Woche XXXXVIII | Montag, 25.07.2016

Ferien nun also. Für mich heißt das in dieser ersten Woche: ich habe keines meiner Kinder zu Hause. Sie sind vorfreudig in ihre jeweiligen Vorhaben gestartet, davon eins innerfamiliär, das andere ein aus Bundesmitteln finanziertes Medienferienlager.
Ohne diese beiden Möglichkeiten sähen wir alt aus, denn wir können uns keine kostenpflichtigen Ferienlager leisten.
Als mein „innerfamiliäres“ Ferienkind übergeben wurde, entspann sich ein Gespräch über Motivation in einer Schule ohne Noten, das emotionsbeladen wurde in dem Moment, als das Wort Gehorsam fiel. Insbesondere als ich sagte, dass es nur entweder oder geben könne – entweder ich will intrinsisch motivierte Bereitwilligkeit, dann kann ich keine Gehorsamsforderungen stellen, oder ich fuße meine Antriebskultur auf Gehorsam. Diese Position stieß auf vehementen Widerstand.
Da es nicht genug Zeit gab, das eingehend zu betrachten, ist es auch müßig, sich deshalb aufzuregen, aber ich war nicht gleichgültig geblieben in Bezug auf die Art des Gespräches. Nicht nur, dass aus einer Betrachtung von Wirkungen gleich ein Meinungsstreit zu werden drohte, was etwas völlig anderes ist, ich hatte außerdem nicht das Gefühl, dass die Begriffe überhaupt genug geklärt waren, so dass wir hätten wissen können, was der jeweils andere damit genau meinte. Ich fühlte mich weder verstanden noch akzeptiert.
Früher hätte mich das völlig aus der Fassung gebracht. Ich blicke auf eine lange Reihe missglückter Diskussionen (mit meinen Eltern) zurück, und weil es nie gelang, ein Streitthema wirklich für alle bereichernd zu erörtern, habe ich es irgendwann aufgegeben. Ich habe stattdessen eine Konfliktscheu entwickelt und es mir zur Gewohnheit gemacht, meine Probleme im Stillen zu betrachten, selber alle erdenklichen und mir zugänglichen Perspektiven abzuwandern, um wenigstens für mich selbst eine tragbare Haltung zu einer Sache zu finden.
Nur in meinem Freundeskreis finde ich Menschen, mit denen ich kontrovers diskutieren kann. Uns macht es nichts aus, unterschiedlicher Ansicht zu sein. Es ist vielmehr spannend, die Geschichte des Anderen kennen zu lernen. Da keiner unbedingt Recht bekommen möchte, gibt es auch die Streitebene nicht, selbst wenn der eine oder andere Standpunkt emotional vorgetragen wird. Es herrscht einfach eine Stimmung der Neugier. Wie kommt einer auf seine Art der Betrachtung und Auffassung?
Da wir einander also nicht missionieren wollen, erlebe ich selbst die Nichtübereinstimmung als Bestätigung! Denn ich kann eine weitere Perspektive dazugewinnen und meinen Horizont runder machen.
Nicht so im Familienkreis.
Hier scheint die Unterschiedlichkeit von Auffassungen eine Gefahr für Leib und Leben darzustellen.
Und genau das empfinde ich so in Sachen Gehorsam.
Wenn ich ihn verweigere, dann bringe ich etwas ins Wanken – die Pläne des Bestimmers, die Pfeiler seiner Welt. Und jede einzelne Gehorsamsforderung ist ein Angriff auf die Integrität eines Menschen, Kindes. Eine Untergrabung seiner Autonomie, Selbstbestimmung. Ein Akt der Willkür. Eine Erfahrung von Willkür. Eine Untergrabung der Ernsthaftigkeit und Wahrhaftigkeit freiheitlicher Werte.
Natürlich gibt es Fälle, in denen wenig Zeit zur Diskussion und Betrachtung ist, ich muss ein Kind handfest vom Betreten der Straße abhalten, wenn ich ein Auto heransausen sehe, das es selbst nicht bemerkt. Aber es wird unmittelbar feststellen können, dass es zu seinem Schutz war, und sich entsprechend schnell mit diesem Übergriff in Übereinstimmung bringen können. Das heißt aber noch lange nicht, dass es mir nun bis ans Ende aller Tage blind vertrauen wird und mir kommentarlos erlaubt, nach Gurdünken überzugreifen.
Wir sind Lebewesen mit ständiger Rückkopplung. Ein Naturgesetz erkennen wir daran, dass es in 100% der Fälle wirkt, und wenn es das nicht mehr tut, dann ist es keins. Und auch nach 1000maligem „Funktionieren“, wenn wir vielleicht schon eine gewisse Überzeugung gewonnen haben, kann Nr. 1001 eine Überraschung bereithalten – das haben wir alle vielfach erlebt, als wir laufen lernten. Immer auf die Nase gefallen, und dann doch irgendwann mal oben geblieben. 100%ige Zuverlässigkeit haben wir Menschen allein darin, dass wir uns irren können. Ich denke, also irre ich.
Demgegenüber ist die Bereitwilligkeit, sich einem Projekt anzuschließen, einem Chor, einer Sportgruppe, um mit anderen gemeinsam ein Ziel zu erreichen, eine völlig andere Kiste. Ich gehe gestärkt aus allen Anstrengungen hervor, denn ich wende meine Kraft für eigene Ziele an, die ich mit anderen gemeinsam habe. Zwischenzeitlich auftretende Zweifel werden ernst genommen und aufgelöst, nicht einfach übergangen, denn jeder Motor, der ausfällt, verlangsamt den Vorgang, und jede Kraft, die zur Aufrechterhaltung der Mitwirkung abgezogen wird, fehlt dem Schaffensprozess.
Die Skepsis gegenüber dem Willen Anderer werden wir vom Leben gelehrt.
