Kurzmitteilung

ZR X-1: Elternvertretung eine Bildungsfrage???

Können nur gebildete Eltern wirklich in einer Elternvertretung mitwirken? Es hat für mich den Anschein. Den Dschungel aus Schriften und Satzungen und Gesetzen und Verordnungen mit Formulierungen, die einen Übersetzer in die Sprache der Menschen brauchen – da kann ich mir bei vielen Müttern und Vätern vorstellen, dass sie mit ihrer Freizeit Besseres anzufangen wissen. Oder dass sie zu schwach oder krank sind, um es zu tun. Oder einfach nicht verstehen, wie es funktioniert.
Ich selbst tue mich schwer, mich mit den Bergen von Papier anzufreunden. Ich hätte für vieles davon die geistigen Kapazitäten. Ich sehe nur den Sinn nicht. Und: meine Anliegen als Mutter in Bezug auf die Schule und das Lernen meiner Kinder kann ich kaum vertreten, weil ich mich nicht traue. Weil ich nicht alles verstehe, befürchte ich Blamage. Weil ich Unterwerfung gelernt habe, kann ich mir aufrechten Gang kaum vorstellen. Weil ich selbst es nie in aller Konsequenz wert war, angehört und verstanden zu werden, bin ich eine Versagerin.
Als ich vor zwei Jahren die Bereitschaft hatte, im Schulelternrat eine Aufgabe zu übernehmen, steckte ich tief im Burnout, mit Depression. So heißt es heute. Niemand hat sich auch nur gefragt, wer diese fremde Person überhaupt ist, von der sie sich vertreten lassen wollen. Nun ja, darum ging es ja auch nicht. Vielmehr brauchte man dann selber nicht die ungeliebte Rolle anzunehmen und musste dementsprechend auch nicht in ihr versagen. Oder Farbe bekennen und zu seiner Nicht-Bereitschaft oder Ratlosigkeit zur aktiven Mitwirkung stehen.
Gewählt werden vielfach auch die Eltern erfolgreicher Kinder. Wie sollen sie aber diejenigen vertreten, die kein Land sehen? Die sich auch in diesem Falle erstmal outen müssten. Als Versager. Schließlich haben sie ihre Kinder nicht gut vorbereitet. Wenn diese dann ihre Interessen auf anderen Wegen, durchaus auch solchen, die wir als kriminell einstufen, vertreten, kriegen sie eine Art von Aufmerksamkeit, die weit weg von Verständnis und Verstehenwollen liegt. Sollten sie nicht von den Gebildeten und Freiheitsliebenden und Demokratielebenden unterstützt werden in der Findung besserer Ausdrucksweisen? In der Findung gesünderer Wege?
Ich als gebildete Ausgebrannte mit für den Zwang in der Schule schlecht vorbereiteten Kindern finde mich wieder als Ermutigerin. Heute, soeben, sogar als Ermu-TIGERIN, ich habe sogar Feuer gespuckt wie ein Vulkan. Eine meiner Lieblingselternvertreterinnen in dieser neuen Wahlperiode droht daran zu verzweifeln, dass sie das Mitwirkungssystem nicht bedienen kann. Sie möchte, aber sie kann nicht. Sie sieht ihr Scheitern deutlich vor Augen, der ganze Ablauf, die Funktionsweise z.B. einer Schulkonferenz sind für sie verworren und weit weg von ihrer Lebensrealität, von der sie als einfühlsame und kluge Mutter von sieben Kindern reichlich zur Verfügung hat. In ihrer großen Familie kommen andauernd Leute mit unterschiedlichen Bedürfnissen zusammen, für die die jeweils notwendige und am besten passende Lösung gefunden wird. Ich bewundere sie! (Sie sollte gefragt werden, wie Inklusion funktionieren kann!) Diese beherzte Frau, die dafür sorgt, dass Nazi-Schmierereien in der und um die Schule herum beachtet und beseitigt werden, sieht sich in die Knie gezwungen in ihrer ehrenamtlichen Mitwirkungsbereitschaft, weil sie auch ein System von Spielregeln zu berücksichtigen bereit ist, das sie aber gar nicht durchschaut. Weil sie befürchten muss, dass sie keine Unterstützung von den anderen Beteiligten erfährt. Weil sie sich ausgeliefert fühlt, in eine Rolle gedrängt.
Vielleicht lege ich es falsch aus, vielleicht ist das alles nur meine persönliche Lesart. Aber auch dann wirft es die Frage auf: Kann ich überhaupt Elternvertreterin sein???

