Woche XXXXVIII | Montag, 25.07.2016

Ferien nun also. Für mich heißt das in dieser ersten Woche: ich habe keines meiner Kinder zu Hause. Sie sind vorfreudig in ihre jeweiligen Vorhaben gestartet, davon eins innerfamiliär, das andere ein aus Bundesmitteln finanziertes Medienferienlager.
Ohne diese beiden Möglichkeiten sähen wir alt aus, denn wir können uns keine kostenpflichtigen Ferienlager leisten.
Als mein „innerfamiliäres“ Ferienkind übergeben wurde, entspann sich ein Gespräch über Motivation in einer Schule ohne Noten, das emotionsbeladen wurde in dem Moment, als das Wort Gehorsam fiel. Insbesondere als ich sagte, dass es nur entweder oder geben könne – entweder ich will intrinsisch motivierte Bereitwilligkeit, dann kann ich keine Gehorsamsforderungen stellen, oder ich fuße meine Antriebskultur auf Gehorsam. Diese Position stieß auf vehementen Widerstand.
Da es nicht genug Zeit gab, das eingehend zu betrachten, ist es auch müßig, sich deshalb aufzuregen, aber ich war nicht gleichgültig geblieben in Bezug auf die Art des Gespräches. Nicht nur, dass aus einer Betrachtung von Wirkungen gleich ein Meinungsstreit zu werden drohte, was etwas völlig anderes ist, ich hatte außerdem nicht das Gefühl, dass die Begriffe überhaupt genug geklärt waren, so dass wir hätten wissen können, was der jeweils andere damit genau meinte. Ich fühlte mich weder verstanden noch akzeptiert.
Früher hätte mich das völlig aus der Fassung gebracht. Ich blicke auf eine lange Reihe missglückter Diskussionen (mit meinen Eltern) zurück, und weil es nie gelang, ein Streitthema wirklich für alle bereichernd zu erörtern, habe ich es irgendwann aufgegeben. Ich habe stattdessen eine Konfliktscheu entwickelt und es mir zur Gewohnheit gemacht, meine Probleme im Stillen zu betrachten, selber alle erdenklichen und mir zugänglichen Perspektiven abzuwandern, um wenigstens für mich selbst eine tragbare Haltung zu einer Sache zu finden.
Nur in meinem Freundeskreis finde ich Menschen, mit denen ich kontrovers diskutieren kann. Uns macht es nichts aus, unterschiedlicher Ansicht zu sein. Es ist vielmehr spannend, die Geschichte des Anderen kennen zu lernen. Da keiner unbedingt Recht bekommen möchte, gibt es auch die Streitebene nicht, selbst wenn der eine oder andere Standpunkt emotional vorgetragen wird. Es herrscht einfach eine Stimmung der Neugier. Wie kommt einer auf seine Art der Betrachtung und Auffassung?
Da wir einander also nicht missionieren wollen, erlebe ich selbst die Nichtübereinstimmung als Bestätigung! Denn ich kann eine weitere Perspektive dazugewinnen und meinen Horizont runder machen.
Nicht so im Familienkreis.
Hier scheint die Unterschiedlichkeit von Auffassungen eine Gefahr für Leib und Leben darzustellen.
Und genau das empfinde ich so in Sachen Gehorsam.
Wenn ich ihn verweigere, dann bringe ich etwas ins Wanken – die Pläne des Bestimmers, die Pfeiler seiner Welt. Und jede einzelne Gehorsamsforderung ist ein Angriff auf die Integrität eines Menschen, Kindes. Eine Untergrabung seiner Autonomie, Selbstbestimmung. Ein Akt der Willkür. Eine Erfahrung von Willkür. Eine Untergrabung der Ernsthaftigkeit und Wahrhaftigkeit freiheitlicher Werte.
Natürlich gibt es Fälle, in denen wenig Zeit zur Diskussion und Betrachtung ist, ich muss ein Kind handfest vom Betreten der Straße abhalten, wenn ich ein Auto heransausen sehe, das es selbst nicht bemerkt. Aber es wird unmittelbar feststellen können, dass es zu seinem Schutz war, und sich entsprechend schnell mit diesem Übergriff in Übereinstimmung bringen können. Das heißt aber noch lange nicht, dass es mir nun bis ans Ende aller Tage blind vertrauen wird und mir kommentarlos erlaubt, nach Gurdünken überzugreifen.
