Woche XXXIX | Freitag, 27.05.2016

Heute und während der vergangenen Tage habe ich meine von akuten Schulsorgen freie Zeit genossen und mich ausgiebig mit Vorträgen aus dem Internet amüsiert. Besonders gern beschäftige ich mich mit Fragen der Freiheit: Als vor einem Vierteljahrhundert die Mauer fiel, fielen für viele Menschen sämtliche Orientierungspunkte weg, die bis dahin richtig für sie waren. Sie hatten der Freiheit keinen inneren Halt entgegenzusetzen, hatten keinen inneren Kompass, dem sie Zeiten äußerer Wirren zu vertrauen gewöhnt gewesen wären.
Es ist aber auch ein Feindbild weggebrochen für die westliche Welt, die bis heute daran festhält, dass es im Ernstfall eben knallen muss, und sich immer mehr ihre Glaubwürdigkeit verspielt, weil inzwischen nicht mehr nur minder Bemittelte ausgequetscht werden, sondern auch Aufgewecktere in der Zitronenpresse landen und das mangels moralischer und körperlicher Pufferzonen nicht aushalten. Abgesehen von den Lügen, die zutage treten, und auf deren Grund ganze (Kultur)Landstriche verwüstet wurden.
Bis heute bleibt Vieles beliebig anstatt frei. Aber es steht gleichzeitig auch jedem frei, sich ein Rückgrat zuzulegen und die Eigenschaften des Lebens für sich in Anspruch zu nehmen: Sich selbst zu regulieren, eigene Entscheidungen zu treffen, seine eigene Ordnung zu errichten. Anstatt angestrengt einem Wirtschaftssystem zu gehorchen, das wenig darauf gibt, wirklich wirtschaftlich zu sein, denn dann müsste es alles einrechnen, was zur Herstellung eines Produktes wirklich verbraucht wird: auch den Atommüll, der unseren Nachkommen vererbt bleibt, damit wir heute so billig wie es geht die Nacht zum Tag machen können.
Wir verbrauchen Holz ohne die Zeit zu vergüten, die es brauchte, um so zu werden, wie es wurde bis zum Zeitpunkt der Ernte. Wir vernichten Waldflächen und verflachen den bewohnbaren Teil der Biosphäre um unzählige Etagen, wir verlieren weiterhin die Vielfalt der Arten, nachdem wir unsere Kinder der Gleichmacherei unterzogen haben, die wir selbst durchlitten („Aus mir ist ja trotzdem was geworden!“ oder „Das hat mir nicht geschadet“), so dass wir mit der dazu nötigen Stumpfheit ausgestattet werden…

Es ist sicher alles andere als unterhaltsam, solche Litaneien zu lesen und meine wiederkehrenden Bemerkungen zur Schwere des Familienlebens. Und sicherlich ist es wenig zielführend, im Selbstmitleid all die auslösenden Umstände aufzuspüren, die für mein Elend gesorgt haben. Warum tue ich es dann?
Ich möchte einfach wissen, was ich anders machen kann. Ich möchte wissen, wie es denn sein muss, damit es gut wird. Und ich bin zugegebenermaßen recht angespannt. Weil es um die Gesundheit der Kinder geht. Das versetzt mich in Alarmbereitschaft, wie wohl jede fürsorgende Person. Mein Vertrauen in die regulären Versorgungssysteme ist tief erschüttert worden durch die Ignoranz der Ausübenden gegenüber den menschlichen Bedürfnissen. Durch die Arroganz der Gebildeten dem empfindenden Wesen gegenüber, dem sie raten, seinen inneren Schweinehund zu überwinden, so wie sie selbst den ihren zum Schweigen bringen. Wer das nicht tut, ist ihrer nicht würdig.
Dass ich nicht immer optimal tiefenentspannt und voller Verständnis und Geduld (re)agiere, habe ich sicherlich mit der Mehrheit der Menschen gemein. Es ist nie hilfreich, in Zorn, Wut, Verachtung oder Abscheu zu sein, wenn ich eigentlich erreichen möchte, dass sich andere Menschen, mit deren Ansichten ich nicht einverstanden bin, anhören, was ich sage, und mir ihre Zustimmung geben. Dass sie meinen Blickwinkel einmal einnehmen oder sogar ihr Handeln verändern, wenn nicht gänzlich ihre Haltung.
