Woche XXV | Montag, 15.02.2016

So, nun geht’s wieder los. Die beiden Jüngeren sind in ihren Schulen, durchaus freudig aufgebrochen heute morgen. Vor allem, weil sie ihre Freunde wiedersehen. Eine gewisse Aufregung hat sich gestern abend schon gezeigt – einzuschlafen war doch etwas schwerer. Das kann natürlich auch daran liegen, dass sie sich erstmal wieder an die Zeiten gewöhnen müssen… Von Sorgen habe ich nichts mitbekommen, das kommt meist auch erst später zum Vorschein. Zum Beispiel in Form von Kopfschmerzen. Oder Schnupfen.
Die Große ist freigestellt, es sind ihre letzten Tage zu Hause. Sachen zusammensuchen, Listen schreiben, Besorgungen…
Ich habe bei mir selbst Zwiespältigkeit beobachtet: Einerseits bin ich froh, dass sie wieder aus dem Haus kommen, andererseits freue ich mich gar nicht auf die Kollateralschäden, die ich dann zu bearbeiten bekomme, und die deshalb entstehen, weil sich Menschen nicht entscheiden wollen, Frieden zu schaffen und Kinder einfühlsam ins Leben zu geleiten. Sie werden hier noch angehalten, sich auf das Dasein als Zahnrad in einer Mühle einzurichten, nicht wirklich als Menschen in einer Gemeinschaft ihre eigenen Antworten zu geben. Na denn, weiter geht’s im Text.

Woche XXIII | Freitag, 05.02.2016

Gestern also der Stichtag für die zweite Wochenbuchnotiz, der Tag stand, wie auch die übrigen dieser Woche, im Zeichen von Schniefnasen. Auch nach einer Woche Ferien und fast ungestörtem Spiel hatte McFlitz keine Gelüste auf Unternehmungen, es blieb ihm jedoch wenig Wahl, wir hatten eine Beerdigung auf dem Zettel, ein Novum für ihn. Wir begruben meine Tante, trafen auch wieder einmal Familienmitglieder 2. und 3. Grades.
Die Große, Kkumhada, konnte bei dieser Reise-Gelegenheit ihre Visa-Unterlagen für’s Austauschjahr einreichen, Oishi-Kawaii schrieb an ihrem Buch weiter – Smartphone sei Dank! – und genoss auch das Interesse der entfernt verwandten oder befreundeten Erwachsenen. Beide müssten in meinen Tagebuch-Schilderungen eventuell umbenannt werden, die Jüngere in Nani mo shiranai – „ahnungslos“ – in Anlehnung an einen sehr häufig von ihr zu vernehmenden Ausspruch. Noch scheint sie auch keinen inneren Impuls zur Genesung zu verspüren. Alle unsere Maßnahmen bringen zwar körperliche Heilung, die wird aber sofort wieder hinfällig, sobald Schule ansteht. Es bedarf einer inneren Wandlung, nehme ich an, eine der Gesundheitsressourcen fehlt. Vielleicht diejenige des Selbstwirksamkeitsgefühls, das Gefühl von „Ich kann was machen“. Stattdessen hält sich wohl eher Ohnmacht und damit eine gewisse Resignation, so dass der Konflikt auf eine andere Ebene verschoben wird, die körperliche. Ruft man sich ins Gedächtnis, dass jegliche Gefühlsverfassung mit einer entsprechenden biochemischen Stoffproduktion im Körper einhergeht, die wiederum den Zellstoffwechsel in Gehirn und ausgewählten Organen beeinflussen, dann schließt sich der Zusammenhang ganz ohne Zauberei.
Die Große sollte nun eher Yeoheanghada heißen, Reisende, denn sie ist mit den Vorbereitungen ihres Aufbruchs ans andere Ende der Welt beschäftigt. (Nun ja, nicht genau das andere Ende.) Sie setzt einen Traum um, einen lange gehegten Wunsch, hat einen mit Papier gepflasterten Weg zurückgelegt, mit der Hilfe ihres Papas, hat sich eine Sprache mit anderen Schriftzeichen erschlossen (gut, dass es kein Schulfach war, denn ich zweifle, dass sie dann ihren Eigenantrieb behalten hätte…). Nun geht es in zwei Wochen los…
Ich freue mich für diese Möglichkeit, ich trauere, dass ich nicht mehr für sie tun kann, als ihr einen Papa verschafft zu haben, der sie tatkräftig unterstützt. Ich kann nur mit wenig handfesten Beiträgen dienen: Gespräch und Herzenswunsch. Das Geld haben wir privat geliehen, wir waren nicht förderwürdig, aber das wird auch seine eigene Sinnhaftigkeit entwickeln. Vielleicht führt es dazu, dass außer der pekuniären Unterstützung auch ein weiterer Dialog im Familien- und Freundeskreis über den Status der verschiedenen Arten von Arbeit entstehen kann: Erwerbsarbeit, Familienarbeit, Heilungsarbeit, ehrenamtliche Arbeit ….
Eine Woche Ferien haben wir noch, vielleicht erwacht auch etwas Unternehmungslust, so dass wir mal wieder etwas anderes zu sehen bekommen als unseren alltäglichen Suppentopf. Jedenfalls ist das mein Bedürfnis. Mit den Kindern einen Ausflug zu machen. Ans Meer oder in eine koreanische Handwerks- und Kultur-Ausstellung in Rostock. Auch die Hauptstadt würde mich locken. Mal sehen. McFlitz jedenfalls braucht seinen Spielplatz, sein Lego. Der nahe gelegene Wald könnte auch schon für das Gefühl sorgen, völlig woanders gewesen zu sein.

