Woche XXXIV | Montag, 18.04.2016

Fast hätte ich es verpasst – ist ja schon wieder ein Beitrag fällig geworden, wenn ich meinen Turnus einhalten möchte… Zum Start der 34. Woche dieses Schuljahres bewegten mich weniger die Sorgen meiner eigenen Kinder, sie sind vergleichsweise harmlos geworden. Mein kleines großes Mädchen, dessen Präfrontaler Kortex sich derzeit erheblich gestaltet, empfindet sehr scharf jegliche Art des Zunahetretens: insbesondere auch die Beschneidung ihrer eigenen Entscheidungen durch die in ihrer Schule gängige Unterrichtspraxis. Sie träumt immer kräftiger von selbstbestimmtem Lernen, von Begleiter*innen, die anregen und anleiten statt vorzuschreiben oder mit Benotung zu drohen. Von Räumen voller Material und Möglichkeiten. Sie hat die permanente Unterstellung der schülerischen Unwilligkeit mehr als satt.
Mein Grundschulkind geht ebenfalls wieder, wenn auch hustend, zur Schule. Seit ich nun andere Kinder mit Schulproblemen begleite, wird mir der Segen der benotungsfreien Rückmeldung noch einmal mehr deutlich und ich genieße es, diese Ablenkung vom eigentlichen Sinn des Erlernens der Kulturtechniken nicht auch bei ihm zu haben, und den Umgang damit am Ende des Tages als Hauptthema serviert zu bekommen. Ja, die Kinder verletzen sich an schlechten Noten, vielleicht schlimmer als an Schlägen auf den Hosenboden – da kann man sich wenigstens als tapferer Held feiern lassen. „Es macht gar keinen Spaß zu lernen, wenn man immer nur schlechte Noten bekommt“, gestand mir ein 9jähriges Mädchen kürzlich.
Ich arbeite mit den Kindern daran, dass sie trotzdem wieder an die Sache herangehen, erschließe mit ihnen den Spaß, den man daran haben kann, zu rechnen oder Botschaften schriftlich zu ver- und wieder entschlüsseln. Die Eltern bestärke ich darin, Eltern zu sein, keine Nachhilfepauker, und ihr normales Familienleben nicht für Hausaufgaben- und Übungsorgien zu opfern. Ich rede zudem mit ihren Lehrer*innen, möchte sie ermutigen, menschlich auf die Not der Kinder zu schauen. Sie sagen, sie müssen das alles schließlich in der Grundschule lernen, und ich frage, ob denn die Kinder, die sie mit schlechten Zeugnissen dann weiterziehen lassen, gelernt haben, was sie sollen. Das einzige, was geschehen ist, ist die Abarbeitung des Planes seitens der Pädagog*innen. Sie haben ihre Pflicht erfüllt. Die Kinder, die nicht das Glück haben, rein zufällig mit dem Tempo und der Darreichungsform der Unterrichtsinhalte gut klarzukommen, könnten sich diagnostizieren lassen, manche fahren weite Wege übers Land, um in eine LRS-Klasse zu gehen, stehen morgens dafür eine Stunde oder mehr früher auf, ihre Eltern mit ihnen, und kommen müde wieder heim, womöglich immernoch mit demotivierenden Erlebnissen. Abgesehen davon, als diagnostiziertes Wesen aus dem sonst Üblichen hervorzustechen, zementiert sich die Diagnose nachträglich noch, wenn die Resignation einsetzt.
Ja, hier in der Gegend gibt es einen Aufschrei, wenn ich das Thema Benotung anspreche und in Frage zu stellen wage. Die Eltern fürchten, ein wichtiges Instrument zur Erziehung ihrer Kinder zu verlieren. Für viele ist die Note die einzige Orientierung. Sie wissen dann sofort, ob ihr Kind „gut“ ist. Und wenn nicht, dann geht die Notfall-Maschinerie los: das Kind wird zu mehr Üben gezwungen, den Lehrpersonen in der Schule werden die Türen eingerannt. Schuld wird verteilt und zurückgewiesen. Der zweite Bildungsweg wird beschritten, monatlich viel Geld für Nachhilfe ausgegeben, da könnte man gleich in eine private Schule gehen, in der ein Kind in seinem Tempo lernen kann, individueller betreut wird und dann auch noch Freizeit behält, die für seine geistige und seelische Erholung unerlässlich ist.
Lehrer*innen beklagen sich, dass sie in der Schule die Erziehungsmängel der Elternhäuser ausbaden, ich selbst habe mich lange dagegen aufgelehnt, die Schädigungen meines Kindes durch die Schule ausgleichen zu müssen.
Und sehe ich es falsch? Steuerzahlende zahlen doppelt für ein schlechtes Schulwesen: entweder in Nachhilfe oder in private Schule fließt ihr Geld, beides macht die staatlichen Schulen nicht besser, die wiederum aus den Steuern derselben Leistungstragenden bemittelt werden. Und dann noch die Spätrechnung, wenn die Kinder krank werden, psychische Probleme bewältigen müssen oder, bei erfolgreicher Verdrängung, körperliche Leiden erleben müssen, die von all den Leichen im Keller hervorgerufen werden: „Das Gehirn macht aus Psychologie Biologie“, sagt Joachim Bauer in einem seiner Internet-Vorträge, der Körper ist das Gedächtnis unseres täglichen Empfindens, bis in die Gene hinein. Wann beginnt das Großreinemachen? Es ist Frühling, eine gute Zeit für den gründlichen Winterschlussputz! Für das Ausmisten all der Glaubenssätze und Ideologien, die uns von Mitmenschlichkeit im Umgang miteinander und mit uns selbst abhalten. Ich selbst bin intensiv dabei, und – es tut einfach gut!

