Woche XXXXVII | Montag, 18.07.2016

Aus Sicht von zwei Tagen später: Das Theaterprojekt ist erfolgreich abgeschlossen, in der einen Schule steht gemeinsames Frühstück und Gestaltung der Räume auf dem Programm. In der anderen wird noch ein Test geschrieben – Parallelverschiebung u.a.. Kein Drama, aus meiner Sicht, denn es geht nicht um Noten, sondern um die Ermittlung des Standes der Dinge und die Rückmeldung an die Kinder; und die Beschäftigung mit Lehrplaninhalten hat dort schon eher die Qualität einer spannenden Erkundung der Kulturschätze.
Ich helfe beim Rückbau der Bühne und Publikumsinfrastruktur, denn der Aufführungsort dient sonst anderen Zwecken. Dieses Aufräumen ist kein Zuckerschlecken, aber ich kann mir nichts Besseres vorstellen, um dem Zauber der vergangenen Woche noch einmal nachzuspüren. Auch die war kein Zuckerschlecken gewesen – es war eher ein vielgängiges Menü mit allerlei Herausforderungen und Überraschungen!!! So nahrhaft und befriedigend kann Zuckerschlecken niemals sein! Also: rechtschaffen müde, verschwitzt und müffelnd schwelge ich in der Erfahrung dieses Projektes und bin im tiefsten Herzen dankbar für die Menschen, die das mit Leidenschaft, Kreativität und frohem Sinn den Kindern geschenkt haben. Ein Stück wahren Lebens: Bretter, die die Welt bedeuten, rauschender Beifall nach Herstellen, Einüben, Durchhalten, Bibbern und Sichtrauen.
Die letzte Schulwoche hat begonnen, meine Kinder sind wie ausgewechselt – ansprechbar, wenn auch müde. Nun ja, der Lütte ist ja ohnehin nicht so von sich entfremdet, aber auch er freut sich auf die Tage, deren Gestaltung ganz von Augenblick zu Augenblick entschieden werden kann. Mein großes Kind in der Ferne hat nun auch Ferien, aber wohl nur vier Wochen. Mein großes Kind hier ist noch auf Klassenfahrt, dank ihrer unternehmungslustigen Lehrerin gibt es also noch einmal einen Erlebnisrahmen für die Klasse, der dazu beitragen kann, die Jugendlichen mit sozialen Erfahrungen zu bereichern, die sie sonst nicht machen können. Hier leben viele weit verstreut, vereinzelt gibt es mal Übernachtungsverabredungen, aber meistens müssen unsere Nachbar(dorf)kinder immerzu lernen und dürfen nicht so recht vom Hof. Die Dörfer sind auch nicht mehr das, was sie mal waren. (Das musste ich jetzt einfach mal loswerden!) Nun begegnen sich die Kinder also als Freizeitmenschen, übernachten in einer Jugendherberge, und machen ihre Lehrerin hoffentlich nicht der Unternehmungslust abspenstig…
Ich werde in der ersten Ferienwoche kinderfrei sein, wenn sich das Leben da nicht anderweitig einmischt. Ich labe mich schon an dieser Aussicht, wobei ich auch meine Freude an den frei gestaltbaren Tagen mit den Kindern habe. Aber es ist mir definitiv lieber, wenn sie nicht die ganze Zeit allein zu Hause sind, während ich arbeite, ich bin zwar nicht 10 Stunden täglich weg, aber auch die wenigen Aufträge, die ich habe, hinterlassen bei mir ein schlechtes Gewissen, wenn ich die Kinder unbetreut weiß. Sie kommen definitiv allein zurecht und können sich was zu essen machen, das ist nicht die Frage. Eher treibt mich die Sorge um, dass sie zu viel am Bildschirm nuckeln. Und dann vergessen, sich gut zu versorgen, abwechselnd Bewegung, Kreativität, Werkzeugbenutzung an der frischen Luft und ruhige Phasen in blöder Körperhaltung in der muffig-dunklen Höhle zu pflegen und dann noch die kleinen Aufträge zu erfüllen.
