Woche XXXIV | Montag, 18.04.2016

Fast hätte ich es verpasst – ist ja schon wieder ein Beitrag fällig geworden, wenn ich meinen Turnus einhalten möchte… Zum Start der 34. Woche dieses Schuljahres bewegten mich weniger die Sorgen meiner eigenen Kinder, sie sind vergleichsweise harmlos geworden. Mein kleines großes Mädchen, dessen Präfrontaler Kortex sich derzeit erheblich gestaltet, empfindet sehr scharf jegliche Art des Zunahetretens: insbesondere auch die Beschneidung ihrer eigenen Entscheidungen durch die in ihrer Schule gängige Unterrichtspraxis. Sie träumt immer kräftiger von selbstbestimmtem Lernen, von Begleiter*innen, die anregen und anleiten statt vorzuschreiben oder mit Benotung zu drohen. Von Räumen voller Material und Möglichkeiten. Sie hat die permanente Unterstellung der schülerischen Unwilligkeit mehr als satt.
Mein Grundschulkind geht ebenfalls wieder, wenn auch hustend, zur Schule. Seit ich nun andere Kinder mit Schulproblemen begleite, wird mir der Segen der benotungsfreien Rückmeldung noch einmal mehr deutlich und ich genieße es, diese Ablenkung vom eigentlichen Sinn des Erlernens der Kulturtechniken nicht auch bei ihm zu haben, und den Umgang damit am Ende des Tages als Hauptthema serviert zu bekommen. Ja, die Kinder verletzen sich an schlechten Noten, vielleicht schlimmer als an Schlägen auf den Hosenboden – da kann man sich wenigstens als tapferer Held feiern lassen. „Es macht gar keinen Spaß zu lernen, wenn man immer nur schlechte Noten bekommt“, gestand mir ein 9jähriges Mädchen kürzlich.
Ich arbeite mit den Kindern daran, dass sie trotzdem wieder an die Sache herangehen, erschließe mit ihnen den Spaß, den man daran haben kann, zu rechnen oder Botschaften schriftlich zu ver- und wieder entschlüsseln. Die Eltern bestärke ich darin, Eltern zu sein, keine Nachhilfepauker, und ihr normales Familienleben nicht für Hausaufgaben- und Übungsorgien zu opfern. Ich rede zudem mit ihren Lehrer*innen, möchte sie ermutigen, menschlich auf die Not der Kinder zu schauen. Sie sagen, sie müssen das alles schließlich in der Grundschule lernen, und ich frage, ob denn die Kinder, die sie mit schlechten Zeugnissen dann weiterziehen lassen, gelernt haben, was sie sollen. Das einzige, was geschehen ist, ist die Abarbeitung des Planes seitens der Pädagog*innen. Sie haben ihre Pflicht erfüllt. Die Kinder, die nicht das Glück haben, rein zufällig mit dem Tempo und der Darreichungsform der Unterrichtsinhalte gut klarzukommen, könnten sich diagnostizieren lassen, manche fahren weite Wege übers Land, um in eine LRS-Klasse zu gehen, stehen morgens dafür eine Stunde oder mehr früher auf, ihre Eltern mit ihnen, und kommen müde wieder heim, womöglich immernoch mit demotivierenden Erlebnissen. Abgesehen davon, als diagnostiziertes Wesen aus dem sonst Üblichen hervorzustechen, zementiert sich die Diagnose nachträglich noch, wenn die Resignation einsetzt.
Ja, hier in der Gegend gibt es einen Aufschrei, wenn ich das Thema Benotung anspreche und in Frage zu stellen wage. Die Eltern fürchten, ein wichtiges Instrument zur Erziehung ihrer Kinder zu verlieren. Für viele ist die Note die einzige Orientierung. Sie wissen dann sofort, ob ihr Kind „gut“ ist. Und wenn nicht, dann geht die Notfall-Maschinerie los: das Kind wird zu mehr Üben gezwungen, den Lehrpersonen in der Schule werden die Türen eingerannt. Schuld wird verteilt und zurückgewiesen. Der zweite Bildungsweg wird beschritten, monatlich viel Geld für Nachhilfe ausgegeben, da könnte man gleich in eine private Schule gehen, in der ein Kind in seinem Tempo lernen kann, individueller betreut wird und dann auch noch Freizeit behält, die für seine geistige und seelische Erholung unerlässlich ist.
Lehrer*innen beklagen sich, dass sie in der Schule die Erziehungsmängel der Elternhäuser ausbaden, ich selbst habe mich lange dagegen aufgelehnt, die Schädigungen meines Kindes durch die Schule ausgleichen zu müssen.
Und sehe ich es falsch? Steuerzahlende zahlen doppelt für ein schlechtes Schulwesen: entweder in Nachhilfe oder in private Schule fließt ihr Geld, beides macht die staatlichen Schulen nicht besser, die wiederum aus den Steuern derselben Leistungstragenden bemittelt werden. Und dann noch die Spätrechnung, wenn die Kinder krank werden, psychische Probleme bewältigen müssen oder, bei erfolgreicher Verdrängung, körperliche Leiden erleben müssen, die von all den Leichen im Keller hervorgerufen werden: „Das Gehirn macht aus Psychologie Biologie“, sagt Joachim Bauer in einem seiner Internet-Vorträge, der Körper ist das Gedächtnis unseres täglichen Empfindens, bis in die Gene hinein. Wann beginnt das Großreinemachen? Es ist Frühling, eine gute Zeit für den gründlichen Winterschlussputz! Für das Ausmisten all der Glaubenssätze und Ideologien, die uns von Mitmenschlichkeit im Umgang miteinander und mit uns selbst abhalten. Ich selbst bin intensiv dabei, und – es tut einfach gut!

