Woche XXXXIV | Freitag, 01.07.2016

Wenn ich nach einem 3-h-Abend im Elternrat die ganze Nacht so inspiriert-aufgekratzt bin, dass ich erst eine Stunde vorm Aufstehen einnicke, und dagegen nach 4,5 Stunden Teilnahme an der Schulentwicklung völlig verspannt und kopfschmerzig in die Federn falle, dann macht sich darin deutlich, wo das Leben pulsiert und wo es erstarrt.
Allerdings hege ich Hoffnung, denn auch in der Schule regen sich unter den Erwachsenen Kräfte, die nach Lebendigkeit lechzen.
Mein Part war gewesen, da zu sein. Ich habe in einer Arbeitsgruppe auch eine Beobachtung eingebracht, die sich auf das Erleben der Kinder bezieht, die Vorträge halten dürfen anstatt Klassenarbeiten zu schreiben. Die Rückmeldungen der anderen Schüler*innen kommen dabei dazu, was die Note in den Hintergrund rückt, die es natürlich auch noch gibt. Aber sie ist nicht mehr der einzige Grund für Vorbereitung. Und auch die Erweiterung der Jury von einem Erwachsenen, der sich Objektivität anmaßt, auf 20 oder mehr Personen bringt mehr Realismus in die Auswertung. Ich habe also gesagt, dass hier ein Sinnzusammenhang entsteht, in dem und für den gelernt und vorbereitet, erarbeitet und eingeübt wird. Das motiviert. Und zu wissen, man bringt anderen etwas bei, denn nicht alle halten denselben Vortrag zum selben Thema, macht die Sache erst richtig rund. Zumal man gern aus der Peergroup lernt, schnell und ohne die Hürden der Generationen oder besser gesagt der Hierarchie, denn solange von Schüler*innen Respekt verlangt wird bei gleichzeitiger Ignoranz ihrer Gleichwürdigkeit, ist es weniger der Altersunterschied, der den Weg des Wissens versperrt.
Es ist also nochmal richtig spannend geworden für mich, drei Wochen vor den Ferien.
Es haben sich nun einige Eltern mehr in die Aktivität locken lassen. Sie denken über Fragen der Gestaltung nach, über Werte, die belebt werden müssten. Sie wollen Impulse geben.
Ich bin so froh! Vor drei Jahren noch war ich ziemlich einsam auf meinem Posten. Mit meinen Träumen.
Jetzt frage ich mich, wie ich mein Zögern wohl rechtfertigen will…
Ich habe also erstmal „hospitiert“ und die Stimmung kennengelernt, in der Schule beschlossen wird von den Lehrenden. Meine Hoffnung liegt auf den Jüngeren, und bei ihnen insbesondere bei denjenigen, die sich andere Schulen ansehen, die sich Gedanken machen um ihr Menschenbild, um ihre eigene Freude an der Arbeit. Es ist heikel, Lehrern erzählen zu wollen, was man sich wünscht oder wie man sich etwas vorstellen könnte. Aber hier tauchen plötzlich mehr von der Sorte auf, die interessiert sind und es wissen wollen. Die nicht in erster Linie befürchten angegriffen oder infrage gestellt zu werden. Die nicht in Verteidigungs- oder Rechtfertigungshaltung übergehen, wenn man naht. Sondern die sogar fragen, wie man etwas sieht!
Wenn ich sehe, wie sich einige um Leben bemühen, bekomme ich Lust, sie zu unterstützen. Ich mache also den Mund auf und bringe meine Beobachtungen ein.
Mein nächstes Anliegen ist die alltägliche Spürbarkeit demokratischer und freiheitlicher Werte in der Schule. Das bedeutet konkret die Förderung des kontinuierlichen Rückmeldens und der Formulierung eigener Gedanken und Anliegen durch die Heranwachsenden. Und es bedeutet auch konkret, dass Schüler*innen und Eltern informiert werden über ihre Mitwirkungsmöglichkeiten in den Gremien. Also – es bleibt interessant, und wird es noch mehr im neuen Schuljahr.
Wie habe ich es nur hierher geschafft?
Obwohl ich kein Fan von Druckmachen oder Konfrontation bin? Oder gerade weil?
Ich habe immer wieder eingeladen oder Mut gemacht. Habe Andere bestärkt, ihrer eigenen Wahrnehmung Stimme zu geben, es sich nicht ausreden zu lassen, wie sie etwas empfinden. Habe zugehört und genau erfragt.
War einfach nur da.
Habe selbst immer mal wieder Nachfrage erfahren.
Das hat mich neu beflügelt.
