Woche XXXVI | Freitag, 06.05.2016

In dieser Woche tagt in Berlin die Konferenz zur Zukunft der Lernkultur. Mich beschäftigt von ferne die Frage, wann denn jeder Mensch endlich seinen natürlichen Lerndrang verfolgen kann. In seiner Intensität, in seinem persönlichen Maß.
Die Unausgewogenheit hat mir bei meinen beiden größeren Kindern schwer zu schaffen gemacht, und sie tut es noch. Nicht nur, dass sie unmäßig viel sitzen müssen und mussten, viel zu wenig eigene Entscheidungen zu treffen bekamen und im Grunde gar keine Wahl in Bezug auf den Themenplan, das Tempo und die Benotung haben und hatten. Nein, sie werden ihrer Unbeschwertheit beraubt, weil die Erwachsenen in diesem Land mit einer Grundannahme herumlaufen, die den Kindern unterstellt, von alleine sowieso nichts zu lernen. Die Erwachsenen in diesem Land gehen ja auch davon aus, dass Hartz-IV-Empfänger selbst schuld sind an ihrer Lage und nur durch Bedrohung dazu gebracht werden können, wenigstens für dieses Almosen aus ihrer Komfortzone zu kommen.
Das Ausmaß der Entwürdigung wird uns eines Tages zu Bewusstsein kommen, so wie uns DDR-Bürger*innen der Blick auf Nordkorea vielleicht einen Eindruck von unserer seinerzeitigen Manipulierung bescheren kann. Es ist mir eine jahrelange Aufgabe geworden, Linsen und Erbsen wieder auseinanderzusortieren, sachliche Zusammenhänge von ideologischen zu trennen.
Ich beklage die Unausgewogenheit, weil ich sie ausbaden muss: Sämtliche Bereitwilligkeit meiner Kinder ist von der Schule aufgebraucht und absorbiert worden, sie wurde sogar enorm überstrapaziert, so dass ich zu Hause andauernd in die Rolle der Krankenschwester gedrängt wurde und werde, in die Rolle der externen Steuerin und Überwacherin. Mir fällt die unliebsame Aufgabe zu, den übermäßigen Bücher- und Bildschirmkonsum ständig eindämmen zu müssen, was ich zum großen Teil dem Umstand zuschreibe, dass die Kinder in der Schule solche großen Zugeständnisse an viele ihrer Bedürfnisse machen müssen: wenn der Unterricht langweilig ist und sie sich nicht selbst belebende Beschäftigungen und Inhalte suchen dürfen, ihrer Kreativität nicht entsprechen können, weil z.B. Kritzeleien am Heftrand verpönt sind, ihren Hunger nach spannenden Schilderungen nicht stillen können, keine Rückzugsmöglichkeiten finden, keine Anleitung in der Lösung von Konflikten, keine Inspiration für die Erkundung der Kulturschätze bekommen und keinen Schutz vor der Androhung von Strafen oder vor Beschämung, zuwenig Zuwendung erfahren und nicht genug Zeit haben, Wissen und Verständnissicherung zu vollenden, bevor etwas Neues anfängt…
Was suchen sie in Büchern und im Internet, was sie in der konkret-analogen Umgebung nicht erlangen?
Mir geht es nicht um das Verhindern der Nutzung all dieser Medien, und ich sehe auch deutlich, wie sie einen Menschen vereinnahmen können. Ich weiß nicht, wo die Manipulation beginnt, die dazu führt, dass man seinen körperlichen Bedürfnissen keine Aufmerksamkeit mehr schenkt, zu essen, trinken, schlafen und sich zu bewegen solange hintanstellt, wie man es für eine Schulaufgabe wohl nie fertigbrächte, aber auch im Flow eines Gruppenspiels kämmen diese Dinge nicht zu kurz…
Ich weiß aber, dass ich selbst lieber draußen in der Natur bin, mich rühre und im Garten buddele oder still und andächtig den Vögeln und dem Blätterrauschen lausche als stundenlang Hayday oder Minecraft zu spielen oder Let’s plays zu gucken. Jedenfalls geht es mir nach Stunden von Ersterem viel besser als nach Stunden von Letzterem. Ich bin überzeugt, dass ich auch ohne die Unausgewogenheiten, die für meine Kinder definitiv durch die Schule entstehen, das Thema Maßhalten im Umgang mit den Medien aufkommt, denn dieses Maßfinden ist eine uralte Lebensaufgabe und im Tanz von Yin und Yang symbolisch dargestellt. Das muss mich aber nicht davon abhalten, die Unmäßigkeiten der Schule auf’s Korn zu nehmen.
Ja, sie entstehen durch die Schule, aber ich habe sie zugelassen, diese Unausgewogenheiten. Ich und viele andere Erwachsene. Und ich habe sie meinen Kindern angelastet. Anstatt endlich dafür zu sorgen, dass sich ihre Schulwelt endlich dahingehend wandelt, dass die Kinder dort sicher sind und achtsam begleitet werden auf ihrem Weg ins Leben. ein Leben als freie Erwachsene, die auf eigenen Beinen aufrecht stehen und gehen können und mit Weitblick und lebensfördernder Feinfühligkeit ihrerseits für Kinder und eine intakte Umwelt sorgen werden.
Nu aber.