Und wenn Pädagogen und andere Erwachsene endgültige Prognosen stellen zu können meinen, dann müssen sie mit den mehr oder weniger bösen Überraschungen zu leben lernen… Die positiven Gegenbeweise sind es, die mich dazu bringen, meine Hoffnung nicht aufzugeben, immer das Beste zu erwarten und auf das Schlimmste vorbereitet zu sein.
Nunja, ich arbeite dran, denn der Weg aus der Hoffnungslosigkeit birgt viele Rückschläge.
Übers Denken können wir uns gepflegt streiten, aber Gefühle sind wie sie sind. Wenn ich über irgendetwas traurig werde, dann kann das keiner wegreden. Man kann vielleicht erreichen, dass ich nicht so lange traurig bleibe, wenn ich Trost erfahre durch Empathie und Anteilnahme, Spiegelung und Anerkennung meines Schmerzes.
Man kann auch erreichen, dass ich meine Trauer nicht mehr zeige.
Oder dass ich sie auch für mich selbst unsichtbar mache und unterdrücke.
Eine Gefühlslage zu kontrollieren macht durchaus Sinn, schon allein, wenn man in Betracht zieht, dass zu jedem Zeitpunkt mehrere Bedürfnisse hungrig sein können und immer hungriger werden, bis Stillung gefunden ist. Da muss man schonmal eine Reihenfolge bilden, und eines nach dem anderen sättigen. Manchmal gibt es „Nahrung“, die für mehrere Bedürfnisse Befriedigung bringt, das ist dann ein besserer Treffer im „Lotto“. Es gibt auch Stillungen, die auf Kosten anderer Bedürfnisse gehen, die sehe ich dann als faulen Kompromiss an.
Man kann über die Stillungsmittel und -wege diskutieren. Nicht über die Bedürfnisse und die dazugehörigen Gefühle und Emotionen, die eindeutig Hinweis geben.
Man kann darüber diskutieren, ob Ausnahmen die Regel sein dürfen, wenn es um diejenigen Stillungen geht, die auf Kosten anderer Bedürfnisse oder anderer Menschen/Lebewesen gehen. Man kann darüber diskutieren, wie die Kompensation aussehen kann. Wir können uns vor dem Leben verneigen, bevor wir es aufessen, denn wir leben nun einmal an diesem Ende der Nahrungskette. Es ist versöhnend und hilft, seinen eigenen Platz im Universum zu erkennen.
Wir, diese wahrnehmenden, fühlenden, reflektierenden, nachdenkenden Stoffwechsler. Denken. Danken.
Danke für die Pause von der Schule. Einer Schule, die ein fauler Kompromiss ist.

Woche XXXXVII | Freitag, 22.07.2016

FERIEN! Endlich in Ruhe lernen!

Eigentlich fällt mir gar nicht mehr zu sagen ein.
Als lebende Wesen mit etwas mehr als einem Amphibiengehirn machen wir Menschen nicht das ganze Leben dasselbe. Selbst diejenigen nicht, bei denen es so aussieht.
Wir praktizieren eine fortwährende Überprüfung – Bestätigung oder Widerlegung unserer bisherigen Erfahrungen, manche vielleicht weniger intensiv das Letztere, denn das macht auch Angst. Aber eben dieses Letztere, auch wenn es uns aus unserer Sicherheitszone schiebt, ist der Motor fürs Lernen.
Und sei es zu lernen, immer neue Strategien zur Gefühlsverdrängung anzuwenden, um der Erhaltung oder Wiederherstellung unseres Sicherheitsgefühls willen.
Das heißt schon auch, sich im Kreis zu drehen oder auf der Stelle zu treten.
Dieses Gefühl bleibt aber auch den offensiv Lernenden nicht erspart, die immer wieder auf Einsichten kommen, die sie schon vor einem Jahr einmal hatten. Aber: diesmal mit mehr Erfahrung, aus neuen Perspektiven! Und: nicht zuletzt die Bestätigung ihrer immernoch beständigen Gültigkeit. Handelt es sich vielleicht gar um ein Naturgesetz?
Eine Einsicht, zu der ich immer wieder gelange, ist die Wichtigkeit, sich gegenseitig zu unterstützen. Im Ernstfall hoffe ich worauf? Auf Wohlwollen, Gnade, Vergebung, Milde, Verständnis. Sei es bei einer Rede, die ich halten will, zu der mir so viel einfällt, dass ich am Ende gar nichts mehr sagen kann, auswählen muss und still hoffe, dass es das „Richtige“ ist, was ich dann sage. Sei es die Auswahl eines Geschenkes für einen besonderen Menschen. Oder auch die Kleidung zu einem bestimmten Anlass.
Manchmal bin ich „abgebrüht“ genug, um einfach nach meinem eigenen Gutdünken zu gehen, dann ficht mich da nichts an. Meistens habe ich diese Gewissheit nicht.
Und jetzt pauke ich mir ein: Im Grunde suchen alle Menschen Halt und Unterstützung, Vergewisserung und Sicherheit, Geborgensein und Bestätigung. Ich werde es mir an sichtbare Stelle schreiben, wie Vokabelkärtchen, denn Wiederholung ist die Mutter der Weisheit. Ich will diese vielfach gemachte Erfahrung im Ernstfall parat haben, nämlich dann, wenn ich an meiner Unzulänglichkeit und Ratlosigkeit verzweifle. Die mich hauptsächlich in Bezug auf andere Menschen befällt, Säbelzahntiger habe ich ja nicht zu befürchten. Höchstens noch Zecken und ihre unbequemen Mitreisenden…
Ferien – Zeit, die frei ist von Bewährungssituationen, die nicht so angelegt sind, dass jedes Kind in seinen Stärken gesehen und gespiegelt wird. Was wollen diese Unglücklichen in den Ferien lernen? Alles, nur nichts, was irgendwie nach Schule riecht, und so bleiben unsere gesetzlich anerkannten Kulturschätze wie Schreiben, Lesen, Rechnen, Zeichnen, Denken, Musizieren, Experimentieren… als kult-ur-menschliche Ausdruckswege beiseite, gepflegt werden stattdessen die einzelkämpferischen Großkotzstrategien. Können wir das wollen?
