Woche XXII | Montag, 25.01.2016

Einen Monat nach dem ersten Weihnachtstag…
Ein Kind mit Husten und Schnupfen zu Hause, ein Kind mit Husten und Schnupfen in der Schule, ein Kind einigermaßen symptomfrei in der Schule. Ich selbst hänge ziemlich durch, auch heute noch, am Dienstag. Ich habe einen Herpes an der Oberlippe bekommen und seit Wochen einen rissigen Mundwinkel. Ich schlafe sehr viel, bin dann einigermaßen brauchbar. Ich raffe mich zum Einhalten des Tagesablaufes auf, aber nicht, um Ziele oder Leben zu retten. Nur um des Gehorsams willen, der tief in mir die Peitsche schwingt. Also irgendwie doch ein Leben retten – meins. Denn was wird mir geschehen, wenn ich nicht artig bin?
Ja, ich weiß, jetzt bin ich schon groß, und niemandem wird der Kopf abgerissen, und ich kann mich von kindlichen Denkmustern befreien. Das ist so einfach gesagt, sie wirken einfach, ohne dass man Zugriff haben muss, und es reicht auch nicht, sich ihrer bewusst zu werden oder ihnen ihr Weiterwirken zu verbieten. Manche dieser alten und tief gespurten (Auslegungs-, Denk-)Gewohnheiten werde ich vielleicht niemals los, weil selbst mit täglichen Achtsamkeitsübungen und Entwöhnungsaktivitäten kein Herankommen an die emotionale Verwurzelung ist. Da ist es schon viel, wenn mir täglich einmal einfällt, dass ich in einer freiheitlichen Gesellschaft lebe und ich es jeden Tag in der Hand habe, es so oder anders anzugehen. Sklavisch oder eigenverantwortlich. Aber diese dumme Angst vor „Konsequenzen“! Und sei es nur eine Ordnungswidrigkeit… Und überhaupt, was soll die?
Aber wie kann ich z.B. in Sachen Schule eigene Antworten geben, wenn alles festgelegt ist? Stundenplan, Uhrzeiten, Lehrplan, Hausaufgaben – an keiner Stelle können wir unsere eigenen Entscheidungen treffen außer, ob wir aktiv mitmachen oder passiv aussteigen. Im Fall von Hausaufgaben mit strafähnlichen oder ausgesprochen strafverfolgenden Effekten. In Sachen Lehrplan mit schlechten Noten. In Sachen Stundenplan mit Nachschreiben von Klassenarbeiten, aber ohne Nachholen versäumter Inhalte. Uhrzeiten: wer später kommt, muss sich entschuldigen. Hallo?! Unsere Kooperationswilligkeit wird gnadenlos strapaziert. Wer will denn schon immer nur dagegen sein? Die Kinder wollen Zugehörigkeit. Es kostet sie viel. Sie müssen sich unterwerfen, wenn sie noch nicht eingesehen haben, wie sinnvoll und wichtig die bestehende Regelung ist. Sie erleben Bloßstellung oder Strafen, Entwertung und Ignoranz gegenüber ihren Bedürfnissen, ihrem Tempo, ihren Eigenheiten.
Aktiv auszusteigen habe ich in Erwägung gezogen, aber angesichts meiner Feigheit wieder verworfen. Außerdem wollen die Kinder auch mit Gleichaltrigen umgehen und sich außerhalb der eigenen Häuslichkeit umsehen. Mit zunehmendem Alter in immer größerem Radius. Wegziehen, zum Beispiel näher an eine weiterführende Schule, die es schon menschenfreundlicher macht – wo sogar ich arbeiten könnte: das ist ein verlockender Gedanke, aber so schlecht geht es uns wohl doch nicht. Und außerdem kann ich nicht ewig herumziehen, um die für mich passenden Orte zu finden. Irgendwann muss ich doch einmal auch selbst eine Sache in die Hand nehmen und für den notwendigen Wandel sorgen. Das macht mich unabhängiger. Wäre schon schön, mit allem klarzukommen, ohne sich selbst zu verlieren. Ich versuch’s weiter. Und die Kinder bekommen live Geschichte – Unterricht mit Zwang. Zwar ohne Rohrstock. Oder fliegende Schlüsselbunde. Anschaulicher geht’s kaum. Exklusiv. Nur ohne Bühne, Gage und Publikum wie bei „Ich bin ein Star – holt mich hier raus.“ Oder anderen Inszenierungen. Möge es ihnen die Kraft verleihen, die Befreiung weiter voranzutreiben!