Woche XXXIV | Montag, 18.04.2016

Fast hätte ich es verpasst – ist ja schon wieder ein Beitrag fällig geworden, wenn ich meinen Turnus einhalten möchte… Zum Start der 34. Woche dieses Schuljahres bewegten mich weniger die Sorgen meiner eigenen Kinder, sie sind vergleichsweise harmlos geworden. Mein kleines großes Mädchen, dessen Präfrontaler Kortex sich derzeit erheblich gestaltet, empfindet sehr scharf jegliche Art des Zunahetretens: insbesondere auch die Beschneidung ihrer eigenen Entscheidungen durch die in ihrer Schule gängige Unterrichtspraxis. Sie träumt immer kräftiger von selbstbestimmtem Lernen, von Begleiter*innen, die anregen und anleiten statt vorzuschreiben oder mit Benotung zu drohen. Von Räumen voller Material und Möglichkeiten. Sie hat die permanente Unterstellung der schülerischen Unwilligkeit mehr als satt.
Mein Grundschulkind geht ebenfalls wieder, wenn auch hustend, zur Schule. Seit ich nun andere Kinder mit Schulproblemen begleite, wird mir der Segen der benotungsfreien Rückmeldung noch einmal mehr deutlich und ich genieße es, diese Ablenkung vom eigentlichen Sinn des Erlernens der Kulturtechniken nicht auch bei ihm zu haben, und den Umgang damit am Ende des Tages als Hauptthema serviert zu bekommen. Ja, die Kinder verletzen sich an schlechten Noten, vielleicht schlimmer als an Schlägen auf den Hosenboden – da kann man sich wenigstens als tapferer Held feiern lassen. „Es macht gar keinen Spaß zu lernen, wenn man immer nur schlechte Noten bekommt“, gestand mir ein 9jähriges Mädchen kürzlich.
Ich arbeite mit den Kindern daran, dass sie trotzdem wieder an die Sache herangehen, erschließe mit ihnen den Spaß, den man daran haben kann, zu rechnen oder Botschaften schriftlich zu ver- und wieder entschlüsseln. Die Eltern bestärke ich darin, Eltern zu sein, keine Nachhilfepauker, und ihr normales Familienleben nicht für Hausaufgaben- und Übungsorgien zu opfern. Ich rede zudem mit ihren Lehrer*innen, möchte sie ermutigen, menschlich auf die Not der Kinder zu schauen. Sie sagen, sie müssen das alles schließlich in der Grundschule lernen, und ich frage, ob denn die Kinder, die sie mit schlechten Zeugnissen dann weiterziehen lassen, gelernt haben, was sie sollen. Das einzige, was geschehen ist, ist die Abarbeitung des Planes seitens der Pädagog*innen. Sie haben ihre Pflicht erfüllt. Die Kinder, die nicht das Glück haben, rein zufällig mit dem Tempo und der Darreichungsform der Unterrichtsinhalte gut klarzukommen, könnten sich diagnostizieren lassen, manche fahren weite Wege übers Land, um in eine LRS-Klasse zu gehen, stehen morgens dafür eine Stunde oder mehr früher auf, ihre Eltern mit ihnen, und kommen müde wieder heim, womöglich immernoch mit demotivierenden Erlebnissen. Abgesehen davon, als diagnostiziertes Wesen aus dem sonst Üblichen hervorzustechen, zementiert sich die Diagnose nachträglich noch, wenn die Resignation einsetzt.
Ja, hier in der Gegend gibt es einen Aufschrei, wenn ich das Thema Benotung anspreche und in Frage zu stellen wage. Die Eltern fürchten, ein wichtiges Instrument zur Erziehung ihrer Kinder zu verlieren. Für viele ist die Note die einzige Orientierung. Sie wissen dann sofort, ob ihr Kind „gut“ ist. Und wenn nicht, dann geht die Notfall-Maschinerie los: das Kind wird zu mehr Üben gezwungen, den Lehrpersonen in der Schule werden die Türen eingerannt. Schuld wird verteilt und zurückgewiesen. Der zweite Bildungsweg wird beschritten, monatlich viel Geld für Nachhilfe ausgegeben, da könnte man gleich in eine private Schule gehen, in der ein Kind in seinem Tempo lernen kann, individueller betreut wird und dann auch noch Freizeit behält, die für seine geistige und seelische Erholung unerlässlich ist.
Lehrer*innen beklagen sich, dass sie in der Schule die Erziehungsmängel der Elternhäuser ausbaden, ich selbst habe mich lange dagegen aufgelehnt, die Schädigungen meines Kindes durch die Schule ausgleichen zu müssen.
Und sehe ich es falsch? Steuerzahlende zahlen doppelt für ein schlechtes Schulwesen: entweder in Nachhilfe oder in private Schule fließt ihr Geld, beides macht die staatlichen Schulen nicht besser, die wiederum aus den Steuern derselben Leistungstragenden bemittelt werden. Und dann noch die Spätrechnung, wenn die Kinder krank werden, psychische Probleme bewältigen müssen oder, bei erfolgreicher Verdrängung, körperliche Leiden erleben müssen, die von all den Leichen im Keller hervorgerufen werden: „Das Gehirn macht aus Psychologie Biologie“, sagt Joachim Bauer in einem seiner Internet-Vorträge, der Körper ist das Gedächtnis unseres täglichen Empfindens, bis in die Gene hinein. Wann beginnt das Großreinemachen? Es ist Frühling, eine gute Zeit für den gründlichen Winterschlussputz! Für das Ausmisten all der Glaubenssätze und Ideologien, die uns von Mitmenschlichkeit im Umgang miteinander und mit uns selbst abhalten. Ich selbst bin intensiv dabei, und – es tut einfach gut!