Liebe Leute, nutzt die Ferienzeit zum Nach-Denken. Ist uns die gegenseitige Unterstützung wichtig? Dann lasst uns alle schulischen Handhabungen aufspüren, die das untergraben, und sie durch mitmenschliche ersetzen!
Ich denke zuallererst an die Noten. Die schlechten gehören abgeschafft, denn sie hindern uns daran, den Kindern das zu bescheinigen, was sie gut können. Ohne zu heucheln.
Ich denke an aktive Mitbestimmung der Kinder: sie sollen gefragt werden, wie es ihnen geht mit diesem oder jenem, und sich selbst kennenlernen können und was ihnen hilft. Sie sollen in individuellem Tempo alles lernen können, was wir wichtig finden, denn wenn es ein wahrer Wert ist, dann wollen sie auch. Bzw. tun es einfach, unbewusst.
Ich denke an die Aufhebung der Einzelkämpferschaft der Lehrenden, sie brauchen Partner in den Klassen, erwachsene Rückmelder und Mithelfer. Das ist vorgelebte gegenseitige Unterstützung. Sind es nicht die Lehrer selbst, die eine Beurteilung ihrer Arbeit am meisten fürchten? Gut so! Denn das ist die Basis für den Wandel – oder wollt ihr das den Kindern wirklich weiterhin antun??? Erlöst euch selbst und damit auch die euch Anvertrauten.
Ich fürchte mich vor nichts so wie vor Willkür und Beliebigkeit im Umgang der Menschen miteinander. Dazu gehören auch die Ideologien, die alles instrumentalisieren, was den Menschen eigentlich guttut, weil es Gemeinschaft fördert und Werte spürbar macht. Lernen wir, solches zu entlarven und uns davor zu schützen, aber vor allem unsere Kinder, die auf der Suche nach Orientierung und Sinn im Leben sind! Ich bin so froh und dankbar, dass ich im Frieden aufgewachsen bin und auch meine Kinder bisher kein unmittelbares Kriegsleid erfahren mussten. Aber wir baden noch in der Geschichte unseren Vorfahren widerfahrene Traumata aus, die sie stumm gemacht haben vor Entsetzen. Ich lerne nun langsam, zu sprechen, in Worte zu fassen, was mich sonst erdrückt oder woran ich ersticke. Die „Übel“ aus den Verliesen der Schule werden mir nun, spät, zu Schätzen der Verständigung und Lösungsfindung für mich. Ich war zwar immer gut in der Schule, aber ich habe unter den Verletzungen derer zu leiden gehabt, denen das nicht vergönnt war: ihren Neid oder ihre Missgunst unbeschadet zu überstehen oder durch Freundschaft zu verhindern hat bedeutet, meine Talente ein Stück weit zu opfern. Doch das war das geringere Übel, denn die Überheblichkeit der Guten habe ich noch schlechter ertragen. Wie schade, dass am Ende niemand Erfolge feiern kann…
Nun denn – schöne Ferien allen, und wer mit schlechten Noten nach Hause gehen muss: schreibt mir eure Gefühle und Empfindungen, versucht es, fasst in Worte, Musik, Bilder oder Figuren, was euch schmerzt und an welcher Stelle! Schreibt es in die Kommentare, lasst andere sehen, dass sie nicht allein sind. Macht gern Vorschläge, wie es besser wäre für euch und was ihr euch von der Schule erträumt! Eltern: sucht euch andere Eltern, die gut verstehen können, was ihr meint, trefft euch und gebt Rückmeldung an Schule und Sozialarbeiter, an die übergeordneten Elterngremien, schreibt dem Bildungsminister! Schüler, auch ihr könnt eure Anliegen demokratisch vertreten – ihr wisst vielleicht noch nicht wie, aber wendet euch Vertrauenspersonen und bittet sie, mit euch das Gesetz zu lesen, das Reden zu üben, das Wortefinden. Inspiriert euch bei „Schule im Aufbruch“. Bei den Gehirnforschern. Bei Menschen mit Herz. Beim Kinderschutzbund. Bei der Landeszentrale für politische Bildung. …
Ich drücke uns allen die Daumen!

Woche XXXXVII | Montag, 18.07.2016

Aus Sicht von zwei Tagen später: Das Theaterprojekt ist erfolgreich abgeschlossen, in der einen Schule steht gemeinsames Frühstück und Gestaltung der Räume auf dem Programm. In der anderen wird noch ein Test geschrieben – Parallelverschiebung u.a.. Kein Drama, aus meiner Sicht, denn es geht nicht um Noten, sondern um die Ermittlung des Standes der Dinge und die Rückmeldung an die Kinder; und die Beschäftigung mit Lehrplaninhalten hat dort schon eher die Qualität einer spannenden Erkundung der Kulturschätze.
Ich helfe beim Rückbau der Bühne und Publikumsinfrastruktur, denn der Aufführungsort dient sonst anderen Zwecken. Dieses Aufräumen ist kein Zuckerschlecken, aber ich kann mir nichts Besseres vorstellen, um dem Zauber der vergangenen Woche noch einmal nachzuspüren. Auch die war kein Zuckerschlecken gewesen – es war eher ein vielgängiges Menü mit allerlei Herausforderungen und Überraschungen!!! So nahrhaft und befriedigend kann Zuckerschlecken niemals sein! Also: rechtschaffen müde, verschwitzt und müffelnd schwelge ich in der Erfahrung dieses Projektes und bin im tiefsten Herzen dankbar für die Menschen, die das mit Leidenschaft, Kreativität und frohem Sinn den Kindern geschenkt haben. Ein Stück wahren Lebens: Bretter, die die Welt bedeuten, rauschender Beifall nach Herstellen, Einüben, Durchhalten, Bibbern und Sichtrauen.