Sowas erreicht man nur, wenn man Sympathieträger für sie ist, und auch dann bleibt es immernoch eine Sache der eigenen Erfahrung, die ein Mensch erstmal machen muss, denn niemand lässt sich einfach so sagen, dass es falsch ist, was er oder sie tut. Es muss schon mit dem eigenen Erleben nachvollziehbar sein, sonst könnte ja Sonstwer kommen und Sonstwas erzählen. (Jemandem zu folgen, der einem aus dem Herzen spricht, ist viel einfacher…)
Ich bin eher weniger eine Sympathieträgerin. Auch das ist tief gespurt. Mein Kindheitsbad in einem Zeitgeist der Menschenverachtung mit all den dazugehörigen Schutz-, Nischensuche- und Anpassungsstrategien hat eine Aufschrift auf meine Stirn gegraben, und ich treffe viel auf ganz normale Menschen, die alle artig der unsichtbaren Anweisung Folge leisten. Kaum einer ist trotzig genug, emanzipiert sich davon, und folgt stattdessen lieber seinem Gewissen, das ihn/sie mahnt, Mitgefühl zu empfinden und eine eigene Antwort zu geben: Du bist richtig, so wie du bist, mit all deinen Schrammen und Narben, deinem krummen Wuchs, der Zeugnis davon ist, dass es mal eng war. Der sagt: „Ich sehe unter die Maske, hinter die äußere Erscheinung, sehe deine wirkliche Natur, deine „True Colours“.“ Dieses Lied von Cindy Lauper treibt mir regelmäßig die Tränen in die Augen, und wenn ich es selbst jemandem vorsingen will, versagt mir die Stimme.
Statt dieser, zugegebenermaßen für Ungeübte etwas anstrengenden, Blickweise (das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar) üben alle „Artigen“ die übliche Kritik. Zu schnell, zu laut, zu kompliziert, zu sprunghaft, zu verkopft, zu gefühlsduselig, … Es gibt eine lange Liste von Urteilen, die mich unannehmbar machen.
Ich befinde mich in einer Umgebung überwiegend mit Menschen, die von mir nicht das wissen wollen, was ich weiß, nicht nutzen wollen, was ich kann. Es ist eine meiner Aufschriften. Ich bin dabei, sie aufzuspüren und auszulöschen. Es ist eine Verknüpfung im Gehirn, in der Kindheit angelegt. Dass diese Autobahn spurlos verschwindet, bräuchte es: – Macht mir gern Vorschläge, wie ihr alte Gewohnheiten los werdet, welche Umstände dabei helfen. Ich für mein Teil würde gern auf Therapeuten verzichten und stattdessen Menschen um mich haben, die auf’s Urteilen verzichten und ihre Rückmeldungen an mich im Sinne der Gewaltfreien Kommunikation geben. Mit denen ich in gegenseitiger Resonanz schwingen kann. Eine uralte Sehnsucht, schon aus Kindertagen, die stattdessen eher von Erziehung geprägt waren. Es würde mir sehr helfen beim eigenen Erlernen dieser neuen Wege und der Beräumung der ausgedienten.

Woche XXXVIII | Montag, 16.05.2016

Ich schreibe im Rückblick, denn ich war gestern außerstande.
Mich beschäftigt ein Gedanke aus einem Vortrag bzw. Gespräch mit Joachim Bauer, das ich auf youtube ansah. Es ging um die Wiederentdeckung des freien Willens. Den üben wir aus, wenn wir nicht als Reiz-Reaktions-Automaten agieren, sondern zwischen Reiz und Reaktion innehalten, Luft holen und den Blick für verschiedene Möglichkeiten öffnen. Diese verschiedenen Möglichkeiten sehen zu lernen, sie zu bewerten, ihre Folgen abzuschätzen und zwischen allem abzuwägen, könnten unsere Kinder vom ersten Atemzug an lernen, wenn wir sie lassen, meine ich. Ich habe es meinen gestattet, sie durften immer selbst wählen. Ich habe meine Befindlichkeiten mit in die Waagschale gelegt, vielleicht nicht in vollem Ausmaß, was sich derzeit gerade rächt, aber das hat genau mit ebendieser Maschinerie zu tun, die aufgrund erlernter Denkmuster einrastet im Automatikmodus, wenn man nicht aufpasst.
Mit Schuleintritt war damit weitgehend Schluss für meine beiden Großen, denn dort wurde natürlich fraglos getan, was verlangt wurde.
