Woche XXXXVIII | Montag, 25.07.2016

Ferien nun also. Für mich heißt das in dieser ersten Woche: ich habe keines meiner Kinder zu Hause. Sie sind vorfreudig in ihre jeweiligen Vorhaben gestartet, davon eins innerfamiliär, das andere ein aus Bundesmitteln finanziertes Medienferienlager.
Ohne diese beiden Möglichkeiten sähen wir alt aus, denn wir können uns keine kostenpflichtigen Ferienlager leisten.
Als mein „innerfamiliäres“ Ferienkind übergeben wurde, entspann sich ein Gespräch über Motivation in einer Schule ohne Noten, das emotionsbeladen wurde in dem Moment, als das Wort Gehorsam fiel. Insbesondere als ich sagte, dass es nur entweder oder geben könne – entweder ich will intrinsisch motivierte Bereitwilligkeit, dann kann ich keine Gehorsamsforderungen stellen, oder ich fuße meine Antriebskultur auf Gehorsam. Diese Position stieß auf vehementen Widerstand.
Da es nicht genug Zeit gab, das eingehend zu betrachten, ist es auch müßig, sich deshalb aufzuregen, aber ich war nicht gleichgültig geblieben in Bezug auf die Art des Gespräches. Nicht nur, dass aus einer Betrachtung von Wirkungen gleich ein Meinungsstreit zu werden drohte, was etwas völlig anderes ist, ich hatte außerdem nicht das Gefühl, dass die Begriffe überhaupt genug geklärt waren, so dass wir hätten wissen können, was der jeweils andere damit genau meinte. Ich fühlte mich weder verstanden noch akzeptiert.
Früher hätte mich das völlig aus der Fassung gebracht. Ich blicke auf eine lange Reihe missglückter Diskussionen (mit meinen Eltern) zurück, und weil es nie gelang, ein Streitthema wirklich für alle bereichernd zu erörtern, habe ich es irgendwann aufgegeben. Ich habe stattdessen eine Konfliktscheu entwickelt und es mir zur Gewohnheit gemacht, meine Probleme im Stillen zu betrachten, selber alle erdenklichen und mir zugänglichen Perspektiven abzuwandern, um wenigstens für mich selbst eine tragbare Haltung zu einer Sache zu finden.
Nur in meinem Freundeskreis finde ich Menschen, mit denen ich kontrovers diskutieren kann. Uns macht es nichts aus, unterschiedlicher Ansicht zu sein. Es ist vielmehr spannend, die Geschichte des Anderen kennen zu lernen. Da keiner unbedingt Recht bekommen möchte, gibt es auch die Streitebene nicht, selbst wenn der eine oder andere Standpunkt emotional vorgetragen wird. Es herrscht einfach eine Stimmung der Neugier. Wie kommt einer auf seine Art der Betrachtung und Auffassung?
Da wir einander also nicht missionieren wollen, erlebe ich selbst die Nichtübereinstimmung als Bestätigung! Denn ich kann eine weitere Perspektive dazugewinnen und meinen Horizont runder machen.
Nicht so im Familienkreis.
Hier scheint die Unterschiedlichkeit von Auffassungen eine Gefahr für Leib und Leben darzustellen.
Und genau das empfinde ich so in Sachen Gehorsam.
Wenn ich ihn verweigere, dann bringe ich etwas ins Wanken – die Pläne des Bestimmers, die Pfeiler seiner Welt. Und jede einzelne Gehorsamsforderung ist ein Angriff auf die Integrität eines Menschen, Kindes. Eine Untergrabung seiner Autonomie, Selbstbestimmung. Ein Akt der Willkür. Eine Erfahrung von Willkür. Eine Untergrabung der Ernsthaftigkeit und Wahrhaftigkeit freiheitlicher Werte.
Natürlich gibt es Fälle, in denen wenig Zeit zur Diskussion und Betrachtung ist, ich muss ein Kind handfest vom Betreten der Straße abhalten, wenn ich ein Auto heransausen sehe, das es selbst nicht bemerkt. Aber es wird unmittelbar feststellen können, dass es zu seinem Schutz war, und sich entsprechend schnell mit diesem Übergriff in Übereinstimmung bringen können. Das heißt aber noch lange nicht, dass es mir nun bis ans Ende aller Tage blind vertrauen wird und mir kommentarlos erlaubt, nach Gurdünken überzugreifen.