Woche XXXIII | Freitag, 15.04.2016

Es blieb nicht bei einem kranken Kind. Ich habe seit Mittwoch auch mein Grundschulkind zu Hause, und es gibt mir die Möglichkeit auch mal zu erleben, dass einer unbedingt in seine Schule möchte, aber wegen Krankheit nicht kann… Und ich kann hier nun ganz „entspannt“ davon ausgehen, dass es sich um eine reine biologische Privatangelegenheit handelt, die ihre Türöffner nicht in erster Linie einem maßlosen „Rest der Welt“ verdankt. Die Faktoren befinden sich also in meinem direkten Zugriff, was auch bedeutet, dass ich unmittelbar was machen kann. (Ich schätze, ich kann auch sonst immer was machen, aber es gleicht mehr einem Tappen im Nebel, während ich jetzt gerade klare Sichtverhältnisse habe.)
Auch mein großes Kind in der Ferne hatte dieser Tage mit einer Infektion zu tun, nun ist es seit 8 Wochen im Land seiner Träume, die größte Aufregung hat sich sicherlich gelegt, auch mithilfe eines geregelten Tagesablaufs. Was nicht bedeutet, es würde langweilig, denn die Sprache gilt es intensiv zu lernen, wenn der Unterricht in der Schule ihm etwas mehr bescheren soll als die Fragezeichen des Nichtverstehens.
Ich hatte also krankenpflegerische Aufgaben, dachte wieder einmal über die damit verbundene Verhinderung meiner anschafferischen freiberuflichen Tätigkeit nach und den damit einhergehenden Verlust von Einkünften. Und selbst wenn ich voll weiterarbeitete und mir lieber eine „Krankenschwester“ aus der Nachbarschaft holte, hätte ich Ausgaben, die sonst nicht anfielen, und damit auch unserem Haushalt abgehen. (Für manche Genesungsvorgänge braucht es aber eine Mutter und keine Apotheke.) Ich müsste eigentlich immer eine Bereitschaftsperson vorhalten, wenn ich gut abgepuffert sein und zuverlässig für meine Erwerbstätigkeit bereitstehen möchte. Diese Bereitschaftsperson arbeitet dann für mich, um ihren Unterhalt zu erwerben.
Ich arbeite für das Fortbestehen menschlichen Lebens, wenn ich Kinder großziehe. Für meinen Unterhalt sorgt mein Mann mit seiner Arbeit. Dafür bekomme ich ihn nur kurz am Tag zu Gesicht und das, wenn er abgespannt ist. Er ist auf sich allein gestellt mit seiner Aufgabe, denn Chefs beiderlei Geschlechts und Kolleg*innen sehen sich nicht zwangsläufig als Gemeinschaft an, in der er es darum geht, einander bestmöglich zu unterstützen( – vielleicht noch bei bei einer Gemeinschaftsaufgabe, die dem Leben aller dient). Verliert er seine Arbeit, muss er sich sehr zettellastig beim Amt rechtfertigen, um für seinen Lebensunterhalt und den seiner Kinder zu sorgen. Nun gut, dann könnte ich vielleicht voll loslegen und für uns anschaffen gehen. In freier Wildbahn könnten mich nur konkrete andere Lebewesen, Wetter und Landschaft behindern oder fördern, in unserer Menschlichen Gesellschaft bekomme ich es außerdem mit Regeln und Gesetzen zu tun, die ich verinnerlicht habe. Ich bin, abgesehen von etwas Garten, für den ich zu wenig Zeit finde, weitgehend abgeschnitten von direkter Selbstversorgung (Ackerbau, Jagd, Sammeln), bin auf Kooperation angewiesen, weil ich all die nötigen Handwerke gar nicht beherrsche. Wenn mich unser Gesellschaftswesen so abhängig macht, dann ist es ein Leichtes, mich zu erpressen. Aber einer Menschlichen Gesellschaft ist es möglich, fürsorglich zu ihren Mitgliedern zu sein, es ist sogar nötig. Und wie ich finde, kann es sogar ohne Bedenken bedingungslose Fürsorge sein. Muss. Man erinnere sich an die Studie mit den Kleinstkindern, die zutage förderte, welcher Natur wir sind, wenn wir zur Welt kommen: unterstützend! Kooperativ! Gegenseitig. 100%.
Ich glaube, meinem Mann täte es auch gut, Unterstützung zu spüren bei der Ernährung seines Nachwuchses. Sicher würde er mit Freuden mehr Zeit mit diesen kleinen Menschlein verbringen und dabei auch selbst ausgeschlafen sein. Und auch mehr ausgeschlafene Zeit haben für Reparaturen in der Wohnhöhle, Arbeiten in Hof und Garten. (Ich will ja gar nicht einmal von kulturellen Genüssen jenseits von Radio und Fernsehen reden.)
Wir sind kaum in den Urlaub gefahren, wir wohnen wo andere Urlaub machen, und solange unsere ländliche Ruhe nicht von Zivilisationsgeräuschen gestört wird, geht diese Rechnung auch auf. Aber auch die Kurzausflüge zu den weit verstreut wohnenden Verwandten und Freunden, an die Ostsee oder in die Hauptstadt bedürfen einer finanziellen Ermöglichung…
Wenn gut für die Erwachsenen gesorgt ist, dann haben auch die Kinder ein besseres Leben, werden weniger begluckt, weil größeres Vertrauen herrscht – in die Nachbarschaft, die Gesellschaft, die dann sogar Gemeinschaft sein könnte. Die Erwachsenen brauchen Kooperation, gegenseitige Unterstützung. Unsere Gesellschaft muss darüber klar werden. Das andauernde Gefühl, irgendwie über’n Tisch gezogen zu werden, erpresst und ausgebeutet, führt für mich zu einem Denken a la „Wer’s glaubt, wird selig“ wenn mir jemand weismachen will, ich müsste mich nur noch ein bisschen mehr anstrengen. Auch dazu gibt es eine sehr illustrierende Studie, die inzwischen für eine Süßigkeiten-Werbung missbraucht wird: Wenn du den Marshmallow jetzt nicht isst, dann bekommst du nachher zwei davon. Das funktioniert meines Erachtens nur in einer unterstützerischen Gemeinschaft, nicht in einer ausbeuterischen Gesellschaft. Zumal wenn es keine Zwangskirche mehr gibt, die die Verarschten aufs Paradies vertröstet. Nur diejenigen, die sich abschotten von der ganzen Versuchung, mögen den Segen der Selbstbeherrschung zu erfahren bekommen, aber sie müssen wohl auf der Hut sein und das vom Munde Abgesparte solange vor der Meute verbergen, bis der Bonus kommt. Und dann schnell futtern. Oder wieder auf den nächsten Bonus warten? Und dann geht es ihnen wie dem Mann, der seine gesparten Goldtaler vergrub und aus Angst vor Entdeckung nur seltenst nachsah, ob sie noch da wären. Und als er eines Tages beweisen wollte, dass er als reicher Mann sterbe, waren sie verschwunden. (Immerhin bewies er, dass man würdevoll als armer Arbeiter leben konnte – wenn man nur einen geheimen Schatz sein eigen nannte.)(Was ist mein geheimer Schatz?)
Die derzeitigen Nutznießer der Unbeherrschtheit haben’s aber vielleicht auch nicht viel besser: Müssen sie doch in Gated Communities all die abgeschöpfte Sahne verbergen und vor dem Neid der Besitzlosen schützen…
Wo steht hier die Schule? Unterstützend? Und damit ein sicherer Ort für Kinder? Sie ist vielleicht nicht abschöpfend, aber wenn sie Gehorsam fordert und Disziplin erpressen will, bahnt sie denen den Weg zum Erfolg, die es im echten Leben sind und unter dem Deckmantel einer Wachstumswirtschaft Eltern und Kinder ausquetschen, was das Zeug hält.