Woche XXIII | Montag, 01.02.2016

Ferien, jaaaa! 2/3 Kindern krank. Wahrscheinlich auch eine Frage der Blickrichtung. Was wäre denn im Falle ihrer „Gesundheit“? Ein Plan, Ferienspiele, wäre umgesetzt worden. Und wahrscheinlich hätte ich es schwer gehabt, ihnen zuzugestehen, davon Abstand zu nehmen, wenn es keinen offensichtlichen und allgemein akzeptierten Hinderungsgrund gibt. Wie z.B. körperliche Hausaufgaben. Ja, ich selbst bin es, die in der Falle des Gehorsams feststeckt. Hier der Gehorsam einem irgendwann gefassten Plan gegenüber. In stillschweigender Akzeptanz der Verurteilung spontaner Umentscheidungen, gegen die sich Unternehmen mit Kostenberechnung schützen, wenn Kunden einen Termin nicht wahrnehmen. Und nur bestimmte Gründe sind akzeptiert als Notfall oder höhere Gewalt und werden nicht bestraft.
Die spontane Entscheidung bleibt ja ohnehin nur in Ferienzeiten möglich. Nun also spontan gar nix. Und ich lasse sie. Lasse sie spielen nach Herzenslust, zwinge keinen, den Schlafanzug auszuziehen und Tageskleidung anzulegen, lasse sie herumlungern und die Wege durch ihre von Lust und Laune getriebenen Aktivitäten wählen. In diesen Ferien bin ich viel gelassener. Ich kann sie jederzeit bitten, etwas mit mir gemeinsam zu tun, und ihre Bereitwilligkeit wird wieder stärker, wenn sie wirklich nein sagen dürfen oder merken, dass auch sie Freude am Zusammenspiel haben können. Ich nehme mir die Zeit, sie zu bequatschen, ist das nicht auch ein wahrnehmbares Zeichen, dass es mir wirklich um sie geht?
Sie sind also eher ganz gesund, dass sie mit „Krankheit“ reagieren und mir zeigen, dass wir Erwachsene es mal wieder mit irgendetwas übertreiben. Abgesehen davon ist es ja eigentlich völlig normal, dass unsere Körper auch ihre Anliegen haben und ihre Eigenheiten und von Zeit zu Zeit mit Bakterien und Viren hantieren, um Zellen auf- oder abzubauen. Ich war lange im Hader damit, empfand das als störend, auch jetzt noch, zumal diese Phasen nicht das pure Vergnügen sind. Rein theoretisch ist mir ihre Wichtigkeit schon klar, und aus meiner eigenen Biographie stehen mir einige Genesungserlebnisse als lebendige Beispiele zur Verfügung. Aber ich lasse mich wohl auch immer wieder gern von der zeitgeistlich üblichen Lesart beeindrucken, der nichts wichtiger ist, als alles weg zu impfen und Fieber zu verhindern und das Krankwerden überhaupt. Ich möchte es als genau so einen Arbeitsprozess ansehen wie die Erschaffung eines Kunstwerkes irgendeiner Art. Eben ein lebendes. Das Maß zu finden, Ausgewogenheit, Gegengewicht…
Also alles im grünen Bereich, es gibt ja auch nichts wirklich Alarmierendes. Nur dass sich die angedachten Ferienspiele halt auf eine ungeplante Ebene verlagern. (Aber dennoch: Wäre doch toll gewesen, wenn sie nach Herzenslust werkeln, schneidern und kochen gegangen wären.) Vielleicht bekommen wir ja noch Schnee zu sehen und zum Spielen, das könnte verlockend genug sein, um dem Schnupfen Konkurrenz zu machen…