Woche VI | Montag, 05.10.2015

Es gibt Menschen, die sich an so einem traumhaft-sonnigen Herbstwochenende auf den Weg an die Ostsee machen.
Die Menschen in meiner Familie tun das nicht. Sie wollen am Wochenende einfach nur zu Hause und in Ruhe gelassen sein. Sicherlich hätte ich mit ein wenig Anschieben so einen Ausflug erwirken können, aber auch mir fehlt die Kraft dazu. Die Woche ist voll mit Schulpflichterfüllung und tollen Hobbys. Und wenn wir wirklich Ruhe haben wollen am WE, müssten alle Haus- und Hofarbeiten auch bis Freitag abend erledigt sein. Naja, die laufen nicht weg, und ich kann auch ganz gelassen bleiben, wenn sie sich vor mir auftürmen. Da ist mir auch egal, was Nachbarn denken mögen, ich will es nicht wissen, denn wenn ihnen was nicht passt, wie ich es mache, findet sich physikalisch-unausweichlich auch das Gegending dazu… Ansprechbarer bin ich für einfühlsame Erörterung der Sachlage. Vor ein paar Monaten kam mal eine Tierschützerin auf meinen Hof und fragte, ob sie meinen Hund ausführen dürfte. Ich war arglos und die Frau zunächst einfach nett. Wie sich herausstellte, „kontrollierte“ sie mich und lamentierte dann lang und breit über das Elend, in dem sie viele Tiere vorfände. Ich riet ihr, sich mit dem Elend der dazugehörigen Leute zu befassen, wenn sie den Tieren wirklich helfen wollte.
Meine Familie also in Höhlenstimmung. Kkumhada macht ihr Ding, vermeidet jegliche Kommunikation mit mir, Oishi-Kawaii verschwindet zwischen den „Helden des Olymp“ und reagiert insgesamt sehr gereizt auf uns, wenn wir sie da rausholen, McFlitz ist zunächst auch im Onliniversum und später in seine Lego-Katalog-Träumereien vertieft. Dann geht er aber doch von alleine raus herumtoben und Fahrrad fahren oder quasselt mir von seinen Geschichten und Erlebnissen was vor. Der Papa? – Auch er geht seinen Anliegen nach, stoisch fast, aber dazu gehören auch Frühstück machen, Brombeeren ernten, Holz hacken. Ich wünschte nur, er würde sich öfters mal die Kinder schnappen und sie mit einspannen. Naja, er will auch mal ungestört bleiben. Ich schicke ihm Oishi-Kawaii auf den Hals, Kkumhada sucht sich selbst eine familien-gemeinnützige Arbeit und ich schiebe McFlitz an seine Hausaufgaben: ein Vortrag über die Kartoffel, Malfolgen üben, Leseheft lesen. Ich will frei haben! Wenn ich also eh mein Kind zu Hause auch noch beschulen soll – Hausaufgaben dieser Art sind immer Elternaufgaben! – dann könnte die Schulpflicht doch gleich abgeschafft werden. Billiger wäre es auch. So sehe ich mich gezwungen, meine, unsere Familienanliegen hintanzustellen, damit mein Kind den Anschluss nicht verpasst an einen Plan, der zwar zu seinem Besten ersonnen sein soll, aber ganz offenbar so weit über ihm steht, dass es darin schon wieder keine Rolle mehr spielt und eben zusehen muss, wie es klarkommt.
Ich sehe mich gezwungen, weil ich zu feige bin, einfach zu verweigern. Ich habe Angst vor der Strafe. Auch wenn es vielleicht erstmal „nur“ Geld ist. Nun, wir hätten im Monat an die 300 Euro mehr, wenn wir den Jüngsten aus seiner staatlich anerkannten Ersatzschule nähmen. Die könnten dann ja investiert werden in unsere und seine Menschenwürde-Wiederherstellung… Und sicherlich täten wir anderen ähnlich schreckhaften Eltern den Gefallen, mit unserem Beispiel voran zu gehen, so dass auch sie mutiger werden können.
Na, ich will jetzt erstmal noch weiter als Elternvertreterin und Schreiberin das Feld beackern, immerhin sind meine Kinder auch nicht gerade rebellisch, freuen sich auf ihre Freunde, für wen wäre es also? (Aber ich trage sie in mir, diese Sehnsucht nach freudvollem Lernen in lebendigem Sinnzusammenhang aus unserer Lebenswelt heraus, im Einklang mit ihr, along the way, gewissermaßen, und nicht als etwas, wovon man sich am Wochenende erholen muss und distanzieren will.)
Fazit für mich – mein Familienleben: nicht vorhanden. Ich erlebe die Kinder nur unbereitwillig, erschöpft oder krank (bei McFlitz hauptsächlich unbereitwillig zu Hausaufgaben).
Natürlich sehe ich die Schule auch als Aufgabe an und versuche, damit konstruktiv umzugehen. Natürlich denke ich mir unterhaltsame Möglichkeiten des Übens (für die Schule) aus. Das würde ich so oder so machen. Natürlich sehe ich das Lernpotenzial für mich und die Kinder. Aber ich frage mich, ob wir wirklich so bootcamp-artig mit uns und unseren Kindern verfahren wollen? Angebliche Spreu vom Weizen trennen und damit für selbsterfüllende Prophezeiungen sorgen, die dem Dogma in die Hände spielen, man müsse all die beschränkenden, luftabschnürenden und einschüchternden Vorkehrungen treffen, um das Leben in Freiheit zu retten – ?!? – Die, die’s betreffen soll, werden so auch nicht erreicht. Die Sensiblen kriegen dafür umso mehr das „Vergnügen“, sich erstmal wieder aufrappeln zu müssen, damit sie überhaupt zurück zur eigentlichen Sache kommen können. Worüber wundere ich mich da?
Neue Woche, neuer Anlauf. Neuer Versuch, das Gute darin zu erkennen. Und vielleicht ein paar kleine Wunder? Ach, heute fühle ich mich wenig mutig!

