Woche XXXXVIII | Montag, 25.07.2016

Ferien nun also. Für mich heißt das in dieser ersten Woche: ich habe keines meiner Kinder zu Hause. Sie sind vorfreudig in ihre jeweiligen Vorhaben gestartet, davon eins innerfamiliär, das andere ein aus Bundesmitteln finanziertes Medienferienlager.
Ohne diese beiden Möglichkeiten sähen wir alt aus, denn wir können uns keine kostenpflichtigen Ferienlager leisten.
Als mein „innerfamiliäres“ Ferienkind übergeben wurde, entspann sich ein Gespräch über Motivation in einer Schule ohne Noten, das emotionsbeladen wurde in dem Moment, als das Wort Gehorsam fiel. Insbesondere als ich sagte, dass es nur entweder oder geben könne – entweder ich will intrinsisch motivierte Bereitwilligkeit, dann kann ich keine Gehorsamsforderungen stellen, oder ich fuße meine Antriebskultur auf Gehorsam. Diese Position stieß auf vehementen Widerstand.
Da es nicht genug Zeit gab, das eingehend zu betrachten, ist es auch müßig, sich deshalb aufzuregen, aber ich war nicht gleichgültig geblieben in Bezug auf die Art des Gespräches. Nicht nur, dass aus einer Betrachtung von Wirkungen gleich ein Meinungsstreit zu werden drohte, was etwas völlig anderes ist, ich hatte außerdem nicht das Gefühl, dass die Begriffe überhaupt genug geklärt waren, so dass wir hätten wissen können, was der jeweils andere damit genau meinte. Ich fühlte mich weder verstanden noch akzeptiert.
Früher hätte mich das völlig aus der Fassung gebracht. Ich blicke auf eine lange Reihe missglückter Diskussionen (mit meinen Eltern) zurück, und weil es nie gelang, ein Streitthema wirklich für alle bereichernd zu erörtern, habe ich es irgendwann aufgegeben. Ich habe stattdessen eine Konfliktscheu entwickelt und es mir zur Gewohnheit gemacht, meine Probleme im Stillen zu betrachten, selber alle erdenklichen und mir zugänglichen Perspektiven abzuwandern, um wenigstens für mich selbst eine tragbare Haltung zu einer Sache zu finden.
Nur in meinem Freundeskreis finde ich Menschen, mit denen ich kontrovers diskutieren kann. Uns macht es nichts aus, unterschiedlicher Ansicht zu sein. Es ist vielmehr spannend, die Geschichte des Anderen kennen zu lernen. Da keiner unbedingt Recht bekommen möchte, gibt es auch die Streitebene nicht, selbst wenn der eine oder andere Standpunkt emotional vorgetragen wird. Es herrscht einfach eine Stimmung der Neugier. Wie kommt einer auf seine Art der Betrachtung und Auffassung?
Da wir einander also nicht missionieren wollen, erlebe ich selbst die Nichtübereinstimmung als Bestätigung! Denn ich kann eine weitere Perspektive dazugewinnen und meinen Horizont runder machen.
Nicht so im Familienkreis.
Hier scheint die Unterschiedlichkeit von Auffassungen eine Gefahr für Leib und Leben darzustellen.
Und genau das empfinde ich so in Sachen Gehorsam.
Wenn ich ihn verweigere, dann bringe ich etwas ins Wanken – die Pläne des Bestimmers, die Pfeiler seiner Welt. Und jede einzelne Gehorsamsforderung ist ein Angriff auf die Integrität eines Menschen, Kindes. Eine Untergrabung seiner Autonomie, Selbstbestimmung. Ein Akt der Willkür. Eine Erfahrung von Willkür. Eine Untergrabung der Ernsthaftigkeit und Wahrhaftigkeit freiheitlicher Werte.
Natürlich gibt es Fälle, in denen wenig Zeit zur Diskussion und Betrachtung ist, ich muss ein Kind handfest vom Betreten der Straße abhalten, wenn ich ein Auto heransausen sehe, das es selbst nicht bemerkt. Aber es wird unmittelbar feststellen können, dass es zu seinem Schutz war, und sich entsprechend schnell mit diesem Übergriff in Übereinstimmung bringen können. Das heißt aber noch lange nicht, dass es mir nun bis ans Ende aller Tage blind vertrauen wird und mir kommentarlos erlaubt, nach Gurdünken überzugreifen.