Ich denke, nichts ersetzt die unmittelbare Begegnung zwischen den Menschen, einen Babysitter kann ich mir nicht leisten, es sei denn er/sie wäre mit Tauschvereinbarung einverstanden. Also sehe ich zu, wie ich die Kinder unterbringe, wenn ich zu viel anderes zu tun bekomme und dafür zu wenig Geld. Naja, die Gefahr besteht nicht wirklich, denn wenn ich’s durchrechne, ist es billiger und gesünder, nicht erwerbsmäßig zu arbeiten und die Kinderbetreuung selbst zu übernehmen. Es sei denn, ich kann mit ordentlicher Honorierung rechnen und mir Ferienlager, Ferienspiele oder Babysitter für die Kinder leisten.
Hier komme ich wieder auf Bedingungslose Grundeinkommen – ein Gedanke, der mich gar nicht mehr loslässt! Wenn alle grundversorgt sind, dann können alle einfach füreinander da sein! Ich für die Kinder, die können einfach Kinder sein, weil ich meine (unterdrückten) existenziellen Ängste nicht in die Stimmung mit einbringe, sondern völlig gelöst sein kann, mich von Herzen mit den Kindern mitfreuen und sie einfach Kinder sein lassen. Ich für Andere, Andere für mich, wir sogar auchmal zusammen, weil eben nicht andauernd durch eine Erwerbstätigkeit daran gehindert.
Dann würde die Arbeit mit den eigenen Kindern gleichgestellt mit der erwerbsmäßigen an den Kindern anderer Leute. Und wenn die Gesellschaft allzu große Angst vor der Eigenbrötlerei hat, dann kann sie doch attraktive Fortbildungsangebote schaffen, in denen die Menschen zusammentreffen können, sich austauschen und kulturelle Werte erörtern.
Ideologien sind an gut versorgte, selbst denkende Menschen schlecht zu verkaufen, dessen müsste eine freiheitliche, demokratische Gesellschaft sich bewusst werden. Und daraus die Zuversicht ziehen, dass eben diese freien Menschen alles daran zu setzen bereit sind, sich diese Freiheit zu erhalten. Und wenn es dazu der mitmenschlichen Gemeinschaftsanstrengung bedarf, dann wird diese auch unternommen – vorausgesetzt, sie wird nicht von oben verordnet, sondern lebendig erfahren und lernend gestaltet. Und das Kritierium dabei ist die Gleichwürdigkeit aller, die Gleichgültigkeit der Bedürfnisse jedes Einzelnen. Die Unverletzlichkeit der Bedürfnisse jedes Anderen. Die gleiche Freiheit für Jeden.
Da Zuwendung und Teilhabe/Zugehörigkeit Bedürfnisse sind, die wir alle teilen, sehe ich auch keine Schwierigkeiten bezüglich der Möglichkeit. Nur im Hinblick auf die Umsetzung…
Es gibt viel zu lernen. Machen wir es möglich, von mir aus gerne in der Schule. Nutzen wir die Schulpflicht in Deutschland als eine Pflicht der Erwachsenen, das Lernen dort möglich zu machen, es zu schützen, und es ordentlich zu befeuern. Und den benachteiligten Kindern kräftig unter die Arme zu greifen, anstatt sie weiter über den Querschnittskamm zu scheren und damit systematisch zu entmutigen. Asozialer geht’s kaum.

Woche XXXIII | Montag, 11.04.2016

Für diesen Montag muss ich rückblickend schreiben, unsere Nabelschnur zum Netz der Netze war lahmgelegt. Ist ja auch eine Erfahrung für sich, letztlich ergeht es mir wie mit allen Gewohnheiten, wenn ich sie aus irgendeinem Grund nicht mehr ausüben kann – irgendwie bin ich dann etwas desorientiert und spüre eine Leere an Stellen, wo ich gewohnheitsmäßig etwas Bestimmtes tun würde. Was ja in dem Moment verhindert ist.