Woche XXXII | Freitag, 08.04.2016

Eine recht familienfreundliche Woche liegt fast hinter mir – will sagen, abgesehen von ein paar Hausaufgaben hatten wir die Familienzeit für unsere eigenen Hobbys und die Schule drängte sich da nicht rein. Weder per Kopfschmerz noch per Sorgen oder übermäßiger Hausaufgaben-Zeitbeanspruchung. Einige überstrapazierte Eigenschaften müssen wir noch in Ausgleich bringen, dazu gehört definitiv die Bereitschaft, Aufträge auszuführen. Sämtliche diesbezügliche Ressourcen werden von der Schule aufgebraucht. Wenn ich meine Großen um etwas bitten möchte, dann muss ich mächtig baggern, bis sie einigermaßen bereitwillig darauf eingehen. Oder ich muss einen der äußerst selten gewordenen Augenblicke erwischen, in denen sie ansprechbar sind.
Mein Jüngster ist da wirklich das Gegenbeispiel. Zwar braucht auch er seine Zeit für sich, aber nicht in diesem schwer erträglichen Ausmaß.
Bei den Großen kommt natürlich auch die nächste Abnabelungsphase dazu, in der es darauf ankommt, sich auf neue Weise abzugrenzen, als Jugendliche und junge Erwachsene die eigene Identität neu zu definieren: viel unabhängiger und eigenständiger zu werden, und vor allem das eigene Urteilsvermögen auszubauen. Sie verlassen gewissermaßen den euklidischen Raum mit den überschaubaren eher linearen und statischen Koordinaten und treten ein in die Welt der Dynamik: die unvergleichlich größere Auswahl an Orientierungspunkten und die Komplexität von Zusammenhängen werden für sie sicht- und spürbar bei jeder eigenen Entscheidung, die sie treffen. Auch die Auswahl der Blickwinkel, von denen aus sich eine Sachlage betrachten lässt, wird größer – wenn man all dies zulässt. Alles wird infrage gestellt, was ich als Mutter sage, auch wenn es bis vor Kurzem noch einfach hingenommen wurde. Abgesehen von den manchmal schwer nachzuvollziehenden Wendungen, die das emotionale Befinden nimmt, ist die vielfältige Betrachtung der Werte eine meine Lieblings-Nebenwirkungen der Pubertät. Ein Schwerkrafttest. Eine Echtheitsprüfung. Nicht nur Werte, auch wir Erwachsenen werden auf Herz und Nieren geprüft. Lassen wir auch im Ernstfall unsere Geduld walten? Worauf greifen wir zurück, wenn wir sie verlieren? Reagieren wir bockig und versuchen die jungen Leute zu erpressen oder zu manipulieren? Respektieren wir ihre Entscheidungen und machen uns die Mühe der ausführlichen Erörterung, wenn wir nicht einverstanden sind? Können wir sie in ihrem Umbau-Wahnsinn auch einfach mal in Ruhe lassen und uns darauf beschränken, sie nur vor schlimmen Verletzungen zu bewahren? Ich denke an solche mit PS-bestückter Technik, an Drogen und allzu waghalsige Experimente. Aber die Jugendzeit ist genau dafür vorgesehen – die eigenen Grenzen kennenzulernen, Tapferkeit und Mut zu erproben. Welche Möglichkeiten bieten wir ihnen dafür?
Ich wäre gern auf eine Art Wanderschaft gegangen, so wie die Handwerksgesellen. Ich war aber an Schul- und Unibänke geschnallt und ohne ausreichend eigenen Mumm bis ich Mitte zwanzig war. Dann wurde die Aufbruchsnotwendigkeit auch für mich groß genug, um endlich aus dem Mußtopf zu kommen.
Gefühlt etwas spät.
Jemand hat einmal gesagt, mit 14 müssten die Kinder aus dem Haus. Ich denke, sie müssten auf jeden Fall wichtige Aufgaben übertragen bekommen, die ihnen Orientierung geben, worauf es ankommt. Sie müssten sich um andere Menschen kümmern, die auf ihre tatkräftige Hilfe angewiesen sind. Zum Beispiel Hilfe im Haushalt für Ältere, Lernbegleitung für Jüngere, Tierpflege, Handwerkliches, Gartenbau …
Diese Aufgaben müssten sie sich auch aussuchen können, eigene Absprachen treffen, Erfahrungen machen mit Einhaltung und Versagen, Irrtum und Erfolg. Sie bräuchten Begleitung und Erörterung. Erfahrungen mit Menschen jenseits der Familie, die die Werte der Familie bestätigen oder ergänzen oder meinetwegen sogar ersetzen könnten, bzw. die Wege ihrer Verwirklichung. Nichts ist stärker tragend für den Weg ins eigene verantwortliche Leben, als alle wünschenswerte Theorie durch Erfahrung bestätigt zu sehen. Und nichts erdet die entfesselte Fantasie mehr als echte Betätigungsmöglichkeiten. Ich erinnere mich nicht an alle Einzelheiten meiner eigenen Pubertät, aber ich war keinen Augenblick lang bösen Willens. Sicherlich eine Zumutung für mich und andere, uneinsichtig und dickköpfig zuweilen, aber auch voller guten Willens und zartfühlend. Mit großen Träumen und wildem Entschluss. Aber auch wechselhaft und höchst unsicher. Die Erinnerung daran hilft mir bei meinen Großen. In Zeiten, in denen ich so ratlos bin, dass ich denke, sie tun alles nur, um mich zu ärgern. Bis jetzt komme ich ganz gut klar.