Woche XXXIII | Freitag, 15.04.2016

Es blieb nicht bei einem kranken Kind. Ich habe seit Mittwoch auch mein Grundschulkind zu Hause, und es gibt mir die Möglichkeit auch mal zu erleben, dass einer unbedingt in seine Schule möchte, aber wegen Krankheit nicht kann… Und ich kann hier nun ganz „entspannt“ davon ausgehen, dass es sich um eine reine biologische Privatangelegenheit handelt, die ihre Türöffner nicht in erster Linie einem maßlosen „Rest der Welt“ verdankt. Die Faktoren befinden sich also in meinem direkten Zugriff, was auch bedeutet, dass ich unmittelbar was machen kann. (Ich schätze, ich kann auch sonst immer was machen, aber es gleicht mehr einem Tappen im Nebel, während ich jetzt gerade klare Sichtverhältnisse habe.)
Auch mein großes Kind in der Ferne hatte dieser Tage mit einer Infektion zu tun, nun ist es seit 8 Wochen im Land seiner Träume, die größte Aufregung hat sich sicherlich gelegt, auch mithilfe eines geregelten Tagesablaufs. Was nicht bedeutet, es würde langweilig, denn die Sprache gilt es intensiv zu lernen, wenn der Unterricht in der Schule ihm etwas mehr bescheren soll als die Fragezeichen des Nichtverstehens.
Ich hatte also krankenpflegerische Aufgaben, dachte wieder einmal über die damit verbundene Verhinderung meiner anschafferischen freiberuflichen Tätigkeit nach und den damit einhergehenden Verlust von Einkünften. Und selbst wenn ich voll weiterarbeitete und mir lieber eine „Krankenschwester“ aus der Nachbarschaft holte, hätte ich Ausgaben, die sonst nicht anfielen, und damit auch unserem Haushalt abgehen. (Für manche Genesungsvorgänge braucht es aber eine Mutter und keine Apotheke.) Ich müsste eigentlich immer eine Bereitschaftsperson vorhalten, wenn ich gut abgepuffert sein und zuverlässig für meine Erwerbstätigkeit bereitstehen möchte. Diese Bereitschaftsperson arbeitet dann für mich, um ihren Unterhalt zu erwerben.
Ich arbeite für das Fortbestehen menschlichen Lebens, wenn ich Kinder großziehe. Für meinen Unterhalt sorgt mein Mann mit seiner Arbeit. Dafür bekomme ich ihn nur kurz am Tag zu Gesicht und das, wenn er abgespannt ist. Er ist auf sich allein gestellt mit seiner Aufgabe, denn Chefs beiderlei Geschlechts und Kolleg*innen sehen sich nicht zwangsläufig als Gemeinschaft an, in der er es darum geht, einander bestmöglich zu unterstützen( – vielleicht noch bei bei einer Gemeinschaftsaufgabe, die dem Leben aller dient). Verliert er seine Arbeit, muss er sich sehr zettellastig beim Amt rechtfertigen, um für seinen Lebensunterhalt und den seiner Kinder zu sorgen. Nun gut, dann könnte ich vielleicht voll loslegen und für uns anschaffen gehen. In freier Wildbahn könnten mich nur konkrete andere Lebewesen, Wetter und Landschaft behindern oder fördern, in unserer Menschlichen Gesellschaft bekomme ich es außerdem mit Regeln und Gesetzen zu tun, die ich verinnerlicht habe. Ich bin, abgesehen von etwas Garten, für den ich zu wenig Zeit finde, weitgehend abgeschnitten von direkter Selbstversorgung (Ackerbau, Jagd, Sammeln), bin auf Kooperation angewiesen, weil ich all die nötigen Handwerke gar nicht beherrsche. Wenn mich unser Gesellschaftswesen so abhängig macht, dann ist es ein Leichtes, mich zu erpressen. Aber einer Menschlichen Gesellschaft ist es möglich, fürsorglich zu ihren Mitgliedern zu sein, es ist sogar nötig. Und wie ich finde, kann es sogar ohne Bedenken bedingungslose Fürsorge sein. Muss. Man erinnere sich an die Studie mit den Kleinstkindern, die zutage förderte, welcher Natur wir sind, wenn wir zur Welt kommen: unterstützend! Kooperativ! Gegenseitig. 100%.
Ich glaube, meinem Mann täte es auch gut, Unterstützung zu spüren bei der Ernährung seines Nachwuchses. Sicher würde er mit Freuden mehr Zeit mit diesen kleinen Menschlein verbringen und dabei auch selbst ausgeschlafen sein. Und auch mehr ausgeschlafene Zeit haben für Reparaturen in der Wohnhöhle, Arbeiten in Hof und Garten. (Ich will ja gar nicht einmal von kulturellen Genüssen jenseits von Radio und Fernsehen reden.)
Wir sind kaum in den Urlaub gefahren, wir wohnen wo andere Urlaub machen, und solange unsere ländliche Ruhe nicht von Zivilisationsgeräuschen gestört wird, geht diese Rechnung auch auf. Aber auch die Kurzausflüge zu den weit verstreut wohnenden Verwandten und Freunden, an die Ostsee oder in die Hauptstadt bedürfen einer finanziellen Ermöglichung…
Wenn gut für die Erwachsenen gesorgt ist, dann haben auch die Kinder ein besseres Leben, werden weniger begluckt, weil größeres Vertrauen herrscht – in die Nachbarschaft, die Gesellschaft, die dann sogar Gemeinschaft sein könnte. Die Erwachsenen brauchen Kooperation, gegenseitige Unterstützung. Unsere Gesellschaft muss darüber klar werden. Das andauernde Gefühl, irgendwie über’n Tisch gezogen zu werden, erpresst und ausgebeutet, führt für mich zu einem Denken a la „Wer’s glaubt, wird selig“ wenn mir jemand weismachen will, ich müsste mich nur noch ein bisschen mehr anstrengen. Auch dazu gibt es eine sehr illustrierende Studie, die inzwischen für eine Süßigkeiten-Werbung missbraucht wird: Wenn du den Marshmallow jetzt nicht isst, dann bekommst du nachher zwei davon. Das funktioniert meines Erachtens nur in einer unterstützerischen Gemeinschaft, nicht in einer ausbeuterischen Gesellschaft. Zumal wenn es keine Zwangskirche mehr gibt, die die Verarschten aufs Paradies vertröstet. Nur diejenigen, die sich abschotten von der ganzen Versuchung, mögen den Segen der Selbstbeherrschung zu erfahren bekommen, aber sie müssen wohl auf der Hut sein und das vom Munde Abgesparte solange vor der Meute verbergen, bis der Bonus kommt. Und dann schnell futtern. Oder wieder auf den nächsten Bonus warten? Und dann geht es ihnen wie dem Mann, der seine gesparten Goldtaler vergrub und aus Angst vor Entdeckung nur seltenst nachsah, ob sie noch da wären. Und als er eines Tages beweisen wollte, dass er als reicher Mann sterbe, waren sie verschwunden. (Immerhin bewies er, dass man würdevoll als armer Arbeiter leben konnte – wenn man nur einen geheimen Schatz sein eigen nannte.)(Was ist mein geheimer Schatz?)
Die derzeitigen Nutznießer der Unbeherrschtheit haben’s aber vielleicht auch nicht viel besser: Müssen sie doch in Gated Communities all die abgeschöpfte Sahne verbergen und vor dem Neid der Besitzlosen schützen…
Wo steht hier die Schule? Unterstützend? Und damit ein sicherer Ort für Kinder? Sie ist vielleicht nicht abschöpfend, aber wenn sie Gehorsam fordert und Disziplin erpressen will, bahnt sie denen den Weg zum Erfolg, die es im echten Leben sind und unter dem Deckmantel einer Wachstumswirtschaft Eltern und Kinder ausquetschen, was das Zeug hält.

