Woche XXXXVIII | Montag, 25.07.2016

Ferien nun also. Für mich heißt das in dieser ersten Woche: ich habe keines meiner Kinder zu Hause. Sie sind vorfreudig in ihre jeweiligen Vorhaben gestartet, davon eins innerfamiliär, das andere ein aus Bundesmitteln finanziertes Medienferienlager.
Ohne diese beiden Möglichkeiten sähen wir alt aus, denn wir können uns keine kostenpflichtigen Ferienlager leisten.
Als mein „innerfamiliäres“ Ferienkind übergeben wurde, entspann sich ein Gespräch über Motivation in einer Schule ohne Noten, das emotionsbeladen wurde in dem Moment, als das Wort Gehorsam fiel. Insbesondere als ich sagte, dass es nur entweder oder geben könne – entweder ich will intrinsisch motivierte Bereitwilligkeit, dann kann ich keine Gehorsamsforderungen stellen, oder ich fuße meine Antriebskultur auf Gehorsam. Diese Position stieß auf vehementen Widerstand.
Da es nicht genug Zeit gab, das eingehend zu betrachten, ist es auch müßig, sich deshalb aufzuregen, aber ich war nicht gleichgültig geblieben in Bezug auf die Art des Gespräches. Nicht nur, dass aus einer Betrachtung von Wirkungen gleich ein Meinungsstreit zu werden drohte, was etwas völlig anderes ist, ich hatte außerdem nicht das Gefühl, dass die Begriffe überhaupt genug geklärt waren, so dass wir hätten wissen können, was der jeweils andere damit genau meinte. Ich fühlte mich weder verstanden noch akzeptiert.
Früher hätte mich das völlig aus der Fassung gebracht. Ich blicke auf eine lange Reihe missglückter Diskussionen (mit meinen Eltern) zurück, und weil es nie gelang, ein Streitthema wirklich für alle bereichernd zu erörtern, habe ich es irgendwann aufgegeben. Ich habe stattdessen eine Konfliktscheu entwickelt und es mir zur Gewohnheit gemacht, meine Probleme im Stillen zu betrachten, selber alle erdenklichen und mir zugänglichen Perspektiven abzuwandern, um wenigstens für mich selbst eine tragbare Haltung zu einer Sache zu finden.
Nur in meinem Freundeskreis finde ich Menschen, mit denen ich kontrovers diskutieren kann. Uns macht es nichts aus, unterschiedlicher Ansicht zu sein. Es ist vielmehr spannend, die Geschichte des Anderen kennen zu lernen. Da keiner unbedingt Recht bekommen möchte, gibt es auch die Streitebene nicht, selbst wenn der eine oder andere Standpunkt emotional vorgetragen wird. Es herrscht einfach eine Stimmung der Neugier. Wie kommt einer auf seine Art der Betrachtung und Auffassung?
Da wir einander also nicht missionieren wollen, erlebe ich selbst die Nichtübereinstimmung als Bestätigung! Denn ich kann eine weitere Perspektive dazugewinnen und meinen Horizont runder machen.
Nicht so im Familienkreis.
Hier scheint die Unterschiedlichkeit von Auffassungen eine Gefahr für Leib und Leben darzustellen.
Und genau das empfinde ich so in Sachen Gehorsam.
Wenn ich ihn verweigere, dann bringe ich etwas ins Wanken – die Pläne des Bestimmers, die Pfeiler seiner Welt. Und jede einzelne Gehorsamsforderung ist ein Angriff auf die Integrität eines Menschen, Kindes. Eine Untergrabung seiner Autonomie, Selbstbestimmung. Ein Akt der Willkür. Eine Erfahrung von Willkür. Eine Untergrabung der Ernsthaftigkeit und Wahrhaftigkeit freiheitlicher Werte.
Natürlich gibt es Fälle, in denen wenig Zeit zur Diskussion und Betrachtung ist, ich muss ein Kind handfest vom Betreten der Straße abhalten, wenn ich ein Auto heransausen sehe, das es selbst nicht bemerkt. Aber es wird unmittelbar feststellen können, dass es zu seinem Schutz war, und sich entsprechend schnell mit diesem Übergriff in Übereinstimmung bringen können. Das heißt aber noch lange nicht, dass es mir nun bis ans Ende aller Tage blind vertrauen wird und mir kommentarlos erlaubt, nach Gurdünken überzugreifen.
Wir sind Lebewesen mit ständiger Rückkopplung. Ein Naturgesetz erkennen wir daran, dass es in 100% der Fälle wirkt, und wenn es das nicht mehr tut, dann ist es keins. Und auch nach 1000maligem „Funktionieren“, wenn wir vielleicht schon eine gewisse Überzeugung gewonnen haben, kann Nr. 1001 eine Überraschung bereithalten – das haben wir alle vielfach erlebt, als wir laufen lernten. Immer auf die Nase gefallen, und dann doch irgendwann mal oben geblieben. 100%ige Zuverlässigkeit haben wir Menschen allein darin, dass wir uns irren können. Ich denke, also irre ich.
Demgegenüber ist die Bereitwilligkeit, sich einem Projekt anzuschließen, einem Chor, einer Sportgruppe, um mit anderen gemeinsam ein Ziel zu erreichen, eine völlig andere Kiste. Ich gehe gestärkt aus allen Anstrengungen hervor, denn ich wende meine Kraft für eigene Ziele an, die ich mit anderen gemeinsam habe. Zwischenzeitlich auftretende Zweifel werden ernst genommen und aufgelöst, nicht einfach übergangen, denn jeder Motor, der ausfällt, verlangsamt den Vorgang, und jede Kraft, die zur Aufrechterhaltung der Mitwirkung abgezogen wird, fehlt dem Schaffensprozess.
Die Skepsis gegenüber dem Willen Anderer werden wir vom Leben gelehrt.
Und wenn Pädagogen und andere Erwachsene endgültige Prognosen stellen zu können meinen, dann müssen sie mit den mehr oder weniger bösen Überraschungen zu leben lernen… Die positiven Gegenbeweise sind es, die mich dazu bringen, meine Hoffnung nicht aufzugeben, immer das Beste zu erwarten und auf das Schlimmste vorbereitet zu sein.
Nunja, ich arbeite dran, denn der Weg aus der Hoffnungslosigkeit birgt viele Rückschläge.
Übers Denken können wir uns gepflegt streiten, aber Gefühle sind wie sie sind. Wenn ich über irgendetwas traurig werde, dann kann das keiner wegreden. Man kann vielleicht erreichen, dass ich nicht so lange traurig bleibe, wenn ich Trost erfahre durch Empathie und Anteilnahme, Spiegelung und Anerkennung meines Schmerzes.
Man kann auch erreichen, dass ich meine Trauer nicht mehr zeige.
Oder dass ich sie auch für mich selbst unsichtbar mache und unterdrücke.
Eine Gefühlslage zu kontrollieren macht durchaus Sinn, schon allein, wenn man in Betracht zieht, dass zu jedem Zeitpunkt mehrere Bedürfnisse hungrig sein können und immer hungriger werden, bis Stillung gefunden ist. Da muss man schonmal eine Reihenfolge bilden, und eines nach dem anderen sättigen. Manchmal gibt es „Nahrung“, die für mehrere Bedürfnisse Befriedigung bringt, das ist dann ein besserer Treffer im „Lotto“. Es gibt auch Stillungen, die auf Kosten anderer Bedürfnisse gehen, die sehe ich dann als faulen Kompromiss an.
Man kann über die Stillungsmittel und -wege diskutieren. Nicht über die Bedürfnisse und die dazugehörigen Gefühle und Emotionen, die eindeutig Hinweis geben.
Man kann darüber diskutieren, ob Ausnahmen die Regel sein dürfen, wenn es um diejenigen Stillungen geht, die auf Kosten anderer Bedürfnisse oder anderer Menschen/Lebewesen gehen. Man kann darüber diskutieren, wie die Kompensation aussehen kann. Wir können uns vor dem Leben verneigen, bevor wir es aufessen, denn wir leben nun einmal an diesem Ende der Nahrungskette. Es ist versöhnend und hilft, seinen eigenen Platz im Universum zu erkennen.
Wir, diese wahrnehmenden, fühlenden, reflektierenden, nachdenkenden Stoffwechsler. Denken. Danken.
Danke für die Pause von der Schule. Einer Schule, die ein fauler Kompromiss ist.