Ich habe meine eigene Heilung vorangetrieben, habe Denkmuster aufgespürt, mit denen ich meine Kräfte erschöpfte. Habe sie stillgelegt und neue Schaltkreise angelegt. Habe selber Einiges an Lebensfreude wiedererlangt und insbesondere die Entdeckung gemacht, dass ich, wenn ich ohnehin einen Unterschied mache durch mein Hiersein, diesen Unterschied doch auch kreativ gestalten könnte.
Wichtig ist mir auch, dass ich mich mit vielen Widrigkeiten versöhnen konnte. Sie sind deshalb nicht gleich zu neuen Vorlieben geworden, aber ich kann nun oft die „True Colors“ durchscheinen sehen, kann einen Menschen mit seiner ablehnenden, zurückweisenden oder provozierenden Haltung voll Wärme ansehen und das verschreckte Wesen dahinter hervorlocken, um es zu beruhigen.
Naja, nicht immer, aber ich habe den Zauber kennengelernt, der sich breitmacht, wenn es mal gelingt.
Ich habe Hoffnung. Und freue mich auf die nächsten Abenteuer.

Woche XXXXII | Freitag, 17.06.2016

Angenommen alles um mich herum ist ein Spiegel meiner eigenen inneren Umstände, die Menschen, die mich umgeben, sind nicht zufällig diese Menschen mit ihren jeweiligen eigenen Naturellen und Verstrickungen. Alles, was ich in ihnen sehe, ist allein meine Schöpfung. Sind sie mir Lust oder Last, zum Lachen oder zum Heulen – ich lerne nichts über sie, kann nichts über sie lernen, ohne mich selbst dabei mit zu betrachten. Denn alles, was ich sehe, was sie tun, kann alle möglichen Bedeutungen für sie selbst oder andere haben, es ist im Grunde völlig gleichgültig in seiner unglaublichen Beliebigkeit, wenn ich es nicht als die Palette der Möglichkeiten in mein Leben hole und mit Bedeutsamkeit belege. Es zählt immer nur das, was mit mir irgendetwas zu tun hat, was eine Regung bei mir hervorruft. Ich kann vielleicht aus der Palette der Deutungen wählen, wenn die aktuelle mir nicht passt. Also, wenn ein Verhalten mich alles andere als erfreut. Wenn ich Wut, Trauer oder andere unbequeme Empfindungen habe in Bezug auf Situationen und Handlungen anderer Menschen. Sonst gäbe es ja keinen Grund, alles zu überdenken. Ich könnte also versuchen, aus einem anderen Blickwinkel draufzuschauen und so alles ins rechte Licht zu bringen, ich könnte aus einer Negativ-Betrachtung in eine konstruktive Umdeutung finden. Was ich daran merken würde, dass aus dem Unwohlsein in Bezug auf die Lage Freude wird.
(Reicht das wirklich? Oder braucht es Umstellungen?)
So werden alle Menschen um mich herum zu einem Buch, in dem ich über mich selbst lesen lernen kann. In dem ich herum wandern kann, bis ich die heimeligen Orte und Blickachsen kenne und auch die Wege dorthin. Ich richte mich ein, in Bezug auf die Gegebenheiten, die inneren und äußeren, falls man das überhaupt so trennen und nennen kann. Dann ändert sich mal was, alles fließt, die Erde dreht sich weiter oder ein Mensch kommt dazu oder verlässt die Nähe. Ich plumpse aus meiner Komfortzone heraus, und darf mich auf den Weg machen, die Harmonie wieder zu finden. (Herzustellen?) Auf die nächste Wanderung des Lernens oder Festigens. (Schöpfen? Gestalten?)
Anspannung – Entspannung. Ein fortwährender Wechsel.
Aber wie ist es mit den Kindern, die durch mich auf die Welt gekommen sind? Was sind sie auf meinem Bildschirm?
Es heißt, die Schwächsten tragen und zeigen die Symptome. Sie sind in meinen Garten geboren und in ihn hineingewachsen, und sie bringen die Wirkungen zum Vorschein, die dieser Garten zeitigt. Wie das Kind im Märchen, das ruft: „Aber der hat ja gar nichts an!“ Der Kindermund tut Wahrheit kund, sagt man.
Wenn mir nicht gefällt, was ich an meinen Kindern beobachte, dann handelt es sich wohl folgerichtig um eine unbequeme Wahrheit über mich selbst? Wenn ich dann die Kinder zum Arzt oder Psychologen oder Therapeuten schleppe, dann diagnostiziert der letztlich meine eigenen Baustellen? Da sie als Lebewesen eine Eigendynamik haben, will ich mir das nicht einfach linear-mechanisch vorstellen, es ist wohl das Knirschen an der Schnittstelle, am Interface, das durch meine Beschränktheit ermöglicht wird, durch mein jeweils noch mangelndes Wissen und Verstehen. Durch das ich, zwar für mich bisher tolerable oder aushaltbare, Kompromisse aufgezeigt bekomme, die jetzt, mit Jungpflanzen, nicht mehr haltbar sind, wenn ich diese nicht leiden und darben sehen will.
