Woche XXXXVII | Freitag, 22.07.2016

FERIEN! Endlich in Ruhe lernen!

Eigentlich fällt mir gar nicht mehr zu sagen ein.
Als lebende Wesen mit etwas mehr als einem Amphibiengehirn machen wir Menschen nicht das ganze Leben dasselbe. Selbst diejenigen nicht, bei denen es so aussieht.
Wir praktizieren eine fortwährende Überprüfung – Bestätigung oder Widerlegung unserer bisherigen Erfahrungen, manche vielleicht weniger intensiv das Letztere, denn das macht auch Angst. Aber eben dieses Letztere, auch wenn es uns aus unserer Sicherheitszone schiebt, ist der Motor fürs Lernen.
Und sei es zu lernen, immer neue Strategien zur Gefühlsverdrängung anzuwenden, um der Erhaltung oder Wiederherstellung unseres Sicherheitsgefühls willen.
Das heißt schon auch, sich im Kreis zu drehen oder auf der Stelle zu treten.
Dieses Gefühl bleibt aber auch den offensiv Lernenden nicht erspart, die immer wieder auf Einsichten kommen, die sie schon vor einem Jahr einmal hatten. Aber: diesmal mit mehr Erfahrung, aus neuen Perspektiven! Und: nicht zuletzt die Bestätigung ihrer immernoch beständigen Gültigkeit. Handelt es sich vielleicht gar um ein Naturgesetz?
Eine Einsicht, zu der ich immer wieder gelange, ist die Wichtigkeit, sich gegenseitig zu unterstützen. Im Ernstfall hoffe ich worauf? Auf Wohlwollen, Gnade, Vergebung, Milde, Verständnis. Sei es bei einer Rede, die ich halten will, zu der mir so viel einfällt, dass ich am Ende gar nichts mehr sagen kann, auswählen muss und still hoffe, dass es das „Richtige“ ist, was ich dann sage. Sei es die Auswahl eines Geschenkes für einen besonderen Menschen. Oder auch die Kleidung zu einem bestimmten Anlass.
Manchmal bin ich „abgebrüht“ genug, um einfach nach meinem eigenen Gutdünken zu gehen, dann ficht mich da nichts an. Meistens habe ich diese Gewissheit nicht.
Und jetzt pauke ich mir ein: Im Grunde suchen alle Menschen Halt und Unterstützung, Vergewisserung und Sicherheit, Geborgensein und Bestätigung. Ich werde es mir an sichtbare Stelle schreiben, wie Vokabelkärtchen, denn Wiederholung ist die Mutter der Weisheit. Ich will diese vielfach gemachte Erfahrung im Ernstfall parat haben, nämlich dann, wenn ich an meiner Unzulänglichkeit und Ratlosigkeit verzweifle. Die mich hauptsächlich in Bezug auf andere Menschen befällt, Säbelzahntiger habe ich ja nicht zu befürchten. Höchstens noch Zecken und ihre unbequemen Mitreisenden…
Ferien – Zeit, die frei ist von Bewährungssituationen, die nicht so angelegt sind, dass jedes Kind in seinen Stärken gesehen und gespiegelt wird. Was wollen diese Unglücklichen in den Ferien lernen? Alles, nur nichts, was irgendwie nach Schule riecht, und so bleiben unsere gesetzlich anerkannten Kulturschätze wie Schreiben, Lesen, Rechnen, Zeichnen, Denken, Musizieren, Experimentieren… als kult-ur-menschliche Ausdruckswege beiseite, gepflegt werden stattdessen die einzelkämpferischen Großkotzstrategien. Können wir das wollen?
Liebe Leute, nutzt die Ferienzeit zum Nach-Denken. Ist uns die gegenseitige Unterstützung wichtig? Dann lasst uns alle schulischen Handhabungen aufspüren, die das untergraben, und sie durch mitmenschliche ersetzen!
Ich denke zuallererst an die Noten. Die schlechten gehören abgeschafft, denn sie hindern uns daran, den Kindern das zu bescheinigen, was sie gut können. Ohne zu heucheln.
Ich denke an aktive Mitbestimmung der Kinder: sie sollen gefragt werden, wie es ihnen geht mit diesem oder jenem, und sich selbst kennenlernen können und was ihnen hilft. Sie sollen in individuellem Tempo alles lernen können, was wir wichtig finden, denn wenn es ein wahrer Wert ist, dann wollen sie auch. Bzw. tun es einfach, unbewusst.
Ich denke an die Aufhebung der Einzelkämpferschaft der Lehrenden, sie brauchen Partner in den Klassen, erwachsene Rückmelder und Mithelfer. Das ist vorgelebte gegenseitige Unterstützung. Sind es nicht die Lehrer selbst, die eine Beurteilung ihrer Arbeit am meisten fürchten? Gut so! Denn das ist die Basis für den Wandel – oder wollt ihr das den Kindern wirklich weiterhin antun??? Erlöst euch selbst und damit auch die euch Anvertrauten.
Ich fürchte mich vor nichts so wie vor Willkür und Beliebigkeit im Umgang der Menschen miteinander. Dazu gehören auch die Ideologien, die alles instrumentalisieren, was den Menschen eigentlich guttut, weil es Gemeinschaft fördert und Werte spürbar macht. Lernen wir, solches zu entlarven und uns davor zu schützen, aber vor allem unsere Kinder, die auf der Suche nach Orientierung und Sinn im Leben sind! Ich bin so froh und dankbar, dass ich im Frieden aufgewachsen bin und auch meine Kinder bisher kein unmittelbares Kriegsleid erfahren mussten. Aber wir baden noch in der Geschichte unseren Vorfahren widerfahrene Traumata aus, die sie stumm gemacht haben vor Entsetzen. Ich lerne nun langsam, zu sprechen, in Worte zu fassen, was mich sonst erdrückt oder woran ich ersticke. Die „Übel“ aus den Verliesen der Schule werden mir nun, spät, zu Schätzen der Verständigung und Lösungsfindung für mich. Ich war zwar immer gut in der Schule, aber ich habe unter den Verletzungen derer zu leiden gehabt, denen das nicht vergönnt war: ihren Neid oder ihre Missgunst unbeschadet zu überstehen oder durch Freundschaft zu verhindern hat bedeutet, meine Talente ein Stück weit zu opfern. Doch das war das geringere Übel, denn die Überheblichkeit der Guten habe ich noch schlechter ertragen. Wie schade, dass am Ende niemand Erfolge feiern kann…
Nun denn – schöne Ferien allen, und wer mit schlechten Noten nach Hause gehen muss: schreibt mir eure Gefühle und Empfindungen, versucht es, fasst in Worte, Musik, Bilder oder Figuren, was euch schmerzt und an welcher Stelle! Schreibt es in die Kommentare, lasst andere sehen, dass sie nicht allein sind. Macht gern Vorschläge, wie es besser wäre für euch und was ihr euch von der Schule erträumt! Eltern: sucht euch andere Eltern, die gut verstehen können, was ihr meint, trefft euch und gebt Rückmeldung an Schule und Sozialarbeiter, an die übergeordneten Elterngremien, schreibt dem Bildungsminister! Schüler, auch ihr könnt eure Anliegen demokratisch vertreten – ihr wisst vielleicht noch nicht wie, aber wendet euch Vertrauenspersonen und bittet sie, mit euch das Gesetz zu lesen, das Reden zu üben, das Wortefinden. Inspiriert euch bei „Schule im Aufbruch“. Bei den Gehirnforschern. Bei Menschen mit Herz. Beim Kinderschutzbund. Bei der Landeszentrale für politische Bildung. …
Ich drücke uns allen die Daumen!