Aus heutiger Sicht für die Kinder wahrscheinlich ein ganz schöner Schock, plötzlich so ungefragt zu etwas verdonnert zu werden. Anfangs arbeiteten sie wahrscheinlich noch aus Neugier mit, und wenn die Lehrerin geschickt genug war, dann hat sie die Bereitwilligkeit noch ein Weilchen erhalten können, aber letztlich wurde sie doch überstrapaziert. Denn an keiner Stelle gab es Raum zwischen Reiz durch die Lehrerin und geforderter Reaktion vom Kind. Jegliche Nichteinhaltung einer Forderung wurde irgendwie geahndet.
Wenn dieser Raum nicht gegeben wird, kann kein Kind den Umgang mit Freiheit lernen, keine eigenen Entscheidungen treffen jenseits des geringeren Übels – Mach ich HA und opfere meine Freizeit oder lasse ich sie und nehme ich eine tadelnde Bemerkung bzw. schlechte Note in Kauf?
Nur weil es Kinder gibt, die mehr Anleitung „brauchen“, wird denen, die selbst entscheiden wollen, diese Möglichkeit genommen, mehr noch, sie werden entmündigt. Ich vermute, dass zu Beginn eigentlich kein Kind so bedürftig ist in Bezug auf Geleitetwerden, alle haben bis zur Geburt alles selbst gemacht, sich selbst erschaffen. Dieses von Pädagog*innen beobachtete Brauchen ist womöglich erworben worden, vielleicht bei überfürsorglichen oder besonders intensiv erziehenden Familien. Aber das ist meine Spekulation.
Genausowenig, wie der Raum für eigenes Abwägen gewährt wird, gibt es Raum für die dabei ins Spiel kommenden Gefühle und Emotionen, die ja schließlich mitwirken bei der Entscheidungsfindung. Sie sind der Maßstab. Je nach Grad der Freude wird gemeinhin das am meisten Versprechende gewählt, was absolut Sinn macht, wenn man sich den Begriff Bedürfnisstillung auf der Zunge zergehen lässt. Wir tun doch alles im Leben nur, damit es uns (wieder) besser geht. Ein Bedürfnis tritt auf, meldet sich immer stärker und dringlicher, geradezu schmerzhaft, und erst, wenn wir die passende „Nahrung“ dafür zu uns genommen haben, verstummt es wieder. Und welches die am besten passende Nahrung ist, ermessen wir aus den Erfahrungen, die wir mit den einzelnen Angeboten machen, aus den Gefühlen, die sich damit verknüpfen. Ich denke, dass hier auch Nachhaltigkeit zum Kriterium wird. Mir geht es jedenfalls so, dass ich zwar die Spaß machende Wirkung von Süßem zu schätzen weiß, aber ich weiß auch, dass ich dann ganz schnell etwas „Handfestes“ dazu brauche, sonst wird mein Hunger nur noch schlimmer. Das Süße bekommt mir nur gut, wenn es als I-Tüpfelchen dabei ist. Auch bei Kindern beobachte ich das. Klar wollen die immer das Süße zuerst, und wenn ich zuständig bin, dann beschließe ich mit ihnen gemeinsam Maß und Reihenfolge. Vor allem wenn ich sehe, wie das Naschen tatsächlich ein Ausmaß annimmt, das auf echten Hunger schließen lässt, nehme ich das Süße vorerst ganz aus dem Spiel. Und wenn ich die Erfahrung gemacht habe, dass nach dem Leckerli das Sattessen nicht gut klappt, weil kein Hunger (Appetit) mehr beim Speisen hilft, kurze Zeit später aber der Hunger umso heftiger wieder zuschlägt, dann kommt diese Reihenfolge beim nächsten Mal auch gar nicht mehr in Frage. In Abständen erlaube ich die Erneuerung dieser Erfahrung, denn mir ist nun einmal wichtig, dem Kind die Daten für eigene Beobachtungen und Schlüsse zugänglich zu machen, und vor allem die Erfahrung, selbst nicht übergangen zu werden und zu Gehorsam angehalten. Ich glaube, das Selbstwertgefühl hängt sehr damit zusammen und wird enorm gestärkt, wenn ein Kind mitbestimmen darf.