Woche XXIX | Montag, 14.03.2016

Eines der besonderen Geschenke von Kinderbeschulung in größeren Gruppen ist definitiv der Läusealarm. Ich muss dann immer an die Szene in Monster AG denken, wo einer der Schrecker „kontaminiert“ ist mit einer Kindersocke o.ä. und sein Assistent den entsprechenden Alarm auslöst. Dann rückt ein Kommando von komplett verpackten Dekontaminierern an, sie sacken den Betroffenen ein und unterziehen ihn an Ort und Stelle einer umfassenden und rasanten Behandlung.
Die haben’s gut, sie arbeiten als Team, ich muss alles allein machen, aber nicht nur mit einem Kind, sondern mit uns allen, dann sämtliche Betten neu beziehen, alle Kuscheltiere ins Exil schicken, Mützen und Co. waschen, alle letzten Kontakte durchgehen, anrufen…
Auch das Bescheidsagen in der Schule ist was Spezielles. Ich schon wieder. Ich frage mich, ob mein Kleiner – denn er als Grundschulkind bringt sowas mit nach Hause – wirklich immer der erste ist? Und wenn ja, woher kommen die Biester hier? Ich denke dieses Mal über die Variante nach, dass andere Eltern lieber warten, bis irgendjemand Bescheid sagt, damit sie nicht diejenigen sein müssen? Ist doch aber auch Quatsch, es sei denn, man ist damit zufrieden, jeden Abend mit dem Nissenkamm zu hantieren oder hat die Zeit und die guten Augen, den Kopf des Kindes genauestens abzusuchen. (Jedenfalls kann es kaum daran liegen, dass man das teure Läusewaschmittel sowieso standardmäßig benutzt.) Oder aber wir sind eben empfindlicher mit der Haut, uns juckt es einfach schon bei einer einzigen Laus.
Das also mein Geschenk zum Wochenstart. Sonst scheint alles gut zu gehen, ich bekomme sogar von meinem Mädchen die eine oder andere Anekdote erzählt. Offenbar findet sie auch mehr Ermunterung in der Schule, ihr Erleben zu schildern oder sich für bestimmte Dinge einzusetzen. Einige Erwachsene dort fragen wohl neuerdings auch hin und wieder nach, wie die Heranwachsenden klarkommen. Ganz witzig finde ich die Aufforderung einer Lehrerin, dass die Kinder sich bitteschön unterhaltsame und kreative Erklärungen ausdenken und erzählen sollen, wenn sie eine HA nicht erledigt haben, anstatt sich nur so langweilig zu entschuldigen. Da lohnt es sich, die HA einfach anzufertigen, das dauert nicht viel länger. Aber natürlich macht es auch großen Spaß, sich Geschichten auszudenken, die möglichst unterhaltsam und gleichzeitig glaubwürdig sind und dann vielleicht darüber zu wetten. Nun bekomme ich wohl meine Kinder schonmal gesund und fröhlich wieder zurück und kann die Familienzeit für gemeinsame Unternehmungen jenseits der Krankenpflege nutzen. Z.B. in Ruhe und Gelassenheit draußen sein statt nur mal schnell, mit dem Hund spielen oder gar ein Hobby pflegen… (Läusealarm? Nicht wirklich.)
Mein Wochenende stand noch im Zeichen von Husten und Schnupfen, ein bisschen Einsatz im Garten hat mir aber Kraft und frischen Sauerstoff in die Zellen gegeben, Holundersuppe wirkt auch immer wieder Wunder – nun geht’s wieder los mit der sonst üblichen Aufgabenlage. Ein Berg Wäsche hat sich gesammelt, Projekte sind zu schreiben… (Na, und das Buddeln in der Frühlingserde ist kaum länger aufzuschieben, wenn man nicht in langem Gras wühlen möchte.) Ach – und hier gibt es keine Noten, hier gibt es ganz klare Erfolgsergebnisse: Entweder es wächst was und es gibt was zu ernten (wozu brauch ich dann noch eine „1“?) oder man geht leer aus und bleibt hungrig. (Da hilft ’ne 6 dann auch nicht weiter ;))
Ja – das könnte meine nächste Mission werden: Gute Zeugnisse für alle! Zeugnisse, auf denen drauf steht, was alles gut klappt, welche Schätze „gehoben“ wurden. Das ist auch absolut inklusionstauglich.

Woche XXVIII | Freitag, 11.03.2016

In dieser Woche bin ich als Mutter nicht in Schulsachen hineingezogen worden und die Schule hat nach meinem Erleben auch nicht allzu übergriffig in mein Familienleben hineingewirkt. Völlig frei sind wir natürlich nicht davon, denn nach wie vor muss die Familienzeit dafür herhalten, den Ausgleich für überstrapazierte Bereitwilligkeit zu bieten, was sich – worin sonst? – in sehr großer Zurückhaltung äußert, wenn es darum geht, hier bereitwillig an den anfallenden Aufgaben mitzuwirken. Und natürlich haben Schul-Hausaufgaben unbestritten Vorrang, wobei ich sie gleichrangig mit den Hobbys behandle und mich weigere, diese zugunsten der Schule zurückzustellen.
Ich bin überaus froh, dass McFlitz einfach gern zur Schule geht, Hausaufgaben sind Ausnahme, mal die Empfehlung, Mathegrundaufgaben zu wiederholen, mal Forschermaterial heraussuchen und in die Schule mitnehmen. Aber er darf selbst entscheiden, wie viel er machen will. Jetzt ist ihm mal aufgefallen, dass er so lange fürs Schreiben braucht, und er hat überlegt, jeden Tag Tagebuch zu schreiben. Zur Tat ist es noch nicht gekommen, ich werde ihn am Wochenende fragen, was er nun diesbezüglich vorhat. Ich staune immer wieder, mit welchen eigenen Überlegungen meine Kinder zu ihren Entschlüssen kommen, und wenn diese nicht aufgesetzt sind, mit welcher Hingabe sie sie umsetzen. Das betrifft auch schulische Bereiche, wenn diese nicht durch Antipathien besetzt sind.
Zenzen Shirimasen wird von den pubertären Umbaumaßnahmen durchgerüttelt und ich gebe zu, mich rüttelt Einiges mit. Ich hätte gern mehr Abstand, ich werde dran arbeiten. Auch die Abwesenheit der großen Schwester bedeutet eine große Umorientierungsaufgabe. Es ist, als ob eine Wand, an der man sich gewohnheitsmäßig abstützen oder orientieren will, plötzlich nicht mehr da ist. Man greift oder starrt ins Leere und kommt ins Taumeln und Grübeln. Nun ist unser Auslandsmädchen keine Wand, aber Maßstäbe hatte es durchaus gesetzt. Selbstsicher. Beständig.
Schule ist nun mehr ein Thema, das ich aus reinem Interesse betrachten konnte in der vergangenen Woche, ich kann mich ihm von mir aus zuwenden – eine völlig andere Qualität. Ich kann aus Neugierde hinschauen, ich muss nicht auf irgendwelche Notstände reagieren. Das macht den Blickwinkel weiter und setzt auch bei mir selbst kreative Ansätze frei, wie ich sie unterstützen und bereichern könnte. Auf jeden Fall kommt das Gefühl der Dankbarkeit auf, dafür, dass mein kleines großes Kind dort einen Ort und Hort des Lernens, der Begegnung und des Miteinanders findet. Und ich kann mich um unser Familienleben scheren. Um unsere Werte jenseits der erste-Hilfe-Einsätze für meine geschundenen Jungen.
Meine große Große scheint glücklich zu sein in ihrer Wahlheimat für ein knappes Jahr. Falls du hier mal schmökern solltest: Hab dich lieb und drücke dich an mein Herz! Grüße deine Gasteltern und -geschwister herzlich von mir und danke ihnen in meinem Namen für ihre Fürsorge! DANKE!
Mädchenschule, Schuluniform, eine exotische Alltagssprache, vom 20-Seelen-Ortsteil in eine Hauptstadt-Metropole. Aus einer konfessionslosen Familie in eine kirchliche Gemeinschaft.
Ich selbst: ständig in Bewegung, auf Auftragssuche, mit ersten Hoffnungsschimmern. Ich genieße die Windstille dieser Tage, die milden Sonnenstrahlen. Ich schlafe tief und fest und eher viel. Ich habe gesehen, was das Zurechtstutzen eines Kindes anrichtet. Ich bin da sehr sensibel, ein Seismograf. Und ich finde Möglichkeiten, mich für den Wandel einzusetzen, sogar beruflich und nicht mehr nur ehrenamtlich oder privatvergnüglich. 🙂