Woche XXXXVI | Freitag, 15.07.2016

Sicher ist es zunächst einmal ganz hilfreich, wenn man seine Gefühlswallungen beruhigt und zu diesem Zweck Abstand zwischen sich und das auslösende Ereignis bringt. Geht das nicht, können auch beruhigende Mittel vielleicht mal eine Variante sein, aber sie werden wohl niemals die Klärung und Lösung des Konfliktes herbeiführen. Ich denke, wir können gar nicht klug genug sein, um unser gegenwärtiges Leben zu meistern mit all den Altlasten, die wir uns gönnen, solange wir auch nur das winzigste Lebewesen geringschätzen.
Aber wir müssen gar nicht mit der Lupe suchen, Wir müssen nur unseren unreflektierten Umgang mit den Beschulungsobjekten ansehen.
Klingt krass, oder?
Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun. Und wollen es auch lieber nicht, bloß keine schlafenden Hunde wecken…
Ich habe in den vergangenen 8 Jahren gelernt wie besessen, nicht für Abschlüsse und Scheine, nein, nur, um mein Leben zu retten. Ich wollte mich dabei aber nicht mit Kollateralschäden belasten, sonst wäre ich schnell fertig gewesen. Ist nur fraglich, ob ich erreicht hätte, was ich wollte.
Nein, das ist gar nicht fraglich, es ist völlig außer Frage: Ich wollte erreichen, dass ich endlich verstanden werde, dass ich in meinem Sosein anerkannt und willkommen bin und meinen Platz in der menschlichen Gemeinschaft finde – als vital verbundenes Mitglied. Das geht wohl kaum mit Leichen, über die ich gehe.
Die Art meiner Verbindung war lange Zeit mit dem Minus als Vorzeichen versehen, es wurde zu meinem Schutzschild. Aber auch ganz ohne Verbindung zu sein habe ich erlebt. Obwohl man nicht nicht kommunizieren kann, aber vielleicht ist hier das Stillface-Experiment eine passende Illustration. Wie Luft behandelt zu werden, aber auch das Unliebsame durch Ignorieren von sich fernzuhalten oder zum Aufgeben zu bewegen, kenne ich.
Drogen waren nicht meine Strategie. Ich kann verstehen, wenn Menschen diesen Weg wählen, ein paar Alkoholräusche habe ich auch in meiner Biografie und etwas Marihuana ist ebenfalls in meinen Stoffwechsel gelangt.
Aber es wurde mir bald viel zu verstörend. Ich will mich selbst spüren.
Mit dem Rauchen habe ich aufgehört, als ich mein erstes Kind bekam. Ich fand, es sollte eines Tages selbst entscheiden, ob es sich mit Drogen welcher Art auch immer manipulieren will.
Seither und immer noch ist es mir der spannendste aller Filme, mich selbst zu spüren. Ich will wissen, welche Emotionen aufkommen, wenn dieses oder jenes mir begegnet, ich will herausfinden, was ich machen kann, um sie in Freude zu verwandeln, ich bin der Alchimist meiner Körpersäfte. Als ich das erste Mal davon hörte, dass wir unsere eigene innere Apotheke haben, leuchtete mir das sofort ein – wie hätten wir sonst all die Jahrtausende ohne Arzt und Apotheker überstanden? Und auf der Stelle begann ich, mit mir selbst zu spielen, herumzuprobieren, zu forschen, mich zu beobachten, wie es mir geht, womit es mir gut geht.
Habe mich gehenlassen und mir dabei zugesehen, wohin es mich brachte.
Nicht dass ich gleichgültig gegen all die Interpretationen anderer Leute gewesen wäre, aber meine Probleme damit wurden der Ausgangspunkt meines Lernens.
Nun habe ich das Problem, alles Mögliche zu wissen und ausprobiert zu haben, kann es aber nicht mit Zetteln belegen. Mir bleibt vielleicht nur, es in einem eigenen Konzept zusammenzufassen, die Doktorarbeit meines Lebens zu schreiben, gewissermaßen. Wenn ich mich damit irgendwo bewerben will.
Woher soll sonst einer wissen, zu was ich tauge?
Vielleicht muss ich ein Buch schreiben oder doch noch eine akademische Doktorarbeit.
Bis dahin muss man mich wohl erleben, um einen Eindruck zu bekommen, was ich vollbringe und wie ich vorgehe.
Und ich muss das Feedback sammeln, denn in den Augen Anderer leuchten andere Schönheiten, und vielleicht sind welche dabei, die ich noch gar nicht kenne.
Um Klienten oder Abnehmer zu finden für meine Fähigkeiten, muss ich ja wissen, was in ihnen Nützliches steckt und was den Menschen wichtig ist.
Ach ich merke schon, hätte ich mich mal regulär fortgebildet…
Nein, ich bin kein Typ des systematisch-planvollen Vorgehens. Ich tingele gern durch die Landschaft, geografisch und im übertragenen Sinn. Wie Rotkäppchen beim Blumenpflücken. Ich habe auf diese Weise eine unorthodoxe Ortskenntnis. Manchmal bin ich selbst überrascht.
Aber angesichts von Titeln und Abschlüssen anderer lernfreudiger Leute schrumpft meine Eitelkeit und übrig bleibt ein seiner selbst nicht bewusstes kleines Mädchen. Etwas schüchtern. Und alles andere als davon überzeugt, dass es etwas auf dem Kasten habe. (Es hat ja nur Blumen gepflückt und ist zu spät zur Großmutter gekommen. Immerhin hat es nicht vergessen, was sein Auftrag war…)
Außer all diesen vielen Fragen und mit jeder gefundenen Antwort vermehren sie sich. Exponentiell.
Vielleicht ist das ein Qualifizierungsmerkmal: nicht die Diplome an der Wand sondern die Liste der Fragen, mit denen man sich herumschlägt.
Ich glaube, das könnte ich schaffen, meine Fragen sammeln. Und mich dadurch auszuweisen als immernoch lernendes Wesen. Damit müsste ich doch eine Chance haben – vielleicht auf ein bedingungsloses Grundeinkommen?