Woche XXX | Freitag, 25.03.2016

Vor drei Monaten war Weihnachten, die diesseitige Feierlaune hielt sich in Grenzen, viel verlockender war es, diese freie, unschulverpflichtete Zeit mit den vielen Sättigungsquellen hinter den Bildschirmen zu verbringen, sich zurückzuziehen von den nervigen Verpflichtungen gegenüber anderen Menschen – jedenfalls bei den Kindern, und auch dieses Mal habe ich in den Ferien reichlich Gelegenheit, meine Angebote und Wünsche in Bezug auf die Kinder und unser Familienleben mit den Boni der virtuellen Welt ins Verhältnis gesetzt zu erleben.
Ich vermute ja meistens Flucht, wenn ich die Kiddies vorm Bildschirm sehe, aber es darf auch gern ein Fantasy-Buch sein oder Lego-Welten auf dem Wohnzimmerboden. Natürlich ist ein Treffen mit Busenfreundinnen in 3D und zum Anfassen davon kaum zu toppen, aber die Begegnung mit der eigenen Mutter schon. (Das spricht Bände, nicht wahr?)
Also Flucht ist ein Aspekt, aber was finden wir in den Tiefen des Internet, was uns das analoge Hierundjetzt nicht bieten kann?
Für meine Kinder freue ich mich, weil sie recht unkompliziert auch Freunde treffen können, die sonst immer zu Hause bleiben müssen, wenn sie sich verabreden wollen. Natürlich wünsche ich ihnen die echten Begegnungen, aber die jeweiligen Eltern haben dieses Bedürfnis nicht ganz so im Auge wie ich. Oder auch dann, wenn eben kein Bus fährt, sie sind weniger abhängig von der (fehlenden) Infrastruktur vor Ort.
Aber auch weniger abhängig von den Menschen vor Ort. Wenn hier nun einmal keine passenden Freund*innen zu finden sind – Zeit, Chemie, Interessen, Alter etc. – und somit man selbst irgendwie einsam bleibt in der Menge, dann bietet die Telefonleitung doch die Möglichkeit einer befriedigenden Verbindung. Mir selbst geht es ja auch so. Und dank dieser Schreibplattform kann ich Leute finden, die sich mit mir über meine Lieblingsthemen austauschen möchten, Leute, die widersprechen oder gleich gesinnt beipflichten – alles sehr befruchtende Impulse. (An dieser Stelle danke!!!)
Und dann der Hunger nach allen möglichen Ideen, Rollen, Experimenten! Jenseits von Räuber und Gendarm, aber nicht irgendwie doch auch wieder ähnlich. In einer Unzahl von Variationen. (Da kommt mir der Denkspruch „Alles ist Nichts, und aus Nichts kann Alles werden“ in den Sinn.)
Die Zeit, die wir miteinander verbringen, hält sich in Grenzen. Ich brötele gern mal für mich allein herum, bin froh, dabei nicht unterbrochen zu werden. Klar, als Mutter bin ich immer irgendwie im Bereitschaftsmodus, lasse alles stehen und liegen, wenn Not am Kind ist. Oder um echte Not zu vermeiden. Das hat natürlich nachgelassen, seit ich keine Windeln mehr wechseln muss. Aber die Art, wie wir diese Zeit verbringen, ist wesentlich: Vielleicht bringt Baymax das analog auf den Punkt, als er sagt, „…wenn Fliegen mich zu einem besseren Gesundheitsbegleiter macht…“ (sinngemäß). Wenn die Zeit in den persönlichen Höhlen und Welten dazu beiträgt unser Miteinander zu verbessern, dann habe ich nichts zu bemängeln oder befürchten. Wenn aber unsere gemeinsame Zeit explosiv ist, jeder irgendwie dauernd ungeduldig (re)agiert und vielleicht sogar verletzend wird, dann schiebe ich die Schuld gewohnheitsmäßig gern auf die Daddelei, die ich ja so großzügig toleriere.
Neuerdings nehme ich jedoch unser Miteinander diesbezüglich unter die Lupe: Welche Automatismen und Selbstverständlichkeiten pflege ich im Umgang mit meinen täglichen Nahestehenden, -sitzenden, und lebenden? Meine Kindheit fand statt im Kontext von Gehorsam, eine Ansage, und dann ein Mensch – ein Wort, ein Wort – eine Tat. Keine großen oder kleinen Abstufungen, nur Sanktionen bei Nichtbefolgen. Durchaus auch mündlich, in Form von „Vorträgen“, Leviten oder anderen Ansprachen, die aber fernab von Gesprächen in Gleichwürdigkeit waren. Ich war dann die Dumme oder Böse. Oder Undankbare. Es gab beschämende Strafen und unterwerfende Bedingungen, wenn ich nicht den Wünschen und Vorstellungen meiner Umwelt entsprach. Ich hatte auf der anderen Seite jedoch auch sehr viel unbehelligte Zeit, vielleicht auch weil ich mich gern still beschäftigte. Da fällt nicht gleich auf, womit. Ich dachte viel nach, hatte Fragen, kam auf Situationswitze (oft im Stillen, weil als unangemessen empfunden, wenn es von einem Kind kam) und beobachtete Ironien des Schicksals.
Meinen Kindern kann ich mit den Automatismen aus diesen prägenden Jahren nicht kommen. Ich stehe vor der Wahl, sie als vollwürdige Menschen anzusehen, die eher ruhige Begleitung und Aufklärung brauchen, oder als unmündige Unfähige, denen mit Kritik und Zurechtweisung das Leben gerettet werden muss.
Ich übe ersteres, versuche die Schwerkraft nicht aufzuheben und sie nicht in Watte zu packen, wenn ich meine Grenzen und die unserer Welt geltend mache und verständlich.
Frohe Ostern, und Großer Geist vergib uns, denn wir wissen nicht, was wir tun!