Wieviel Verantwortung können die Kinder selber übernehmen? Solange sie nicht erwachsen und eigenständig sind, glaube ich, keine. Sie bleiben mit ihren Antwort- und Handlungsmöglichkeiten immer durch ihre Abhängigkeit beschränkt. Immer nur reaktiv. Bei aller Erfindungskraft, die sie dabei einsetzen mögen. Solange sie Heranwachsende sind, brauchen sie sie, um von ihrem Platz aus den Weg zum Licht zu suchen, und koste es Verrenkungen aller Art. Augenhöhe und Verantwortlichkeit kann erst bei Reife und Ausgewachsensein eingefordert werden. Bis dahin geht es um den Weg nach oben, mit allen möglichen Experimenten und Erfahrungen. Die ich Erwachsene entweder einräumen, begleiten und betreuen kann, oder aber nicht – wenn ich selbst diese Wachstumsaufgaben noch nicht gemeistert habe. Das zeigen mir meine Kinder.
Das zeigen Kinder ihren Lehrer*innen.
Alle Verantwortung für das Lernen der Kinder liegt bei den beteiligten Erwachsenen. Denn die Kinder lernen, und tun die ganze Zeit nichts anderes. Sie lernen ihre Umgebung. Mit Wiederholung als der Mutter der Weisheit und anhaltender Übung als dem Vater der Selbstverteidigung und Lebensrettung. Sie übernehmen die erfolgreichen Strategien und Wege der Großen, um ihre eigene Nische zu finden, ihren schützenden Wachstumspfad hinauf zu den ausgewachsenen Wipfeln.
Dann erst können sie aus unserem Schatten treten und im ungefilterten Sonnenlicht eigene Antworten erschaffen.
Wenn die Kinder in unseren Augen nicht gut lernen oder Schwierigkeiten in oder mit der Schule haben, dann ist es unsere Aufgabe als Erwachsene, uns darum zu kümmern. Wir müssen die Antworten geben. Wir müssen den Raum für das gewünschte Wachstum geben, Zugriff auf die „Nährstoffe im Boden“ gewähren und die Richtung sichtbar machen, aus der das Licht kommt – in der das Ziel liegt. Da hilft auch kein Ziehen und Schieben und Stützen, wenn das nicht zu sehen ist.
Meine Beobachtungen und Gedanken zum Schulleben meiner Kinder bescheren mir am Ende der 42. Woche dieses Schuljahres eine Erkenntnis, für die sich mein Blogvorhaben gelohnt hat. Alles ist klar vor meinen Augen. Ich fühle mich ganz leicht. So ein schönes Gleichnis! Diesen Platz in meinem Garten muss ich mir gut merken (werde ich ihn wiedererkennen?) und den Weg dahin sicherlich noch öfters suchen, bis ich ihn wieder finde. Aber nun weiß ich, dass es einen solchen Ort gibt, und ich werde das nie vergessen.
Ich habe noch Einiges zu tun, wenn ich glückliche Kinder sehen will. Vor allem ist da Angst zu überwinden. Oder aufzulösen. Angst zu versagen, Angst für mich einzustehen, Angst Probleme anzusprechen und Konflikten ins Auge zu sehen. Angst, meine Stärken zum Vorschein zu bringen. Ich habe das in meinem Leben noch nicht gemeistert, bisher ist es immer misslungen. So oft, dass ich des Lebens direkt müde geworden bin, mit all seiner Vergeblichkeit und Enge. Ich lege nicht Hand an mich, selbst zu so einer Aktion bin ich zu müde. Ich richte mich einfach unmerklich zu Grunde. Nach aller Wut meiner Jugendjahre, dem Kopfzerbrechen während der Kinderpflege, der Trauer im Abschied von der Zuversicht – heute nun diese klare Sicht in den blauen, sonnendurchfluteten Himmel!
Ich erhebe mich über die letzten Schatten meiner eigenen Kindheit, scheint’s.
Wohlan.

Woche XXXX | Freitag, 03.05.2016

Eine Woche mit zwei kranken Kindern liegt hinter mir. Und ich schreibe den Freitagsstand der Dinge rückblickend von Sonntag früh um 2:30.
Wie groß ist die Sehnsucht der Kinder, sich des wirklich Wichtigen anzunehmen! Und sie möchten es in Ruhe tun, ausgiebig und bis es richtig gut ist für sie.