Woche V | Montag, 28.09.2015

Nun sind sie wieder alle fort. Einige Stunden nach dem „Blutmond“, den sie natürlich schlafend erlebt haben. Von dem sie theoretisch oder bei den Geschichten um Aang, den Avatar, erfahren werden/haben. Schule ist wichtiger als das echte Leben. Wo kämen wir hin?
Für die wichtigen Dinge lohnt es sich ausgeschlafen zu sein. Also kein Mondspektakel gucken.
Unser Wochenende war reich an Unternehmungen, wir haben viel mit Menschen und miteinander zu tun gehabt – Gäste haben, eine japanische Teezeremonie kennenlernen, einen Geburtstag feiern, ein Flüchtlings-Willkommen, ein Erntedankfest, eine Musiker-Begegnung wie sie lebendiger nicht sein könnte (lauter Leute, die so noch nie miteinander geprobt haben, und ein Klangerlebnis hinzauberten wie eine Wanderung durch Wald und Feld, nach Lust und Laune). Im herrlichsten Sonnenwetter Motorradfahren üben, Rad fahren, Pilze sammeln. Ich allerdings habe mich, nachdem Feiern und liebe Gäste gut überstanden waren, am Sonntag Mittag „nur kurz“ hingelegt und von dem ganzen Sonntagszauber nur die letzten Ausläufer vor dem Abendbrot mitbekommen. Wir schlossen mit „Shaun, der Film“ das Programm und fanden kurz vor dem Schlafengehen noch ein paar Hausaufgaben vor…
Tatsächlich von Freitag auf Montag aufgegeben. McFlitz würde also unverrichteter Dinge in die neue Woche starten. Auch Oishi-Kawaii darf sich auf eine Woche mit täglichen Leistungstests freuen, was ihr natürlich immernoch zu schaffen macht. Und damit auch mir wieder Begleitungsaufgaben liefert. Ich muss argumentieren und trösten und den Pädagog*innen Briefchen schreiben für meine beiden Kleinen. Jedenfalls für McFlitz. Das Wochenende sollte HA-frei sein! Wirklich frei zur selbstbestimmten Verwendung. Zum tief-Durchatmen und frohsinnigen Spiel/Kreativsein/Herumströpen/Bauen… Nun, es ist eine Entscheidung, das kann man auch mit HA haben. Die ignoriert man einfach genauso, wie die Schule ignoriert, dass mensch selbstregulierend auch einen eigenen Lerndrang hat, aus dem Bedürfnis nach Verständnis heraus. Und dass mensch immer das Nötige und Mögliche lernt. Und in einer ignoranten Gleichschrittsschule stolpern MUSS – bei aller Liebe und Rücksichtnahme, weil eben nicht in seinem eigenen Rhythmus und Tempo und von innen heraus bewegt. Und dass es manchmal bedeutet, dass mensch die übergriffigen Forderungen Anderer abwehren muss. Die dann eingeschnappt-vorwurfsvoll behaupten, es wäre doch zu menschen’s Bestem gedacht.
Oishi-Kawaii bekommt von mir die Ermutigung zur Lücke. Natürlich ist mir wichtig, dass sie sich in der Welt auskennt, zu denken lernt und sich den wichtigen Dingen stellt. Sie darf sich also gegen die Angstpaukerei entscheiden. Ich bin nicht böse auf sie über schlechte Noten. Ich spüre nur die Verletzungen der gequälten Seele, die ständig von außen gezogen und geschoben wird und sich weigert einzusehen, dass manche Menschen eben nicht so auf sie achten wie die eigenen Eltern. Ist vielleicht auch unsere Aufgabe, das mal deutlich zu machen und unsere Kinder dazu anzuleiten unterscheiden zu lernen. Das Gegenteil von „gut“ ist „gut gemeint“ (also ohne den Anspruch, die Wirkungen zu überprüfen und das Vorgehen anzupassen). Es geht eben nicht wirklich um die Kinder.
Kkumhada, meine Große „macht ihr Ding“. Sie schöpft aus der Quelle der Begeisterung für ihre Motorradfahrschule. Sie ist mit eigenen Zielen unterwegs und räumt sich ohne weiteres auch Kursänderungen ein. Sie kann inzwischen ganz gut „trotzdem“ lernen, wenn ihr eine Lehrperson unsympathisch ist, und sich auf diese Weise differenzierter auf Herausforderungen einlassen, sich für Gegebenes öffnen. Das geht erst ab einem bestimmten Reifegrad, sicherlich auch abhängig vom Hormonhaushalt und dem Stand der Pubertät – wie weit kann sich das Kind schon lösen und „den Rest der Welt“ auf sich beruhen lassen oder so ins Verhältnis setzen, wie es das Gebet ersehnt: …gib mir die Kraft zu ändern …, die Geduld hinzunehmen …, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden…
Ich merke schon, es geht immer wieder ums Unterscheiden. Immer wieder Aschenbrödel. Die Guten ins Töpfchen.
Also: statt „Lasst die Kinder endlich in Ruhe lernen!“ und strampelnd drauf zu warten, dass es wahr werde, selbst sortieren und mit einem „Machen wir das Beste draus!“ das Nötige und Mögliche lernen. Hier wohl: selbst entscheiden und die Folgen tragen. Sei es Verweigerung, Flucht nach vorn oder Mitwirkung in Kritik oder Einverständnis. Ich wähle eine Mischung aus allen dreien. Und wenn ich mutig genug bin, kann ich vielleicht sogar unmittelbar (direkt und mündlich) mit den Bildungsmachenden ins Gespräch treten und für das Verständnis sorgen, dessen es bedarf, um wirklich etwas zu verändern. Bis dahin erlaube ich meinen Kindern, in Ruhe zu lernen und sich von der Schule nicht stören zu lassen…

