Woche XXXX | Freitag, 03.05.2016

Eine Woche mit zwei kranken Kindern liegt hinter mir. Und ich schreibe den Freitagsstand der Dinge rückblickend von Sonntag früh um 2:30.
Wie groß ist die Sehnsucht der Kinder, sich des wirklich Wichtigen anzunehmen! Und sie möchten es in Ruhe tun, ausgiebig und bis es richtig gut ist für sie.
Ich meine nicht, dass sie in Ruhe gelassen werden wollen im Sinne von „Nicht ansprechen“. Im Gegenteil, sie wollen in aktiver Verbindung sein, nicht abgeschottet, aber es soll eine von der Sorte sein, in der sie sich sicher fühlen: Keines ihrer Bedürfnisse wird verletzt, sie werden in ihrer Würde geachtet und nicht als Objekte benutzt. Sie möchten eigene Entscheidungen treffen für die Beschäftigung mit den Gegebenheiten der Welt. Und wenn sie etwas schreiben sollen, dann möchten sie wissen warum. Und es reicht nicht, dass ich es wichtig finde, sie müssen diese Wichtigkeit selbst empfinden. Und wenn es ein nutzbringendes Werkzeug für ihr späteres Leben werden soll, dann muss die Wichtigkeit positiv sein, womit ich sagen will, dass sie es nicht zu nutzen lernen, um sich vor Strafe oder anderen Sanktionen zu schützen, sondern um ihr Leben zu gestalten und zu verbessern. Wozu eben auch ein gutes Miteinander gehört, das auf gegenseitiger Unterstützung basiert, nicht auf gegenseitiger Erpressung oder Unterdrückung.
Wir tun alle Dinge im Leben, weil sie wichtig sind. Ob sie immer ihren Zweck erfüllen, steht auf einem anderen Blatt, aber dafür genau haben wir unser hoch entwickeltes Gehirn: um herauszufinden, wie es gut geht, und was am besten passt. Und keiner lässt sich einfach so von jemand anders etwas sagen. Alle wollen selbst. Selbst drauf kommen, selbst wissen und können, selbst tun. Alle überprüfen, was sie gesagt bekommen, auch diejenigen, die erstmal Ja sagen. Denn sie machen die Erfahrung, ob Worte und Tatsachen zusammenpassen, übereinstimmen, und welche Bedeutung Worte haben können. Stehen sie für Ideen, Absichten, Pläne, Taten? Welchen Grad der Verwirklichung meinen die Sprechenden? Spielen sie das Gegenteilspiel? Machen sie Witze?
Die Kinder reagieren empfindlich auf die Natur unserer Angebote. Wenn sie die Bedeutung ihres Lesens, Schreibens und Rechnens, ihres Malens, Singens und Tanzens für mich kennen, dann können sie mir bereitwillig schenken, worum ich sie bitte, oder es, sich selbst schützend, verweigern. Wovor schützen sie sich? Davor, vorgeführt zu werden, selbst wenn es lobend ist; davor, gehorsam sein zu müssen und ohne eigene Bereitwilligkeit etwas zu tun. Und wie genießen sie es, wenn wir einander Gutes tun, unsere Arbeit tauschen! Du schreibst was für mich, während ich für dich etwas nähe. Du machst Musik für mich, während ich das Essen für uns koche. Du liest mir etwas vor, dann lese ich dir etwas vor, wir wechseln uns ab.
Ich selbst habe so viel Lob bekommen in meinem Leben, ich habe es satt. Es war mir peinlich, wenn ich vor anderen ausgezeichnet wurde. Das ist es immernoch. Ich bin genervt, wenn jemand etwas anhimmelt, was ich kann – es aber niemals wirklich für sich in Gebrauch nehmen will. Es ist dagegen schön zu hören, dass eine Person sich darüber freut, was ich mache, es genießt, also nutzt. Und mir mit einer Äußerung in dieser oder jener Form Dank ausdrückt, weil durch mein Handeln sein Leben besser geworden ist. Und mir etwas von sich gibt, was auch immer, und diese Geste verbessert mein Leben.
Danach lechzen wir alle, dessen bin ich mir sicher. Auf jeden Fall lieben es auch meine Kinder, wenn sie echte Bedeutung erfahren. Wenn ich ihnen erzähle, wie sehr ich ihre Musik, ihr Bauen, ihr Malen und Schreiben genieße, wie ich mich bei den verschiedenen Ausdrucksformen fühle, wie es mir bei der Arbeit Freude bereitet, dann staunen sie über ihre Wirkungen und freuen sich über Resonanz, gemeinsames Schwingen. Und die Dinge, mit denen ich sie wiederum mit Freuden beglücke.
Und ich freue mich gerade über ein Lego-Duplo-Regal für meine Sprossen-Schälchen, die nun nicht mehr abenteuerlich übereinander gestapelt ständig vom Einsturz bedroht sind. Ich kann sie alle einzeln nehmen, ohne erst darüber stehende abzutragen und umzustapeln. Und der Erfinder dieser Konstruktion freut sich über meine Freude, und wie praktisch ihm seine Konstruktion gelungen ist. Und zum Dank bekommt er von mir ein Eis spendiert. Oder eine Extratour an den Strand, ich habe schließlich etwas Zeit gewonnen… Und das macht ihn wiederum froher.
Ja, die Begegnung als Menschen macht’s, nicht die als Funktionäre, Joberfüller und Rollenspieler.