Ich meine nicht, dass sie in Ruhe gelassen werden wollen im Sinne von „Nicht ansprechen“. Im Gegenteil, sie wollen in aktiver Verbindung sein, nicht abgeschottet, aber es soll eine von der Sorte sein, in der sie sich sicher fühlen: Keines ihrer Bedürfnisse wird verletzt, sie werden in ihrer Würde geachtet und nicht als Objekte benutzt. Sie möchten eigene Entscheidungen treffen für die Beschäftigung mit den Gegebenheiten der Welt. Und wenn sie etwas schreiben sollen, dann möchten sie wissen warum. Und es reicht nicht, dass ich es wichtig finde, sie müssen diese Wichtigkeit selbst empfinden. Und wenn es ein nutzbringendes Werkzeug für ihr späteres Leben werden soll, dann muss die Wichtigkeit positiv sein, womit ich sagen will, dass sie es nicht zu nutzen lernen, um sich vor Strafe oder anderen Sanktionen zu schützen, sondern um ihr Leben zu gestalten und zu verbessern. Wozu eben auch ein gutes Miteinander gehört, das auf gegenseitiger Unterstützung basiert, nicht auf gegenseitiger Erpressung oder Unterdrückung.
Wir tun alle Dinge im Leben, weil sie wichtig sind. Ob sie immer ihren Zweck erfüllen, steht auf einem anderen Blatt, aber dafür genau haben wir unser hoch entwickeltes Gehirn: um herauszufinden, wie es gut geht, und was am besten passt. Und keiner lässt sich einfach so von jemand anders etwas sagen. Alle wollen selbst. Selbst drauf kommen, selbst wissen und können, selbst tun. Alle überprüfen, was sie gesagt bekommen, auch diejenigen, die erstmal Ja sagen. Denn sie machen die Erfahrung, ob Worte und Tatsachen zusammenpassen, übereinstimmen, und welche Bedeutung Worte haben können. Stehen sie für Ideen, Absichten, Pläne, Taten? Welchen Grad der Verwirklichung meinen die Sprechenden? Spielen sie das Gegenteilspiel? Machen sie Witze?
Die Kinder reagieren empfindlich auf die Natur unserer Angebote. Wenn sie die Bedeutung ihres Lesens, Schreibens und Rechnens, ihres Malens, Singens und Tanzens für mich kennen, dann können sie mir bereitwillig schenken, worum ich sie bitte, oder es, sich selbst schützend, verweigern. Wovor schützen sie sich? Davor, vorgeführt zu werden, selbst wenn es lobend ist; davor, gehorsam sein zu müssen und ohne eigene Bereitwilligkeit etwas zu tun. Und wie genießen sie es, wenn wir einander Gutes tun, unsere Arbeit tauschen! Du schreibst was für mich, während ich für dich etwas nähe. Du machst Musik für mich, während ich das Essen für uns koche. Du liest mir etwas vor, dann lese ich dir etwas vor, wir wechseln uns ab.
Ich selbst habe so viel Lob bekommen in meinem Leben, ich habe es satt. Es war mir peinlich, wenn ich vor anderen ausgezeichnet wurde. Das ist es immernoch. Ich bin genervt, wenn jemand etwas anhimmelt, was ich kann – es aber niemals wirklich für sich in Gebrauch nehmen will. Es ist dagegen schön zu hören, dass eine Person sich darüber freut, was ich mache, es genießt, also nutzt. Und mir mit einer Äußerung in dieser oder jener Form Dank ausdrückt, weil durch mein Handeln sein Leben besser geworden ist. Und mir etwas von sich gibt, was auch immer, und diese Geste verbessert mein Leben.
Danach lechzen wir alle, dessen bin ich mir sicher. Auf jeden Fall lieben es auch meine Kinder, wenn sie echte Bedeutung erfahren. Wenn ich ihnen erzähle, wie sehr ich ihre Musik, ihr Bauen, ihr Malen und Schreiben genieße, wie ich mich bei den verschiedenen Ausdrucksformen fühle, wie es mir bei der Arbeit Freude bereitet, dann staunen sie über ihre Wirkungen und freuen sich über Resonanz, gemeinsames Schwingen. Und die Dinge, mit denen ich sie wiederum mit Freuden beglücke.
Und ich freue mich gerade über ein Lego-Duplo-Regal für meine Sprossen-Schälchen, die nun nicht mehr abenteuerlich übereinander gestapelt ständig vom Einsturz bedroht sind. Ich kann sie alle einzeln nehmen, ohne erst darüber stehende abzutragen und umzustapeln. Und der Erfinder dieser Konstruktion freut sich über meine Freude, und wie praktisch ihm seine Konstruktion gelungen ist. Und zum Dank bekommt er von mir ein Eis spendiert. Oder eine Extratour an den Strand, ich habe schließlich etwas Zeit gewonnen… Und das macht ihn wiederum froher.
