Kurzmitteilung

Helikoptereltern?

Ein anregender Begriff, ich weigere mich, ihn auf mich anzuwenden, aber er drängelt sich auf. Nun gut, soll er. Schließlich bin ich tatsächlich in Sorge um meine Kinder, und warum nicht mal von oben draufschauen?
Ja, meine Kinder zeigen solche Symptome, die auf Verwöhnung hindeuten. Sie machen vieles nicht, was sie könnten, quengeln gerne mal. Verweigern sich den Anforderungen in unserem Leben.
Aber halt – nicht immer. Ich sehe sie auch herumtollen und ausprobieren. Musikinstrumente, Naturmaterialien, Spiele (auch elektronische), das Kochen und Backen, sie richten sich häuslich ein in Lieblingsplätzen, lesen, knobeln, schreiben eigene Briefe oder Geschichten.
Nanu?
Aber, wenn sie sollen, geht das alles nicht. Sich anziehen, Stulle schmieren, Zähne putzen, Luft holen.
Wenn ich sie den (teilweise ungeliebten) Verhältnissen anbequemen will (Eva Strittmatter), können sie nicht, wollen sie nicht.
Ich bin keine Freundin von Zwang. Was also tun?
Helikoptern. Denn ich bin es, die Ja sagt zu den Zwängen der Gesellschaft. Aus Feigheit. Angst. Also bin ich in der Zwickmühle. Ich sehe den Unsinn. Hier steckt die Angst, das Stillhalten und Hoffen, dass es von alleine vorübergeht. Ich breite solange meine Fittiche über die Küken.
Was ist das für eine Gesellschaft, vor der ich meinen Nachwuchs schützen zu müssen empfinde???
Ich komme aus diktatorischen Verhältnissen und bin auf dem Weg in die Freiheit. Ich habe Umgangsformen und andere nützliche Dinge als Vorschriften gelernt. „Man macht das (so, nicht, …)“ Und war ich nicht willig, so gab es Strafen, Schläge, Zwang. Und war ich willig, gab es Korrekturen, Mangelhinweise und Ermahnung. Und manchmal ein Lob, das mich abheben ließ. Mit Bruchlandung. Ich möchte das nicht an meinen Kindern wiederholen, mir bleibt zu erfinden, wie es denn gewaltfrei ginge. Ich probiere und studiere. Solange ich ratlos bin, lasse ich es wie es ist, beherrsche meinen Frust. Ich habe auch das Glück erlebt, inspirierende Vorbilder zu finden hier und da. Dann ist vieles einfacher. Nachmachen, den Effekt erfahren, den Zusammenhang begreifen, weiter so.
Ich brauche immer dann besonders viel Kraft und Zeit, wenn das Mitwachsen nötig wird. Gerade habe ich eine akzeptable Strategie gefunden und alles läuft wie geschmiert, da verlassen die Kinder dieses Entwicklungsstadium und ich muss mitwachsen, ehemals nützliche Gewohnheiten abtrainieren, neue Zusammenhänge erforschen. Denn die sollen bei mir die Bedeutungsgeber sein. Natürliche Folgen, keine Strafkataloge. Wir machen also Erfahrungen. Wie geht es mir, wenn mein Kind mich nicht begrüßt? Will ich auf Formen bestehen, die nicht mit Leben gefüllt sind? Muss warten, bis sie sich im Leben als wirkungsvoll herausstellen für die Kinder. Kann sagen, dass sie mir wichtig sind, und es selbst so machen.
Ich habe ein wenig Angst, besonders in Bezug auf mich selbst, wenn ich ungehorsam sein muss, um dem Menschlichen zu dienen. Genauso groß ist meine Unsicherheit, Ratlosigkeit, der Zweifel, ob dieses oder jenes richtig ist. Aus ihr heraus tue ich Dinge anstelle der Kinder, die sie selbst könnten.
Ihr Schmerz ist auch oft mein Schmerz. Es heißt, die Kinder sind unsere Chance zur Aufarbeitung eigener unerlöster Verletzungen. Ja! Wenn ich für sie einspringe, dann eigentlich für mich. Ich hole da was nach. Was mir meine gesellschaftliche Umgebung seinerzeit nicht bot. Es ist hart, das auseinander zu halten zu lernen. Aschenbrödel hilf!
Je mehr ich meine eigenen alten Baustellen vollende, desto mehr Vertrauen gewinne ich zurück. Resilienz für mich, Zuversicht für die Entwicklung und das Lernen der Kinder. Und kann sie in Ruhe lassen. Sie machen das schon. Ihre Erfahrungen. Auch die mit ihrer eigenen Bewirkungskraft. Schließlich sind sie nicht allein und verlassen! Helikopterlandung möglich. Lieber zusammen sein und gemeinsam die Lage betrachten. Ich nehme sie mal mit auf eine Tour…