Woche XXXXVI | Montag, 11.07.2016

Eins meiner Kinder nimmt an einem Projekt außerhalb der Schule teil, an dessen Ende eine Aufführung steht. Echter geht’s nicht. Und sicheres Experimentier-Feld für die Jugendlichen: sie sind begleitet, beraten, beschützt von Erwachsenen, die sich die Mühe machen, den ganzen Zirkus auf die Beine zu stellen, ohne dass ihnen das jemand aufgetragen oder vorgeschrieben hat.
Erwachsene, die für ihren Lebensraum und damit den der Kinder etwas schaffen wollen, was die Menschen zusammenbringt, sie etwas gemeinsam vollbringen lässt, was sie inspiriert und hinterm Ofen hervorlockt, weil sie unbedingt mitwirken wollen. Und dafür die Gelegenheit bekommen! Von ihren Nachbarn!
Danke, liebe Nachbarn!!!
Es wird keine Noten geben.
Der Applaus allein wird der „Lohn“ für alle Anstrengungen dieser Woche sein.
Und der Maßstab wird das eigene innere Bild sein, das im Laufe der Arbeit entsteht und wächst, und die Rückmeldungen der übrigen Mitwirkenden werden den Spiegel bilden, in dem jeder einzelne Beteiligte sein inneres Bild abgleichen kann, seinen Ist-Stand laufend ermittelt und Innen und Außen synchronisiert.
Wir müssen den Kindern solche echten Herausforderungen bieten, wenn sie in der Gegenwart bleiben oder wieder ankommen sollen. Und wir müssen ihnen dabei authentische Orientierungsmarken sein – integre Menschen wie sie auch, mit Bedürfnissen und Gefühlen, die wie auch ihre eigenen respektiert werden. Sie müssen selber was tun können, wichtige Aufgaben übernehmen, und brauchen Verständnis für Patzer aber keine Beliebigkeit, sondern Lösungen, die nach einem Missgeschick alles wieder in Ordnung bringen, das Lernpotenzial solcher Situationen muss einfach genutzt werden. Anstatt mit „Konsequenzen“ irgendwas zu lenken, müssen die echten Folgen wahrnehmbar sein und zur Basis der Entscheidungen werden. Wenn sich ein Kind zum Mitmachen im Unterricht bereitfinden soll, dann spielt es eine außerordentlich wesentliche Rolle, ob es gehorsam sein soll oder es wirklich wichtig ist für die Gruppe und die Lehrperson, und wenn ja, warum.
Kinder, die zum Beispiel gern gemein sind zu Anderen, müssten dann auf der Basis echter Emotionen „behandelt“ werden – also z.B.: Wenn ein Kind mich gerade ärgert, dann wende ich mich ab, weil ich traurig und wütend bin und in solch einer Verfassung nicht mehr mit ihm spielen kann. Ich gehe weg, um mit meinem inneren Sturm fertig zu werden, zur Lehrerin oder einem anderen Kind, was zu mir hält. Das Kind, das mir zugesetzt hat, verliert sein „Opfer“, plötzlich kommt es mir hinterhergerannt, der Spieß ist umgedreht, es will sein „Spielzeug“ nicht verlieren und muss sich auf meinen Teil der Regeln einlassen.
So etwas kann ein unterlegenes Kind nicht allein durchspielen, deshalb wendet es sich an einen Freund oder einen Erwachsenen. Wenn letztere sagen, das müssen die Kinder selber klären, dann verweigern sie gute Beratung und Begleitung und das Hochhalten von „Werten“. Schutz und Sicherheit sind dann Mangelware und die Tyrannei der Kinder untereinander kann sich ausbreiten.
Natürlich ist es keine Hilfe zu schimpfen oder zu bestrafen oder nur zu sagen „Das macht man nicht“. Es ist wichtig, die Kinder im Umgang mit ihren Gefühlen anzuleiten. Der Kneifer weiß gar nicht, wie weh das dem anderen tut, aber wenn der es ihm immer sagt und dann nicht nur einfach mit einem „Der ist doof“ zurückschlägt, sondern mit einem „Wenn du mir weh tust, kann ich nicht mit dir spielen und dein Freund sein.“ Genaueres mitteilt, dann wird der Kneifer dabei bleiben müssen, Fangen zu spielen, sich über Kneif-Treffer kurz zu freuen, über den Effekt, den das bringt: ja, der andere guckt, schreit, schlägt zurück oder läuft weg – friedlich und froh zusammen zu spielen ist da eine andere Qualität.
Auch ich als Erwachsene bin ein Testobjekt, wenn ich das zulasse. Aber auch ich als Erwachsene kann auf „Konsequenzen“ immer mehr verzichten, wenn ich beginne, meine Bedürfnisse und Gefühle gleichwertig ins Spiel zu bringen. Wenn mich ein Kind immer wieder „austrickst“, dann werde ich beim dritten Mal keine Ausnahme mehr annehmen, dann werde ich da auch nicht „großzügig“ über irgendwas hinwegsehen, denn es geht dem „Stänkerkind“ genau darum zu erfahren, was denn nun ist, wenn es stänkert.
Was will nun ich? Will ich Gehorsam oder will ich Bereitwilligkeit? Danach allein richtet sich mein weiteres Handeln.
Will ich letzteres, dann werde ich meine Traurigkeit und Enttäuschung mitteilen, vielleicht bin ich ja sogar wütend? Ich werde klar sagen, dass ich nichts mehr glauben kann, was es sagt, und nicht mehr mit ihm spielen, weil ich mich nicht darauf verlassen kann, dass es wirklich mein Freund ist. Ein Freund will doch keinen Ärger machen, der unterstützt doch?! Ich bin dann mitten in der Betrachtung des Geschehens, und dann geht der Praxistest weiter: Freund oder nicht?
Echt oder nicht?
Haltbar?
Zuverlässig?
Orientierungspunkt???
Unser aller Zugehörigkeits/Teilhabebedürfnis ist hier aktiv. Wenn ich mich als Schimpftante erweise, dann will sicherlich kein Kind zu mir gehören. Will ich eine Klasse zu einer Gemeinschaft machen, dann muss ich selbst Gemeinschaft können, wie geht das? Nur mit Vertrauen, vertraut Sein, einander kennen, die Grenzen und Anzeichen sehen und lesen können/lernen, die zeigen, wie es um die einzelnen Beteiligten steht.
Auch um mich als Lehrerin oder Betreuerin. Es strahlt ja ohnehin durch alles Tun hindurch. Sozial-emotional kompetent wäre dann, damit integrierend umzugehen, nicht es auszusperren und dauerhaft zu unterdrücken.
Sprechen lernen.
Verhandeln lernen.
Je jünger die Kinder, umso weniger ausdifferenziert ist das traurig-oder-froh-Kontinuum, und umso einfacher sind auch die Lösungen: es reicht z.B. „Vertragen“. Schulkinder sind da schon kritischer und bekommen ein zunehmend gutes Gedächtnis.
Und wenn sie groß sind, dann werden sie vielleicht genauso nachtragend wie wir…
Stellen wir uns dieser Aufgabe?
Wer macht mit?

