Woche XXXXVIII | Montag, 25.07.2016

Ferien nun also. Für mich heißt das in dieser ersten Woche: ich habe keines meiner Kinder zu Hause. Sie sind vorfreudig in ihre jeweiligen Vorhaben gestartet, davon eins innerfamiliär, das andere ein aus Bundesmitteln finanziertes Medienferienlager.
Ohne diese beiden Möglichkeiten sähen wir alt aus, denn wir können uns keine kostenpflichtigen Ferienlager leisten.
Als mein „innerfamiliäres“ Ferienkind übergeben wurde, entspann sich ein Gespräch über Motivation in einer Schule ohne Noten, das emotionsbeladen wurde in dem Moment, als das Wort Gehorsam fiel. Insbesondere als ich sagte, dass es nur entweder oder geben könne – entweder ich will intrinsisch motivierte Bereitwilligkeit, dann kann ich keine Gehorsamsforderungen stellen, oder ich fuße meine Antriebskultur auf Gehorsam. Diese Position stieß auf vehementen Widerstand.
Da es nicht genug Zeit gab, das eingehend zu betrachten, ist es auch müßig, sich deshalb aufzuregen, aber ich war nicht gleichgültig geblieben in Bezug auf die Art des Gespräches. Nicht nur, dass aus einer Betrachtung von Wirkungen gleich ein Meinungsstreit zu werden drohte, was etwas völlig anderes ist, ich hatte außerdem nicht das Gefühl, dass die Begriffe überhaupt genug geklärt waren, so dass wir hätten wissen können, was der jeweils andere damit genau meinte. Ich fühlte mich weder verstanden noch akzeptiert.
Früher hätte mich das völlig aus der Fassung gebracht. Ich blicke auf eine lange Reihe missglückter Diskussionen (mit meinen Eltern) zurück, und weil es nie gelang, ein Streitthema wirklich für alle bereichernd zu erörtern, habe ich es irgendwann aufgegeben. Ich habe stattdessen eine Konfliktscheu entwickelt und es mir zur Gewohnheit gemacht, meine Probleme im Stillen zu betrachten, selber alle erdenklichen und mir zugänglichen Perspektiven abzuwandern, um wenigstens für mich selbst eine tragbare Haltung zu einer Sache zu finden.
Nur in meinem Freundeskreis finde ich Menschen, mit denen ich kontrovers diskutieren kann. Uns macht es nichts aus, unterschiedlicher Ansicht zu sein. Es ist vielmehr spannend, die Geschichte des Anderen kennen zu lernen. Da keiner unbedingt Recht bekommen möchte, gibt es auch die Streitebene nicht, selbst wenn der eine oder andere Standpunkt emotional vorgetragen wird. Es herrscht einfach eine Stimmung der Neugier. Wie kommt einer auf seine Art der Betrachtung und Auffassung?
Da wir einander also nicht missionieren wollen, erlebe ich selbst die Nichtübereinstimmung als Bestätigung! Denn ich kann eine weitere Perspektive dazugewinnen und meinen Horizont runder machen.
Nicht so im Familienkreis.
Hier scheint die Unterschiedlichkeit von Auffassungen eine Gefahr für Leib und Leben darzustellen.
Und genau das empfinde ich so in Sachen Gehorsam.
Wenn ich ihn verweigere, dann bringe ich etwas ins Wanken – die Pläne des Bestimmers, die Pfeiler seiner Welt. Und jede einzelne Gehorsamsforderung ist ein Angriff auf die Integrität eines Menschen, Kindes. Eine Untergrabung seiner Autonomie, Selbstbestimmung. Ein Akt der Willkür. Eine Erfahrung von Willkür. Eine Untergrabung der Ernsthaftigkeit und Wahrhaftigkeit freiheitlicher Werte.
Natürlich gibt es Fälle, in denen wenig Zeit zur Diskussion und Betrachtung ist, ich muss ein Kind handfest vom Betreten der Straße abhalten, wenn ich ein Auto heransausen sehe, das es selbst nicht bemerkt. Aber es wird unmittelbar feststellen können, dass es zu seinem Schutz war, und sich entsprechend schnell mit diesem Übergriff in Übereinstimmung bringen können. Das heißt aber noch lange nicht, dass es mir nun bis ans Ende aller Tage blind vertrauen wird und mir kommentarlos erlaubt, nach Gurdünken überzugreifen.
Wir sind Lebewesen mit ständiger Rückkopplung. Ein Naturgesetz erkennen wir daran, dass es in 100% der Fälle wirkt, und wenn es das nicht mehr tut, dann ist es keins. Und auch nach 1000maligem „Funktionieren“, wenn wir vielleicht schon eine gewisse Überzeugung gewonnen haben, kann Nr. 1001 eine Überraschung bereithalten – das haben wir alle vielfach erlebt, als wir laufen lernten. Immer auf die Nase gefallen, und dann doch irgendwann mal oben geblieben. 100%ige Zuverlässigkeit haben wir Menschen allein darin, dass wir uns irren können. Ich denke, also irre ich.
