Woche XXXXII | Montag, 13.06.2016

Für Kinder, die in zwei gegensätzlichen Kulturen aufwachsen, knirscht es mächtig, und sie müssen sich entweder dick polstern oder bekommen es mit allerhand Krankheiten zu tun – da stellt sich ein ganzer Körper mit seinen inneren Organen als Bildschirm zur Verfügung.
Ich hatte es als Kind da viel leichter, Schule und Elternhaus waren sich in wesentlichen Punkten einig. Dass einige dieser Punkte für mich fatal waren oder später wurden, steht auf einem anderen Blatt, denn zu jener Zeit gab es noch keine Gehirnforscher, die deutlich sagten: Das Gehirn macht aus Psychologie Biologie. Und wo es keinen direkt sichtbaren, linearen ursächlichen Zusammenhang gab, wurde er auch nicht angenommen.
Wie viele Spinner*innen mussten ohne wissenschaftliche Messmethoden mit ansehen, wie das für sie Offensichtliche abgestritten wurde. Nun ist die Psychosomatik schon etwas weiter und bestätigt viele der Spinnereien.
Ich als Kind konnte mich eindeutig falsch fühlen, wenn sich Schule und Eltern einig waren, ganz egal, ob ich mit allen meinen Zellen spürte, dass sie im Unrecht waren.
Bis heute kann ich mich dank der eingespurten Denkweisen als Versagerin fühlen. Nur mühsam bekomme ich die Puzzleteile zusammen: Natürlich musste ich scheitern, wenn ich zu Tätigkeiten verdonnert wurde, die mir nicht lagen.
Meine Kinder haben nur das Schulwesen gegen sich, ihre Eltern stehen nach Einfühlung und Verständnis suchend hinter ihnen. Inzwischen ist mir klar geworden, dass die Schule, die ich selbst ja oberflächlich betrachtet ganz gut überstanden habe, heute viel größeren Schaden anrichtet als damals, wenn sie mit den Methoden der Unterwerfung und Bedrohung versucht, ihren Lehrauftrag zu erfüllen. Nicht nur, dass sie die Kinder als Menschen missachtet und zu Objekten der Belehrung und Bewertung degradiert, womit der Weg zum Opfersein systematisch gebahnt wird. Zudem wird das unentschuldigte Fernbleiben auch noch mit Strafen geahndet, derer sich eine freiheitliche Demokratie bedient, die ihren eigenen Bürgern nicht traut.
Mit den Maßnahmen, die eigentlich den Bösen gelten, machen sie in Wirklichkeit den Guten das Leben schwer. Denen, die eigene Antworten geben wollen, Verantwortung leben. Vor allem entlässt sie im Erfolgsfall artige, gehorsame junge Erwachsene, die weit davon entfernt sind, eine freiheitliche Gesellschaft mit der notwendigen kritischen Betrachtung aller Umstände zu bereichern und mit aller Kreativität auf die Lösung der komplexen Probleme hinzuarbeiten. Sie werden Bankleute, Lehrer oder Geschäftsführer – oder Wissenschaftler, letztere vielleicht zusammen mit den Künstlern die einzige Hoffnung auf Rettung?
Sicherlich ist es naiv, blindes Vertrauen in einander zu erwarten, aber Vertrauen ist nichts Blindes. Vertrauen hat mit Vertraut-Sein zu tun, das heißt, man kennt sich. Man ist aufmerksam für einander, in Verbindung. Und alles was diese Verbindung be- oder verhindert, mindert das Vertrauen, beschädigt die Sicherheit und schränkt damit den Raum ein, in dem man sich als Mensch fühlen kann.
Dass das Schmerzen bereitet, können Neurowissenschaftler sichtbar machen. Nun ist das kein romantisches Gedöns mehr.
Inzwischen sind auch die selbst erfüllenden Prophezeiungen wissenschaftlich erwiesen und damit die Grundlage für die Legitimation des Vertrauensvorchusses gelegt: Traue den Anderen das Beste zu! Vor allem den Kindern.
Im Rückblick auf die Schulzeit meiner Kinder beginnt mich Trauer zu erfüllen. Ich musste mich von meinem Grundvertrauen verabschieden, das sich mit jedem Jahr als gegenstandsloser erwies. Bis auf einzelne Mensch gebliebene Pädagog*innen haben viel mehr Pflichterfüller*innen oder Ideolog*innen das Leben meiner Kinder verunstaltet als ich mir hätte träumen lassen – 15 Jahre nach dem Mauerfall, zur Einschulung meines ersten Kindes, müsste das doch anders sein?! Und jetzt, nochmal über 10 Jahre später? Was tun die Erwachsenen, die von Verantwortung sprechen? Was leben sie selbst?