Woche XXXXII | Freitag, 17.06.2016

Angenommen alles um mich herum ist ein Spiegel meiner eigenen inneren Umstände, die Menschen, die mich umgeben, sind nicht zufällig diese Menschen mit ihren jeweiligen eigenen Naturellen und Verstrickungen. Alles, was ich in ihnen sehe, ist allein meine Schöpfung. Sind sie mir Lust oder Last, zum Lachen oder zum Heulen – ich lerne nichts über sie, kann nichts über sie lernen, ohne mich selbst dabei mit zu betrachten. Denn alles, was ich sehe, was sie tun, kann alle möglichen Bedeutungen für sie selbst oder andere haben, es ist im Grunde völlig gleichgültig in seiner unglaublichen Beliebigkeit, wenn ich es nicht als die Palette der Möglichkeiten in mein Leben hole und mit Bedeutsamkeit belege. Es zählt immer nur das, was mit mir irgendetwas zu tun hat, was eine Regung bei mir hervorruft. Ich kann vielleicht aus der Palette der Deutungen wählen, wenn die aktuelle mir nicht passt. Also, wenn ein Verhalten mich alles andere als erfreut. Wenn ich Wut, Trauer oder andere unbequeme Empfindungen habe in Bezug auf Situationen und Handlungen anderer Menschen. Sonst gäbe es ja keinen Grund, alles zu überdenken. Ich könnte also versuchen, aus einem anderen Blickwinkel draufzuschauen und so alles ins rechte Licht zu bringen, ich könnte aus einer Negativ-Betrachtung in eine konstruktive Umdeutung finden. Was ich daran merken würde, dass aus dem Unwohlsein in Bezug auf die Lage Freude wird.
(Reicht das wirklich? Oder braucht es Umstellungen?)
So werden alle Menschen um mich herum zu einem Buch, in dem ich über mich selbst lesen lernen kann. In dem ich herum wandern kann, bis ich die heimeligen Orte und Blickachsen kenne und auch die Wege dorthin. Ich richte mich ein, in Bezug auf die Gegebenheiten, die inneren und äußeren, falls man das überhaupt so trennen und nennen kann. Dann ändert sich mal was, alles fließt, die Erde dreht sich weiter oder ein Mensch kommt dazu oder verlässt die Nähe. Ich plumpse aus meiner Komfortzone heraus, und darf mich auf den Weg machen, die Harmonie wieder zu finden. (Herzustellen?) Auf die nächste Wanderung des Lernens oder Festigens. (Schöpfen? Gestalten?)
Anspannung – Entspannung. Ein fortwährender Wechsel.
Aber wie ist es mit den Kindern, die durch mich auf die Welt gekommen sind? Was sind sie auf meinem Bildschirm?
Es heißt, die Schwächsten tragen und zeigen die Symptome. Sie sind in meinen Garten geboren und in ihn hineingewachsen, und sie bringen die Wirkungen zum Vorschein, die dieser Garten zeitigt. Wie das Kind im Märchen, das ruft: „Aber der hat ja gar nichts an!“ Der Kindermund tut Wahrheit kund, sagt man.
Wenn mir nicht gefällt, was ich an meinen Kindern beobachte, dann handelt es sich wohl folgerichtig um eine unbequeme Wahrheit über mich selbst? Wenn ich dann die Kinder zum Arzt oder Psychologen oder Therapeuten schleppe, dann diagnostiziert der letztlich meine eigenen Baustellen? Da sie als Lebewesen eine Eigendynamik haben, will ich mir das nicht einfach linear-mechanisch vorstellen, es ist wohl das Knirschen an der Schnittstelle, am Interface, das durch meine Beschränktheit ermöglicht wird, durch mein jeweils noch mangelndes Wissen und Verstehen. Durch das ich, zwar für mich bisher tolerable oder aushaltbare, Kompromisse aufgezeigt bekomme, die jetzt, mit Jungpflanzen, nicht mehr haltbar sind, wenn ich diese nicht leiden und darben sehen will.
Wieviel Verantwortung können die Kinder selber übernehmen? Solange sie nicht erwachsen und eigenständig sind, glaube ich, keine. Sie bleiben mit ihren Antwort- und Handlungsmöglichkeiten immer durch ihre Abhängigkeit beschränkt. Immer nur reaktiv. Bei aller Erfindungskraft, die sie dabei einsetzen mögen. Solange sie Heranwachsende sind, brauchen sie sie, um von ihrem Platz aus den Weg zum Licht zu suchen, und koste es Verrenkungen aller Art. Augenhöhe und Verantwortlichkeit kann erst bei Reife und Ausgewachsensein eingefordert werden. Bis dahin geht es um den Weg nach oben, mit allen möglichen Experimenten und Erfahrungen. Die ich Erwachsene entweder einräumen, begleiten und betreuen kann, oder aber nicht – wenn ich selbst diese Wachstumsaufgaben noch nicht gemeistert habe. Das zeigen mir meine Kinder.
Das zeigen Kinder ihren Lehrer*innen.
Alle Verantwortung für das Lernen der Kinder liegt bei den beteiligten Erwachsenen. Denn die Kinder lernen, und tun die ganze Zeit nichts anderes. Sie lernen ihre Umgebung. Mit Wiederholung als der Mutter der Weisheit und anhaltender Übung als dem Vater der Selbstverteidigung und Lebensrettung. Sie übernehmen die erfolgreichen Strategien und Wege der Großen, um ihre eigene Nische zu finden, ihren schützenden Wachstumspfad hinauf zu den ausgewachsenen Wipfeln.
Dann erst können sie aus unserem Schatten treten und im ungefilterten Sonnenlicht eigene Antworten erschaffen.
Wenn die Kinder in unseren Augen nicht gut lernen oder Schwierigkeiten in oder mit der Schule haben, dann ist es unsere Aufgabe als Erwachsene, uns darum zu kümmern. Wir müssen die Antworten geben. Wir müssen den Raum für das gewünschte Wachstum geben, Zugriff auf die „Nährstoffe im Boden“ gewähren und die Richtung sichtbar machen, aus der das Licht kommt – in der das Ziel liegt. Da hilft auch kein Ziehen und Schieben und Stützen, wenn das nicht zu sehen ist.
Meine Beobachtungen und Gedanken zum Schulleben meiner Kinder bescheren mir am Ende der 42. Woche dieses Schuljahres eine Erkenntnis, für die sich mein Blogvorhaben gelohnt hat. Alles ist klar vor meinen Augen. Ich fühle mich ganz leicht. So ein schönes Gleichnis! Diesen Platz in meinem Garten muss ich mir gut merken (werde ich ihn wiedererkennen?) und den Weg dahin sicherlich noch öfters suchen, bis ich ihn wieder finde. Aber nun weiß ich, dass es einen solchen Ort gibt, und ich werde das nie vergessen.
Ich habe noch Einiges zu tun, wenn ich glückliche Kinder sehen will. Vor allem ist da Angst zu überwinden. Oder aufzulösen. Angst zu versagen, Angst für mich einzustehen, Angst Probleme anzusprechen und Konflikten ins Auge zu sehen. Angst, meine Stärken zum Vorschein zu bringen. Ich habe das in meinem Leben noch nicht gemeistert, bisher ist es immer misslungen. So oft, dass ich des Lebens direkt müde geworden bin, mit all seiner Vergeblichkeit und Enge. Ich lege nicht Hand an mich, selbst zu so einer Aktion bin ich zu müde. Ich richte mich einfach unmerklich zu Grunde. Nach aller Wut meiner Jugendjahre, dem Kopfzerbrechen während der Kinderpflege, der Trauer im Abschied von der Zuversicht – heute nun diese klare Sicht in den blauen, sonnendurchfluteten Himmel!
Ich erhebe mich über die letzten Schatten meiner eigenen Kindheit, scheint’s.
Wohlan.