Woche XXX | Freitag, 25.03.2016

Vor drei Monaten war Weihnachten, die diesseitige Feierlaune hielt sich in Grenzen, viel verlockender war es, diese freie, unschulverpflichtete Zeit mit den vielen Sättigungsquellen hinter den Bildschirmen zu verbringen, sich zurückzuziehen von den nervigen Verpflichtungen gegenüber anderen Menschen – jedenfalls bei den Kindern, und auch dieses Mal habe ich in den Ferien reichlich Gelegenheit, meine Angebote und Wünsche in Bezug auf die Kinder und unser Familienleben mit den Boni der virtuellen Welt ins Verhältnis gesetzt zu erleben.
Ich vermute ja meistens Flucht, wenn ich die Kiddies vorm Bildschirm sehe, aber es darf auch gern ein Fantasy-Buch sein oder Lego-Welten auf dem Wohnzimmerboden. Natürlich ist ein Treffen mit Busenfreundinnen in 3D und zum Anfassen davon kaum zu toppen, aber die Begegnung mit der eigenen Mutter schon. (Das spricht Bände, nicht wahr?)
Also Flucht ist ein Aspekt, aber was finden wir in den Tiefen des Internet, was uns das analoge Hierundjetzt nicht bieten kann?
Für meine Kinder freue ich mich, weil sie recht unkompliziert auch Freunde treffen können, die sonst immer zu Hause bleiben müssen, wenn sie sich verabreden wollen. Natürlich wünsche ich ihnen die echten Begegnungen, aber die jeweiligen Eltern haben dieses Bedürfnis nicht ganz so im Auge wie ich. Oder auch dann, wenn eben kein Bus fährt, sie sind weniger abhängig von der (fehlenden) Infrastruktur vor Ort.
Aber auch weniger abhängig von den Menschen vor Ort. Wenn hier nun einmal keine passenden Freund*innen zu finden sind – Zeit, Chemie, Interessen, Alter etc. – und somit man selbst irgendwie einsam bleibt in der Menge, dann bietet die Telefonleitung doch die Möglichkeit einer befriedigenden Verbindung. Mir selbst geht es ja auch so. Und dank dieser Schreibplattform kann ich Leute finden, die sich mit mir über meine Lieblingsthemen austauschen möchten, Leute, die widersprechen oder gleich gesinnt beipflichten – alles sehr befruchtende Impulse. (An dieser Stelle danke!!!)
Und dann der Hunger nach allen möglichen Ideen, Rollen, Experimenten! Jenseits von Räuber und Gendarm, aber nicht irgendwie doch auch wieder ähnlich. In einer Unzahl von Variationen. (Da kommt mir der Denkspruch „Alles ist Nichts, und aus Nichts kann Alles werden“ in den Sinn.)
Die Zeit, die wir miteinander verbringen, hält sich in Grenzen. Ich brötele gern mal für mich allein herum, bin froh, dabei nicht unterbrochen zu werden. Klar, als Mutter bin ich immer irgendwie im Bereitschaftsmodus, lasse alles stehen und liegen, wenn Not am Kind ist. Oder um echte Not zu vermeiden. Das hat natürlich nachgelassen, seit ich keine Windeln mehr wechseln muss. Aber die Art, wie wir diese Zeit verbringen, ist wesentlich: Vielleicht bringt Baymax das analog auf den Punkt, als er sagt, „…wenn Fliegen mich zu einem besseren Gesundheitsbegleiter macht…“ (sinngemäß). Wenn die Zeit in den persönlichen Höhlen und Welten dazu beiträgt unser Miteinander zu verbessern, dann habe ich nichts zu bemängeln oder befürchten. Wenn aber unsere gemeinsame Zeit explosiv ist, jeder irgendwie dauernd ungeduldig (re)agiert und vielleicht sogar verletzend wird, dann schiebe ich die Schuld gewohnheitsmäßig gern auf die Daddelei, die ich ja so großzügig toleriere.
Neuerdings nehme ich jedoch unser Miteinander diesbezüglich unter die Lupe: Welche Automatismen und Selbstverständlichkeiten pflege ich im Umgang mit meinen täglichen Nahestehenden, -sitzenden, und lebenden? Meine Kindheit fand statt im Kontext von Gehorsam, eine Ansage, und dann ein Mensch – ein Wort, ein Wort – eine Tat. Keine großen oder kleinen Abstufungen, nur Sanktionen bei Nichtbefolgen. Durchaus auch mündlich, in Form von „Vorträgen“, Leviten oder anderen Ansprachen, die aber fernab von Gesprächen in Gleichwürdigkeit waren. Ich war dann die Dumme oder Böse. Oder Undankbare. Es gab beschämende Strafen und unterwerfende Bedingungen, wenn ich nicht den Wünschen und Vorstellungen meiner Umwelt entsprach. Ich hatte auf der anderen Seite jedoch auch sehr viel unbehelligte Zeit, vielleicht auch weil ich mich gern still beschäftigte. Da fällt nicht gleich auf, womit. Ich dachte viel nach, hatte Fragen, kam auf Situationswitze (oft im Stillen, weil als unangemessen empfunden, wenn es von einem Kind kam) und beobachtete Ironien des Schicksals.
Meinen Kindern kann ich mit den Automatismen aus diesen prägenden Jahren nicht kommen. Ich stehe vor der Wahl, sie als vollwürdige Menschen anzusehen, die eher ruhige Begleitung und Aufklärung brauchen, oder als unmündige Unfähige, denen mit Kritik und Zurechtweisung das Leben gerettet werden muss.
Ich übe ersteres, versuche die Schwerkraft nicht aufzuheben und sie nicht in Watte zu packen, wenn ich meine Grenzen und die unserer Welt geltend mache und verständlich.
Frohe Ostern, und Großer Geist vergib uns, denn wir wissen nicht, was wir tun!

