Woche XXXXII | Montag, 13.06.2016

Für Kinder, die in zwei gegensätzlichen Kulturen aufwachsen, knirscht es mächtig, und sie müssen sich entweder dick polstern oder bekommen es mit allerhand Krankheiten zu tun – da stellt sich ein ganzer Körper mit seinen inneren Organen als Bildschirm zur Verfügung.
Ich hatte es als Kind da viel leichter, Schule und Elternhaus waren sich in wesentlichen Punkten einig. Dass einige dieser Punkte für mich fatal waren oder später wurden, steht auf einem anderen Blatt, denn zu jener Zeit gab es noch keine Gehirnforscher, die deutlich sagten: Das Gehirn macht aus Psychologie Biologie. Und wo es keinen direkt sichtbaren, linearen ursächlichen Zusammenhang gab, wurde er auch nicht angenommen.
Wie viele Spinner*innen mussten ohne wissenschaftliche Messmethoden mit ansehen, wie das für sie Offensichtliche abgestritten wurde. Nun ist die Psychosomatik schon etwas weiter und bestätigt viele der Spinnereien.
Ich als Kind konnte mich eindeutig falsch fühlen, wenn sich Schule und Eltern einig waren, ganz egal, ob ich mit allen meinen Zellen spürte, dass sie im Unrecht waren.
Bis heute kann ich mich dank der eingespurten Denkweisen als Versagerin fühlen. Nur mühsam bekomme ich die Puzzleteile zusammen: Natürlich musste ich scheitern, wenn ich zu Tätigkeiten verdonnert wurde, die mir nicht lagen.
Meine Kinder haben nur das Schulwesen gegen sich, ihre Eltern stehen nach Einfühlung und Verständnis suchend hinter ihnen. Inzwischen ist mir klar geworden, dass die Schule, die ich selbst ja oberflächlich betrachtet ganz gut überstanden habe, heute viel größeren Schaden anrichtet als damals, wenn sie mit den Methoden der Unterwerfung und Bedrohung versucht, ihren Lehrauftrag zu erfüllen. Nicht nur, dass sie die Kinder als Menschen missachtet und zu Objekten der Belehrung und Bewertung degradiert, womit der Weg zum Opfersein systematisch gebahnt wird. Zudem wird das unentschuldigte Fernbleiben auch noch mit Strafen geahndet, derer sich eine freiheitliche Demokratie bedient, die ihren eigenen Bürgern nicht traut.
Mit den Maßnahmen, die eigentlich den Bösen gelten, machen sie in Wirklichkeit den Guten das Leben schwer. Denen, die eigene Antworten geben wollen, Verantwortung leben. Vor allem entlässt sie im Erfolgsfall artige, gehorsame junge Erwachsene, die weit davon entfernt sind, eine freiheitliche Gesellschaft mit der notwendigen kritischen Betrachtung aller Umstände zu bereichern und mit aller Kreativität auf die Lösung der komplexen Probleme hinzuarbeiten. Sie werden Bankleute, Lehrer oder Geschäftsführer – oder Wissenschaftler, letztere vielleicht zusammen mit den Künstlern die einzige Hoffnung auf Rettung?
Sicherlich ist es naiv, blindes Vertrauen in einander zu erwarten, aber Vertrauen ist nichts Blindes. Vertrauen hat mit Vertraut-Sein zu tun, das heißt, man kennt sich. Man ist aufmerksam für einander, in Verbindung. Und alles was diese Verbindung be- oder verhindert, mindert das Vertrauen, beschädigt die Sicherheit und schränkt damit den Raum ein, in dem man sich als Mensch fühlen kann.
Dass das Schmerzen bereitet, können Neurowissenschaftler sichtbar machen. Nun ist das kein romantisches Gedöns mehr.
Inzwischen sind auch die selbst erfüllenden Prophezeiungen wissenschaftlich erwiesen und damit die Grundlage für die Legitimation des Vertrauensvorchusses gelegt: Traue den Anderen das Beste zu! Vor allem den Kindern.
Im Rückblick auf die Schulzeit meiner Kinder beginnt mich Trauer zu erfüllen. Ich musste mich von meinem Grundvertrauen verabschieden, das sich mit jedem Jahr als gegenstandsloser erwies. Bis auf einzelne Mensch gebliebene Pädagog*innen haben viel mehr Pflichterfüller*innen oder Ideolog*innen das Leben meiner Kinder verunstaltet als ich mir hätte träumen lassen – 15 Jahre nach dem Mauerfall, zur Einschulung meines ersten Kindes, müsste das doch anders sein?! Und jetzt, nochmal über 10 Jahre später? Was tun die Erwachsenen, die von Verantwortung sprechen? Was leben sie selbst?
Aber vielleicht ging es wirklich nur um Bananen und nicht um Freiheit. Bananen werden schließlich auch nicht von freien Bauern geliefert.
Die Kinder zwischen den Kulturen werden gesundheitlich von Leuten betreut, die nichts mit dem täglichen Leben der Kinder zu tun haben. Wie kommt die Rückmeldung dort hin, wo sie in die Entscheidungen einfließen kann? Viele Mediziner haben sich in der Vergangenheit an Pädagogen gewandt oder sich gar selbst pädagogisch betätigt, wie Maria Montessori vor bald 100 Jahren. Nun haben wir die Neurowissenschaften, die sich mit dem Organ beschäftigen, das auch fürs Lernen zuständig ist – ich hoffe, dass nun auch die Lernbeauftragenden zugänglicher werden und ihr tägliches Tun besser reflektieren!!! Es gibt ja schon viele, die sich auf den Weg gemacht haben, man kann hingehen und sich was abgucken, wenn man selbst nicht zu den Erfindern gehört.
Und ich selbst? Ich bin Versager, ja, ich kann es einfach nicht: Andere zu Objekten meiner Arbeit zu machen. Und sie dann noch zu bewerten. Und zum ersten Mal im Leben bin ich darauf stolz. Ich bin froh, immernoch diesen direkten Draht zu meinen Gefühlen zu haben und genau zu spüren, wie hohl ein Lob ist und wie schmerzhaft und ungerecht die Eingruppierung jenseits der Guten und Sehr Guten. Zumal weder die einen noch die anderen daraus ein Gefühl dafür entwickeln können, was sie wirklich gut können. Die einen rennen mit einer aufgeblähten Eitelkeit herum, haben aber womöglich nie gelernt, etwas durchzustehen oder etwas wirklich Wertvolles zu tun, und eine Garantie für ein gutes Erwerbsleben sind die guten Noten auch nicht (wie man an mir sehen kann). Die anderen schotten sich -nicht ganz zu Unrecht- von der Arroganz der Guten ab und machen fortan ihr eigenes Ding, den Rest ihres Lebens nicht müde werdend über die Studierten zu schimpfen oder zu lachen.
Die Kinder zwischen den Kulturen zeigen mit Krankheit oder Abschottung deutlich auf die Gefahren hin, denen sie ausgesetzt sind, wir Erwachsenen können nun die Mühlsteine und die ganze Mühle dahinter zu erkennen suchen und uns darüber einigen, was wir wirklich wollen: das ist vielleicht besser für die Kinder, auch wenn wir zunächst irren. Es gibt einen gemeinsamen Nenner, dessen bin ich sicher, der die Unterschiedlichkeit der Menschen und ihrer Wege zu fassen vermag und den Kindern dadurch einen sicheren Boden unter die Füße gibt.