Woche XVI | Montag, 14.12.2015

Ich habe am Wochenende „einen drauf“ gemacht, leider ohne meine Familie, wie so oft bleibe ich mit meiner Begeisterung allein. Naja, umgekehrt ist es auch nicht selten der Fall, dass ich was nicht mitmachen will. Zur Zeit empfinde ich wohl weniger den Freiheitsanteil in dieser Konstellation und mehr den Hunger nach Gemeinsamem. Zum Glück lynchen wir uns nicht gegenseitig, wenn wir nicht im Schrittmaß des Anderen mitmachen und eigene Wege gehen. Und wir machen es uns nicht gegenseitig zum Verhängnis, wenn wir die Bedürfnisse des Anderen nicht stillen. Wir räumen einander ein, „Nein“ sagen zu dürfen. Ich habe mit dem Nein so meine Probleme, hin und wieder. Dieses Mal war ich ca. 5 Minuten lang traurig und dann habe ich Freunde aus dem Nachbardorf angerufen, sie hatten einen Platz frei im Auto, ich fuhr mit ihnen und habe den Abend mit handgemachter Livemusik und netten Menschen in vollen Zügen genossen. Ja, einen Schwips habe ich mir auch gegönnt und mich köstlichst amüsiert. Und habe die anwesenden Erwachsenen im Vergleich zu den anwesenden Kindern betrachtet, und ratet mal, wer da sichtbar in Bewegung kam… (Außer mir.)
Ja, ich kann auch still genießen, äußerlich unbewegt. Wenn ich niemandem verraten will, was mich bewegt und wie. Oder wenn ich hochkonzentriert nach innen bin. Dann halte ich sogar die Luft an.
Heute also wieder Schule, die letzte Woche vor den Weihnachtsferien. Eine Zeit von Klausuren und anderen Testungen. Keine Zeit zum Lernen, nur zum Pauken. Wobei die Vorträge, die für Oishi-Kawaii einen Großteil der Klassenarbeiten ersetzen, für viel mehr Austausch und Betrachtungsmöglichkeiten sorgen als so eine einzelkämpferische Klassenarbeit, die nur fürs Papier und den kontrollierenden Lehrer erbracht wird. Auch kann man für seine Präsentationen mit Erfindungsreichtum und Gedankenspiel viel Gutes erreichen, was ja oft genug angefeuert wird von der Aussicht auf Publikum. Schule macht mir heute keine besonderen Bauch- oder Kopfschmerzen. Die Kinder sind etwas verschnupft.
Dennoch, ich bin froh, wenn ich wieder meinem eigenen Rhythmus gemäß schlafen und schaffen kann und nicht nach dem Taktstock der Schulunterrichtszeiten hüpfen muss. Ja, ich muss es, denn ich bin zu feige, die Kinder einfach nach ihrem eigenen Rhythmus und Maß entscheiden zu lassen, ob und wann sie hingehen wollen. Die beiden Großen wollen nichts verpassen, sie würden, glaube ich, morgens auch allein losziehen (ich mag aber den gemeinsamen Start in den Tag). McFlitz ist freitags traurig, dass das Wochenende kommt, weil er dann seine Kumpels nicht sieht, aber auch froh, dass er sich nicht für irgendein Thema anstrengen muss. Eines aber macht er mit Hingabe: Geschichten schreiben. In seiner Klasse gibt es alle 14 Tage Autorenlesungen, und mit ihren Geschichten beflügeln sich die Kinder gegenseitig. Kürzlich habe ich zur Lesenacht mit ihnen eine Suppengeschichte gemacht – jedes Kind schrieb ein Wort auf einen Zettel, der zerknüllt in den Topf kam. Auf einen anderen Zettel anderer Farbe schrieb jedes seinen Namen, ebenfalls zerknüllt in die Suppe. Dann wurde ein Wort gezogen, zu dem sich jedes einen Satz ausdachte und aufschrieb. Per Namenzettel ziehen wurde das jeweils nächste Kind bestimmt, das dran kam und in der Suppe fischen durfte.
Zwischendurch und zum Schluss lasen die Kinder ihre Geschichten vor – wir haben viel gelacht und lauthals gestaunt. Manche hatten gezeichnet und zeigten die entstandenen Szenarien.
McFlitz hat das Schreiben für sich entdeckt, nachdem er sich lange Zeit schwertat, den Sinn darin zu erkennen… Keine Zensuren verderben die Freude am Geschichtenausdenken und -niederschreiben. Die Kinder erzählen sich, was ihnen besonders gut gefallen hat, und lernen dabei ganz unauffällig die Tricks und Mittel kennen, die eine gute Geschichte ausmachen. Rechtschreibung stellt sich als hilfreich beim Vorlesen heraus, ist aber erst relevant, wenn ein Text schriftlich veröffentlicht werden soll. Mal sehen, ob sie ein Buch machen am Ende.
Kkumhada und Oishi-Kawaii schreiben mehr fürs Jenseits ihrer Lernistitution, in der Schule sind ihre Sachen nicht gefragt. Deshalb bin ich als Elternvertreterin immer wieder dabei, solche Themen dort anzustoßen, mal mehr mit dem Schulleiter, dann wieder in den Kreisen einiger Eltern. So viele sind noch nicht der Ansicht, dass das Lernen in der Schule etwas mit der Gegenwart der Kinder zu tun haben muss. Sie orientieren ausschließlich auf die Zukunft. Alles ist für später. Und die Kinder gehen uns verloren. In der Freizeit müssen sie erstmal ihre Integrität wiederherstellen. Viele sagen, sie müssen lernen, sich anzupassen. Kinder machen nichts anderes! (Bis sie krank sind.) Gemeint ist sich unterzuordnen, wenn nicht gar sich unterzuwerfen. So würde das niemand sagen, aber widerlege mir das mal einer! Na, für heute lasse ich es gut sein und denke still weiter drüber nach…