Woche XXXXVII | Freitag, 22.07.2016

FERIEN! Endlich in Ruhe lernen!

Eigentlich fällt mir gar nicht mehr zu sagen ein.
Als lebende Wesen mit etwas mehr als einem Amphibiengehirn machen wir Menschen nicht das ganze Leben dasselbe. Selbst diejenigen nicht, bei denen es so aussieht.
Wir praktizieren eine fortwährende Überprüfung – Bestätigung oder Widerlegung unserer bisherigen Erfahrungen, manche vielleicht weniger intensiv das Letztere, denn das macht auch Angst. Aber eben dieses Letztere, auch wenn es uns aus unserer Sicherheitszone schiebt, ist der Motor fürs Lernen.
Und sei es zu lernen, immer neue Strategien zur Gefühlsverdrängung anzuwenden, um der Erhaltung oder Wiederherstellung unseres Sicherheitsgefühls willen.
Das heißt schon auch, sich im Kreis zu drehen oder auf der Stelle zu treten.
Dieses Gefühl bleibt aber auch den offensiv Lernenden nicht erspart, die immer wieder auf Einsichten kommen, die sie schon vor einem Jahr einmal hatten. Aber: diesmal mit mehr Erfahrung, aus neuen Perspektiven! Und: nicht zuletzt die Bestätigung ihrer immernoch beständigen Gültigkeit. Handelt es sich vielleicht gar um ein Naturgesetz?
Eine Einsicht, zu der ich immer wieder gelange, ist die Wichtigkeit, sich gegenseitig zu unterstützen. Im Ernstfall hoffe ich worauf? Auf Wohlwollen, Gnade, Vergebung, Milde, Verständnis. Sei es bei einer Rede, die ich halten will, zu der mir so viel einfällt, dass ich am Ende gar nichts mehr sagen kann, auswählen muss und still hoffe, dass es das „Richtige“ ist, was ich dann sage. Sei es die Auswahl eines Geschenkes für einen besonderen Menschen. Oder auch die Kleidung zu einem bestimmten Anlass.
Manchmal bin ich „abgebrüht“ genug, um einfach nach meinem eigenen Gutdünken zu gehen, dann ficht mich da nichts an. Meistens habe ich diese Gewissheit nicht.
Und jetzt pauke ich mir ein: Im Grunde suchen alle Menschen Halt und Unterstützung, Vergewisserung und Sicherheit, Geborgensein und Bestätigung. Ich werde es mir an sichtbare Stelle schreiben, wie Vokabelkärtchen, denn Wiederholung ist die Mutter der Weisheit. Ich will diese vielfach gemachte Erfahrung im Ernstfall parat haben, nämlich dann, wenn ich an meiner Unzulänglichkeit und Ratlosigkeit verzweifle. Die mich hauptsächlich in Bezug auf andere Menschen befällt, Säbelzahntiger habe ich ja nicht zu befürchten. Höchstens noch Zecken und ihre unbequemen Mitreisenden…
Ferien – Zeit, die frei ist von Bewährungssituationen, die nicht so angelegt sind, dass jedes Kind in seinen Stärken gesehen und gespiegelt wird. Was wollen diese Unglücklichen in den Ferien lernen? Alles, nur nichts, was irgendwie nach Schule riecht, und so bleiben unsere gesetzlich anerkannten Kulturschätze wie Schreiben, Lesen, Rechnen, Zeichnen, Denken, Musizieren, Experimentieren… als kult-ur-menschliche Ausdruckswege beiseite, gepflegt werden stattdessen die einzelkämpferischen Großkotzstrategien. Können wir das wollen?
Liebe Leute, nutzt die Ferienzeit zum Nach-Denken. Ist uns die gegenseitige Unterstützung wichtig? Dann lasst uns alle schulischen Handhabungen aufspüren, die das untergraben, und sie durch mitmenschliche ersetzen!
Ich denke zuallererst an die Noten. Die schlechten gehören abgeschafft, denn sie hindern uns daran, den Kindern das zu bescheinigen, was sie gut können. Ohne zu heucheln.
Ich denke an aktive Mitbestimmung der Kinder: sie sollen gefragt werden, wie es ihnen geht mit diesem oder jenem, und sich selbst kennenlernen können und was ihnen hilft. Sie sollen in individuellem Tempo alles lernen können, was wir wichtig finden, denn wenn es ein wahrer Wert ist, dann wollen sie auch. Bzw. tun es einfach, unbewusst.
Ich denke an die Aufhebung der Einzelkämpferschaft der Lehrenden, sie brauchen Partner in den Klassen, erwachsene Rückmelder und Mithelfer. Das ist vorgelebte gegenseitige Unterstützung. Sind es nicht die Lehrer selbst, die eine Beurteilung ihrer Arbeit am meisten fürchten? Gut so! Denn das ist die Basis für den Wandel – oder wollt ihr das den Kindern wirklich weiterhin antun??? Erlöst euch selbst und damit auch die euch Anvertrauten.
Ich fürchte mich vor nichts so wie vor Willkür und Beliebigkeit im Umgang der Menschen miteinander. Dazu gehören auch die Ideologien, die alles instrumentalisieren, was den Menschen eigentlich guttut, weil es Gemeinschaft fördert und Werte spürbar macht. Lernen wir, solches zu entlarven und uns davor zu schützen, aber vor allem unsere Kinder, die auf der Suche nach Orientierung und Sinn im Leben sind! Ich bin so froh und dankbar, dass ich im Frieden aufgewachsen bin und auch meine Kinder bisher kein unmittelbares Kriegsleid erfahren mussten. Aber wir baden noch in der Geschichte unseren Vorfahren widerfahrene Traumata aus, die sie stumm gemacht haben vor Entsetzen. Ich lerne nun langsam, zu sprechen, in Worte zu fassen, was mich sonst erdrückt oder woran ich ersticke. Die „Übel“ aus den Verliesen der Schule werden mir nun, spät, zu Schätzen der Verständigung und Lösungsfindung für mich. Ich war zwar immer gut in der Schule, aber ich habe unter den Verletzungen derer zu leiden gehabt, denen das nicht vergönnt war: ihren Neid oder ihre Missgunst unbeschadet zu überstehen oder durch Freundschaft zu verhindern hat bedeutet, meine Talente ein Stück weit zu opfern. Doch das war das geringere Übel, denn die Überheblichkeit der Guten habe ich noch schlechter ertragen. Wie schade, dass am Ende niemand Erfolge feiern kann…
Nun denn – schöne Ferien allen, und wer mit schlechten Noten nach Hause gehen muss: schreibt mir eure Gefühle und Empfindungen, versucht es, fasst in Worte, Musik, Bilder oder Figuren, was euch schmerzt und an welcher Stelle! Schreibt es in die Kommentare, lasst andere sehen, dass sie nicht allein sind. Macht gern Vorschläge, wie es besser wäre für euch und was ihr euch von der Schule erträumt! Eltern: sucht euch andere Eltern, die gut verstehen können, was ihr meint, trefft euch und gebt Rückmeldung an Schule und Sozialarbeiter, an die übergeordneten Elterngremien, schreibt dem Bildungsminister! Schüler, auch ihr könnt eure Anliegen demokratisch vertreten – ihr wisst vielleicht noch nicht wie, aber wendet euch Vertrauenspersonen und bittet sie, mit euch das Gesetz zu lesen, das Reden zu üben, das Wortefinden. Inspiriert euch bei „Schule im Aufbruch“. Bei den Gehirnforschern. Bei Menschen mit Herz. Beim Kinderschutzbund. Bei der Landeszentrale für politische Bildung. …
Ich drücke uns allen die Daumen!