Ja, die Begegnung als Menschen macht’s, nicht die als Funktionäre, Joberfüller und Rollenspieler.

Woche XXXVII | Fr., 13.05.2016

Freitag, ein Dreizehnter, und was für ein Glückstag! Ich teste es seit geraumer Zeit, es klappt wirklich gut. Anstatt das Unglück zu befürchten, unterstelle ich besonderes Glück…
Für mich läuft alles bestens: die Kinder sind gesund, es gibt keinen Grund zur Sorge. Nur der Lebensunterhalt ist sehr knapp, da ich noch nicht wirklich etwas beisteuere. Wenn die Kinder wohlauf bleiben, dann kann sich das schnell ändern! (Eigentlich bräuchte man gerade im Krankheitsfall besondere finanzielle Zuwendung, statt dessen fällt sie eher weg. Von den Kassen bekomme ich nix, schon auch weil ich keine Kassenleistungen zur Genesung in Anspruch nehme. Keine Krankenakte -> keine Maßnahmen, kein Krankengeld…)
Dazu kam sommerlicher Sonnenschein, Vogelstimmen ringsumher, ich habe mir Frei genommen und das Unbehelligtsein ausgiebig genossen.
Und dabei kamen mir solche Gedanken: Wie kann man Kinder so viele Jahre in Räume mit Kunstlicht festsetzen? Sie gehören ins Freie! Woher sollen sie ein Gefühl für die Natur bekommen? Woher erfahren sie die Sensibilität des Lebendigen? Wie sollen sie lernen, es zu hegen und zu pflegen, zu lieben? Wir erhoffen uns im Umgang miteinander Respekt oder Achtung – oder reicht uns Gehorsam? Sollen wir einander fürchten?
Wenn die Kinder nach all den Jahren die Schule verlassen, in denen sie tun mussten, was Lehrer*innen ihnen auftrugen, denken lernen sollten, was die Erwachsenen denken, können sie dann unterscheiden, ob sie einem Redner vertrauen dürfen oder lieber nicht? Wo sie doch die ganze Zeit daran gewöhnt wurden, dass die Erwachsenen recht haben und das Betrachten der Originale nicht auf dem Lehrplan stand? Alles was sie über die Natur wissen, haben sie aus Büchern und Erzählungen, eigene Beobachtungen sind bestenfalls illustrativ vorgenommen worden.
Ich finde das unverantwortlich.
Ich finde es auch unverantwortlich, wenn erwachsene Menschen sich selbst zu Zahnrädern im Getriebe reduzieren. Sich weigern, die Wirkungsweisen von Zusammenhängen zu betrachten und die nötigen Änderungen vorzunehmen, um Schaden abzuwenden. Wenn sie sich hinter Äußerungen wie „Daran ändern wir sowieso nichts“ verstecken. Oder: „Unser Votum hier spielt sowieso keine Rolle, da brauchen wir auch gar nicht abzustimmen.“
Kann sein, dass der Wille eines Menschen oder einer Gruppe von anderen übergangen wird oder erst recht ein Gegenteil entschieden wird. Aber das tun wiederum Menschen und ich frage mich, wie es abei in denen aussehen mag? Wie denken sie? Was nehmen sie stillschweigend an, welches Bild vom Kind und von anderen Erwachsenen tragen sie mit sich herum? Können sie damit glücklich sein?
Ich beobachte meine Denkmuster so oft ich ihrer gewahr werden kann. Es ist ein nicht abreißen wollender Strom, solche Geschichten hat noch keiner geschrieben, solche Filme noch niemand gedreht… Und welcher Aufwand ist es, alle unwahren Gedankenkreise wieder zu entrümpeln. Wenn Robert Betz recht hat, dann merkt man die Unwahrheit an der Schwere, die ein Gedanke in einem bewirkt, und man steht vor der Aufgabe, die Schaltkreise so umzustecken, dass es leicht wird. Wenn man gesund werden möchte oder glücklich. Ich kann mir das gut vorstellen, denn wenn ich etwas gut kann, geht es leicht, wenn ich etwas erkannt habe, dann möchte ich springen vor Glück… Es flutscht. Es gelingt. Es ist stimmig oder fühlt sich in sonst einer Weise gut an. Und versetzt mich in einen Schwung, der mich tanzen macht, singen, jauchzen, frohlocken…
Das schaue und lausche ich heute bei den Vögeln in meinem Garten. Die Bäume sind leider schon so grün, dass ich sie nicht mehr entdecken kann, nur der Walnussbaum ist noch durchsichtig. Wie können Heranwachsende diese kostenlose Medizin vorenthalten bekommen?