Woche XXVII | Montag, 29.02.2016

Da die Schule also nun kaum noch für Alarmstimmung und entsprechenden Ersthelferhandlungsbedarf sorgt, kann ich mich wohl verstärkt dem Boden widmen, der den unliebsamen Symptomen die Nahrung liefert. Ich sehe die Schule nicht als ursächlich an, das habe ich in der „Gewaltfreien Kommunikation“ zu schätzen gelernt. Täte ich es, könnte ich nie aus dem Schlamassel finden, solange die Schule nicht gnädig sein möchte. Ich fühle mich lieber als Gestalterin, damit liegt alles in meiner Hand.
Ich sehe sie allerdings als auslösend an, als Hinweis auf anstehende Aufgaben. Was nicht bedeutet, dass ich alles gutheiße, was sie mir an Gelegenheiten bietet. Ich bin durchaus bereit, das Herangehen dieser Institution an die Bildung unserer Kinder in Frage zu stellen, da sie uns vor Aufgaben stellt, die nicht im Rahmenplan verankert sind, und für die sie uns auch keine Strategien an die Hand gibt…
Ich nehme nun unser Miteinander innerhalb der Familie in den Fokus. Auf welche Weise fordern wir uns, was wollen wir voneinander… Mir ist wichtig, die Bedürfnisse zu erkennen, die hinter dem Hunger stecken, und die Wege zu erforschen, die zu ihrer Stillung führen, und die Kriterien zu entdecken, an denen wir uns orientieren können. Das stelle ich mir als Alternative zu einem Leben nach Vorschrift vor – auch wenn die Vorschriften Gutes bieten: mir sind sie lieber als Anleitungen oder Empfehlungen, bei denen es mir freisteht, ob ich sie befolge oder meine eigenen Experimente und Erfahrungen mache. Ich glaube, wenn wir einander das zugestehen können, ich den Kindern, meinem Mann, und sie mir, dann sehen wir uns als gleichwürdig. Und wenn es uns gelingt, einander in Geduld und Zugewandtheit Rückmeldung zu geben über die Auswirkungen unseres Auftretens, dann können wir bestimmt alle ganz viel voneinander lernen!

Woche XII | Freitag, 20.11.2015

Alle sind körperlich gesund und an ihren jeweiligen Arbeitsplätzen, auch ich, aber wie gehabt rein ehrenamtlich. Ich mache mir viele Gedanken über den Wert von Arbeit, bezahlte, unbezahlte, frei, angestellt, … Wie kann es z.B. sein, dass Pädagog*innen von der Arbeit mit meinen Kindern leben können und ich nicht?
Alles, was die Welt im Innersten zusammenhält, wird ehrenamtlich geleistet, will mir scheinen, und die Lohn- und Gehaltsarbeit darf in einer Art und Weise organisiert sein, die dieses Werk wieder einreißt und zerstört? Den Flüchtlingen wird ehrenamtlich geholfen, aus Steuermitteln finanzierte Fürsorge zuteil, unsere Herzensqualitäten der Einfühlung und Solidarität fließen von Natur aus. Auf der anderen Seite ziehen ganze Wirtschaftszweige privatisierten Vorteil aus dem Geschehen, Waffen und Kriegs-Knowhow werden meistbietend verhökert, aus Spenden finanzierte humanitäre und medizinische Hilfsgüter füttern die Lebensmittel- und Pharmakonzerne fett und letztlich profitieren auch die Agrar-Riesen von der Zerschlagung sozialer Strukturen und können ihre patentierten Sorten und die ganze damit verbundene Chemie an den gepeinigten Mann bringen. Ganz zu schweigen von der Militarisierung unserer Kinderzimmer mit diesen tollen bunten Plastik-Kalaschnikoffs und den virtuellen Kriegsspielen und den Gewinnen, die damit gemacht werden…
Ich fühle mehr denn je mit Hannah Ahrendt und ihrer Beobachtung, dass sich die Handelnden hinter Amtssprachen verstecken und die Verantwortlichkeit in ihren Strukturen zerbröseln. Aber ein jeder lebender Mensch handelt immer aus eigener Entscheidung, es geht gar nicht anders, und wenn er sich weigert sein Tun zu betrachten, dann ist auch das seine Entscheidung. Und wenn er sich weigert anzusehen, was sein Handeln für Folgen zeitigt, stellt er sich der Ignoranz und Arroganz anheim. Und wenn er sich weigert, auf seine eigenen Bedürfnisse zu achten und wahre, gute und schöne Stillungswege zu suchen, darf er sich dann als Krone der Schöpfung betrachten? Ich sehe da eher ein Zahnrad.
Es ist kindtypisches Verhalten, die Augen zuzuhalten und dann zu denken, wenn ich es nicht sehe, gibt es das nicht. Oder gar – dann bin auch ich nicht da. Nichts für etwas zu können, hat wenig mit Erwachsensein zu tun. Wir er-wachsen – im besten Falle – aus unserer Hilflosigkeit, wenn wir als Kinder immer mehr lernen, uns selbst mit dem Nötigen zu versorgen, selbst zu sitzen, laufen, die Stullen zu schmieren, zu lesen, schreiben, rechnen – denken und unsere Gefühle richtig zu deuten. Und irgendwann können wir alles selber, was uns die Eltern bis dahin liefern mussten, um unser Leben zu sichern, und wir können auch selber für Kinder sorgen.
Nun ist es an uns, sozial-emotional erwachsen zu werden und ENDLICH! aufrichtig zu unserem Friedenswillen zu stehen. Unsere Impulse zu regulieren und lebensförderliche Strategien zu finden, mit ihnen umzugehen. Die Konflikte – einander gegenseitig als Menschen anerkennend und wertschätzend – beizulegen und uns für ein aufgeschlossen-kennenlernendes Miteinander zu ENTSCHEIDEN.
In meiner Arbeit als Elternvertreterin geht es mir genau darum: mit allen Beteiligten gemeinsam auf die Schwierigkeiten zu schauen ohne den Umweg der Verstärkung der Konfrontation. Denn wenn wir nicht leben und lernen, um das Leben zu verbessern und einander dabei zu helfen, dann weiß ich auch nicht wozu. Und hier können dann wirklich alle Ersatzbefriedigungen identifiziert werden, alle Pseudo-Stillmittel und gleich auch die den Frieden untergrabenden und verhindernden Faktoren. Lebensentfremdende Kommunikation gehört gleich an erster Stelle dazu. Ich erarbeite mit einigen anderen Eltern gerade Angst- und Stressauslöser an unserer Schule, um sie sichtbar zu machen und auch die sich verbergen wollende Natur des Scheiterns. Deshalb ist es nicht offensichtlich, dass die Kinder sich bedroht fühlen. So etwas zu zeigen bedeutet, sich gleich einer weiteren Gefahr auszusetzen – dem Eingeständnis des Versagens und damit der Lächerlichkeit, Beschämung, Beschuldigung und gar Bestrafung. Was wunder, es stellt sich heraus, dass insbesondere die Bemerkungen von Mitschüler*innen und Pädagog*innen einen solchen Faktor darstellen, genau, wie es in der „Gewaltfreien Kommunikation“ beschrieben ist. Aber wenn ich diese Formen beiseite schiebe und auf die Rufe des dahinter verbarrikadierten und eingesperrten Herzens lausche, ihm Klopfzeichen meines Herzens zurücksendend, dann offenbart sich mir das Wunder der Abrüstung, der Nacktheit und Verletzlichkeit, die uns allen gemeinsam ist. Und der Wärme, wenn wir uns aneinanderschmiegen in der gemeinsamen Suche nach Lösungen und der Zusammenarbeit an den Baustellen des Lebens. Statt im kalten, Wärme ableitenden Metall unserer Schutzpanzerungen einzeln zu erfrieren.
Meinen Kindern schenke ich „geteilte“ Aufmerksamkeit: die kritische, auf das Nichtfunktionieren gerichtete, sortiere ich in bedingungslose Zuwendung und, wenn dieser Tank wieder aufgefüllt ist, beratende Begleitung, falls überhaupt nötig. Seit ich sie einfach in den Arm nehme, wenn sie nicht üben wollen oder Haushaltsaufgaben ablehnen oder anderweitig im „Willaber(nicht)“-Modus feststecken, und nicht wie bisher zähneknirschend an ihrer Stelle oder mit ihnen zusammen die ungeliebten Aufgaben erledige oder sie dahin schiebe, etwas von mir Gewünschtes zu tun, kommen viele Dinge wieder an ihren richtigen Platz. Wenn die Liebe wieder da ist, dann belebt sich auch die Lust zum Klarinettenspiel, zum Kochen, Aufräumen und Putzen oder zu einer Wanderung mit dem Hund an der frischen Luft.
Einfach nur mal Liebhaben ist das Rezept. Ohne Wenn und Aber.
Kommt alle in gutem Miteinander ins Wochenende und gebt Klopfzeichen von Herz zu Herz. Danke für Eure Anteilnahme und -gabe und schreibt weiter!!!