Woche XXXX | Montag, 30.05.2016

Manchen Kindern, die drei Wochen lang ein Praktikum absolvierten und dann wieder in die Schule zurückkehren, fehlt diese praktische Zeit dann schmerzlich. Das heißt nicht, dass sie nicht mehr lernen wollen, aber eben einfach nicht mehr so theoretisch, gezwungen und fern vom Leben. Sie möchten gute Bildung, weil sie wissbegierig und verständnissuchend in die Welt schauen, und ein Abiturzeugnis, weil das eben die Eintrittskarte für die weiteren Bildungswege ist. Nur leider erstickt die Schule mit ihrer Arbeitsweise jeglichen eigenen Impuls der Wissens- und Verständnissuche, zerreißt die geistigen Prozesse, bietet zerstückeltes Betrachten, Forschen und Lernen und traktiert die Lernenden als Objekte der Überprüfung. Würden sie hier als Subjekte gesehen, wie es Gerald Hüther in den Blick rückt, müssten sie die Möglichkeit bekommen selbst zu bestimmen, wann sie ihr Wissen prüfen wollen, was sie als Nächstes lernen und wie lange und auf welche Weise sie sich damit befassen wollen.
Die Schule hat sie wieder nach einem belebenden Praktikum im echten Leben, zwängt sie wieder ins Stundentafel- und Testkorsett. Es tut einfach nur weh, gerade flackerte ein munteres Flämmchen der kindlichen/jugendlichen Lebendigkeit auf – ich meine nicht die pubertären Auswüchse, die mächtiger sind als Schule – Kreativität und die (Vor-)Ahnung von Sinn im eigenen Leben wagten sich ans Licht, und nun bleiben sie zurück als verblassende Erinnerung. Die Auswertung der Praktikumsmappen geht im Kämmerlein der betreuenden Lehrers vor sich, der Austausch der Lernenden untereinander bleibt auf private Anekdoten beschränkt, nachfolgende Inspiration, gegenseitige Spiegelung und Bekräftigung bleiben aus. Im Praktikum haben sie dagegen jeden Moment Rückmeldungen über ihr Handeln von den anderen Anwesenden bekommen, bewusste und unbewusste, sprachliche und nichtsprachliche.
Bevor eine tragfähige Vision vom Leben nach der Schule entstehen kann, die dem schulischen Lernen Sinn verleihen würde, kehrt die tägliche Tretmühle in das Leben der jungen Menschen zurück.
Ohne meine Rettungseinsätze würden meine Kinder die Schule nicht überstehen. Sei es krankenschwesterliche, hausaufgabenunterstützende oder nachhelfende Arbeit oder die Bezahlung anderer Personen dafür – die Schule dringt tief in das Familienleben ein. Wenn alle Eltern sich dessen bewusst würden, was sie leisten, damit die Schule so bleiben kann wie sie ist, würden sie vielleicht in Streik treten und sagen: „Was hier aus unseren Steuern gemacht wird, ist nicht zielführend.“ Wenn sie sich bewusst wären, wie es sich für ein Kind anfühlt, in der Freizeit, zu Hause auch noch Schule machen zu müssen und nicht nach Herzenslust spielen oder ein Hobby ausüben zu dürfen! Zu Hause wird ein gefährlicher Ort, an dem es nicht sicher ist vor den Schulproblemen, so es sie gibt!
Wenn Eltern den Schmerz spürten, den das Absterben jeder einzelnen Nervenzelle im Gehirn auslöst! Wir haben Schläge und andere körperliche Gewalt abgeschafft, weil’s weh tut. Nun müssen wir den Mord an der eigenen Motivation, Kreativität und Wissbegier abschaffen! Die Vergewaltigung der Seele. Wir mussten da auch durch und es hat uns nicht geschadet? Wir reichen den Schmerz weiter. Klar kann man an den Herausforderungen wachsen, aber dann dürften sich die Leichen im Keller nicht so hoch stapeln.
Meinen ganzen Blog schreibe ich wahrscheinlich nur aus solchen Schmerzen heraus. Und bei aller Münchausenhaften-Mich-Selbst-Aus-Dem-Sumpf-Zieherei kann ich doch eines nicht alleine: Mein Bedürfnis nach menschlicher Gemeinschaft stillen. Dazu brauche ich andere Menschen. Und es schmerzt, wenn sich niemand findet, der mir die magischen Begegnungen beschert, die unsere Märchenfiguren am Ende „erlöst“. Das sind Leute, die sich nicht an den Schwächen und Fehlern stoßen, die sich nicht über Dornenhecken aufregen oder unwegsame Waldwege und Scheintote in gläsernen Särgen. Es braucht ein ganzes Dorf, um die Bedürfnisse eines Menschen zu stillen, es reicht nicht ein einzelner Märchenprinz, der aber setzt eben allem die Krone auf 🙂 (Als Einsiedlerin käme ich insofern gut klar, als ich sehr gut mit mir allein sein kann. Aber es kommt letztlich immer einer, der sich dazudrängelt oder den Platz gar für sich beanspruchen will.)
Den Kindern zu sagen, sie müssten jetzt dies und alles Mögliche lernen, weil sie es später brauchen, ist reine Verschwendung, wenn man genausogut Situationen finden und schaffen kann, in denen der Sinn unmittelbar erlebbar wird: von Schreiben, Rechnen, Lesen, Wissen. Das geht beim Theaterspielen los, beim Musizieren weiter, Malen, Bauen, Kaufen, Forschen…
Stattdessen würgen wir den lebendigen Impuls mit dem Hinweis auf Pläne und Vorschriften ab. Ich als Mutter, indem ich mich den Vorschriften eines Schulgesetzes beuge aus Angst vor den Strafen bei Verweigerung, indem ich mein Kind Menschen anvertraue, die in ihrer Arbeit auch gegen ihr eigenes Herz handeln um die Vorschriften zu erfüllen, so wie ich, wenn ich mich nicht traue da nicht mehr mitzumachen.

Woche XXXVII | Fr., 13.05.2016

Freitag, ein Dreizehnter, und was für ein Glückstag! Ich teste es seit geraumer Zeit, es klappt wirklich gut. Anstatt das Unglück zu befürchten, unterstelle ich besonderes Glück…
Für mich läuft alles bestens: die Kinder sind gesund, es gibt keinen Grund zur Sorge. Nur der Lebensunterhalt ist sehr knapp, da ich noch nicht wirklich etwas beisteuere. Wenn die Kinder wohlauf bleiben, dann kann sich das schnell ändern! (Eigentlich bräuchte man gerade im Krankheitsfall besondere finanzielle Zuwendung, statt dessen fällt sie eher weg. Von den Kassen bekomme ich nix, schon auch weil ich keine Kassenleistungen zur Genesung in Anspruch nehme. Keine Krankenakte -> keine Maßnahmen, kein Krankengeld…)
Dazu kam sommerlicher Sonnenschein, Vogelstimmen ringsumher, ich habe mir Frei genommen und das Unbehelligtsein ausgiebig genossen.
Und dabei kamen mir solche Gedanken: Wie kann man Kinder so viele Jahre in Räume mit Kunstlicht festsetzen? Sie gehören ins Freie! Woher sollen sie ein Gefühl für die Natur bekommen? Woher erfahren sie die Sensibilität des Lebendigen? Wie sollen sie lernen, es zu hegen und zu pflegen, zu lieben? Wir erhoffen uns im Umgang miteinander Respekt oder Achtung – oder reicht uns Gehorsam? Sollen wir einander fürchten?
Wenn die Kinder nach all den Jahren die Schule verlassen, in denen sie tun mussten, was Lehrer*innen ihnen auftrugen, denken lernen sollten, was die Erwachsenen denken, können sie dann unterscheiden, ob sie einem Redner vertrauen dürfen oder lieber nicht? Wo sie doch die ganze Zeit daran gewöhnt wurden, dass die Erwachsenen recht haben und das Betrachten der Originale nicht auf dem Lehrplan stand? Alles was sie über die Natur wissen, haben sie aus Büchern und Erzählungen, eigene Beobachtungen sind bestenfalls illustrativ vorgenommen worden.
Ich finde das unverantwortlich.
Ich finde es auch unverantwortlich, wenn erwachsene Menschen sich selbst zu Zahnrädern im Getriebe reduzieren. Sich weigern, die Wirkungsweisen von Zusammenhängen zu betrachten und die nötigen Änderungen vorzunehmen, um Schaden abzuwenden. Wenn sie sich hinter Äußerungen wie „Daran ändern wir sowieso nichts“ verstecken. Oder: „Unser Votum hier spielt sowieso keine Rolle, da brauchen wir auch gar nicht abzustimmen.“
Kann sein, dass der Wille eines Menschen oder einer Gruppe von anderen übergangen wird oder erst recht ein Gegenteil entschieden wird. Aber das tun wiederum Menschen und ich frage mich, wie es abei in denen aussehen mag? Wie denken sie? Was nehmen sie stillschweigend an, welches Bild vom Kind und von anderen Erwachsenen tragen sie mit sich herum? Können sie damit glücklich sein?
Ich beobachte meine Denkmuster so oft ich ihrer gewahr werden kann. Es ist ein nicht abreißen wollender Strom, solche Geschichten hat noch keiner geschrieben, solche Filme noch niemand gedreht… Und welcher Aufwand ist es, alle unwahren Gedankenkreise wieder zu entrümpeln. Wenn Robert Betz recht hat, dann merkt man die Unwahrheit an der Schwere, die ein Gedanke in einem bewirkt, und man steht vor der Aufgabe, die Schaltkreise so umzustecken, dass es leicht wird. Wenn man gesund werden möchte oder glücklich. Ich kann mir das gut vorstellen, denn wenn ich etwas gut kann, geht es leicht, wenn ich etwas erkannt habe, dann möchte ich springen vor Glück… Es flutscht. Es gelingt. Es ist stimmig oder fühlt sich in sonst einer Weise gut an. Und versetzt mich in einen Schwung, der mich tanzen macht, singen, jauchzen, frohlocken…
Das schaue und lausche ich heute bei den Vögeln in meinem Garten. Die Bäume sind leider schon so grün, dass ich sie nicht mehr entdecken kann, nur der Walnussbaum ist noch durchsichtig. Wie können Heranwachsende diese kostenlose Medizin vorenthalten bekommen?
Wir glauben, etwas muss schwer sein, damit es was wert ist. Oder echte Arbeit. Wenn ich bei der Arbeit nicht schwitze, dann ist es keine. Aber wie oft schwitze ich mit Vergnügen? Und versetze dabei Berge! Ist das dann keine Arbeit gewesen, wenn ich triefend und stöhnend aber in tiefster Seele glücklich das Beet umgrabe, wie andere ihre Joggingrunden drehen oder im Fitnessstudio irgendetwas ziehen, schieben und stemmen? (Das sollte „angezapft“ werden für die Energiegewinnung!!!) Aber ob es schwer ist oder sich nur so anfühlt, das ist eine persönliche Wahrnehmung. Für viele ist das Stillhalten die schwerste Aufgabe, anderen wird bei der gleichen Übung Faulheit vorgeworfen.
Beim Ballett, und sicher auch in anderen Disziplinen, soll das Ergebnis federleicht aussehen. Welche Anstrengung darin steckt, wissen wohl nur die Tanzenden. Aber fällt sie ihnen schwer?
Welche Freude macht es, Kinder zu unterrichten! Es fällt mir überhaupt nicht schwer. Wenn ich das manchen Pädagog*innen erzähle, schauen sie mich ungläubig an. Ihnen möchte ich ans Herz legen den Mut zu fassen, endlich das zu tun für ihren Lebensunterhalt, was ihnen leicht fällt! Braucht ihr jemanden, der es euch erlaubt? Ich erlaube es euch! Ach, ich bin nicht der Bildungsminister? So ein Pech! Schöne Pfingsten! (Die nächste Kreuzigung kommt bestimmt…)