Wir glauben, etwas muss schwer sein, damit es was wert ist. Oder echte Arbeit. Wenn ich bei der Arbeit nicht schwitze, dann ist es keine. Aber wie oft schwitze ich mit Vergnügen? Und versetze dabei Berge! Ist das dann keine Arbeit gewesen, wenn ich triefend und stöhnend aber in tiefster Seele glücklich das Beet umgrabe, wie andere ihre Joggingrunden drehen oder im Fitnessstudio irgendetwas ziehen, schieben und stemmen? (Das sollte „angezapft“ werden für die Energiegewinnung!!!) Aber ob es schwer ist oder sich nur so anfühlt, das ist eine persönliche Wahrnehmung. Für viele ist das Stillhalten die schwerste Aufgabe, anderen wird bei der gleichen Übung Faulheit vorgeworfen.
Beim Ballett, und sicher auch in anderen Disziplinen, soll das Ergebnis federleicht aussehen. Welche Anstrengung darin steckt, wissen wohl nur die Tanzenden. Aber fällt sie ihnen schwer?
Welche Freude macht es, Kinder zu unterrichten! Es fällt mir überhaupt nicht schwer. Wenn ich das manchen Pädagog*innen erzähle, schauen sie mich ungläubig an. Ihnen möchte ich ans Herz legen den Mut zu fassen, endlich das zu tun für ihren Lebensunterhalt, was ihnen leicht fällt! Braucht ihr jemanden, der es euch erlaubt? Ich erlaube es euch! Ach, ich bin nicht der Bildungsminister? So ein Pech! Schöne Pfingsten! (Die nächste Kreuzigung kommt bestimmt…)

Woche XXXI | Montag, 28.03.2016

Noch bekommen wir die geklaute Stunde nicht in aller Härte zu spüren, wir haben noch zwei Tage Ferien vor uns. Die Umstellung auf Schulrhythmus wird jedoch nicht nur deshalb schwerfallen. Wenn wir in den Ferien nach einigen Tagen unseren eigenen Rhythmus gefunden haben, unsere eigenen Beschäftigungen, unser eigenes Maß, dann ist das nur selten nahe am Rhythmus des Schullebens. Meine Teenager verlagern ihr kreatives Schaffen eher in Richtung Nachmittag, Abend und Nacht. Wer Spätschicht macht, muss natürlich morgens länger schlafen. Sie haben also ohnehin eine ordentliche Umstellung zu meistern. Zum Glück steht hier inzwischen die Freude auf das Wiedersehen mit Schulfreund*innen im Vordergrund und verleiht die nötige Lust darauf, entsprechend zeitig da zu sein.
Der Lütte ist noch von Neugier aus morgens beizeiten munter, will dem recht früh aufstehenden Papa nahe bleiben und tappelt uns noch von sich aus hinterher. Seine Müdigkeit einzugestehen und entsprechend zeitig schlafen zu gehen, erlaubt ihm aber auch sein Stolz nur selten – nur in den Fällen, wo auch wir Eltern uns ins Bett begeben.
Für ihn also reicht es, wenn wir vorangehen, für die Teenies ist das kein Grund mehr. Bestenfalls eine Gelegenheit für die fortschreitende Abnabelung, hier in ihrer Ausprägung als Gegenteiltun.
Mir fiel die Zeitumstellung immer schwer, ich kann mich kaum an ein Jahr erinnern, in dem ich unberührt davon blieb oder vielleicht sogar froh über die bessere Ausnutzung des Tageslichtes und die damit einhergehende längere Nachmittagshelligkeit. Wenn man die Schlafräume richtig dunkel kriegt, schlafen die Kinder am tageshellen Abend etwas besser ein. Ich habe dann im Idealfall noch ein bisschen Licht für Verrichtungen draußen im Freien oder kann die Abendstille mit dem Himmelsschauspiel einfach bestaunen und genießen. Schade für die Kinder, die schon ins Bett müssen. Es ist ein jahreszeitliches Erleben der Natur, das ihnen verwehrt bleibt, bis die nächsten Ferien kommen. Und da sie gewohnheitsmäßig Schreibtisch- und Bildschirmarbeiter*innen sind, braucht es durchaus auch besonderen Einsatz, sie an die frische Luft zu befördern.