Woche IX | Montag, 26.10.2015

Ferien. Ein Zauberwort. Und alles eine Stunde später. Es ist hell, wenn wir morgens zur selben Uhr-Zeit frühstücken. Der Papa hat keinen Urlaub, er „darf“ arbeiten, wie er es nennt. Ich denke, er ist froh, dem Familienleben auch mal zu entkommen. Bei all dem Bereitschaftsdienst für die Kinder, die bei ihm nur zu bestellen brauchen, was sie wollen – er macht’s. Das kriegt der Weihnachtsmann nur an einem Abend im Jahr hin, mancherorts, ohne persönlich in Erscheinung zu treten. Unser Papa macht das ständig. Wen wundert’s, dass er eine Auszeit braucht… Zumal er das Glück hat, einer bezahlten Tätigkeit nachzugehen, die seine Leidenschaft ist. Ich will nicht behaupten, er erlebte das ungetrübte Vergnügen – er ist, wie wir alle, anderen Menschen ausgesetzt, von denen eher wenige die hohe Kunst des achtsamen Miteinanders beherrschen…
Da ich nicht Lohn-arbeite, habe ich in den Ferien das volle Vergnügen mit den Kindern und übe die hohe Kunst. Weil ich nicht (mehr) ganz so selbstlos bin wie der Papa in seinen Papa-Zeiten, und damit Konflikte vorprogrammiert sind.
Zwei von unseren Dreien haben gerade den Küchentisch mit Beschlag belegt und bekleben einen Luftballon mit Zeitungspapier und Mehlpamps. Daraus soll dann eine Maske für Halloween entstehen. Die Große kuschelt noch im Bett, nein, soeben kommt sie und möchte frühstücken. Ist genervt, weil BTS nicht gewonnen hat. (Eine koreanische Popgruppe.) Ich habe gestern abend schon angesprochen, dass ich die Bildschirmzeiten nicht der Intuition überlassen möchte und vor allem Wert darauf lege, Aktivitäten an der frischen Luft zu unternehmen.
Ein bisschen fürchte ich die Ferien, vor allem, wenn ich daran denke, wie genervt ich von dem ununterbrochenen Bildschirm-Einsatz der Kinder bin und von meiner daraus resultierenden Aufgabe, das zugunsten ihrer Gesundheit zu verhindern. Ich kann dem Geschehen nicht einfach seinen Lauf lassen. Klar wie Kloßbrühe, dass nur attraktive Alternativen im Hier und Jetzt die Aufmerksamkeit im Guten auf unsere Gemeinschaft lenken. Was zur Folge hat, dass man sich ein Miteinander basteln muss, das für alle einen wertvollen Gewinn darstellt. Für mich bezieht sich das in erster Linie auf das Klima, in dem wir hier zusammen den Notwendigkeiten des Lebens entsprechen. Vorschreiben, Meckern, Strafen, Zwingen, Erpressen, Bedrängen… das geht alles nicht. Außer vielleicht, wenn die Auseinandersetzung möglich ist und schließlich alle gewinnen. Die Erfahrung machen, dass Lösung möglich ist und die Anstrengung sich lohnt.
Diese Erfahrung war mir lange Jahre verwehrt in Bezug auf lebensnotwendige, persönlichkeitsstärkende Themen. Hier und da im Kleinen, aber Unbedeutenden, macht einem das sicherlich nichts aus, und es bedeutet entsprechend auch nicht viel, wenn es „hinhaut“. Es weckt vielleicht ein kleines bisschen Hoffnung, aber die verpufft auch so schnell wieder, wie sie aufflammte.
So habe ich seit zehn Jahren die Schulferien mit schwindender Hoffnung verbracht, die Kinder „normalisierten“ sich kaum noch, ich hatte keine Ahnung vom Gegenentwurf, nachdem mir mein „Werk“, unverhinderte Kinder aufwachsen zu lassen, durch die Schule zerstört worden ist. Ich habe der Schule und der in ihr herrschenden Ignoranz, ja Arroganz nichts entgegenzusetzen. (Oder wie nennt man es, wenn die Belange der einzelnen Personen nicht gefragt, geschweige denn beachtet werden?) Nun, meine Kinder sind so normal wie andere auch, die sich von anhaltender Fremdbestimmung erholen wollen, auf die Flucht gehen in Medienwelten, wozu ich auch Bücher zähle. Anderes Suchtverhalten haben wir noch nicht zu beklagen, vielleicht dem Grundsatz zu verdanken, dass wir zu Hause eben gewaltfrei zu leben versuchen.
So bin ich gespannt auf die kommenden Tage, welche Dynamik ich nun erleben werde, nun, da ich einige innere Hausaufgaben erledigt habe. Vielleicht finden wir unseren inneren Start- und Landepunkt in diesen Ferien schneller wieder, vielleicht sind die Kinder schneller wieder bereitwillig und offen für Anliegen, die über sie persönlich hinausgehen, ich nenne das die gemeinnützigen Notwendigkeiten, wie Tisch decken, Aufräumen, …, die nicht unmittelbar und ausschließlich der eigenen Person dienen, sondern erst nach einem bestimmten Aufwand und über einen Umweg ihren Segensreichtum entfalten. Dafür auch nachhaltiger und umfassender. Und vielleicht erwacht auch der eigene Bewegungsimpuls wieder, die Lust auf Unternehmungen und Aktivität. Es sieht ganz gut aus, heute morgen.