Woche XXXVII | Montag, 09.05.2016

Alle sind auf ihren Wegen, weitgehend gesund. Ich höre von meiner Tochter inzwischen mal Geschichten aus ihrer Grundschulzeit und Orientierungsstufe – die mir die Haare zu Berge stellen. Ich habe der Schule ein feinsinniges Mädchen überlassen, und dort wurde sie – zwar viel indirekt durch die exemplarische Behandlung anderer Kinder – angegangen wie ein stumpfer, roher Klotz. Übertrieben gesagt. Sie hat so oft geweint dort, von dem wahren Ausmaß wusste ich kaum etwas. Hat sie damit ein Lehrerinnen-Herz erweichen können? Nein, wohl eher nicht. Schließlich müssen Kinder gefordert werden. Sie kann mir viele dieser Erlebnisse erst jetzt erzählen, nach Jahren. Ist kein Wunder, dass sie am Ende mit Kopfschmerzen umgehen musste als körperlichem Ausdruck, da die Sprache ihr nicht diente. Sie war einfach nicht gefragt. Niemand in der Schule hat sich die Mühe gemacht, mein Kind wirklich anzuhören und die Effekte dieser Art des Forderns zu erforschen. Ich zu Hause hatte dann nur noch ein verbeultes, quietschendes Bündel und wenig Lust, mein Kind mit Fragen zu nerven, wenn es einfach seine Ruhe brauchte.
Ich glaube, die Methoden der schulischen Disziplinierung um des Erfüllens eines Lehrplans willen machen jedes empfindsame Wesen erstmal sprachlos und schlagen es in die Flucht. Wenn es sich wie bei uns nicht um Löwen handelt, sondern um Gazellen.
In der Schule meines Sohnes entfällt der Druck, der z.B. durch Benotung der Leistungen erzeugt wird und den viele Eltern aufbauen aus Sorge um den Lernerfolg, der sich dann äußert in den Sprüchen der betroffenen Mitschüler und auf diesem Wege auch meine Kinder erreich(t)e. Aber womit werden dort die Kinder gelockt, damit sie die Lernaufträge annehmen wollen? Das ist mir derzeit nicht so ganz klar, ich weiß nur, was ich tue, wenn ich jemandes Interesse auf etwas Bestimmtes lenken möchte ohne Gewalt anzuwenden. Vor allem schalte ich nach Möglichkeit die Angst ab, dass es nicht klappen wird. Denn alle Kinder, mit denen ich bisher zu tun hatte, sind grundsätzlich offen für Neues. Meine Kunst besteht darin, das zu fördern und nicht zu verbauen oder zu verstören. Ich lade sie ein, sich meinen Vorschlag anzusehen, erlaube ihnen, Nein zu sagen, komme später wieder darauf zurück, erörtere die Wichtigkeit aus meiner Sicht und biete verschiedene Verbindungsmöglichkeiten an. Was ich auf jeden Fall vermeide, ist jegliche Form der Manipulation, auch das Loben oder Belohnungen zähle ich dazu.
Mein Sohn jedenfalls kann nicht alle Aufträge der Schule zu seiner Sache machen und mir fällt derzeit die Aufgabe zu, beispielsweise seine Schreibfertigkeiten verbessern zu helfen. Grundsätzlich spricht nichts dagegen, ich bin sehr dafür, dass meine Kinder die Kulturtechniken zu nutzen lernen. Aber wenn ich sie schon zur Schule schicken muss, dann soll dort wenigstens auch die dazu erforderliche Situation geschaffen werden, dass die Kinder es lernen können. Es reicht nicht, ihnen das anzuordnen und nun macht mal und seid leise. Genauso wie ich zu Hause für die Möglichkeit sorgen muss, dass Hausaufgaben für die Schule erledigt werden können, genauso muss in der Schule das Lernen ermöglicht werden. Also stellt sich die Frage, was dazu nötig ist.
Nach meiner eigenen Erfahrung insbesondere erwachsene Menschen als Anleiter, Begleiter, Beschützer, Bereitsteller, Einlader und Willkommenheißer. Die den Kindern das Beste zutrauen und ihnen Raum, Gelegenheit und Hilfestellung geben, es auch zutage zu fördern. Als Menschen mit dem Herzen am richtigen Fleck. Erst als Jugendliche beginnen die Heranwachsenden auch die Erwachsenen differenzierter wahrzunehmen, können guten Menschen Fehler zugestehen, in doofen Menschen auch freundliche Züge entdecken. Bis dahin herrscht eher eine Art entweder-oder, möchte ich meinen, und die große Sehnsucht nach einer heilen Welt. Hauptsache die Lehrerin ist nett. Dann kriegt man auch den Rest irgendwie hin.
Ich bin nicht sicher, ob aus mir mal eine Löwenmutter werden könnte, die sich kampflustig vor ihre Jungen wirft. Vielleicht hätte es meiner Tochter ein paar Kopfschmerzen erspart. Oder vermehrt, denn die Kampfmütter, die ich kenne, finden auch wenig Gehör. Eher bekommen sie das Gefühl, dass es ihren Kindern nach jedem Einsatz noch schwerer wird in der Schule.
Wir kommen nicht drumrum, uns als Menschen im Gespräch zu treffen, Verständnis zu suchen, Einfühlung, um die Gratwanderung von Fordern und Fördern gut zu meistern im Sinne der Stärkung unserer Kinder, denen wir einen Planeten hinterlassen, der erstmal grundsaniert werden muss. (Was spielen wir uns also auf als diejenigen, die wissen, was gut ist für die Kinder??!) Ein guter Grund, endlich zusammenzuarbeiten und gemeinsam Verantwortung zu übernehmen, statt sich gegenseitig die Zuständigkeiten zu verlesen.

