-Kawaii verschwindet zwischen den „Helden des Olymp“ und reagiert insgesamt sehr gereizt auf uns, wenn wir sie da rausholen, McFlitz ist zunächst auch im Onliniversum und später in seine Lego-Katalog-Träumereien vertieft. Dann geht er aber doch von alleine raus herumtoben und Fahrrad fahren oder quasselt mir von seinen Geschichten und Erlebnissen was vor. Der Papa? – Auch er geht seinen Anliegen nach, stoisch fast, aber dazu gehören auch Frühstück machen, Brombeeren ernten, Holz hacken. Ich wünschte nur, er würde sich öfters mal die Kinder schnappen und sie mit einspannen. Naja, er will auch mal ungestört bleiben. Ich schicke ihm Oishi-Kawaii auf den Hals, Kkumhada sucht sich selbst eine familien-gemeinnützige Arbeit und ich schiebe McFlitz an seine Hausaufgaben: ein Vortrag über die Kartoffel, Malfolgen üben, Leseheft lesen. Ich will frei haben! Wenn ich also eh mein Kind zu Hause auch noch beschulen soll – Hausaufgaben dieser Art sind immer Elternaufgaben! – dann könnte die Schulpflicht doch gleich abgeschafft werden. Billiger wäre es auch. So sehe ich mich gezwungen, meine, unsere Familienanliegen hintanzustellen, damit mein Kind den Anschluss nicht verpasst an einen Plan, der zwar zu seinem Besten ersonnen sein soll, aber ganz offenbar so weit über ihm steht, dass es darin schon wieder keine Rolle mehr spielt und eben zusehen muss, wie es klarkommt.
Ich sehe mich gezwungen, weil ich zu feige bin, einfach zu verweigern. Ich habe Angst vor der Strafe. Auch wenn es vielleicht erstmal „nur“ Geld ist. Nun, wir hätten im Monat an die 300 Euro mehr, wenn wir den Jüngsten aus seiner staatlich anerkannten Ersatzschule nähmen. Die könnten dann ja investiert werden in unsere und seine Menschenwürde-Wiederherstellung… Und sicherlich täten wir anderen ähnlich schreckhaften Eltern den Gefallen, mit unserem Beispiel voran zu gehen, so dass auch sie mutiger werden können.
Na, ich will jetzt erstmal noch weiter als Elternvertreterin und Schreiberin das Feld beackern, immerhin sind meine Kinder auch nicht gerade rebellisch, freuen sich auf ihre Freunde, für wen wäre es also? (Aber ich trage sie in mir, diese Sehnsucht nach freudvollem Lernen in lebendigem Sinnzusammenhang aus unserer Lebenswelt heraus, im Einklang mit ihr, along the way, gewissermaßen, und nicht als etwas, wovon man sich am Wochenende erholen muss und distanzieren will.)
Fazit für mich – mein Familienleben: nicht vorhanden. Ich erlebe die Kinder nur unbereitwillig, erschöpft oder krank (bei McFlitz hauptsächlich unbereitwillig zu Hausaufgaben).
Natürlich sehe ich die Schule auch als Aufgabe an und versuche, damit konstruktiv umzugehen. Natürlich denke ich mir unterhaltsame Möglichkeiten des Übens (für die Schule) aus. Das würde ich so oder so machen. Natürlich sehe ich das Lernpotenzial für mich und die Kinder. Aber ich frage mich, ob wir wirklich so bootcamp-artig mit uns und unseren Kindern verfahren wollen? Angebliche Spreu vom Weizen trennen und damit für selbsterfüllende Prophezeiungen sorgen, die dem Dogma in die Hände spielen, man müsse all die beschränkenden, luftabschnürenden und einschüchternden Vorkehrungen treffen, um das Leben in Freiheit zu retten – ?!? – Die, die’s betreffen soll, werden so auch nicht erreicht. Die Sensiblen kriegen dafür umso mehr das „Vergnügen“, sich erstmal wieder aufrappeln zu müssen, damit sie überhaupt zurück zur eigentlichen Sache kommen können. Worüber wundere ich mich da?
Neue Woche, neuer Anlauf. Neuer Versuch, das Gute darin zu erkennen. Und vielleicht ein paar kleine Wunder? Ach, heute fühle ich mich wenig mutig!

Woche V | Freitag, 02.10.2015

Schon wieder eine Woche rum. Heute schreibe ich erst am Nachmittag, gestern abend schlief ich beim Kuscheln endgültig ein, heute morgen ging gleich das Karussell auch für mich in die Vollen.