Wir sind Lebewesen mit ständiger Rückkopplung. Ein Naturgesetz erkennen wir daran, dass es in 100% der Fälle wirkt, und wenn es das nicht mehr tut, dann ist es keins. Und auch nach 1000maligem „Funktionieren“, wenn wir vielleicht schon eine gewisse Überzeugung gewonnen haben, kann Nr. 1001 eine Überraschung bereithalten – das haben wir alle vielfach erlebt, als wir laufen lernten. Immer auf die Nase gefallen, und dann doch irgendwann mal oben geblieben. 100%ige Zuverlässigkeit haben wir Menschen allein darin, dass wir uns irren können. Ich denke, also irre ich.
Demgegenüber ist die Bereitwilligkeit, sich einem Projekt anzuschließen, einem Chor, einer Sportgruppe, um mit anderen gemeinsam ein Ziel zu erreichen, eine völlig andere Kiste. Ich gehe gestärkt aus allen Anstrengungen hervor, denn ich wende meine Kraft für eigene Ziele an, die ich mit anderen gemeinsam habe. Zwischenzeitlich auftretende Zweifel werden ernst genommen und aufgelöst, nicht einfach übergangen, denn jeder Motor, der ausfällt, verlangsamt den Vorgang, und jede Kraft, die zur Aufrechterhaltung der Mitwirkung abgezogen wird, fehlt dem Schaffensprozess.
Die Skepsis gegenüber dem Willen Anderer werden wir vom Leben gelehrt.
Und wenn Pädagogen und andere Erwachsene endgültige Prognosen stellen zu können meinen, dann müssen sie mit den mehr oder weniger bösen Überraschungen zu leben lernen… Die positiven Gegenbeweise sind es, die mich dazu bringen, meine Hoffnung nicht aufzugeben, immer das Beste zu erwarten und auf das Schlimmste vorbereitet zu sein.
Nunja, ich arbeite dran, denn der Weg aus der Hoffnungslosigkeit birgt viele Rückschläge.
Übers Denken können wir uns gepflegt streiten, aber Gefühle sind wie sie sind. Wenn ich über irgendetwas traurig werde, dann kann das keiner wegreden. Man kann vielleicht erreichen, dass ich nicht so lange traurig bleibe, wenn ich Trost erfahre durch Empathie und Anteilnahme, Spiegelung und Anerkennung meines Schmerzes.
Man kann auch erreichen, dass ich meine Trauer nicht mehr zeige.
Oder dass ich sie auch für mich selbst unsichtbar mache und unterdrücke.
Eine Gefühlslage zu kontrollieren macht durchaus Sinn, schon allein, wenn man in Betracht zieht, dass zu jedem Zeitpunkt mehrere Bedürfnisse hungrig sein können und immer hungriger werden, bis Stillung gefunden ist. Da muss man schonmal eine Reihenfolge bilden, und eines nach dem anderen sättigen. Manchmal gibt es „Nahrung“, die für mehrere Bedürfnisse Befriedigung bringt, das ist dann ein besserer Treffer im „Lotto“. Es gibt auch Stillungen, die auf Kosten anderer Bedürfnisse gehen, die sehe ich dann als faulen Kompromiss an.
Man kann über die Stillungsmittel und -wege diskutieren. Nicht über die Bedürfnisse und die dazugehörigen Gefühle und Emotionen, die eindeutig Hinweis geben.
Man kann darüber diskutieren, ob Ausnahmen die Regel sein dürfen, wenn es um diejenigen Stillungen geht, die auf Kosten anderer Bedürfnisse oder anderer Menschen/Lebewesen gehen. Man kann darüber diskutieren, wie die Kompensation aussehen kann. Wir können uns vor dem Leben verneigen, bevor wir es aufessen, denn wir leben nun einmal an diesem Ende der Nahrungskette. Es ist versöhnend und hilft, seinen eigenen Platz im Universum zu erkennen.
Wir, diese wahrnehmenden, fühlenden, reflektierenden, nachdenkenden Stoffwechsler. Denken. Danken.
Danke für die Pause von der Schule. Einer Schule, die ein fauler Kompromiss ist.

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Woche XXXIX | Montag, 23.05.2016

Es hat keinen Freitags-Eintrag gegeben, denn es gab nichts zu schreiben. Auch heute am Wochenstart bewegen mich weniger die aktuellen Vorfälle, weil es schlichtweg keine gibt. Jedenfalls keine, von denen ich weiß.