Woche XXIX | Freitag, 18.03.2016

Wie schön, wenn man einfach in Ruhe arbeiten gehen kann! Mit dem guten Gefühl, die Kinder gut aufgehoben zu wissen in ihren Schulen. Und, welch Romantik, am Nachmittag oder Abend Anekdoten und Abenteuer erzählt zu bekommen! Ich wage noch nicht, mich daran zu gewöhnen, aber ich schätze mal, das passiert einfach.
Nun, die ganze Romantik hatte ich nun nicht, es gab Läusealarm, ich hatte mein Grundschulkind drei Tage zu Hause, um ganz sicher zu gehen. Zum letzten Schultag konnten wir ihn nur motivieren, weil wir ihm die Sicherheit zu geben imstande waren, dass er nicht gleich wieder Läuse einfangen würde – in der Schule haben alle Eltern zugestimmt, dass ihre Kinder dort kontrolliert werden dürfen, so dass ganz gezielt informiert werden kann.
Nun haben wir wieder Ferien, heute mit praller Sonne und der Ahnung, wie schön es im Frühjahr sein kann – wenn nicht immer alles grau überhangen bleibt…
Aber was mir dennoch vergönnt war: ganz nach meinem Rhythmus zu leben. Mit welcher Kraft kann ich unterwegs sein, wenn ich mir meine eigene Art erlaube! Dann bin ich auch weniger davon abhängig, ob die Umstände günstig sind, und kann mich viel besser auf Gegebenes einstellen. Wie sehr ich doch meistens von mir selbst entfernt bin! Ich lande in einem Automatik-Modus, der auf Planerfüllung programmiert ist, ich funktioniere dann einfach und ich erwarte das natürlich dann auch von den Kindern. Ich tue Dinge nicht, weil sie notwendig sind, sondern weil das jetzt so geplant ist. Ich habe die Verbindung zum Sinn nur in der Planungsphase, in der Umsetzungsphase bediene ich nur noch die Programmpunkte. Ich bin auch in einem gewissen Grad flexibel und kann den Kurs ändern, aber eigentlich immer mit einem schlechten Gewissen wegen des Planes oder wegen anderen Menschen, die sich drauf verlassen. Es ist irre aufwändig, immer allen Beteiligten die Änderungen mitzuteilen, damit sie sich mit ihrer Planung darauf einrichten können.
Eigentlich möchte ich nicht planen, ich möchte lieber viele Möglichkeiten inpetto haben und auf die jeweilige Situation eingehen. Das macht Absprachen schwierig, vor allem mit Planer*innen, die jede Einzelheit festgelegt sehen wollen. Ich habe lieber die Möglichkeit, mit den Aktualitäten zu spielen, kreativ im Augenblick zu entscheiden, gern auch mit Anderen im Team, die genauso auf verschiedene Ressourcen zurückgreifen können und spontan Ideen aufgreifen und umsetzen.
Wenn das so läuft, erlebe ich Flow. Ich bin kaum zu erschöpfen, die Quelle sprudelt fröhlich, bis mir buchstäblich die Augen zufallen und meine Körperzellen mir Pause verordnen.
Das beobachte ich auch an den Kindern – wie werden sie munter und ihre Kopfschmerzen verfliegen, wenn sie nach ihrer eigenen Fasson lesenschreibenzeichnensingentanzenrechnen dürfen! Habe ich sie nach acht Stunden Schule völlig erledigt in Empfang genommen, kommen sie nach kurzer Ruhe auf ihre eigenen Gedanken und finden Betätigung, die sie wieder zu sich kommen lässt – wenn ich sie lasse und nicht mit Pflichten oder Vorstellungen behellige. Die suchtartige Ausprägung einer Beschäftigung macht klare Aussage darüber, wie sehr ihre Bereitwilligkeit zur Erledigung fremder Aufträge überstrapaziert ist. Wie sehr ihr Bedürfnis nach Selbstbestimmung im roten Bereich gelandet ist. Gewiss steht hier wissenschaftliche Untersuchung aus, es ist aber meine Beobachtung und Auslegung, immer wieder.
Nun, mal sehen, wie lange es dieses Mal dauert, bis sich eine gesunde Unternehmungslust einstellt und die Bereitschaft, den Rückzug in die persönliche Höhle einzutauschen gegen Expeditionen in die Welt. In ausgewogener Weise.
Achja: Liebe Grüße an mein Kind im fernen Lande! Bitte grüße deine Gastfamilie und alle, die sich freundlich um dich bemühen und sage ihnen meinen Dank!

Woche XXVII | Montag, 29.02.2016

Da die Schule also nun kaum noch für Alarmstimmung und entsprechenden Ersthelferhandlungsbedarf sorgt, kann ich mich wohl verstärkt dem Boden widmen, der den unliebsamen Symptomen die Nahrung liefert. Ich sehe die Schule nicht als ursächlich an, das habe ich in der „Gewaltfreien Kommunikation“ zu schätzen gelernt. Täte ich es, könnte ich nie aus dem Schlamassel finden, solange die Schule nicht gnädig sein möchte. Ich fühle mich lieber als Gestalterin, damit liegt alles in meiner Hand.
Ich sehe sie allerdings als auslösend an, als Hinweis auf anstehende Aufgaben. Was nicht bedeutet, dass ich alles gutheiße, was sie mir an Gelegenheiten bietet. Ich bin durchaus bereit, das Herangehen dieser Institution an die Bildung unserer Kinder in Frage zu stellen, da sie uns vor Aufgaben stellt, die nicht im Rahmenplan verankert sind, und für die sie uns auch keine Strategien an die Hand gibt…
Ich nehme nun unser Miteinander innerhalb der Familie in den Fokus. Auf welche Weise fordern wir uns, was wollen wir voneinander… Mir ist wichtig, die Bedürfnisse zu erkennen, die hinter dem Hunger stecken, und die Wege zu erforschen, die zu ihrer Stillung führen, und die Kriterien zu entdecken, an denen wir uns orientieren können. Das stelle ich mir als Alternative zu einem Leben nach Vorschrift vor – auch wenn die Vorschriften Gutes bieten: mir sind sie lieber als Anleitungen oder Empfehlungen, bei denen es mir freisteht, ob ich sie befolge oder meine eigenen Experimente und Erfahrungen mache. Ich glaube, wenn wir einander das zugestehen können, ich den Kindern, meinem Mann, und sie mir, dann sehen wir uns als gleichwürdig. Und wenn es uns gelingt, einander in Geduld und Zugewandtheit Rückmeldung zu geben über die Auswirkungen unseres Auftretens, dann können wir bestimmt alle ganz viel voneinander lernen!