Kurzmitteilung

Vertrauen ist gut, …

… Kontrolle ist besser?
Wenn blindes Vertrauen gemeint ist, würde ich sagen, JA.
Vertrautsein ist mir aber jedenfalls lieber, es bringt mich in Verbindung, ich lerne kennen, kenne mich aus, der/die Andere umgekehrt genauso. Es ist gegenseitig, auch wenn beide zu unterschiedlichen Ergebnissen und Schlussfolgerungen kommen mögen. Das kann aufschlussreich werden, wenn man sich auch darüber austauscht, feedbackt.
Kontrolle empfinde ich bedrohlich. Wer mich kontrolliert, muss sich nicht mit mir verbinden. Er/Sie kann mir fremd bleiben und damit unvertraut. Freund oder Feind? Vielleicht steht diese Frage gar nicht. Eindeutig Feind. Mich kontrollieren und dabei die Verbindung verweigern – das ist feindlich. Aber auch Kontrolle ausüben und dafür Verbindung vortäuschen, Vertrauen erwecken. Es wird in dem Moment gebrochen, wo Kontrolle Statt findet. (Es fühlt sich für mich beschämend an. Ich habe vertraut. Mich geirrt. Mir wird misstraut.) Es schließt sich aus. Ja Kontrolle und Vertrauen, das sind wohl zwei unterschiedliche Haltungen. Unvereinbar miteinander.
Kontrolle im Sinne von Lenkung, Machtausübung ist dann noch weniger ein Akt der gleichwürdigen Zusammenarbeit…

Auch deshalb sind Teste und Klassenarbeiten in der Schule asozial bzw. verletzen die Menschenwürde. Wie seht ihr das? Kennt ihr Leistungserhebungen, die glückbringend sind?