Demgegenüber ist die Bereitwilligkeit, sich einem Projekt anzuschließen, einem Chor, einer Sportgruppe, um mit anderen gemeinsam ein Ziel zu erreichen, eine völlig andere Kiste. Ich gehe gestärkt aus allen Anstrengungen hervor, denn ich wende meine Kraft für eigene Ziele an, die ich mit anderen gemeinsam habe. Zwischenzeitlich auftretende Zweifel werden ernst genommen und aufgelöst, nicht einfach übergangen, denn jeder Motor, der ausfällt, verlangsamt den Vorgang, und jede Kraft, die zur Aufrechterhaltung der Mitwirkung abgezogen wird, fehlt dem Schaffensprozess.
Die Skepsis gegenüber dem Willen Anderer werden wir vom Leben gelehrt.
Und wenn Pädagogen und andere Erwachsene endgültige Prognosen stellen zu können meinen, dann müssen sie mit den mehr oder weniger bösen Überraschungen zu leben lernen… Die positiven Gegenbeweise sind es, die mich dazu bringen, meine Hoffnung nicht aufzugeben, immer das Beste zu erwarten und auf das Schlimmste vorbereitet zu sein.
Nunja, ich arbeite dran, denn der Weg aus der Hoffnungslosigkeit birgt viele Rückschläge.
Übers Denken können wir uns gepflegt streiten, aber Gefühle sind wie sie sind. Wenn ich über irgendetwas traurig werde, dann kann das keiner wegreden. Man kann vielleicht erreichen, dass ich nicht so lange traurig bleibe, wenn ich Trost erfahre durch Empathie und Anteilnahme, Spiegelung und Anerkennung meines Schmerzes.
Man kann auch erreichen, dass ich meine Trauer nicht mehr zeige.
Oder dass ich sie auch für mich selbst unsichtbar mache und unterdrücke.
Eine Gefühlslage zu kontrollieren macht durchaus Sinn, schon allein, wenn man in Betracht zieht, dass zu jedem Zeitpunkt mehrere Bedürfnisse hungrig sein können und immer hungriger werden, bis Stillung gefunden ist. Da muss man schonmal eine Reihenfolge bilden, und eines nach dem anderen sättigen. Manchmal gibt es „Nahrung“, die für mehrere Bedürfnisse Befriedigung bringt, das ist dann ein besserer Treffer im „Lotto“. Es gibt auch Stillungen, die auf Kosten anderer Bedürfnisse gehen, die sehe ich dann als faulen Kompromiss an.
Man kann über die Stillungsmittel und -wege diskutieren. Nicht über die Bedürfnisse und die dazugehörigen Gefühle und Emotionen, die eindeutig Hinweis geben.
Man kann darüber diskutieren, ob Ausnahmen die Regel sein dürfen, wenn es um diejenigen Stillungen geht, die auf Kosten anderer Bedürfnisse oder anderer Menschen/Lebewesen gehen. Man kann darüber diskutieren, wie die Kompensation aussehen kann. Wir können uns vor dem Leben verneigen, bevor wir es aufessen, denn wir leben nun einmal an diesem Ende der Nahrungskette. Es ist versöhnend und hilft, seinen eigenen Platz im Universum zu erkennen.
Wir, diese wahrnehmenden, fühlenden, reflektierenden, nachdenkenden Stoffwechsler. Denken. Danken.
Danke für die Pause von der Schule. Einer Schule, die ein fauler Kompromiss ist.

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Woche XXXX | Montag, 30.05.2016

Manchen Kindern, die drei Wochen lang ein Praktikum absolvierten und dann wieder in die Schule zurückkehren, fehlt diese praktische Zeit dann schmerzlich. Das heißt nicht, dass sie nicht mehr lernen wollen, aber eben einfach nicht mehr so theoretisch, gezwungen und fern vom Leben. Sie möchten gute Bildung, weil sie wissbegierig und verständnissuchend in die Welt schauen, und ein Abiturzeugnis, weil das eben die Eintrittskarte für die weiteren Bildungswege ist. Nur leider erstickt die Schule mit ihrer Arbeitsweise jeglichen eigenen Impuls der Wissens- und Verständnissuche, zerreißt die geistigen Prozesse, bietet zerstückeltes Betrachten, Forschen und Lernen und traktiert die Lernenden als Objekte der Überprüfung. Würden sie hier als Subjekte gesehen, wie es Gerald Hüther in den Blick rückt, müssten sie die Möglichkeit bekommen selbst zu bestimmen, wann sie ihr Wissen prüfen wollen, was sie als Nächstes lernen und wie lange und auf welche Weise sie sich damit befassen wollen.