Wir sind Lebewesen mit ständiger Rückkopplung. Ein Naturgesetz erkennen wir daran, dass es in 100% der Fälle wirkt, und wenn es das nicht mehr tut, dann ist es keins. Und auch nach 1000maligem „Funktionieren“, wenn wir vielleicht schon eine gewisse Überzeugung gewonnen haben, kann Nr. 1001 eine Überraschung bereithalten – das haben wir alle vielfach erlebt, als wir laufen lernten. Immer auf die Nase gefallen, und dann doch irgendwann mal oben geblieben. 100%ige Zuverlässigkeit haben wir Menschen allein darin, dass wir uns irren können. Ich denke, also irre ich.
Demgegenüber ist die Bereitwilligkeit, sich einem Projekt anzuschließen, einem Chor, einer Sportgruppe, um mit anderen gemeinsam ein Ziel zu erreichen, eine völlig andere Kiste. Ich gehe gestärkt aus allen Anstrengungen hervor, denn ich wende meine Kraft für eigene Ziele an, die ich mit anderen gemeinsam habe. Zwischenzeitlich auftretende Zweifel werden ernst genommen und aufgelöst, nicht einfach übergangen, denn jeder Motor, der ausfällt, verlangsamt den Vorgang, und jede Kraft, die zur Aufrechterhaltung der Mitwirkung abgezogen wird, fehlt dem Schaffensprozess.
Die Skepsis gegenüber dem Willen Anderer werden wir vom Leben gelehrt.
Und wenn Pädagogen und andere Erwachsene endgültige Prognosen stellen zu können meinen, dann müssen sie mit den mehr oder weniger bösen Überraschungen zu leben lernen… Die positiven Gegenbeweise sind es, die mich dazu bringen, meine Hoffnung nicht aufzugeben, immer das Beste zu erwarten und auf das Schlimmste vorbereitet zu sein.
Nunja, ich arbeite dran, denn der Weg aus der Hoffnungslosigkeit birgt viele Rückschläge.
Übers Denken können wir uns gepflegt streiten, aber Gefühle sind wie sie sind. Wenn ich über irgendetwas traurig werde, dann kann das keiner wegreden. Man kann vielleicht erreichen, dass ich nicht so lange traurig bleibe, wenn ich Trost erfahre durch Empathie und Anteilnahme, Spiegelung und Anerkennung meines Schmerzes.
Man kann auch erreichen, dass ich meine Trauer nicht mehr zeige.
Oder dass ich sie auch für mich selbst unsichtbar mache und unterdrücke.
Eine Gefühlslage zu kontrollieren macht durchaus Sinn, schon allein, wenn man in Betracht zieht, dass zu jedem Zeitpunkt mehrere Bedürfnisse hungrig sein können und immer hungriger werden, bis Stillung gefunden ist. Da muss man schonmal eine Reihenfolge bilden, und eines nach dem anderen sättigen. Manchmal gibt es „Nahrung“, die für mehrere Bedürfnisse Befriedigung bringt, das ist dann ein besserer Treffer im „Lotto“. Es gibt auch Stillungen, die auf Kosten anderer Bedürfnisse gehen, die sehe ich dann als faulen Kompromiss an.
Man kann über die Stillungsmittel und -wege diskutieren. Nicht über die Bedürfnisse und die dazugehörigen Gefühle und Emotionen, die eindeutig Hinweis geben.
Man kann darüber diskutieren, ob Ausnahmen die Regel sein dürfen, wenn es um diejenigen Stillungen geht, die auf Kosten anderer Bedürfnisse oder anderer Menschen/Lebewesen gehen. Man kann darüber diskutieren, wie die Kompensation aussehen kann. Wir können uns vor dem Leben verneigen, bevor wir es aufessen, denn wir leben nun einmal an diesem Ende der Nahrungskette. Es ist versöhnend und hilft, seinen eigenen Platz im Universum zu erkennen.