Wir sind Lebewesen mit ständiger Rückkopplung. Ein Naturgesetz erkennen wir daran, dass es in 100% der Fälle wirkt, und wenn es das nicht mehr tut, dann ist es keins. Und auch nach 1000maligem „Funktionieren“, wenn wir vielleicht schon eine gewisse Überzeugung gewonnen haben, kann Nr. 1001 eine Überraschung bereithalten – das haben wir alle vielfach erlebt, als wir laufen lernten. Immer auf die Nase gefallen, und dann doch irgendwann mal oben geblieben. 100%ige Zuverlässigkeit haben wir Menschen allein darin, dass wir uns irren können. Ich denke, also irre ich.
Demgegenüber ist die Bereitwilligkeit, sich einem Projekt anzuschließen, einem Chor, einer Sportgruppe, um mit anderen gemeinsam ein Ziel zu erreichen, eine völlig andere Kiste. Ich gehe gestärkt aus allen Anstrengungen hervor, denn ich wende meine Kraft für eigene Ziele an, die ich mit anderen gemeinsam habe. Zwischenzeitlich auftretende Zweifel werden ernst genommen und aufgelöst, nicht einfach übergangen, denn jeder Motor, der ausfällt, verlangsamt den Vorgang, und jede Kraft, die zur Aufrechterhaltung der Mitwirkung abgezogen wird, fehlt dem Schaffensprozess.
Die Skepsis gegenüber dem Willen Anderer werden wir vom Leben gelehrt.
Und wenn Pädagogen und andere Erwachsene endgültige Prognosen stellen zu können meinen, dann müssen sie mit den mehr oder weniger bösen Überraschungen zu leben lernen… Die positiven Gegenbeweise sind es, die mich dazu bringen, meine Hoffnung nicht aufzugeben, immer das Beste zu erwarten und auf das Schlimmste vorbereitet zu sein.
Nunja, ich arbeite dran, denn der Weg aus der Hoffnungslosigkeit birgt viele Rückschläge.
Übers Denken können wir uns gepflegt streiten, aber Gefühle sind wie sie sind. Wenn ich über irgendetwas traurig werde, dann kann das keiner wegreden. Man kann vielleicht erreichen, dass ich nicht so lange traurig bleibe, wenn ich Trost erfahre durch Empathie und Anteilnahme, Spiegelung und Anerkennung meines Schmerzes.
Man kann auch erreichen, dass ich meine Trauer nicht mehr zeige.
Oder dass ich sie auch für mich selbst unsichtbar mache und unterdrücke.
Eine Gefühlslage zu kontrollieren macht durchaus Sinn, schon allein, wenn man in Betracht zieht, dass zu jedem Zeitpunkt mehrere Bedürfnisse hungrig sein können und immer hungriger werden, bis Stillung gefunden ist. Da muss man schonmal eine Reihenfolge bilden, und eines nach dem anderen sättigen. Manchmal gibt es „Nahrung“, die für mehrere Bedürfnisse Befriedigung bringt, das ist dann ein besserer Treffer im „Lotto“. Es gibt auch Stillungen, die auf Kosten anderer Bedürfnisse gehen, die sehe ich dann als faulen Kompromiss an.
Man kann über die Stillungsmittel und -wege diskutieren. Nicht über die Bedürfnisse und die dazugehörigen Gefühle und Emotionen, die eindeutig Hinweis geben.
Man kann darüber diskutieren, ob Ausnahmen die Regel sein dürfen, wenn es um diejenigen Stillungen geht, die auf Kosten anderer Bedürfnisse oder anderer Menschen/Lebewesen gehen. Man kann darüber diskutieren, wie die Kompensation aussehen kann. Wir können uns vor dem Leben verneigen, bevor wir es aufessen, denn wir leben nun einmal an diesem Ende der Nahrungskette. Es ist versöhnend und hilft, seinen eigenen Platz im Universum zu erkennen.
Wir, diese wahrnehmenden, fühlenden, reflektierenden, nachdenkenden Stoffwechsler. Denken. Danken.
Danke für die Pause von der Schule. Einer Schule, die ein fauler Kompromiss ist.

Woche XXXXVI | Montag, 11.07.2016

Eins meiner Kinder nimmt an einem Projekt außerhalb der Schule teil, an dessen Ende eine Aufführung steht. Echter geht’s nicht. Und sicheres Experimentier-Feld für die Jugendlichen: sie sind begleitet, beraten, beschützt von Erwachsenen, die sich die Mühe machen, den ganzen Zirkus auf die Beine zu stellen, ohne dass ihnen das jemand aufgetragen oder vorgeschrieben hat.