Ich habe gleichwohl immernoch um gelingendes Familienleben zu ringen, da die Kinder nicht ganz in ihrer Mitte sind, aber das, was jetzt läuft, halte ich überwiegend für „normale“ Entwicklungsetappen. So wie sie eine Phase des Ja-Sagens hatten, die von einer Nein-Zeit abgelöst wurde, so wie sich die Wahrnehmung im Laufe der Zeit ausdifferenziert, so wie sie eine zeitlang sehr hilfsbereit waren und mitwirken wollten, so gibt es eben auch eine Zeit des Alleinseinwollens, des Puzzelns, und bei den Größeren die Sucht nach Altersgenoss*innen und Abgrenzung von den Altvögeln.
Mich können jetzt auch Altlasten beschäftigen, noch offene Entwicklungsfragen, aber auch die Verwicklungen der vergangenen Schuljahre.
Sozial-emotionale Kompetenz steht da weit vorn, aber auch die Beantwortung der Frage, wie Kinder denn Motivation für den Erwerb der Kulturtechniken und die Aneignung von Wissen finden können, wenn sie nicht mehr per Zensuren und Sanktionen dazu gezwungen werden sollen. Wie an der Schule meines Jüngsten, die aber im Konzept dazu keine Aussage formuliert. Die Anfangsneugierde lässt irgendwann nach, es kommt früher oder später auch zum Nachlassen der Bereitwilligkeit zur Mitwirkung bei Themen und Aufgaben, die sich die Kinder nicht selbst gesucht haben. Nun wird es interessant: Wie kann ein*e Erwachsene*r das Feuer am Brennen halten? Oder kann er/sie es aushalten, wenn es mal ausgeht? Kann er/sie zulassen, dass der ihm/ihr anvertraute noch so junge Mensch die Sinnfrage stellt? Hier braucht es schon sozial-emotionale Kompetenz, denn die Welt der Gefühle und Emotionen ist wie ein Schilderwald. Hier brauchen Kinder ganz sicher gute Begleitung, wenn sie diese inneren Maßstäbe nutzen lernen sollen. Bisher ist Verdrängung und Überwindung das, was gemeinhin angeboten wird – mancherorts mag sich das bereits wandeln, aber es ist dennoch Neuland. Erst recht schwierig wird das Gelände, wenn es interaktiv wird und zwei Personen beteiligt sind. Die eigenen Gefühle und Bedürfnisse und die der anderen Person liegen nun in den Waagschalen, da kommt es einem langsam sinnvoll vor, dass sich die Mächtigeren Regeln ausgedacht haben, wie es sein sollte, und diese dann mit den Mitteln der Hierarchie durchgesetzt und aufrechterhalten haben.
Wie geht das zwischen gleichwürdigen Beteiligten?
Jedenfalls nicht so schnell.
Vielleicht spielt sich das im Laufe der Zeit ein, denn alle Sachen, die häufig genug vorkommen oder getan werden, automatisieren sich und werden dann auch schneller.
Kann es also einmal Gewohnheit werden, dass wir unsere Kommunikation umstellen von einer Anweisungsausteilung hin zur gemeinsamen Lagebetrachtung und Handlungsentscheidung? Dass wir sie dafür derart entschleunigen, dass es das heutige Schnellschnell wirklich nur noch in Notfällen gibt?
Ich hoffe sehr und bleibe weltfremd, indem ich es jetzt schon probiere. Nicht leicht, so oft falle ich selbst in die alten Gewohnheiten zurück…

Woche XVIII | Freitag, 01.01.2016

Neues Jahr, neue Ziffer am Ende des Datums, wenn man es nicht in internationaler Schreibweise verfasst. Rituale, die helfen, mitten in der dunkelsten Zeit des Jahres die Aufmerksamkeit auf erste Dinge oder die Reste des eigenen Idealismus zu lenken. Wieder eine Orientierungsmöglichkeit für das eigene Hinkriegen oder Versagen zu schaffen.
Nach zwei Wochen schulfrei kommen wir als Menschen wieder ins Lot, können unsere Aufmerksamkeit anderen Dingen schenken als der Ausbalancierung des inneren Gleichgewichtes, Oben und Unten sind an ihre Plätze zurückgekehrt. Das ging dieses Mal wirklich schneller als gewohnt, nach meiner Erfahrung sind die Sommerferien dafür schon zu kurz gewesen. Vielleicht konnten uns die vergangenen Schulwochen dieses Mal nicht so viel anhaben, vielleicht weil ich darüber schreibe und mit Menschen ins Gespräch gehe und den Aschenbrödel-Job des Sortierens immer genauer auszuführen in die Lage komme?