Wir, diese wahrnehmenden, fühlenden, reflektierenden, nachdenkenden Stoffwechsler. Denken. Danken.
Danke für die Pause von der Schule. Einer Schule, die ein fauler Kompromiss ist.

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Woche XXXIX | Montag, 23.05.2016

Es hat keinen Freitags-Eintrag gegeben, denn es gab nichts zu schreiben. Auch heute am Wochenstart bewegen mich weniger die aktuellen Vorfälle, weil es schlichtweg keine gibt. Jedenfalls keine, von denen ich weiß.
Ich habe gleichwohl immernoch um gelingendes Familienleben zu ringen, da die Kinder nicht ganz in ihrer Mitte sind, aber das, was jetzt läuft, halte ich überwiegend für „normale“ Entwicklungsetappen. So wie sie eine Phase des Ja-Sagens hatten, die von einer Nein-Zeit abgelöst wurde, so wie sich die Wahrnehmung im Laufe der Zeit ausdifferenziert, so wie sie eine zeitlang sehr hilfsbereit waren und mitwirken wollten, so gibt es eben auch eine Zeit des Alleinseinwollens, des Puzzelns, und bei den Größeren die Sucht nach Altersgenoss*innen und Abgrenzung von den Altvögeln.
Mich können jetzt auch Altlasten beschäftigen, noch offene Entwicklungsfragen, aber auch die Verwicklungen der vergangenen Schuljahre.
Sozial-emotionale Kompetenz steht da weit vorn, aber auch die Beantwortung der Frage, wie Kinder denn Motivation für den Erwerb der Kulturtechniken und die Aneignung von Wissen finden können, wenn sie nicht mehr per Zensuren und Sanktionen dazu gezwungen werden sollen. Wie an der Schule meines Jüngsten, die aber im Konzept dazu keine Aussage formuliert. Die Anfangsneugierde lässt irgendwann nach, es kommt früher oder später auch zum Nachlassen der Bereitwilligkeit zur Mitwirkung bei Themen und Aufgaben, die sich die Kinder nicht selbst gesucht haben. Nun wird es interessant: Wie kann ein*e Erwachsene*r das Feuer am Brennen halten? Oder kann er/sie es aushalten, wenn es mal ausgeht? Kann er/sie zulassen, dass der ihm/ihr anvertraute noch so junge Mensch die Sinnfrage stellt? Hier braucht es schon sozial-emotionale Kompetenz, denn die Welt der Gefühle und Emotionen ist wie ein Schilderwald. Hier brauchen Kinder ganz sicher gute Begleitung, wenn sie diese inneren Maßstäbe nutzen lernen sollen. Bisher ist Verdrängung und Überwindung das, was gemeinhin angeboten wird – mancherorts mag sich das bereits wandeln, aber es ist dennoch Neuland. Erst recht schwierig wird das Gelände, wenn es interaktiv wird und zwei Personen beteiligt sind. Die eigenen Gefühle und Bedürfnisse und die der anderen Person liegen nun in den Waagschalen, da kommt es einem langsam sinnvoll vor, dass sich die Mächtigeren Regeln ausgedacht haben, wie es sein sollte, und diese dann mit den Mitteln der Hierarchie durchgesetzt und aufrechterhalten haben.
Wie geht das zwischen gleichwürdigen Beteiligten?
Jedenfalls nicht so schnell.
Vielleicht spielt sich das im Laufe der Zeit ein, denn alle Sachen, die häufig genug vorkommen oder getan werden, automatisieren sich und werden dann auch schneller.
Kann es also einmal Gewohnheit werden, dass wir unsere Kommunikation umstellen von einer Anweisungsausteilung hin zur gemeinsamen Lagebetrachtung und Handlungsentscheidung? Dass wir sie dafür derart entschleunigen, dass es das heutige Schnellschnell wirklich nur noch in Notfällen gibt?
Ich hoffe sehr und bleibe weltfremd, indem ich es jetzt schon probiere. Nicht leicht, so oft falle ich selbst in die alten Gewohnheiten zurück…

Woche XXXVIII | Montag, 16.05.2016

Ich schreibe im Rückblick, denn ich war gestern außerstande.