Woche XXXX | Freitag, 03.05.2016

Eine Woche mit zwei kranken Kindern liegt hinter mir. Und ich schreibe den Freitagsstand der Dinge rückblickend von Sonntag früh um 2:30.
Wie groß ist die Sehnsucht der Kinder, sich des wirklich Wichtigen anzunehmen! Und sie möchten es in Ruhe tun, ausgiebig und bis es richtig gut ist für sie.
Ich meine nicht, dass sie in Ruhe gelassen werden wollen im Sinne von „Nicht ansprechen“. Im Gegenteil, sie wollen in aktiver Verbindung sein, nicht abgeschottet, aber es soll eine von der Sorte sein, in der sie sich sicher fühlen: Keines ihrer Bedürfnisse wird verletzt, sie werden in ihrer Würde geachtet und nicht als Objekte benutzt. Sie möchten eigene Entscheidungen treffen für die Beschäftigung mit den Gegebenheiten der Welt. Und wenn sie etwas schreiben sollen, dann möchten sie wissen warum. Und es reicht nicht, dass ich es wichtig finde, sie müssen diese Wichtigkeit selbst empfinden. Und wenn es ein nutzbringendes Werkzeug für ihr späteres Leben werden soll, dann muss die Wichtigkeit positiv sein, womit ich sagen will, dass sie es nicht zu nutzen lernen, um sich vor Strafe oder anderen Sanktionen zu schützen, sondern um ihr Leben zu gestalten und zu verbessern. Wozu eben auch ein gutes Miteinander gehört, das auf gegenseitiger Unterstützung basiert, nicht auf gegenseitiger Erpressung oder Unterdrückung.
Wir tun alle Dinge im Leben, weil sie wichtig sind. Ob sie immer ihren Zweck erfüllen, steht auf einem anderen Blatt, aber dafür genau haben wir unser hoch entwickeltes Gehirn: um herauszufinden, wie es gut geht, und was am besten passt. Und keiner lässt sich einfach so von jemand anders etwas sagen. Alle wollen selbst. Selbst drauf kommen, selbst wissen und können, selbst tun. Alle überprüfen, was sie gesagt bekommen, auch diejenigen, die erstmal Ja sagen. Denn sie machen die Erfahrung, ob Worte und Tatsachen zusammenpassen, übereinstimmen, und welche Bedeutung Worte haben können. Stehen sie für Ideen, Absichten, Pläne, Taten? Welchen Grad der Verwirklichung meinen die Sprechenden? Spielen sie das Gegenteilspiel? Machen sie Witze?
Die Kinder reagieren empfindlich auf die Natur unserer Angebote. Wenn sie die Bedeutung ihres Lesens, Schreibens und Rechnens, ihres Malens, Singens und Tanzens für mich kennen, dann können sie mir bereitwillig schenken, worum ich sie bitte, oder es, sich selbst schützend, verweigern. Wovor schützen sie sich? Davor, vorgeführt zu werden, selbst wenn es lobend ist; davor, gehorsam sein zu müssen und ohne eigene Bereitwilligkeit etwas zu tun. Und wie genießen sie es, wenn wir einander Gutes tun, unsere Arbeit tauschen! Du schreibst was für mich, während ich für dich etwas nähe. Du machst Musik für mich, während ich das Essen für uns koche. Du liest mir etwas vor, dann lese ich dir etwas vor, wir wechseln uns ab.
Ich selbst habe so viel Lob bekommen in meinem Leben, ich habe es satt. Es war mir peinlich, wenn ich vor anderen ausgezeichnet wurde. Das ist es immernoch. Ich bin genervt, wenn jemand etwas anhimmelt, was ich kann – es aber niemals wirklich für sich in Gebrauch nehmen will. Es ist dagegen schön zu hören, dass eine Person sich darüber freut, was ich mache, es genießt, also nutzt. Und mir mit einer Äußerung in dieser oder jener Form Dank ausdrückt, weil durch mein Handeln sein Leben besser geworden ist. Und mir etwas von sich gibt, was auch immer, und diese Geste verbessert mein Leben.
Danach lechzen wir alle, dessen bin ich mir sicher. Auf jeden Fall lieben es auch meine Kinder, wenn sie echte Bedeutung erfahren. Wenn ich ihnen erzähle, wie sehr ich ihre Musik, ihr Bauen, ihr Malen und Schreiben genieße, wie ich mich bei den verschiedenen Ausdrucksformen fühle, wie es mir bei der Arbeit Freude bereitet, dann staunen sie über ihre Wirkungen und freuen sich über Resonanz, gemeinsames Schwingen. Und die Dinge, mit denen ich sie wiederum mit Freuden beglücke.
Und ich freue mich gerade über ein Lego-Duplo-Regal für meine Sprossen-Schälchen, die nun nicht mehr abenteuerlich übereinander gestapelt ständig vom Einsturz bedroht sind. Ich kann sie alle einzeln nehmen, ohne erst darüber stehende abzutragen und umzustapeln. Und der Erfinder dieser Konstruktion freut sich über meine Freude, und wie praktisch ihm seine Konstruktion gelungen ist. Und zum Dank bekommt er von mir ein Eis spendiert. Oder eine Extratour an den Strand, ich habe schließlich etwas Zeit gewonnen… Und das macht ihn wiederum froher.
Ja, die Begegnung als Menschen macht’s, nicht die als Funktionäre, Joberfüller und Rollenspieler.