Woche XXVII | Freitag, 04.03.2016

Noch am selben Abend ereilte mich die Schule doch wieder: in Form von Hausaufgaben. Genau gesagt, mehrfach nicht angefertigten Hausaufgaben, die nun mittels Androhung einer Sechs eingefordert werden sollten. Mein Kind wollte meinen Segen für einen Tag schulfrei. Es ging ihm wirklich schlecht, diesem geplagten Wesen. Das Hauptproblem mit den HA: sie sind langweilig, haben nichts mit der Interessenwelt meines Kindes zu tun, und niemand hat sich die Mühe gemacht, eine Verbindung herzustellen. Da hatte mein Kind aber nicht nur ein Problem sondern zwei: Ich wollte da nicht so einfach mitspielen. Eine Woche lang hatte es sich nicht die geringste Mühe gemacht, irgendeine passable Lösung zu finden. Die Strategie bestand darin, die Augen zu verschließen, solange es ging, und damit das Problem unsichtbar zu machen. Es ist nur dummerweise nicht verschwunden. Ich meinte, es solle zu seiner Meinung stehen und sie vertreten und jetzt nicht kneifen. Das ist natürlich leicht gesagt.
Immerhin ließ es sich dann auf das geringere Übel ein, die Aufgabe dazu zu nutzen, seine Meinung anzudeuten und gleichzeitig guten Willen zu zeigen, indem überhaupt einige Sätze zu Papier kamen. Diesen Vorschlag hatte ich schon Tage zuvor unterbreitet. Alles braucht seine Zeit.
Am Ende hatte wohl auch die Lehrerin keine Lust, wieder Pech zu haben, jedenfalls wurde die HA gar nicht abgefordert…
Am Vorabend des letzten Schultages dieser Woche nun wieder ein Drama. Wieder Hausaufgaben. Jedoch eingebettet in eine ganze Sammlung von Übelkeiten, die meinem Kind zu schaffen machen. Sein ganzes Leben ist im Moment scheiße. Ich glaube, das ist kein Wunder, jetzt schlägt die pubertäre Neuverkabelung im Oberstübchen zu. Meine Große hatte das meiste eher im Stillen und mit sich selbst abgemacht, die „Kleine“ ist da viel explosiver und enthält uns nichts vor…
In Sachen HA habe ich das Argument gelten lassen, dass dieses gepeinigte Kind kein Papier verschwenden wollte. Was man im Kopf hat, muss man nicht aufschreiben, also warum nicht mündlich? Solange ich keine Argumente bekomme, die dagegen sprechen, sich mit der Materie zu befassen, ran da! Immerhin haben wir uns für die Schule entschieden und nicht für den Abbruch, das Kind möchte ein Abitur in die Tasche bekommen und mit seinen Freunden zusammen sein. Kein Freilernen oder Homeschooling oder Sabbatjahr zur Selbstfindung und Orientierung im Universum. Wir hatten nicht den Mumm dazu. Und wenn nun schon Schule, dann ran da, und notfalls die Mutter als Eltern(vertreterin) oder das Kindchen selbst zu Schülervertretung, Sozialarbeiterin, Klassenlehrerin, Schulleiter hin und die Dinge ansprechen. Aber nicht einfach kneifen. Damit ist es jetzt vorbei. Auch für mich.
Wir haben obendrein ein Experiment vor: In der kommenden Woche soll der Bildschirm erst nach dem Abendbrot zu Freizeitzwecken herangezogen werden. Die Zeit bis dahin soll der Erholung, Bewegung, Hobbys, Hausaufgaben oder Haus-/Hof-/Gartenarbeiten vorbehalten sein, Kreativität ja gerne, aber nicht am Bildschirm. Zu schnell sind die üblichen Fluchtwege zu erreichen, wenn die Kiste einmal an ist. Und da sie nicht zur Verbesserung des Familienklimas beiträgt, ist sie von kaum einem wünschenswerten Nutzen. Bin gespannt.
McFlitz ist ruhig durch die Woche gesegelt. Er hat noch eine Englisch-HA offen, meinte, er würde es dann eben im Unterricht aufschreiben. Er hat keine Drangsalierungen zu befürchten, also bleibt die Erörterung wirklich der Sinnfrage vorbehalten. Wow. Das fühlt sich gut an! Er kann sich wirklich dafür entscheiden, sie anzufertigen, weil er die Vorteile jenseits einer Strafvermeidung in Betracht ziehen kann! Hier: da er lange braucht zum Schreiben, hat er zu Hause mehr Ruhe dafür. Und kann im Unterricht darauf zurückgreifen und in Ruhe Neues lernen.