Ich beobachte bei meinen immernoch Züge der Höhlensuche. Nicht mehr so ausgeprägt wie noch zu Beginn des Schuljahres, als ich mich entschloss, diesen Blog zu schreiben. Das Bedürfnis nach Sicherheit, Schutz scheint ganz gut gesättigt zu sein inzwischen. Nun tritt in den Vordergrund, sich ungestört in etwas zu vertiefen. Ich habe beobachten können, wie eines meiner Kinder sich „Für Elise“ auf der Gitarre aneignete: ich habe es mir vor Jahren nach Noten erarbeitet, die Noten sind irgendwo verschollen, also blieb nur Zeigen und Nachmachen. Hundertemale spielte dieses Kind die Griffe durch, es wäre wirklich zu schade gewesen, wenn ein Pausenklingeln und Themenwechsel es darin unterbrochen hätten. Es spielte solange, bis es mit sich selbst zufrieden war, mit der Zwischenetappe, die es erreicht hatte, die es sich im Übungsprozess dynamisch vorgenommen hatte – je nach den Kräften, nach dem erlebten Fortschritt und dem damit zusammenhängenden Gefühl des diesmal noch Machbaren. Klar wurde auch ich immer wieder gefragt, wie ich es finde. Besser gesagt wurde mir klar gemacht, was ich toll finden sollte, gemeinsam mit dem kämpfenden Kind, dessen Anstrengungsbereitschaft unermesslich schien. Es wollte seine Freude teilen, es wollte Resonanz für seinen Stolz, Bestätigung, Bekräftigung, Rückversicherung. Aber sein eigenes Erleben, wie gut es mit der Zeit klappte, war das Größte. Die Fragen an mich waren rein rhetorisch – ist das nicht toll?
Es hatte nichts mit Überheblichkeit zu tun oder mit Realitätsferne. Mein Kind war im Frieden mit sich selbst, und es wollte sich nicht ins Verhältnis mit äußeren Maßstäben setzen zur eigenen Orientierung.
Dann wurde zwischendurch auch die Version für’s Keyboard wiederholt und nach drei Stunden konnte das „Thema“ abgeschlossen werden für den Tag.
Wie gut das Einüben sich verankert hatte, konnte ich am nächsten Tag erleben – rhythmisch schon sehr ebenmäßig floss das Stück durch den Raum, immer wieder hier und da noch ein Schnitzer, weiteres Ausbügeln, weiteres Automatisieren, weiteres Üben im Rausch der Fehlerfreiheit. Dann der Vorführeffekt: nach all diesem Üben taucht das Kind aus seiner Versenkung auf und möchte froh präsentieren: Da holpert’s plötzlich wieder an allen möglichen und unmöglichen Stellen, bis das Kind sich zurückbesinnt auf’s Spielen statt auf’s Vorführen. Wenn das nicht „Für’s Leben Lernen“ ist! Für den Ernstfall, wenn’s gebraucht wird. Eitelkeit ausschalten, auf die Tätigkeit selbst konzentrieren. —
Also, ich versuche, nicht an die Zeitumstellung zu denken, solange ich daran nichts ändern kann oder bis mir ein tolles Kunstwerk dazu einfällt, ich versuche, mich auf das Anliegende zu besinnen. Ich bin ein lebendes Wesen, dynamisch, selbstorganisierend. Und wenn eines meiner Kinder am Donnerstag morgen aus irgendeinem Grund nicht in der Lage ist, so früh loszulegen, werde ich mich seiner Gesundung widmen.
Ich hoffe, das Osterfest ist für uns ein Grund zur Freude gewesen, ich sehe es als Ermutigung dazu an, sich den Bedürfnissen des Lebens liebevoll zuzuwenden. Und den Handhabungen und Weichenstellungen einer Gesellschaft auch. Aber nicht als ewig unveränderlich. Die starren Orientierungshilfen (auch in der Schule) nehme ich voller Mitgefühl als Auswuchs der Angst in Augenschein und wirke mit Freuden darauf hin, sie unnötig zu machen. Auch eine Stunde früher als im Winter. Warum nicht?

Woche XXIV | Freitag, 12.02.2016

Ja, tatsächlich sind wir gestern am Freitag aufgebrochen zu einem Ausflug und alle hatten Lust dazu. Keiner brachte dieses Vorhaben am Morgen mit widerstrebenden Gefühlen in Zusammenhang und infrage.
Nur ich bekam vor der Abfahrt einen Rappel und regte mich über irgendwelche Zappeligkeiten auf: über Kommentare, die nicht sachdienlich waren, und Herumgehampel, das nicht in Richtung Ausflug zielte. In entspanntem Zustand nehme ich sanft-nachdrücklich Einfluss und lenke das Geschehen in die gewünschte Richtung, kann mitalbern und es geht munter-lustig zu.
Was hat mich also gestern geritten?