Die Schule hat sie wieder nach einem belebenden Praktikum im echten Leben, zwängt sie wieder ins Stundentafel- und Testkorsett. Es tut einfach nur weh, gerade flackerte ein munteres Flämmchen der kindlichen/jugendlichen Lebendigkeit auf – ich meine nicht die pubertären Auswüchse, die mächtiger sind als Schule – Kreativität und die (Vor-)Ahnung von Sinn im eigenen Leben wagten sich ans Licht, und nun bleiben sie zurück als verblassende Erinnerung. Die Auswertung der Praktikumsmappen geht im Kämmerlein der betreuenden Lehrers vor sich, der Austausch der Lernenden untereinander bleibt auf private Anekdoten beschränkt, nachfolgende Inspiration, gegenseitige Spiegelung und Bekräftigung bleiben aus. Im Praktikum haben sie dagegen jeden Moment Rückmeldungen über ihr Handeln von den anderen Anwesenden bekommen, bewusste und unbewusste, sprachliche und nichtsprachliche.
Bevor eine tragfähige Vision vom Leben nach der Schule entstehen kann, die dem schulischen Lernen Sinn verleihen würde, kehrt die tägliche Tretmühle in das Leben der jungen Menschen zurück.
Ohne meine Rettungseinsätze würden meine Kinder die Schule nicht überstehen. Sei es krankenschwesterliche, hausaufgabenunterstützende oder nachhelfende Arbeit oder die Bezahlung anderer Personen dafür – die Schule dringt tief in das Familienleben ein. Wenn alle Eltern sich dessen bewusst würden, was sie leisten, damit die Schule so bleiben kann wie sie ist, würden sie vielleicht in Streik treten und sagen: „Was hier aus unseren Steuern gemacht wird, ist nicht zielführend.“ Wenn sie sich bewusst wären, wie es sich für ein Kind anfühlt, in der Freizeit, zu Hause auch noch Schule machen zu müssen und nicht nach Herzenslust spielen oder ein Hobby ausüben zu dürfen! Zu Hause wird ein gefährlicher Ort, an dem es nicht sicher ist vor den Schulproblemen, so es sie gibt!
Wenn Eltern den Schmerz spürten, den das Absterben jeder einzelnen Nervenzelle im Gehirn auslöst! Wir haben Schläge und andere körperliche Gewalt abgeschafft, weil’s weh tut. Nun müssen wir den Mord an der eigenen Motivation, Kreativität und Wissbegier abschaffen! Die Vergewaltigung der Seele. Wir mussten da auch durch und es hat uns nicht geschadet? Wir reichen den Schmerz weiter. Klar kann man an den Herausforderungen wachsen, aber dann dürften sich die Leichen im Keller nicht so hoch stapeln.
Meinen ganzen Blog schreibe ich wahrscheinlich nur aus solchen Schmerzen heraus. Und bei aller Münchausenhaften-Mich-Selbst-Aus-Dem-Sumpf-Zieherei kann ich doch eines nicht alleine: Mein Bedürfnis nach menschlicher Gemeinschaft stillen. Dazu brauche ich andere Menschen. Und es schmerzt, wenn sich niemand findet, der mir die magischen Begegnungen beschert, die unsere Märchenfiguren am Ende „erlöst“. Das sind Leute, die sich nicht an den Schwächen und Fehlern stoßen, die sich nicht über Dornenhecken aufregen oder unwegsame Waldwege und Scheintote in gläsernen Särgen. Es braucht ein ganzes Dorf, um die Bedürfnisse eines Menschen zu stillen, es reicht nicht ein einzelner Märchenprinz, der aber setzt eben allem die Krone auf 🙂 (Als Einsiedlerin käme ich insofern gut klar, als ich sehr gut mit mir allein sein kann. Aber es kommt letztlich immer einer, der sich dazudrängelt oder den Platz gar für sich beanspruchen will.)
Den Kindern zu sagen, sie müssten jetzt dies und alles Mögliche lernen, weil sie es später brauchen, ist reine Verschwendung, wenn man genausogut Situationen finden und schaffen kann, in denen der Sinn unmittelbar erlebbar wird: von Schreiben, Rechnen, Lesen, Wissen. Das geht beim Theaterspielen los, beim Musizieren weiter, Malen, Bauen, Kaufen, Forschen…
Stattdessen würgen wir den lebendigen Impuls mit dem Hinweis auf Pläne und Vorschriften ab. Ich als Mutter, indem ich mich den Vorschriften eines Schulgesetzes beuge aus Angst vor den Strafen bei Verweigerung, indem ich mein Kind Menschen anvertraue, die in ihrer Arbeit auch gegen ihr eigenes Herz handeln um die Vorschriften zu erfüllen, so wie ich, wenn ich mich nicht traue da nicht mehr mitzumachen.