Aber vielleicht ging es wirklich nur um Bananen und nicht um Freiheit. Bananen werden schließlich auch nicht von freien Bauern geliefert.
Die Kinder zwischen den Kulturen werden gesundheitlich von Leuten betreut, die nichts mit dem täglichen Leben der Kinder zu tun haben. Wie kommt die Rückmeldung dort hin, wo sie in die Entscheidungen einfließen kann? Viele Mediziner haben sich in der Vergangenheit an Pädagogen gewandt oder sich gar selbst pädagogisch betätigt, wie Maria Montessori vor bald 100 Jahren. Nun haben wir die Neurowissenschaften, die sich mit dem Organ beschäftigen, das auch fürs Lernen zuständig ist – ich hoffe, dass nun auch die Lernbeauftragenden zugänglicher werden und ihr tägliches Tun besser reflektieren!!! Es gibt ja schon viele, die sich auf den Weg gemacht haben, man kann hingehen und sich was abgucken, wenn man selbst nicht zu den Erfindern gehört.
Und ich selbst? Ich bin Versager, ja, ich kann es einfach nicht: Andere zu Objekten meiner Arbeit zu machen. Und sie dann noch zu bewerten. Und zum ersten Mal im Leben bin ich darauf stolz. Ich bin froh, immernoch diesen direkten Draht zu meinen Gefühlen zu haben und genau zu spüren, wie hohl ein Lob ist und wie schmerzhaft und ungerecht die Eingruppierung jenseits der Guten und Sehr Guten. Zumal weder die einen noch die anderen daraus ein Gefühl dafür entwickeln können, was sie wirklich gut können. Die einen rennen mit einer aufgeblähten Eitelkeit herum, haben aber womöglich nie gelernt, etwas durchzustehen oder etwas wirklich Wertvolles zu tun, und eine Garantie für ein gutes Erwerbsleben sind die guten Noten auch nicht (wie man an mir sehen kann). Die anderen schotten sich -nicht ganz zu Unrecht- von der Arroganz der Guten ab und machen fortan ihr eigenes Ding, den Rest ihres Lebens nicht müde werdend über die Studierten zu schimpfen oder zu lachen.
Die Kinder zwischen den Kulturen zeigen mit Krankheit oder Abschottung deutlich auf die Gefahren hin, denen sie ausgesetzt sind, wir Erwachsenen können nun die Mühlsteine und die ganze Mühle dahinter zu erkennen suchen und uns darüber einigen, was wir wirklich wollen: das ist vielleicht besser für die Kinder, auch wenn wir zunächst irren. Es gibt einen gemeinsamen Nenner, dessen bin ich sicher, der die Unterschiedlichkeit der Menschen und ihrer Wege zu fassen vermag und den Kindern dadurch einen sicheren Boden unter die Füße gibt.

Woche VII | Montag, 12.10.2015

Seit langer Zeit einmal hatte ich ein Wochenende, von dem ich mich am Montag nicht erholen muss. Ich, Samstag zur Fortbildung (Helikoptereltern, Angst, Resilienz), Papa derweil mit den Kindern in Berlin, eins hatte ein Vorstellungsgespräch für ein Austauschjahr, mit den beiden anderen Anti-TTIP/CETA-Demo und Ballettschuhe kaufen und Zutaten für Sushi…
Wir sind alle auf derselben Baustelle, nur manchmal nicht am selben Platz mit den denselben Aufgaben. Und langsam wird mir klar und klarer, wie wir den angeblichen Respektspersonen und Ehrwürdigen, die in Wirklichkeit alles kaputtmachen, den Weg ebnen. Wie wir unser Bauen von ihnen zerstören lassen. Denn es sind immer Personen. Wir dienen Strukturen, die uns als Vorschriften begegnen, wir spielen das „Amtliche Rollenspiel“ („Ich muss das ja machen.“), im Deckmantel unserer Bereitschaft, gesellschaftlichen Regeln zu folgen und sie nicht infrage zu stellen, verstecken wir uns, um nicht der Menschlichkeit zu dienen. Wer hätte gedacht, dass das heute so viel Zivilcourage erfordert! Wo wir doch keine KZ’s und Straflager mehr haben. (?!o?d!e?r!?) Dass Lehrende als Menschen agieren können, verlangt von ihnen Ungehorsam gegenüber Gesetzen, Verordnungen und anderen verbindlichen Texten. Ich als Mutter begebe mich aufs Glatteis, wenn ich meine Kinder ohne Krankenschein vom Arzt zu Hause behalte, gemäß meiner Intuition (bestätigt von der WHO-Definition) das Wohl im Auge habend, aber als Mutter wohl nicht wirklich die anerkannte Instanz, das zu beurteilen. Vielmehr gehe ich dann als Sanitätshelikopter in die Beurteilung ein, ver-wöhne meine Kinder, denen ich auf diese Weise die Möglichkeit des Aushalten-Lernens nehme.