Woche XIX | Montag, 04.01.2016

Mein großes Kind ist krank, Übelkeitsgefühle im Hals. Ich suche ja immer auch seelische Auslöser, aber bisher nichts gefunden. Offenbar gab es schon am Samstag morgen einen Anflug davon, dann wieder gestern abend, durch die Nacht bis heute, so dass das Kind sich für Bettruhe entschied. Ich vermute den Gedanken an Schule, Halbjahresendstress und Aufregung wegen der möglichen baldigen Abreise in ihr Lieblingsland Südkorea. Wenn die Finanzen stehen…
Die beiden jüngeren Kinder sind recht frohgemut aufgebrochen, Oishi-Kawaii meinte gestern abend, sie habe zum ersten Mal in diesem Schuljahr freiwillig Hausaufgaben gemacht – Thema und Kooperationspartnerin machten da wohl hilfreich mit. Sonst nur um Schlimmeres zu verhindern, wenn sie also eine nicht angefertigte HA nachholen musste und wusste, sie würde kontrolliert. Dieses Mal also auch mit Freude am Schaltpult, was ich sehr wohltuend empfinde. McFlitz ist nicht erbaut vom Losmüssen, aber die Aussicht auf seine Kumpels bringt ungetrübte Vorfreude, und da er nicht wirklich zu eigenen Vorhaben gefunden hat, wird ihn die schulische Auftragsbearbeitung wenig stören. Nur dass ihm vielleicht wieder die „Zeit in Ruhe“ etwas zu knapp wird.
Uns hat die Kälte voll im grimmigen Griff, schön ist die Aussicht auf Eisflächen, aber der Mangel an Schnee auf den Feldern und im Garten lässt die Erde und was in ihr lebt zu Eis erstarren. Mal sehen, was im Frühjahr alles noch lebt…
Dass unser Telefon nicht funktioniert, hat vielleicht auch was mit dem Kälteeinbruch zu tun, aber da kenne ich mich nicht aus. Immerhin kann ich jetzt aber meinen heute recht kurzen Montagsbeitrag schreiben. Ich denke oft an die Zeugnis-Umtausch-Idee, ich werde einfach mal eins entwerfen, den Text von neulich mit dem Kommentar nehme ich da schonmal als Anfang.
Sind ja nur noch knapp 4 Wochen.

Woche XV | Montag, 07.12.2015

Ich habe heute morgen nur ganz kurz die nötigsten Handgriffe getan und bin dann zum Schwitzen zurück unter die Daunen geschlüpft: ein kratziger Hals und Hitze-Kälte-Wellen veranlassten mich dazu. Um die Mittagszeit war ich damit durch und konnte für den Rest des Tages andere Pläne machen.
Als zentralen Gedanken hatte ich das Thema Schulfrust und Gesundheit, denn das Beispiel der Kinder einer Freundin lenkt meine Aufmerksamkeit darauf.
Natürlich geht es mir nicht darum, die Kinder von Herausforderungen fernzuhalten, aber mein Schutzinstinkt springt an, wenn sich Lehrer*innen lieber an einen Lehrplan halten als an die individuelle Lage eines Kindes und lieber das Kind der Dummheit oder Unfähigkeit bezichtigen als es bei der Bewältigung der ihm gestellten Aufgaben anzuleiten und zu begleiten.
So bleibt das den Eltern aufgetragen: Mehr üben! Mit rotem Lehrer*innenblut ins Hausaufgabenheft geschrieben. Das traute Heim mutiert zur Nachhilfearena, die kooperationswilligen Eltern finden sich als Zulieferer für die Schule wieder und verbringen den Feierabend, der längst keiner mehr ist, mit diesem unbezahlten Nebenjob.
Mit dem Effekt, dass sich das Kind nun auch zu Hause nicht mehr sicher fühlen kann vor den Drangsalierungen der Schule. Es erinnert seine Mutter an ihr Muttersein – es wird krank.
Nun ist die Mutter als Krankenschwester gefragt. Wiederum ehrenamtlich. Oder als Taxi zum Arzt.
Den Zusammenhang sehen wir nicht, dass die Ereignisse in der Schule, die unser Kind überfordern, im Endeffekt für diese Hausaufgabe für das körperliche Immunsystem gesorgt haben, der Körper als Austragungsort des Konfliktes.
Ich habe begonnen, das nicht mehr als meine Privatangelegenheit anzusehen. Und sehe auch die Zusammenhänge zwischen den Erlebnissen in der außerfamiliären Welt, der Familienkultur und dem jeweiligen Stand der Entwicklung des Kindes. Ich sehe, wie Schule und Eltern sich gegenseitig Zuständigkeiten zuschreiben und kaum sensibel sind für die Bedürfnisse des Kindes, der Familie und der Lehrperson. So bleiben alle mit sich allein. Gehen zum Arzt. Die Rückmeldung wird nicht berücksichtigt für die weitere Vorgehensweise „im System“, sie strandet irgendwo anders, die innewohnenden Aufgaben bleiben ungesehen.
Ich wünsche mir in dieser Sache gegenseitige Achtsamkeit und Interesse am Ergehen der Beteiligten, insbesondere der Kinder. Ihr Wohlbefinden hat direkt mit den Erwachsenen in ihrem Leben zu tun. Wir haben Schulpflicht, auf Gedeih und Verderb, und vielleicht müsste der Begriff „Kindeswohl“ in diesem Zusammenhang öfter betrachtet werden. Ich tue es schon häufig und ernte fast ebenso häufig verständnislose Gesichter. „Da muss man durch“, „Uns hat es auch nicht geschadet“, „Kinder brauchen Druck“ – so lauten gewöhnlich die Antworten von Eltern und Lehrer*innen.
Ja, unsere Kinder müssen da noch durch, aber ich sage meinen: Hey, seht es als Museum an, wenn ihr könnt. (Ich tue, was ich kann, um den Wandel anzustoßen. Bin noch sehr schüchtern, aber ich bleibe dran. Meine Kinder wollen gern in eine Schule gehen, auch um andere Kinder zu treffen.) Mir hat es geschadet, definitiv. (Ich hatte aber das Glück, dass das Tempo zu mir passte und ich eben offen war für die gebotenen Inhalte.) Vielleicht habe ich auch länger als andere die Verbindung zu meinem lebendigen Inneren halten können, so dass ich die Schmerzen noch spüren kann, die unser Schulzwang, das gleichschrittige Lernen, das Vergleichen der Leistungen mit einem Mittelwert verursachen. Und: die Kinder brauchen nicht Druck, sie brauchen Schwerkraft, Bedeutsamkeit, Sinn. Nur Zahnrädern reichen Befehle.
Ich glaube, dass vielen Erwachsenen zwar nicht unbedingt die Verbindung zu ihrem lebendigen Wesen fehlt, aber der Mut, es als „richtig“ anzusehen. Ich wünsche allen mit Hausaufgaben in ihrem Immunsystem Gutes Gelingen! Und den Kindern, die in der Schule leiden, mutige Erwachsene, die sie anleiten und begleiten auf dem Weg durch die Konflikte des Heranwachsens. Vielleicht nicht nur dazu, wie man sich eine Rüstung zulegt, sondern eher ein kuschliges dickes Fell, unter dem man selbst nicht erfriert, an das sich aber auch andere anschmiegen können, die gerade frieren… Ich nehme das als Hausaufgabe an. Gerne. Und dazu noch Tai Chi, wenn ich wieder Gelegenheit finde. Oder Aikido. Gibt es auch etwas Entsprechendes in der abendländischen Tradition?

