Woche XXXI | Montag, 28.03.2016

Noch bekommen wir die geklaute Stunde nicht in aller Härte zu spüren, wir haben noch zwei Tage Ferien vor uns. Die Umstellung auf Schulrhythmus wird jedoch nicht nur deshalb schwerfallen. Wenn wir in den Ferien nach einigen Tagen unseren eigenen Rhythmus gefunden haben, unsere eigenen Beschäftigungen, unser eigenes Maß, dann ist das nur selten nahe am Rhythmus des Schullebens. Meine Teenager verlagern ihr kreatives Schaffen eher in Richtung Nachmittag, Abend und Nacht. Wer Spätschicht macht, muss natürlich morgens länger schlafen. Sie haben also ohnehin eine ordentliche Umstellung zu meistern. Zum Glück steht hier inzwischen die Freude auf das Wiedersehen mit Schulfreund*innen im Vordergrund und verleiht die nötige Lust darauf, entsprechend zeitig da zu sein.
Der Lütte ist noch von Neugier aus morgens beizeiten munter, will dem recht früh aufstehenden Papa nahe bleiben und tappelt uns noch von sich aus hinterher. Seine Müdigkeit einzugestehen und entsprechend zeitig schlafen zu gehen, erlaubt ihm aber auch sein Stolz nur selten – nur in den Fällen, wo auch wir Eltern uns ins Bett begeben.
Für ihn also reicht es, wenn wir vorangehen, für die Teenies ist das kein Grund mehr. Bestenfalls eine Gelegenheit für die fortschreitende Abnabelung, hier in ihrer Ausprägung als Gegenteiltun.
Mir fiel die Zeitumstellung immer schwer, ich kann mich kaum an ein Jahr erinnern, in dem ich unberührt davon blieb oder vielleicht sogar froh über die bessere Ausnutzung des Tageslichtes und die damit einhergehende längere Nachmittagshelligkeit. Wenn man die Schlafräume richtig dunkel kriegt, schlafen die Kinder am tageshellen Abend etwas besser ein. Ich habe dann im Idealfall noch ein bisschen Licht für Verrichtungen draußen im Freien oder kann die Abendstille mit dem Himmelsschauspiel einfach bestaunen und genießen. Schade für die Kinder, die schon ins Bett müssen. Es ist ein jahreszeitliches Erleben der Natur, das ihnen verwehrt bleibt, bis die nächsten Ferien kommen. Und da sie gewohnheitsmäßig Schreibtisch- und Bildschirmarbeiter*innen sind, braucht es durchaus auch besonderen Einsatz, sie an die frische Luft zu befördern.
Ich beobachte bei meinen immernoch Züge der Höhlensuche. Nicht mehr so ausgeprägt wie noch zu Beginn des Schuljahres, als ich mich entschloss, diesen Blog zu schreiben. Das Bedürfnis nach Sicherheit, Schutz scheint ganz gut gesättigt zu sein inzwischen. Nun tritt in den Vordergrund, sich ungestört in etwas zu vertiefen. Ich habe beobachten können, wie eines meiner Kinder sich „Für Elise“ auf der Gitarre aneignete: ich habe es mir vor Jahren nach Noten erarbeitet, die Noten sind irgendwo verschollen, also blieb nur Zeigen und Nachmachen. Hundertemale spielte dieses Kind die Griffe durch, es wäre wirklich zu schade gewesen, wenn ein Pausenklingeln und Themenwechsel es darin unterbrochen hätten. Es spielte solange, bis es mit sich selbst zufrieden war, mit der Zwischenetappe, die es erreicht hatte, die es sich im Übungsprozess dynamisch vorgenommen hatte – je nach den Kräften, nach dem erlebten Fortschritt und dem damit zusammenhängenden Gefühl des diesmal noch Machbaren. Klar wurde auch ich immer wieder gefragt, wie ich es finde. Besser gesagt wurde mir klar gemacht, was ich toll finden sollte, gemeinsam mit dem kämpfenden Kind, dessen Anstrengungsbereitschaft unermesslich schien. Es wollte seine Freude teilen, es wollte Resonanz für seinen Stolz, Bestätigung, Bekräftigung, Rückversicherung. Aber sein eigenes Erleben, wie gut es mit der Zeit klappte, war das Größte. Die Fragen an mich waren rein rhetorisch – ist das nicht toll?
Es hatte nichts mit Überheblichkeit zu tun oder mit Realitätsferne. Mein Kind war im Frieden mit sich selbst, und es wollte sich nicht ins Verhältnis mit äußeren Maßstäben setzen zur eigenen Orientierung.
Dann wurde zwischendurch auch die Version für’s Keyboard wiederholt und nach drei Stunden konnte das „Thema“ abgeschlossen werden für den Tag.
Wie gut das Einüben sich verankert hatte, konnte ich am nächsten Tag erleben – rhythmisch schon sehr ebenmäßig floss das Stück durch den Raum, immer wieder hier und da noch ein Schnitzer, weiteres Ausbügeln, weiteres Automatisieren, weiteres Üben im Rausch der Fehlerfreiheit. Dann der Vorführeffekt: nach all diesem Üben taucht das Kind aus seiner Versenkung auf und möchte froh präsentieren: Da holpert’s plötzlich wieder an allen möglichen und unmöglichen Stellen, bis das Kind sich zurückbesinnt auf’s Spielen statt auf’s Vorführen. Wenn das nicht „Für’s Leben Lernen“ ist! Für den Ernstfall, wenn’s gebraucht wird. Eitelkeit ausschalten, auf die Tätigkeit selbst konzentrieren. —
Also, ich versuche, nicht an die Zeitumstellung zu denken, solange ich daran nichts ändern kann oder bis mir ein tolles Kunstwerk dazu einfällt, ich versuche, mich auf das Anliegende zu besinnen. Ich bin ein lebendes Wesen, dynamisch, selbstorganisierend. Und wenn eines meiner Kinder am Donnerstag morgen aus irgendeinem Grund nicht in der Lage ist, so früh loszulegen, werde ich mich seiner Gesundung widmen.
Ich hoffe, das Osterfest ist für uns ein Grund zur Freude gewesen, ich sehe es als Ermutigung dazu an, sich den Bedürfnissen des Lebens liebevoll zuzuwenden. Und den Handhabungen und Weichenstellungen einer Gesellschaft auch. Aber nicht als ewig unveränderlich. Die starren Orientierungshilfen (auch in der Schule) nehme ich voller Mitgefühl als Auswuchs der Angst in Augenschein und wirke mit Freuden darauf hin, sie unnötig zu machen. Auch eine Stunde früher als im Winter. Warum nicht?