Erwachsene, die für ihren Lebensraum und damit den der Kinder etwas schaffen wollen, was die Menschen zusammenbringt, sie etwas gemeinsam vollbringen lässt, was sie inspiriert und hinterm Ofen hervorlockt, weil sie unbedingt mitwirken wollen. Und dafür die Gelegenheit bekommen! Von ihren Nachbarn!
Danke, liebe Nachbarn!!!
Es wird keine Noten geben.
Der Applaus allein wird der „Lohn“ für alle Anstrengungen dieser Woche sein.
Und der Maßstab wird das eigene innere Bild sein, das im Laufe der Arbeit entsteht und wächst, und die Rückmeldungen der übrigen Mitwirkenden werden den Spiegel bilden, in dem jeder einzelne Beteiligte sein inneres Bild abgleichen kann, seinen Ist-Stand laufend ermittelt und Innen und Außen synchronisiert.
Wir müssen den Kindern solche echten Herausforderungen bieten, wenn sie in der Gegenwart bleiben oder wieder ankommen sollen. Und wir müssen ihnen dabei authentische Orientierungsmarken sein – integre Menschen wie sie auch, mit Bedürfnissen und Gefühlen, die wie auch ihre eigenen respektiert werden. Sie müssen selber was tun können, wichtige Aufgaben übernehmen, und brauchen Verständnis für Patzer aber keine Beliebigkeit, sondern Lösungen, die nach einem Missgeschick alles wieder in Ordnung bringen, das Lernpotenzial solcher Situationen muss einfach genutzt werden. Anstatt mit „Konsequenzen“ irgendwas zu lenken, müssen die echten Folgen wahrnehmbar sein und zur Basis der Entscheidungen werden. Wenn sich ein Kind zum Mitmachen im Unterricht bereitfinden soll, dann spielt es eine außerordentlich wesentliche Rolle, ob es gehorsam sein soll oder es wirklich wichtig ist für die Gruppe und die Lehrperson, und wenn ja, warum.
Kinder, die zum Beispiel gern gemein sind zu Anderen, müssten dann auf der Basis echter Emotionen „behandelt“ werden – also z.B.: Wenn ein Kind mich gerade ärgert, dann wende ich mich ab, weil ich traurig und wütend bin und in solch einer Verfassung nicht mehr mit ihm spielen kann. Ich gehe weg, um mit meinem inneren Sturm fertig zu werden, zur Lehrerin oder einem anderen Kind, was zu mir hält. Das Kind, das mir zugesetzt hat, verliert sein „Opfer“, plötzlich kommt es mir hinterhergerannt, der Spieß ist umgedreht, es will sein „Spielzeug“ nicht verlieren und muss sich auf meinen Teil der Regeln einlassen.
So etwas kann ein unterlegenes Kind nicht allein durchspielen, deshalb wendet es sich an einen Freund oder einen Erwachsenen. Wenn letztere sagen, das müssen die Kinder selber klären, dann verweigern sie gute Beratung und Begleitung und das Hochhalten von „Werten“. Schutz und Sicherheit sind dann Mangelware und die Tyrannei der Kinder untereinander kann sich ausbreiten.
Natürlich ist es keine Hilfe zu schimpfen oder zu bestrafen oder nur zu sagen „Das macht man nicht“. Es ist wichtig, die Kinder im Umgang mit ihren Gefühlen anzuleiten. Der Kneifer weiß gar nicht, wie weh das dem anderen tut, aber wenn der es ihm immer sagt und dann nicht nur einfach mit einem „Der ist doof“ zurückschlägt, sondern mit einem „Wenn du mir weh tust, kann ich nicht mit dir spielen und dein Freund sein.“ Genaueres mitteilt, dann wird der Kneifer dabei bleiben müssen, Fangen zu spielen, sich über Kneif-Treffer kurz zu freuen, über den Effekt, den das bringt: ja, der andere guckt, schreit, schlägt zurück oder läuft weg – friedlich und froh zusammen zu spielen ist da eine andere Qualität.