Am Montag behielt ich ein Kind mit Schnupfen und Halsschmerzen zu Hause, ich kann verraten, dass es mit dem einen Tag nicht getan war. Ich hatte also Gelegenheit, mich an alte Empfindungen zu erinnern: Hallo, du Alarmstimmung, Bereitschaftsmodus, du Suche nach Ursachen und Zusammenhängen für das Missbefinden meines Kindes. Davon hängen schließlich die zu ergreifenden Maßnahmen ab. Neben der körperlichen Versorgung gilt es psychische Ressourcen zu stärken, „Schaltkreisen“ auf die Spur zu kommen, die für die übermäßige Verausgabung sorgen, und abzuwägen, ob der jeweilige Zusammenhang akzeptabel ist oder nicht. Ich bin zum Beispiel sehr dafür, dass die Kinder lernen, schon auf kleine Anzeichen zu achten, sie wahrzunehmen, wie die Warnlampe im Auto, die auf zur Neige gehende Kraftstoffreserven hinweist. Ich habe große Freude am Experiment und lasse es auch gern einmal drauf ankommen. Nach dreimal Liegenbleiben auf Kreuzung, Autobahn oder in der Pampa wegen leeren Tanks wird mir das jedoch langweilig, lästig und ich werde die Warnlampe besser beachten.
Ich sehe durchaus, dass das Immunsystem jeden einzelnen Krankheitshelfer lernen muss und dass das Durchmachen eines Heilungsprozesses auch zur psychischen Reifung beiträgt. Ich bin bis heute sehr froh, von mir zu wissen, dass ich Fieber überstehe und selbst gesund werden kann, aus eigener Kraft. Aus dieser Erfahrung ziehe ich auch die Gelassenheit, meinen Kindern solche Phasen zuzumuten, ohne gleich nach Fiebersenkern und Antibiotika zu angeln. Als Klein(st)kinder verbrachten sie im Fieberfall den Großteil der Zeit an meinem Körper, ich wusste immer hautnah, wie es um sie steht, und es gab auch irgendwie einen Temperaturausgleich zwischen uns. In sehr akuten Phasen griff ich zu nassen Wickeln, und ich lernte die Klassische Homöopathie lieben. Ich betrachte sie als Lernbegleiterin auf physischer Ebene, die Kügelchen geben einen Reiz wie ein Verkehrsschild oder eine Straßenkarte. Den Rest macht der Organismus selbst.
Außer dass mein Kind etwas zu lernen hat, um weiter leben zu können, und das Verhindern solcher Gelegenheiten dabei nicht hilft, schaue ich dennoch gern auch auf die auslösende Situation. Kinder brauchen je nach Reife unseren Schutz. Und auch als Erwachsene kommen wir nicht ohne gegenseitige Unterstützung aus, es sei denn, wir leben als Einsiedler zurückgezogen – aber eben auch in einer Höhle irgendeiner Art, die uns vor allem Möglichen schützt, mehr oder weniger, und mit Gegenständen, die jemand anderes hergestellt hat. Selbst auf der Erde kommen wir ohne den Schutz durch die Atmosphäre, die uns natürlich auch mit der Luft zum Atmen versorgt, keinen Meter weiter, die kosmische Strahlung würde uns in kürzester Zeit verbrutzeln. Ich will mein Kind also auch schützen und habe ein individuelles Gefühl für seine Belastbarkeit. Kein objektives, aber eins, was meine eigene Belastbarkeit mit einbezieht, denn ich bin diejenige, die mit „ausbaden“ muss, was die Welt ihm einbrockt. (Und ich tue das wie alle Mütter auf eigene Rechnung. Wenn der Segen fürs Leben und die Gesellschaft gesehen würde, müsste sie das finanziell bedingungslos mittragen. Aber solange ich damit praktisch mein Privathobby habe, kann es mein Ruin werden.)