Woche XXXXVII | Montag, 18.07.2016

Aus Sicht von zwei Tagen später: Das Theaterprojekt ist erfolgreich abgeschlossen, in der einen Schule steht gemeinsames Frühstück und Gestaltung der Räume auf dem Programm. In der anderen wird noch ein Test geschrieben – Parallelverschiebung u.a.. Kein Drama, aus meiner Sicht, denn es geht nicht um Noten, sondern um die Ermittlung des Standes der Dinge und die Rückmeldung an die Kinder; und die Beschäftigung mit Lehrplaninhalten hat dort schon eher die Qualität einer spannenden Erkundung der Kulturschätze.
Ich helfe beim Rückbau der Bühne und Publikumsinfrastruktur, denn der Aufführungsort dient sonst anderen Zwecken. Dieses Aufräumen ist kein Zuckerschlecken, aber ich kann mir nichts Besseres vorstellen, um dem Zauber der vergangenen Woche noch einmal nachzuspüren. Auch die war kein Zuckerschlecken gewesen – es war eher ein vielgängiges Menü mit allerlei Herausforderungen und Überraschungen!!! So nahrhaft und befriedigend kann Zuckerschlecken niemals sein! Also: rechtschaffen müde, verschwitzt und müffelnd schwelge ich in der Erfahrung dieses Projektes und bin im tiefsten Herzen dankbar für die Menschen, die das mit Leidenschaft, Kreativität und frohem Sinn den Kindern geschenkt haben. Ein Stück wahren Lebens: Bretter, die die Welt bedeuten, rauschender Beifall nach Herstellen, Einüben, Durchhalten, Bibbern und Sichtrauen.
Die letzte Schulwoche hat begonnen, meine Kinder sind wie ausgewechselt – ansprechbar, wenn auch müde. Nun ja, der Lütte ist ja ohnehin nicht so von sich entfremdet, aber auch er freut sich auf die Tage, deren Gestaltung ganz von Augenblick zu Augenblick entschieden werden kann. Mein großes Kind in der Ferne hat nun auch Ferien, aber wohl nur vier Wochen. Mein großes Kind hier ist noch auf Klassenfahrt, dank ihrer unternehmungslustigen Lehrerin gibt es also noch einmal einen Erlebnisrahmen für die Klasse, der dazu beitragen kann, die Jugendlichen mit sozialen Erfahrungen zu bereichern, die sie sonst nicht machen können. Hier leben viele weit verstreut, vereinzelt gibt es mal Übernachtungsverabredungen, aber meistens müssen unsere Nachbar(dorf)kinder immerzu lernen und dürfen nicht so recht vom Hof. Die Dörfer sind auch nicht mehr das, was sie mal waren. (Das musste ich jetzt einfach mal loswerden!) Nun begegnen sich die Kinder also als Freizeitmenschen, übernachten in einer Jugendherberge, und machen ihre Lehrerin hoffentlich nicht der Unternehmungslust abspenstig…
Ich werde in der ersten Ferienwoche kinderfrei sein, wenn sich das Leben da nicht anderweitig einmischt. Ich labe mich schon an dieser Aussicht, wobei ich auch meine Freude an den frei gestaltbaren Tagen mit den Kindern habe. Aber es ist mir definitiv lieber, wenn sie nicht die ganze Zeit allein zu Hause sind, während ich arbeite, ich bin zwar nicht 10 Stunden täglich weg, aber auch die wenigen Aufträge, die ich habe, hinterlassen bei mir ein schlechtes Gewissen, wenn ich die Kinder unbetreut weiß. Sie kommen definitiv allein zurecht und können sich was zu essen machen, das ist nicht die Frage. Eher treibt mich die Sorge um, dass sie zu viel am Bildschirm nuckeln. Und dann vergessen, sich gut zu versorgen, abwechselnd Bewegung, Kreativität, Werkzeugbenutzung an der frischen Luft und ruhige Phasen in blöder Körperhaltung in der muffig-dunklen Höhle zu pflegen und dann noch die kleinen Aufträge zu erfüllen.
Ich denke, nichts ersetzt die unmittelbare Begegnung zwischen den Menschen, einen Babysitter kann ich mir nicht leisten, es sei denn er/sie wäre mit Tauschvereinbarung einverstanden. Also sehe ich zu, wie ich die Kinder unterbringe, wenn ich zu viel anderes zu tun bekomme und dafür zu wenig Geld. Naja, die Gefahr besteht nicht wirklich, denn wenn ich’s durchrechne, ist es billiger und gesünder, nicht erwerbsmäßig zu arbeiten und die Kinderbetreuung selbst zu übernehmen. Es sei denn, ich kann mit ordentlicher Honorierung rechnen und mir Ferienlager, Ferienspiele oder Babysitter für die Kinder leisten.
Hier komme ich wieder auf Bedingungslose Grundeinkommen – ein Gedanke, der mich gar nicht mehr loslässt! Wenn alle grundversorgt sind, dann können alle einfach füreinander da sein! Ich für die Kinder, die können einfach Kinder sein, weil ich meine (unterdrückten) existenziellen Ängste nicht in die Stimmung mit einbringe, sondern völlig gelöst sein kann, mich von Herzen mit den Kindern mitfreuen und sie einfach Kinder sein lassen. Ich für Andere, Andere für mich, wir sogar auchmal zusammen, weil eben nicht andauernd durch eine Erwerbstätigkeit daran gehindert.
Dann würde die Arbeit mit den eigenen Kindern gleichgestellt mit der erwerbsmäßigen an den Kindern anderer Leute. Und wenn die Gesellschaft allzu große Angst vor der Eigenbrötlerei hat, dann kann sie doch attraktive Fortbildungsangebote schaffen, in denen die Menschen zusammentreffen können, sich austauschen und kulturelle Werte erörtern.
Ideologien sind an gut versorgte, selbst denkende Menschen schlecht zu verkaufen, dessen müsste eine freiheitliche, demokratische Gesellschaft sich bewusst werden. Und daraus die Zuversicht ziehen, dass eben diese freien Menschen alles daran zu setzen bereit sind, sich diese Freiheit zu erhalten. Und wenn es dazu der mitmenschlichen Gemeinschaftsanstrengung bedarf, dann wird diese auch unternommen – vorausgesetzt, sie wird nicht von oben verordnet, sondern lebendig erfahren und lernend gestaltet. Und das Kritierium dabei ist die Gleichwürdigkeit aller, die Gleichgültigkeit der Bedürfnisse jedes Einzelnen. Die Unverletzlichkeit der Bedürfnisse jedes Anderen. Die gleiche Freiheit für Jeden.
Da Zuwendung und Teilhabe/Zugehörigkeit Bedürfnisse sind, die wir alle teilen, sehe ich auch keine Schwierigkeiten bezüglich der Möglichkeit. Nur im Hinblick auf die Umsetzung…
Es gibt viel zu lernen. Machen wir es möglich, von mir aus gerne in der Schule. Nutzen wir die Schulpflicht in Deutschland als eine Pflicht der Erwachsenen, das Lernen dort möglich zu machen, es zu schützen, und es ordentlich zu befeuern. Und den benachteiligten Kindern kräftig unter die Arme zu greifen, anstatt sie weiter über den Querschnittskamm zu scheren und damit systematisch zu entmutigen. Asozialer geht’s kaum.