Woche VIII | Montag, 19.10.2015

Ja, ich geb’s zu, es ist noch Sonntag. Morgen früh habe ich nur keine Zeit, den Start in die Woche zu dokumentieren, so also dieses Mal mehr den Ausklang aus dem Wochenende und die Aussichten für den Wochenstart.
Beides: gut. Mehr müsste ich nicht sagen, wie meine großen Mädchen, wenn ich sie frage, wie es in der Schule war…
Dann kommen aber öfters doch Episoden zur Sprache, wenn ich nur hartnäckig genug nachbohre. (Spätestens bei Auftreten der Kopfschmerzen. Da Kkumhada keine hat, geht sie mir oft durch die Lappen. Sie lässt alles abprallen, irgendwie.) McFlitz plappert noch viel unbefangener aus der Schule als seine Schwestern in seinem Alter. Ihn hat die Sprachlosigkeit noch nicht ereilt. Naja, seine Schule paukt ihn ja auch nicht durch den Rahmenplan. Wenn er seinen Vortrag nicht halten möchte, muss er es auch nicht. Ohne Strafen oder Bewertung!!! Wir haben dadurch echt die Gelegenheit darüber zu sinnieren, wie schade es ist, dass nun die Anderen nichts über die Kartoffel erfahren konnten, und dass seine (halbherzigen) Vorbereitungen irgendwie umsonst waren. Und dass er beim nächsten Mal doch gleich aufrichtig sagen könnte, wenn ihm die Motivation fehlt, so dass ein besser anspornendes Thema gefunden werden kann… Es gibt da so viele Möglichkeiten, kreativ zu werden und Lösungen zu erdenken!
Kkumhada startet in eine Woche voller Tests und Klausuren. Sie nimmt es sportlich. Da sie nun die Zusage für ein Austauschjahr hat, das im Februar losgeht, fragt sie sich, ob ihr Aufwand denn dann überhaupt mitzählen wird, wenn sie in einem Jahr dann die zweite Hälfte ihres elften Schuljahres wieder aufnimmt, oder ob sie noch weiter zurückgesetzt den Faden wieder aufnimmt. Ich fragte, ob das Auswirkungen auf die Intensität ihrer derzeitigen Mitarbeit hätte. Ich meine, dass es so oder so eine Entscheidung ist, ob man Zeit absitzt und irgendwie rumkriegen will oder doch lieber lebendig teilnimmt.
Oishi-Kawaii nimmt Tests jetzt entschieden viel gelassener als ehedem. Einerseits habe ich ihr die Ignoranz und Arroganz vorgestellt, mit der sie den Prozeduren in der Schule unterworfen wird. Angeblich für ihr Wohl. Na, das haben wir ja erlebt. Dafür muss man keine Achtung oder Respekt haben. Auch nicht für die Leute (Erwachsene?!), die sich dem nicht entgegenstellen und die ganze Heuchelei aufdecken. (Vielleicht Mitleid, Verständnis. Aber kann man sie dann für so voll nehmen, wie sie das einfordern, und soll sie gleichzeitig schonen und Geduld mit ihnen haben?)
Andererseits ist sie im entspannten Zustand in der Lage, ohne viel zu üben ganz gute Ergebnisse zu erzielen, vorausgesetzt, sie hat im Unterricht nicht abgeschaltet. Das konnte sie inzwischen auch erleben und bekommt nun von dieser Seite Boden unter die Füße. Da sie ohnehin alles so intensiv wahrnimmt und schnell versteht, bleibt’s halt auch hängen. Nun scheint sie auch pauschale „Ansagen“ besser von sich fernhalten zu können, so dass sie etwas unbeirrbarer durch den Unterricht kommt.
Das Wochenende haben die Mädchen singend verbracht, im Jugendwaldheim mit dem Chor. Bei all dem Regen hatten sie lebendige Musik als Sonne für ihre Körperzellen…
McFlitz hat 2 Tage und Abende Lego gebaut, mit seinem Kumpel und allein, und heute abend war er immernoch nicht fertig. Die Schule kommt ihm da noch nicht so ganz gelegen. Nichtsdestotrotz – beim Einschlafen hat er mir erzählt, wie toll er sich fühlt als Drittklässler. Da kann man schon was. Ob das mit dem Vorlesen für die Ersties zusammenhängt?
Ich gehe morgen wieder hospitieren. Ich bin unglücklich, dass ich nicht so eindeutig vorfreudig auf die mögliche Arbeit an einer Schule schaue. Mein Problem: Zeugnis. Leistungsbewertung. Eine unüberwindliche Hürde, wenn ich schlechte Ergebnisse attestieren soll. Mal sehen, ich habe einen Gegenvorschlag erarbeitet. Vielleicht gibt es ja doch einen Weg. Und dann: in Ruhe und mit Freude und Kreativität Englisch erobern! Ja, das wär’s.