Die letzte Schulwoche hat begonnen, meine Kinder sind wie ausgewechselt – ansprechbar, wenn auch müde. Nun ja, der Lütte ist ja ohnehin nicht so von sich entfremdet, aber auch er freut sich auf die Tage, deren Gestaltung ganz von Augenblick zu Augenblick entschieden werden kann. Mein großes Kind in der Ferne hat nun auch Ferien, aber wohl nur vier Wochen. Mein großes Kind hier ist noch auf Klassenfahrt, dank ihrer unternehmungslustigen Lehrerin gibt es also noch einmal einen Erlebnisrahmen für die Klasse, der dazu beitragen kann, die Jugendlichen mit sozialen Erfahrungen zu bereichern, die sie sonst nicht machen können. Hier leben viele weit verstreut, vereinzelt gibt es mal Übernachtungsverabredungen, aber meistens müssen unsere Nachbar(dorf)kinder immerzu lernen und dürfen nicht so recht vom Hof. Die Dörfer sind auch nicht mehr das, was sie mal waren. (Das musste ich jetzt einfach mal loswerden!) Nun begegnen sich die Kinder also als Freizeitmenschen, übernachten in einer Jugendherberge, und machen ihre Lehrerin hoffentlich nicht der Unternehmungslust abspenstig…
Ich werde in der ersten Ferienwoche kinderfrei sein, wenn sich das Leben da nicht anderweitig einmischt. Ich labe mich schon an dieser Aussicht, wobei ich auch meine Freude an den frei gestaltbaren Tagen mit den Kindern habe. Aber es ist mir definitiv lieber, wenn sie nicht die ganze Zeit allein zu Hause sind, während ich arbeite, ich bin zwar nicht 10 Stunden täglich weg, aber auch die wenigen Aufträge, die ich habe, hinterlassen bei mir ein schlechtes Gewissen, wenn ich die Kinder unbetreut weiß. Sie kommen definitiv allein zurecht und können sich was zu essen machen, das ist nicht die Frage. Eher treibt mich die Sorge um, dass sie zu viel am Bildschirm nuckeln. Und dann vergessen, sich gut zu versorgen, abwechselnd Bewegung, Kreativität, Werkzeugbenutzung an der frischen Luft und ruhige Phasen in blöder Körperhaltung in der muffig-dunklen Höhle zu pflegen und dann noch die kleinen Aufträge zu erfüllen.
Ich denke, nichts ersetzt die unmittelbare Begegnung zwischen den Menschen, einen Babysitter kann ich mir nicht leisten, es sei denn er/sie wäre mit Tauschvereinbarung einverstanden. Also sehe ich zu, wie ich die Kinder unterbringe, wenn ich zu viel anderes zu tun bekomme und dafür zu wenig Geld. Naja, die Gefahr besteht nicht wirklich, denn wenn ich’s durchrechne, ist es billiger und gesünder, nicht erwerbsmäßig zu arbeiten und die Kinderbetreuung selbst zu übernehmen. Es sei denn, ich kann mit ordentlicher Honorierung rechnen und mir Ferienlager, Ferienspiele oder Babysitter für die Kinder leisten.
Hier komme ich wieder auf Bedingungslose Grundeinkommen – ein Gedanke, der mich gar nicht mehr loslässt! Wenn alle grundversorgt sind, dann können alle einfach füreinander da sein! Ich für die Kinder, die können einfach Kinder sein, weil ich meine (unterdrückten) existenziellen Ängste nicht in die Stimmung mit einbringe, sondern völlig gelöst sein kann, mich von Herzen mit den Kindern mitfreuen und sie einfach Kinder sein lassen. Ich für Andere, Andere für mich, wir sogar auchmal zusammen, weil eben nicht andauernd durch eine Erwerbstätigkeit daran gehindert.
Dann würde die Arbeit mit den eigenen Kindern gleichgestellt mit der erwerbsmäßigen an den Kindern anderer Leute. Und wenn die Gesellschaft allzu große Angst vor der Eigenbrötlerei hat, dann kann sie doch attraktive Fortbildungsangebote schaffen, in denen die Menschen zusammentreffen können, sich austauschen und kulturelle Werte erörtern.
Ideologien sind an gut versorgte, selbst denkende Menschen schlecht zu verkaufen, dessen müsste eine freiheitliche, demokratische Gesellschaft sich bewusst werden. Und daraus die Zuversicht ziehen, dass eben diese freien Menschen alles daran zu setzen bereit sind, sich diese Freiheit zu erhalten. Und wenn es dazu der mitmenschlichen Gemeinschaftsanstrengung bedarf, dann wird diese auch unternommen – vorausgesetzt, sie wird nicht von oben verordnet, sondern lebendig erfahren und lernend gestaltet. Und das Kritierium dabei ist die Gleichwürdigkeit aller, die Gleichgültigkeit der Bedürfnisse jedes Einzelnen. Die Unverletzlichkeit der Bedürfnisse jedes Anderen. Die gleiche Freiheit für Jeden.
Da Zuwendung und Teilhabe/Zugehörigkeit Bedürfnisse sind, die wir alle teilen, sehe ich auch keine Schwierigkeiten bezüglich der Möglichkeit. Nur im Hinblick auf die Umsetzung…
Es gibt viel zu lernen. Machen wir es möglich, von mir aus gerne in der Schule. Nutzen wir die Schulpflicht in Deutschland als eine Pflicht der Erwachsenen, das Lernen dort möglich zu machen, es zu schützen, und es ordentlich zu befeuern. Und den benachteiligten Kindern kräftig unter die Arme zu greifen, anstatt sie weiter über den Querschnittskamm zu scheren und damit systematisch zu entmutigen. Asozialer geht’s kaum.