Mich beschäftigt ein Gedanke aus einem Vortrag bzw. Gespräch mit Joachim Bauer, das ich auf youtube ansah. Es ging um die Wiederentdeckung des freien Willens. Den üben wir aus, wenn wir nicht als Reiz-Reaktions-Automaten agieren, sondern zwischen Reiz und Reaktion innehalten, Luft holen und den Blick für verschiedene Möglichkeiten öffnen. Diese verschiedenen Möglichkeiten sehen zu lernen, sie zu bewerten, ihre Folgen abzuschätzen und zwischen allem abzuwägen, könnten unsere Kinder vom ersten Atemzug an lernen, wenn wir sie lassen, meine ich. Ich habe es meinen gestattet, sie durften immer selbst wählen. Ich habe meine Befindlichkeiten mit in die Waagschale gelegt, vielleicht nicht in vollem Ausmaß, was sich derzeit gerade rächt, aber das hat genau mit ebendieser Maschinerie zu tun, die aufgrund erlernter Denkmuster einrastet im Automatikmodus, wenn man nicht aufpasst.
Mit Schuleintritt war damit weitgehend Schluss für meine beiden Großen, denn dort wurde natürlich fraglos getan, was verlangt wurde.
Aus heutiger Sicht für die Kinder wahrscheinlich ein ganz schöner Schock, plötzlich so ungefragt zu etwas verdonnert zu werden. Anfangs arbeiteten sie wahrscheinlich noch aus Neugier mit, und wenn die Lehrerin geschickt genug war, dann hat sie die Bereitwilligkeit noch ein Weilchen erhalten können, aber letztlich wurde sie doch überstrapaziert. Denn an keiner Stelle gab es Raum zwischen Reiz durch die Lehrerin und geforderter Reaktion vom Kind. Jegliche Nichteinhaltung einer Forderung wurde irgendwie geahndet.
Wenn dieser Raum nicht gegeben wird, kann kein Kind den Umgang mit Freiheit lernen, keine eigenen Entscheidungen treffen jenseits des geringeren Übels – Mach ich HA und opfere meine Freizeit oder lasse ich sie und nehme ich eine tadelnde Bemerkung bzw. schlechte Note in Kauf?
Nur weil es Kinder gibt, die mehr Anleitung „brauchen“, wird denen, die selbst entscheiden wollen, diese Möglichkeit genommen, mehr noch, sie werden entmündigt. Ich vermute, dass zu Beginn eigentlich kein Kind so bedürftig ist in Bezug auf Geleitetwerden, alle haben bis zur Geburt alles selbst gemacht, sich selbst erschaffen. Dieses von Pädagog*innen beobachtete Brauchen ist womöglich erworben worden, vielleicht bei überfürsorglichen oder besonders intensiv erziehenden Familien. Aber das ist meine Spekulation.
Genausowenig, wie der Raum für eigenes Abwägen gewährt wird, gibt es Raum für die dabei ins Spiel kommenden Gefühle und Emotionen, die ja schließlich mitwirken bei der Entscheidungsfindung. Sie sind der Maßstab. Je nach Grad der Freude wird gemeinhin das am meisten Versprechende gewählt, was absolut Sinn macht, wenn man sich den Begriff Bedürfnisstillung auf der Zunge zergehen lässt. Wir tun doch alles im Leben nur, damit es uns (wieder) besser geht. Ein Bedürfnis tritt auf, meldet sich immer stärker und dringlicher, geradezu schmerzhaft, und erst, wenn wir die passende „Nahrung“ dafür zu uns genommen haben, verstummt es wieder. Und welches die am besten passende Nahrung ist, ermessen wir aus den Erfahrungen, die wir mit den einzelnen Angeboten machen, aus den Gefühlen, die sich damit verknüpfen. Ich denke, dass hier auch Nachhaltigkeit zum Kriterium wird. Mir geht es jedenfalls so, dass ich zwar die Spaß machende Wirkung von Süßem zu schätzen weiß, aber ich weiß auch, dass ich dann ganz schnell etwas „Handfestes“ dazu brauche, sonst wird mein Hunger nur noch schlimmer. Das Süße bekommt mir nur gut, wenn es als I-Tüpfelchen dabei ist. Auch bei Kindern beobachte ich das. Klar wollen die immer das Süße zuerst, und wenn ich zuständig bin, dann beschließe ich mit ihnen gemeinsam Maß und Reihenfolge. Vor allem wenn ich sehe, wie das Naschen tatsächlich ein Ausmaß annimmt, das auf echten Hunger schließen lässt, nehme ich das Süße vorerst ganz aus dem Spiel. Und wenn ich die Erfahrung gemacht habe, dass nach dem Leckerli das Sattessen nicht gut klappt, weil kein Hunger (Appetit) mehr beim Speisen hilft, kurze Zeit später aber der Hunger umso heftiger wieder zuschlägt, dann kommt diese Reihenfolge beim nächsten Mal auch gar nicht mehr in Frage. In Abständen erlaube ich die Erneuerung dieser Erfahrung, denn mir ist nun einmal wichtig, dem Kind die Daten für eigene Beobachtungen und Schlüsse zugänglich zu machen, und vor allem die Erfahrung, selbst nicht übergangen zu werden und zu Gehorsam angehalten. Ich glaube, das Selbstwertgefühl hängt sehr damit zusammen und wird enorm gestärkt, wenn ein Kind mitbestimmen darf.