Woche XXXVI | Montag, 02.05.2016

Heute beschäftigt mich das Wort „Pflicht“. Ich habe auch viel Zeit dazu, denn die Kinder sind in der Schule. Ich reagiere leicht bis schwer allergisch auf diesen Begriff, denn ich verbinde damit eine zwangsweise Ausübung irgendeiner Arbeit, wofür ich als Bonus noch einen inneren Schweinehund zu überwinden bekomme.
Kann sein, dass das nicht die ursprüngliche Bedeutung des Wortes ist. Ich kann mir vorstellen, dass es eigentlich daher rührt, dass mensch sich selbst verpflichtet. Wörter wie „beipflichten“ öffnen den Blick auf ein anderes Bedeutungsspektrum, vielleicht irgendetwas mit „sagen“, „zustimmen“. Es hat möglicherweise etwas gemein mit „ein Mann – ein Wort“, und Wort ist hier gleichbedeutend mit Tat. Wenn ich mein Wort gebe, dann gewinne ich das Vertrauen Anderer dadurch, dass ich es halte, also entsprechende Taten folgen lasse.
Meine Pflicht zu tun übersetze ich mit Auftrag erfüllen, den ich aufgebrummt bekommen habe.
Eine weniger schwere Form der Allergie bricht dann aus, wenn meine Pflicht darin besteht, die Folgen meines eigenen Handelns zu tragen: zum Beispiel die Kinder, die ich in die Welt gesetzt habe, da nun nicht sich selbst zu überlassen. Meine Kinder haben mir viele Arbeiten beschert, die ich nicht als Pflicht empfinde, sondern als Bedürfnis. Dieser Part überwiegt alles. Was nicht heißt, dass es keine lästigen Aufgaben gibt. Und diese sind dann Pflicht. Sie sind genauso ein Muss wie die angenehmen, und ich kann sie nur deswegen ohne allzu großen Widerstand erfüllen, weil es keine andere Möglichkeit gibt. Gäbe es sie, würde ich sie ohne Umschweife nutzen.
Pflicht hat was mit Vorschrift zu tun. Beim Eiskunstlauf gibt es Pflicht und Kür. Auch bei vielen anderen Disziplinen.
Pflicht kommt mir auch bei selbst gewählten Aufgaben in die Quere. Habe ich einen Auftrag angenommen, bei dem ich eine Reihe von regelmäßigen Terminen wahrzunehmen habe (z.B. einen Kurs anleiten), dann kommt mir durchaus schon beim zweiten Mal die erste spürbare Ermüdung bewusst zur Wahrnehmung. Ich spüre die Verpflichtung, die auf mir lastet, denn ich möchte meine Vereinbarung selbstverständlich einlösen. Es hat ganz sicher etwas mit meinen Vorstellungen von dem Ganzen zu tun und mit dem, was ich meine, was erwartet wird. Gegen beides regt sich in mir Widerstand.
Als ich so einen Kurs vereinbarte, stellte ich mir etwas Bestimmtes darunter vor und war froh über den Raum an Möglichkeiten, der sich mir dadurch eröffnete. Als er dann begann, tappte ich in die Erwartungsfalle. Pflichterfüllung nimmt von Mal zu Mal mehr Raum ein in meinem Denken. Wenn es daran geht, etwas dafür vorzubereiten, sacken meine Kräfte spontan ab. Aber nicht wegen der Vorbereitung selbst, wenn ich erstmal reingefunden habe, dann geht die Post ab und das Feuerwerk der Fantasie sprüht nur so. Ebenso dann im Kurs selbst. Dann bedauere ich regelmäßig, nicht schon viel eher begonnen zu haben. Reinfinden bedeutet, in den Modus der Möglichkeiten zu gelangen. Pflicht hindert mich, weil ich im Modus des Müssens feststecke.
Dieses Müssen fühle ich, wenn ich eigentlich gerade etwas ganz Anderes machen möchte oder aus einem Flow herausgerissen werde. Wer das Eine will, muss das Andere mögen, sagt ein Spruch. Da ist was dran. Es hilft schon sehr, wenn ich beim Laufenlernen nach jedem Sturz wieder aufstehen mag, und das tat ich bis zur Ermüdung, sonst könnte ich es heute nicht. Aber nirgendwo lauerte hierbei die Pflicht. Und auch bei allen anderen Dingen, die ich heute gut kann, hat all die Anstrengung, die darin steckt, nicht aus Verpflichtung stattgefunden. Sondern aus Ehrgeiz oder Kampflust. Wo ein Wille ist, findet sich auch ein Weg.
Müssen ist vielleicht auch gar nicht das, was ich meine, viel besser passt Sollen. Es macht die äußere Instanz etwas deutlicher. Um der zu gehorchen, muss ich eigene Bedürfnisse hintanstellen. Dabei geht es nicht nur darum, eine sinnvolle Reihenfolge zu beschließen, wenn mehrere auf einmal aufploppen. Es geht darum, meine unterzuordnen. Einer äußeren Instanz. Die ich höher stelle oder ihr erlaube, sich über mich zu stellen. Die tut das, indem sie meine Bedürfnisse zum Inneren Schweinehund erklärt. Jetzt sehe ich das so klar, aber noch nicht seit langem. Es war gewissermaßen ein Volkssport, diesen Inneren Schweinehund zu überwinden, und man feuerte sich gegenseitig an. Und erzog seine Kinder dazu. Auch ich wurde dazu erzogen. Und mein Innerer Schweinehund hat sich gerächt – ich wurde krank. Von all den Leichen, die sich im Keller anhäuften.
Nun sehe ich das auch bei meinen Kindern, wenn sie in diesem Sinne angehalten werden, über ihre Grenzen hinauszugehen. Aus ihrer Komfortzone gejagt werden. So ist wohl die moderne Terminologie. Wir alle werden in die Flucht geschlagen, verjagt aus unserem heimeligen, behaglichen täglichen Tun. Davon träume ich, dahin möchte ich zurück. Und keine faule Haut kann mich davon abhalten. (Die verdanke ich ja dem Gestoßenwerden. Dem Michstoßenlassen. Das muss ein Ende haben!)
Schule darf keine Pflicht sein, Bildung auch nicht. Sie sollten ein selbstverständliches Recht sein, denn zu lernen und zu verstehen sind Grundbedürfnisse. Lehrplaninhalte müssen als Kulturschätze gewürdigt werden und in ihrer Kostbarkeit als etwas Erstrebenswertes erstrahlen, die Schulen laden dann ein als Orte der Möglichkeit sie zu erlangen und dabei begleitet und angeleitet zu werden, bei Bedarf.