Kkumhada hat nun die Nase voll von Dauerschnupfen, sie will beginnen, etwas zu ihrer Genesung zu tun. Oishi-Kawaii bleibt am liebsten in ihrer Mal-Ecke, ich schiebe sie in Abständen an die frische Luft und bringe sie dazu, Springseil zu springen oder ähnliches. Aber meine Geduld ist wenig nennenswert und es ist eine Krücke, bis sie aus innerem Bedürfnis in Bewegung kommt… McFlitz hatte seinen Kumpel jeden Tag zum Spielen und hat ausgiebig gegackert, mal drinnen, mal draußen, ein abwechslungsreiches Hin und Her. Allerdings hatte er eher wenig Lust, seinen Schlafanzug auszuziehen, und am Silvesterabend tat er es erst kurz vor dem „Böse-Geister-Verjagen“…
Ja, wir haben zu Hause beieinander gesessen, im Fernsehen wurde Otto zu 50 Jahren Bühne gratuliert und hinten dran gab es jene legendäre Sendung, die ich seinerzeit (1983) mit dem Kassettenrekorder am Fernseher meiner Oma aufgezeichnet hatte und in der Folge fast komplett auswendig mitsprechen konnte… So hatten wir im alten Jahr doch noch was zu lachen.
Bei uns hält sich die Lust am Feiern sonst ziemlich in Grenzen, die Kinder sind in ihrer weitgehenden Unverdorbenheit noch lebensfreudig genug, sich auf Geburtstage und Weihnachten zu freuen, ich bin da eher gedämpfter Stimmung, mein Mann findet seine Freude auch besser in der ungestörten Stillbeschäftigung.
Die Rituale um Weihnachten und Silvester in unserer kleinen Familie haben sich im Laufe der Jahre diesem Bedürfnis angepasst und unsere Kinder haben eine andere Selbstverständlichkeit kennengelernt als wir in unserer Kindheit.
Für’s neue Jahr habe ich mir nichts Besonderes vorgenommen, ich will weitermachen wie bisher. Weiter in der (Ein)Übung des Friedens, in der Wahrnehmung des Augenblicks, der Gegenwart, meiner Gefühle und Emotionen, in der Eindämmung des Daueralarmzustandes. In der einfühlsamen Kommunikation werde ich mich weiter umtun und Achtsamkeit, komplexes Denken praktizieren, wenn ich versuche, ein Bedürfnisse zu stillen ohne ein anderes zu beeinträchtigen oder diejenigen anderer Menschen. Ich werde an meiner Heilung weiterarbeiten, was im Besonderen bedeutet, den „Inneren Schweinehund“ weiter zu entzaubern und zurückzuverwandeln in den Wolf, der er einst war. Oder was auch immer für ein Totem 😉 Darauf bin ich neugierig und freue mich auf die entsprechenden Ent-Deckungen!

Woche XVII | Montag, 21.12.2015

Gestern war oben genannter Tag, erster Ferientag, der für mich ganz und gar im Zeichen der Gesundung und Wiederherstellung stand. Ist ja nichts Ungewöhnliches, wenn endlich Luft ist: Erstmal brechen die Notfall- und Behelfsmechanismen zusammen, die alles aufrecht erhalten haben, was an Reserven da war, um das Alltagsprogramm zu absolvieren. Ich empfinde das durchaus wie einen Alarmzustand, wenn ich andauernd in Bereitschaft bin oder im Hinterkopf die Terminspirale rotiert und mich aus der Gegenwart zerrt.
Also alle geplagten Zellen wieder normalisieren, reparieren, aufräumen…
Die Kinder versenken sich in Legobauen (McFlitz), und Bildschirmgenuckel (die Mädels). Sie sind durchaus nicht nur am Saugen, Spiele und Chats funktionieren wie die echten, nur dass der Körpereinsatz der Spielenden auf ein Minimum beschränkt bleibt bzw. sehr einseitig belastende Haltungen vorherrschen. Ich habe also meine Rolle als böse Mutter eingenommen und sie an die frische Luft gejagt. Ich hasse diese Rolle. Ich denke, im Märchen musste immer eine Stiefmutter herhalten fürs Bösesein, weil man eine Mutter ganz sicher nicht mit solch einer Eigenschaft in Verbindung bringen wollte. Wo doch alle Kinder ihre Mutter lieben wollen!