Woche XXIV | Freitag, 12.02.2016

Ja, tatsächlich sind wir gestern am Freitag aufgebrochen zu einem Ausflug und alle hatten Lust dazu. Keiner brachte dieses Vorhaben am Morgen mit widerstrebenden Gefühlen in Zusammenhang und infrage.
Nur ich bekam vor der Abfahrt einen Rappel und regte mich über irgendwelche Zappeligkeiten auf: über Kommentare, die nicht sachdienlich waren, und Herumgehampel, das nicht in Richtung Ausflug zielte. In entspanntem Zustand nehme ich sanft-nachdrücklich Einfluss und lenke das Geschehen in die gewünschte Richtung, kann mitalbern und es geht munter-lustig zu.
Was hat mich also gestern geritten?
Ich bin wohl unmerklich im Abarbeite-Modus gelandet, in dem ich praktisch Scheuklappen aufsetze und den Tunnelblick annehme. Allerdings ist das ein labiler Modus bei mir, denn ich versenke mich nicht unstörbar in mein Fahrwasser. Auf Störungen reagiere ich dann gereizt. Was ist da in Gefahr?
Ziehe ich mein Vorhaben in Zweifel?
Ich bin manchmal sehr anfällig für schlechte Laune und Quengelei, ich kriege meine eigene wohl nicht recht in den Griff, so dass sie sofort Aufwind bekommt. Vielleicht ist meine Unternehmungslust auch nicht ganz echt? Vielleicht ist das schon was, was ich nur deshalb vorantreibe, weil ich ja wohl zwei Wochen Winterferien nicht ohne Unternehmung mit den Kindern verstreichen lassen kann – das geht doch nicht! ? Man muss doch was machen mit den Kindern! ?
Doch, ich habe schon Lust, mit meinen Kindern durch die Gegend zu streifen und die Welt zu begucken. Der Ausflug gestern war auch ein inneres Anliegen, nicht nur ein „Sollte-man“. Aber es gab unbestreitbar einen satten Schuss Pflichterfüllung, zumal die Ferien zu Ende gehen und die Gelegenheit sonst verpasst ist. Eine Antriebskraft, die mir keine Freude verschafft, da ich mich gehetzt fühle, wenn ich aus solchem Grund handele.
Unser Ausflug nach Rostock war recht schön, ich habe die Ausstellung genossen und auch die Rostbratwurst auf der kalt-zugigen Kröpeliner Straße. Die große Große hatte wahrscheinlich den meisten Spaß, war doch ihre Freundin mit. Bei der kleinen Großen hat das leider nicht geklappt, so blieb sie in sich gekehrt. Die Buchhandlung wurde ihr zum Quell des stillen Vergnügens… Der Kleine tappelte munter mit, futterte sich von einem Imbiss zum nächsten, fand die Flugzeugteile in der Ausstellung beeindruckend. Ich konnte selbst ganz in Ruhe gucken – etwas was mir sonst nur selten vergönnt ist, wenn ich mit den Kindern unterwegs bin.
Ich bin schon froh, wenn die Kids etwas finden um sich zu beschäftigen und mir nicht mit dauernden Anfragen wie „Können wir jetzt gehen?“ oder „Wann sind wir da?“ meinen Gedankenfaden zerrupfen. Das „digitale Kindermädchen“ versorgt ihren unersättlichen Hunger nach Aktion mit Möglichkeiten, wenn sie nicht in einer Spielumgebung sind. Ich könnte diesen Hunger nie stillen. Kinder, die an einem Ort sind, an dem sie nicht von Verboten umzingelt sind und auf einen Versorger angewiesen bleiben, finden immer was zu tun und lassen auch mal die Seele baumeln. Wenn sie zum Stillsein aufgefordert sind, können sie das nur dann gut leisten, wenn sie allgemein gut ausbalanciert gesättigt sind und an keiner Stelle zu großer Hunger herrscht. Meine haben mich in Ruhe die Exponate aus Fernost angucken lassen, ohne nur am Handy zu daddeln. Fast zwei Wochen hatten sie in Ruhe sein können, machten, was und wie sie wollten. Sie waren nicht sich selbst überlassen, ich habe sie gelassen, und wenn ich was mit ihnen wollte, machte ich mir die Mühe, ihnen meinen Wunsch so anzutragen, dass sie wirklich auch aus freien Stücken Ja sagen konnten. Na klar, und es ist natürlich nicht egal, wie sie mich ansprechen, wie es beim Essen zugeht, wie sie Aufträge ausgeführt haben… Alles wird so ausführlich wie nötig betrachtet, und ich sage immer Danke, wenn sie sich bereitwillig auf Kooperation einlassen. Und sei es, mal leise zu sein oder mich in Ruhe gucken zu lassen.
Ja, es hat mir wirklich Freude bereitet, mit ihnen loszuziehen, mal leise und mal ausgelassen durch die Gegend zu ströpen. Schade, dass nun die Ferien um sind. Jetzt, wo unser Familienleben gerade eins wird, das ich gern so nennen möchte: Alle sind gesund, wir machen was gemeinsam. In Ruhe. Mit Kreativität. Alleinsein und Getümmel wechseln sich ab. Alltagsverrichtungen geschehen mit Freude. Ich atme das jetzt noch ein paar Mal tief ein, schwelge in dieser zutiefst befriedigenden Empfindung. Und schaue mal, wie ich so viel es geht hinüberretten kann in den eng getakteten Schulrhythmus…