Woche XXX | Freitag, 25.03.2016

Vor drei Monaten war Weihnachten, die diesseitige Feierlaune hielt sich in Grenzen, viel verlockender war es, diese freie, unschulverpflichtete Zeit mit den vielen Sättigungsquellen hinter den Bildschirmen zu verbringen, sich zurückzuziehen von den nervigen Verpflichtungen gegenüber anderen Menschen – jedenfalls bei den Kindern, und auch dieses Mal habe ich in den Ferien reichlich Gelegenheit, meine Angebote und Wünsche in Bezug auf die Kinder und unser Familienleben mit den Boni der virtuellen Welt ins Verhältnis gesetzt zu erleben.
Ich vermute ja meistens Flucht, wenn ich die Kiddies vorm Bildschirm sehe, aber es darf auch gern ein Fantasy-Buch sein oder Lego-Welten auf dem Wohnzimmerboden. Natürlich ist ein Treffen mit Busenfreundinnen in 3D und zum Anfassen davon kaum zu toppen, aber die Begegnung mit der eigenen Mutter schon. (Das spricht Bände, nicht wahr?)
Also Flucht ist ein Aspekt, aber was finden wir in den Tiefen des Internet, was uns das analoge Hierundjetzt nicht bieten kann?
Für meine Kinder freue ich mich, weil sie recht unkompliziert auch Freunde treffen können, die sonst immer zu Hause bleiben müssen, wenn sie sich verabreden wollen. Natürlich wünsche ich ihnen die echten Begegnungen, aber die jeweiligen Eltern haben dieses Bedürfnis nicht ganz so im Auge wie ich. Oder auch dann, wenn eben kein Bus fährt, sie sind weniger abhängig von der (fehlenden) Infrastruktur vor Ort.
Aber auch weniger abhängig von den Menschen vor Ort. Wenn hier nun einmal keine passenden Freund*innen zu finden sind – Zeit, Chemie, Interessen, Alter etc. – und somit man selbst irgendwie einsam bleibt in der Menge, dann bietet die Telefonleitung doch die Möglichkeit einer befriedigenden Verbindung. Mir selbst geht es ja auch so. Und dank dieser Schreibplattform kann ich Leute finden, die sich mit mir über meine Lieblingsthemen austauschen möchten, Leute, die widersprechen oder gleich gesinnt beipflichten – alles sehr befruchtende Impulse. (An dieser Stelle danke!!!)
Und dann der Hunger nach allen möglichen Ideen, Rollen, Experimenten! Jenseits von Räuber und Gendarm, aber nicht irgendwie doch auch wieder ähnlich. In einer Unzahl von Variationen. (Da kommt mir der Denkspruch „Alles ist Nichts, und aus Nichts kann Alles werden“ in den Sinn.)
Die Zeit, die wir miteinander verbringen, hält sich in Grenzen. Ich brötele gern mal für mich allein herum, bin froh, dabei nicht unterbrochen zu werden. Klar, als Mutter bin ich immer irgendwie im Bereitschaftsmodus, lasse alles stehen und liegen, wenn Not am Kind ist. Oder um echte Not zu vermeiden. Das hat natürlich nachgelassen, seit ich keine Windeln mehr wechseln muss. Aber die Art, wie wir diese Zeit verbringen, ist wesentlich: Vielleicht bringt Baymax das analog auf den Punkt, als er sagt, „…wenn Fliegen mich zu einem besseren Gesundheitsbegleiter macht…“ (sinngemäß). Wenn die Zeit in den persönlichen Höhlen und Welten dazu beiträgt unser Miteinander zu verbessern, dann habe ich nichts zu bemängeln oder befürchten. Wenn aber unsere gemeinsame Zeit explosiv ist, jeder irgendwie dauernd ungeduldig (re)agiert und vielleicht sogar verletzend wird, dann schiebe ich die Schuld gewohnheitsmäßig gern auf die Daddelei, die ich ja so großzügig toleriere.
Neuerdings nehme ich jedoch unser Miteinander diesbezüglich unter die Lupe: Welche Automatismen und Selbstverständlichkeiten pflege ich im Umgang mit meinen täglichen Nahestehenden, -sitzenden, und lebenden? Meine Kindheit fand statt im Kontext von Gehorsam, eine Ansage, und dann ein Mensch – ein Wort, ein Wort – eine Tat. Keine großen oder kleinen Abstufungen, nur Sanktionen bei Nichtbefolgen. Durchaus auch mündlich, in Form von „Vorträgen“, Leviten oder anderen Ansprachen, die aber fernab von Gesprächen in Gleichwürdigkeit waren. Ich war dann die Dumme oder Böse. Oder Undankbare. Es gab beschämende Strafen und unterwerfende Bedingungen, wenn ich nicht den Wünschen und Vorstellungen meiner Umwelt entsprach. Ich hatte auf der anderen Seite jedoch auch sehr viel unbehelligte Zeit, vielleicht auch weil ich mich gern still beschäftigte. Da fällt nicht gleich auf, womit. Ich dachte viel nach, hatte Fragen, kam auf Situationswitze (oft im Stillen, weil als unangemessen empfunden, wenn es von einem Kind kam) und beobachtete Ironien des Schicksals.
Meinen Kindern kann ich mit den Automatismen aus diesen prägenden Jahren nicht kommen. Ich stehe vor der Wahl, sie als vollwürdige Menschen anzusehen, die eher ruhige Begleitung und Aufklärung brauchen, oder als unmündige Unfähige, denen mit Kritik und Zurechtweisung das Leben gerettet werden muss.
Ich übe ersteres, versuche die Schwerkraft nicht aufzuheben und sie nicht in Watte zu packen, wenn ich meine Grenzen und die unserer Welt geltend mache und verständlich.
Frohe Ostern, und Großer Geist vergib uns, denn wir wissen nicht, was wir tun!