Woche XXXIV | Montag, 18.04.2016

Fast hätte ich es verpasst – ist ja schon wieder ein Beitrag fällig geworden, wenn ich meinen Turnus einhalten möchte… Zum Start der 34. Woche dieses Schuljahres bewegten mich weniger die Sorgen meiner eigenen Kinder, sie sind vergleichsweise harmlos geworden. Mein kleines großes Mädchen, dessen Präfrontaler Kortex sich derzeit erheblich gestaltet, empfindet sehr scharf jegliche Art des Zunahetretens: insbesondere auch die Beschneidung ihrer eigenen Entscheidungen durch die in ihrer Schule gängige Unterrichtspraxis. Sie träumt immer kräftiger von selbstbestimmtem Lernen, von Begleiter*innen, die anregen und anleiten statt vorzuschreiben oder mit Benotung zu drohen. Von Räumen voller Material und Möglichkeiten. Sie hat die permanente Unterstellung der schülerischen Unwilligkeit mehr als satt.
Mein Grundschulkind geht ebenfalls wieder, wenn auch hustend, zur Schule. Seit ich nun andere Kinder mit Schulproblemen begleite, wird mir der Segen der benotungsfreien Rückmeldung noch einmal mehr deutlich und ich genieße es, diese Ablenkung vom eigentlichen Sinn des Erlernens der Kulturtechniken nicht auch bei ihm zu haben, und den Umgang damit am Ende des Tages als Hauptthema serviert zu bekommen. Ja, die Kinder verletzen sich an schlechten Noten, vielleicht schlimmer als an Schlägen auf den Hosenboden – da kann man sich wenigstens als tapferer Held feiern lassen. „Es macht gar keinen Spaß zu lernen, wenn man immer nur schlechte Noten bekommt“, gestand mir ein 9jähriges Mädchen kürzlich.
Ich arbeite mit den Kindern daran, dass sie trotzdem wieder an die Sache herangehen, erschließe mit ihnen den Spaß, den man daran haben kann, zu rechnen oder Botschaften schriftlich zu ver- und wieder entschlüsseln. Die Eltern bestärke ich darin, Eltern zu sein, keine Nachhilfepauker, und ihr normales Familienleben nicht für Hausaufgaben- und Übungsorgien zu opfern. Ich rede zudem mit ihren Lehrer*innen, möchte sie ermutigen, menschlich auf die Not der Kinder zu schauen. Sie sagen, sie müssen das alles schließlich in der Grundschule lernen, und ich frage, ob denn die Kinder, die sie mit schlechten Zeugnissen dann weiterziehen lassen, gelernt haben, was sie sollen. Das einzige, was geschehen ist, ist die Abarbeitung des Planes seitens der Pädagog*innen. Sie haben ihre Pflicht erfüllt. Die Kinder, die nicht das Glück haben, rein zufällig mit dem Tempo und der Darreichungsform der Unterrichtsinhalte gut klarzukommen, könnten sich diagnostizieren lassen, manche fahren weite Wege übers Land, um in eine LRS-Klasse zu gehen, stehen morgens dafür eine Stunde oder mehr früher auf, ihre Eltern mit ihnen, und kommen müde wieder heim, womöglich immernoch mit demotivierenden Erlebnissen. Abgesehen davon, als diagnostiziertes Wesen aus dem sonst Üblichen hervorzustechen, zementiert sich die Diagnose nachträglich noch, wenn die Resignation einsetzt.
Ja, hier in der Gegend gibt es einen Aufschrei, wenn ich das Thema Benotung anspreche und in Frage zu stellen wage. Die Eltern fürchten, ein wichtiges Instrument zur Erziehung ihrer Kinder zu verlieren. Für viele ist die Note die einzige Orientierung. Sie wissen dann sofort, ob ihr Kind „gut“ ist. Und wenn nicht, dann geht die Notfall-Maschinerie los: das Kind wird zu mehr Üben gezwungen, den Lehrpersonen in der Schule werden die Türen eingerannt. Schuld wird verteilt und zurückgewiesen. Der zweite Bildungsweg wird beschritten, monatlich viel Geld für Nachhilfe ausgegeben, da könnte man gleich in eine private Schule gehen, in der ein Kind in seinem Tempo lernen kann, individueller betreut wird und dann auch noch Freizeit behält, die für seine geistige und seelische Erholung unerlässlich ist.
Lehrer*innen beklagen sich, dass sie in der Schule die Erziehungsmängel der Elternhäuser ausbaden, ich selbst habe mich lange dagegen aufgelehnt, die Schädigungen meines Kindes durch die Schule ausgleichen zu müssen.
Und sehe ich es falsch? Steuerzahlende zahlen doppelt für ein schlechtes Schulwesen: entweder in Nachhilfe oder in private Schule fließt ihr Geld, beides macht die staatlichen Schulen nicht besser, die wiederum aus den Steuern derselben Leistungstragenden bemittelt werden. Und dann noch die Spätrechnung, wenn die Kinder krank werden, psychische Probleme bewältigen müssen oder, bei erfolgreicher Verdrängung, körperliche Leiden erleben müssen, die von all den Leichen im Keller hervorgerufen werden: „Das Gehirn macht aus Psychologie Biologie“, sagt Joachim Bauer in einem seiner Internet-Vorträge, der Körper ist das Gedächtnis unseres täglichen Empfindens, bis in die Gene hinein. Wann beginnt das Großreinemachen? Es ist Frühling, eine gute Zeit für den gründlichen Winterschlussputz! Für das Ausmisten all der Glaubenssätze und Ideologien, die uns von Mitmenschlichkeit im Umgang miteinander und mit uns selbst abhalten. Ich selbst bin intensiv dabei, und – es tut einfach gut!