Woche XXXXVI | Montag, 11.07.2016

Eins meiner Kinder nimmt an einem Projekt außerhalb der Schule teil, an dessen Ende eine Aufführung steht. Echter geht’s nicht. Und sicheres Experimentier-Feld für die Jugendlichen: sie sind begleitet, beraten, beschützt von Erwachsenen, die sich die Mühe machen, den ganzen Zirkus auf die Beine zu stellen, ohne dass ihnen das jemand aufgetragen oder vorgeschrieben hat.
Erwachsene, die für ihren Lebensraum und damit den der Kinder etwas schaffen wollen, was die Menschen zusammenbringt, sie etwas gemeinsam vollbringen lässt, was sie inspiriert und hinterm Ofen hervorlockt, weil sie unbedingt mitwirken wollen. Und dafür die Gelegenheit bekommen! Von ihren Nachbarn!
Danke, liebe Nachbarn!!!
Es wird keine Noten geben.
Der Applaus allein wird der „Lohn“ für alle Anstrengungen dieser Woche sein.
Und der Maßstab wird das eigene innere Bild sein, das im Laufe der Arbeit entsteht und wächst, und die Rückmeldungen der übrigen Mitwirkenden werden den Spiegel bilden, in dem jeder einzelne Beteiligte sein inneres Bild abgleichen kann, seinen Ist-Stand laufend ermittelt und Innen und Außen synchronisiert.
Wir müssen den Kindern solche echten Herausforderungen bieten, wenn sie in der Gegenwart bleiben oder wieder ankommen sollen. Und wir müssen ihnen dabei authentische Orientierungsmarken sein – integre Menschen wie sie auch, mit Bedürfnissen und Gefühlen, die wie auch ihre eigenen respektiert werden. Sie müssen selber was tun können, wichtige Aufgaben übernehmen, und brauchen Verständnis für Patzer aber keine Beliebigkeit, sondern Lösungen, die nach einem Missgeschick alles wieder in Ordnung bringen, das Lernpotenzial solcher Situationen muss einfach genutzt werden. Anstatt mit „Konsequenzen“ irgendwas zu lenken, müssen die echten Folgen wahrnehmbar sein und zur Basis der Entscheidungen werden. Wenn sich ein Kind zum Mitmachen im Unterricht bereitfinden soll, dann spielt es eine außerordentlich wesentliche Rolle, ob es gehorsam sein soll oder es wirklich wichtig ist für die Gruppe und die Lehrperson, und wenn ja, warum.
Kinder, die zum Beispiel gern gemein sind zu Anderen, müssten dann auf der Basis echter Emotionen „behandelt“ werden – also z.B.: Wenn ein Kind mich gerade ärgert, dann wende ich mich ab, weil ich traurig und wütend bin und in solch einer Verfassung nicht mehr mit ihm spielen kann. Ich gehe weg, um mit meinem inneren Sturm fertig zu werden, zur Lehrerin oder einem anderen Kind, was zu mir hält. Das Kind, das mir zugesetzt hat, verliert sein „Opfer“, plötzlich kommt es mir hinterhergerannt, der Spieß ist umgedreht, es will sein „Spielzeug“ nicht verlieren und muss sich auf meinen Teil der Regeln einlassen.
So etwas kann ein unterlegenes Kind nicht allein durchspielen, deshalb wendet es sich an einen Freund oder einen Erwachsenen. Wenn letztere sagen, das müssen die Kinder selber klären, dann verweigern sie gute Beratung und Begleitung und das Hochhalten von „Werten“. Schutz und Sicherheit sind dann Mangelware und die Tyrannei der Kinder untereinander kann sich ausbreiten.
Natürlich ist es keine Hilfe zu schimpfen oder zu bestrafen oder nur zu sagen „Das macht man nicht“. Es ist wichtig, die Kinder im Umgang mit ihren Gefühlen anzuleiten. Der Kneifer weiß gar nicht, wie weh das dem anderen tut, aber wenn der es ihm immer sagt und dann nicht nur einfach mit einem „Der ist doof“ zurückschlägt, sondern mit einem „Wenn du mir weh tust, kann ich nicht mit dir spielen und dein Freund sein.“ Genaueres mitteilt, dann wird der Kneifer dabei bleiben müssen, Fangen zu spielen, sich über Kneif-Treffer kurz zu freuen, über den Effekt, den das bringt: ja, der andere guckt, schreit, schlägt zurück oder läuft weg – friedlich und froh zusammen zu spielen ist da eine andere Qualität.
Auch ich als Erwachsene bin ein Testobjekt, wenn ich das zulasse. Aber auch ich als Erwachsene kann auf „Konsequenzen“ immer mehr verzichten, wenn ich beginne, meine Bedürfnisse und Gefühle gleichwertig ins Spiel zu bringen. Wenn mich ein Kind immer wieder „austrickst“, dann werde ich beim dritten Mal keine Ausnahme mehr annehmen, dann werde ich da auch nicht „großzügig“ über irgendwas hinwegsehen, denn es geht dem „Stänkerkind“ genau darum zu erfahren, was denn nun ist, wenn es stänkert.
Was will nun ich? Will ich Gehorsam oder will ich Bereitwilligkeit? Danach allein richtet sich mein weiteres Handeln.
Will ich letzteres, dann werde ich meine Traurigkeit und Enttäuschung mitteilen, vielleicht bin ich ja sogar wütend? Ich werde klar sagen, dass ich nichts mehr glauben kann, was es sagt, und nicht mehr mit ihm spielen, weil ich mich nicht darauf verlassen kann, dass es wirklich mein Freund ist. Ein Freund will doch keinen Ärger machen, der unterstützt doch?! Ich bin dann mitten in der Betrachtung des Geschehens, und dann geht der Praxistest weiter: Freund oder nicht?
Echt oder nicht?
Haltbar?
Zuverlässig?
Orientierungspunkt???
Unser aller Zugehörigkeits/Teilhabebedürfnis ist hier aktiv. Wenn ich mich als Schimpftante erweise, dann will sicherlich kein Kind zu mir gehören. Will ich eine Klasse zu einer Gemeinschaft machen, dann muss ich selbst Gemeinschaft können, wie geht das? Nur mit Vertrauen, vertraut Sein, einander kennen, die Grenzen und Anzeichen sehen und lesen können/lernen, die zeigen, wie es um die einzelnen Beteiligten steht.
Auch um mich als Lehrerin oder Betreuerin. Es strahlt ja ohnehin durch alles Tun hindurch. Sozial-emotional kompetent wäre dann, damit integrierend umzugehen, nicht es auszusperren und dauerhaft zu unterdrücken.
Sprechen lernen.
Verhandeln lernen.
Je jünger die Kinder, umso weniger ausdifferenziert ist das traurig-oder-froh-Kontinuum, und umso einfacher sind auch die Lösungen: es reicht z.B. „Vertragen“. Schulkinder sind da schon kritischer und bekommen ein zunehmend gutes Gedächtnis.
Und wenn sie groß sind, dann werden sie vielleicht genauso nachtragend wie wir…
Stellen wir uns dieser Aufgabe?
Wer macht mit?