Woche XXXVII | Montag, 09.05.2016

Alle sind auf ihren Wegen, weitgehend gesund. Ich höre von meiner Tochter inzwischen mal Geschichten aus ihrer Grundschulzeit und Orientierungsstufe – die mir die Haare zu Berge stellen. Ich habe der Schule ein feinsinniges Mädchen überlassen, und dort wurde sie – zwar viel indirekt durch die exemplarische Behandlung anderer Kinder – angegangen wie ein stumpfer, roher Klotz. Übertrieben gesagt. Sie hat so oft geweint dort, von dem wahren Ausmaß wusste ich kaum etwas. Hat sie damit ein Lehrerinnen-Herz erweichen können? Nein, wohl eher nicht. Schließlich müssen Kinder gefordert werden. Sie kann mir viele dieser Erlebnisse erst jetzt erzählen, nach Jahren. Ist kein Wunder, dass sie am Ende mit Kopfschmerzen umgehen musste als körperlichem Ausdruck, da die Sprache ihr nicht diente. Sie war einfach nicht gefragt. Niemand in der Schule hat sich die Mühe gemacht, mein Kind wirklich anzuhören und die Effekte dieser Art des Forderns zu erforschen. Ich zu Hause hatte dann nur noch ein verbeultes, quietschendes Bündel und wenig Lust, mein Kind mit Fragen zu nerven, wenn es einfach seine Ruhe brauchte.
Ich glaube, die Methoden der schulischen Disziplinierung um des Erfüllens eines Lehrplans willen machen jedes empfindsame Wesen erstmal sprachlos und schlagen es in die Flucht. Wenn es sich wie bei uns nicht um Löwen handelt, sondern um Gazellen.
In der Schule meines Sohnes entfällt der Druck, der z.B. durch Benotung der Leistungen erzeugt wird und den viele Eltern aufbauen aus Sorge um den Lernerfolg, der sich dann äußert in den Sprüchen der betroffenen Mitschüler und auf diesem Wege auch meine Kinder erreich(t)e. Aber womit werden dort die Kinder gelockt, damit sie die Lernaufträge annehmen wollen? Das ist mir derzeit nicht so ganz klar, ich weiß nur, was ich tue, wenn ich jemandes Interesse auf etwas Bestimmtes lenken möchte ohne Gewalt anzuwenden. Vor allem schalte ich nach Möglichkeit die Angst ab, dass es nicht klappen wird. Denn alle Kinder, mit denen ich bisher zu tun hatte, sind grundsätzlich offen für Neues. Meine Kunst besteht darin, das zu fördern und nicht zu verbauen oder zu verstören. Ich lade sie ein, sich meinen Vorschlag anzusehen, erlaube ihnen, Nein zu sagen, komme später wieder darauf zurück, erörtere die Wichtigkeit aus meiner Sicht und biete verschiedene Verbindungsmöglichkeiten an. Was ich auf jeden Fall vermeide, ist jegliche Form der Manipulation, auch das Loben oder Belohnungen zähle ich dazu.
Mein Sohn jedenfalls kann nicht alle Aufträge der Schule zu seiner Sache machen und mir fällt derzeit die Aufgabe zu, beispielsweise seine Schreibfertigkeiten verbessern zu helfen. Grundsätzlich spricht nichts dagegen, ich bin sehr dafür, dass meine Kinder die Kulturtechniken zu nutzen lernen. Aber wenn ich sie schon zur Schule schicken muss, dann soll dort wenigstens auch die dazu erforderliche Situation geschaffen werden, dass die Kinder es lernen können. Es reicht nicht, ihnen das anzuordnen und nun macht mal und seid leise. Genauso wie ich zu Hause für die Möglichkeit sorgen muss, dass Hausaufgaben für die Schule erledigt werden können, genauso muss in der Schule das Lernen ermöglicht werden. Also stellt sich die Frage, was dazu nötig ist.
Nach meiner eigenen Erfahrung insbesondere erwachsene Menschen als Anleiter, Begleiter, Beschützer, Bereitsteller, Einlader und Willkommenheißer. Die den Kindern das Beste zutrauen und ihnen Raum, Gelegenheit und Hilfestellung geben, es auch zutage zu fördern. Als Menschen mit dem Herzen am richtigen Fleck. Erst als Jugendliche beginnen die Heranwachsenden auch die Erwachsenen differenzierter wahrzunehmen, können guten Menschen Fehler zugestehen, in doofen Menschen auch freundliche Züge entdecken. Bis dahin herrscht eher eine Art entweder-oder, möchte ich meinen, und die große Sehnsucht nach einer heilen Welt. Hauptsache die Lehrerin ist nett. Dann kriegt man auch den Rest irgendwie hin.