Auch ich als Erwachsene bin ein Testobjekt, wenn ich das zulasse. Aber auch ich als Erwachsene kann auf „Konsequenzen“ immer mehr verzichten, wenn ich beginne, meine Bedürfnisse und Gefühle gleichwertig ins Spiel zu bringen. Wenn mich ein Kind immer wieder „austrickst“, dann werde ich beim dritten Mal keine Ausnahme mehr annehmen, dann werde ich da auch nicht „großzügig“ über irgendwas hinwegsehen, denn es geht dem „Stänkerkind“ genau darum zu erfahren, was denn nun ist, wenn es stänkert.
Was will nun ich? Will ich Gehorsam oder will ich Bereitwilligkeit? Danach allein richtet sich mein weiteres Handeln.
Will ich letzteres, dann werde ich meine Traurigkeit und Enttäuschung mitteilen, vielleicht bin ich ja sogar wütend? Ich werde klar sagen, dass ich nichts mehr glauben kann, was es sagt, und nicht mehr mit ihm spielen, weil ich mich nicht darauf verlassen kann, dass es wirklich mein Freund ist. Ein Freund will doch keinen Ärger machen, der unterstützt doch?! Ich bin dann mitten in der Betrachtung des Geschehens, und dann geht der Praxistest weiter: Freund oder nicht?
Echt oder nicht?
Haltbar?
Zuverlässig?
Orientierungspunkt???
Unser aller Zugehörigkeits/Teilhabebedürfnis ist hier aktiv. Wenn ich mich als Schimpftante erweise, dann will sicherlich kein Kind zu mir gehören. Will ich eine Klasse zu einer Gemeinschaft machen, dann muss ich selbst Gemeinschaft können, wie geht das? Nur mit Vertrauen, vertraut Sein, einander kennen, die Grenzen und Anzeichen sehen und lesen können/lernen, die zeigen, wie es um die einzelnen Beteiligten steht.
Auch um mich als Lehrerin oder Betreuerin. Es strahlt ja ohnehin durch alles Tun hindurch. Sozial-emotional kompetent wäre dann, damit integrierend umzugehen, nicht es auszusperren und dauerhaft zu unterdrücken.
Sprechen lernen.
Verhandeln lernen.
Je jünger die Kinder, umso weniger ausdifferenziert ist das traurig-oder-froh-Kontinuum, und umso einfacher sind auch die Lösungen: es reicht z.B. „Vertragen“. Schulkinder sind da schon kritischer und bekommen ein zunehmend gutes Gedächtnis.
Und wenn sie groß sind, dann werden sie vielleicht genauso nachtragend wie wir…
Stellen wir uns dieser Aufgabe?
Wer macht mit?

Woche XXXVIII | Montag, 16.05.2016

Ich schreibe im Rückblick, denn ich war gestern außerstande.
Mich beschäftigt ein Gedanke aus einem Vortrag bzw. Gespräch mit Joachim Bauer, das ich auf youtube ansah. Es ging um die Wiederentdeckung des freien Willens. Den üben wir aus, wenn wir nicht als Reiz-Reaktions-Automaten agieren, sondern zwischen Reiz und Reaktion innehalten, Luft holen und den Blick für verschiedene Möglichkeiten öffnen. Diese verschiedenen Möglichkeiten sehen zu lernen, sie zu bewerten, ihre Folgen abzuschätzen und zwischen allem abzuwägen, könnten unsere Kinder vom ersten Atemzug an lernen, wenn wir sie lassen, meine ich. Ich habe es meinen gestattet, sie durften immer selbst wählen. Ich habe meine Befindlichkeiten mit in die Waagschale gelegt, vielleicht nicht in vollem Ausmaß, was sich derzeit gerade rächt, aber das hat genau mit ebendieser Maschinerie zu tun, die aufgrund erlernter Denkmuster einrastet im Automatikmodus, wenn man nicht aufpasst.
Mit Schuleintritt war damit weitgehend Schluss für meine beiden Großen, denn dort wurde natürlich fraglos getan, was verlangt wurde.
Aus heutiger Sicht für die Kinder wahrscheinlich ein ganz schöner Schock, plötzlich so ungefragt zu etwas verdonnert zu werden. Anfangs arbeiteten sie wahrscheinlich noch aus Neugier mit, und wenn die Lehrerin geschickt genug war, dann hat sie die Bereitwilligkeit noch ein Weilchen erhalten können, aber letztlich wurde sie doch überstrapaziert. Denn an keiner Stelle gab es Raum zwischen Reiz durch die Lehrerin und geforderter Reaktion vom Kind. Jegliche Nichteinhaltung einer Forderung wurde irgendwie geahndet.