Woche XXXXV | Freitag, 08.07.2016

Notenschluss.
Ab jetzt können Schülerinnen und Schüler freier atmen, ihr Handeln steht jetzt nicht mehr unter dem Aspekt, welche Note sie wohl dafür bekommen. Jetzt geht es nur noch um das Zwischenmenschliche. Das Eigentliche, wenn man mich fragt.
Jetzt geht es nur noch darum, ob man mit dem, was man sagt oder tut, den anderen zu berühren in der Lage ist. Und welcher Art diese Berührung ist: schmerzhaft oder angenehm, sanft oder kernig… ermöglicht sie Freundschaft oder macht sie Angst? Weckt sie Wut oder erregt sie Verachtung? Ruft sie Trauer hervor oder Ekel? Ist sie einfach nur überraschend?
„Nur“.
Jetzt, da Beurteilung und Bewertung für die letzten zwei Schulwochen entfallen, atmen wohl auch die Erwachsenen auf, ich insbesondere, weil meine Kinder viel entspannter sind, weil sie ansprechbarer sind und viel lebensfroher. Nun gut, der Jüngste ist ohnehin entspannter unterwegs, weil ihm nie solche Bewertungen drohen. Ja, vielleicht wirkt diese Erleichterung auch bemerkenswert heftig – die Intensität des Freudenschreies mag wohl Zeugnis dafür ablegen, wie sehr bis eben noch die Zwangsjacke gedrückt hat.
Wenn ich jemals wieder als Lehrerin in einer Schule arbeiten sollte, dann sowieso ohne diese Querschnittsstudien, die als Bewertungsinstrumente missbraucht werden, anstatt nur Auskunft über die Gesamtlage zu einem bestimmten Zeitpunkt zu geben, die bestenfalls die Basis für die weitere Arbeit darstellen sollte, aber keine Endabrechnung für die einzelnen Getesteten. Ich würde viel lieber erfassen, was alles gut klappt, aber das sagte ich ja schon an anderer Stelle.
Die Lehrenden in der Schule sind sicherlich auch erleichtert, können den Heranwachsenden menschlicher begegnen, stehen selbst nicht mehr unter dem opferlammzahm akzeptierten Zwang, durch die Bewertungsbrille auf ihre Schützlinge zu schauen, und alle Bemühungen immer nur auf das Erreichen des Jahrgangszieles zu lenken. Vielleicht können sie die Scheuklappen der Zielorientierung ablegen und die Kinder umfassender wahrnehmen, falls sie nicht schon im Automatikmodus festklemmen. Dann müssen sie wohl das Hervorbrechen der lebendigen Impulse der jungen Leute besonders kritisch beäugen und sich in ihren negativen Gefühlen bestätigt finden – „naja, ist doch klar, dass das bei denen in Mathe nicht klappen kann, so verpeilt wie die hier jetzt herumspinnen.“ (Ich schaue wohl etwas pessimistisch auf Lehrer*innen, vermutlich.)
Schließlich ist es nicht nur der berufliche Blick der Pädagog*innen, es ist das Merkmal unserer ganzen Alltagskultur: wir urteilen, werten und packen die Leute in Schubladen. Und viele landen eben unter der Aufschrift „Böse“ oder „Faul“ oder „Schlecht“. Da richten sie sich nach einigen scheiternden Versuchen der Richtigstellung ein, ganz nach dem Motto „Einmal dumm gestellt reicht fürs ganze Leben“, schützen sich so vor weiteren Verletzungen durch weitere Etikettiererei. So wie der Fuchs, der angesichts dieser für ihn viel zu hoch hängenden Trauben irgendwann postuliert, die seien eh zu sauer.
Es ist auch irgendwie bequem in so einer Schublade, man weiß, woran man ist, auch wenns nicht die erste Sahne zu schlecken gibt. „Ich kann das sowieso nicht“ bewahrt einen auch irgendwie davor, zu irgendwelcher Rechenschaft gezogen zu werden. Und davor, vielleicht von sich aus den Sprung aus dem Kasten zu wagen. Dazu muss er schon mächtig eng werden.
Wenn es soweit ist, dann kann man nur hoffen, dass die sich selbst Befreienden noch über einen Funken kindlichen Vertrauens verfügen, über eine spürbare Erinnerung daran, wie es ist, angenommen zu sein in seinem Wesen, und dass sie in der Sehnsucht danach, das wieder zu erleben, zu konstruktiven Mitteln greifen, um das herzustellen, was so schmerzlich fehlt.
Dass ihnen mehr einfällt als den Angsthasen der Nation, die entweder keine schlafenden Hunde wecken wollen und daher die heiklen Themen wie Menschenwürde nicht erörtern oder alles, wovon sie sich bedroht fühlen, aus dem Land verjagen wollen.
Ich hoffe, sie treffen dann auf Menschen, die mit Empathie und Verständnis gutes Geleit geben, die in ihnen das lebende irrende Wesen sehen können, das, wie auch sie selbst, auf die gegenseitige Unterstützung in einer Gemeinschaft angewiesen sind. Auch wir Erwachsenen brauchen das legendäre Dorf, um die Kinder groß zu kriegen. Um die Verirrten heimzuführen.
Ich jedenfalls.

Woche XXXXIV | Freitag, 01.07.2016

Wenn ich nach einem 3-h-Abend im Elternrat die ganze Nacht so inspiriert-aufgekratzt bin, dass ich erst eine Stunde vorm Aufstehen einnicke, und dagegen nach 4,5 Stunden Teilnahme an der Schulentwicklung völlig verspannt und kopfschmerzig in die Federn falle, dann macht sich darin deutlich, wo das Leben pulsiert und wo es erstarrt.
Allerdings hege ich Hoffnung, denn auch in der Schule regen sich unter den Erwachsenen Kräfte, die nach Lebendigkeit lechzen.
Mein Part war gewesen, da zu sein. Ich habe in einer Arbeitsgruppe auch eine Beobachtung eingebracht, die sich auf das Erleben der Kinder bezieht, die Vorträge halten dürfen anstatt Klassenarbeiten zu schreiben. Die Rückmeldungen der anderen Schüler*innen kommen dabei dazu, was die Note in den Hintergrund rückt, die es natürlich auch noch gibt. Aber sie ist nicht mehr der einzige Grund für Vorbereitung. Und auch die Erweiterung der Jury von einem Erwachsenen, der sich Objektivität anmaßt, auf 20 oder mehr Personen bringt mehr Realismus in die Auswertung. Ich habe also gesagt, dass hier ein Sinnzusammenhang entsteht, in dem und für den gelernt und vorbereitet, erarbeitet und eingeübt wird. Das motiviert. Und zu wissen, man bringt anderen etwas bei, denn nicht alle halten denselben Vortrag zum selben Thema, macht die Sache erst richtig rund. Zumal man gern aus der Peergroup lernt, schnell und ohne die Hürden der Generationen oder besser gesagt der Hierarchie, denn solange von Schüler*innen Respekt verlangt wird bei gleichzeitiger Ignoranz ihrer Gleichwürdigkeit, ist es weniger der Altersunterschied, der den Weg des Wissens versperrt.
Es ist also nochmal richtig spannend geworden für mich, drei Wochen vor den Ferien.
Es haben sich nun einige Eltern mehr in die Aktivität locken lassen. Sie denken über Fragen der Gestaltung nach, über Werte, die belebt werden müssten. Sie wollen Impulse geben.
Ich bin so froh! Vor drei Jahren noch war ich ziemlich einsam auf meinem Posten. Mit meinen Träumen.
Jetzt frage ich mich, wie ich mein Zögern wohl rechtfertigen will…
Ich habe also erstmal „hospitiert“ und die Stimmung kennengelernt, in der Schule beschlossen wird von den Lehrenden. Meine Hoffnung liegt auf den Jüngeren, und bei ihnen insbesondere bei denjenigen, die sich andere Schulen ansehen, die sich Gedanken machen um ihr Menschenbild, um ihre eigene Freude an der Arbeit. Es ist heikel, Lehrern erzählen zu wollen, was man sich wünscht oder wie man sich etwas vorstellen könnte. Aber hier tauchen plötzlich mehr von der Sorte auf, die interessiert sind und es wissen wollen. Die nicht in erster Linie befürchten angegriffen oder infrage gestellt zu werden. Die nicht in Verteidigungs- oder Rechtfertigungshaltung übergehen, wenn man naht. Sondern die sogar fragen, wie man etwas sieht!
Wenn ich sehe, wie sich einige um Leben bemühen, bekomme ich Lust, sie zu unterstützen. Ich mache also den Mund auf und bringe meine Beobachtungen ein.
Mein nächstes Anliegen ist die alltägliche Spürbarkeit demokratischer und freiheitlicher Werte in der Schule. Das bedeutet konkret die Förderung des kontinuierlichen Rückmeldens und der Formulierung eigener Gedanken und Anliegen durch die Heranwachsenden. Und es bedeutet auch konkret, dass Schüler*innen und Eltern informiert werden über ihre Mitwirkungsmöglichkeiten in den Gremien. Also – es bleibt interessant, und wird es noch mehr im neuen Schuljahr.
Wie habe ich es nur hierher geschafft?
Obwohl ich kein Fan von Druckmachen oder Konfrontation bin? Oder gerade weil?
Ich habe immer wieder eingeladen oder Mut gemacht. Habe Andere bestärkt, ihrer eigenen Wahrnehmung Stimme zu geben, es sich nicht ausreden zu lassen, wie sie etwas empfinden. Habe zugehört und genau erfragt.
War einfach nur da.
Habe selbst immer mal wieder Nachfrage erfahren.
Das hat mich neu beflügelt.
Ich habe meine eigene Heilung vorangetrieben, habe Denkmuster aufgespürt, mit denen ich meine Kräfte erschöpfte. Habe sie stillgelegt und neue Schaltkreise angelegt. Habe selber Einiges an Lebensfreude wiedererlangt und insbesondere die Entdeckung gemacht, dass ich, wenn ich ohnehin einen Unterschied mache durch mein Hiersein, diesen Unterschied doch auch kreativ gestalten könnte.
Wichtig ist mir auch, dass ich mich mit vielen Widrigkeiten versöhnen konnte. Sie sind deshalb nicht gleich zu neuen Vorlieben geworden, aber ich kann nun oft die „True Colors“ durchscheinen sehen, kann einen Menschen mit seiner ablehnenden, zurückweisenden oder provozierenden Haltung voll Wärme ansehen und das verschreckte Wesen dahinter hervorlocken, um es zu beruhigen.
Naja, nicht immer, aber ich habe den Zauber kennengelernt, der sich breitmacht, wenn es mal gelingt.
Ich habe Hoffnung. Und freue mich auf die nächsten Abenteuer.