Ich bin nicht sicher, ob aus mir mal eine Löwenmutter werden könnte, die sich kampflustig vor ihre Jungen wirft. Vielleicht hätte es meiner Tochter ein paar Kopfschmerzen erspart. Oder vermehrt, denn die Kampfmütter, die ich kenne, finden auch wenig Gehör. Eher bekommen sie das Gefühl, dass es ihren Kindern nach jedem Einsatz noch schwerer wird in der Schule.
Wir kommen nicht drumrum, uns als Menschen im Gespräch zu treffen, Verständnis zu suchen, Einfühlung, um die Gratwanderung von Fordern und Fördern gut zu meistern im Sinne der Stärkung unserer Kinder, denen wir einen Planeten hinterlassen, der erstmal grundsaniert werden muss. (Was spielen wir uns also auf als diejenigen, die wissen, was gut ist für die Kinder??!) Ein guter Grund, endlich zusammenzuarbeiten und gemeinsam Verantwortung zu übernehmen, statt sich gegenseitig die Zuständigkeiten zu verlesen.

Woche XXXIV | Montag, 18.04.2016

Fast hätte ich es verpasst – ist ja schon wieder ein Beitrag fällig geworden, wenn ich meinen Turnus einhalten möchte… Zum Start der 34. Woche dieses Schuljahres bewegten mich weniger die Sorgen meiner eigenen Kinder, sie sind vergleichsweise harmlos geworden. Mein kleines großes Mädchen, dessen Präfrontaler Kortex sich derzeit erheblich gestaltet, empfindet sehr scharf jegliche Art des Zunahetretens: insbesondere auch die Beschneidung ihrer eigenen Entscheidungen durch die in ihrer Schule gängige Unterrichtspraxis. Sie träumt immer kräftiger von selbstbestimmtem Lernen, von Begleiter*innen, die anregen und anleiten statt vorzuschreiben oder mit Benotung zu drohen. Von Räumen voller Material und Möglichkeiten. Sie hat die permanente Unterstellung der schülerischen Unwilligkeit mehr als satt.
Mein Grundschulkind geht ebenfalls wieder, wenn auch hustend, zur Schule. Seit ich nun andere Kinder mit Schulproblemen begleite, wird mir der Segen der benotungsfreien Rückmeldung noch einmal mehr deutlich und ich genieße es, diese Ablenkung vom eigentlichen Sinn des Erlernens der Kulturtechniken nicht auch bei ihm zu haben, und den Umgang damit am Ende des Tages als Hauptthema serviert zu bekommen. Ja, die Kinder verletzen sich an schlechten Noten, vielleicht schlimmer als an Schlägen auf den Hosenboden – da kann man sich wenigstens als tapferer Held feiern lassen. „Es macht gar keinen Spaß zu lernen, wenn man immer nur schlechte Noten bekommt“, gestand mir ein 9jähriges Mädchen kürzlich.
Ich arbeite mit den Kindern daran, dass sie trotzdem wieder an die Sache herangehen, erschließe mit ihnen den Spaß, den man daran haben kann, zu rechnen oder Botschaften schriftlich zu ver- und wieder entschlüsseln. Die Eltern bestärke ich darin, Eltern zu sein, keine Nachhilfepauker, und ihr normales Familienleben nicht für Hausaufgaben- und Übungsorgien zu opfern. Ich rede zudem mit ihren Lehrer*innen, möchte sie ermutigen, menschlich auf die Not der Kinder zu schauen. Sie sagen, sie müssen das alles schließlich in der Grundschule lernen, und ich frage, ob denn die Kinder, die sie mit schlechten Zeugnissen dann weiterziehen lassen, gelernt haben, was sie sollen. Das einzige, was geschehen ist, ist die Abarbeitung des Planes seitens der Pädagog*innen. Sie haben ihre Pflicht erfüllt. Die Kinder, die nicht das Glück haben, rein zufällig mit dem Tempo und der Darreichungsform der Unterrichtsinhalte gut klarzukommen, könnten sich diagnostizieren lassen, manche fahren weite Wege übers Land, um in eine LRS-Klasse zu gehen, stehen morgens dafür eine Stunde oder mehr früher auf, ihre Eltern mit ihnen, und kommen müde wieder heim, womöglich immernoch mit demotivierenden Erlebnissen. Abgesehen davon, als diagnostiziertes Wesen aus dem sonst Üblichen hervorzustechen, zementiert sich die Diagnose nachträglich noch, wenn die Resignation einsetzt.