Alle Kinder waren in der Schule, keines befand sich in sichtbarem Alarmzustand. Oishi-Kawaii war ein bisschen aufgeregt wegen eines Vokabeltestes, Kkumhada ging wie immer kommentarlos ihrer Wege und McFlitz hat keine ernsten Sorgen in Bezug auf Schule. Allerdings holte ich ihn zu einem Zeitpunkt von dort ab, als er noch in einer unvollendeten Geschichte steckte, die er noch nicht zu seinem eigenen Besten lesen konnte: Im Aikido ist es wohl zu einer Auseinandersetzung gekommen, bei der er außer sich geriet. Seine Trainerin bestärkte ihn, dass er endlich mal selber sehen konnte, wieviel Kraft doch in ihm steckt, und dass er sein Potenzial ruhig zum Vorschein treten lassen kann – auch wenn es zunächst in Form von lautstarker Interessenvertretung geschieht. Man kann sich natürlich überlegen, ob Fenster einschmeißen (das war sein Hinweis auf mögliche Entladungswege) vielleicht durch etwas anderes ersetzt werden kann, in das die Wut fließen könnte…

Seit dem Schulelternrat sind zwei Tage vergangen, jetzt habe ich alle Kontaktdaten und kann die Impulsgebung starten, Steinchen ins Wasser werfen, Wellen machen. Ich möchte vor allem das leidige „das ändern WIR nicht mehr“ und „da können wir nichts machen“ loswerden, umwandeln. Oder jenes „das hat uns auch nicht geschadet“ widerlegen, wenn nicht gar entkräften.

Ich habe mich auch bei einer Schule gemeldet, in der ich vielleicht Offen Unterrichten könnte, je nachdem. Aber ich glaube, mein Platz ist eher außerhalb des „Systems“, jedenfalls für gewisse Zeit, auch um den Blick aus der Ferne zu behalten, auf das Großeganze. Einen Ort zu schaffen, an dem sich Kinder und Jugendliche mit ihrem innersten, lebendigen Kern rückverbinden können, ungestört aus sich selbst heraus die Bilder schöpfen können und sich selbst aufbauen. Sei es im Wort oder im Bild oder musikalisch. Oder handwerklich. Einen Ort, an den Erwachsene kommen können, die sich erinnern wollen und sich zu ihrer Lebensquelle durcharbeiten möchten,

Eine Mutter und ich haben auch schon überlegt, eine Zeugnis-Verbrennung zu organisieren. Ihre Entstehung ist höchst gesundheitsgefährdend und ihr Inhalt völlig unbrauchbar. Unsere Kinder in eine Massenabrichtungsinstitution zu schicken, „sie den Verhältnissen anzubequemen“, wie es Eva Strittmatter sagt, gefährdet das Kindeswohl. Ich habe es bei zweien meiner drei Kinder über Jahre erlebt. Und auch das Wohl der Familie ist nachhaltig beeinträchtigt. Mein Kleiner hat nur vereinzelt die Gelegenheit, aus dem Gleichschritt zu fallen und sich als den Anschluss verpassend zu erleben.

Unsere Verhältnisse sind lebensgefährlich, wir müssen Kinder von allem fernhalten, was wir Erwachsenen so machen. Straßenverkehr, Getreidefelder, Energiekraftwerke… Und wir haben asoziale Arbeits- und Lebensbedingungen: Vereinzelung, systematische Verantwortungslosigkeit, Unzuständigkeit, knauserige Bezahlung.

Ich möchte meine Kinder diesen Verhältnissen nicht anbequemen. Auch mich selbst nicht. Ich möchte mit Freunden arbeiten, die Früchte meiner Arbeit genießen und mit anderen teilen, tauschen. Ich möchte auf eine Weise arbeiten, dass ich gesund dabei werde, und nur ab und an einmal so, dass ich urlaubsreif bin. Ich möchte Arbeit auch nicht nur als Lohnbeschäftigung auffassen, auch das Reisen als Arbeit verstehen – Bildung. Die Arbeit am eigenen Heim genauso bewertet sehen wir die für jemand Anderen. Die Pflege guter nachbarschaftlicher Beziehungen muss genauso wertvoll gesehen werden wie die Führung eines Unternehmens. Na, die Liste lässt sich endlos fortsetzen.

Jetzt gehe ich erstmal ins Wochenende. Und in meinen Garten, den so lange vernachlässigten.

– + – + – + –

Nachgedanke. Die Kinder sind jenseits jeglicher Bereitwilligkeit. Ich saß vorhin in der Badewanne und klopfte an die Wand. Das ist gewöhnlich das Signal, dass jemand in der Badewanne Unterstützung braucht. Meine drei Kinder wussten, dass ich es in diesem Falle war, aber sie hatten es nicht eilig. Vielmehr mussten sie schlechtgelaunt klären, wer denn nun gehen soll…

Sie sind sicherlich feierabendreif, eine vollgepackte Woche liegt hinter ihnen. Aber Familienleben stelle ich mir trotzdem anders vor. Warum gehen sie nicht schlafen, wenn sie müde sind? Wonach hungern sie, nach einer Woche viel-zu-tun, dass sie ihren körperlichen Hunger aufschieben?