Kompetenz im Umgang mit Entscheidungen und Gefühlen entwickelt sich, wie alle Kompetenzen, in der Ausübung. Mit der einfachen Unterdrückung ist da nichts Gutes getan, und wenn Erwachsene die Bereitwilligkeit der ihnen anvertrauten Heranwachsenden gewinnen wollen, müssen sie in dieser Hinsicht Raum geben. Ich meine nicht Verkumpelung oder etwas dergleichen. Ich meine Anleitung und Begleitung. Doch dazu müssen die Großen erstmal selbst kompetent werden in diesen Dingen, fürchte ich. Und ihre eigenen Scheintoten aus dem Keller befreien, sie anerkennen und die Erfahrung machen, dass auf diese Weise die „negativen“ Emotionen, die nur dem Schutz des Selbst dienen in ihrer abwehrenden oder zum Rückzug veranlassenden Qualität, ihre Botschaft abliefern können und sich dann nach erledigtem Auftrag auflösen.
Der freie Wille hat nichts mit Beliebigkeit zu tun. Bei uns Lebewesen geht es immer um die Stillung von irgendeinem Hunger, denn das Leben ist ein Stoffwechselprozess, auch bildlich gesprochen, und da wird eben immer was zugeführt umgewandelt, eingebaut oder aussortiert und ausgeschieden. Die Angst der Erwachsenen ist sicherlich nicht unbegründet, aber letztlich müssen sie die Kinder nur vor emotional und freiheitlich inkompetenten Menschen und deren Altlasten schützen und hier und da auch vor Ertrinken, Vergiftung oder Absturz.

Woche XXXVII | Montag, 09.05.2016

Alle sind auf ihren Wegen, weitgehend gesund. Ich höre von meiner Tochter inzwischen mal Geschichten aus ihrer Grundschulzeit und Orientierungsstufe – die mir die Haare zu Berge stellen. Ich habe der Schule ein feinsinniges Mädchen überlassen, und dort wurde sie – zwar viel indirekt durch die exemplarische Behandlung anderer Kinder – angegangen wie ein stumpfer, roher Klotz. Übertrieben gesagt. Sie hat so oft geweint dort, von dem wahren Ausmaß wusste ich kaum etwas. Hat sie damit ein Lehrerinnen-Herz erweichen können? Nein, wohl eher nicht. Schließlich müssen Kinder gefordert werden. Sie kann mir viele dieser Erlebnisse erst jetzt erzählen, nach Jahren. Ist kein Wunder, dass sie am Ende mit Kopfschmerzen umgehen musste als körperlichem Ausdruck, da die Sprache ihr nicht diente. Sie war einfach nicht gefragt. Niemand in der Schule hat sich die Mühe gemacht, mein Kind wirklich anzuhören und die Effekte dieser Art des Forderns zu erforschen. Ich zu Hause hatte dann nur noch ein verbeultes, quietschendes Bündel und wenig Lust, mein Kind mit Fragen zu nerven, wenn es einfach seine Ruhe brauchte.
Ich glaube, die Methoden der schulischen Disziplinierung um des Erfüllens eines Lehrplans willen machen jedes empfindsame Wesen erstmal sprachlos und schlagen es in die Flucht. Wenn es sich wie bei uns nicht um Löwen handelt, sondern um Gazellen.
In der Schule meines Sohnes entfällt der Druck, der z.B. durch Benotung der Leistungen erzeugt wird und den viele Eltern aufbauen aus Sorge um den Lernerfolg, der sich dann äußert in den Sprüchen der betroffenen Mitschüler und auf diesem Wege auch meine Kinder erreich(t)e. Aber womit werden dort die Kinder gelockt, damit sie die Lernaufträge annehmen wollen? Das ist mir derzeit nicht so ganz klar, ich weiß nur, was ich tue, wenn ich jemandes Interesse auf etwas Bestimmtes lenken möchte ohne Gewalt anzuwenden. Vor allem schalte ich nach Möglichkeit die Angst ab, dass es nicht klappen wird. Denn alle Kinder, mit denen ich bisher zu tun hatte, sind grundsätzlich offen für Neues. Meine Kunst besteht darin, das zu fördern und nicht zu verbauen oder zu verstören. Ich lade sie ein, sich meinen Vorschlag anzusehen, erlaube ihnen, Nein zu sagen, komme später wieder darauf zurück, erörtere die Wichtigkeit aus meiner Sicht und biete verschiedene Verbindungsmöglichkeiten an. Was ich auf jeden Fall vermeide, ist jegliche Form der Manipulation, auch das Loben oder Belohnungen zähle ich dazu.