Woche XXXIII | Freitag, 15.04.2016

Es blieb nicht bei einem kranken Kind. Ich habe seit Mittwoch auch mein Grundschulkind zu Hause, und es gibt mir die Möglichkeit auch mal zu erleben, dass einer unbedingt in seine Schule möchte, aber wegen Krankheit nicht kann… Und ich kann hier nun ganz „entspannt“ davon ausgehen, dass es sich um eine reine biologische Privatangelegenheit handelt, die ihre Türöffner nicht in erster Linie einem maßlosen „Rest der Welt“ verdankt. Die Faktoren befinden sich also in meinem direkten Zugriff, was auch bedeutet, dass ich unmittelbar was machen kann. (Ich schätze, ich kann auch sonst immer was machen, aber es gleicht mehr einem Tappen im Nebel, während ich jetzt gerade klare Sichtverhältnisse habe.)
Auch mein großes Kind in der Ferne hatte dieser Tage mit einer Infektion zu tun, nun ist es seit 8 Wochen im Land seiner Träume, die größte Aufregung hat sich sicherlich gelegt, auch mithilfe eines geregelten Tagesablaufs. Was nicht bedeutet, es würde langweilig, denn die Sprache gilt es intensiv zu lernen, wenn der Unterricht in der Schule ihm etwas mehr bescheren soll als die Fragezeichen des Nichtverstehens.
Ich hatte also krankenpflegerische Aufgaben, dachte wieder einmal über die damit verbundene Verhinderung meiner anschafferischen freiberuflichen Tätigkeit nach und den damit einhergehenden Verlust von Einkünften. Und selbst wenn ich voll weiterarbeitete und mir lieber eine „Krankenschwester“ aus der Nachbarschaft holte, hätte ich Ausgaben, die sonst nicht anfielen, und damit auch unserem Haushalt abgehen. (Für manche Genesungsvorgänge braucht es aber eine Mutter und keine Apotheke.) Ich müsste eigentlich immer eine Bereitschaftsperson vorhalten, wenn ich gut abgepuffert sein und zuverlässig für meine Erwerbstätigkeit bereitstehen möchte. Diese Bereitschaftsperson arbeitet dann für mich, um ihren Unterhalt zu erwerben.
Ich arbeite für das Fortbestehen menschlichen Lebens, wenn ich Kinder großziehe. Für meinen Unterhalt sorgt mein Mann mit seiner Arbeit. Dafür bekomme ich ihn nur kurz am Tag zu Gesicht und das, wenn er abgespannt ist. Er ist auf sich allein gestellt mit seiner Aufgabe, denn Chefs beiderlei Geschlechts und Kolleg*innen sehen sich nicht zwangsläufig als Gemeinschaft an, in der er es darum geht, einander bestmöglich zu unterstützen( – vielleicht noch bei bei einer Gemeinschaftsaufgabe, die dem Leben aller dient). Verliert er seine Arbeit, muss er sich sehr zettellastig beim Amt rechtfertigen, um für seinen Lebensunterhalt und den seiner Kinder zu sorgen. Nun gut, dann könnte ich vielleicht voll loslegen und für uns anschaffen gehen. In freier Wildbahn könnten mich nur konkrete andere Lebewesen, Wetter und Landschaft behindern oder fördern, in unserer Menschlichen Gesellschaft bekomme ich es außerdem mit Regeln und Gesetzen zu tun, die ich verinnerlicht habe. Ich bin, abgesehen von etwas Garten, für den ich zu wenig Zeit finde, weitgehend abgeschnitten von direkter Selbstversorgung (Ackerbau, Jagd, Sammeln), bin auf Kooperation angewiesen, weil ich all die nötigen Handwerke gar nicht beherrsche. Wenn mich unser Gesellschaftswesen so abhängig macht, dann ist es ein Leichtes, mich zu erpressen. Aber einer Menschlichen Gesellschaft ist es möglich, fürsorglich zu ihren Mitgliedern zu sein, es ist sogar nötig. Und wie ich finde, kann es sogar ohne Bedenken bedingungslose Fürsorge sein. Muss. Man erinnere sich an die Studie mit den Kleinstkindern, die zutage förderte, welcher Natur wir sind, wenn wir zur Welt kommen: unterstützend! Kooperativ! Gegenseitig. 100%.
Ich glaube, meinem Mann täte es auch gut, Unterstützung zu spüren bei der Ernährung seines Nachwuchses. Sicher würde er mit Freuden mehr Zeit mit diesen kleinen Menschlein verbringen und dabei auch selbst ausgeschlafen sein. Und auch mehr ausgeschlafene Zeit haben für Reparaturen in der Wohnhöhle, Arbeiten in Hof und Garten. (Ich will ja gar nicht einmal von kulturellen Genüssen jenseits von Radio und Fernsehen reden.)
Wir sind kaum in den Urlaub gefahren, wir wohnen wo andere Urlaub machen, und solange unsere ländliche Ruhe nicht von Zivilisationsgeräuschen gestört wird, geht diese Rechnung auch auf. Aber auch die Kurzausflüge zu den weit verstreut wohnenden Verwandten und Freunden, an die Ostsee oder in die Hauptstadt bedürfen einer finanziellen Ermöglichung…
Wenn gut für die Erwachsenen gesorgt ist, dann haben auch die Kinder ein besseres Leben, werden weniger begluckt, weil größeres Vertrauen herrscht – in die Nachbarschaft, die Gesellschaft, die dann sogar Gemeinschaft sein könnte. Die Erwachsenen brauchen Kooperation, gegenseitige Unterstützung. Unsere Gesellschaft muss darüber klar werden. Das andauernde Gefühl, irgendwie über’n Tisch gezogen zu werden, erpresst und ausgebeutet, führt für mich zu einem Denken a la „Wer’s glaubt, wird selig“ wenn mir jemand weismachen will, ich müsste mich nur noch ein bisschen mehr anstrengen. Auch dazu gibt es eine sehr illustrierende Studie, die inzwischen für eine Süßigkeiten-Werbung missbraucht wird: Wenn du den Marshmallow jetzt nicht isst, dann bekommst du nachher zwei davon. Das funktioniert meines Erachtens nur in einer unterstützerischen Gemeinschaft, nicht in einer ausbeuterischen Gesellschaft. Zumal wenn es keine Zwangskirche mehr gibt, die die Verarschten aufs Paradies vertröstet. Nur diejenigen, die sich abschotten von der ganzen Versuchung, mögen den Segen der Selbstbeherrschung zu erfahren bekommen, aber sie müssen wohl auf der Hut sein und das vom Munde Abgesparte solange vor der Meute verbergen, bis der Bonus kommt. Und dann schnell futtern. Oder wieder auf den nächsten Bonus warten? Und dann geht es ihnen wie dem Mann, der seine gesparten Goldtaler vergrub und aus Angst vor Entdeckung nur seltenst nachsah, ob sie noch da wären. Und als er eines Tages beweisen wollte, dass er als reicher Mann sterbe, waren sie verschwunden. (Immerhin bewies er, dass man würdevoll als armer Arbeiter leben konnte – wenn man nur einen geheimen Schatz sein eigen nannte.)(Was ist mein geheimer Schatz?)
Die derzeitigen Nutznießer der Unbeherrschtheit haben’s aber vielleicht auch nicht viel besser: Müssen sie doch in Gated Communities all die abgeschöpfte Sahne verbergen und vor dem Neid der Besitzlosen schützen…
Wo steht hier die Schule? Unterstützend? Und damit ein sicherer Ort für Kinder? Sie ist vielleicht nicht abschöpfend, aber wenn sie Gehorsam fordert und Disziplin erpressen will, bahnt sie denen den Weg zum Erfolg, die es im echten Leben sind und unter dem Deckmantel einer Wachstumswirtschaft Eltern und Kinder ausquetschen, was das Zeug hält.