Woche IV | Freitag, 25.09.2015

Ich schreibe, bevor der Tag losgeht, ich weiß also noch nicht, was mich später am Frühstückstisch erwarten wird, ob alle gesund sein werden. Bisher verlief diese Woche jedenfalls weitgehend „gesund“. Ich habe mein Kopfschmerzkind eindringlich instruiert, dass es diese Tests und Klassenarbeiten nicht allzu ernst nehmen darf, zumal auch niemand danach fragt, ob sie sich bereit dafür fühlt. Es geht nur um den Plan, nicht um die Kinder.
Auch in der freien Schule von McFlitz geht es um den Plan, immerhin wird er nicht mit Noten traktiert, sondern kann die Tests als Möglichkeit wahrnehmen zu schauen, wie weit er kommt. Seinen Stand der Dinge im Vergleich zum Jahrgangsziel zu ermitteln, ist ihm nicht wichtig, aber wenn er nicht alles fertigstellt in der gegebenen Zeit, dann wird ihm das nicht einfach kurz und knapp quittiert, sondern es gibt ausführlichere Gespräche über Notwendigkeiten, um Verständnis herzustellen und seine Ziele neu zu stecken, wenn nötig. Z.B. gab es im vergangenen Schuljahr diese Tests zu den Malfolgen, die zutage förderten, das mein Kind alles richtig rechnet, nur eben nicht so schnell. Die Schnelligkeit hatte für ihn noch keinen Sinn gemacht, also wurde sie auch nicht zum Übungsziel.
Meine Große geht ihren Weg. Sie weiß noch nicht, was sie nach dem Abi machen will. Ich schlage ihr immer vor, ein Handwerk zu lernen, das ist eine Art Erdung, ein Fundament, damit ein Studium -wie bei mir- nicht so abgehoben obendrauf jegliche Verbindung zur Wirklichkeit vermissen lässt und damit nicht in die Praxis führt. Das kann bei ihr natürlich ganz anders sein.
Ich vermisse immer ein bisschen das Gespräch mit meiner Großen, werde nicht so recht vertraut. Kurze Mitteilungen und dann weiter. Bevor ich weiß, wie mir geschieht, ist der Kontakt schon wieder vorbei. Ich sitze gern einfach mal ein bisschen länger beieinander, auch ohne was zu sagen. (Aber auch ohne Smartphone oder Buch.) Nun ja, sonst gibt es nichts zu wünschen. Nur dass sie gesund bleiben möge auf dem Motorrad, jetzt bei der Fahrschule und danach…
Wir haben tatsächlich eine Woche erlebt, in der die Freizeit mal nicht der Genesung gewidmet werden musste. Danke!!! Ich habe dafür was getan: Bewusst die der Pflichterfüllung dienende Routine, die den Kindern genug Freizeit, Zeit für HA und für Schlaf sichern sollte, durch eine ganz gemütliche, undurchstrukturierte, gemeinsame Feierabend-Runde auf der Kuschelbank gebrochen. Vorher wie immer zusammen was essen, und dann eben nicht gleich in die nächsten Aufgaben oder jeder für sich in die Auszeit verabschieden, sondern zu einem Quassel-Symposium zusammenfinden. Mit offenem Ende. Und was soll ich sagen? Ich hatte ja im Stillen befürchtet, wenn ich das mache, läuft danach kein Haushalt mehr, weil die Erschöpfung eben die Oberhand bekommt. Weit gefehlt! Eine echte Leib- und Seelen-Tankstelle gefunden! Und mein ausgiebig kuschelnder McFlitz kann dann sogar viel selbständiger sein! Ganz von allein. In meine Oishi-Kawaii kommt Bewegung und Lust auf dies und das jenseits von Buch und Bildschirm. Und meine Kkumhada wird gesellig und gesprächig… Was hat mich nur in jene Pflichtenfalle gebracht??? Unmerklich bin ich hineingeglitten, mit jedem Versuch, den Nachmittag zu optimieren, ein Stückchen tiefer. Und habe nicht verstanden, dass gerade diese achtsame Planerei jedes Luftlöchlein verstopft hat, das uns mit ungleich erholsamerer Frischluft gestärkt hätte als der ausgebuffteste Wellnessplan. Auf ins Wochenende! Nach Lust und Laune. (Naja, einen Plan gibt’s diesmal schon wieder, wir bekommen Gäste… Aber es ist mehr ein Rahmen, mit Spielräumen. Und Kuschelbank!)

Woche IV | Montag, 21.09.2015

„Mama, wann gehst du arbeiten?“, fragt mich meine Oishi-Kawaii am Frühstückstisch und meint damit Erwerbstätigkeit. Ich sage, ich arbeite die ganze Zeit, nur dass ich eben kein Geld dafür bekomme. Der Stellenwert der Erwerbstätigkeit ist durch nichts zu toppen. Traurig, oder? Auch wenn ich bedenke, mit welchem Geiz sie entlohnt wird. Unsere Sparsamkeit führt dazu, dass wir uns die Arbeit unserer Nachbarn nicht leisten wollen/können(?), ganz zu schweigen unsere eigene!, und lieber die Menschen am anderen Ende der Welt für uns bluten lassen.

Jedenfalls, wenn wir Geld als einziges Tauschmittel betrachten und uns dann selbst nicht mehr einräumen füreinander zu arbeiten. Oder gar miteinander! Die Tomaten im Laden sind billiger als wenn ich sie selber im Garten ziehe. Ich könnte sie niemals verkaufen und Mindestlohn dafür erhalten.