Woche VII | Freitag, 16.10.2015

Heute nur so viel: wieder eine ereignisreiche Woche vollbracht. Ja, vollbracht. Nicht hinter mich gebracht oder überstanden. Oder rumgekriegt. Vielleicht ein bisschen verflogen – also mehr feiern zwischendurch, den Augenblick würdigen – aber nichts aus dieser Woche möchte ich missen. Kkumhada ist buchstäblich heulend auf dem Boden der Tatsachen gelandet worden – vor Freude. Sie darf zum Austauschjahr in ihr Lieblingsland. Oishi-Kawaii hat einen neuen Klarinetten-Lehrer, der ist ganz nett, aber nicht so wie unsere leider für länger erkrankte K.
Ich habe aus allen Gegebenheiten eine Herausforderung machen können und mich durch nichts kleinkriegen lassen. Auch meine Entscheidung für einen möglichen Arbeitsplatz in einer Schule lasse ich reifen, schaue jedes meiner Bedenken achtsam an und werde demnächst auskunftsfähig sein. Und: hier ein Brieftext, den ich heute McFlitz mitgab, zum Thema Hausaufgaben für Eltern. Als ich seine Aufgabe las vor zwei Wochen, dachte ich nur: Homeschooling kann ich billiger haben… (Naja, vielleicht auch nicht.)

An: Klassenlehrerin H.C.
Betr. Hausaufgaben
15.10.2015
Liebe H.,

die Kartoffel-HA hat bei uns nicht funktioniert, daher wird [McFlitz] auch keinen Vortrag halten.

Damit du besser verstehen kannst, woran das liegt, möchte ich dir dazu etwas mehr schreiben.
Grundsätzlich unterstütze ich alle meine Kinder bei der Anfertigung von HA, indem ich sie befrage, was noch zu tun ist, bevor wir in das abendliche Familienleben starten, zu dem auch die Kinder beitragen. Notfalls stelle ich sie von allen häuslichen Aufgaben frei zugunsten von ihrem Lernen für die Schule. Aber mit Zähneknirschen. Denn mit dem gemeinschaftlichen Leben in und für die Familie, in dem es um gegenseitige Hilfe und Unterstützung für die Erfüllung wesentlicher Bedürfnisse geht, entfällt für die Kinder die einzige wahrhaft relevante Arbeit des Tages. Neben dem freien Spiel und der Ausübung von Hobbys.
Das schulische Lernen ist (leider) immer (noch) auf irgendwas Zukünftiges oder Künstliches ausgerichtet und zielt nicht darauf ab, die Kinder fit zu machen im Umgang mit ihren Bedürfnissen und der gegenwärtigen Welt, geschweige denn planvoll und mit Weitblick.

Die P…schule [Name der privaten Schule] hat da für uns schon dahingehend den Unterschied gemacht, dass [McFlitz] noch nicht so entfremdet nach Hause kommt, wie seine großen Schwestern ihrerzeit aus der K…-K…-Grundschule [Ort] [staatliche GS]: die eine mit Komplettschutzschild, die andere mit häufigen Kopfschmerzen, beide mit gründlich verloren gegangener Bereitwilligkeit.

[McFlitz]s Integrität ist noch weitgehend intakt, er kann sich also noch auf Anfragen von außen einlassen.

Die Kartoffel-HA ist für ihn jedoch nicht selbständig durchführbar gewesen. Dafür hätte er die Mitarbeit seiner Eltern benötigt. Die dafür aber keine Zeit haben. Ich sehe es auch nicht als den Sinn der HA an, dass die Kinder sie nur mit den Eltern machen können. Klar frage ich mal die Malfolgen oder Vokabeln ab und wir reden auch über die aktuellen Themen in Gesellschaft, Schule und Bekanntenkreis. Und wenn die Lieder aus der Schule melodiesicher nachklingen, so dass ich sie von den Kindern lernen kann, dann singen wir sie auch.
HA sind Übungsmöglichkeiten, Wiederholung, können gern auch kreativ sein oder forschend. Und wenn sie den Kindern wichtig sind, machen sie, was sie können. [McFlitz] hat Bilder herausgesucht und was abgeschrieben aus dem Lexikon. Wir haben über seine eigene Kartoffelanbauerfahrung vom vorigen Jahr gesprochen und uns fröhlich an die tolle Ernte erinnert, die er trotz der irrsinnig vielen Nacktschnecken einfahren konnte, die die Pflanzen kahlfraßen. Beim Abendbrot, unterwegs im Auto und vor dem Einschlafen, wenn das eine oder andere Problem noch zur Sprache kommt.
Mehr geht nicht seitens der Eltern.

Mehr geht auch nicht von [McFlitz]s Seite. Wenn er aus der Schule kommt, braucht er Zeit, um sich zu erholen. Dann macht er Sachen, die ihm wichtig sind. Dann hat er lange genug Aufträge erfüllt, die für ihn lebenspraktisch keine Bedeutung haben, es sei denn sie machen irgendeinen Spaß. Und wenn sie mehr als das sein sollen, dann müssen sie auch mehr Bezug zu seinem Leben haben, zu seinen Bedürfnissen. Dann muss er entweder wirklich neugierig darauf sein, es verstehen lernen wollen, mehr darüber erfahren wollen, praktischen Nutzen darin finden – so wie beim Vorlesen für die „Kleinen“. Oder Hilfe beim Kochen und Heizen. Wenn der jedoch nur darin besteht, artig zu sein und damit Ärger zu vermeiden, dann fördern wir handfest Unterwerfung oder Widerstand. Und wenn es um eine Belohnung geht, dann lenken wir erst recht von der Sache ab und bewirken vielmehr eine Art der Konditionierung, die unsere Kinder anfällig für Bestechung macht.
– + – + –
Ja, ich bin ziemlich zahm. Aber in mir brodelt es. Und meine Bereitwilligkeit zum friedlichen Gespräch ist allein dem Umstand zu verdanken, dass ich eine Entscheidung zur Gewaltfreiheit getroffen habe.