Woche XXXV | Freitag, 29.04.2016

Ich möchte heute den Punkt hervorheben, welchen Unterschied es macht, ob man für Noten lernen soll oder für echte Ereignisse. Keins meiner Kinder hat sich direkt von Noten locken lassen oder für Noten gelernt. Noten gingen aber auch nicht spurlos an ihnen vorbei. Ich denke, sie haben intuitiv gespürt, dass es kein echtes Ziel ist, für eine Note zu lernen. Wenn es um Noten ging, dann immer darum, wie weh sie tun. Eine Zwei statt einer Eins, und der Weltuntergang bei einer sechs.
Aber nie haben sie es konkret auf die eine Sache im jeweiligen Fach bezogen, um die es gerade ging. Sie haben die Bewertungen immer auf sich als Person angewendet. Es ist viel Reden nötig, um das auszumerzen.
Wir haben von unseren Kindern nie bestimmte Noten erwartet, ich habe natürlich immer das Beste für sie gehofft. Und habe beobachtet, was eine Note bei ihnen zunächst anrichtet. Ich empfinde es als Verletzung der Menschenwürde, den Kindern schon so früh so eine Art der Bewertung anzutun. Und vor allem schadet diese Praxis der Erhaltung von Lernlust und Eigenmotivation. In der 9. Klasse mit Noten zu beginnen, ist völlig ausreichend, vor allem sind die Jugendlichen schon viel differenzierender in der Wahrnehmung und können viel besser zuordnen, was mit dieser Note bewertet wird. Bis dahin habe ich meine Mädels ermuntert, auch mal den schlimmsten Fall zu erforschen, und siehe, sie blieben heil und unversehrt, wenn sie es darauf anlegten. Auf diesem Umweg kamen sie schließlich zu einer recht entspannten Haltung und in die Lage, sich für das Lernen aus Interesse am Thema zu entschließen, weil sie nunmal da waren oder es nichts Besseres zu tun gab. Ich bin froh über diese Neutralisierung der Notenbelästigung.
Mein Jüngster bekommt in seiner Schule keine Noten. Wenn er etwas übt, dann weil er möchte, dass es gelingt, wenn er etwas erforscht, dann weil er es wissen möchte. Und er macht sich ans Schreiben, weil es praktisch ist, wenn’s automatisch und schnell geht.
Mir wurde meinerzeit immer gesagt: „Frau Roswein, wir wissen, dass sie das besser können.“ Dann bekam ich die schlechtere Note und man hoffte, ich würde mich beim nächsten Mal besser anstrengen. Ich sagte mir, ich weiß es auch, dafür brauche ich die Note nicht. Ich bin bis heute traurig, dass mir als Heranwachsender damals niemand echte Herausforderungen angeboten hat. Ich suche mir heute und seit Ewigkeiten sowas selbst, aber das wird eben im Schul- oder Uni-Kontext nicht gesehen, weil es gerade nicht zum Thema gehört. Leider fehlt mir aber dadurch die Erfahrung, einen Auftrag zu bekommen, bei dem ich gefordert bin. Mir ist immer alles leicht gefallen. Ich kenne nur selbst gewählte Schwierigkeiten. Und für deren Meisterung bekomme ich kein Feedback von anderen, weil niemand das Setting kennt und meiner Situation kundig ist. Ich bin selbst immer glücklich bei jeder genommenen Hürde, und ich würde mich zu Tode langweilen ohne alle meine selbst gestellten Aufgaben.
Dennoch fehlt mir die Spiegelung durch andere, die Herausforderung durch andere. Es hat mit dem Bedürfnis der Beteiligung, Teilhabe, Zugehörigkeit zu tun. Mit meinem Platz in der Gesellschaft.
Wenn Kinder und Jugendliche eine Bühne bekommen, für die sie lernen, bekommen sie so einen Platz. Sie lernen dann fürs echte Leben, und wenn dann noch irgendwas benotet wird, reiht sich das ein hinter das Erlebnis vor Publikum. So viele unterschiedliche Rückmeldungen können kommen, dass die Note in wohltuender Weise relativiert und auf das zurückgekürzt wird, was sie aus meiner Sicht bestenfalls sein sollte: eine vignettenartige Kurzillustration zur schnellen Orientierung.
Und selbst wenn keine individuellen Rückmeldungen kommen, so hat man sich getraut, ist ins Rampenlicht getreten, vollbrachte seinen Auftritt und präsentierte seine Arbeit oder die Früchte des Übens und hörte den Applaus. Vielleicht von ferne, weil man noch so überwältigt ist vom eigenen Mut und davon, dass alles gut ging.
Meine Kinder sind eher zurückhaltend mit Bühnenpräsenz in ihrem direkten Umfeld. Es ist ein sensibles Thema, und mich beschäftigt die Frage, welche Umstände sie brauchen, um sich hervorwagen zu können. Was fürchten sie? Ich hoffe, ich bekomme es eines Tages heraus. Was mich selbst angeht – ich fürchte das öffentliche Scheitern. Die Peinlichkeit des Versagens. Die abfälligen Bemerkungen oder gar das Ausgelachtwerden. Alles Überbleibsel aus der Kindheit, ich weiß nicht besser damit umzugehen, als solche Situationen zu vermeiden. Hin und wieder befällt mich eine gewisse Waghalsigkeit und ich taste es an, springe ins Leben, oder ich habe vorher lang und breit eingeübt, was ich in irgenwelchen möglichen Fällen denken will. Wäre ich sicher, ein kritisches Publikum vorzufinden, das meine Person schützt und nur meinen Auftritt kommentiert, dann wagte ich es viel öfter…

Woche XXXIV | Montag, 18.04.2016

Fast hätte ich es verpasst – ist ja schon wieder ein Beitrag fällig geworden, wenn ich meinen Turnus einhalten möchte… Zum Start der 34. Woche dieses Schuljahres bewegten mich weniger die Sorgen meiner eigenen Kinder, sie sind vergleichsweise harmlos geworden. Mein kleines großes Mädchen, dessen Präfrontaler Kortex sich derzeit erheblich gestaltet, empfindet sehr scharf jegliche Art des Zunahetretens: insbesondere auch die Beschneidung ihrer eigenen Entscheidungen durch die in ihrer Schule gängige Unterrichtspraxis. Sie träumt immer kräftiger von selbstbestimmtem Lernen, von Begleiter*innen, die anregen und anleiten statt vorzuschreiben oder mit Benotung zu drohen. Von Räumen voller Material und Möglichkeiten. Sie hat die permanente Unterstellung der schülerischen Unwilligkeit mehr als satt.
Mein Grundschulkind geht ebenfalls wieder, wenn auch hustend, zur Schule. Seit ich nun andere Kinder mit Schulproblemen begleite, wird mir der Segen der benotungsfreien Rückmeldung noch einmal mehr deutlich und ich genieße es, diese Ablenkung vom eigentlichen Sinn des Erlernens der Kulturtechniken nicht auch bei ihm zu haben, und den Umgang damit am Ende des Tages als Hauptthema serviert zu bekommen. Ja, die Kinder verletzen sich an schlechten Noten, vielleicht schlimmer als an Schlägen auf den Hosenboden – da kann man sich wenigstens als tapferer Held feiern lassen. „Es macht gar keinen Spaß zu lernen, wenn man immer nur schlechte Noten bekommt“, gestand mir ein 9jähriges Mädchen kürzlich.
Ich arbeite mit den Kindern daran, dass sie trotzdem wieder an die Sache herangehen, erschließe mit ihnen den Spaß, den man daran haben kann, zu rechnen oder Botschaften schriftlich zu ver- und wieder entschlüsseln. Die Eltern bestärke ich darin, Eltern zu sein, keine Nachhilfepauker, und ihr normales Familienleben nicht für Hausaufgaben- und Übungsorgien zu opfern. Ich rede zudem mit ihren Lehrer*innen, möchte sie ermutigen, menschlich auf die Not der Kinder zu schauen. Sie sagen, sie müssen das alles schließlich in der Grundschule lernen, und ich frage, ob denn die Kinder, die sie mit schlechten Zeugnissen dann weiterziehen lassen, gelernt haben, was sie sollen. Das einzige, was geschehen ist, ist die Abarbeitung des Planes seitens der Pädagog*innen. Sie haben ihre Pflicht erfüllt. Die Kinder, die nicht das Glück haben, rein zufällig mit dem Tempo und der Darreichungsform der Unterrichtsinhalte gut klarzukommen, könnten sich diagnostizieren lassen, manche fahren weite Wege übers Land, um in eine LRS-Klasse zu gehen, stehen morgens dafür eine Stunde oder mehr früher auf, ihre Eltern mit ihnen, und kommen müde wieder heim, womöglich immernoch mit demotivierenden Erlebnissen. Abgesehen davon, als diagnostiziertes Wesen aus dem sonst Üblichen hervorzustechen, zementiert sich die Diagnose nachträglich noch, wenn die Resignation einsetzt.
Ja, hier in der Gegend gibt es einen Aufschrei, wenn ich das Thema Benotung anspreche und in Frage zu stellen wage. Die Eltern fürchten, ein wichtiges Instrument zur Erziehung ihrer Kinder zu verlieren. Für viele ist die Note die einzige Orientierung. Sie wissen dann sofort, ob ihr Kind „gut“ ist. Und wenn nicht, dann geht die Notfall-Maschinerie los: das Kind wird zu mehr Üben gezwungen, den Lehrpersonen in der Schule werden die Türen eingerannt. Schuld wird verteilt und zurückgewiesen. Der zweite Bildungsweg wird beschritten, monatlich viel Geld für Nachhilfe ausgegeben, da könnte man gleich in eine private Schule gehen, in der ein Kind in seinem Tempo lernen kann, individueller betreut wird und dann auch noch Freizeit behält, die für seine geistige und seelische Erholung unerlässlich ist.
Lehrer*innen beklagen sich, dass sie in der Schule die Erziehungsmängel der Elternhäuser ausbaden, ich selbst habe mich lange dagegen aufgelehnt, die Schädigungen meines Kindes durch die Schule ausgleichen zu müssen.
Und sehe ich es falsch? Steuerzahlende zahlen doppelt für ein schlechtes Schulwesen: entweder in Nachhilfe oder in private Schule fließt ihr Geld, beides macht die staatlichen Schulen nicht besser, die wiederum aus den Steuern derselben Leistungstragenden bemittelt werden. Und dann noch die Spätrechnung, wenn die Kinder krank werden, psychische Probleme bewältigen müssen oder, bei erfolgreicher Verdrängung, körperliche Leiden erleben müssen, die von all den Leichen im Keller hervorgerufen werden: „Das Gehirn macht aus Psychologie Biologie“, sagt Joachim Bauer in einem seiner Internet-Vorträge, der Körper ist das Gedächtnis unseres täglichen Empfindens, bis in die Gene hinein. Wann beginnt das Großreinemachen? Es ist Frühling, eine gute Zeit für den gründlichen Winterschlussputz! Für das Ausmisten all der Glaubenssätze und Ideologien, die uns von Mitmenschlichkeit im Umgang miteinander und mit uns selbst abhalten. Ich selbst bin intensiv dabei, und – es tut einfach gut!