Woche IV | Freitag, 25.09.2015

Ich schreibe, bevor der Tag losgeht, ich weiß also noch nicht, was mich später am Frühstückstisch erwarten wird, ob alle gesund sein werden. Bisher verlief diese Woche jedenfalls weitgehend „gesund“. Ich habe mein Kopfschmerzkind eindringlich instruiert, dass es diese Tests und Klassenarbeiten nicht allzu ernst nehmen darf, zumal auch niemand danach fragt, ob sie sich bereit dafür fühlt. Es geht nur um den Plan, nicht um die Kinder.
Auch in der freien Schule von McFlitz geht es um den Plan, immerhin wird er nicht mit Noten traktiert, sondern kann die Tests als Möglichkeit wahrnehmen zu schauen, wie weit er kommt. Seinen Stand der Dinge im Vergleich zum Jahrgangsziel zu ermitteln, ist ihm nicht wichtig, aber wenn er nicht alles fertigstellt in der gegebenen Zeit, dann wird ihm das nicht einfach kurz und knapp quittiert, sondern es gibt ausführlichere Gespräche über Notwendigkeiten, um Verständnis herzustellen und seine Ziele neu zu stecken, wenn nötig. Z.B. gab es im vergangenen Schuljahr diese Tests zu den Malfolgen, die zutage förderten, das mein Kind alles richtig rechnet, nur eben nicht so schnell. Die Schnelligkeit hatte für ihn noch keinen Sinn gemacht, also wurde sie auch nicht zum Übungsziel.
Meine Große geht ihren Weg. Sie weiß noch nicht, was sie nach dem Abi machen will. Ich schlage ihr immer vor, ein Handwerk zu lernen, das ist eine Art Erdung, ein Fundament, damit ein Studium -wie bei mir- nicht so abgehoben obendrauf jegliche Verbindung zur Wirklichkeit vermissen lässt und damit nicht in die Praxis führt. Das kann bei ihr natürlich ganz anders sein.
Ich vermisse immer ein bisschen das Gespräch mit meiner Großen, werde nicht so recht vertraut. Kurze Mitteilungen und dann weiter. Bevor ich weiß, wie mir geschieht, ist der Kontakt schon wieder vorbei. Ich sitze gern einfach mal ein bisschen länger beieinander, auch ohne was zu sagen. (Aber auch ohne Smartphone oder Buch.) Nun ja, sonst gibt es nichts zu wünschen. Nur dass sie gesund bleiben möge auf dem Motorrad, jetzt bei der Fahrschule und danach…
Wir haben tatsächlich eine Woche erlebt, in der die Freizeit mal nicht der Genesung gewidmet werden musste. Danke!!! Ich habe dafür was getan: Bewusst die der Pflichterfüllung dienende Routine, die den Kindern genug Freizeit, Zeit für HA und für Schlaf sichern sollte, durch eine ganz gemütliche, undurchstrukturierte, gemeinsame Feierabend-Runde auf der Kuschelbank gebrochen. Vorher wie immer zusammen was essen, und dann eben nicht gleich in die nächsten Aufgaben oder jeder für sich in die Auszeit verabschieden, sondern zu einem Quassel-Symposium zusammenfinden. Mit offenem Ende. Und was soll ich sagen? Ich hatte ja im Stillen befürchtet, wenn ich das mache, läuft danach kein Haushalt mehr, weil die Erschöpfung eben die Oberhand bekommt. Weit gefehlt! Eine echte Leib- und Seelen-Tankstelle gefunden! Und mein ausgiebig kuschelnder McFlitz kann dann sogar viel selbständiger sein! Ganz von allein. In meine Oishi-Kawaii kommt Bewegung und Lust auf dies und das jenseits von Buch und Bildschirm. Und meine Kkumhada wird gesellig und gesprächig… Was hat mich nur in jene Pflichtenfalle gebracht??? Unmerklich bin ich hineingeglitten, mit jedem Versuch, den Nachmittag zu optimieren, ein Stückchen tiefer. Und habe nicht verstanden, dass gerade diese achtsame Planerei jedes Luftlöchlein verstopft hat, das uns mit ungleich erholsamerer Frischluft gestärkt hätte als der ausgebuffteste Wellnessplan. Auf ins Wochenende! Nach Lust und Laune. (Naja, einen Plan gibt’s diesmal schon wieder, wir bekommen Gäste… Aber es ist mehr ein Rahmen, mit Spielräumen. Und Kuschelbank!)

Woche IV | Zwischenruf

Elternabend im Gymnasium. Ein kurzer Austausch über das Thema Klassenarbeiten. (Es werden weniger in diesem Schuljahr, damit wird der Belastung Rechnung getragen, die das für viele Kinder bedeutet, wenn sie Aussicht auf eine solche Kontrolle haben.) Eine Mutter ist erbost, dass es so wenige werden. Ich habe gestaunt, dass ich neuerdings innerlich ganz ruhig sein konnte. Ich habe gedacht: Wenn sie Druck für ihr Kind will, dann muss sie ihn schon selbst machen und diesen Dienst nicht von der Schule verlangen. Ich habe erzählt, wie es meiner Tochter geht mit der Aussicht auf Tests und Klassenarbeiten. Wie sie sich vorher quält und sich auch nicht auf die anderen Fächer richtig konzentrieren kann. Wie sie mit Kopfschmerzen darniederliegt und gar nichts vom Tag hat. Und dass ich möchte, dass sie einfach in Ruhe lernen dürfen soll und nach der Schule Zeit haben für ihre Hobbys.
(Unser Schulelternrat hatte dazu die Initiative ergriffen, einen entsprechenden Antrag an die Schulkonferenz gestellt und damit auch den Beobachtungen derjenigen Pädagog*innen Rückhalt gegeben, die achtsam unterrichten wollen.)
Ich bin wieder Elternvertreterin für die Klasse meiner Kopfschmerzerin. Nächste Woche ist Wahl im Schulelternrat. Ich setze mich ein für die Stärkung der Schülervertretung im Sinne eines Mitbestimmungsgremiums und werde auch weiter für achtsamen Umgang miteinander stehen (und den Elternaushang entsprechend gestalten). Dazu gehört für mich, dass aktiv gefragt wird, wie es den Kindern geht. Ich lade also zum Feedback ein. Laufend. Bin auch selbst viel vor Ort gewesen im vergangenen Schuljahr. Werde ich wieder machen, wenn ich kann. EHRENamtlich.