Kurzmitteilung

Vertrauen ist gut, …

… Kontrolle ist besser?
Wenn blindes Vertrauen gemeint ist, würde ich sagen, JA.
Vertrautsein ist mir aber jedenfalls lieber, es bringt mich in Verbindung, ich lerne kennen, kenne mich aus, der/die Andere umgekehrt genauso. Es ist gegenseitig, auch wenn beide zu unterschiedlichen Ergebnissen und Schlussfolgerungen kommen mögen. Das kann aufschlussreich werden, wenn man sich auch darüber austauscht, feedbackt.
Kontrolle empfinde ich bedrohlich. Wer mich kontrolliert, muss sich nicht mit mir verbinden. Er/Sie kann mir fremd bleiben und damit unvertraut. Freund oder Feind? Vielleicht steht diese Frage gar nicht. Eindeutig Feind. Mich kontrollieren und dabei die Verbindung verweigern – das ist feindlich. Aber auch Kontrolle ausüben und dafür Verbindung vortäuschen, Vertrauen erwecken. Es wird in dem Moment gebrochen, wo Kontrolle Statt findet. (Es fühlt sich für mich beschämend an. Ich habe vertraut. Mich geirrt. Mir wird misstraut.) Es schließt sich aus. Ja Kontrolle und Vertrauen, das sind wohl zwei unterschiedliche Haltungen. Unvereinbar miteinander.
Kontrolle im Sinne von Lenkung, Machtausübung ist dann noch weniger ein Akt der gleichwürdigen Zusammenarbeit…

Auch deshalb sind Teste und Klassenarbeiten in der Schule asozial bzw. verletzen die Menschenwürde. Wie seht ihr das? Kennt ihr Leistungserhebungen, die glückbringend sind?

Woche VI | Montag, 05.10.2015

Es gibt Menschen, die sich an so einem traumhaft-sonnigen Herbstwochenende auf den Weg an die Ostsee machen.
Die Menschen in meiner Familie tun das nicht. Sie wollen am Wochenende einfach nur zu Hause und in Ruhe gelassen sein. Sicherlich hätte ich mit ein wenig Anschieben so einen Ausflug erwirken können, aber auch mir fehlt die Kraft dazu. Die Woche ist voll mit Schulpflichterfüllung und tollen Hobbys. Und wenn wir wirklich Ruhe haben wollen am WE, müssten alle Haus- und Hofarbeiten auch bis Freitag abend erledigt sein. Naja, die laufen nicht weg, und ich kann auch ganz gelassen bleiben, wenn sie sich vor mir auftürmen. Da ist mir auch egal, was Nachbarn denken mögen, ich will es nicht wissen, denn wenn ihnen was nicht passt, wie ich es mache, findet sich physikalisch-unausweichlich auch das Gegending dazu… Ansprechbarer bin ich für einfühlsame Erörterung der Sachlage. Vor ein paar Monaten kam mal eine Tierschützerin auf meinen Hof und fragte, ob sie meinen Hund ausführen dürfte. Ich war arglos und die Frau zunächst einfach nett. Wie sich herausstellte, „kontrollierte“ sie mich und lamentierte dann lang und breit über das Elend, in dem sie viele Tiere vorfände. Ich riet ihr, sich mit dem Elend der dazugehörigen Leute zu befassen, wenn sie den Tieren wirklich helfen wollte.
Meine Familie also in Höhlenstimmung. Kkumhada macht ihr Ding, vermeidet jegliche Kommunikation mit mir, Oishi-Kawaii verschwindet zwischen den „Helden des Olymp“ und reagiert insgesamt sehr gereizt auf uns, wenn wir sie da rausholen, McFlitz ist zunächst auch im Onliniversum und später in seine Lego-Katalog-Träumereien vertieft. Dann geht er aber doch von alleine raus herumtoben und Fahrrad fahren oder quasselt mir von seinen Geschichten und Erlebnissen was vor. Der Papa? – Auch er geht seinen Anliegen nach, stoisch fast, aber dazu gehören auch Frühstück machen, Brombeeren ernten, Holz hacken. Ich wünschte nur, er würde sich öfters mal die Kinder schnappen und sie mit einspannen. Naja, er will auch mal ungestört bleiben. Ich schicke ihm Oishi-Kawaii auf den Hals, Kkumhada sucht sich selbst eine familien-gemeinnützige Arbeit und ich schiebe McFlitz an seine Hausaufgaben: ein Vortrag über die Kartoffel, Malfolgen üben, Leseheft lesen. Ich will frei haben! Wenn ich also eh mein Kind zu Hause auch noch beschulen soll – Hausaufgaben dieser Art sind immer Elternaufgaben! – dann könnte die Schulpflicht doch gleich abgeschafft werden. Billiger wäre es auch. So sehe ich mich gezwungen, meine, unsere Familienanliegen hintanzustellen, damit mein Kind den Anschluss nicht verpasst an einen Plan, der zwar zu seinem Besten ersonnen sein soll, aber ganz offenbar so weit über ihm steht, dass es darin schon wieder keine Rolle mehr spielt und eben zusehen muss, wie es klarkommt.
Ich sehe mich gezwungen, weil ich zu feige bin, einfach zu verweigern. Ich habe Angst vor der Strafe. Auch wenn es vielleicht erstmal „nur“ Geld ist. Nun, wir hätten im Monat an die 300 Euro mehr, wenn wir den Jüngsten aus seiner staatlich anerkannten Ersatzschule nähmen. Die könnten dann ja investiert werden in unsere und seine Menschenwürde-Wiederherstellung… Und sicherlich täten wir anderen ähnlich schreckhaften Eltern den Gefallen, mit unserem Beispiel voran zu gehen, so dass auch sie mutiger werden können.
Na, ich will jetzt erstmal noch weiter als Elternvertreterin und Schreiberin das Feld beackern, immerhin sind meine Kinder auch nicht gerade rebellisch, freuen sich auf ihre Freunde, für wen wäre es also? (Aber ich trage sie in mir, diese Sehnsucht nach freudvollem Lernen in lebendigem Sinnzusammenhang aus unserer Lebenswelt heraus, im Einklang mit ihr, along the way, gewissermaßen, und nicht als etwas, wovon man sich am Wochenende erholen muss und distanzieren will.)
Fazit für mich – mein Familienleben: nicht vorhanden. Ich erlebe die Kinder nur unbereitwillig, erschöpft oder krank (bei McFlitz hauptsächlich unbereitwillig zu Hausaufgaben).
Natürlich sehe ich die Schule auch als Aufgabe an und versuche, damit konstruktiv umzugehen. Natürlich denke ich mir unterhaltsame Möglichkeiten des Übens (für die Schule) aus. Das würde ich so oder so machen. Natürlich sehe ich das Lernpotenzial für mich und die Kinder. Aber ich frage mich, ob wir wirklich so bootcamp-artig mit uns und unseren Kindern verfahren wollen? Angebliche Spreu vom Weizen trennen und damit für selbsterfüllende Prophezeiungen sorgen, die dem Dogma in die Hände spielen, man müsse all die beschränkenden, luftabschnürenden und einschüchternden Vorkehrungen treffen, um das Leben in Freiheit zu retten – ?!? – Die, die’s betreffen soll, werden so auch nicht erreicht. Die Sensiblen kriegen dafür umso mehr das „Vergnügen“, sich erstmal wieder aufrappeln zu müssen, damit sie überhaupt zurück zur eigentlichen Sache kommen können. Worüber wundere ich mich da?
Neue Woche, neuer Anlauf. Neuer Versuch, das Gute darin zu erkennen. Und vielleicht ein paar kleine Wunder? Ach, heute fühle ich mich wenig mutig!