Eine andere Sorge bedrückte sie schon gestern abend: Heute wird ein Test geschrieben in einem Fach, in dem sie wegen Krankheit nicht aktiv teilgenommen hatte, und also nur weiß, was sie durch Abschreiben der verpassten Inhalte aufnehmen konnte. Worum fürchtet mein Kind? Um sich selbst? Dass ihm Schlimmes widerfährt? Eine schlechte Note? Versagen? Droht vielleicht darüber hinaus Beschämung? Ich habe ihr gesagt, dass sie von uns nichts zu befürchten hat, dass ich eher sehe, wie die Schule mal wieder versagt, wenn sie die Kinder vor solche Aufgaben stellt, ihnen aber gleichzeitig nicht ausreichend Zeit zur Beschäftigung mit der Materie einräumt, eben bis auch mein Kind ein sicheres Gefühl hat, die Herausforderung meistern zu können. Es wird ungefragt getestet. Wie ein Objekt. Was bleibt mir sonst zu sagen? Ich versuche für Gelegenheiten zu sorgen, in denen meinem Kind die Erfahrung von Kompetenz möglich ist. In denen es sich als lebensfähig bestätigen kann, als in der Lage, es hinzukriegen. Wir brauchen dazu keine Tests. Wir merken es daran, ob es „hinhaut“.

McFlitz konnte gestern abend auch keine Ruhe finden. Er hatte noch kein Geburtstagsgeschenk und fühlte sich schlecht, so ganz ohne etwas in der Hand für seinen Papa. Ich kenne dieses Gefühl gut. Bei mir kommt noch dazu, dass ich unter allen meinen Ideen keine ausmachen kann, mit der ich einfach so zufrieden bin. Ich rede mir und McFlitz zu: das Wichtigste sind die guten Gefühle für einander. Die Achtung und Wertschätzung jeden Tag. Nimm deinen Papa doch einfach in den Arm und gib ihm ein Küsschen. Sag ihm, wie lieb du ihn hast. Plötzlich sprudeln die Ideen für weitere liebe Aufmerksamkeiten und wir könnten ohne weiteres einige Wochen lang ein Geschenk nach dem anderen hervorbringen… Er sagte, morgen in der Schule könnte er ja was für Papa machen. Ist das nicht ein Traum? Die Schule als Ort für wirklich relevante Arbeit? (Leider meinte er den Hort. Aber den Traum haben wir tatsächlich schon mal gelebt, bevor ich in der Erschöpfung landete.)

Kkumhada ist anscheinend ganz entspannt in die Woche gestartet. Sie hat noch immer einen guten Schutzschild um sich, durch den nur Sachen herein dürfen, die sie sich selbst ausgesucht hat. Und sie ist wählerisch. Ich hatte in der Vergangenheit wiederholt den beinahe unbezähmbaren Impuls, ihr ihren Eigensinn kräftig auszutreiben, konnte mich aber immer noch weitgehend beherrschen. Schließlich ist er der Schlüssel zu ihrer Unversehrtheit. Unverstörtheit. Jetzt sehe ich die Aufgabe darin, ein gutes Maß zu finden, die Öffnung so „einzustellen“, dass der Schild nicht zu einem Gefängnis werden muss oder seelische und geistige „Mangelernährung“ bewirkt, aber eben auch nicht alles einfach so hineinstürmen kann, was der Rest der Welt gerne mal loswerden will. Rapunzel wird in ihrem Turm nur mit dem „gefüttert“, was ihre Entführerin erlaubt, sie hungert nach der Welt draußen. Mein Kind schaut ebenfalls weit in die Ferne, wo es sich das wahre Leben erhofft. Habe ich es verloren? Wer ist seine eifersüchtige Bewacherin und meldet Ansprüche an/auf es an? Womit haben wir diese Ansprüche geweckt? Mit unserem Gelüst nach Früchten aus dem fremden Garten? Mit unserer Erwerbstätigkeit? Anstatt unseren eigenen Garten gut zu bestellen? Könnten wir es? Wüssten wir, wie es geht?
Vor uns liegt eine Woche, in der wir unseren eigenen Garten wieder hintanstellen werden: „Arbeiten gehen“, Hausaufgaben aus der Schule, Elternabend, Schulfest, Geburtstagsprogramm. (Echt jetzt??? Ja. Die Hoffnungen der Eltern erfüllen. Ich habe mich noch gar nicht gefragt, wie ich es eigentlich gern für meinen Liebsten machen würde!) Dann die Rehas: Abschalten, Essen und Reden, Schlafen. Eigener Garten: Tanzen, Chor, Fahrschule, wenn wir dafür nicht zu erschöpft sind. Spielen, Vorlesen, Bauen und Basteln wage ich gar nicht zu nennen. Das müssen die Kinder allein machen.

Woche III | Freitag, 18.09.2015

Gestern erstellte ich wieder eine statische Seite: Fachkräftemangel.

Und ich habe meine Oishii-Kawaii am Mittwoch wieder in die Schule geschickt. Die Nase läuft noch, der Husten ist locker, kein Fieber oder Kopfschmerzen. Das Kind gehört unter ihresgleichen. Ist es das geringere Übel oder das Beste für sie, das in der Schule zu finden? Dort gibt es nicht ihresgleichen, wenige mit ihren Interessen, wenn auch viele in ihrem Alter. Zu wenig Zeit für freies Miteinander. Auf jeden Fall kam sie beseelt nach Hause und war sehr zu Scherzen aufgelegt.

Die Rache für meinen Egoismus heißt Kopfschmerz. Meine Oishi-Kawaii kam dann gestern nach 7 Stunden Schule beschädigt nach Hause, geplagt davon, (noch) nicht zu wissen, worum es im Unterricht ging und nicht alles zu verstehen, weil sie einiges verpasst hatte durch Krankheit, und durch die Aussicht auf Tests. Sie musste ihren Chor ausfallen lassen, auf den sie sich so gefreut hatte.