Woche XXXIII | Montag, 11.04.2016

Für diesen Montag muss ich rückblickend schreiben, unsere Nabelschnur zum Netz der Netze war lahmgelegt. Ist ja auch eine Erfahrung für sich, letztlich ergeht es mir wie mit allen Gewohnheiten, wenn ich sie aus irgendeinem Grund nicht mehr ausüben kann – irgendwie bin ich dann etwas desorientiert und spüre eine Leere an Stellen, wo ich gewohnheitsmäßig etwas Bestimmtes tun würde. Was ja in dem Moment verhindert ist.
Am Montag behielt ich ein Kind mit Schnupfen und Halsschmerzen zu Hause, ich kann verraten, dass es mit dem einen Tag nicht getan war. Ich hatte also Gelegenheit, mich an alte Empfindungen zu erinnern: Hallo, du Alarmstimmung, Bereitschaftsmodus, du Suche nach Ursachen und Zusammenhängen für das Missbefinden meines Kindes. Davon hängen schließlich die zu ergreifenden Maßnahmen ab. Neben der körperlichen Versorgung gilt es psychische Ressourcen zu stärken, „Schaltkreisen“ auf die Spur zu kommen, die für die übermäßige Verausgabung sorgen, und abzuwägen, ob der jeweilige Zusammenhang akzeptabel ist oder nicht. Ich bin zum Beispiel sehr dafür, dass die Kinder lernen, schon auf kleine Anzeichen zu achten, sie wahrzunehmen, wie die Warnlampe im Auto, die auf zur Neige gehende Kraftstoffreserven hinweist. Ich habe große Freude am Experiment und lasse es auch gern einmal drauf ankommen. Nach dreimal Liegenbleiben auf Kreuzung, Autobahn oder in der Pampa wegen leeren Tanks wird mir das jedoch langweilig, lästig und ich werde die Warnlampe besser beachten.
Ich sehe durchaus, dass das Immunsystem jeden einzelnen Krankheitshelfer lernen muss und dass das Durchmachen eines Heilungsprozesses auch zur psychischen Reifung beiträgt. Ich bin bis heute sehr froh, von mir zu wissen, dass ich Fieber überstehe und selbst gesund werden kann, aus eigener Kraft. Aus dieser Erfahrung ziehe ich auch die Gelassenheit, meinen Kindern solche Phasen zuzumuten, ohne gleich nach Fiebersenkern und Antibiotika zu angeln. Als Klein(st)kinder verbrachten sie im Fieberfall den Großteil der Zeit an meinem Körper, ich wusste immer hautnah, wie es um sie steht, und es gab auch irgendwie einen Temperaturausgleich zwischen uns. In sehr akuten Phasen griff ich zu nassen Wickeln, und ich lernte die Klassische Homöopathie lieben. Ich betrachte sie als Lernbegleiterin auf physischer Ebene, die Kügelchen geben einen Reiz wie ein Verkehrsschild oder eine Straßenkarte. Den Rest macht der Organismus selbst.
Außer dass mein Kind etwas zu lernen hat, um weiter leben zu können, und das Verhindern solcher Gelegenheiten dabei nicht hilft, schaue ich dennoch gern auch auf die auslösende Situation. Kinder brauchen je nach Reife unseren Schutz. Und auch als Erwachsene kommen wir nicht ohne gegenseitige Unterstützung aus, es sei denn, wir leben als Einsiedler zurückgezogen – aber eben auch in einer Höhle irgendeiner Art, die uns vor allem Möglichen schützt, mehr oder weniger, und mit Gegenständen, die jemand anderes hergestellt hat. Selbst auf der Erde kommen wir ohne den Schutz durch die Atmosphäre, die uns natürlich auch mit der Luft zum Atmen versorgt, keinen Meter weiter, die kosmische Strahlung würde uns in kürzester Zeit verbrutzeln. Ich will mein Kind also auch schützen und habe ein individuelles Gefühl für seine Belastbarkeit. Kein objektives, aber eins, was meine eigene Belastbarkeit mit einbezieht, denn ich bin diejenige, die mit „ausbaden“ muss, was die Welt ihm einbrockt. (Und ich tue das wie alle Mütter auf eigene Rechnung. Wenn der Segen fürs Leben und die Gesellschaft gesehen würde, müsste sie das finanziell bedingungslos mittragen. Aber solange ich damit praktisch mein Privathobby habe, kann es mein Ruin werden.)
Ich suche vor allem da, wo mein Kind die meiste Zeit des Tages verbringt: in der Schule. Ich bin nicht einverstanden, dass es zwar zu allen möglichen Lernthemen und Tätigkeiten bewegt wird, aber keine Ermutigung und Gelegenheit findet, sein Pensum, seine Arbeitsweise, und die Reihenfolge seiner Inhalte selbst zu wählen. Es kann sich nicht einfach mal lang ausstrecken, wenn es das Bedürfnis hat, und von ausreichend Bewegung kann gar nicht die Rede sein in den höheren Jahrgängen. Auch findet es nur gleichaltrige Gleichratlose, wenn Erwachsene bestimmte Bemerkungen machen oder Maßnahmen ergreifen, um das schulische Lernen zu retten, die aber auf Kosten des Kindes gehen. Weil sich niemand die Mühe machen will, ihm gleichzeitig seinen individuellen Weg zu gestatten und das damit verbundene notwendige Gespräch zu führen. Dafür bleibt nur das (zunächst) blinde Vertrauen, denn kaum einer hier hat Erfahrung im nicht unterdrückenden oder homogenisierenden Umgang mit Vielfalt. Nach meinen persönlichen Erfahrungen erfordert das auch ein tiefgreifendes Umdenken bei den Erwachsenen. Sie müssten vor allem ihr Bild vom Kind radikal ändern, beginnen, es als lernfreudiges Wesen anzusehen, das mit dem passenden Futter versorgt sein will und mit der passenden Begleitung, die nach meinem Dafürhalten von Kritierien wie Gleichwürdigkeit geprägt sein müsste. Das macht aus den Kindern keine kleinen Erwachsenen, aber sie werden in ihren Bedürfnissen genauso spezifisch gesehen, wie auch der Erwachsene mit seinen.
Am Ende des Tages hat sich also bei meinem Kind so viel angesammelt, dass dieses Ende des Tages kaum lang genug ist, um alles anzusprechen. Geschweige denn, Wesentliches herauszufiltern und zu benennen. Mein am Montag krankes Kind hat sich erschöpft an entmutigenden Äußerungen von Lehrer*innen, die in den Jugendlichen kaum Lernwilligkeit vermuten, an Langweiligkeit des Unterrichtes und der meisten der zu erledigenden Aufgaben. Es hat sich erschöpft, weil es in seiner Freizeit noch so viel erleben und ausprobieren wollte: Nähkurs, Ballettprobe, Albern mit Freunden, und natürlich das sich in die Nacht verlagernde biologische Programm der pubertären Reifung, dem im Schulalltag ebenfalls keine Rechnung getragen wird. Kein Wunder, dass wir aussterben. Nachdem schon die natürlichen Lernhilfen behindert und blockiert wurden durch die Schule, kommen jetzt auch die natürlichen Fortpflanzungshilfen auf dieselbe Liste. Partnerfindung, Paarerfahrungen, Gruppenleben können kaum regulär erprobt werden in dieser Zeit, in der der Frontallappen reift und seine koordinierenden Fähigkeiten erprobt, Werte selbst abzuwägen lernt. Vereinbarkeit von Schule und Familie, später Beruf und Familie ist jetzt schon nicht gegeben für unsere jungen Erwachsenen. Und für’s Irren und Scheitern gibt’s Strafen, Bloßstellung oder „nur“ schlechte Noten in den in der Schule offenbar werdenden Bereichen, fachlich zugeordnet oder unter Arbeits- und Sozialverhalten abgerechnet.
Klingt alles etwas schwarz, auch in meinen Ohren. Ich vermisse das Interesse am lebendigen Gespräch über diese Dinge. Und ich habe keinen eigenen Einblick in das tägliche Geschehen und Miteinanderumgehen in der Schule. Vielleicht ist alles halb so schlimm. Mit etwas mehr Transparenz könnte ich hier Gewissheit erlangen und meine Auslegung korrigieren.