Woche VII | Freitag, 16.10.2015

Heute nur so viel: wieder eine ereignisreiche Woche vollbracht. Ja, vollbracht. Nicht hinter mich gebracht oder überstanden. Oder rumgekriegt. Vielleicht ein bisschen verflogen – also mehr feiern zwischendurch, den Augenblick würdigen – aber nichts aus dieser Woche möchte ich missen. Kkumhada ist buchstäblich heulend auf dem Boden der Tatsachen gelandet worden – vor Freude. Sie darf zum Austauschjahr in ihr Lieblingsland. Oishi-Kawaii hat einen neuen Klarinetten-Lehrer, der ist ganz nett, aber nicht so wie unsere leider für länger erkrankte K.
Ich habe aus allen Gegebenheiten eine Herausforderung machen können und mich durch nichts kleinkriegen lassen. Auch meine Entscheidung für einen möglichen Arbeitsplatz in einer Schule lasse ich reifen, schaue jedes meiner Bedenken achtsam an und werde demnächst auskunftsfähig sein. Und: hier ein Brieftext, den ich heute McFlitz mitgab, zum Thema Hausaufgaben für Eltern. Als ich seine Aufgabe las vor zwei Wochen, dachte ich nur: Homeschooling kann ich billiger haben… (Naja, vielleicht auch nicht.)

An: Klassenlehrerin H.C.
Betr. Hausaufgaben
15.10.2015
Liebe H.,

die Kartoffel-HA hat bei uns nicht funktioniert, daher wird [McFlitz] auch keinen Vortrag halten.

Damit du besser verstehen kannst, woran das liegt, möchte ich dir dazu etwas mehr schreiben.
Grundsätzlich unterstütze ich alle meine Kinder bei der Anfertigung von HA, indem ich sie befrage, was noch zu tun ist, bevor wir in das abendliche Familienleben starten, zu dem auch die Kinder beitragen. Notfalls stelle ich sie von allen häuslichen Aufgaben frei zugunsten von ihrem Lernen für die Schule. Aber mit Zähneknirschen. Denn mit dem gemeinschaftlichen Leben in und für die Familie, in dem es um gegenseitige Hilfe und Unterstützung für die Erfüllung wesentlicher Bedürfnisse geht, entfällt für die Kinder die einzige wahrhaft relevante Arbeit des Tages. Neben dem freien Spiel und der Ausübung von Hobbys.
Das schulische Lernen ist (leider) immer (noch) auf irgendwas Zukünftiges oder Künstliches ausgerichtet und zielt nicht darauf ab, die Kinder fit zu machen im Umgang mit ihren Bedürfnissen und der gegenwärtigen Welt, geschweige denn planvoll und mit Weitblick.

Die P…schule [Name der privaten Schule] hat da für uns schon dahingehend den Unterschied gemacht, dass [McFlitz] noch nicht so entfremdet nach Hause kommt, wie seine großen Schwestern ihrerzeit aus der K…-K…-Grundschule [Ort] [staatliche GS]: die eine mit Komplettschutzschild, die andere mit häufigen Kopfschmerzen, beide mit gründlich verloren gegangener Bereitwilligkeit.

[McFlitz]s Integrität ist noch weitgehend intakt, er kann sich also noch auf Anfragen von außen einlassen.

Die Kartoffel-HA ist für ihn jedoch nicht selbständig durchführbar gewesen. Dafür hätte er die Mitarbeit seiner Eltern benötigt. Die dafür aber keine Zeit haben. Ich sehe es auch nicht als den Sinn der HA an, dass die Kinder sie nur mit den Eltern machen können. Klar frage ich mal die Malfolgen oder Vokabeln ab und wir reden auch über die aktuellen Themen in Gesellschaft, Schule und Bekanntenkreis. Und wenn die Lieder aus der Schule melodiesicher nachklingen, so dass ich sie von den Kindern lernen kann, dann singen wir sie auch.
HA sind Übungsmöglichkeiten, Wiederholung, können gern auch kreativ sein oder forschend. Und wenn sie den Kindern wichtig sind, machen sie, was sie können. [McFlitz] hat Bilder herausgesucht und was abgeschrieben aus dem Lexikon. Wir haben über seine eigene Kartoffelanbauerfahrung vom vorigen Jahr gesprochen und uns fröhlich an die tolle Ernte erinnert, die er trotz der irrsinnig vielen Nacktschnecken einfahren konnte, die die Pflanzen kahlfraßen. Beim Abendbrot, unterwegs im Auto und vor dem Einschlafen, wenn das eine oder andere Problem noch zur Sprache kommt.
Mehr geht nicht seitens der Eltern.