Mein Sohn jedenfalls kann nicht alle Aufträge der Schule zu seiner Sache machen und mir fällt derzeit die Aufgabe zu, beispielsweise seine Schreibfertigkeiten verbessern zu helfen. Grundsätzlich spricht nichts dagegen, ich bin sehr dafür, dass meine Kinder die Kulturtechniken zu nutzen lernen. Aber wenn ich sie schon zur Schule schicken muss, dann soll dort wenigstens auch die dazu erforderliche Situation geschaffen werden, dass die Kinder es lernen können. Es reicht nicht, ihnen das anzuordnen und nun macht mal und seid leise. Genauso wie ich zu Hause für die Möglichkeit sorgen muss, dass Hausaufgaben für die Schule erledigt werden können, genauso muss in der Schule das Lernen ermöglicht werden. Also stellt sich die Frage, was dazu nötig ist.
Nach meiner eigenen Erfahrung insbesondere erwachsene Menschen als Anleiter, Begleiter, Beschützer, Bereitsteller, Einlader und Willkommenheißer. Die den Kindern das Beste zutrauen und ihnen Raum, Gelegenheit und Hilfestellung geben, es auch zutage zu fördern. Als Menschen mit dem Herzen am richtigen Fleck. Erst als Jugendliche beginnen die Heranwachsenden auch die Erwachsenen differenzierter wahrzunehmen, können guten Menschen Fehler zugestehen, in doofen Menschen auch freundliche Züge entdecken. Bis dahin herrscht eher eine Art entweder-oder, möchte ich meinen, und die große Sehnsucht nach einer heilen Welt. Hauptsache die Lehrerin ist nett. Dann kriegt man auch den Rest irgendwie hin.
Ich bin nicht sicher, ob aus mir mal eine Löwenmutter werden könnte, die sich kampflustig vor ihre Jungen wirft. Vielleicht hätte es meiner Tochter ein paar Kopfschmerzen erspart. Oder vermehrt, denn die Kampfmütter, die ich kenne, finden auch wenig Gehör. Eher bekommen sie das Gefühl, dass es ihren Kindern nach jedem Einsatz noch schwerer wird in der Schule.
Wir kommen nicht drumrum, uns als Menschen im Gespräch zu treffen, Verständnis zu suchen, Einfühlung, um die Gratwanderung von Fordern und Fördern gut zu meistern im Sinne der Stärkung unserer Kinder, denen wir einen Planeten hinterlassen, der erstmal grundsaniert werden muss. (Was spielen wir uns also auf als diejenigen, die wissen, was gut ist für die Kinder??!) Ein guter Grund, endlich zusammenzuarbeiten und gemeinsam Verantwortung zu übernehmen, statt sich gegenseitig die Zuständigkeiten zu verlesen.

Woche XXXIII | Montag, 11.04.2016

Für diesen Montag muss ich rückblickend schreiben, unsere Nabelschnur zum Netz der Netze war lahmgelegt. Ist ja auch eine Erfahrung für sich, letztlich ergeht es mir wie mit allen Gewohnheiten, wenn ich sie aus irgendeinem Grund nicht mehr ausüben kann – irgendwie bin ich dann etwas desorientiert und spüre eine Leere an Stellen, wo ich gewohnheitsmäßig etwas Bestimmtes tun würde. Was ja in dem Moment verhindert ist.
Am Montag behielt ich ein Kind mit Schnupfen und Halsschmerzen zu Hause, ich kann verraten, dass es mit dem einen Tag nicht getan war. Ich hatte also Gelegenheit, mich an alte Empfindungen zu erinnern: Hallo, du Alarmstimmung, Bereitschaftsmodus, du Suche nach Ursachen und Zusammenhängen für das Missbefinden meines Kindes. Davon hängen schließlich die zu ergreifenden Maßnahmen ab. Neben der körperlichen Versorgung gilt es psychische Ressourcen zu stärken, „Schaltkreisen“ auf die Spur zu kommen, die für die übermäßige Verausgabung sorgen, und abzuwägen, ob der jeweilige Zusammenhang akzeptabel ist oder nicht. Ich bin zum Beispiel sehr dafür, dass die Kinder lernen, schon auf kleine Anzeichen zu achten, sie wahrzunehmen, wie die Warnlampe im Auto, die auf zur Neige gehende Kraftstoffreserven hinweist. Ich habe große Freude am Experiment und lasse es auch gern einmal drauf ankommen. Nach dreimal Liegenbleiben auf Kreuzung, Autobahn oder in der Pampa wegen leeren Tanks wird mir das jedoch langweilig, lästig und ich werde die Warnlampe besser beachten.