Woche XXXXIV | Montag, 27.06.2016

Ein Freitag ohne Beitrag – wovon kündet das?
Das Schuljahr geht doch langsam dem Ende zu, und wir haben für unser eigenes Klarkommen das Eine oder Andere gelernt, nicht stumpfe Anpassung, aber ein bisschen Geschmeidigkeit, Beständigkeit und Nachdrücklichkeit dürften dazugekommen sein.
Vergangene Woche habe ich bei der Schulsozialarbeiterin vorgesprochen und sie gebeten, ihr Augenmerk auf die Wirkungen der immernoch praktizierten Unterdrückungsmittel zu legen. Da Unterricht nicht unbedingt sozial-emotionale Kompetenzen fördert (zumal, wenn er traditionell diktatorisch erfolgt), müsste das ein reiches Betätigungsfeld sein! Wenn ich mir überlege, wie die (herkömmliche) Unterrichtssituation den Grundstein für die krasseren Formen des Mobbings legt…
Zu den Unterdrückungsmitteln zähle ich auch Lob und Tadel, neben Strafen und Bloßstellungen. Alles, was die Kinder zu Objekten macht und einem Plan unterordnet.
Allein meine Friedensliebe hindert mich noch, krasse Aktionen zu unternehmen, aber vielleicht brennt mir der Geduldsfaden ja doch noch durch…
Der Dauerschnupfen eines meiner Kinder mahnt mich zur Tat. Werde ich mein Zögern rechtfertigen können? Meine eigene Feigheit? Sie ist es, die mich aufhält, wenn ich auf „lustige“ Ideen komme. Geht’s den Kindern nicht schlecht genug? Kann ich noch weiter hinhalten?
Kann ich’s denn besser?
Ich werde ein Buch verschenken: Die 10 größten Lernlustkiller von Jutta Wimmer. An die Schule. Ein weiteres Steinchen ins Wasser. Eine kleine Welle. Unter der Eisdecke.
Aber nicht alle sind so kalt. Oder starr. Es gibt Hoffnung.

Woche XXXXII | Freitag, 17.06.2016

Angenommen alles um mich herum ist ein Spiegel meiner eigenen inneren Umstände, die Menschen, die mich umgeben, sind nicht zufällig diese Menschen mit ihren jeweiligen eigenen Naturellen und Verstrickungen. Alles, was ich in ihnen sehe, ist allein meine Schöpfung. Sind sie mir Lust oder Last, zum Lachen oder zum Heulen – ich lerne nichts über sie, kann nichts über sie lernen, ohne mich selbst dabei mit zu betrachten. Denn alles, was ich sehe, was sie tun, kann alle möglichen Bedeutungen für sie selbst oder andere haben, es ist im Grunde völlig gleichgültig in seiner unglaublichen Beliebigkeit, wenn ich es nicht als die Palette der Möglichkeiten in mein Leben hole und mit Bedeutsamkeit belege. Es zählt immer nur das, was mit mir irgendetwas zu tun hat, was eine Regung bei mir hervorruft. Ich kann vielleicht aus der Palette der Deutungen wählen, wenn die aktuelle mir nicht passt. Also, wenn ein Verhalten mich alles andere als erfreut. Wenn ich Wut, Trauer oder andere unbequeme Empfindungen habe in Bezug auf Situationen und Handlungen anderer Menschen. Sonst gäbe es ja keinen Grund, alles zu überdenken. Ich könnte also versuchen, aus einem anderen Blickwinkel draufzuschauen und so alles ins rechte Licht zu bringen, ich könnte aus einer Negativ-Betrachtung in eine konstruktive Umdeutung finden. Was ich daran merken würde, dass aus dem Unwohlsein in Bezug auf die Lage Freude wird.
(Reicht das wirklich? Oder braucht es Umstellungen?)
So werden alle Menschen um mich herum zu einem Buch, in dem ich über mich selbst lesen lernen kann. In dem ich herum wandern kann, bis ich die heimeligen Orte und Blickachsen kenne und auch die Wege dorthin. Ich richte mich ein, in Bezug auf die Gegebenheiten, die inneren und äußeren, falls man das überhaupt so trennen und nennen kann. Dann ändert sich mal was, alles fließt, die Erde dreht sich weiter oder ein Mensch kommt dazu oder verlässt die Nähe. Ich plumpse aus meiner Komfortzone heraus, und darf mich auf den Weg machen, die Harmonie wieder zu finden. (Herzustellen?) Auf die nächste Wanderung des Lernens oder Festigens. (Schöpfen? Gestalten?)
Anspannung – Entspannung. Ein fortwährender Wechsel.
Aber wie ist es mit den Kindern, die durch mich auf die Welt gekommen sind? Was sind sie auf meinem Bildschirm?
Es heißt, die Schwächsten tragen und zeigen die Symptome. Sie sind in meinen Garten geboren und in ihn hineingewachsen, und sie bringen die Wirkungen zum Vorschein, die dieser Garten zeitigt. Wie das Kind im Märchen, das ruft: „Aber der hat ja gar nichts an!“ Der Kindermund tut Wahrheit kund, sagt man.
Wenn mir nicht gefällt, was ich an meinen Kindern beobachte, dann handelt es sich wohl folgerichtig um eine unbequeme Wahrheit über mich selbst? Wenn ich dann die Kinder zum Arzt oder Psychologen oder Therapeuten schleppe, dann diagnostiziert der letztlich meine eigenen Baustellen? Da sie als Lebewesen eine Eigendynamik haben, will ich mir das nicht einfach linear-mechanisch vorstellen, es ist wohl das Knirschen an der Schnittstelle, am Interface, das durch meine Beschränktheit ermöglicht wird, durch mein jeweils noch mangelndes Wissen und Verstehen. Durch das ich, zwar für mich bisher tolerable oder aushaltbare, Kompromisse aufgezeigt bekomme, die jetzt, mit Jungpflanzen, nicht mehr haltbar sind, wenn ich diese nicht leiden und darben sehen will.
Wieviel Verantwortung können die Kinder selber übernehmen? Solange sie nicht erwachsen und eigenständig sind, glaube ich, keine. Sie bleiben mit ihren Antwort- und Handlungsmöglichkeiten immer durch ihre Abhängigkeit beschränkt. Immer nur reaktiv. Bei aller Erfindungskraft, die sie dabei einsetzen mögen. Solange sie Heranwachsende sind, brauchen sie sie, um von ihrem Platz aus den Weg zum Licht zu suchen, und koste es Verrenkungen aller Art. Augenhöhe und Verantwortlichkeit kann erst bei Reife und Ausgewachsensein eingefordert werden. Bis dahin geht es um den Weg nach oben, mit allen möglichen Experimenten und Erfahrungen. Die ich Erwachsene entweder einräumen, begleiten und betreuen kann, oder aber nicht – wenn ich selbst diese Wachstumsaufgaben noch nicht gemeistert habe. Das zeigen mir meine Kinder.
Das zeigen Kinder ihren Lehrer*innen.
Alle Verantwortung für das Lernen der Kinder liegt bei den beteiligten Erwachsenen. Denn die Kinder lernen, und tun die ganze Zeit nichts anderes. Sie lernen ihre Umgebung. Mit Wiederholung als der Mutter der Weisheit und anhaltender Übung als dem Vater der Selbstverteidigung und Lebensrettung. Sie übernehmen die erfolgreichen Strategien und Wege der Großen, um ihre eigene Nische zu finden, ihren schützenden Wachstumspfad hinauf zu den ausgewachsenen Wipfeln.
Dann erst können sie aus unserem Schatten treten und im ungefilterten Sonnenlicht eigene Antworten erschaffen.
Wenn die Kinder in unseren Augen nicht gut lernen oder Schwierigkeiten in oder mit der Schule haben, dann ist es unsere Aufgabe als Erwachsene, uns darum zu kümmern. Wir müssen die Antworten geben. Wir müssen den Raum für das gewünschte Wachstum geben, Zugriff auf die „Nährstoffe im Boden“ gewähren und die Richtung sichtbar machen, aus der das Licht kommt – in der das Ziel liegt. Da hilft auch kein Ziehen und Schieben und Stützen, wenn das nicht zu sehen ist.
Meine Beobachtungen und Gedanken zum Schulleben meiner Kinder bescheren mir am Ende der 42. Woche dieses Schuljahres eine Erkenntnis, für die sich mein Blogvorhaben gelohnt hat. Alles ist klar vor meinen Augen. Ich fühle mich ganz leicht. So ein schönes Gleichnis! Diesen Platz in meinem Garten muss ich mir gut merken (werde ich ihn wiedererkennen?) und den Weg dahin sicherlich noch öfters suchen, bis ich ihn wieder finde. Aber nun weiß ich, dass es einen solchen Ort gibt, und ich werde das nie vergessen.
Ich habe noch Einiges zu tun, wenn ich glückliche Kinder sehen will. Vor allem ist da Angst zu überwinden. Oder aufzulösen. Angst zu versagen, Angst für mich einzustehen, Angst Probleme anzusprechen und Konflikten ins Auge zu sehen. Angst, meine Stärken zum Vorschein zu bringen. Ich habe das in meinem Leben noch nicht gemeistert, bisher ist es immer misslungen. So oft, dass ich des Lebens direkt müde geworden bin, mit all seiner Vergeblichkeit und Enge. Ich lege nicht Hand an mich, selbst zu so einer Aktion bin ich zu müde. Ich richte mich einfach unmerklich zu Grunde. Nach aller Wut meiner Jugendjahre, dem Kopfzerbrechen während der Kinderpflege, der Trauer im Abschied von der Zuversicht – heute nun diese klare Sicht in den blauen, sonnendurchfluteten Himmel!
Ich erhebe mich über die letzten Schatten meiner eigenen Kindheit, scheint’s.
Wohlan.