Wie bin ich sauer auf diese Angst machende, druckbelastete Lernwelt!!! Kein Wunder, dass Kinder sich davor schützen wollen und ihre Motivation verlieren. Tests werden geschrieben ohne Rücksicht darauf, ob sie sich bereit dafür fühlen, der Lehrplan wird abgearbeitet ohne Rücksicht auf die Lernbedürfnisse der Kinder. Wenn der Stoff so wichtig ist, warum dürfen sie ihn sich dann nicht in aller Ruhe erschließen? Warum wird ihr Bedürfnis nach guten Ergebnissen andauernd so übergangen? Da kann ich die Bewertungen überhaupt nicht mehr für voll nehmen. Sie sind für den Eimer!

Wenn man wie ich alles als Lernsituation aufzufassen bereit ist, dann steckt hier auch das Potenzial für Vielfalt-Lernen drin. Die Anerkennung der eigenen Besonderheiten, weil auch alle anderen ihre „Macken“ haben. Etwas negativ? Ja, dem Zeitgeist entsprechend. Alles, was den Gleichschritt behindert, ist eben ein Fehler. Microsoft sei dank haben wir die Alternative jedoch schon auf dem Zettel: It’s not a bug, it’s a feature. So bekommen wir also obendrein noch die Herausforderung zu lernen, die Bewertung des Gleichschrittes kritisch zu sehen und ihre Bedeutung zu relativieren. Für die Kinder bleibt das Erlebnis ihrer selbst als unfähig.

Tja, wie war’s sonst? Alle drei Schutzbefohlenen also seit drei Tagen wieder „im Dienst“. Ich selbst habe mir erste Notizen zu meinem vielleicht zukünftigen Aufgabenfeld gemacht: eine recht frei unterrichtende Englischlehrerin in der Elternzeit zu vertreten und ihre Arbeit fortzusetzen. „Wie bringt man Kindern Englisch bei, die nicht machen müssen, was ich sage?“ habe ich mir seinerzeit als Herausforderung formuliert, als ich Offenen Unterricht in einer Grundschule begleitete. Wir haben daraufhin gemeinsam Fragen betrachtet wie „Warum ausgerechnet Englisch?“ oder „Warum eigentlich nicht?“ Ich kam für mich zu dem (Zwischen)Ergebnis, dass die Motivation der Kinder für diese Sprache ganz entscheidend dadurch geweckt wird, wie sie sich auf mich als Person einlassen können, wie sie selbst bereits den Nutzen des Englischkönnens erlebt haben und welches Material sie zur Verfügung bekommen, wie lebensnah sind die Lernanlässe. Spiele, Bild/Wort-Karten, Bücher mit CD, LieblingsDVD auf Englisch… Hauptsächlich natürlich die persönliche Interaktion während des Schultages. „English along the Way“ war einer meiner Arbeitstitel geworden und ich hatte ein Briefwechselprojekt mit ihnen in Angriff genommen.

Ja, dank meinen Kindern, dass sie in der Schule sind! So konnte ich außerdem auch meine innere Geschichtsbewältigung weiter voran bringen. Das braucht Ungestörtheit.

Die Große hatte viel Unterrichtsausfall, dadurch die Möglichkeit, einen Fahrschultermin auf den Morgen zu legen. Unterrichtsausfall sehe ich als Gestaltungsraum, als Glück. Er ist einfach zu selten, um sich konzeptionell darauf einzurichten, aber es geht schon was: Wie bei den Wartezeiten im öffentlichen Verkehr oder in Arztpraxen und Behörden kann man bei Unterrichtsausfall endlich dem Muße-Bedürfnis entsprechen. Oder dem nach selbstbestimmtem Lernen. Ich selbst habe immer Stift und Papier zur Hand, schreibe oder skizziere was, wenn ich genug Löcher in die Luft geguckt habe. Aber auch ein zu-Fuß-Gang an der frischen Luft gehört zu meinen Warte-Beschäftigungen, jedenfalls, wenn es eine feste Uhrzeit für den nächsten Termin, das „Dran-Sein“, gibt. Meine Große hängt auch nicht in der Luft, sie nutzt die Gestaltungsmöglichkeit.

Und McFlitz? Auch noch verschnupft, im Schonungsmodus lernend. Vermeldete mir nach dem ersten Tag, dass er das Gefühl hat, in Mathe wieder den Anschluss verloren zu haben. (Das kommt heraus, wenn man im Gleichschritt unterrichtet und nur die Lehrperson als einzige Quelle der Weisheit anbietet sowie die Kinder nach Alter sortiert.) Andererseits z.B. erbat ich Befreiung vom Sport und dem häufig dort herrschenden Wettbewerb, damit seine Atemwege noch etwas in Ruhe ihrem Reparaturprozess dienen konnten. Dem wurde ohne weiteres entsprochen – bin ich froh! Helikoptermama? Ich möchte, dass die Kinder ihrem eigenen Maß folgen können dürfen. Pause machen, wenn sie eine brauchen. Gas geben, wenn sie bereit sind. Beispielsweise nahm McFlitz nicht am Kaffeetisch teil, hatte keine Zeit. Ich holte ihn hungrig ab. Die Argumentation essen zu sollen, weil ich es bezahle, ist sicher nachvollziehbar, aber ich sehe auch den Hunger nach selbstbestimmter Spielzeit, der ihn viel mehr zwickt. Sehr freundlicher Weise durfte er sich von den weggeräumten Resten (die ich ja bezahle) noch was nehmen, obwohl die Mahl-Zeit schon vorbei war. Ich konnte meine Sicht der Dinge ansprechen. Vielleicht finde ich das Verständnis der Pädagog*innen vor Ort, dass sie die Kinder mehr anleiten, zu den Mahlzeiten auf ihren Bauch zu achten und sie ihnen als DIE Gelegenheit in den Sinn zu rufen und nicht nur die gehorsame Befolgung des Zeitplanes einzufordern. (Der ja so gedacht ist, dass dem Bauch immer rechtzeitig was zugeführt werden kann.) McFlitz jedenfalls vergisst seinen Essenshunger, wenn der freies-Spiel-Hunger zu groß wird. Nun denn: fröhlich auf ins Wochenende! (Das ich auf einer Chorfahrt verbringen werde. Die Familie bekommt endlich wieder Mutterfrei!)