Ich bin wohl unmerklich im Abarbeite-Modus gelandet, in dem ich praktisch Scheuklappen aufsetze und den Tunnelblick annehme. Allerdings ist das ein labiler Modus bei mir, denn ich versenke mich nicht unstörbar in mein Fahrwasser. Auf Störungen reagiere ich dann gereizt. Was ist da in Gefahr?
Ziehe ich mein Vorhaben in Zweifel?
Ich bin manchmal sehr anfällig für schlechte Laune und Quengelei, ich kriege meine eigene wohl nicht recht in den Griff, so dass sie sofort Aufwind bekommt. Vielleicht ist meine Unternehmungslust auch nicht ganz echt? Vielleicht ist das schon was, was ich nur deshalb vorantreibe, weil ich ja wohl zwei Wochen Winterferien nicht ohne Unternehmung mit den Kindern verstreichen lassen kann – das geht doch nicht! ? Man muss doch was machen mit den Kindern! ?
Doch, ich habe schon Lust, mit meinen Kindern durch die Gegend zu streifen und die Welt zu begucken. Der Ausflug gestern war auch ein inneres Anliegen, nicht nur ein „Sollte-man“. Aber es gab unbestreitbar einen satten Schuss Pflichterfüllung, zumal die Ferien zu Ende gehen und die Gelegenheit sonst verpasst ist. Eine Antriebskraft, die mir keine Freude verschafft, da ich mich gehetzt fühle, wenn ich aus solchem Grund handele.
Unser Ausflug nach Rostock war recht schön, ich habe die Ausstellung genossen und auch die Rostbratwurst auf der kalt-zugigen Kröpeliner Straße. Die große Große hatte wahrscheinlich den meisten Spaß, war doch ihre Freundin mit. Bei der kleinen Großen hat das leider nicht geklappt, so blieb sie in sich gekehrt. Die Buchhandlung wurde ihr zum Quell des stillen Vergnügens… Der Kleine tappelte munter mit, futterte sich von einem Imbiss zum nächsten, fand die Flugzeugteile in der Ausstellung beeindruckend. Ich konnte selbst ganz in Ruhe gucken – etwas was mir sonst nur selten vergönnt ist, wenn ich mit den Kindern unterwegs bin.
Ich bin schon froh, wenn die Kids etwas finden um sich zu beschäftigen und mir nicht mit dauernden Anfragen wie „Können wir jetzt gehen?“ oder „Wann sind wir da?“ meinen Gedankenfaden zerrupfen. Das „digitale Kindermädchen“ versorgt ihren unersättlichen Hunger nach Aktion mit Möglichkeiten, wenn sie nicht in einer Spielumgebung sind. Ich könnte diesen Hunger nie stillen. Kinder, die an einem Ort sind, an dem sie nicht von Verboten umzingelt sind und auf einen Versorger angewiesen bleiben, finden immer was zu tun und lassen auch mal die Seele baumeln. Wenn sie zum Stillsein aufgefordert sind, können sie das nur dann gut leisten, wenn sie allgemein gut ausbalanciert gesättigt sind und an keiner Stelle zu großer Hunger herrscht. Meine haben mich in Ruhe die Exponate aus Fernost angucken lassen, ohne nur am Handy zu daddeln. Fast zwei Wochen hatten sie in Ruhe sein können, machten, was und wie sie wollten. Sie waren nicht sich selbst überlassen, ich habe sie gelassen, und wenn ich was mit ihnen wollte, machte ich mir die Mühe, ihnen meinen Wunsch so anzutragen, dass sie wirklich auch aus freien Stücken Ja sagen konnten. Na klar, und es ist natürlich nicht egal, wie sie mich ansprechen, wie es beim Essen zugeht, wie sie Aufträge ausgeführt haben… Alles wird so ausführlich wie nötig betrachtet, und ich sage immer Danke, wenn sie sich bereitwillig auf Kooperation einlassen. Und sei es, mal leise zu sein oder mich in Ruhe gucken zu lassen.
Ja, es hat mir wirklich Freude bereitet, mit ihnen loszuziehen, mal leise und mal ausgelassen durch die Gegend zu ströpen. Schade, dass nun die Ferien um sind. Jetzt, wo unser Familienleben gerade eins wird, das ich gern so nennen möchte: Alle sind gesund, wir machen was gemeinsam. In Ruhe. Mit Kreativität. Alleinsein und Getümmel wechseln sich ab. Alltagsverrichtungen geschehen mit Freude. Ich atme das jetzt noch ein paar Mal tief ein, schwelge in dieser zutiefst befriedigenden Empfindung. Und schaue mal, wie ich so viel es geht hinüberretten kann in den eng getakteten Schulrhythmus…