Woche IV | Freitag, 25.09.2015

Ich schreibe, bevor der Tag losgeht, ich weiß also noch nicht, was mich später am Frühstückstisch erwarten wird, ob alle gesund sein werden. Bisher verlief diese Woche jedenfalls weitgehend „gesund“. Ich habe mein Kopfschmerzkind eindringlich instruiert, dass es diese Tests und Klassenarbeiten nicht allzu ernst nehmen darf, zumal auch niemand danach fragt, ob sie sich bereit dafür fühlt. Es geht nur um den Plan, nicht um die Kinder.
Auch in der freien Schule von McFlitz geht es um den Plan, immerhin wird er nicht mit Noten traktiert, sondern kann die Tests als Möglichkeit wahrnehmen zu schauen, wie weit er kommt. Seinen Stand der Dinge im Vergleich zum Jahrgangsziel zu ermitteln, ist ihm nicht wichtig, aber wenn er nicht alles fertigstellt in der gegebenen Zeit, dann wird ihm das nicht einfach kurz und knapp quittiert, sondern es gibt ausführlichere Gespräche über Notwendigkeiten, um Verständnis herzustellen und seine Ziele neu zu stecken, wenn nötig. Z.B. gab es im vergangenen Schuljahr diese Tests zu den Malfolgen, die zutage förderten, das mein Kind alles richtig rechnet, nur eben nicht so schnell. Die Schnelligkeit hatte für ihn noch keinen Sinn gemacht, also wurde sie auch nicht zum Übungsziel.
Meine Große geht ihren Weg. Sie weiß noch nicht, was sie nach dem Abi machen will. Ich schlage ihr immer vor, ein Handwerk zu lernen, das ist eine Art Erdung, ein Fundament, damit ein Studium -wie bei mir- nicht so abgehoben obendrauf jegliche Verbindung zur Wirklichkeit vermissen lässt und damit nicht in die Praxis führt. Das kann bei ihr natürlich ganz anders sein.
Ich vermisse immer ein bisschen das Gespräch mit meiner Großen, werde nicht so recht vertraut. Kurze Mitteilungen und dann weiter. Bevor ich weiß, wie mir geschieht, ist der Kontakt schon wieder vorbei. Ich sitze gern einfach mal ein bisschen länger beieinander, auch ohne was zu sagen. (Aber auch ohne Smartphone oder Buch.) Nun ja, sonst gibt es nichts zu wünschen. Nur dass sie gesund bleiben möge auf dem Motorrad, jetzt bei der Fahrschule und danach…
Wir haben tatsächlich eine Woche erlebt, in der die Freizeit mal nicht der Genesung gewidmet werden musste. Danke!!! Ich habe dafür was getan: Bewusst die der Pflichterfüllung dienende Routine, die den Kindern genug Freizeit, Zeit für HA und für Schlaf sichern sollte, durch eine ganz gemütliche, undurchstrukturierte, gemeinsame Feierabend-Runde auf der Kuschelbank gebrochen. Vorher wie immer zusammen was essen, und dann eben nicht gleich in die nächsten Aufgaben oder jeder für sich in die Auszeit verabschieden, sondern zu einem Quassel-Symposium zusammenfinden. Mit offenem Ende. Und was soll ich sagen? Ich hatte ja im Stillen befürchtet, wenn ich das mache, läuft danach kein Haushalt mehr, weil die Erschöpfung eben die Oberhand bekommt. Weit gefehlt! Eine echte Leib- und Seelen-Tankstelle gefunden! Und mein ausgiebig kuschelnder McFlitz kann dann sogar viel selbständiger sein! Ganz von allein. In meine Oishi-Kawaii kommt Bewegung und Lust auf dies und das jenseits von Buch und Bildschirm. Und meine Kkumhada wird gesellig und gesprächig… Was hat mich nur in jene Pflichtenfalle gebracht??? Unmerklich bin ich hineingeglitten, mit jedem Versuch, den Nachmittag zu optimieren, ein Stückchen tiefer. Und habe nicht verstanden, dass gerade diese achtsame Planerei jedes Luftlöchlein verstopft hat, das uns mit ungleich erholsamerer Frischluft gestärkt hätte als der ausgebuffteste Wellnessplan. Auf ins Wochenende! Nach Lust und Laune. (Naja, einen Plan gibt’s diesmal schon wieder, wir bekommen Gäste… Aber es ist mehr ein Rahmen, mit Spielräumen. Und Kuschelbank!)