Woche XXIX | Freitag, 18.03.2016

Wie schön, wenn man einfach in Ruhe arbeiten gehen kann! Mit dem guten Gefühl, die Kinder gut aufgehoben zu wissen in ihren Schulen. Und, welch Romantik, am Nachmittag oder Abend Anekdoten und Abenteuer erzählt zu bekommen! Ich wage noch nicht, mich daran zu gewöhnen, aber ich schätze mal, das passiert einfach.
Nun, die ganze Romantik hatte ich nun nicht, es gab Läusealarm, ich hatte mein Grundschulkind drei Tage zu Hause, um ganz sicher zu gehen. Zum letzten Schultag konnten wir ihn nur motivieren, weil wir ihm die Sicherheit zu geben imstande waren, dass er nicht gleich wieder Läuse einfangen würde – in der Schule haben alle Eltern zugestimmt, dass ihre Kinder dort kontrolliert werden dürfen, so dass ganz gezielt informiert werden kann.
Nun haben wir wieder Ferien, heute mit praller Sonne und der Ahnung, wie schön es im Frühjahr sein kann – wenn nicht immer alles grau überhangen bleibt…
Aber was mir dennoch vergönnt war: ganz nach meinem Rhythmus zu leben. Mit welcher Kraft kann ich unterwegs sein, wenn ich mir meine eigene Art erlaube! Dann bin ich auch weniger davon abhängig, ob die Umstände günstig sind, und kann mich viel besser auf Gegebenes einstellen. Wie sehr ich doch meistens von mir selbst entfernt bin! Ich lande in einem Automatik-Modus, der auf Planerfüllung programmiert ist, ich funktioniere dann einfach und ich erwarte das natürlich dann auch von den Kindern. Ich tue Dinge nicht, weil sie notwendig sind, sondern weil das jetzt so geplant ist. Ich habe die Verbindung zum Sinn nur in der Planungsphase, in der Umsetzungsphase bediene ich nur noch die Programmpunkte. Ich bin auch in einem gewissen Grad flexibel und kann den Kurs ändern, aber eigentlich immer mit einem schlechten Gewissen wegen des Planes oder wegen anderen Menschen, die sich drauf verlassen. Es ist irre aufwändig, immer allen Beteiligten die Änderungen mitzuteilen, damit sie sich mit ihrer Planung darauf einrichten können.
Eigentlich möchte ich nicht planen, ich möchte lieber viele Möglichkeiten inpetto haben und auf die jeweilige Situation eingehen. Das macht Absprachen schwierig, vor allem mit Planer*innen, die jede Einzelheit festgelegt sehen wollen. Ich habe lieber die Möglichkeit, mit den Aktualitäten zu spielen, kreativ im Augenblick zu entscheiden, gern auch mit Anderen im Team, die genauso auf verschiedene Ressourcen zurückgreifen können und spontan Ideen aufgreifen und umsetzen.
Wenn das so läuft, erlebe ich Flow. Ich bin kaum zu erschöpfen, die Quelle sprudelt fröhlich, bis mir buchstäblich die Augen zufallen und meine Körperzellen mir Pause verordnen.
Das beobachte ich auch an den Kindern – wie werden sie munter und ihre Kopfschmerzen verfliegen, wenn sie nach ihrer eigenen Fasson lesenschreibenzeichnensingentanzenrechnen dürfen! Habe ich sie nach acht Stunden Schule völlig erledigt in Empfang genommen, kommen sie nach kurzer Ruhe auf ihre eigenen Gedanken und finden Betätigung, die sie wieder zu sich kommen lässt – wenn ich sie lasse und nicht mit Pflichten oder Vorstellungen behellige. Die suchtartige Ausprägung einer Beschäftigung macht klare Aussage darüber, wie sehr ihre Bereitwilligkeit zur Erledigung fremder Aufträge überstrapaziert ist. Wie sehr ihr Bedürfnis nach Selbstbestimmung im roten Bereich gelandet ist. Gewiss steht hier wissenschaftliche Untersuchung aus, es ist aber meine Beobachtung und Auslegung, immer wieder.
Nun, mal sehen, wie lange es dieses Mal dauert, bis sich eine gesunde Unternehmungslust einstellt und die Bereitschaft, den Rückzug in die persönliche Höhle einzutauschen gegen Expeditionen in die Welt. In ausgewogener Weise.
Achja: Liebe Grüße an mein Kind im fernen Lande! Bitte grüße deine Gastfamilie und alle, die sich freundlich um dich bemühen und sage ihnen meinen Dank!

Woche XXVIII | Montag, 07.03.2016

Da ich krank war, den Blick von gestern also heute. Ja, nun bin ich dran mit Ausfallen. Ich meine, nicht dass mir das zwischendurch nicht auch immer mal passiert, dass ich statt eines Vorhabens doch zur Ruhe gehe – der Plan ist das Eine, das Leben aber hat viel mehr Mitwirkende, als wir jemals einplanen könnten…
Doch dieses Mal gab es für mich keinen Spielraum, um meine Montagsvorhaben umzusetzen, eine Ruhephase einzuschieben und eben danach weiterzumachen, dehnte sich bis in den Dienstag Abend aus…
Meine beiden hier verbliebenen Kinder sind wie immer zur Schule gewesen. Die Große genießt immernoch die frühmorgendliche Bustour und besonders die Zeit, die sie vor dem Unterricht noch in der Schule hat. Es ist nicht meine Uhrzeit, ich bekomme es nur selten mit, dass sie aufsteht. Zum Glück kann ihr Papa das, so ist sie morgens nicht allein. Ich schätze, ich würde es über mich bringen, wenn er nicht da wäre, weil ich sie nicht allein lassen wöllte. Aber sie ist ja in guten Händen.
Mit dem Kleinen frühstücke ich schon eher, nur nicht gestern und heute. Ich habe sogar einen Kurs abgesagt, weil ich nicht auf dem Posten war, um ihn durchzuführen. Es ist ein Kurs, den ich voller Freude und Kreativität gestalten kann – ein Glücksfall, so zu arbeiten. Hat aber nicht gereicht, um mir den Genesungsweg abzukürzen oder zu raffen. Ich bin schonmal aus Protest gesund geworden, vor vielen Jahren. Ich hatte Angina und Mittelohrentzündung, lag allein auf meiner Studentenbude und sah irgendwie keinen Sinn in allem. Dann guckte ich auf N3 Regionalnachrichten, da wurde von irgendwelchen Jugend-Initiativen berichtet. Ich bekam so einen intensiven Anfall von „ich will dabeisein!“, dass ich innerhalb eines Tages wieder fit auf den Beinen war. Ohne Antibiotikum. Seit über 20 Jahren hatte ich keine derartigen Beschwerden mehr.
Diesmal habe ich heute vormittag endlich intensiv gefiebert, der Husten ist nun locker und meine Denkkraft ist heute nachmittag an der frischen Luft wieder erwacht. Mit ihr die Lust an der Weitergestaltung meiner Tage.
Zwischendurch ereilt mich die große Sinnfrage, so auch am Wochenende, als sich ein längeres Bemühen einfach nicht von Erfolg krönen lassen wollte. Die Einsicht traf mich nicht hart oder überraschend, dennoch hatte ich meine Schwierigkeiten, mich von der Idee zu verabschieden. Ich bin überzeugt, dass mein Husten die körperliche Reaktion auf dieses Ereignis war. Begünstigt durch eine schlaflose Nacht zum Montag, konnte das Geschehen seinen Verlauf nehmen. Ich habe mal einen Bericht über eine Studie gesehen, in der zwei Gruppen infiziert wurden, die eine durfte danach ungestört schlafen, die andere wurde ständig aufgeweckt. Die gut Ausgeschlafenen sind nicht erkrankt, die anderen ja. Nun weiß man nicht, wann man sich was einfängt, da ist es wohl angebracht, möglichst immer gut zu schlafen…
Ich hoffe, die Kids haben ausreichend Schlaf in dieser Woche, ich werde besser drauf achten, es bahnt sich sonst was an, will mir scheinen. Die Große hatte Kopfschmerzen heute, der Kleine rannte dauernd auf die Toilette, als wir zu Hause ankamen.
Mein Auslandskind scheint gut drauf zu sein. Ich würde auch gern mal ein Gastkind aufnehmen – wenn sich die Lage meiner eigenen stabilisiert hat und ich in Haus und Hof das viele Liegengebliebene besser im Griff habe. Jetzt bin ich erstmal froh, dass die Große einen anderen Lebensentwurf kennenlernen kann. Im fernen Osten.