Woche XXXI | Montag, 28.03.2016

Noch bekommen wir die geklaute Stunde nicht in aller Härte zu spüren, wir haben noch zwei Tage Ferien vor uns. Die Umstellung auf Schulrhythmus wird jedoch nicht nur deshalb schwerfallen. Wenn wir in den Ferien nach einigen Tagen unseren eigenen Rhythmus gefunden haben, unsere eigenen Beschäftigungen, unser eigenes Maß, dann ist das nur selten nahe am Rhythmus des Schullebens. Meine Teenager verlagern ihr kreatives Schaffen eher in Richtung Nachmittag, Abend und Nacht. Wer Spätschicht macht, muss natürlich morgens länger schlafen. Sie haben also ohnehin eine ordentliche Umstellung zu meistern. Zum Glück steht hier inzwischen die Freude auf das Wiedersehen mit Schulfreund*innen im Vordergrund und verleiht die nötige Lust darauf, entsprechend zeitig da zu sein.
Der Lütte ist noch von Neugier aus morgens beizeiten munter, will dem recht früh aufstehenden Papa nahe bleiben und tappelt uns noch von sich aus hinterher. Seine Müdigkeit einzugestehen und entsprechend zeitig schlafen zu gehen, erlaubt ihm aber auch sein Stolz nur selten – nur in den Fällen, wo auch wir Eltern uns ins Bett begeben.
Für ihn also reicht es, wenn wir vorangehen, für die Teenies ist das kein Grund mehr. Bestenfalls eine Gelegenheit für die fortschreitende Abnabelung, hier in ihrer Ausprägung als Gegenteiltun.
Mir fiel die Zeitumstellung immer schwer, ich kann mich kaum an ein Jahr erinnern, in dem ich unberührt davon blieb oder vielleicht sogar froh über die bessere Ausnutzung des Tageslichtes und die damit einhergehende längere Nachmittagshelligkeit. Wenn man die Schlafräume richtig dunkel kriegt, schlafen die Kinder am tageshellen Abend etwas besser ein. Ich habe dann im Idealfall noch ein bisschen Licht für Verrichtungen draußen im Freien oder kann die Abendstille mit dem Himmelsschauspiel einfach bestaunen und genießen. Schade für die Kinder, die schon ins Bett müssen. Es ist ein jahreszeitliches Erleben der Natur, das ihnen verwehrt bleibt, bis die nächsten Ferien kommen. Und da sie gewohnheitsmäßig Schreibtisch- und Bildschirmarbeiter*innen sind, braucht es durchaus auch besonderen Einsatz, sie an die frische Luft zu befördern.
Ich beobachte bei meinen immernoch Züge der Höhlensuche. Nicht mehr so ausgeprägt wie noch zu Beginn des Schuljahres, als ich mich entschloss, diesen Blog zu schreiben. Das Bedürfnis nach Sicherheit, Schutz scheint ganz gut gesättigt zu sein inzwischen. Nun tritt in den Vordergrund, sich ungestört in etwas zu vertiefen. Ich habe beobachten können, wie eines meiner Kinder sich „Für Elise“ auf der Gitarre aneignete: ich habe es mir vor Jahren nach Noten erarbeitet, die Noten sind irgendwo verschollen, also blieb nur Zeigen und Nachmachen. Hundertemale spielte dieses Kind die Griffe durch, es wäre wirklich zu schade gewesen, wenn ein Pausenklingeln und Themenwechsel es darin unterbrochen hätten. Es spielte solange, bis es mit sich selbst zufrieden war, mit der Zwischenetappe, die es erreicht hatte, die es sich im Übungsprozess dynamisch vorgenommen hatte – je nach den Kräften, nach dem erlebten Fortschritt und dem damit zusammenhängenden Gefühl des diesmal noch Machbaren. Klar wurde auch ich immer wieder gefragt, wie ich es finde. Besser gesagt wurde mir klar gemacht, was ich toll finden sollte, gemeinsam mit dem kämpfenden Kind, dessen Anstrengungsbereitschaft unermesslich schien. Es wollte seine Freude teilen, es wollte Resonanz für seinen Stolz, Bestätigung, Bekräftigung, Rückversicherung. Aber sein eigenes Erleben, wie gut es mit der Zeit klappte, war das Größte. Die Fragen an mich waren rein rhetorisch – ist das nicht toll?
Es hatte nichts mit Überheblichkeit zu tun oder mit Realitätsferne. Mein Kind war im Frieden mit sich selbst, und es wollte sich nicht ins Verhältnis mit äußeren Maßstäben setzen zur eigenen Orientierung.
Dann wurde zwischendurch auch die Version für’s Keyboard wiederholt und nach drei Stunden konnte das „Thema“ abgeschlossen werden für den Tag.
Wie gut das Einüben sich verankert hatte, konnte ich am nächsten Tag erleben – rhythmisch schon sehr ebenmäßig floss das Stück durch den Raum, immer wieder hier und da noch ein Schnitzer, weiteres Ausbügeln, weiteres Automatisieren, weiteres Üben im Rausch der Fehlerfreiheit. Dann der Vorführeffekt: nach all diesem Üben taucht das Kind aus seiner Versenkung auf und möchte froh präsentieren: Da holpert’s plötzlich wieder an allen möglichen und unmöglichen Stellen, bis das Kind sich zurückbesinnt auf’s Spielen statt auf’s Vorführen. Wenn das nicht „Für’s Leben Lernen“ ist! Für den Ernstfall, wenn’s gebraucht wird. Eitelkeit ausschalten, auf die Tätigkeit selbst konzentrieren. —
Also, ich versuche, nicht an die Zeitumstellung zu denken, solange ich daran nichts ändern kann oder bis mir ein tolles Kunstwerk dazu einfällt, ich versuche, mich auf das Anliegende zu besinnen. Ich bin ein lebendes Wesen, dynamisch, selbstorganisierend. Und wenn eines meiner Kinder am Donnerstag morgen aus irgendeinem Grund nicht in der Lage ist, so früh loszulegen, werde ich mich seiner Gesundung widmen.