Wenn dieser Raum nicht gegeben wird, kann kein Kind den Umgang mit Freiheit lernen, keine eigenen Entscheidungen treffen jenseits des geringeren Übels – Mach ich HA und opfere meine Freizeit oder lasse ich sie und nehme ich eine tadelnde Bemerkung bzw. schlechte Note in Kauf?
Nur weil es Kinder gibt, die mehr Anleitung „brauchen“, wird denen, die selbst entscheiden wollen, diese Möglichkeit genommen, mehr noch, sie werden entmündigt. Ich vermute, dass zu Beginn eigentlich kein Kind so bedürftig ist in Bezug auf Geleitetwerden, alle haben bis zur Geburt alles selbst gemacht, sich selbst erschaffen. Dieses von Pädagog*innen beobachtete Brauchen ist womöglich erworben worden, vielleicht bei überfürsorglichen oder besonders intensiv erziehenden Familien. Aber das ist meine Spekulation.
Genausowenig, wie der Raum für eigenes Abwägen gewährt wird, gibt es Raum für die dabei ins Spiel kommenden Gefühle und Emotionen, die ja schließlich mitwirken bei der Entscheidungsfindung. Sie sind der Maßstab. Je nach Grad der Freude wird gemeinhin das am meisten Versprechende gewählt, was absolut Sinn macht, wenn man sich den Begriff Bedürfnisstillung auf der Zunge zergehen lässt. Wir tun doch alles im Leben nur, damit es uns (wieder) besser geht. Ein Bedürfnis tritt auf, meldet sich immer stärker und dringlicher, geradezu schmerzhaft, und erst, wenn wir die passende „Nahrung“ dafür zu uns genommen haben, verstummt es wieder. Und welches die am besten passende Nahrung ist, ermessen wir aus den Erfahrungen, die wir mit den einzelnen Angeboten machen, aus den Gefühlen, die sich damit verknüpfen. Ich denke, dass hier auch Nachhaltigkeit zum Kriterium wird. Mir geht es jedenfalls so, dass ich zwar die Spaß machende Wirkung von Süßem zu schätzen weiß, aber ich weiß auch, dass ich dann ganz schnell etwas „Handfestes“ dazu brauche, sonst wird mein Hunger nur noch schlimmer. Das Süße bekommt mir nur gut, wenn es als I-Tüpfelchen dabei ist. Auch bei Kindern beobachte ich das. Klar wollen die immer das Süße zuerst, und wenn ich zuständig bin, dann beschließe ich mit ihnen gemeinsam Maß und Reihenfolge. Vor allem wenn ich sehe, wie das Naschen tatsächlich ein Ausmaß annimmt, das auf echten Hunger schließen lässt, nehme ich das Süße vorerst ganz aus dem Spiel. Und wenn ich die Erfahrung gemacht habe, dass nach dem Leckerli das Sattessen nicht gut klappt, weil kein Hunger (Appetit) mehr beim Speisen hilft, kurze Zeit später aber der Hunger umso heftiger wieder zuschlägt, dann kommt diese Reihenfolge beim nächsten Mal auch gar nicht mehr in Frage. In Abständen erlaube ich die Erneuerung dieser Erfahrung, denn mir ist nun einmal wichtig, dem Kind die Daten für eigene Beobachtungen und Schlüsse zugänglich zu machen, und vor allem die Erfahrung, selbst nicht übergangen zu werden und zu Gehorsam angehalten. Ich glaube, das Selbstwertgefühl hängt sehr damit zusammen und wird enorm gestärkt, wenn ein Kind mitbestimmen darf.
Kompetenz im Umgang mit Entscheidungen und Gefühlen entwickelt sich, wie alle Kompetenzen, in der Ausübung. Mit der einfachen Unterdrückung ist da nichts Gutes getan, und wenn Erwachsene die Bereitwilligkeit der ihnen anvertrauten Heranwachsenden gewinnen wollen, müssen sie in dieser Hinsicht Raum geben. Ich meine nicht Verkumpelung oder etwas dergleichen. Ich meine Anleitung und Begleitung. Doch dazu müssen die Großen erstmal selbst kompetent werden in diesen Dingen, fürchte ich. Und ihre eigenen Scheintoten aus dem Keller befreien, sie anerkennen und die Erfahrung machen, dass auf diese Weise die „negativen“ Emotionen, die nur dem Schutz des Selbst dienen in ihrer abwehrenden oder zum Rückzug veranlassenden Qualität, ihre Botschaft abliefern können und sich dann nach erledigtem Auftrag auflösen.