Woche XXXII | Freitag, 08.04.2016

Eine recht familienfreundliche Woche liegt fast hinter mir – will sagen, abgesehen von ein paar Hausaufgaben hatten wir die Familienzeit für unsere eigenen Hobbys und die Schule drängte sich da nicht rein. Weder per Kopfschmerz noch per Sorgen oder übermäßiger Hausaufgaben-Zeitbeanspruchung. Einige überstrapazierte Eigenschaften müssen wir noch in Ausgleich bringen, dazu gehört definitiv die Bereitschaft, Aufträge auszuführen. Sämtliche diesbezügliche Ressourcen werden von der Schule aufgebraucht. Wenn ich meine Großen um etwas bitten möchte, dann muss ich mächtig baggern, bis sie einigermaßen bereitwillig darauf eingehen. Oder ich muss einen der äußerst selten gewordenen Augenblicke erwischen, in denen sie ansprechbar sind.
Mein Jüngster ist da wirklich das Gegenbeispiel. Zwar braucht auch er seine Zeit für sich, aber nicht in diesem schwer erträglichen Ausmaß.
Bei den Großen kommt natürlich auch die nächste Abnabelungsphase dazu, in der es darauf ankommt, sich auf neue Weise abzugrenzen, als Jugendliche und junge Erwachsene die eigene Identität neu zu definieren: viel unabhängiger und eigenständiger zu werden, und vor allem das eigene Urteilsvermögen auszubauen. Sie verlassen gewissermaßen den euklidischen Raum mit den überschaubaren eher linearen und statischen Koordinaten und treten ein in die Welt der Dynamik: die unvergleichlich größere Auswahl an Orientierungspunkten und die Komplexität von Zusammenhängen werden für sie sicht- und spürbar bei jeder eigenen Entscheidung, die sie treffen. Auch die Auswahl der Blickwinkel, von denen aus sich eine Sachlage betrachten lässt, wird größer – wenn man all dies zulässt. Alles wird infrage gestellt, was ich als Mutter sage, auch wenn es bis vor Kurzem noch einfach hingenommen wurde. Abgesehen von den manchmal schwer nachzuvollziehenden Wendungen, die das emotionale Befinden nimmt, ist die vielfältige Betrachtung der Werte eine meine Lieblings-Nebenwirkungen der Pubertät. Ein Schwerkrafttest. Eine Echtheitsprüfung. Nicht nur Werte, auch wir Erwachsenen werden auf Herz und Nieren geprüft. Lassen wir auch im Ernstfall unsere Geduld walten? Worauf greifen wir zurück, wenn wir sie verlieren? Reagieren wir bockig und versuchen die jungen Leute zu erpressen oder zu manipulieren? Respektieren wir ihre Entscheidungen und machen uns die Mühe der ausführlichen Erörterung, wenn wir nicht einverstanden sind? Können wir sie in ihrem Umbau-Wahnsinn auch einfach mal in Ruhe lassen und uns darauf beschränken, sie nur vor schlimmen Verletzungen zu bewahren? Ich denke an solche mit PS-bestückter Technik, an Drogen und allzu waghalsige Experimente. Aber die Jugendzeit ist genau dafür vorgesehen – die eigenen Grenzen kennenzulernen, Tapferkeit und Mut zu erproben. Welche Möglichkeiten bieten wir ihnen dafür?
Ich wäre gern auf eine Art Wanderschaft gegangen, so wie die Handwerksgesellen. Ich war aber an Schul- und Unibänke geschnallt und ohne ausreichend eigenen Mumm bis ich Mitte zwanzig war. Dann wurde die Aufbruchsnotwendigkeit auch für mich groß genug, um endlich aus dem Mußtopf zu kommen.
Gefühlt etwas spät.
Jemand hat einmal gesagt, mit 14 müssten die Kinder aus dem Haus. Ich denke, sie müssten auf jeden Fall wichtige Aufgaben übertragen bekommen, die ihnen Orientierung geben, worauf es ankommt. Sie müssten sich um andere Menschen kümmern, die auf ihre tatkräftige Hilfe angewiesen sind. Zum Beispiel Hilfe im Haushalt für Ältere, Lernbegleitung für Jüngere, Tierpflege, Handwerkliches, Gartenbau …
Diese Aufgaben müssten sie sich auch aussuchen können, eigene Absprachen treffen, Erfahrungen machen mit Einhaltung und Versagen, Irrtum und Erfolg. Sie bräuchten Begleitung und Erörterung. Erfahrungen mit Menschen jenseits der Familie, die die Werte der Familie bestätigen oder ergänzen oder meinetwegen sogar ersetzen könnten, bzw. die Wege ihrer Verwirklichung. Nichts ist stärker tragend für den Weg ins eigene verantwortliche Leben, als alle wünschenswerte Theorie durch Erfahrung bestätigt zu sehen. Und nichts erdet die entfesselte Fantasie mehr als echte Betätigungsmöglichkeiten. Ich erinnere mich nicht an alle Einzelheiten meiner eigenen Pubertät, aber ich war keinen Augenblick lang bösen Willens. Sicherlich eine Zumutung für mich und andere, uneinsichtig und dickköpfig zuweilen, aber auch voller guten Willens und zartfühlend. Mit großen Träumen und wildem Entschluss. Aber auch wechselhaft und höchst unsicher. Die Erinnerung daran hilft mir bei meinen Großen. In Zeiten, in denen ich so ratlos bin, dass ich denke, sie tun alles nur, um mich zu ärgern. Bis jetzt komme ich ganz gut klar.