Mehr geht auch nicht von [McFlitz]s Seite. Wenn er aus der Schule kommt, braucht er Zeit, um sich zu erholen. Dann macht er Sachen, die ihm wichtig sind. Dann hat er lange genug Aufträge erfüllt, die für ihn lebenspraktisch keine Bedeutung haben, es sei denn sie machen irgendeinen Spaß. Und wenn sie mehr als das sein sollen, dann müssen sie auch mehr Bezug zu seinem Leben haben, zu seinen Bedürfnissen. Dann muss er entweder wirklich neugierig darauf sein, es verstehen lernen wollen, mehr darüber erfahren wollen, praktischen Nutzen darin finden – so wie beim Vorlesen für die „Kleinen“. Oder Hilfe beim Kochen und Heizen. Wenn der jedoch nur darin besteht, artig zu sein und damit Ärger zu vermeiden, dann fördern wir handfest Unterwerfung oder Widerstand. Und wenn es um eine Belohnung geht, dann lenken wir erst recht von der Sache ab und bewirken vielmehr eine Art der Konditionierung, die unsere Kinder anfällig für Bestechung macht.
– + – + –
Ja, ich bin ziemlich zahm. Aber in mir brodelt es. Und meine Bereitwilligkeit zum friedlichen Gespräch ist allein dem Umstand zu verdanken, dass ich eine Entscheidung zur Gewaltfreiheit getroffen habe.

Woche VI | Montag, 05.10.2015

Es gibt Menschen, die sich an so einem traumhaft-sonnigen Herbstwochenende auf den Weg an die Ostsee machen.
Die Menschen in meiner Familie tun das nicht. Sie wollen am Wochenende einfach nur zu Hause und in Ruhe gelassen sein. Sicherlich hätte ich mit ein wenig Anschieben so einen Ausflug erwirken können, aber auch mir fehlt die Kraft dazu. Die Woche ist voll mit Schulpflichterfüllung und tollen Hobbys. Und wenn wir wirklich Ruhe haben wollen am WE, müssten alle Haus- und Hofarbeiten auch bis Freitag abend erledigt sein. Naja, die laufen nicht weg, und ich kann auch ganz gelassen bleiben, wenn sie sich vor mir auftürmen. Da ist mir auch egal, was Nachbarn denken mögen, ich will es nicht wissen, denn wenn ihnen was nicht passt, wie ich es mache, findet sich physikalisch-unausweichlich auch das Gegending dazu… Ansprechbarer bin ich für einfühlsame Erörterung der Sachlage. Vor ein paar Monaten kam mal eine Tierschützerin auf meinen Hof und fragte, ob sie meinen Hund ausführen dürfte. Ich war arglos und die Frau zunächst einfach nett. Wie sich herausstellte, „kontrollierte“ sie mich und lamentierte dann lang und breit über das Elend, in dem sie viele Tiere vorfände. Ich riet ihr, sich mit dem Elend der dazugehörigen Leute zu befassen, wenn sie den Tieren wirklich helfen wollte.
Meine Familie also in Höhlenstimmung. Kkumhada macht ihr Ding, vermeidet jegliche Kommunikation mit mir, Oishi-Kawaii verschwindet zwischen den „Helden des Olymp“ und reagiert insgesamt sehr gereizt auf uns, wenn wir sie da rausholen, McFlitz ist zunächst auch im Onliniversum und später in seine Lego-Katalog-Träumereien vertieft. Dann geht er aber doch von alleine raus herumtoben und Fahrrad fahren oder quasselt mir von seinen Geschichten und Erlebnissen was vor. Der Papa? – Auch er geht seinen Anliegen nach, stoisch fast, aber dazu gehören auch Frühstück machen, Brombeeren ernten, Holz hacken. Ich wünschte nur, er würde sich öfters mal die Kinder schnappen und sie mit einspannen. Naja, er will auch mal ungestört bleiben. Ich schicke ihm Oishi-Kawaii auf den Hals, Kkumhada sucht sich selbst eine familien-gemeinnützige Arbeit und ich schiebe McFlitz an seine Hausaufgaben: ein Vortrag über die Kartoffel, Malfolgen üben, Leseheft lesen. Ich will frei haben! Wenn ich also eh mein Kind zu Hause auch noch beschulen soll – Hausaufgaben dieser Art sind immer Elternaufgaben! – dann könnte die Schulpflicht doch gleich abgeschafft werden. Billiger wäre es auch. So sehe ich mich gezwungen, meine, unsere Familienanliegen hintanzustellen, damit mein Kind den Anschluss nicht verpasst an einen Plan, der zwar zu seinem Besten ersonnen sein soll, aber ganz offenbar so weit über ihm steht, dass es darin schon wieder keine Rolle mehr spielt und eben zusehen muss, wie es klarkommt.
Ich sehe mich gezwungen, weil ich zu feige bin, einfach zu verweigern. Ich habe Angst vor der Strafe. Auch wenn es vielleicht erstmal „nur“ Geld ist. Nun, wir hätten im Monat an die 300 Euro mehr, wenn wir den Jüngsten aus seiner staatlich anerkannten Ersatzschule nähmen. Die könnten dann ja investiert werden in unsere und seine Menschenwürde-Wiederherstellung… Und sicherlich täten wir anderen ähnlich schreckhaften Eltern den Gefallen, mit unserem Beispiel voran zu gehen, so dass auch sie mutiger werden können.
Na, ich will jetzt erstmal noch weiter als Elternvertreterin und Schreiberin das Feld beackern, immerhin sind meine Kinder auch nicht gerade rebellisch, freuen sich auf ihre Freunde, für wen wäre es also? (Aber ich trage sie in mir, diese Sehnsucht nach freudvollem Lernen in lebendigem Sinnzusammenhang aus unserer Lebenswelt heraus, im Einklang mit ihr, along the way, gewissermaßen, und nicht als etwas, wovon man sich am Wochenende erholen muss und distanzieren will.)
Fazit für mich – mein Familienleben: nicht vorhanden. Ich erlebe die Kinder nur unbereitwillig, erschöpft oder krank (bei McFlitz hauptsächlich unbereitwillig zu Hausaufgaben).
Natürlich sehe ich die Schule auch als Aufgabe an und versuche, damit konstruktiv umzugehen. Natürlich denke ich mir unterhaltsame Möglichkeiten des Übens (für die Schule) aus. Das würde ich so oder so machen. Natürlich sehe ich das Lernpotenzial für mich und die Kinder. Aber ich frage mich, ob wir wirklich so bootcamp-artig mit uns und unseren Kindern verfahren wollen? Angebliche Spreu vom Weizen trennen und damit für selbsterfüllende Prophezeiungen sorgen, die dem Dogma in die Hände spielen, man müsse all die beschränkenden, luftabschnürenden und einschüchternden Vorkehrungen treffen, um das Leben in Freiheit zu retten – ?!? – Die, die’s betreffen soll, werden so auch nicht erreicht. Die Sensiblen kriegen dafür umso mehr das „Vergnügen“, sich erstmal wieder aufrappeln zu müssen, damit sie überhaupt zurück zur eigentlichen Sache kommen können. Worüber wundere ich mich da?
Neue Woche, neuer Anlauf. Neuer Versuch, das Gute darin zu erkennen. Und vielleicht ein paar kleine Wunder? Ach, heute fühle ich mich wenig mutig!