Woche XII | Freitag, 20.11.2015

Alle sind körperlich gesund und an ihren jeweiligen Arbeitsplätzen, auch ich, aber wie gehabt rein ehrenamtlich. Ich mache mir viele Gedanken über den Wert von Arbeit, bezahlte, unbezahlte, frei, angestellt, … Wie kann es z.B. sein, dass Pädagog*innen von der Arbeit mit meinen Kindern leben können und ich nicht?
Alles, was die Welt im Innersten zusammenhält, wird ehrenamtlich geleistet, will mir scheinen, und die Lohn- und Gehaltsarbeit darf in einer Art und Weise organisiert sein, die dieses Werk wieder einreißt und zerstört? Den Flüchtlingen wird ehrenamtlich geholfen, aus Steuermitteln finanzierte Fürsorge zuteil, unsere Herzensqualitäten der Einfühlung und Solidarität fließen von Natur aus. Auf der anderen Seite ziehen ganze Wirtschaftszweige privatisierten Vorteil aus dem Geschehen, Waffen und Kriegs-Knowhow werden meistbietend verhökert, aus Spenden finanzierte humanitäre und medizinische Hilfsgüter füttern die Lebensmittel- und Pharmakonzerne fett und letztlich profitieren auch die Agrar-Riesen von der Zerschlagung sozialer Strukturen und können ihre patentierten Sorten und die ganze damit verbundene Chemie an den gepeinigten Mann bringen. Ganz zu schweigen von der Militarisierung unserer Kinderzimmer mit diesen tollen bunten Plastik-Kalaschnikoffs und den virtuellen Kriegsspielen und den Gewinnen, die damit gemacht werden…
Ich fühle mehr denn je mit Hannah Ahrendt und ihrer Beobachtung, dass sich die Handelnden hinter Amtssprachen verstecken und die Verantwortlichkeit in ihren Strukturen zerbröseln. Aber ein jeder lebender Mensch handelt immer aus eigener Entscheidung, es geht gar nicht anders, und wenn er sich weigert sein Tun zu betrachten, dann ist auch das seine Entscheidung. Und wenn er sich weigert anzusehen, was sein Handeln für Folgen zeitigt, stellt er sich der Ignoranz und Arroganz anheim. Und wenn er sich weigert, auf seine eigenen Bedürfnisse zu achten und wahre, gute und schöne Stillungswege zu suchen, darf er sich dann als Krone der Schöpfung betrachten? Ich sehe da eher ein Zahnrad.
Es ist kindtypisches Verhalten, die Augen zuzuhalten und dann zu denken, wenn ich es nicht sehe, gibt es das nicht. Oder gar – dann bin auch ich nicht da. Nichts für etwas zu können, hat wenig mit Erwachsensein zu tun. Wir er-wachsen – im besten Falle – aus unserer Hilflosigkeit, wenn wir als Kinder immer mehr lernen, uns selbst mit dem Nötigen zu versorgen, selbst zu sitzen, laufen, die Stullen zu schmieren, zu lesen, schreiben, rechnen – denken und unsere Gefühle richtig zu deuten. Und irgendwann können wir alles selber, was uns die Eltern bis dahin liefern mussten, um unser Leben zu sichern, und wir können auch selber für Kinder sorgen.
Nun ist es an uns, sozial-emotional erwachsen zu werden und ENDLICH! aufrichtig zu unserem Friedenswillen zu stehen. Unsere Impulse zu regulieren und lebensförderliche Strategien zu finden, mit ihnen umzugehen. Die Konflikte – einander gegenseitig als Menschen anerkennend und wertschätzend – beizulegen und uns für ein aufgeschlossen-kennenlernendes Miteinander zu ENTSCHEIDEN.
In meiner Arbeit als Elternvertreterin geht es mir genau darum: mit allen Beteiligten gemeinsam auf die Schwierigkeiten zu schauen ohne den Umweg der Verstärkung der Konfrontation. Denn wenn wir nicht leben und lernen, um das Leben zu verbessern und einander dabei zu helfen, dann weiß ich auch nicht wozu. Und hier können dann wirklich alle Ersatzbefriedigungen identifiziert werden, alle Pseudo-Stillmittel und gleich auch die den Frieden untergrabenden und verhindernden Faktoren. Lebensentfremdende Kommunikation gehört gleich an erster Stelle dazu. Ich erarbeite mit einigen anderen Eltern gerade Angst- und Stressauslöser an unserer Schule, um sie sichtbar zu machen und auch die sich verbergen wollende Natur des Scheiterns. Deshalb ist es nicht offensichtlich, dass die Kinder sich bedroht fühlen. So etwas zu zeigen bedeutet, sich gleich einer weiteren Gefahr auszusetzen – dem Eingeständnis des Versagens und damit der Lächerlichkeit, Beschämung, Beschuldigung und gar Bestrafung. Was wunder, es stellt sich heraus, dass insbesondere die Bemerkungen von Mitschüler*innen und Pädagog*innen einen solchen Faktor darstellen, genau, wie es in der „Gewaltfreien Kommunikation“ beschrieben ist. Aber wenn ich diese Formen beiseite schiebe und auf die Rufe des dahinter verbarrikadierten und eingesperrten Herzens lausche, ihm Klopfzeichen meines Herzens zurücksendend, dann offenbart sich mir das Wunder der Abrüstung, der Nacktheit und Verletzlichkeit, die uns allen gemeinsam ist. Und der Wärme, wenn wir uns aneinanderschmiegen in der gemeinsamen Suche nach Lösungen und der Zusammenarbeit an den Baustellen des Lebens. Statt im kalten, Wärme ableitenden Metall unserer Schutzpanzerungen einzeln zu erfrieren.
Meinen Kindern schenke ich „geteilte“ Aufmerksamkeit: die kritische, auf das Nichtfunktionieren gerichtete, sortiere ich in bedingungslose Zuwendung und, wenn dieser Tank wieder aufgefüllt ist, beratende Begleitung, falls überhaupt nötig. Seit ich sie einfach in den Arm nehme, wenn sie nicht üben wollen oder Haushaltsaufgaben ablehnen oder anderweitig im „Willaber(nicht)“-Modus feststecken, und nicht wie bisher zähneknirschend an ihrer Stelle oder mit ihnen zusammen die ungeliebten Aufgaben erledige oder sie dahin schiebe, etwas von mir Gewünschtes zu tun, kommen viele Dinge wieder an ihren richtigen Platz. Wenn die Liebe wieder da ist, dann belebt sich auch die Lust zum Klarinettenspiel, zum Kochen, Aufräumen und Putzen oder zu einer Wanderung mit dem Hund an der frischen Luft.
Einfach nur mal Liebhaben ist das Rezept. Ohne Wenn und Aber.
Kommt alle in gutem Miteinander ins Wochenende und gebt Klopfzeichen von Herz zu Herz. Danke für Eure Anteilnahme und -gabe und schreibt weiter!!!

Woche IX | Freitag, 30.10.2015

Auch dieses Mal schreibe ich nicht direkt am Freitag. Der war gestern und voller Erledigungen. Die Ferienwoche mit den Kindern war geprägt von einem täglichen Fahrschultermin, zu dem ich Kkumhada bringen musste. Aber mit den beiden „Kleinen“ begab ich mich am Dienstag auf eine Wanderung zum Arbeitsort des Papas, etwa 15 Kilometer hatten wir uns vorgenommen, um ihn „abzuholen“. Wir waren 4 Stunden auf den Beinen, zum Schluss in einem ziemlich straffen Tempo, weil wir noch rechtzeitig zur Suppenküche kommen wollten und uns auf eine warme Stärkung freuten. Wir ließen diesen Plan dann jedoch fallen zugunsten einer schnellen Heimfahrt…
Auf dieser Wanderung schaffte ich den Sprung aus dem Alltag, ich fand darin die Tür zum „Ferienmodus“. Die eigentlich artgerechte Art zu leben und zu denken und Entscheidungen aus der Situation heraus zu treffen anstatt einem vorgegebenen Plan zu dienen. Was nicht heißt, dass ich keine Pläne mache, sie haben aber eher Potenzialcharakter, sind eine Sammlung von Möglichkeiten, aus der ich schöpfen kann, die aber offen ist und jederzeit weitere zulässt.
Die Kinder waren nicht ganz so unansprechbar wie ich sie in Erinnerung habe aus vergangenen Ferien, aber Oishi-Kawaii überließ mir schon die unliebsame Rolle der Antreiberin. Sie gibt die Verantwortung einfach ab, macht nichts, was familien-gemeinnützig oder unmittelbar nötig ist, und übt auch nicht auf der Klarinette für das Konzert, an dem sie teilnehmen darf. Absprachen sind praktisch nicht mehr als heiße Luft. Sie holt sich meine Zuwendung und Aufmerksamkeit durch Verweigerung. Ich lasse mich natürlich zunächst verführen, ungeduldig oder sogar ärgerlich zu reagieren, aber dann besinne ich mich und nehme sie in den Arm, sage ihr, dass ich sie lieb habe, und versuche es mit meinem Herzen zu fühlen. Wenn ich das schaffe, geschieht ein Wunder: Plötzlich geht alles von allein, die Lebenslust erwacht.
Der Freitag barg für mich noch eine Begegnung der eher niederschmetternden Art. Eigentlich. Eine spontan veränderte Verabredung und das Nichtvorhandensein meines Handys führten für mich in eine mehr als einstündige Warteschleife, in der ich wie gewohnt zunächst meine eigene Dummheit beklagte und die kalten Füße ganz mir selbst zuschrieb. Dann jedoch wurde ich mutig genug, einen Teil der Verantwortung einfach beim Anderen zu lassen – er hätte genausogut seine Antennen ausfahren können und mir entgegenkommen. Oder sich einfach an seine eigene Aussage halten und, nachdem er sein länger-als-gedachtes ZuTun abgeschlossen hatte, nach der Lage ausschauen und zu mir kommen können. Anstatt zu (er)warten, dass ich mich melde.
Naja, ein bisschen verworren vielleicht, schwer zu erklären, wenn ich jetzt nicht genauer schildern möchte werwaswannwiewo. Wichtig war für mich, dass ich ein automatisches Muster nicht mehr einfach so abgespult habe, sondern, noch während ich mitten drin steckte, erkennen und beenden konnte. Ich sah plötzlich das traurige, verlassene kleine Mädchen, dass sich selbst die Schuld gab, und hörte ihm zu, tröstete es und ließ es wissen, dass es jedes Recht der Welt besäße, Zuwendung und Aufmerksamkeit anderer Menschen zu bekommen, deren Entgegenkommen und Sympathie. Dass das so wesentlich ist wie das tägliche Brot. Und ich weinte all meine Trauer heraus, im Stillen und Versteckten zwar, aber doch wissend, das zu dürfen.
Nun sehne ich mich nach dem Aufgehobensein. Wenn ich in Gesellschaft meiner Familie weine, stehen Mann und größere Kinder tatenlos daneben, nur die kleineren kamen immer aus einem lebendigen Tröste-Impuls zu mir gelaufen und fragten mich, was mit mir wäre. Das tut nun nur noch McFlitz. Die anderen sagen, sie wären selbst lieber alleine mit ihrem Kummer oder Schmerz, deshalb ließen sie auch mich ohne Nachfrage und Interesse. Mein Mann wartet einfach ab, bis sich die Wogen von allein glätten, und macht danach mit mir weiter, als ob nichts geschehen wäre. Auf eine Art ja toll, dass nichts kaputtgegangen ist. Aber doch auch so unendlich einsam, mit niemandem sprechen zu können. Kein Echo zu hören. Zwar so sein zu dürfen, wie ich bin, jedoch ohne Resonanz. Ohne den Blick in einen Spiegel. Ohne zu erfahren, wie ich denn bin.
Am Ende unserer Wanderung, mit dem Termindruck der Schließzeiten der Läden im Nacken, wurde die heilsame Feriendenkart wieder ausgehölt, ich konnte dabei zusehen, wie ich mürbe und zerknirscht wurde. Mich erschöpfte. Halt. Stopp. So nicht. Nicht einfach funktionieren. Ich bin doch nicht als Zahnrad auf die Welt gekommen! Ich hoffe, ich kann das in die kommenden Schulwochen retten und im Alltag weiterhin dem Ferienmodus treu bleiben und die Verbindung zu meinem Empfinden halten. Von Augenblick zu Augenblick entscheiden. Ich schaffe dann so viel, ohne mich dabei zu schaffen…
Gelesen habe ich und möchte weiter empfehlen: Joachim Bauer „Das Gedächtnis des Körpers“ und Ava Dellaira „Love Letters To The Dead“. Gesehen: „Alles steht Kopf“ und „Die gefährlichsten Schulwege der Welt“. Hat mich alles sehr beeindruckt und bewegt mich nachhaltig.