Kompetenz im Umgang mit Entscheidungen und Gefühlen entwickelt sich, wie alle Kompetenzen, in der Ausübung. Mit der einfachen Unterdrückung ist da nichts Gutes getan, und wenn Erwachsene die Bereitwilligkeit der ihnen anvertrauten Heranwachsenden gewinnen wollen, müssen sie in dieser Hinsicht Raum geben. Ich meine nicht Verkumpelung oder etwas dergleichen. Ich meine Anleitung und Begleitung. Doch dazu müssen die Großen erstmal selbst kompetent werden in diesen Dingen, fürchte ich. Und ihre eigenen Scheintoten aus dem Keller befreien, sie anerkennen und die Erfahrung machen, dass auf diese Weise die „negativen“ Emotionen, die nur dem Schutz des Selbst dienen in ihrer abwehrenden oder zum Rückzug veranlassenden Qualität, ihre Botschaft abliefern können und sich dann nach erledigtem Auftrag auflösen.
Der freie Wille hat nichts mit Beliebigkeit zu tun. Bei uns Lebewesen geht es immer um die Stillung von irgendeinem Hunger, denn das Leben ist ein Stoffwechselprozess, auch bildlich gesprochen, und da wird eben immer was zugeführt umgewandelt, eingebaut oder aussortiert und ausgeschieden. Die Angst der Erwachsenen ist sicherlich nicht unbegründet, aber letztlich müssen sie die Kinder nur vor emotional und freiheitlich inkompetenten Menschen und deren Altlasten schützen und hier und da auch vor Ertrinken, Vergiftung oder Absturz.

Woche XVIII | Freitag, 01.01.2016

Neues Jahr, neue Ziffer am Ende des Datums, wenn man es nicht in internationaler Schreibweise verfasst. Rituale, die helfen, mitten in der dunkelsten Zeit des Jahres die Aufmerksamkeit auf erste Dinge oder die Reste des eigenen Idealismus zu lenken. Wieder eine Orientierungsmöglichkeit für das eigene Hinkriegen oder Versagen zu schaffen.
Nach zwei Wochen schulfrei kommen wir als Menschen wieder ins Lot, können unsere Aufmerksamkeit anderen Dingen schenken als der Ausbalancierung des inneren Gleichgewichtes, Oben und Unten sind an ihre Plätze zurückgekehrt. Das ging dieses Mal wirklich schneller als gewohnt, nach meiner Erfahrung sind die Sommerferien dafür schon zu kurz gewesen. Vielleicht konnten uns die vergangenen Schulwochen dieses Mal nicht so viel anhaben, vielleicht weil ich darüber schreibe und mit Menschen ins Gespräch gehe und den Aschenbrödel-Job des Sortierens immer genauer auszuführen in die Lage komme?