Woche XX | Montag, 11.01.2016

Ein Montag zum Einstampfen: Die Neuigkeit des Vorabends: Kopfläuse. Für mich also keine Aussicht auf geregeltes Arbeiten, zumal auch mein Auto immernoch in der Werkstatt chillt und ich keine Termine machen kann.
Lecker-Niedlich hat den Kopf weiterhin voll mit Schnupfen, ist als Patientin überhaupt nicht kooperativ, und ich drohe als unbezahlte Krankenschwester mit Streik. Überhaupt ist das, was wir an den freien Tagen machen, ganz und gar nicht meine Vorstellung von Familienleben: Schlafen, erholen, ausspannen. Froh sein, mal nicht loszumüssen. Das Loswollen kommt kaum auf, da ist schon wieder die Tretmühle dran. Ich habe solche Lust auf’s gemeinsame Bauen und Gestalten!
McFlitz ist gut drauf, toitoitoi, aber er ist auch nicht böse über die schulfreien Extratage, er ist auch heute am Dienstag noch zu Hause. Gestern in der Schule Bescheid sagen, dann müssen Eltern erstmal reagieren und behandeln, also gehe ich sicher und dehne die Quarantäne um einen Tag aus.
Die Traumtänzerin plagt sich mit Gedanken um die Erwartungen und Vorstellungen ihrer zukünftigen Gastfamilie im Ausland, sie befürchtet Enttäuschung über ihre wirklichen Qualitäten, wenn das, was auf dem Papier steht, zu viel verspricht. Sie tritt in meine Fußstapfen, sehe ich. Allerdings ist das vielleicht auch eine ganz gewöhnliche Phase, nur wenn sie nicht aufhört, wird’s lohnend es zu thematisieren. Also eigentlich ein sehr sympathischer Zug, wenn jemand nicht überheblich oder sehr von sich eingenommen ist, sondern aufmerksam bleibt für Diskrepanzen zwischen Traum und Wirklichkeit, eigener und fremder Wahrnehmung. Ich hoffe also, sie findet Frieden und behält Kontakt zu ihren eigenen Werten, zum inneren Schwerpunkt.
Was mich echt beschäftigt ist der Umstand, dass es so schwer ist, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Allerorts lauert die Forderung, sich in irgendein System einzupassen, sei es die Schule oder ein Arbeitsplatz oder amtliche Schubladen. Als Kranke in ein Krankenhaus zu müssen, kann ich mir nur für den Notfall vorstellen, nur, wenn ich selber gar nichts mehr kann oder weiß. Als ich meinen Autounfall hatte und einen Tag danach das Trauma einsetzte, so dass ich mich kaum zur Toilette schleppen konnte ohne schwindelig zu werden oder wegzutreten, und Schmerzen hatte, egal wie ich mich lagerte, habe ich zuerst alle anderen Register gezogen – Kügelchen, Osteopath meines Vertrauens, später noch eine systemische Betrachtung mit energetischer Integration. Und immer der Appell an meine Selbstheilungskräfte, immer der Spruch: Hey, das kann dieser Organismus alles selber, sonst wäre ich nicht hier. Ich habe schon eine schwere Geburt gemeistert, zwei Tage geackert, bis ich auf der Welt war, ich komme auch hier durch! Meine größte Schwierigkeit sah ich darin, schnell wieder auf die Beine zu kommen, damit sich die Kinder nicht ängstigen müssen und mein Mann nicht alles alleine wuppen muss. Mich dem System „Krankenhaus“ zu überantworten – nein, das verlockt mich nicht. Und blieb mir auch erspart.
Als mein großes Kind jüngst dort weilte, weil es mir in den Armen zusammengesackt ist, hatte ich durchaus Vertrauen in „das System“, es gibt Halt gebende Abläufe. Aber durch meinen Geist flitterten auch Erinnerungsschnipsel an Begegnungen mit Kinderärztinnen weniger einfühlsamer Art. Vor allem ihre Weigerung, über den medizinischen Tellerrand hinaus gehende komplexe und dynamische Zusammenhänge und Vorgänge in Betracht zu ziehen, wenn man eine Göttin in weiß vor sich hat. Diesmal hatten wir eine junge Frau, die wie ein Mensch mit Kompetenzen vor mir stand und mich damit sehr beeindruckte. Es war nichts Ernstes festzustellen gewesen bei meinem Kind, Schwindel und Ohnmacht sind nicht ungewöhnlich bei Jugendlichen. Dann kam auch noch heraus, dass der Papa das von sich kennt… Glück gehabt.
Ich tue mich auch schwer, mich beruflich der Schule zu überantworten. Und ich kann es kaum mit ansehen, wie die natürliche Lernfreude der Kinder in dem systematischen Unterrichten und Testen zerrieben, wie jeglicher eigener Impuls abgeschmettert und verstoßen wird. Der Wunsch nach Vertiefung bleibt unbeachtet, und wer das Tempo nicht schafft, muss sehen, wo er bleibt. Ich werde mich als außerschulische Lernbegleiterin zur Verfügung stellen und auf diesem Wege bei Lehrer*innen weiter für mitmenschlichen Umgang werben, Eltern ermutigen, solches immer wieder anzusprechen und einzufordern, um des Kindeswohles willen, und den Kindern den Spaß am Lernen wieder erlebbar machen…