Woche IX | Montag, 26.10.2015

Ferien. Ein Zauberwort. Und alles eine Stunde später. Es ist hell, wenn wir morgens zur selben Uhr-Zeit frühstücken. Der Papa hat keinen Urlaub, er „darf“ arbeiten, wie er es nennt. Ich denke, er ist froh, dem Familienleben auch mal zu entkommen. Bei all dem Bereitschaftsdienst für die Kinder, die bei ihm nur zu bestellen brauchen, was sie wollen – er macht’s. Das kriegt der Weihnachtsmann nur an einem Abend im Jahr hin, mancherorts, ohne persönlich in Erscheinung zu treten. Unser Papa macht das ständig. Wen wundert’s, dass er eine Auszeit braucht… Zumal er das Glück hat, einer bezahlten Tätigkeit nachzugehen, die seine Leidenschaft ist. Ich will nicht behaupten, er erlebte das ungetrübte Vergnügen – er ist, wie wir alle, anderen Menschen ausgesetzt, von denen eher wenige die hohe Kunst des achtsamen Miteinanders beherrschen…
Da ich nicht Lohn-arbeite, habe ich in den Ferien das volle Vergnügen mit den Kindern und übe die hohe Kunst. Weil ich nicht (mehr) ganz so selbstlos bin wie der Papa in seinen Papa-Zeiten, und damit Konflikte vorprogrammiert sind.
Zwei von unseren Dreien haben gerade den Küchentisch mit Beschlag belegt und bekleben einen Luftballon mit Zeitungspapier und Mehlpamps. Daraus soll dann eine Maske für Halloween entstehen. Die Große kuschelt noch im Bett, nein, soeben kommt sie und möchte frühstücken. Ist genervt, weil BTS nicht gewonnen hat. (Eine koreanische Popgruppe.) Ich habe gestern abend schon angesprochen, dass ich die Bildschirmzeiten nicht der Intuition überlassen möchte und vor allem Wert darauf lege, Aktivitäten an der frischen Luft zu unternehmen.
Ein bisschen fürchte ich die Ferien, vor allem, wenn ich daran denke, wie genervt ich von dem ununterbrochenen Bildschirm-Einsatz der Kinder bin und von meiner daraus resultierenden Aufgabe, das zugunsten ihrer Gesundheit zu verhindern. Ich kann dem Geschehen nicht einfach seinen Lauf lassen. Klar wie Kloßbrühe, dass nur attraktive Alternativen im Hier und Jetzt die Aufmerksamkeit im Guten auf unsere Gemeinschaft lenken. Was zur Folge hat, dass man sich ein Miteinander basteln muss, das für alle einen wertvollen Gewinn darstellt. Für mich bezieht sich das in erster Linie auf das Klima, in dem wir hier zusammen den Notwendigkeiten des Lebens entsprechen. Vorschreiben, Meckern, Strafen, Zwingen, Erpressen, Bedrängen… das geht alles nicht. Außer vielleicht, wenn die Auseinandersetzung möglich ist und schließlich alle gewinnen. Die Erfahrung machen, dass Lösung möglich ist und die Anstrengung sich lohnt.
Diese Erfahrung war mir lange Jahre verwehrt in Bezug auf lebensnotwendige, persönlichkeitsstärkende Themen. Hier und da im Kleinen, aber Unbedeutenden, macht einem das sicherlich nichts aus, und es bedeutet entsprechend auch nicht viel, wenn es „hinhaut“. Es weckt vielleicht ein kleines bisschen Hoffnung, aber die verpufft auch so schnell wieder, wie sie aufflammte.
So habe ich seit zehn Jahren die Schulferien mit schwindender Hoffnung verbracht, die Kinder „normalisierten“ sich kaum noch, ich hatte keine Ahnung vom Gegenentwurf, nachdem mir mein „Werk“, unverhinderte Kinder aufwachsen zu lassen, durch die Schule zerstört worden ist. Ich habe der Schule und der in ihr herrschenden Ignoranz, ja Arroganz nichts entgegenzusetzen. (Oder wie nennt man es, wenn die Belange der einzelnen Personen nicht gefragt, geschweige denn beachtet werden?) Nun, meine Kinder sind so normal wie andere auch, die sich von anhaltender Fremdbestimmung erholen wollen, auf die Flucht gehen in Medienwelten, wozu ich auch Bücher zähle. Anderes Suchtverhalten haben wir noch nicht zu beklagen, vielleicht dem Grundsatz zu verdanken, dass wir zu Hause eben gewaltfrei zu leben versuchen.
So bin ich gespannt auf die kommenden Tage, welche Dynamik ich nun erleben werde, nun, da ich einige innere Hausaufgaben erledigt habe. Vielleicht finden wir unseren inneren Start- und Landepunkt in diesen Ferien schneller wieder, vielleicht sind die Kinder schneller wieder bereitwillig und offen für Anliegen, die über sie persönlich hinausgehen, ich nenne das die gemeinnützigen Notwendigkeiten, wie Tisch decken, Aufräumen, …, die nicht unmittelbar und ausschließlich der eigenen Person dienen, sondern erst nach einem bestimmten Aufwand und über einen Umweg ihren Segensreichtum entfalten. Dafür auch nachhaltiger und umfassender. Und vielleicht erwacht auch der eigene Bewegungsimpuls wieder, die Lust auf Unternehmungen und Aktivität. Es sieht ganz gut aus, heute morgen.