Ja, hier in der Gegend gibt es einen Aufschrei, wenn ich das Thema Benotung anspreche und in Frage zu stellen wage. Die Eltern fürchten, ein wichtiges Instrument zur Erziehung ihrer Kinder zu verlieren. Für viele ist die Note die einzige Orientierung. Sie wissen dann sofort, ob ihr Kind „gut“ ist. Und wenn nicht, dann geht die Notfall-Maschinerie los: das Kind wird zu mehr Üben gezwungen, den Lehrpersonen in der Schule werden die Türen eingerannt. Schuld wird verteilt und zurückgewiesen. Der zweite Bildungsweg wird beschritten, monatlich viel Geld für Nachhilfe ausgegeben, da könnte man gleich in eine private Schule gehen, in der ein Kind in seinem Tempo lernen kann, individueller betreut wird und dann auch noch Freizeit behält, die für seine geistige und seelische Erholung unerlässlich ist.
Lehrer*innen beklagen sich, dass sie in der Schule die Erziehungsmängel der Elternhäuser ausbaden, ich selbst habe mich lange dagegen aufgelehnt, die Schädigungen meines Kindes durch die Schule ausgleichen zu müssen.
Und sehe ich es falsch? Steuerzahlende zahlen doppelt für ein schlechtes Schulwesen: entweder in Nachhilfe oder in private Schule fließt ihr Geld, beides macht die staatlichen Schulen nicht besser, die wiederum aus den Steuern derselben Leistungstragenden bemittelt werden. Und dann noch die Spätrechnung, wenn die Kinder krank werden, psychische Probleme bewältigen müssen oder, bei erfolgreicher Verdrängung, körperliche Leiden erleben müssen, die von all den Leichen im Keller hervorgerufen werden: „Das Gehirn macht aus Psychologie Biologie“, sagt Joachim Bauer in einem seiner Internet-Vorträge, der Körper ist das Gedächtnis unseres täglichen Empfindens, bis in die Gene hinein. Wann beginnt das Großreinemachen? Es ist Frühling, eine gute Zeit für den gründlichen Winterschlussputz! Für das Ausmisten all der Glaubenssätze und Ideologien, die uns von Mitmenschlichkeit im Umgang miteinander und mit uns selbst abhalten. Ich selbst bin intensiv dabei, und – es tut einfach gut!

Woche XXVIII | Montag, 07.03.2016

Da ich krank war, den Blick von gestern also heute. Ja, nun bin ich dran mit Ausfallen. Ich meine, nicht dass mir das zwischendurch nicht auch immer mal passiert, dass ich statt eines Vorhabens doch zur Ruhe gehe – der Plan ist das Eine, das Leben aber hat viel mehr Mitwirkende, als wir jemals einplanen könnten…
Doch dieses Mal gab es für mich keinen Spielraum, um meine Montagsvorhaben umzusetzen, eine Ruhephase einzuschieben und eben danach weiterzumachen, dehnte sich bis in den Dienstag Abend aus…
Meine beiden hier verbliebenen Kinder sind wie immer zur Schule gewesen. Die Große genießt immernoch die frühmorgendliche Bustour und besonders die Zeit, die sie vor dem Unterricht noch in der Schule hat. Es ist nicht meine Uhrzeit, ich bekomme es nur selten mit, dass sie aufsteht. Zum Glück kann ihr Papa das, so ist sie morgens nicht allein. Ich schätze, ich würde es über mich bringen, wenn er nicht da wäre, weil ich sie nicht allein lassen wöllte. Aber sie ist ja in guten Händen.
Mit dem Kleinen frühstücke ich schon eher, nur nicht gestern und heute. Ich habe sogar einen Kurs abgesagt, weil ich nicht auf dem Posten war, um ihn durchzuführen. Es ist ein Kurs, den ich voller Freude und Kreativität gestalten kann – ein Glücksfall, so zu arbeiten. Hat aber nicht gereicht, um mir den Genesungsweg abzukürzen oder zu raffen. Ich bin schonmal aus Protest gesund geworden, vor vielen Jahren. Ich hatte Angina und Mittelohrentzündung, lag allein auf meiner Studentenbude und sah irgendwie keinen Sinn in allem. Dann guckte ich auf N3 Regionalnachrichten, da wurde von irgendwelchen Jugend-Initiativen berichtet. Ich bekam so einen intensiven Anfall von „ich will dabeisein!“, dass ich innerhalb eines Tages wieder fit auf den Beinen war. Ohne Antibiotikum. Seit über 20 Jahren hatte ich keine derartigen Beschwerden mehr.
Diesmal habe ich heute vormittag endlich intensiv gefiebert, der Husten ist nun locker und meine Denkkraft ist heute nachmittag an der frischen Luft wieder erwacht. Mit ihr die Lust an der Weitergestaltung meiner Tage.