Woche V | Montag, 28.09.2015

Nun sind sie wieder alle fort. Einige Stunden nach dem „Blutmond“, den sie natürlich schlafend erlebt haben. Von dem sie theoretisch oder bei den Geschichten um Aang, den Avatar, erfahren werden/haben. Schule ist wichtiger als das echte Leben. Wo kämen wir hin?
Für die wichtigen Dinge lohnt es sich ausgeschlafen zu sein. Also kein Mondspektakel gucken.
Unser Wochenende war reich an Unternehmungen, wir haben viel mit Menschen und miteinander zu tun gehabt – Gäste haben, eine japanische Teezeremonie kennenlernen, einen Geburtstag feiern, ein Flüchtlings-Willkommen, ein Erntedankfest, eine Musiker-Begegnung wie sie lebendiger nicht sein könnte (lauter Leute, die so noch nie miteinander geprobt haben, und ein Klangerlebnis hinzauberten wie eine Wanderung durch Wald und Feld, nach Lust und Laune). Im herrlichsten Sonnenwetter Motorradfahren üben, Rad fahren, Pilze sammeln. Ich allerdings habe mich, nachdem Feiern und liebe Gäste gut überstanden waren, am Sonntag Mittag „nur kurz“ hingelegt und von dem ganzen Sonntagszauber nur die letzten Ausläufer vor dem Abendbrot mitbekommen. Wir schlossen mit „Shaun, der Film“ das Programm und fanden kurz vor dem Schlafengehen noch ein paar Hausaufgaben vor…
Tatsächlich von Freitag auf Montag aufgegeben. McFlitz würde also unverrichteter Dinge in die neue Woche starten. Auch Oishi-Kawaii darf sich auf eine Woche mit täglichen Leistungstests freuen, was ihr natürlich immernoch zu schaffen macht. Und damit auch mir wieder Begleitungsaufgaben liefert. Ich muss argumentieren und trösten und den Pädagog*innen Briefchen schreiben für meine beiden Kleinen. Jedenfalls für McFlitz. Das Wochenende sollte HA-frei sein! Wirklich frei zur selbstbestimmten Verwendung. Zum tief-Durchatmen und frohsinnigen Spiel/Kreativsein/Herumströpen/Bauen… Nun, es ist eine Entscheidung, das kann man auch mit HA haben. Die ignoriert man einfach genauso, wie die Schule ignoriert, dass mensch selbstregulierend auch einen eigenen Lerndrang hat, aus dem Bedürfnis nach Verständnis heraus. Und dass mensch immer das Nötige und Mögliche lernt. Und in einer ignoranten Gleichschrittsschule stolpern MUSS – bei aller Liebe und Rücksichtnahme, weil eben nicht in seinem eigenen Rhythmus und Tempo und von innen heraus bewegt. Und dass es manchmal bedeutet, dass mensch die übergriffigen Forderungen Anderer abwehren muss. Die dann eingeschnappt-vorwurfsvoll behaupten, es wäre doch zu menschen’s Bestem gedacht.
Oishi-Kawaii bekommt von mir die Ermutigung zur Lücke. Natürlich ist mir wichtig, dass sie sich in der Welt auskennt, zu denken lernt und sich den wichtigen Dingen stellt. Sie darf sich also gegen die Angstpaukerei entscheiden. Ich bin nicht böse auf sie über schlechte Noten. Ich spüre nur die Verletzungen der gequälten Seele, die ständig von außen gezogen und geschoben wird und sich weigert einzusehen, dass manche Menschen eben nicht so auf sie achten wie die eigenen Eltern. Ist vielleicht auch unsere Aufgabe, das mal deutlich zu machen und unsere Kinder dazu anzuleiten unterscheiden zu lernen. Das Gegenteil von „gut“ ist „gut gemeint“ (also ohne den Anspruch, die Wirkungen zu überprüfen und das Vorgehen anzupassen). Es geht eben nicht wirklich um die Kinder.
Kkumhada, meine Große „macht ihr Ding“. Sie schöpft aus der Quelle der Begeisterung für ihre Motorradfahrschule. Sie ist mit eigenen Zielen unterwegs und räumt sich ohne weiteres auch Kursänderungen ein. Sie kann inzwischen ganz gut „trotzdem“ lernen, wenn ihr eine Lehrperson unsympathisch ist, und sich auf diese Weise differenzierter auf Herausforderungen einlassen, sich für Gegebenes öffnen. Das geht erst ab einem bestimmten Reifegrad, sicherlich auch abhängig vom Hormonhaushalt und dem Stand der Pubertät – wie weit kann sich das Kind schon lösen und „den Rest der Welt“ auf sich beruhen lassen oder so ins Verhältnis setzen, wie es das Gebet ersehnt: …gib mir die Kraft zu ändern …, die Geduld hinzunehmen …, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden…
Ich merke schon, es geht immer wieder ums Unterscheiden. Immer wieder Aschenbrödel. Die Guten ins Töpfchen.
Also: statt „Lasst die Kinder endlich in Ruhe lernen!“ und strampelnd drauf zu warten, dass es wahr werde, selbst sortieren und mit einem „Machen wir das Beste draus!“ das Nötige und Mögliche lernen. Hier wohl: selbst entscheiden und die Folgen tragen. Sei es Verweigerung, Flucht nach vorn oder Mitwirkung in Kritik oder Einverständnis. Ich wähle eine Mischung aus allen dreien. Und wenn ich mutig genug bin, kann ich vielleicht sogar unmittelbar (direkt und mündlich) mit den Bildungsmachenden ins Gespräch treten und für das Verständnis sorgen, dessen es bedarf, um wirklich etwas zu verändern. Bis dahin erlaube ich meinen Kindern, in Ruhe zu lernen und sich von der Schule nicht stören zu lassen…