Kkumhada hat nun die Nase voll von Dauerschnupfen, sie will beginnen, etwas zu ihrer Genesung zu tun. Oishi-Kawaii bleibt am liebsten in ihrer Mal-Ecke, ich schiebe sie in Abständen an die frische Luft und bringe sie dazu, Springseil zu springen oder ähnliches. Aber meine Geduld ist wenig nennenswert und es ist eine Krücke, bis sie aus innerem Bedürfnis in Bewegung kommt… McFlitz hatte seinen Kumpel jeden Tag zum Spielen und hat ausgiebig gegackert, mal drinnen, mal draußen, ein abwechslungsreiches Hin und Her. Allerdings hatte er eher wenig Lust, seinen Schlafanzug auszuziehen, und am Silvesterabend tat er es erst kurz vor dem „Böse-Geister-Verjagen“…
Ja, wir haben zu Hause beieinander gesessen, im Fernsehen wurde Otto zu 50 Jahren Bühne gratuliert und hinten dran gab es jene legendäre Sendung, die ich seinerzeit (1983) mit dem Kassettenrekorder am Fernseher meiner Oma aufgezeichnet hatte und in der Folge fast komplett auswendig mitsprechen konnte… So hatten wir im alten Jahr doch noch was zu lachen.
Bei uns hält sich die Lust am Feiern sonst ziemlich in Grenzen, die Kinder sind in ihrer weitgehenden Unverdorbenheit noch lebensfreudig genug, sich auf Geburtstage und Weihnachten zu freuen, ich bin da eher gedämpfter Stimmung, mein Mann findet seine Freude auch besser in der ungestörten Stillbeschäftigung.
Die Rituale um Weihnachten und Silvester in unserer kleinen Familie haben sich im Laufe der Jahre diesem Bedürfnis angepasst und unsere Kinder haben eine andere Selbstverständlichkeit kennengelernt als wir in unserer Kindheit.
Für’s neue Jahr habe ich mir nichts Besonderes vorgenommen, ich will weitermachen wie bisher. Weiter in der (Ein)Übung des Friedens, in der Wahrnehmung des Augenblicks, der Gegenwart, meiner Gefühle und Emotionen, in der Eindämmung des Daueralarmzustandes. In der einfühlsamen Kommunikation werde ich mich weiter umtun und Achtsamkeit, komplexes Denken praktizieren, wenn ich versuche, ein Bedürfnisse zu stillen ohne ein anderes zu beeinträchtigen oder diejenigen anderer Menschen. Ich werde an meiner Heilung weiterarbeiten, was im Besonderen bedeutet, den „Inneren Schweinehund“ weiter zu entzaubern und zurückzuverwandeln in den Wolf, der er einst war. Oder was auch immer für ein Totem 😉 Darauf bin ich neugierig und freue mich auf die entsprechenden Ent-Deckungen!

Woche XV | Freitag, 11.12.2015

Seit Dienstag war McFlitz zu Hause, mit Husten und Schnupfen, er ist heute wieder in der Schule, gestern machte Oishi-Kawaii eine Verschnaufpause (sie hatte sich bei dem Versuch, eine Präsentation zu erstellen am Abstürzen des Programmes erschöpft und außerdem am Gedanken an einige weitere Vorträge, die auch noch vorzubereiten waren) und heute ist Kkumhada mit Kopfschmerzen in der Waagerechten.
Ich selbst hatte am Montag eine Schwitzrunde auf dem Zettel, dann gab es am Mittwoch den Film „alphabet – Angst oder Liebe“ im Gymnasium, zu dem wir die Pädagog*innen einluden. Darauf folgte für mich eine schlaflose Nacht, ich war so aufgewühlt. Nicht vom Film, den hatte ich mir schon einige Tage zuvor nochmal angesehen, aber von den Gesprächen im Anschluss. Abwehr, Geringschätzung, Bewegtheit, Begeisterung – alles war dabei.
Gestern wurde ich gefragt, ob es nicht was für mich wäre, den Flüchtlingen Deutsch beizubringen. Mein Verstand sagt ohne zu zögern JA! aber es gibt emotional-seelisch eine für mich noch nicht zu fassende Hürde. Ein Konglomerat von Befürchtungen aller Art ist wie ein Schutzwall mit Abwehreinrichtungen um mich herum errichtet, aus dem ich mich nicht hervorwage. Es reicht von „Ich kann das nicht“ über die Angst vor den Männern mit einem fremden Frauen(rollen)bild bis hin zu spontaner Ermüdung beim bloßen Gedanken an eine systematische Verpflichtung.