So einfach ist das nicht. ICH nehme mir etwas heraus, wenn ich das tue, es ist für mich eine Mutprobe! ICH BIN schon ver-wöhnt worden, entfremdet, ohne Erfahrung, nur die der Strafe bei Nichtbefolgung, und habe die nötige Resilienz nicht im Gepäck. Ich will aus meinem Gehorsam gegen das Wort anderer Menschen heraus, will mich nicht einschüchtern lassen von Vorschriften, die werweißwem dienen nur nicht dem Wohlergehen meiner Kinder, Familie. Kann schon sein, dass die konkrete Strategie, mit der ich das derzeit versuche, sich als suboptimal herausstellt. Aber das werde ich erleben und wer will, kann mir gerne sagen, dass das ja wohl klar war und so kommen musste, und ich kann letzteres nur bestätigen, denn ohne diese Erfahrung bliebe mir nur wieder das gehorsame Befolgen fremder Rat-Schläge.
Auf dem Weg in die Freiheit müssen wir es uns wohl gefallen lassen, nicht mehr gehört zu werden, wenn wir es schon besser wissen und gut meinen. Und ich erwarte nicht, dass meine ganze Schreibarbeit irgend jemanden von oder zu etwas überzeugt oder die Welt verändert. Es ist nur für mich, in jeder Hinsicht. Ich emanzipiere mich damit von meiner Zurückhaltung, ich verlagere meinen Selbstausdruck von der körperlich-seelischen Gesundheits-Ebene auf die schriftsprachliche, in einigen Teilen auch auf die musikalische. Und mit den segensreichen Wirkungen, die das für mich hat, gehe ich als anderer Mensch in „die Welt“, ich mache andere Wellen im Ozean, wenn ich auf diese Weise darin bade. Und mit der Zeit schwappt dieser veränderte Selbstausdruck weiter ins Handeln, strahlt in jede Bewegung, in jede Geste, Miene. Die innere Haltung, die ich unter anderem durchs Schreiben gewinnen kann, wiedergewinnen – will ich sagen, durchdringt mein ganzes Wesen und alle meine Verknüpfungen mit der Welt. Berührt, wenn es mich rührt und bewegt, meine Familie, alle meine Freunde und Bekannten, in denen es sich fortpflanzt zu ihren Angehörigen, denn wir sind alle verbunden.
Ich habe dieses Impuls-Pendel vor Augen, während ich mir diese letzten Zeilen nochmals durchlese, manchmal scheinen sich die Angestoßenen nicht zu bewegen, das bedeutet vielleicht nur, dass sie noch nicht das Ende der Kette sind. Ich vertraue auf meine Wellen, und ich bin so reinen Gewissens wie selten – denn ich bin der Menschlichkeit verpflichtet, dem Leben, das spürbar pulsiert und fließt, wenn es nicht eingefroren ist und seine Wellenlänge so groß, dass sie in einer Lebensspanne nicht ermessen werden kann. Ich spüre mein Herz klopfen und Kribbeln im Bauch, mein Kopf ist berauscht ohne äußere Hilfsmittel: vom Lebendigsein, mit und für mich und meine Welt, die Menschen, die Pflanzen und Tiere, mit einem Sinn für das vielgestaltige Echo meiner Handlungen, das sich überall spiegelt, wo ich hinhöre und -sehe.
Ach ja: alle meine Kinder sind in der Schule, also gesund und der Meinung, sie kriegen’s hin. Danke!