Ich hoffe, das Osterfest ist für uns ein Grund zur Freude gewesen, ich sehe es als Ermutigung dazu an, sich den Bedürfnissen des Lebens liebevoll zuzuwenden. Und den Handhabungen und Weichenstellungen einer Gesellschaft auch. Aber nicht als ewig unveränderlich. Die starren Orientierungshilfen (auch in der Schule) nehme ich voller Mitgefühl als Auswuchs der Angst in Augenschein und wirke mit Freuden darauf hin, sie unnötig zu machen. Auch eine Stunde früher als im Winter. Warum nicht?

Woche XXX | Freitag, 25.03.2016

Vor drei Monaten war Weihnachten, die diesseitige Feierlaune hielt sich in Grenzen, viel verlockender war es, diese freie, unschulverpflichtete Zeit mit den vielen Sättigungsquellen hinter den Bildschirmen zu verbringen, sich zurückzuziehen von den nervigen Verpflichtungen gegenüber anderen Menschen – jedenfalls bei den Kindern, und auch dieses Mal habe ich in den Ferien reichlich Gelegenheit, meine Angebote und Wünsche in Bezug auf die Kinder und unser Familienleben mit den Boni der virtuellen Welt ins Verhältnis gesetzt zu erleben.
Ich vermute ja meistens Flucht, wenn ich die Kiddies vorm Bildschirm sehe, aber es darf auch gern ein Fantasy-Buch sein oder Lego-Welten auf dem Wohnzimmerboden. Natürlich ist ein Treffen mit Busenfreundinnen in 3D und zum Anfassen davon kaum zu toppen, aber die Begegnung mit der eigenen Mutter schon. (Das spricht Bände, nicht wahr?)
Also Flucht ist ein Aspekt, aber was finden wir in den Tiefen des Internet, was uns das analoge Hierundjetzt nicht bieten kann?
Für meine Kinder freue ich mich, weil sie recht unkompliziert auch Freunde treffen können, die sonst immer zu Hause bleiben müssen, wenn sie sich verabreden wollen. Natürlich wünsche ich ihnen die echten Begegnungen, aber die jeweiligen Eltern haben dieses Bedürfnis nicht ganz so im Auge wie ich. Oder auch dann, wenn eben kein Bus fährt, sie sind weniger abhängig von der (fehlenden) Infrastruktur vor Ort.
Aber auch weniger abhängig von den Menschen vor Ort. Wenn hier nun einmal keine passenden Freund*innen zu finden sind – Zeit, Chemie, Interessen, Alter etc. – und somit man selbst irgendwie einsam bleibt in der Menge, dann bietet die Telefonleitung doch die Möglichkeit einer befriedigenden Verbindung. Mir selbst geht es ja auch so. Und dank dieser Schreibplattform kann ich Leute finden, die sich mit mir über meine Lieblingsthemen austauschen möchten, Leute, die widersprechen oder gleich gesinnt beipflichten – alles sehr befruchtende Impulse. (An dieser Stelle danke!!!)
Und dann der Hunger nach allen möglichen Ideen, Rollen, Experimenten! Jenseits von Räuber und Gendarm, aber nicht irgendwie doch auch wieder ähnlich. In einer Unzahl von Variationen. (Da kommt mir der Denkspruch „Alles ist Nichts, und aus Nichts kann Alles werden“ in den Sinn.)
Die Zeit, die wir miteinander verbringen, hält sich in Grenzen. Ich brötele gern mal für mich allein herum, bin froh, dabei nicht unterbrochen zu werden. Klar, als Mutter bin ich immer irgendwie im Bereitschaftsmodus, lasse alles stehen und liegen, wenn Not am Kind ist. Oder um echte Not zu vermeiden. Das hat natürlich nachgelassen, seit ich keine Windeln mehr wechseln muss. Aber die Art, wie wir diese Zeit verbringen, ist wesentlich: Vielleicht bringt Baymax das analog auf den Punkt, als er sagt, „…wenn Fliegen mich zu einem besseren Gesundheitsbegleiter macht…“ (sinngemäß). Wenn die Zeit in den persönlichen Höhlen und Welten dazu beiträgt unser Miteinander zu verbessern, dann habe ich nichts zu bemängeln oder befürchten. Wenn aber unsere gemeinsame Zeit explosiv ist, jeder irgendwie dauernd ungeduldig (re)agiert und vielleicht sogar verletzend wird, dann schiebe ich die Schuld gewohnheitsmäßig gern auf die Daddelei, die ich ja so großzügig toleriere.
Neuerdings nehme ich jedoch unser Miteinander diesbezüglich unter die Lupe: Welche Automatismen und Selbstverständlichkeiten pflege ich im Umgang mit meinen täglichen Nahestehenden, -sitzenden, und lebenden? Meine Kindheit fand statt im Kontext von Gehorsam, eine Ansage, und dann ein Mensch – ein Wort, ein Wort – eine Tat. Keine großen oder kleinen Abstufungen, nur Sanktionen bei Nichtbefolgen. Durchaus auch mündlich, in Form von „Vorträgen“, Leviten oder anderen Ansprachen, die aber fernab von Gesprächen in Gleichwürdigkeit waren. Ich war dann die Dumme oder Böse. Oder Undankbare. Es gab beschämende Strafen und unterwerfende Bedingungen, wenn ich nicht den Wünschen und Vorstellungen meiner Umwelt entsprach. Ich hatte auf der anderen Seite jedoch auch sehr viel unbehelligte Zeit, vielleicht auch weil ich mich gern still beschäftigte. Da fällt nicht gleich auf, womit. Ich dachte viel nach, hatte Fragen, kam auf Situationswitze (oft im Stillen, weil als unangemessen empfunden, wenn es von einem Kind kam) und beobachtete Ironien des Schicksals.