Ich sehe durchaus, dass das Immunsystem jeden einzelnen Krankheitshelfer lernen muss und dass das Durchmachen eines Heilungsprozesses auch zur psychischen Reifung beiträgt. Ich bin bis heute sehr froh, von mir zu wissen, dass ich Fieber überstehe und selbst gesund werden kann, aus eigener Kraft. Aus dieser Erfahrung ziehe ich auch die Gelassenheit, meinen Kindern solche Phasen zuzumuten, ohne gleich nach Fiebersenkern und Antibiotika zu angeln. Als Klein(st)kinder verbrachten sie im Fieberfall den Großteil der Zeit an meinem Körper, ich wusste immer hautnah, wie es um sie steht, und es gab auch irgendwie einen Temperaturausgleich zwischen uns. In sehr akuten Phasen griff ich zu nassen Wickeln, und ich lernte die Klassische Homöopathie lieben. Ich betrachte sie als Lernbegleiterin auf physischer Ebene, die Kügelchen geben einen Reiz wie ein Verkehrsschild oder eine Straßenkarte. Den Rest macht der Organismus selbst.
Außer dass mein Kind etwas zu lernen hat, um weiter leben zu können, und das Verhindern solcher Gelegenheiten dabei nicht hilft, schaue ich dennoch gern auch auf die auslösende Situation. Kinder brauchen je nach Reife unseren Schutz. Und auch als Erwachsene kommen wir nicht ohne gegenseitige Unterstützung aus, es sei denn, wir leben als Einsiedler zurückgezogen – aber eben auch in einer Höhle irgendeiner Art, die uns vor allem Möglichen schützt, mehr oder weniger, und mit Gegenständen, die jemand anderes hergestellt hat. Selbst auf der Erde kommen wir ohne den Schutz durch die Atmosphäre, die uns natürlich auch mit der Luft zum Atmen versorgt, keinen Meter weiter, die kosmische Strahlung würde uns in kürzester Zeit verbrutzeln. Ich will mein Kind also auch schützen und habe ein individuelles Gefühl für seine Belastbarkeit. Kein objektives, aber eins, was meine eigene Belastbarkeit mit einbezieht, denn ich bin diejenige, die mit „ausbaden“ muss, was die Welt ihm einbrockt. (Und ich tue das wie alle Mütter auf eigene Rechnung. Wenn der Segen fürs Leben und die Gesellschaft gesehen würde, müsste sie das finanziell bedingungslos mittragen. Aber solange ich damit praktisch mein Privathobby habe, kann es mein Ruin werden.)
Ich suche vor allem da, wo mein Kind die meiste Zeit des Tages verbringt: in der Schule. Ich bin nicht einverstanden, dass es zwar zu allen möglichen Lernthemen und Tätigkeiten bewegt wird, aber keine Ermutigung und Gelegenheit findet, sein Pensum, seine Arbeitsweise, und die Reihenfolge seiner Inhalte selbst zu wählen. Es kann sich nicht einfach mal lang ausstrecken, wenn es das Bedürfnis hat, und von ausreichend Bewegung kann gar nicht die Rede sein in den höheren Jahrgängen. Auch findet es nur gleichaltrige Gleichratlose, wenn Erwachsene bestimmte Bemerkungen machen oder Maßnahmen ergreifen, um das schulische Lernen zu retten, die aber auf Kosten des Kindes gehen. Weil sich niemand die Mühe machen will, ihm gleichzeitig seinen individuellen Weg zu gestatten und das damit verbundene notwendige Gespräch zu führen. Dafür bleibt nur das (zunächst) blinde Vertrauen, denn kaum einer hier hat Erfahrung im nicht unterdrückenden oder homogenisierenden Umgang mit Vielfalt. Nach meinen persönlichen Erfahrungen erfordert das auch ein tiefgreifendes Umdenken bei den Erwachsenen. Sie müssten vor allem ihr Bild vom Kind radikal ändern, beginnen, es als lernfreudiges Wesen anzusehen, das mit dem passenden Futter versorgt sein will und mit der passenden Begleitung, die nach meinem Dafürhalten von Kritierien wie Gleichwürdigkeit geprägt sein müsste. Das macht aus den Kindern keine kleinen Erwachsenen, aber sie werden in ihren Bedürfnissen genauso spezifisch gesehen, wie auch der Erwachsene mit seinen.