Der freie Wille hat nichts mit Beliebigkeit zu tun. Bei uns Lebewesen geht es immer um die Stillung von irgendeinem Hunger, denn das Leben ist ein Stoffwechselprozess, auch bildlich gesprochen, und da wird eben immer was zugeführt umgewandelt, eingebaut oder aussortiert und ausgeschieden. Die Angst der Erwachsenen ist sicherlich nicht unbegründet, aber letztlich müssen sie die Kinder nur vor emotional und freiheitlich inkompetenten Menschen und deren Altlasten schützen und hier und da auch vor Ertrinken, Vergiftung oder Absturz.

Woche XXIII | Montag, 01.02.2016

Ferien, jaaaa! 2/3 Kindern krank. Wahrscheinlich auch eine Frage der Blickrichtung. Was wäre denn im Falle ihrer „Gesundheit“? Ein Plan, Ferienspiele, wäre umgesetzt worden. Und wahrscheinlich hätte ich es schwer gehabt, ihnen zuzugestehen, davon Abstand zu nehmen, wenn es keinen offensichtlichen und allgemein akzeptierten Hinderungsgrund gibt. Wie z.B. körperliche Hausaufgaben. Ja, ich selbst bin es, die in der Falle des Gehorsams feststeckt. Hier der Gehorsam einem irgendwann gefassten Plan gegenüber. In stillschweigender Akzeptanz der Verurteilung spontaner Umentscheidungen, gegen die sich Unternehmen mit Kostenberechnung schützen, wenn Kunden einen Termin nicht wahrnehmen. Und nur bestimmte Gründe sind akzeptiert als Notfall oder höhere Gewalt und werden nicht bestraft.
Die spontane Entscheidung bleibt ja ohnehin nur in Ferienzeiten möglich. Nun also spontan gar nix. Und ich lasse sie. Lasse sie spielen nach Herzenslust, zwinge keinen, den Schlafanzug auszuziehen und Tageskleidung anzulegen, lasse sie herumlungern und die Wege durch ihre von Lust und Laune getriebenen Aktivitäten wählen. In diesen Ferien bin ich viel gelassener. Ich kann sie jederzeit bitten, etwas mit mir gemeinsam zu tun, und ihre Bereitwilligkeit wird wieder stärker, wenn sie wirklich nein sagen dürfen oder merken, dass auch sie Freude am Zusammenspiel haben können. Ich nehme mir die Zeit, sie zu bequatschen, ist das nicht auch ein wahrnehmbares Zeichen, dass es mir wirklich um sie geht?
Sie sind also eher ganz gesund, dass sie mit „Krankheit“ reagieren und mir zeigen, dass wir Erwachsene es mal wieder mit irgendetwas übertreiben. Abgesehen davon ist es ja eigentlich völlig normal, dass unsere Körper auch ihre Anliegen haben und ihre Eigenheiten und von Zeit zu Zeit mit Bakterien und Viren hantieren, um Zellen auf- oder abzubauen. Ich war lange im Hader damit, empfand das als störend, auch jetzt noch, zumal diese Phasen nicht das pure Vergnügen sind. Rein theoretisch ist mir ihre Wichtigkeit schon klar, und aus meiner eigenen Biographie stehen mir einige Genesungserlebnisse als lebendige Beispiele zur Verfügung. Aber ich lasse mich wohl auch immer wieder gern von der zeitgeistlich üblichen Lesart beeindrucken, der nichts wichtiger ist, als alles weg zu impfen und Fieber zu verhindern und das Krankwerden überhaupt. Ich möchte es als genau so einen Arbeitsprozess ansehen wie die Erschaffung eines Kunstwerkes irgendeiner Art. Eben ein lebendes. Das Maß zu finden, Ausgewogenheit, Gegengewicht…
Also alles im grünen Bereich, es gibt ja auch nichts wirklich Alarmierendes. Nur dass sich die angedachten Ferienspiele halt auf eine ungeplante Ebene verlagern. (Aber dennoch: Wäre doch toll gewesen, wenn sie nach Herzenslust werkeln, schneidern und kochen gegangen wären.) Vielleicht bekommen wir ja noch Schnee zu sehen und zum Spielen, das könnte verlockend genug sein, um dem Schnupfen Konkurrenz zu machen…