Zwischendurch ereilt mich die große Sinnfrage, so auch am Wochenende, als sich ein längeres Bemühen einfach nicht von Erfolg krönen lassen wollte. Die Einsicht traf mich nicht hart oder überraschend, dennoch hatte ich meine Schwierigkeiten, mich von der Idee zu verabschieden. Ich bin überzeugt, dass mein Husten die körperliche Reaktion auf dieses Ereignis war. Begünstigt durch eine schlaflose Nacht zum Montag, konnte das Geschehen seinen Verlauf nehmen. Ich habe mal einen Bericht über eine Studie gesehen, in der zwei Gruppen infiziert wurden, die eine durfte danach ungestört schlafen, die andere wurde ständig aufgeweckt. Die gut Ausgeschlafenen sind nicht erkrankt, die anderen ja. Nun weiß man nicht, wann man sich was einfängt, da ist es wohl angebracht, möglichst immer gut zu schlafen…
Ich hoffe, die Kids haben ausreichend Schlaf in dieser Woche, ich werde besser drauf achten, es bahnt sich sonst was an, will mir scheinen. Die Große hatte Kopfschmerzen heute, der Kleine rannte dauernd auf die Toilette, als wir zu Hause ankamen.
Mein Auslandskind scheint gut drauf zu sein. Ich würde auch gern mal ein Gastkind aufnehmen – wenn sich die Lage meiner eigenen stabilisiert hat und ich in Haus und Hof das viele Liegengebliebene besser im Griff habe. Jetzt bin ich erstmal froh, dass die Große einen anderen Lebensentwurf kennenlernen kann. Im fernen Osten.

Woche XXI | Montag, 18.01.2016

Alle Kinder sind an ihren jeweiligen Bestimmungsorten jenseits des trauten Heimes. Und ich habe noch ein leichtes Nachklingen vom Tag der Offenen Tür an unserem Gymnasium, ein angenehmes, aber irgendwie auch zwiespältiges. Es gibt Bewegung, die Techniken, die für eine demokratische Lebenskultur nötig sind, kommen verstärkt ins Spiel, zum Beispiel Debattieren. Nur wenige Jugendliche können ihre Anliegen klar formulieren, was aus meiner Sicht eindeutig daran liegt, dass das nie gefragt ist. Meine Kinder haben seit ihrem Eintritt in öffentliche Betreuungs- und Bildungseinrichtungen das Sprechen wieder verlernt. Nun nicht buchstäblich, aber die Fähigkeit, ihre Bedürfnisse zu benennen, ihre Gefühle sprachlich zum Ausdruck zu bringen, sind verkümmert. Wenn ich sie zum „Feierabend“ befragen wollte, was sich während ihres Tages ereignete, bekam ich immer mehr das Gefühl, dass ich sie in ihrer Freizeit nicht auch noch daran erinnern solle. Bei McFlitz ist das ein bisschen anders, aber auch er zeigt Regredierungserscheinungen. Jetzt, viele Jahre nach der Grundschulzeit und der Orientierungsstufe packen die Mädels Dieses und Jenes aus. Wir lernen ja gerade wieder zu sprechen, da kommt nun Einiges zu Tage.
Meine Zwiespältigkeit in Bezug auf den TdOT rührt wohl daher, dass ich mein besseres Wissen nicht gerade heraus anbiete. Ich tappe wie um einen heißen Brei, möchte den Erwachsenen in der Schule einerseits nicht zu nahe treten und ihnen sagen, wie sie was zu machen haben. Aber egal wie ich es beginne – es wird wohl immer als An-Griff aufgefasst werden von denen, die sich sogleich in Frage gestellt sehen, wenn man nicht spontan „Hurra“ schreit und ihr Tun lobt. Andererseits sind da jene Eltern, für die alles in Ordnung ist so, wie es ist. Seltsamerweise reagieren sie beinahe allergisch darauf, wenn ich das Thema Benotung ansprechen will – kritisch, versteht sich. Immerhin hatte ich schon einmal Gelegenheit, einer Mutter, die mehr Druck für ihr Kind seitens der Schule „bestellen“ wollte, zu berichten, dass meine Kinder eigentlich gerne endlich in Ruhe gelassen werden wollen von all den Versuchen, motiviert zu werden. Durch die Androhung von Bewertung, das Aufbrummen von Extra-Aufgaben und andere Krücken der Disziplinierung. Ja, da bin ich stolz auf mich, dass ich das konnte, als sich die Gelegenheit bot. Warum auch sollen motivierte Kinder ausbaden, was für die frustrierten bestimmt ist, bei ihnen aber auch nicht recht funktioniert?