Woche III | Montag, 14.09.2015

Ich habe das Wochenende einmal mein schlechtes Gewissen ignoriert und getan, was mir wichtig ist. Das bedeutete zwar, dass ich kaum mit meiner Familie zusammen war, aber auch, dass ich ihnen mal nicht vorlebte, wie man sich ständig bremsen lässt und von seinen Werten abhalten, um andere Werte (übertrieben?) zu würdigen. Im Klartext: Die Fürsorge für meinen (auf mich etwas allergischen) Nachwuchs habe ich auf Nachfrage und Anregungen beschränkt. Allerdings nicht durchgehend, einmal habe ich vehement auf Inhalieren bestanden, als ein „Willabernicht“ die Oberhand gewann über meine schniefende und hustende Tochter, die hier unter dem japanischen Lecker-Süß firmiert, Oishi-Kawaii. Ich habe „Willabernicht“ und „Magaber“ zu inakzeptablen Gesprächspartnern erklärt, und immer wenn sie zum Vorschein kommen, breche ich die Erörterung ab, die dann ohnehin gar nicht mehr möglich ist. Das hatte ich vor einiger Zeit noch nicht so erkannt und mich aufgeregt oder auf einen sinnlosen Kampf eingelassen. Aber ich bin noch selbständig erkenntnisfähig und konnte das jetzt also durchschauen. Seit ich hierin Klarheit habe, geht es uns allen besser. Ach ja, die Kinder hatten ihren Papa zur übrigen Versorgung zur Verfügung. Die Verwahrlosung blieb also in Grenzen (nehme ich an ;)).

Ich kann daher gar nicht viel über das Wohlergehen der Kinder berichten, mir stellt sich die Lage nach wie vor ungesund dar, meine Oishi-Kawaii werde ich heute zu Hause haben, bei McFlitz überlegte ich, ob ich ihn überhaupt in seine Läuse-heimgesuchte Schule schicke. Diese Massen-Haltung der Kinder in Schulen und Klassen ist vielleicht auch ein Thema für Kinderschutz. Wobei McFlitz nur 17 weitere Lernbeauftragte neben sich hat. Das Immunsystem bekommt hier jedenfalls auch seine Hausaufgaben. Mich nervt dabei, dass ich verpflichtet bin, über seine Abwesenheit Rechenschaft abzulegen, wegen des Anwesenheitszwangs und der Schulpflicht. Das hat nichts mit Verantwortlichkeit zu tun, das ist Vorschrift und Gehorsamsforderung. Dazu der ewig währende Wettbewerb und Leistungsdruck, der unweigerlich aufkommt, wenn im Gleichschritt gelernt werden soll.

Meine Große, ihr Name hier sei Kkumhada (koreanisch für Träumen), „krankt“ nicht körperlich, zeigt mir für ihr Teil nur „die kalte Schulter“. Das sei ihr zugestanden, denn ich denke, sie tut es aus Selbstverteidigung. Ich bin nicht immer eine Kuschelmama geblieben und wir stecken nun wohl wieder in einer Art Geburt, als was ich die Pubertät geneigt bin zu betrachten. Es könnte schlimmer sein, es könnte Gift und Galle geben oder gar tätliche Auseinander-Setzungen. Glücklicherweise bleibt es bei uns ganz gemäßigt bei friedlichem Aushandeln. Ich halte in diesem Zirkus die ellenlangen Vorträge und tanze durchaus auch einmal wie Rumpelstilzchen…

Ich war also Samstag und Sonntag Gutes Beispiel dafür, sich nicht vom Wahren, Guten und Schönen abhalten zu lassen und unterstützte ehrenamtlich mein Lieblingsprojekt: einen Ort, an dem Kulturaustausch und Achtsamkeit gepflegt werden, wo Menschen wirken, die mithilfe von Kunst und Literatur Raum zum Nachdenken und -empfinden geben. Mit denen ich auf eine Weise zuammenarbeiten kann wie sie mir heilsamer nicht denkbar ist. (Nun müsste man nur noch davon leben können!) (Und das wäre gar nicht teuer, nur Essen, Trinken, Kleidung, Obdach, Heizung, Mobilität. Was braucht man da schon, wenn man glücklich ist?) Wie ich mit Freude zu ungeahnter Höchstform auflaufen kann! Was ich da alles schaffe! Und wie lebensfroh ich noch bin, während mir vor Müdigkeit die Augen zu fallen! (Oh Mann! Wie blockieren wir die Lebenskräfte mit unserer Alltagskultur! Und wie kaputt sind wir am Ende des Tages, anstatt rechtschaffen müde mit einem breiten Grinsen im Gesicht einzuschlafen.)

Ich werde als nächstes mein Gehorsamsproblem angehen und mich davon emanzipieren. Oder einfach heilen. Ich hoffe, ich lerne Vorschläge zu machen, die annehmbar sind (meine Kinder sind da die Jury), und das zudem auf eine Art und Weise, die annehmbar ist. Ja, das ist wohl manchmal der eigentlich springende Punkt. Vielleicht finden sich dann hier vor Ort auch mehr Mitstreiter*innen für die Verbesserung des Schullebens? Irgendwie strahle ich wohl etwas Zwanghaftes aus, was wenig einladend wirkt. Es kann also noch besser werden, und ich bin neugierig auf das Kommende!