Dem gegenüber habe ich wieder an meinem eigenen Angebot „gebastelt“, das seinerseits leider noch keine Abnehmer*innen finden konnte. Eine Zwickmühle. Ich mache etwas SchönesGutesWahres, für das ich allseits gelobt werde, aber das keiner nutzen will, jemand braucht etwas GutesWahresSchönes, das ich nicht kann. Emotional. Welche alte Geschichte mag da wohl wieder dahinterstecken? Denn ich bin ja nicht so verbaut auf die Welt gekommen. Und irgendwann habe ich zur Rettung meines Lebens mal diesen Schaltkreis eingerichtet, der jetzt so hinderlich wird. Also: die nächste Aufklärungs- und Heilungsmission in Sicht.
Ich bleibe dabei, ich möchte, was ich tue, mit Liebe tun. Mich nicht dazu überwinden müssen. Meine Emotionen, die mich vor irgendetwas warnen und schützen wollen.
Ich habe sie für mich sortiert, die 7 Grundemos:
neutral: Überraschung
annehmend: Freude, Trauer, Angst
abwehrend: Verachtung, Ekel, Wut/Ärger
Das, was mir Angst macht, müsste nun an eine der abwehrenden Instanzen weiter geleitet werden, dazu müsste Angst mal unter dem Schaltpult hervorkommen und die anderen alarmieren, damit sie sich der Sache annehmen können. Leider waren die seinerzeit in der „Schule der Kindheit“ nicht gern gesehen, hatten gewissermaßen Hausverbot und haben also einigen Lernstoff nachzuholen… Mein emotionales Immunsystem reift langsam nach.
Bei meinen Kindern kann ich mithilfe dieser Vorstellungen vieles gut nachvollziehen, bei den Kindern anderer Leute gelingt mir das noch weit besser, bzw. leichter. Vielleicht weil ich da aus größerem Abstand heraus sehe und weniger von den Details aufgehalten werde.
Meine Lungenentzündung als Kind steht ganz sicher auch mit seelischem Erleben im Zusammenhang. Und meine Anginen, mein Dauerschnupfen. Wenn ich mir vor Augen halte, dass jegliche Empfindung und Wahrnehmung biochemisch umgesetzt wird und von bestimmten Zellen und Organen ausgetragen wird, dann gibt es sicherlich auch einen thematischen Zusammenhang zwischen Körperteilen und seelischen Themen. Mir gefällt die Analogie schon lange (Von etwas die Nase voll haben, z.B.), aber jetzt ist es sicherlich nur noch eine Frage der Zeit, bis der Zusammenhang für alle sichtbar wird. Und damit glaubhaft oder annehmbar. Und endlich nicht mehr als Einbildung abgetan wird. Mir macht es nicht viel aus, wenn ich als Spinnerin angesehen werde, aber in manchen Kontexten kann mir das richtig gefährlich werden. Wenn z.B. jemandem das als Begründung für seine Sorge darum dient, ob ich denn meine Kinder vielleicht in Gefahr bringe… Ja, hier bin ich verwundbar, erpressbar. Hier mache ich schnell den Kompromiss und verstecke mich lieber einmal mehr als einmal zu wenig.
Dass die Kinder aber einer profitorientierten Ökonomie und kriegsgeilen Wirtschaft geopfert werden, indem ihre Eltern systematisch entwürdigt werden, weil sie als kooperative Wesen nur die Wahl haben, sich diesem kriminellen System anzupassen. Das ist schizophren, falls ich das Wort richtig auffasse. Zum Verrücktwerden.
… oder es mit Zivilcourage umzukrempeln (und damit für einen guten Zweck Kriminalisierung zu riskieren) – wenn ich mir das überlege, dann ist es doch eigentlich eine leichte Entscheidung … Aber – ich will mit meinen Kindern leben. Also weiterhin auf der Hut bleiben. Gleichgesinnte finden. Schlafende wachküssen. Rückbesinnung anregen.