Am Ende des Tages hat sich also bei meinem Kind so viel angesammelt, dass dieses Ende des Tages kaum lang genug ist, um alles anzusprechen. Geschweige denn, Wesentliches herauszufiltern und zu benennen. Mein am Montag krankes Kind hat sich erschöpft an entmutigenden Äußerungen von Lehrer*innen, die in den Jugendlichen kaum Lernwilligkeit vermuten, an Langweiligkeit des Unterrichtes und der meisten der zu erledigenden Aufgaben. Es hat sich erschöpft, weil es in seiner Freizeit noch so viel erleben und ausprobieren wollte: Nähkurs, Ballettprobe, Albern mit Freunden, und natürlich das sich in die Nacht verlagernde biologische Programm der pubertären Reifung, dem im Schulalltag ebenfalls keine Rechnung getragen wird. Kein Wunder, dass wir aussterben. Nachdem schon die natürlichen Lernhilfen behindert und blockiert wurden durch die Schule, kommen jetzt auch die natürlichen Fortpflanzungshilfen auf dieselbe Liste. Partnerfindung, Paarerfahrungen, Gruppenleben können kaum regulär erprobt werden in dieser Zeit, in der der Frontallappen reift und seine koordinierenden Fähigkeiten erprobt, Werte selbst abzuwägen lernt. Vereinbarkeit von Schule und Familie, später Beruf und Familie ist jetzt schon nicht gegeben für unsere jungen Erwachsenen. Und für’s Irren und Scheitern gibt’s Strafen, Bloßstellung oder „nur“ schlechte Noten in den in der Schule offenbar werdenden Bereichen, fachlich zugeordnet oder unter Arbeits- und Sozialverhalten abgerechnet.
Klingt alles etwas schwarz, auch in meinen Ohren. Ich vermisse das Interesse am lebendigen Gespräch über diese Dinge. Und ich habe keinen eigenen Einblick in das tägliche Geschehen und Miteinanderumgehen in der Schule. Vielleicht ist alles halb so schlimm. Mit etwas mehr Transparenz könnte ich hier Gewissheit erlangen und meine Auslegung korrigieren.

Woche XXVI | Freitag, 26.02.2016

Was soll ich sagen? Ich hatte in dieser Woche so gut wie nichts mit Schule zu tun. Einzig die Berichte einiger Anekdoten und die Aktualisierung der „Gruselige-Lehrer-Liste“ eines Kumpels meiner Tochter – also alles im Humorbereich, was ich als richtig gute Nachricht deute. Haben wir es damit auf die sonnige Seite geschafft?
Wenn ja, wie kommt’s?
Ich kann’s nicht sagen, wie sie es dahin geschafft hat, sich so einen Abstand zu schaffen, aus dem sie alles mit einem Zwinkern betrachten kann. Vielleicht hat sie einfach oft genug ausprobiert, ob sie es überlebt, wenn sie sich Kritik, Strafen oder andere Unannehmlichkeiten zuzieht. Natürlich habe ich ihr das schon immermal gesagt, aber nichts geht über eigene Erfahrung… Nun, ich bin froh, dass sie raus ist aus dem Erleben als Ohnmächtige.
Die Große ist seit einer knappen Woche 120 Längen weiter östlich und uns 8 Stunden voraus im Tageslauf. Am Ziel ihrer Träume. Was sie sich da für eine Möglichkeit geschaffen hat!!! (Na gut, es ist noch nicht bis ins Letzte alles im Reinen, jedenfalls finanziell.) Aber sie ist dort und in guten Händen und ich hoffe auf Frieden und gesundes Wiedersehen. Kein gesunder Mensch WILL sterben, ich denke oft an das Lied von Udo Lindenberg. Wir sind so neugierig aufeinander, auf fremde, exotische Lebensräume und Kulturen! Viele ängstigen sich vielleicht davor, aber ich selbst habe es in verschiedenen Gegenden der Welt erlebt, dass überall auch normale Menschen leben. Schwierig wird es nur, wenn irgendwelche Ideologien zum Tragen kommen. Wenn das unmittelbare Empfinden durch kulturelle Deutungen überdeckt wird.