Woche XXXXII | Montag, 13.06.2016

Für Kinder, die in zwei gegensätzlichen Kulturen aufwachsen, knirscht es mächtig, und sie müssen sich entweder dick polstern oder bekommen es mit allerhand Krankheiten zu tun – da stellt sich ein ganzer Körper mit seinen inneren Organen als Bildschirm zur Verfügung.
Ich hatte es als Kind da viel leichter, Schule und Elternhaus waren sich in wesentlichen Punkten einig. Dass einige dieser Punkte für mich fatal waren oder später wurden, steht auf einem anderen Blatt, denn zu jener Zeit gab es noch keine Gehirnforscher, die deutlich sagten: Das Gehirn macht aus Psychologie Biologie. Und wo es keinen direkt sichtbaren, linearen ursächlichen Zusammenhang gab, wurde er auch nicht angenommen.
Wie viele Spinner*innen mussten ohne wissenschaftliche Messmethoden mit ansehen, wie das für sie Offensichtliche abgestritten wurde. Nun ist die Psychosomatik schon etwas weiter und bestätigt viele der Spinnereien.
Ich als Kind konnte mich eindeutig falsch fühlen, wenn sich Schule und Eltern einig waren, ganz egal, ob ich mit allen meinen Zellen spürte, dass sie im Unrecht waren.
Bis heute kann ich mich dank der eingespurten Denkweisen als Versagerin fühlen. Nur mühsam bekomme ich die Puzzleteile zusammen: Natürlich musste ich scheitern, wenn ich zu Tätigkeiten verdonnert wurde, die mir nicht lagen.
Meine Kinder haben nur das Schulwesen gegen sich, ihre Eltern stehen nach Einfühlung und Verständnis suchend hinter ihnen. Inzwischen ist mir klar geworden, dass die Schule, die ich selbst ja oberflächlich betrachtet ganz gut überstanden habe, heute viel größeren Schaden anrichtet als damals, wenn sie mit den Methoden der Unterwerfung und Bedrohung versucht, ihren Lehrauftrag zu erfüllen. Nicht nur, dass sie die Kinder als Menschen missachtet und zu Objekten der Belehrung und Bewertung degradiert, womit der Weg zum Opfersein systematisch gebahnt wird. Zudem wird das unentschuldigte Fernbleiben auch noch mit Strafen geahndet, derer sich eine freiheitliche Demokratie bedient, die ihren eigenen Bürgern nicht traut.
Mit den Maßnahmen, die eigentlich den Bösen gelten, machen sie in Wirklichkeit den Guten das Leben schwer. Denen, die eigene Antworten geben wollen, Verantwortung leben. Vor allem entlässt sie im Erfolgsfall artige, gehorsame junge Erwachsene, die weit davon entfernt sind, eine freiheitliche Gesellschaft mit der notwendigen kritischen Betrachtung aller Umstände zu bereichern und mit aller Kreativität auf die Lösung der komplexen Probleme hinzuarbeiten. Sie werden Bankleute, Lehrer oder Geschäftsführer – oder Wissenschaftler, letztere vielleicht zusammen mit den Künstlern die einzige Hoffnung auf Rettung?
Sicherlich ist es naiv, blindes Vertrauen in einander zu erwarten, aber Vertrauen ist nichts Blindes. Vertrauen hat mit Vertraut-Sein zu tun, das heißt, man kennt sich. Man ist aufmerksam für einander, in Verbindung. Und alles was diese Verbindung be- oder verhindert, mindert das Vertrauen, beschädigt die Sicherheit und schränkt damit den Raum ein, in dem man sich als Mensch fühlen kann.
Dass das Schmerzen bereitet, können Neurowissenschaftler sichtbar machen. Nun ist das kein romantisches Gedöns mehr.
Inzwischen sind auch die selbst erfüllenden Prophezeiungen wissenschaftlich erwiesen und damit die Grundlage für die Legitimation des Vertrauensvorchusses gelegt: Traue den Anderen das Beste zu! Vor allem den Kindern.
Im Rückblick auf die Schulzeit meiner Kinder beginnt mich Trauer zu erfüllen. Ich musste mich von meinem Grundvertrauen verabschieden, das sich mit jedem Jahr als gegenstandsloser erwies. Bis auf einzelne Mensch gebliebene Pädagog*innen haben viel mehr Pflichterfüller*innen oder Ideolog*innen das Leben meiner Kinder verunstaltet als ich mir hätte träumen lassen – 15 Jahre nach dem Mauerfall, zur Einschulung meines ersten Kindes, müsste das doch anders sein?! Und jetzt, nochmal über 10 Jahre später? Was tun die Erwachsenen, die von Verantwortung sprechen? Was leben sie selbst?
Aber vielleicht ging es wirklich nur um Bananen und nicht um Freiheit. Bananen werden schließlich auch nicht von freien Bauern geliefert.
Die Kinder zwischen den Kulturen werden gesundheitlich von Leuten betreut, die nichts mit dem täglichen Leben der Kinder zu tun haben. Wie kommt die Rückmeldung dort hin, wo sie in die Entscheidungen einfließen kann? Viele Mediziner haben sich in der Vergangenheit an Pädagogen gewandt oder sich gar selbst pädagogisch betätigt, wie Maria Montessori vor bald 100 Jahren. Nun haben wir die Neurowissenschaften, die sich mit dem Organ beschäftigen, das auch fürs Lernen zuständig ist – ich hoffe, dass nun auch die Lernbeauftragenden zugänglicher werden und ihr tägliches Tun besser reflektieren!!! Es gibt ja schon viele, die sich auf den Weg gemacht haben, man kann hingehen und sich was abgucken, wenn man selbst nicht zu den Erfindern gehört.
Und ich selbst? Ich bin Versager, ja, ich kann es einfach nicht: Andere zu Objekten meiner Arbeit zu machen. Und sie dann noch zu bewerten. Und zum ersten Mal im Leben bin ich darauf stolz. Ich bin froh, immernoch diesen direkten Draht zu meinen Gefühlen zu haben und genau zu spüren, wie hohl ein Lob ist und wie schmerzhaft und ungerecht die Eingruppierung jenseits der Guten und Sehr Guten. Zumal weder die einen noch die anderen daraus ein Gefühl dafür entwickeln können, was sie wirklich gut können. Die einen rennen mit einer aufgeblähten Eitelkeit herum, haben aber womöglich nie gelernt, etwas durchzustehen oder etwas wirklich Wertvolles zu tun, und eine Garantie für ein gutes Erwerbsleben sind die guten Noten auch nicht (wie man an mir sehen kann). Die anderen schotten sich -nicht ganz zu Unrecht- von der Arroganz der Guten ab und machen fortan ihr eigenes Ding, den Rest ihres Lebens nicht müde werdend über die Studierten zu schimpfen oder zu lachen.
Die Kinder zwischen den Kulturen zeigen mit Krankheit oder Abschottung deutlich auf die Gefahren hin, denen sie ausgesetzt sind, wir Erwachsenen können nun die Mühlsteine und die ganze Mühle dahinter zu erkennen suchen und uns darüber einigen, was wir wirklich wollen: das ist vielleicht besser für die Kinder, auch wenn wir zunächst irren. Es gibt einen gemeinsamen Nenner, dessen bin ich sicher, der die Unterschiedlichkeit der Menschen und ihrer Wege zu fassen vermag und den Kindern dadurch einen sicheren Boden unter die Füße gibt.