Ich empfinde mich als böse, wenn ich meine eigenen Bedürfnisse geltend machen möchte und das dann gleichzeitig bedeutet, dass die Kinder sich meinem Willen beugen müssten. Ich bin vielleicht übermäßig sensibel für Übergriffe auf die Selbstbestimmung. Wie gut hat es da Yakari, der nicht ständig vor einer menschgemachten gefährlichen Umwelt geschützt werden muss und zu diesem Zwecke eingesperrt oder rausgejagt wird o.ä.. Ich würde die Kinder gern jeden Tag einfach loslegen lassen bis sie von sich aus spüren, wie hungrig oder müde sie gerade sind. Wie sehne ich mich auch nach einer menschlichen Gemeinschaft, die wie ein Netz alle ihre Kinder hält, nach Bedarf anleitet oder unterstützt.
Nun, es bleibt den Ferien vorbehalten, den eigenen Rhythmus wiederzuentdecken. (Ich hoffe, sie sind dafür lang genug…)
Weihnachten ist dran. Ja, auch das empfinde ich als Termin. Ich bin weder in der Stimmung, die nötig ist, um die dunkelste Zeit des Jahreskreises als Wendepunkt und Beginn der Winterruhe zu feiern, zumal es nirgends wirklich dunkel ist und Ruhe auch nicht in Sicht. Heilig ist mir das Wohlergehen der Kinder und es reicht nicht, einmal im Jahr daran zu erinnern, wie zerbrechlich und nackt und liebenswert sie sind, und sie dann den Rest des Jahres ans Kreuz zu nageln und irgendwelchen Plänen zu opfern. (Die ja letztendlich von einem Wirtschaftswesen geprägt sind, das künstlich Not schafft, sie mit Pseudozeugs verlängert und daraus Profit schlägt.) Die Konsumschlacht vor Weihnachten gibt mir weitere Gelegenheit, die böse Mama zu sein, meine Kinder nur mit Nüssen und Äpfeln im Nikolausstiefel dumm aussehen zu lassen in der Runde ihrer Gleichaltrigen, die sich mit der Schilderung ihrer Gaben gegenseitig übertrumpfen.
Naja, ich bin’s ja schon ein wenig gewöhnt, diese Rolle zu spielen. Spaß macht’s trotzdem nicht. Vielleicht wird’s lustiger, der Wirtschaft die kalte Schulter zu zeigen. Den Lehrplänen und dem Zwang, schlechte Noten zu erteilen. Die armen Lehrer*innen! Sie müssen das ja machen. Ist ja Vorschrift. Wie wär’s mit einem Notenumtausch-Laden? Und die armen Firmen, sie müssen ja Gewinn erwirtschaften und Leute ausquetschen und Natur zerstören, schließlich wollen die Käufer billig kaufen. Vielleicht müssen sie, weil sie gar nicht genug Geld haben für planeten- und mitarbeiterfreundlich hergestellte Produkte?
Ich denke an all den Schmerz, der in den Sachen steckt, die wir hier zu kaufen kriegen. Und: schenke dieses Jahr nur selbst Gemachtes. Ich singe, nehme in den Arm, gebe meine Zeit, meine Gedanken, dichte eigene Reime und fertige kleine Büchlein an. Dazu bräuchte ich noch Umweltpapier, damit es rundum „verdaulich“ wird. Na, ich arbeite drauf hin… Oder wie wär’s Anfang Februar mit einem Zeugnis-Umtausch-Flashmob? Auf dem neuen Zeugnis steht sowas wie „Das Kind … ist ein menschliches Wesen mit Gefühlen und Bedürfnissen. Es lernt in eigenem Tempo, hat besondere Talente und möchte in einer sicheren, anregenden menschlichen Gemeinschaft aufwachsen.“ Oder so ähnlich. (Ach, traumhaft. Lasst mich noch ein bisschen weiterschlafen!) Vorschläge, Absichtserklärungen, Berichte und Hinweise auf solche Aktionen bitte hierher und an jedes schwarze Brett… Das wär mal weihnachtlich!