Woche XV | Montag, 07.12.2015

Ich habe heute morgen nur ganz kurz die nötigsten Handgriffe getan und bin dann zum Schwitzen zurück unter die Daunen geschlüpft: ein kratziger Hals und Hitze-Kälte-Wellen veranlassten mich dazu. Um die Mittagszeit war ich damit durch und konnte für den Rest des Tages andere Pläne machen.
Als zentralen Gedanken hatte ich das Thema Schulfrust und Gesundheit, denn das Beispiel der Kinder einer Freundin lenkt meine Aufmerksamkeit darauf.
Natürlich geht es mir nicht darum, die Kinder von Herausforderungen fernzuhalten, aber mein Schutzinstinkt springt an, wenn sich Lehrer*innen lieber an einen Lehrplan halten als an die individuelle Lage eines Kindes und lieber das Kind der Dummheit oder Unfähigkeit bezichtigen als es bei der Bewältigung der ihm gestellten Aufgaben anzuleiten und zu begleiten.
So bleibt das den Eltern aufgetragen: Mehr üben! Mit rotem Lehrer*innenblut ins Hausaufgabenheft geschrieben. Das traute Heim mutiert zur Nachhilfearena, die kooperationswilligen Eltern finden sich als Zulieferer für die Schule wieder und verbringen den Feierabend, der längst keiner mehr ist, mit diesem unbezahlten Nebenjob.
Mit dem Effekt, dass sich das Kind nun auch zu Hause nicht mehr sicher fühlen kann vor den Drangsalierungen der Schule. Es erinnert seine Mutter an ihr Muttersein – es wird krank.
Nun ist die Mutter als Krankenschwester gefragt. Wiederum ehrenamtlich. Oder als Taxi zum Arzt.
Den Zusammenhang sehen wir nicht, dass die Ereignisse in der Schule, die unser Kind überfordern, im Endeffekt für diese Hausaufgabe für das körperliche Immunsystem gesorgt haben, der Körper als Austragungsort des Konfliktes.
Ich habe begonnen, das nicht mehr als meine Privatangelegenheit anzusehen. Und sehe auch die Zusammenhänge zwischen den Erlebnissen in der außerfamiliären Welt, der Familienkultur und dem jeweiligen Stand der Entwicklung des Kindes. Ich sehe, wie Schule und Eltern sich gegenseitig Zuständigkeiten zuschreiben und kaum sensibel sind für die Bedürfnisse des Kindes, der Familie und der Lehrperson. So bleiben alle mit sich allein. Gehen zum Arzt. Die Rückmeldung wird nicht berücksichtigt für die weitere Vorgehensweise „im System“, sie strandet irgendwo anders, die innewohnenden Aufgaben bleiben ungesehen.
Ich wünsche mir in dieser Sache gegenseitige Achtsamkeit und Interesse am Ergehen der Beteiligten, insbesondere der Kinder. Ihr Wohlbefinden hat direkt mit den Erwachsenen in ihrem Leben zu tun. Wir haben Schulpflicht, auf Gedeih und Verderb, und vielleicht müsste der Begriff „Kindeswohl“ in diesem Zusammenhang öfter betrachtet werden. Ich tue es schon häufig und ernte fast ebenso häufig verständnislose Gesichter. „Da muss man durch“, „Uns hat es auch nicht geschadet“, „Kinder brauchen Druck“ – so lauten gewöhnlich die Antworten von Eltern und Lehrer*innen.
Ja, unsere Kinder müssen da noch durch, aber ich sage meinen: Hey, seht es als Museum an, wenn ihr könnt. (Ich tue, was ich kann, um den Wandel anzustoßen. Bin noch sehr schüchtern, aber ich bleibe dran. Meine Kinder wollen gern in eine Schule gehen, auch um andere Kinder zu treffen.) Mir hat es geschadet, definitiv. (Ich hatte aber das Glück, dass das Tempo zu mir passte und ich eben offen war für die gebotenen Inhalte.) Vielleicht habe ich auch länger als andere die Verbindung zu meinem lebendigen Inneren halten können, so dass ich die Schmerzen noch spüren kann, die unser Schulzwang, das gleichschrittige Lernen, das Vergleichen der Leistungen mit einem Mittelwert verursachen. Und: die Kinder brauchen nicht Druck, sie brauchen Schwerkraft, Bedeutsamkeit, Sinn. Nur Zahnrädern reichen Befehle.
Ich glaube, dass vielen Erwachsenen zwar nicht unbedingt die Verbindung zu ihrem lebendigen Wesen fehlt, aber der Mut, es als „richtig“ anzusehen. Ich wünsche allen mit Hausaufgaben in ihrem Immunsystem Gutes Gelingen! Und den Kindern, die in der Schule leiden, mutige Erwachsene, die sie anleiten und begleiten auf dem Weg durch die Konflikte des Heranwachsens. Vielleicht nicht nur dazu, wie man sich eine Rüstung zulegt, sondern eher ein kuschliges dickes Fell, unter dem man selbst nicht erfriert, an das sich aber auch andere anschmiegen können, die gerade frieren… Ich nehme das als Hausaufgabe an. Gerne. Und dazu noch Tai Chi, wenn ich wieder Gelegenheit finde. Oder Aikido. Gibt es auch etwas Entsprechendes in der abendländischen Tradition?