Woche XXIII | Montag, 01.02.2016

Ferien, jaaaa! 2/3 Kindern krank. Wahrscheinlich auch eine Frage der Blickrichtung. Was wäre denn im Falle ihrer „Gesundheit“? Ein Plan, Ferienspiele, wäre umgesetzt worden. Und wahrscheinlich hätte ich es schwer gehabt, ihnen zuzugestehen, davon Abstand zu nehmen, wenn es keinen offensichtlichen und allgemein akzeptierten Hinderungsgrund gibt. Wie z.B. körperliche Hausaufgaben. Ja, ich selbst bin es, die in der Falle des Gehorsams feststeckt. Hier der Gehorsam einem irgendwann gefassten Plan gegenüber. In stillschweigender Akzeptanz der Verurteilung spontaner Umentscheidungen, gegen die sich Unternehmen mit Kostenberechnung schützen, wenn Kunden einen Termin nicht wahrnehmen. Und nur bestimmte Gründe sind akzeptiert als Notfall oder höhere Gewalt und werden nicht bestraft.
Die spontane Entscheidung bleibt ja ohnehin nur in Ferienzeiten möglich. Nun also spontan gar nix. Und ich lasse sie. Lasse sie spielen nach Herzenslust, zwinge keinen, den Schlafanzug auszuziehen und Tageskleidung anzulegen, lasse sie herumlungern und die Wege durch ihre von Lust und Laune getriebenen Aktivitäten wählen. In diesen Ferien bin ich viel gelassener. Ich kann sie jederzeit bitten, etwas mit mir gemeinsam zu tun, und ihre Bereitwilligkeit wird wieder stärker, wenn sie wirklich nein sagen dürfen oder merken, dass auch sie Freude am Zusammenspiel haben können. Ich nehme mir die Zeit, sie zu bequatschen, ist das nicht auch ein wahrnehmbares Zeichen, dass es mir wirklich um sie geht?
Sie sind also eher ganz gesund, dass sie mit „Krankheit“ reagieren und mir zeigen, dass wir Erwachsene es mal wieder mit irgendetwas übertreiben. Abgesehen davon ist es ja eigentlich völlig normal, dass unsere Körper auch ihre Anliegen haben und ihre Eigenheiten und von Zeit zu Zeit mit Bakterien und Viren hantieren, um Zellen auf- oder abzubauen. Ich war lange im Hader damit, empfand das als störend, auch jetzt noch, zumal diese Phasen nicht das pure Vergnügen sind. Rein theoretisch ist mir ihre Wichtigkeit schon klar, und aus meiner eigenen Biographie stehen mir einige Genesungserlebnisse als lebendige Beispiele zur Verfügung. Aber ich lasse mich wohl auch immer wieder gern von der zeitgeistlich üblichen Lesart beeindrucken, der nichts wichtiger ist, als alles weg zu impfen und Fieber zu verhindern und das Krankwerden überhaupt. Ich möchte es als genau so einen Arbeitsprozess ansehen wie die Erschaffung eines Kunstwerkes irgendeiner Art. Eben ein lebendes. Das Maß zu finden, Ausgewogenheit, Gegengewicht…
Also alles im grünen Bereich, es gibt ja auch nichts wirklich Alarmierendes. Nur dass sich die angedachten Ferienspiele halt auf eine ungeplante Ebene verlagern. (Aber dennoch: Wäre doch toll gewesen, wenn sie nach Herzenslust werkeln, schneidern und kochen gegangen wären.) Vielleicht bekommen wir ja noch Schnee zu sehen und zum Spielen, das könnte verlockend genug sein, um dem Schnupfen Konkurrenz zu machen…

Woche XXI | Montag, 18.01.2016

Alle Kinder sind an ihren jeweiligen Bestimmungsorten jenseits des trauten Heimes. Und ich habe noch ein leichtes Nachklingen vom Tag der Offenen Tür an unserem Gymnasium, ein angenehmes, aber irgendwie auch zwiespältiges. Es gibt Bewegung, die Techniken, die für eine demokratische Lebenskultur nötig sind, kommen verstärkt ins Spiel, zum Beispiel Debattieren. Nur wenige Jugendliche können ihre Anliegen klar formulieren, was aus meiner Sicht eindeutig daran liegt, dass das nie gefragt ist. Meine Kinder haben seit ihrem Eintritt in öffentliche Betreuungs- und Bildungseinrichtungen das Sprechen wieder verlernt. Nun nicht buchstäblich, aber die Fähigkeit, ihre Bedürfnisse zu benennen, ihre Gefühle sprachlich zum Ausdruck zu bringen, sind verkümmert. Wenn ich sie zum „Feierabend“ befragen wollte, was sich während ihres Tages ereignete, bekam ich immer mehr das Gefühl, dass ich sie in ihrer Freizeit nicht auch noch daran erinnern solle. Bei McFlitz ist das ein bisschen anders, aber auch er zeigt Regredierungserscheinungen. Jetzt, viele Jahre nach der Grundschulzeit und der Orientierungsstufe packen die Mädels Dieses und Jenes aus. Wir lernen ja gerade wieder zu sprechen, da kommt nun Einiges zu Tage.
Meine Zwiespältigkeit in Bezug auf den TdOT rührt wohl daher, dass ich mein besseres Wissen nicht gerade heraus anbiete. Ich tappe wie um einen heißen Brei, möchte den Erwachsenen in der Schule einerseits nicht zu nahe treten und ihnen sagen, wie sie was zu machen haben. Aber egal wie ich es beginne – es wird wohl immer als An-Griff aufgefasst werden von denen, die sich sogleich in Frage gestellt sehen, wenn man nicht spontan „Hurra“ schreit und ihr Tun lobt. Andererseits sind da jene Eltern, für die alles in Ordnung ist so, wie es ist. Seltsamerweise reagieren sie beinahe allergisch darauf, wenn ich das Thema Benotung ansprechen will – kritisch, versteht sich. Immerhin hatte ich schon einmal Gelegenheit, einer Mutter, die mehr Druck für ihr Kind seitens der Schule „bestellen“ wollte, zu berichten, dass meine Kinder eigentlich gerne endlich in Ruhe gelassen werden wollen von all den Versuchen, motiviert zu werden. Durch die Androhung von Bewertung, das Aufbrummen von Extra-Aufgaben und andere Krücken der Disziplinierung. Ja, da bin ich stolz auf mich, dass ich das konnte, als sich die Gelegenheit bot. Warum auch sollen motivierte Kinder ausbaden, was für die frustrierten bestimmt ist, bei ihnen aber auch nicht recht funktioniert?
Ja, das scheint mir mein Dilemma zu sein. Ich weiß etwas und halte damit hinter dem Berg aus Rücksicht auf die Befindlichkeiten anderer Erwachsener. Klar, auch darauf, dass ich bisher nicht recht wusste, wie ich mit dem jeweiligen Gegenwind oder Wirbelsturm umgehen kann… Ich habe all die Krankentage der Kinder gebraucht, um mich wirklich aufzurappeln – wären sie gesund gewesen, hätte es auch kaum Handlungsbedarf gegeben, schätze ich. Mal sehen, wie ich nun weiterhin zur Erörterung auffordern werde, inzwischen bin ich ja auch nicht mehr allein und es gibt schon echte Gespräche im Elternrat. Also auf in die neue Woche!