Woche IV | Freitag, 25.09.2015

Ich schreibe, bevor der Tag losgeht, ich weiß also noch nicht, was mich später am Frühstückstisch erwarten wird, ob alle gesund sein werden. Bisher verlief diese Woche jedenfalls weitgehend „gesund“. Ich habe mein Kopfschmerzkind eindringlich instruiert, dass es diese Tests und Klassenarbeiten nicht allzu ernst nehmen darf, zumal auch niemand danach fragt, ob sie sich bereit dafür fühlt. Es geht nur um den Plan, nicht um die Kinder.
Auch in der freien Schule von McFlitz geht es um den Plan, immerhin wird er nicht mit Noten traktiert, sondern kann die Tests als Möglichkeit wahrnehmen zu schauen, wie weit er kommt. Seinen Stand der Dinge im Vergleich zum Jahrgangsziel zu ermitteln, ist ihm nicht wichtig, aber wenn er nicht alles fertigstellt in der gegebenen Zeit, dann wird ihm das nicht einfach kurz und knapp quittiert, sondern es gibt ausführlichere Gespräche über Notwendigkeiten, um Verständnis herzustellen und seine Ziele neu zu stecken, wenn nötig. Z.B. gab es im vergangenen Schuljahr diese Tests zu den Malfolgen, die zutage förderten, das mein Kind alles richtig rechnet, nur eben nicht so schnell. Die Schnelligkeit hatte für ihn noch keinen Sinn gemacht, also wurde sie auch nicht zum Übungsziel.
Meine Große geht ihren Weg. Sie weiß noch nicht, was sie nach dem Abi machen will. Ich schlage ihr immer vor, ein Handwerk zu lernen, das ist eine Art Erdung, ein Fundament, damit ein Studium -wie bei mir- nicht so abgehoben obendrauf jegliche Verbindung zur Wirklichkeit vermissen lässt und damit nicht in die Praxis führt. Das kann bei ihr natürlich ganz anders sein.
Ich vermisse immer ein bisschen das Gespräch mit meiner Großen, werde nicht so recht vertraut. Kurze Mitteilungen und dann weiter. Bevor ich weiß, wie mir geschieht, ist der Kontakt schon wieder vorbei. Ich sitze gern einfach mal ein bisschen länger beieinander, auch ohne was zu sagen. (Aber auch ohne Smartphone oder Buch.) Nun ja, sonst gibt es nichts zu wünschen. Nur dass sie gesund bleiben möge auf dem Motorrad, jetzt bei der Fahrschule und danach…
Wir haben tatsächlich eine Woche erlebt, in der die Freizeit mal nicht der Genesung gewidmet werden musste. Danke!!! Ich habe dafür was getan: Bewusst die der Pflichterfüllung dienende Routine, die den Kindern genug Freizeit, Zeit für HA und für Schlaf sichern sollte, durch eine ganz gemütliche, undurchstrukturierte, gemeinsame Feierabend-Runde auf der Kuschelbank gebrochen. Vorher wie immer zusammen was essen, und dann eben nicht gleich in die nächsten Aufgaben oder jeder für sich in die Auszeit verabschieden, sondern zu einem Quassel-Symposium zusammenfinden. Mit offenem Ende. Und was soll ich sagen? Ich hatte ja im Stillen befürchtet, wenn ich das mache, läuft danach kein Haushalt mehr, weil die Erschöpfung eben die Oberhand bekommt. Weit gefehlt! Eine echte Leib- und Seelen-Tankstelle gefunden! Und mein ausgiebig kuschelnder McFlitz kann dann sogar viel selbständiger sein! Ganz von allein. In meine Oishi-Kawaii kommt Bewegung und Lust auf dies und das jenseits von Buch und Bildschirm. Und meine Kkumhada wird gesellig und gesprächig… Was hat mich nur in jene Pflichtenfalle gebracht??? Unmerklich bin ich hineingeglitten, mit jedem Versuch, den Nachmittag zu optimieren, ein Stückchen tiefer. Und habe nicht verstanden, dass gerade diese achtsame Planerei jedes Luftlöchlein verstopft hat, das uns mit ungleich erholsamerer Frischluft gestärkt hätte als der ausgebuffteste Wellnessplan. Auf ins Wochenende! Nach Lust und Laune. (Naja, einen Plan gibt’s diesmal schon wieder, wir bekommen Gäste… Aber es ist mehr ein Rahmen, mit Spielräumen. Und Kuschelbank!)