Woche VII | Montag, 12.10.2015

Seit langer Zeit einmal hatte ich ein Wochenende, von dem ich mich am Montag nicht erholen muss. Ich, Samstag zur Fortbildung (Helikoptereltern, Angst, Resilienz), Papa derweil mit den Kindern in Berlin, eins hatte ein Vorstellungsgespräch für ein Austauschjahr, mit den beiden anderen Anti-TTIP/CETA-Demo und Ballettschuhe kaufen und Zutaten für Sushi…
Wir sind alle auf derselben Baustelle, nur manchmal nicht am selben Platz mit den denselben Aufgaben. Und langsam wird mir klar und klarer, wie wir den angeblichen Respektspersonen und Ehrwürdigen, die in Wirklichkeit alles kaputtmachen, den Weg ebnen. Wie wir unser Bauen von ihnen zerstören lassen. Denn es sind immer Personen. Wir dienen Strukturen, die uns als Vorschriften begegnen, wir spielen das „Amtliche Rollenspiel“ („Ich muss das ja machen.“), im Deckmantel unserer Bereitschaft, gesellschaftlichen Regeln zu folgen und sie nicht infrage zu stellen, verstecken wir uns, um nicht der Menschlichkeit zu dienen. Wer hätte gedacht, dass das heute so viel Zivilcourage erfordert! Wo wir doch keine KZ’s und Straflager mehr haben. (?!o?d!e?r!?) Dass Lehrende als Menschen agieren können, verlangt von ihnen Ungehorsam gegenüber Gesetzen, Verordnungen und anderen verbindlichen Texten. Ich als Mutter begebe mich aufs Glatteis, wenn ich meine Kinder ohne Krankenschein vom Arzt zu Hause behalte, gemäß meiner Intuition (bestätigt von der WHO-Definition) das Wohl im Auge habend, aber als Mutter wohl nicht wirklich die anerkannte Instanz, das zu beurteilen. Vielmehr gehe ich dann als Sanitätshelikopter in die Beurteilung ein, ver-wöhne meine Kinder, denen ich auf diese Weise die Möglichkeit des Aushalten-Lernens nehme.
So einfach ist das nicht. ICH nehme mir etwas heraus, wenn ich das tue, es ist für mich eine Mutprobe! ICH BIN schon ver-wöhnt worden, entfremdet, ohne Erfahrung, nur die der Strafe bei Nichtbefolgung, und habe die nötige Resilienz nicht im Gepäck. Ich will aus meinem Gehorsam gegen das Wort anderer Menschen heraus, will mich nicht einschüchtern lassen von Vorschriften, die werweißwem dienen nur nicht dem Wohlergehen meiner Kinder, Familie. Kann schon sein, dass die konkrete Strategie, mit der ich das derzeit versuche, sich als suboptimal herausstellt. Aber das werde ich erleben und wer will, kann mir gerne sagen, dass das ja wohl klar war und so kommen musste, und ich kann letzteres nur bestätigen, denn ohne diese Erfahrung bliebe mir nur wieder das gehorsame Befolgen fremder Rat-Schläge.
Auf dem Weg in die Freiheit müssen wir es uns wohl gefallen lassen, nicht mehr gehört zu werden, wenn wir es schon besser wissen und gut meinen. Und ich erwarte nicht, dass meine ganze Schreibarbeit irgend jemanden von oder zu etwas überzeugt oder die Welt verändert. Es ist nur für mich, in jeder Hinsicht. Ich emanzipiere mich damit von meiner Zurückhaltung, ich verlagere meinen Selbstausdruck von der körperlich-seelischen Gesundheits-Ebene auf die schriftsprachliche, in einigen Teilen auch auf die musikalische. Und mit den segensreichen Wirkungen, die das für mich hat, gehe ich als anderer Mensch in „die Welt“, ich mache andere Wellen im Ozean, wenn ich auf diese Weise darin bade. Und mit der Zeit schwappt dieser veränderte Selbstausdruck weiter ins Handeln, strahlt in jede Bewegung, in jede Geste, Miene. Die innere Haltung, die ich unter anderem durchs Schreiben gewinnen kann, wiedergewinnen – will ich sagen, durchdringt mein ganzes Wesen und alle meine Verknüpfungen mit der Welt. Berührt, wenn es mich rührt und bewegt, meine Familie, alle meine Freunde und Bekannten, in denen es sich fortpflanzt zu ihren Angehörigen, denn wir sind alle verbunden.
Ich habe dieses Impuls-Pendel vor Augen, während ich mir diese letzten Zeilen nochmals durchlese, manchmal scheinen sich die Angestoßenen nicht zu bewegen, das bedeutet vielleicht nur, dass sie noch nicht das Ende der Kette sind. Ich vertraue auf meine Wellen, und ich bin so reinen Gewissens wie selten – denn ich bin der Menschlichkeit verpflichtet, dem Leben, das spürbar pulsiert und fließt, wenn es nicht eingefroren ist und seine Wellenlänge so groß, dass sie in einer Lebensspanne nicht ermessen werden kann. Ich spüre mein Herz klopfen und Kribbeln im Bauch, mein Kopf ist berauscht ohne äußere Hilfsmittel: vom Lebendigsein, mit und für mich und meine Welt, die Menschen, die Pflanzen und Tiere, mit einem Sinn für das vielgestaltige Echo meiner Handlungen, das sich überall spiegelt, wo ich hinhöre und -sehe.
Ach ja: alle meine Kinder sind in der Schule, also gesund und der Meinung, sie kriegen’s hin. Danke!