Ich suche vor allem da, wo mein Kind die meiste Zeit des Tages verbringt: in der Schule. Ich bin nicht einverstanden, dass es zwar zu allen möglichen Lernthemen und Tätigkeiten bewegt wird, aber keine Ermutigung und Gelegenheit findet, sein Pensum, seine Arbeitsweise, und die Reihenfolge seiner Inhalte selbst zu wählen. Es kann sich nicht einfach mal lang ausstrecken, wenn es das Bedürfnis hat, und von ausreichend Bewegung kann gar nicht die Rede sein in den höheren Jahrgängen. Auch findet es nur gleichaltrige Gleichratlose, wenn Erwachsene bestimmte Bemerkungen machen oder Maßnahmen ergreifen, um das schulische Lernen zu retten, die aber auf Kosten des Kindes gehen. Weil sich niemand die Mühe machen will, ihm gleichzeitig seinen individuellen Weg zu gestatten und das damit verbundene notwendige Gespräch zu führen. Dafür bleibt nur das (zunächst) blinde Vertrauen, denn kaum einer hier hat Erfahrung im nicht unterdrückenden oder homogenisierenden Umgang mit Vielfalt. Nach meinen persönlichen Erfahrungen erfordert das auch ein tiefgreifendes Umdenken bei den Erwachsenen. Sie müssten vor allem ihr Bild vom Kind radikal ändern, beginnen, es als lernfreudiges Wesen anzusehen, das mit dem passenden Futter versorgt sein will und mit der passenden Begleitung, die nach meinem Dafürhalten von Kritierien wie Gleichwürdigkeit geprägt sein müsste. Das macht aus den Kindern keine kleinen Erwachsenen, aber sie werden in ihren Bedürfnissen genauso spezifisch gesehen, wie auch der Erwachsene mit seinen.
Am Ende des Tages hat sich also bei meinem Kind so viel angesammelt, dass dieses Ende des Tages kaum lang genug ist, um alles anzusprechen. Geschweige denn, Wesentliches herauszufiltern und zu benennen. Mein am Montag krankes Kind hat sich erschöpft an entmutigenden Äußerungen von Lehrer*innen, die in den Jugendlichen kaum Lernwilligkeit vermuten, an Langweiligkeit des Unterrichtes und der meisten der zu erledigenden Aufgaben. Es hat sich erschöpft, weil es in seiner Freizeit noch so viel erleben und ausprobieren wollte: Nähkurs, Ballettprobe, Albern mit Freunden, und natürlich das sich in die Nacht verlagernde biologische Programm der pubertären Reifung, dem im Schulalltag ebenfalls keine Rechnung getragen wird. Kein Wunder, dass wir aussterben. Nachdem schon die natürlichen Lernhilfen behindert und blockiert wurden durch die Schule, kommen jetzt auch die natürlichen Fortpflanzungshilfen auf dieselbe Liste. Partnerfindung, Paarerfahrungen, Gruppenleben können kaum regulär erprobt werden in dieser Zeit, in der der Frontallappen reift und seine koordinierenden Fähigkeiten erprobt, Werte selbst abzuwägen lernt. Vereinbarkeit von Schule und Familie, später Beruf und Familie ist jetzt schon nicht gegeben für unsere jungen Erwachsenen. Und für’s Irren und Scheitern gibt’s Strafen, Bloßstellung oder „nur“ schlechte Noten in den in der Schule offenbar werdenden Bereichen, fachlich zugeordnet oder unter Arbeits- und Sozialverhalten abgerechnet.
Klingt alles etwas schwarz, auch in meinen Ohren. Ich vermisse das Interesse am lebendigen Gespräch über diese Dinge. Und ich habe keinen eigenen Einblick in das tägliche Geschehen und Miteinanderumgehen in der Schule. Vielleicht ist alles halb so schlimm. Mit etwas mehr Transparenz könnte ich hier Gewissheit erlangen und meine Auslegung korrigieren.