Ich bin dankbar für dieses Wochenende, es war angefüllt mit Lachen und Heiterkeit und randvoll mit emsiger Arbeit neben wohliger stiller Besinnung. Ich habe gesungen und Tee getrunken.

Woche II | Freitag, 11.09.2015

Da haben wir’s. 2/3 meiner Kinder sind krank geworden, sind einem Erreger anheim gefallen, haben ihm offene Pforten geboten, ihn zu Hilfe gerufen. Der kleine – ich werde ihn in Zukunft McFlitz nennen – schon seit Montag, die mittlere – ab jetzt Oishi-Kawaii (sie liebt Japanisches) – seit Mittwoch nachmittag. Meine Große muss mir noch ein koreanisches Wort nennen, denn K-Dramas sind ihr Lieblingszufluchtsort weg und fort aus dem Hier und Jetzt. Sie ist gut auf dem Posten.

Mich nervt der Zwang, sie in der Schule abmelden zu müssen, weil sie sonst unentschuldigt fehlen, weil im schlimmsten Fall die Zwangszuführung zur Schule möglich ist in Deutschland. Neben anderen Straf- und Knechtungsmaßnahmen. Nicht dass ich mich in Gefahr sehe. Na eigentlich doch, denn wenn ich nicht so feige wäre, würde ich die Kinder einfach nicht mehr hinmotivieren. Und dann dieser Unsinn: Weil so gleichschrittig Wissen vermittelt wird, verpassen sie natürlich einiges. Nur, weil es einzig und allein eine Lehrperson ist, von der das Wissen ausgeteilt wird. Weil andere Quellen und Wege der Aneignung nicht angeboten werden. Weil die Klassenarbeit dann und dann geschrieben wird. Weil Nachschreibetermin extra an einem Unterrichtstag hintendran liegt. So häuft ein Kind, das fehlt, gleich bergeweise Mangel an, den es neben dem laufenden Stoff zu bewältigen hat, wenn es wieder gesund ist. Ich wünschte, sie könnten ihren Lernplan selbst machen. Ich wünschte, sie fänden transparent vor, was von ihnen verlangt wird und die dazu nötigen Materialien, Arbeitsräume und Erörterungsmöglichkeiten, Präsentationsgelegenheiten und Ansprechpartner. Es gibt Leute, die so etwas schon konkret erarbeiten, umsetzen und weiterentwickeln! Nur nicht hier in meiner Umgebung. Ich wünschte, ich fände offene Ohren bei den Lehrer*innen meiner Kinder.

Ich bin auch sehr traurig darüber, dass über die Ellenbogen-Strategie hinaus wenig Alternativen gelebt werden, wie ein Kind mit seiner Not umgehen kann. Wenn ich zu Hause wert lege auf gemeinschaftsförderliche Umgangsweise, dann die Kinder in die Schule schicke, wo sie ganz andere Werte gelebt vorfinden (auch die Ignoranz gegenüber ihren Bedürfnissen, ihren Eigenarten und ihrem persönlichen guten Maß), dann sind sie erstmal wie die Kuh vorm neuen Tor. Ihnen bleibt Abschottung oder eigene Aggression (auch gegen sich selbst, und dabei hilft dann auch das eine oder andere Virus oder Bazillchen mit). Na gut, immerhin kann man hier in der Gegend auch Tai Chi oder Aikido lernen (auf eigene Kosten versteht sich) und sich die Prinzipien gewaltfreier Selbstverteidigung auch geistig zu eigen machen. Und dank Bibliothek sowie digitaler Fülle findet sich eine Menge Studienmaterial (wozu auf einen Lehrer warten???), wenn man weniger mobil ist auf dem Lande. Aber wir sind damit immer irgendwie „außerirdisch“. Ziemlich allein. (Auch wenn viele sich danach sehnen, resignieren sie doch und bedienen das mehrheitlich Übliche.)

Ist das Leben nur ein feindlicher Revierkampf?

Ich möchte mit allem in Verbindung sein können, ohne mich selbst dabei zu verlieren. Ich möchte die Schwerkraft erfahren und die Kunst erlernen in ihr zu leben. Das muss doch möglich sein? Ich habe das doch irgendwann erlebt, dass ich willkommen war, meinen Platz bekam, mich voller Freude an mir und den anderen erprobte und übte – als verbundene Freundin. Nun bin ich „selbst schuld“, wenn ich mich nicht genauso roh und rücksichtslos um mich selbst kümmere, wie es die Mode zu sein scheint. Wie kann ich also meine Kinder stärken? Ihnen bei ihren Weltverdauungsschwierigkeiten helfen? Mir geht es immernoch am besten, wenn ich in Verbindung bleiben kann. Abschottung kenne ich schon. Gesund, aber weltfremd, unerfahren. Jetzt wage ich mich hervor, suche ich erwachsene Kinder wie mich und die Kinder in jenen anderen Erwachsenen mit den roheren Strategien, die Arglosen, Unschuldigen, deren Verletzungen unverheilt sind. Sie beißen um sich, aus Angst und Schmerz.

Uns steht ein lebendiges Wochenende bevor, möge meine Oishi-Kawaii sich heute noch so richtig gut auskurieren und mein McFlitz seine innere Baustelle beräumen, damit wir uns in die Vollen stürzen können! (Chorerlebnisse, poetische Festlichkeit und exotische Sinnesgenüsse wollen gewürdigt werden in emsiger Ausübung!)