Woche VI | Montag, 05.10.2015

Es gibt Menschen, die sich an so einem traumhaft-sonnigen Herbstwochenende auf den Weg an die Ostsee machen.
Die Menschen in meiner Familie tun das nicht. Sie wollen am Wochenende einfach nur zu Hause und in Ruhe gelassen sein. Sicherlich hätte ich mit ein wenig Anschieben so einen Ausflug erwirken können, aber auch mir fehlt die Kraft dazu. Die Woche ist voll mit Schulpflichterfüllung und tollen Hobbys. Und wenn wir wirklich Ruhe haben wollen am WE, müssten alle Haus- und Hofarbeiten auch bis Freitag abend erledigt sein. Naja, die laufen nicht weg, und ich kann auch ganz gelassen bleiben, wenn sie sich vor mir auftürmen. Da ist mir auch egal, was Nachbarn denken mögen, ich will es nicht wissen, denn wenn ihnen was nicht passt, wie ich es mache, findet sich physikalisch-unausweichlich auch das Gegending dazu… Ansprechbarer bin ich für einfühlsame Erörterung der Sachlage. Vor ein paar Monaten kam mal eine Tierschützerin auf meinen Hof und fragte, ob sie meinen Hund ausführen dürfte. Ich war arglos und die Frau zunächst einfach nett. Wie sich herausstellte, „kontrollierte“ sie mich und lamentierte dann lang und breit über das Elend, in dem sie viele Tiere vorfände. Ich riet ihr, sich mit dem Elend der dazugehörigen Leute zu befassen, wenn sie den Tieren wirklich helfen wollte.
Meine Familie also in Höhlenstimmung. Kkumhada macht ihr Ding, vermeidet jegliche Kommunikation mit mir, Oishi-Kawaii verschwindet zwischen den „Helden des Olymp“ und reagiert insgesamt sehr gereizt auf uns, wenn wir sie da rausholen, McFlitz ist zunächst auch im Onliniversum und später in seine Lego-Katalog-Träumereien vertieft. Dann geht er aber doch von alleine raus herumtoben und Fahrrad fahren oder quasselt mir von seinen Geschichten und Erlebnissen was vor. Der Papa? – Auch er geht seinen Anliegen nach, stoisch fast, aber dazu gehören auch Frühstück machen, Brombeeren ernten, Holz hacken. Ich wünschte nur, er würde sich öfters mal die Kinder schnappen und sie mit einspannen. Naja, er will auch mal ungestört bleiben. Ich schicke ihm Oishi-Kawaii auf den Hals, Kkumhada sucht sich selbst eine familien-gemeinnützige Arbeit und ich schiebe McFlitz an seine Hausaufgaben: ein Vortrag über die Kartoffel, Malfolgen üben, Leseheft lesen. Ich will frei haben! Wenn ich also eh mein Kind zu Hause auch noch beschulen soll – Hausaufgaben dieser Art sind immer Elternaufgaben! – dann könnte die Schulpflicht doch gleich abgeschafft werden. Billiger wäre es auch. So sehe ich mich gezwungen, meine, unsere Familienanliegen hintanzustellen, damit mein Kind den Anschluss nicht verpasst an einen Plan, der zwar zu seinem Besten ersonnen sein soll, aber ganz offenbar so weit über ihm steht, dass es darin schon wieder keine Rolle mehr spielt und eben zusehen muss, wie es klarkommt.
Ich sehe mich gezwungen, weil ich zu feige bin, einfach zu verweigern. Ich habe Angst vor der Strafe. Auch wenn es vielleicht erstmal „nur“ Geld ist. Nun, wir hätten im Monat an die 300 Euro mehr, wenn wir den Jüngsten aus seiner staatlich anerkannten Ersatzschule nähmen. Die könnten dann ja investiert werden in unsere und seine Menschenwürde-Wiederherstellung… Und sicherlich täten wir anderen ähnlich schreckhaften Eltern den Gefallen, mit unserem Beispiel voran zu gehen, so dass auch sie mutiger werden können.
Na, ich will jetzt erstmal noch weiter als Elternvertreterin und Schreiberin das Feld beackern, immerhin sind meine Kinder auch nicht gerade rebellisch, freuen sich auf ihre Freunde, für wen wäre es also? (Aber ich trage sie in mir, diese Sehnsucht nach freudvollem Lernen in lebendigem Sinnzusammenhang aus unserer Lebenswelt heraus, im Einklang mit ihr, along the way, gewissermaßen, und nicht als etwas, wovon man sich am Wochenende erholen muss und distanzieren will.)
Fazit für mich – mein Familienleben: nicht vorhanden. Ich erlebe die Kinder nur unbereitwillig, erschöpft oder krank (bei McFlitz hauptsächlich unbereitwillig zu Hausaufgaben).
Natürlich sehe ich die Schule auch als Aufgabe an und versuche, damit konstruktiv umzugehen. Natürlich denke ich mir unterhaltsame Möglichkeiten des Übens (für die Schule) aus. Das würde ich so oder so machen. Natürlich sehe ich das Lernpotenzial für mich und die Kinder. Aber ich frage mich, ob wir wirklich so bootcamp-artig mit uns und unseren Kindern verfahren wollen? Angebliche Spreu vom Weizen trennen und damit für selbsterfüllende Prophezeiungen sorgen, die dem Dogma in die Hände spielen, man müsse all die beschränkenden, luftabschnürenden und einschüchternden Vorkehrungen treffen, um das Leben in Freiheit zu retten – ?!? – Die, die’s betreffen soll, werden so auch nicht erreicht. Die Sensiblen kriegen dafür umso mehr das „Vergnügen“, sich erstmal wieder aufrappeln zu müssen, damit sie überhaupt zurück zur eigentlichen Sache kommen können. Worüber wundere ich mich da?
Neue Woche, neuer Anlauf. Neuer Versuch, das Gute darin zu erkennen. Und vielleicht ein paar kleine Wunder? Ach, heute fühle ich mich wenig mutig!