Woche XXXXI | Freitag, 10.06.2016

Was für ein Drama! Die Aussicht auf ein Sportfest löst ein derartiges Unbehagen aus, dass ich befürchten muss, meinen Kindern könnte ernsthaft Schaden erwachsen.
Nun, ich denke, der Schaden ist ihnen bereits entstanden, nur aus üblen Erfahrungen heraus kann so eine intensiv-abwehrende Haltung entstehen. Also wieder ein Schulereignis, an das rote Tücher geknüpft sind.
Ich möchte voranschicken, dass wir nicht von vornherein skeptisch an Schule herangehen, ich habe Vertrauen in die professionellen Erwachsenen gehabt, als ich ihnen meine Kinder übergab. Im Laufe der Jahre musste ich mich über vieles wundern, und, ja, inzwischen äuge ich eher kritisch auf die Schule. Ich habe meine Kinder immer ermutigt und ihnen mit Rat und Tat zur Seite gestanden, ihnen Raum und Zeit für die Erledigung von Hausaufgaben gegeben, ihnen zugehört und bei Bedarf Vorschläge unterbreitet. Ich habe mich um sie gesorgt, wenn sie schlechte Noten heimbrachten, weil ich sah, wie geknickt sie davon waren, habe ihnen versucht zu zeigen, dass sie dennoch gute Kinder sind, in Ordnung, so wie sie sind. Dass es normal ist, wenn nicht alles auf Anhieb klappt, wie beim Laufenlernen. In der Schule wurde aber jeder Sturz zusätzlich noch bewertet: das macht das Straucheln zur Gefahr für das Selbstbild.
Schule ist ein Ort für uns geworden, an dem die Kinder vor Aufgaben gestellt werden, die wir zu Hause zu lösen bekommen. Meine Versuche, diese Aufgaben mit den Lehrenden zu erörtern, stießen auf Selbstverteidigung, Abwiegelung und klare Zuordnung in häusliche Verantwortung.
Sicherlich ist es meine Entscheidung, wie ich damit umgehe, ob ich es zum Privatproblem erkläre und im Stillen mein Süppchen koche oder ob ich dieses zunächst persönliche Thema in die Gesellschaft trage und ihr damit die Möglichkeit gebe, sich zu einer Gemeinschaft zusammenzufinden. Zu dem sprichwörtlichen Dorf.
Der erste Schritt dahin besteht darin, mich zu outen.
Mit einem Misserfolg.
Mit einem Versagen.
Mit einer Schwäche.
Mit dem Eingeständnis, es nicht allein hinzukriegen.
Mit dem Scheitern an der Forderung nach Perfektion und Richtigkeit.
Das sind alles keine Ruhm bringenden Anteile.
Solches zu zeigen verleitet noch viele Leute dazu, einem weitere Ratschläge zu erteilen, was man wie oder anders machen muss. Das verstärkt noch das Gefühl der eigenen Mangelhaftigkeit und zerlöchert das Selbstvertrauen weiter. Oder sie sagen, das sei doch alles nicht so schlimm – ohje, dann bin ich wohl besonders lebensunfähig???
Mein Kind konnte in seinem gegenwärtigen Umfeld niemanden konkret benennen, von dem es eine beschämende Äußerung zu befürchten hätte, wenn es tatsächlich eine schwache sportliche Leistung bringt. Das tröstet mich sehr, aber die Befürchtungen wirken dennoch und verlangen vollen Einsatz zu ihrer Entkräftung, damit überhaupt hingegangen werden kann.
Was allerdings nicht so schnell abzustellen geht, ist die Konsequenz dieser Leistungen für die Noten auf dem Zeugnis. Was das Festliche an diesem Sportfest in meinen Augen gleich wieder zerstäubt. Jegliche Bewertung beraubt solchen Anlass seiner Unbeschwertheit und der damit verbundenen lustvollen Entfaltung auch der kleinsten Talente und Potenziale, die in der Querschnitts-Bewertung ja doch immer schlecht abschneiden. Ein Fest nur für die Überdurchschnittlichen, die Guten.
Abgesehen davon ist es das Bedürfnis eines jeden Menschen, gute Ergebnisse zu erzielen. Wir machen es vielen systematisch unmöglich, wenn wir immer an Klassenzielen orientieren und nie die persönlichen Errungenschaften und Fortschritte eines Kindes ins Licht setzen (und wenn, dann hat es keine Evidenz auf dem Zeugnis), dann machen die mittelmäßigen und unterdurchschnittlichen Kinder andauernd Misserfolgserfahrungen, weil sie ja nie etwas richtig gut hinkriegen, wodurch sie gezwungen werden, in irgendeine Form der Lebensrettungsmaßnahme zu gehen – um ihre Würde, ihr Selbstwertgefühl, Selbstvertrauen nicht völlig zu verlieren.
Mein Kind hat definitiv was nachzuholen in diesem Bereich, wenn die Aussicht auf ein kleines Scheitern solche Panik hervorruft. Und hierfür braucht es „ein ganzes Dorf“, wenn wir nicht abgeschottet leben wollen. Denn das, was die eigenen Eltern sagen, muss vom Rest der Welt verifiziert werden.
Ach ja – Sport-FEST: ich denke auch, jedes Kind sollte eine Teilnahme-Urkunde erhalten, auf der die eigenen Werte draufstehen. Dann kann es von Jahr zu Jahr erkennen, wie es sich verbessert hat in den einzelnen Disziplinen, und es ist ein greifbarer Ausdruck für das Motto „Dabeisein ist alles, schön, dass du mitgemacht hast!“. Die Besten in den Altersklassen müssten sich zudem bei den anderen bedanken, denn ohne sie könnten sie ja gar keine Sieger sein, und es ist schwer für die anderen, Stolz auf diese Leistungen ihrer Altersgefährten zu empfinden, denen nachzueifern Freude macht.