Meinen Kindern kann ich mit den Automatismen aus diesen prägenden Jahren nicht kommen. Ich stehe vor der Wahl, sie als vollwürdige Menschen anzusehen, die eher ruhige Begleitung und Aufklärung brauchen, oder als unmündige Unfähige, denen mit Kritik und Zurechtweisung das Leben gerettet werden muss.
Ich übe ersteres, versuche die Schwerkraft nicht aufzuheben und sie nicht in Watte zu packen, wenn ich meine Grenzen und die unserer Welt geltend mache und verständlich.
Frohe Ostern, und Großer Geist vergib uns, denn wir wissen nicht, was wir tun!

Woche XXX | Montag, 21.03.2016

Wenn man seine eigenen Kinder auch mal mehrere Tage hintereinander in ausgeruhtem Zustand erleben kann, ohne Aufträge, die sie erfüllen sollen, dann kann es vorkommen, dass sie sich irre langweilen und damit alle behelligen, die irgendwie auf Empfang sind. Es ist vielleicht wie das berühmte Loch, in das man fällt, wenn man von einem Tag auf den anderen keinen Arbeitsplatz mehr hat, an den man gehen kann. Haben sie dann nach einer Weile etwas gefunden, was sie machen wollen, dann geht damit so richtig die Post ab. Zum Beispiel ein Stück auf Mamas Gitarre einzuüben, das gerade in ist im Freundeskreis. Mit Hingabe und Anstrengungsbereitschaft. (Die ich mir auch für die Erledigung von Familien-Arbeiten wünsche.) Oder aus den Pappzylindern des Toilettenpapiers Werkzeuge zu bauen. Das macht das Leben lebenswert – etwas zu tun, was Bedeutung für das eigene Leben hat. Etwas, was einem Freude macht.
Dem gegenüber der Satz des Grundschulkindes einer Freundin: „Es macht einfach keinen Spaß zu lernen, wenn man immer schlechte Noten bekommt.“ Ich glaube, viele Lehrer*innen würden ihren Job an den Nagel hängen, wenn sie regelmäßig Noten bekämen für ihre Arbeit. Sie sagen, es seien ja die Eltern, die die Noten wollen. Das stimmt sicherlich, aber nicht für mich, zum Beispiel. Auf mich als einzelne Mutter hört dann aber niemand. Dann glaube ich, dass es auch nur eine Ausrede ist. Ich bin sicher, alle Eltern wollen Orientierung über die Sachlage bei ihren Kindern, und am liebsten sollen das natürlich gute Nachrichten sein. Was hindert uns, genau das zu machen? Warum stellen wir uns und den Erwachsenen an den Schulen nicht die Aufgabe, gute Zeugnisse auszustellen? Also nur aufzuschreiben, was gut klappt? Das zeigt doch dann ganz konstruktiv den Stand der Dinge, denn was da nicht draufsteht, bleibt als Aufgabe für den weiteren Schul- und Bildungsweg.
Was leben diejenigen Pädagog*innen vor, die deshalb Noten geben, weil sie müssen?
Was leben diejenigen vor, die einfach in Ruhe unterrichten wollen, ohne mit den Menschen in den Schulpflichtigen zu tun haben zu müssen?
Was leben wir vor, wenn wir die Anforderungen eines Systems über die Bedürfnisse des einzelnen Menschen stellen, selbst wenn dieser dadurch leidet oder erkrankt? Und wenn dieser Mensch ein Schutzbefohlener ist?
Wir haben jetzt Ferien, ich habe den ganzen Tag Gelegenheit, mit den Kindern zu erproben, wie es geht, wenn man z.B. das Kriterium Freiwilligkeit erfüllen möchte. Wie erreiche ich die Mitwirkung meines Kindes im Haushalt, wenn es gerade nicht sowieso begeistert angelaufen kommt, um mir zu helfen? Ohne es zu erpressen oder zu zwingen?
Wie? Indem ich mich als Mensch zeige, der die Dringlichkeit oder Ernsthaftigkeit seiner Bitte auf eine Weise deutlich macht, die dem anderen ans Herz geht und nicht auf die Nerven. Der am Ende Danke sagt für die Bereitschaft des Kindes, diesen Dienst zu leisten, der nicht unmittelbar mit seinen eigenen Bedürfnissen im Zusammenhang steht, sondern erst damit in Berührung kommt, wenn meine „Notlage“ deutlich wird – und dann berührt es das Bedürfnis nach Identität, „Ich bin wichtig“.
Ich selbst leide darunter, wenn ich Dinge für andere tue, die sie selber könnten, und das als Selbstverständlichkeit übergangen wird. Auch in unserer arbeitsteiligen Familie sehe ich diese Arbeitsteilung als etwas zu Würdigendes an, ich muss es nicht immer dick auftragen, aber ich nehme es auch nicht als Naturgesetz hin. Es ist eine Errungenschaft, wenn es gelingt. Oft genug scheitert’s ja.
Es ist aufgrund meiner Erziehung und der Kultur, in die ich hineinwuchs, ein Automatismus „Seid bereit – immer bereit“, aber einer, der mich schlaucht. Ich mühe mich, ihn stillzulegen im Umgang mit andern Menschen, auch Erwachsenen. Auch meinen Eltern. (Besonders heikel.) Ich mühe mich, mit den Kindern zu wachsen und die Versorgungsgewohnheiten abzulegen, die nicht mehr altersgemäß sind. (Das fällt spätestens dann nicht mehr allzu schwer, wenn man für das, was man tut, hauptsächlich Kritik oder Ärger erntet.) Ich mühe mich um meine eigene Freiwilligkeit. Wenn ich sie errungen habe, dann bin ich authentisches Vorbild, dann strahle ich es aus als Wesensmerkmal und muss nicht mehr reden wie ein Buch. Dann gestehe ich es mir und gleichzeitig allen zu.