Woche XXIX | Freitag, 18.03.2016

Wie schön, wenn man einfach in Ruhe arbeiten gehen kann! Mit dem guten Gefühl, die Kinder gut aufgehoben zu wissen in ihren Schulen. Und, welch Romantik, am Nachmittag oder Abend Anekdoten und Abenteuer erzählt zu bekommen! Ich wage noch nicht, mich daran zu gewöhnen, aber ich schätze mal, das passiert einfach.
Nun, die ganze Romantik hatte ich nun nicht, es gab Läusealarm, ich hatte mein Grundschulkind drei Tage zu Hause, um ganz sicher zu gehen. Zum letzten Schultag konnten wir ihn nur motivieren, weil wir ihm die Sicherheit zu geben imstande waren, dass er nicht gleich wieder Läuse einfangen würde – in der Schule haben alle Eltern zugestimmt, dass ihre Kinder dort kontrolliert werden dürfen, so dass ganz gezielt informiert werden kann.
Nun haben wir wieder Ferien, heute mit praller Sonne und der Ahnung, wie schön es im Frühjahr sein kann – wenn nicht immer alles grau überhangen bleibt…
Aber was mir dennoch vergönnt war: ganz nach meinem Rhythmus zu leben. Mit welcher Kraft kann ich unterwegs sein, wenn ich mir meine eigene Art erlaube! Dann bin ich auch weniger davon abhängig, ob die Umstände günstig sind, und kann mich viel besser auf Gegebenes einstellen. Wie sehr ich doch meistens von mir selbst entfernt bin! Ich lande in einem Automatik-Modus, der auf Planerfüllung programmiert ist, ich funktioniere dann einfach und ich erwarte das natürlich dann auch von den Kindern. Ich tue Dinge nicht, weil sie notwendig sind, sondern weil das jetzt so geplant ist. Ich habe die Verbindung zum Sinn nur in der Planungsphase, in der Umsetzungsphase bediene ich nur noch die Programmpunkte. Ich bin auch in einem gewissen Grad flexibel und kann den Kurs ändern, aber eigentlich immer mit einem schlechten Gewissen wegen des Planes oder wegen anderen Menschen, die sich drauf verlassen. Es ist irre aufwändig, immer allen Beteiligten die Änderungen mitzuteilen, damit sie sich mit ihrer Planung darauf einrichten können.
Eigentlich möchte ich nicht planen, ich möchte lieber viele Möglichkeiten inpetto haben und auf die jeweilige Situation eingehen. Das macht Absprachen schwierig, vor allem mit Planer*innen, die jede Einzelheit festgelegt sehen wollen. Ich habe lieber die Möglichkeit, mit den Aktualitäten zu spielen, kreativ im Augenblick zu entscheiden, gern auch mit Anderen im Team, die genauso auf verschiedene Ressourcen zurückgreifen können und spontan Ideen aufgreifen und umsetzen.
Wenn das so läuft, erlebe ich Flow. Ich bin kaum zu erschöpfen, die Quelle sprudelt fröhlich, bis mir buchstäblich die Augen zufallen und meine Körperzellen mir Pause verordnen.
Das beobachte ich auch an den Kindern – wie werden sie munter und ihre Kopfschmerzen verfliegen, wenn sie nach ihrer eigenen Fasson lesenschreibenzeichnensingentanzenrechnen dürfen! Habe ich sie nach acht Stunden Schule völlig erledigt in Empfang genommen, kommen sie nach kurzer Ruhe auf ihre eigenen Gedanken und finden Betätigung, die sie wieder zu sich kommen lässt – wenn ich sie lasse und nicht mit Pflichten oder Vorstellungen behellige. Die suchtartige Ausprägung einer Beschäftigung macht klare Aussage darüber, wie sehr ihre Bereitwilligkeit zur Erledigung fremder Aufträge überstrapaziert ist. Wie sehr ihr Bedürfnis nach Selbstbestimmung im roten Bereich gelandet ist. Gewiss steht hier wissenschaftliche Untersuchung aus, es ist aber meine Beobachtung und Auslegung, immer wieder.
Nun, mal sehen, wie lange es dieses Mal dauert, bis sich eine gesunde Unternehmungslust einstellt und die Bereitschaft, den Rückzug in die persönliche Höhle einzutauschen gegen Expeditionen in die Welt. In ausgewogener Weise.
Achja: Liebe Grüße an mein Kind im fernen Lande! Bitte grüße deine Gastfamilie und alle, die sich freundlich um dich bemühen und sage ihnen meinen Dank!