Woche XIII | Montag, 23.11.2015

Ein zauberhafter Start: über Nacht ist etwas Schnee gefallen. Draußen sind Feld, Wiese und Bäume mit etwas Weiß überpudert. Dieser Erste bewegt mich immernoch und bringt mich zum Staunen. Ich fühle mich wie ein personifiziertes Oh! und Ah!
Wir sind alle gesund und an unserer Arbeit. Das Wochenende hat mir interessante Gespräche und Beobachtungen und damit Stoff zum Nachdenken beschert. In der Schule war Elternsprechtag, ich hatte keine eigenen Termine vereinbart, gesellte mich einfach in das SchülerCaf´e und plauderte mit den Pädagog*innen. „Druck müssen wir aber auch machen“, ist ein Spruch, den es immer wieder zu hören gibt. Ich bin jetzt ganz klar in dieser Hinsicht geworden: Kinder brauchen nicht Druck, sie brauchen Schwerkraft. Wichtigkeit, Bedeutung, Sinn. Muskeln, Sehnen, Knochen – das alles brauchen wir, um der Schwerkraft der Erde etwas entgegenzusetzen. Und ihre Benutzung macht sie besser, bewirkt die Produktion von Botenstoffen in unserem Körper, die uns verlocken, weiter zu trainieren. Naja, nur, wenn freiwillig. Bzw. sonst werden diese Botenstoffe gleich wieder verbraucht, um die Verletzungen der eigenen Intergrität zu reparieren. Oder so.
Es ist sinnlos, das mit Noten zu bewerten.
Genauso die Musikalität eines Menschen.
Oder seine künstlerische Begabung.
Oder oder.
Und fürs Lernen braucht es Sinn, Wichtigkeit – JA! aber Druck??? Die Schwerkraft heißt hier dann vielleicht Werte, wenn etwas als Schatz betrachtet wird, wahrhaftiglich, dann muss es niemandem eingeprügelt werden, oder? Lasst die Schulen zu Schatzkammern werden!
McFlitz hatte Chorwochenende und war begeistert. Die Chorleiterin versuchte, das mit Worten zu fassen, was Kindern an so einem Wochenende angedeiht. Sie singen zusammen, stellen sich aufeinander ein und gliedern ihre eigene Stimme in den Gesang. Sie hat beobachtet, wie die gegenseitige Achtsamkeit zunimmt und die Kinder beginnen, füreinander Verantwortung zu übernehmen, Unterstützung für ein gemeinsames Leben zu leisten.
Kkumhada kam mit zum Abschlusskonzert, ich staunte über ihre Aufgeschlossenheit und ihren Wunsch, beim ersten Auftritt ihres kleinen Bruders dabei zu sein, Oishi-Kawaii dagegen zog es vor, für sich zu Hause zu bleiben. Sie hatte drei Tage lang ein Wechselbad der Gefühle durchwatet: Geplant war ein Ausflug nach Berlin mit ihrer Freundin. Deren Eltern wollten das dann aber nicht, wegen der Attentatsgefahren. So blieb es bei einem Bummel-Gang durch eine näher gelegene Stadt. Das konnte sie dann schlussendlich auch froh genießen und kam am Samstag Abend glücklich wieder nach Hause. Der nächste Wermutstropfen ließ nicht lange auf sich warten, ein größeres Treffen mit Freunden am Sonntag Morgen drohte für sie zu scheitern wegen des Zeitplanes der Eltern ihrer Freundin…
Wenn ich mir Konzerte meiner Kinder ansehe, kommen mir immer die Tränen der Rührung. Sicherlich hängt das auch mit meinen eigenen Erinnerungen an Chorerlebnisse zusammen, aber mitzuerleben, wie aus dem eigenen Kind ein aufgeregtes, frohes, Musik machendes Wesen in einer Gemeinschaft wird, das eine Bühne bekommt und sein selbst geübtes Können beitragen und zeigen darf, treibt mir die Wasser der Glückseligkeit durch die Schleusentore. Nicht nur das Musizieren selbst ist unschätzbare Medizin, auch das in einer Gruppe gelebte Miteinander schafft Einsamkeit ab und bietet Berührungspunkte. Natürlich vorausgesetzt, dass genau das auch zum Kriterium erhoben wird…
Heute also weiß und mit Sonne, die die unzähligen Schmelzwassertropfen an den Sträuchern und Bäumen zum Glitzern und Funkeln bringt. Auch mein Gemüt ist sonnig, und ich spanne die Segel auf, um das Licht einzufangen.