Kurzmitteilung

Woche V | Zwischenruf

Vorgestern war Elternversammlung beim Lütten (3. Klasse). Ich habe mich besonders gefreut, dass das freie Schreiben dort so erwünscht ist. Die Kinder schreiben Geschichten und eigene Gedanken, Empfindungen. Lesen den anderen vor. Inspirieren sich gegenseitig mit Ideen. Ermutigen sich zum Selbstausdruck. Lernen die Tricks, mit denen man sein Publikum fesseln kann… Das ist meinen beiden Großen nie möglich gewesen im Rahmen von Schule. Dabei wäre das so wichtig, um z.B. als Schülersprecherin formulieren zu können, was einem auf dem Herzen liegt.
Heute abend ist Schulelternrat am Gymnasium. Ich möchte mit einer Anregung hingehen, einem Gleichnis, das zum Ausdruck bringt, wie ein Mensch durch Erziehung und Belehrung von seinem Selbstaufbau abgehalten wird, schwer dabei behindert oder gar sein Werk immer wieder zerstört wird. Ich will mit Legosteinen und Baugerüst sichtbar machen, was ich meine. Das Foto dazu liefere ich dann gerne auch hierher.

11 Stunden später

Ja, ich mach’s wieder. Und dieses Mal habe ich etwas mehr Unterstützung von den anderen Elternvertreter*innen. Schonmal daran zu sehen, dass nach 2,5 Stunden immernoch keiner demonstrativ auf die Uhr sah… Mal im Ernst: Zwar sind alle etwas zurückhaltend, es kommt ja auch was zu tun auf einen zu. Zumindest Termine und Zeit sie wahrzunehmen. Es ist keiner dabei, der leichtfertig ja sagt und dann schmerzfrei einfach fehlt. Aber wenige haben bisher die Erfahrung machen können, dass dieses Hobby etwas bringt. Denn als Ehrenamt wird es vielfach auch nicht gesehen, eher als lästige Verpflichtung. Ist wohl auch ein Erbe aus den scheindemokratischen Sozialismus-Zeiten. (Ist das im Westen auch so?) Natürlich ist der Grad der Einflussnahme begrenzt, aber ich kann wenigstens sagen, ich habe es versucht. Also sagte ich den anderen, dass es in unserer Hand liegt, was wir aus unseren Treffen machen.
Mein Gleichnis für das selbständige Lernen/Hilfen zur Eigenkonstruktion/Erziehung habe ich nicht in die Runde gebracht, aber im Anschluss mit dem Schulleiter angesprochen. Ich bin sehr glücklich, dass er sich interessiert anhört, was ich zu sagen habe!
Nun, das soll’s zunächst gewesen sein. Es wird ja Weiteres zu berichten geben.

Woche IV | Zwischenruf

Elternabend im Gymnasium. Ein kurzer Austausch über das Thema Klassenarbeiten. (Es werden weniger in diesem Schuljahr, damit wird der Belastung Rechnung getragen, die das für viele Kinder bedeutet, wenn sie Aussicht auf eine solche Kontrolle haben.) Eine Mutter ist erbost, dass es so wenige werden. Ich habe gestaunt, dass ich neuerdings innerlich ganz ruhig sein konnte. Ich habe gedacht: Wenn sie Druck für ihr Kind will, dann muss sie ihn schon selbst machen und diesen Dienst nicht von der Schule verlangen. Ich habe erzählt, wie es meiner Tochter geht mit der Aussicht auf Tests und Klassenarbeiten. Wie sie sich vorher quält und sich auch nicht auf die anderen Fächer richtig konzentrieren kann. Wie sie mit Kopfschmerzen darniederliegt und gar nichts vom Tag hat. Und dass ich möchte, dass sie einfach in Ruhe lernen dürfen soll und nach der Schule Zeit haben für ihre Hobbys.
(Unser Schulelternrat hatte dazu die Initiative ergriffen, einen entsprechenden Antrag an die Schulkonferenz gestellt und damit auch den Beobachtungen derjenigen Pädagog*innen Rückhalt gegeben, die achtsam unterrichten wollen.)
Ich bin wieder Elternvertreterin für die Klasse meiner Kopfschmerzerin. Nächste Woche ist Wahl im Schulelternrat. Ich setze mich ein für die Stärkung der Schülervertretung im Sinne eines Mitbestimmungsgremiums und werde auch weiter für achtsamen Umgang miteinander stehen (und den Elternaushang entsprechend gestalten). Dazu gehört für mich, dass aktiv gefragt wird, wie es den Kindern geht. Ich lade also zum Feedback ein. Laufend. Bin auch selbst viel vor Ort gewesen im vergangenen Schuljahr. Werde ich wieder machen, wenn ich kann. EHRENamtlich.