Tja, ich ringe noch. In den Augenblicken des Gelingens weiß ich, dass es sich wirklich lohnt. Und ich merke das Gelingen, auch wenn mir niemand eine Note dafür gibt. Die ist nur wichtig für jene, die nicht mit mir vertraut sind.
Noten – ein Indiz für mangelndes Auskennen miteinander? Zuwenig Hinwendung, Interesse? Verständnis?

Woche XXIV | Freitag, 12.02.2016

Ja, tatsächlich sind wir gestern am Freitag aufgebrochen zu einem Ausflug und alle hatten Lust dazu. Keiner brachte dieses Vorhaben am Morgen mit widerstrebenden Gefühlen in Zusammenhang und infrage.
Nur ich bekam vor der Abfahrt einen Rappel und regte mich über irgendwelche Zappeligkeiten auf: über Kommentare, die nicht sachdienlich waren, und Herumgehampel, das nicht in Richtung Ausflug zielte. In entspanntem Zustand nehme ich sanft-nachdrücklich Einfluss und lenke das Geschehen in die gewünschte Richtung, kann mitalbern und es geht munter-lustig zu.
Was hat mich also gestern geritten?
Ich bin wohl unmerklich im Abarbeite-Modus gelandet, in dem ich praktisch Scheuklappen aufsetze und den Tunnelblick annehme. Allerdings ist das ein labiler Modus bei mir, denn ich versenke mich nicht unstörbar in mein Fahrwasser. Auf Störungen reagiere ich dann gereizt. Was ist da in Gefahr?
Ziehe ich mein Vorhaben in Zweifel?
Ich bin manchmal sehr anfällig für schlechte Laune und Quengelei, ich kriege meine eigene wohl nicht recht in den Griff, so dass sie sofort Aufwind bekommt. Vielleicht ist meine Unternehmungslust auch nicht ganz echt? Vielleicht ist das schon was, was ich nur deshalb vorantreibe, weil ich ja wohl zwei Wochen Winterferien nicht ohne Unternehmung mit den Kindern verstreichen lassen kann – das geht doch nicht! ? Man muss doch was machen mit den Kindern! ?
Doch, ich habe schon Lust, mit meinen Kindern durch die Gegend zu streifen und die Welt zu begucken. Der Ausflug gestern war auch ein inneres Anliegen, nicht nur ein „Sollte-man“. Aber es gab unbestreitbar einen satten Schuss Pflichterfüllung, zumal die Ferien zu Ende gehen und die Gelegenheit sonst verpasst ist. Eine Antriebskraft, die mir keine Freude verschafft, da ich mich gehetzt fühle, wenn ich aus solchem Grund handele.
Unser Ausflug nach Rostock war recht schön, ich habe die Ausstellung genossen und auch die Rostbratwurst auf der kalt-zugigen Kröpeliner Straße. Die große Große hatte wahrscheinlich den meisten Spaß, war doch ihre Freundin mit. Bei der kleinen Großen hat das leider nicht geklappt, so blieb sie in sich gekehrt. Die Buchhandlung wurde ihr zum Quell des stillen Vergnügens… Der Kleine tappelte munter mit, futterte sich von einem Imbiss zum nächsten, fand die Flugzeugteile in der Ausstellung beeindruckend. Ich konnte selbst ganz in Ruhe gucken – etwas was mir sonst nur selten vergönnt ist, wenn ich mit den Kindern unterwegs bin.
Ich bin schon froh, wenn die Kids etwas finden um sich zu beschäftigen und mir nicht mit dauernden Anfragen wie „Können wir jetzt gehen?“ oder „Wann sind wir da?“ meinen Gedankenfaden zerrupfen. Das „digitale Kindermädchen“ versorgt ihren unersättlichen Hunger nach Aktion mit Möglichkeiten, wenn sie nicht in einer Spielumgebung sind. Ich könnte diesen Hunger nie stillen. Kinder, die an einem Ort sind, an dem sie nicht von Verboten umzingelt sind und auf einen Versorger angewiesen bleiben, finden immer was zu tun und lassen auch mal die Seele baumeln. Wenn sie zum Stillsein aufgefordert sind, können sie das nur dann gut leisten, wenn sie allgemein gut ausbalanciert gesättigt sind und an keiner Stelle zu großer Hunger herrscht. Meine haben mich in Ruhe die Exponate aus Fernost angucken lassen, ohne nur am Handy zu daddeln. Fast zwei Wochen hatten sie in Ruhe sein können, machten, was und wie sie wollten. Sie waren nicht sich selbst überlassen, ich habe sie gelassen, und wenn ich was mit ihnen wollte, machte ich mir die Mühe, ihnen meinen Wunsch so anzutragen, dass sie wirklich auch aus freien Stücken Ja sagen konnten. Na klar, und es ist natürlich nicht egal, wie sie mich ansprechen, wie es beim Essen zugeht, wie sie Aufträge ausgeführt haben… Alles wird so ausführlich wie nötig betrachtet, und ich sage immer Danke, wenn sie sich bereitwillig auf Kooperation einlassen. Und sei es, mal leise zu sein oder mich in Ruhe gucken zu lassen.
Ja, es hat mir wirklich Freude bereitet, mit ihnen loszuziehen, mal leise und mal ausgelassen durch die Gegend zu ströpen. Schade, dass nun die Ferien um sind. Jetzt, wo unser Familienleben gerade eins wird, das ich gern so nennen möchte: Alle sind gesund, wir machen was gemeinsam. In Ruhe. Mit Kreativität. Alleinsein und Getümmel wechseln sich ab. Alltagsverrichtungen geschehen mit Freude. Ich atme das jetzt noch ein paar Mal tief ein, schwelge in dieser zutiefst befriedigenden Empfindung. Und schaue mal, wie ich so viel es geht hinüberretten kann in den eng getakteten Schulrhythmus…