McFlitz ist nun zweistellig unterwegs, ein verständiges Kerlchen und interessiert sich dafür, was seine Schule eigentlich kostet. Er hilft gern zu Hause, schon weil er nun weiß, dass er mir damit das Geldverdienen erleichtert, und sich auf diese Weise seinen Verbleib an der Schule sichern möchte. Ich finde es immernoch ungereimt, dass ich in einem freiheitlich-demokratischen Land außer Steuern weiteres Geld bezahlen muss, damit mein Kind vernünftig begleitet wird – als lernendes Wesen, das etwas mehr Schutz braucht als ein erwachsener selbständiger Mensch, etwas mehr Rücksicht, Raum für eigene Experimente und Entscheidungen und geduldige Anleitung. Na, die tut uns allen gut, schon Platon hat laut Internet gesagt „Wer es eilig hat, kann nicht denken“. Geschweige denn lernen, würde ich meinen. Wenn nun meine Kiddies in ruhigerem Fahrwasser sind, kann ich ja volle Kraft in die Ermutigung anderer Erwachsener gehen – nicht nur ehrenamtlich, wie ich hoffe. Nun aber Wochenende. Und Garten! Raus an die frische Luft! In den Wald! Pflanzt Bäume, für noch mehr frische Luft! XD

Woche XXVI | Montag, 22.02.2016

Auch wenn ich irgendwie froh bin, dass die Kinder außer Haus was zu tun haben, so spüre ich doch auch gleichzeitig immerzu die Sorge, dass ihnen etwas Schwerverdauliches oder gar ihrer Gesundheit Gefährliches widerfährt. Natürlich kann das immer passieren, in diesem Fall jedoch würde ich mir vorwerfen, sie nicht genügend vor einer Institution geschützt zu haben, die ich ohnehin zu beargwöhnen gelernt habe. (Nein, das war nicht immer so!!!)
Ich empfinde schmerzlich, wie große Ackerflächen zu Tode bewirtschaftet werden, und auch bei den Kindern wird mit dieser industriellen Kahlschlag-Methode gearbeitet. Im Garten meiner Eltern und Großeltern wurde auf eine Weise geackert, die dem Kreislauf eines Waldes glich: Kompostierung, Rückführung dessen, was dem Boden entzogen worden ist, Vielfalt in der Pflanzenauswahl, Zusammenstellung nach gegenseitig begünstigenden Eigenschaften, kleine Beete, Bienenweide, Obstbäume… Die Regenwürmer aus dem Komposthaufen lockten auch Fische an die Angeln, Igel fanden Futter, Hühner auch. Klar gab es eine Zeit, in der die neu erfundenen Chemie-Keulen erprobt wurden, aber das Feingefühl des Gärtners verlangt dann doch den zurückhaltenden Einsatz, wie bei Medikamenten, und gibt dem Anbau klimatisch passender Sorten und der klugen Kombination den Vorzug.
Ich verstehe schon, dass es eine Gratwanderung ist. Wenn Mensch satt werden möchte, ohne den ganzen Tag auf Nahrungssuche zu gehen, dann macht er Landstriche urbar, verdrängt andere Lebewesen. Wir sind im Menschenzeitalter angekommen, alle ausgestorbenen Arten kommen als Menschen wieder (so will es mir scheinen) – werden sie nun hörbar für sich selbst sprechen können und dafür sorgen, dass wir besser aufeinander achten?
Ich jedenfalls brauche Urwald, verwildernde, verwilderte oder wild gebliebene Landstriche, Hecken, Trampelpfade durchs Gestrüpp, Bachläufe. In meinem Garten darf es hohes Gras und Brennnesseln geben (nicht zwischen den Beeten ;)) neben einem gemähten Rasen… Ich wünschte mir die Unterbrechung der riesigen Ackerflächen durch breite Hecken- und Baumstreifen…
Und für die Kinder: lasst sie auch Wildnis erleben und erkunden, ihre eigene, eine umgebende, nicht nur platt gemähte Rasenflächen. Lassen wir sie wachsen und schnippeln nicht allzu sehr an ihnen herum, sie wachsen in die Räume hinein, die wir ihnen erlauben. Ihre innere Vielfalt birgt so unglaublichen Reichtum, und scheine sie uns ein Chaos – es ist ein Biotop, ein sich selbst auswiegendes sensibles System.
An einem Tag wie heute, wo ich selbst zweifle am Sinn der Unternehmung, etwas für die Kinder erreichen zu wollen, da frage ich mich auch gern, ob Leben nicht eigentlich nur ein Fressen und Gefressenwerden ist. Mein Geist will mir das weismachen. Mein Gefühl aber drängt mich in die Tat: schütze die Vielfalt, die Kinder, die wilden Ecken im Garten und am Wegesrand…