Woche VIII | Freitag, 23.10.2015

Ja, schon zwei Tage her… Ich bin am Freitag mit einem schmerzenden linken Unterschenkel aus der Woche gehumpelt, habe mich nur noch lang ausstrecken können und mir Gedanken gemacht, ob es „nur“ ein Krampf ist oder gar ein Blutgerinnsel… Mit Arnika und Biochemie Nr.7, Mineralwasser, achtsamem Essen habe ich die leergelaufenen Tanks der Spurenelemente etc. wieder aufgefüllt, ich konnte gestern schon – schön behutsam aber lebensfroh – draußen arbeiten, Walnüsse sammeln, Laub harken, …
Meine Auslaugung habe ich mir mit einem Arbeitsflow verschafft, bei dem ich wie im Rausch ein Anliegen nach dem anderen auf den Weg bringen konnte. Ein Antrag an die Schulkonferenz wurde formuliert mit anderen Eltern gemeinsam, ein Vorschlag für ein kompetenzorientiertes Zeugnis an meiner vielleicht zukünftigen Arbeitsstelle begonnen zu erarbeiten, Hospitation, Eigenreflektion, Maria Montessori’s „Kinder sind anders“ gelesen, Joachim Bauers „Das Körpergedächtnis“ in Arbeit, eine Fortbildung zu „Direkter Instruktion“ mit den Lehrer*innen der Schule meiner Mädels erlebt. (Wenn die Pädagog*innen den Part mit angeleitetem Üben und anschließendem Feedback über den erreichten Verständnisstand nicht weglassen und davon abhängig machen, wie es weitergehen soll, kann eigentlich gar nichts schief gehen, oder?) Eine eMail-Diskussion mit Zündstoff verdaut. Und schließlich noch ein psychotherapeutisch-systemisch-energetisches Heilungscoaching durchgearbeitet. Derweil die Kinder natürlich auch ihre gewohnte Unterstützung von mir bekamen. (Hier sei angemerkt, dass ein Großteil vom Papa übernommen worden ist, seit ich erschöpft zusammenbrach. Ich leiste Fahrdienst, Wäsche, Putzen, und Heilungsarbeit.) Das alles zwar in einem glücklichen Schwung gewuppt, aber nur mit mangelhafter Wiederauffüllung der dafür verbrauchten Ressourcen.
Jetzt haben wir eine Woche Ferien vor uns, in vergangenen Jahren habe ich sie gern für eine Tingeltour genutzt, die beiden letzten aber standen schon tief im Zeichen meiner Kapitulation vor dem Leben angesichts der Entfremdung und Beschädigung meiner Kinder.
Ich habe seit Januar an meiner eigenen Heilung gearbeitet, die „Leichen aus dem Keller“ befördert. Mit anderen Worten, die unverheilten Verletzungen aus meinem bisherigen Leben eine nach der anderen neu besehen und gepflegt. Die „Leichen“ als „Scheintote“ erkannt. Das, was gemeinhin der „innere Schweinehund“ genannt wird, als den Fürsprecher meiner Bedürfnisse umgedeutet und mich selbst mit einer bisher unüblichen Achtsamkeit gewürdigt. Die Gefahr, egoistisch zu sein, schien mir immer sehr bedrohlich und ich wusste nie, ob sie mich unerwartet und aus dem Blauen heraus erwischen könnte. Klar war nur, dass das ein No-go für mich ist.
Dann habe ich irgendwann ganz schüchtern begonnen mich zu fragen, wer denn für meine Kinder sorgen würde, wenn ich aufgebraucht bin. Langsam gelernt, mir zuzugestehen, mich erholen zu dürfen, gut zu essen und mich auch zu amüsieren. Jetzt möchte ich meine ganze Arbeit unter den Anspruch stellen, dabei Freude zu empfinden und gesund zu bleiben. Auch die berufliche, wenn es denn nun bald mal wieder damit losgehen würde! Denn nach wie vor kann man von den gemeinnützigen Tätigkeiten, mit denen man die Lebenstauglichkeit wiederherstellt, nicht leben. Absurd, was?
Meine eigene Heilung ist ein großartiger Lernprozess geworden. Ich habe mich nicht „reparieren“ lassen oder mit Medikamenten einstellen. Das ist mir immer sehr suspekt vorgekommen. Auch meine Allergie gegen Leute, die alles wissen und recht haben und mich belehren, war mir hinderlich dabei, mich auf den konventionellen, krankenkassengestützten Weg zu begeben. Ich habe ganz rebellisch dem lebendigen Funken in mir vertraut, dass dem Leben auch die Kraft der Heilung innewohnt. Jahrelang war ich auf dem Alleinkämpfertrip, auch mangels passender Mitstreiter*innen oder gegenseitiger Unterstützer*innen. Bis ich mich schließlich von dem Gedanken verabschieden lernte, dass alles nur mit Geld geht, und begann, mir Tauschpartner zu finden. Auch mein Coach konnte und kann sich ein Stück weit auf Tauschgeschäfte einlassen, so dass sich plötzlich der Weg auftat, mir auch Hilfe holen zu können, wie ich sie brauche. Unbevormundet. Zunehmend aus eigener Kraft. Mein linkes Bein tut mir wieder seinen Dienst, und nun trägt es mich gleich hinaus an die frische Luft, in die Oktobersonne, die gerade nicht von Wolken verdeckt und gedämpft in ihrer ganzen goldenen Pracht auf die vielfarbigen Herbstblätter scheint.