Ja, das scheint mir mein Dilemma zu sein. Ich weiß etwas und halte damit hinter dem Berg aus Rücksicht auf die Befindlichkeiten anderer Erwachsener. Klar, auch darauf, dass ich bisher nicht recht wusste, wie ich mit dem jeweiligen Gegenwind oder Wirbelsturm umgehen kann… Ich habe all die Krankentage der Kinder gebraucht, um mich wirklich aufzurappeln – wären sie gesund gewesen, hätte es auch kaum Handlungsbedarf gegeben, schätze ich. Mal sehen, wie ich nun weiterhin zur Erörterung auffordern werde, inzwischen bin ich ja auch nicht mehr allein und es gibt schon echte Gespräche im Elternrat. Also auf in die neue Woche!

Woche XII | Montag, 16.11.2015

Der Tag ist nicht mehr ganz taufrisch jetzt um 16:47, aber immerhin halte ich heute meinen Rhythmus einigermaßen ein. Der Start in die neue Woche fand nach einem Wochenende statt, an dem die Mädels, einen Tag sich selbst überlassen, kaum etwas anderes taten als am Bildschirm zu hocken. Sie gucken ihre Serien. Tanken dort etwas, was sie im analogen Hier und Jetzt nicht finden können. Kkumhada hatte sich für den Nachmittag zu Hausaufgaben verabredet, das brachte ihr ein bisschen Fahrradfahren an der frischen Luft ein, Oishi-Kawaii aber hat nur die paar Minuten draußen verbracht, die ich sie vor die Tür „geschoben“ habe, bevor ich zu den Kindern einer Freundin fuhr, mit denen ich an die fünf Stunden lang in einen Flow kommen sollte, der uns alle in Staunen versetzte… (Naja, für mich nichts Neues, aber immer wieder ein wundervolles Erlebnis.)
McFlitz hat noch von sich aus den Weg ins Freie gefunden, nach einer Woche mit vielen Freunden um sich herum genießt er das ungestörte Allein-Spielen in vollen Zügen. Es zieht ihn nirgendwohin am Wochenende. Wenn sein Freund zu uns kommt, spielt er gern mit ihm, aber selbst auf Freundesuche zu gehen, fällt diesem meinem Kind nicht ein.
Meine Oishi-Kawaii macht mir Sorgen, sie kommt immernoch nicht in eigenmotivierte Bewegung. Na gut, unter der Woche hat sie mehrmals 20 Minuten Fußweg an verkehrsarmer Landluft, und das Klarinettenspiel bewirkt Erwärmung und Beatmung ihres Körpers und ihrer Zellen, besser als gar nichts. Aber in ihr wohnt eine große Traurigkeit, aus den Jahren, in denen sie keine Freundin in der Nähe hatte. Zumindest ist das mein Gefühl. Ich muss an Kummer aus dem Film „Alles steht Kopf“ denken, wie sie am Boden liegt und sich von Freude am Bein ziehen lässt und so etwas sagt wie: „Ach das ist eigentlich auch ganz angenehm.“
Ich bin heute morgen dem Frust in die Falle gegangen. Frust über alles Mögliche, was gerade nicht gut klappt. Sorgen. Um meinen Start ins Geldverdienen. Sobald ich daran denke, verliere ich die Verbindung zu meiner Arbeit, meinen Themen. Die Verbindung zu allem, was gut ist. (Und meinen Kunden zur Zufriedenheit verhilft.) Ich denke nur noch daran, was alles gegen meine Arbeit spricht und sie madig macht und damit Grund zur Reklamation gibt. Und dass sie entweder zu teuer ist oder ich nicht davon leben kann… Ein ganzer Film kommt da ins Laufen.
Und dann habe ich auf Frau Birkenbihl gehört und minutenlang meine Mundwinkel in eine grinsende Stellung gebracht und entschieden, mir diese Sorgen später zu machen, wenn ich gerade nichts Besseres zu tun habe… Wenn die Muskeln dabei tatsächlich auf den Knopf zur Glückshormonproduktion drücken, kann ja nichts mehr schiefgehen. Jedenfalls konnte ich nicht gleichzeitig trübe Gedanken schieben und mich voll auf die ordnungsgemäße Ausführung der Übung konzentrieren. Ja, genauso geht es mir auch, wenn ich ein Lied übe oder mir eine Bastelidee für Kinder ausdenke – da habe ich keine Zeit für Trübsal. Jedenfalls bastele ich im Kopf an einem Vortragsprogramm, eine Mischung aus eigenen Texten und Liedern, die ich nun dochmal aus der Schublade freilassen könnte. Ich habe eine Freundin, deren Bilder ich dazu ausstellen möchte. Es kann ein anregend-berührendes Programm daraus werden. Und ich habe wirklich große Lust, mit Menschen ins Gespräch zu kommen über meine Themen, übers Schreiben und und und.
Ich weiß nur nicht, wie ich es angemessen und einladend in die Welt bringen kann, meistens sehe ich das als ein neues Erkundungsfeld an, nur heute Morgen, da kam es mir wie ein heilloses, undruchdringliches Dickicht vor, für mich kleines, nacktes, schwaches Wesen.