Woche XXXII | Freitag, 08.04.2016

Eine recht familienfreundliche Woche liegt fast hinter mir – will sagen, abgesehen von ein paar Hausaufgaben hatten wir die Familienzeit für unsere eigenen Hobbys und die Schule drängte sich da nicht rein. Weder per Kopfschmerz noch per Sorgen oder übermäßiger Hausaufgaben-Zeitbeanspruchung. Einige überstrapazierte Eigenschaften müssen wir noch in Ausgleich bringen, dazu gehört definitiv die Bereitschaft, Aufträge auszuführen. Sämtliche diesbezügliche Ressourcen werden von der Schule aufgebraucht. Wenn ich meine Großen um etwas bitten möchte, dann muss ich mächtig baggern, bis sie einigermaßen bereitwillig darauf eingehen. Oder ich muss einen der äußerst selten gewordenen Augenblicke erwischen, in denen sie ansprechbar sind.
Mein Jüngster ist da wirklich das Gegenbeispiel. Zwar braucht auch er seine Zeit für sich, aber nicht in diesem schwer erträglichen Ausmaß.
Bei den Großen kommt natürlich auch die nächste Abnabelungsphase dazu, in der es darauf ankommt, sich auf neue Weise abzugrenzen, als Jugendliche und junge Erwachsene die eigene Identität neu zu definieren: viel unabhängiger und eigenständiger zu werden, und vor allem das eigene Urteilsvermögen auszubauen. Sie verlassen gewissermaßen den euklidischen Raum mit den überschaubaren eher linearen und statischen Koordinaten und treten ein in die Welt der Dynamik: die unvergleichlich größere Auswahl an Orientierungspunkten und die Komplexität von Zusammenhängen werden für sie sicht- und spürbar bei jeder eigenen Entscheidung, die sie treffen. Auch die Auswahl der Blickwinkel, von denen aus sich eine Sachlage betrachten lässt, wird größer – wenn man all dies zulässt. Alles wird infrage gestellt, was ich als Mutter sage, auch wenn es bis vor Kurzem noch einfach hingenommen wurde. Abgesehen von den manchmal schwer nachzuvollziehenden Wendungen, die das emotionale Befinden nimmt, ist die vielfältige Betrachtung der Werte eine meine Lieblings-Nebenwirkungen der Pubertät. Ein Schwerkrafttest. Eine Echtheitsprüfung. Nicht nur Werte, auch wir Erwachsenen werden auf Herz und Nieren geprüft. Lassen wir auch im Ernstfall unsere Geduld walten? Worauf greifen wir zurück, wenn wir sie verlieren? Reagieren wir bockig und versuchen die jungen Leute zu erpressen oder zu manipulieren? Respektieren wir ihre Entscheidungen und machen uns die Mühe der ausführlichen Erörterung, wenn wir nicht einverstanden sind? Können wir sie in ihrem Umbau-Wahnsinn auch einfach mal in Ruhe lassen und uns darauf beschränken, sie nur vor schlimmen Verletzungen zu bewahren? Ich denke an solche mit PS-bestückter Technik, an Drogen und allzu waghalsige Experimente. Aber die Jugendzeit ist genau dafür vorgesehen – die eigenen Grenzen kennenzulernen, Tapferkeit und Mut zu erproben. Welche Möglichkeiten bieten wir ihnen dafür?
Ich wäre gern auf eine Art Wanderschaft gegangen, so wie die Handwerksgesellen. Ich war aber an Schul- und Unibänke geschnallt und ohne ausreichend eigenen Mumm bis ich Mitte zwanzig war. Dann wurde die Aufbruchsnotwendigkeit auch für mich groß genug, um endlich aus dem Mußtopf zu kommen.
Gefühlt etwas spät.
Jemand hat einmal gesagt, mit 14 müssten die Kinder aus dem Haus. Ich denke, sie müssten auf jeden Fall wichtige Aufgaben übertragen bekommen, die ihnen Orientierung geben, worauf es ankommt. Sie müssten sich um andere Menschen kümmern, die auf ihre tatkräftige Hilfe angewiesen sind. Zum Beispiel Hilfe im Haushalt für Ältere, Lernbegleitung für Jüngere, Tierpflege, Handwerkliches, Gartenbau …
Diese Aufgaben müssten sie sich auch aussuchen können, eigene Absprachen treffen, Erfahrungen machen mit Einhaltung und Versagen, Irrtum und Erfolg. Sie bräuchten Begleitung und Erörterung. Erfahrungen mit Menschen jenseits der Familie, die die Werte der Familie bestätigen oder ergänzen oder meinetwegen sogar ersetzen könnten, bzw. die Wege ihrer Verwirklichung. Nichts ist stärker tragend für den Weg ins eigene verantwortliche Leben, als alle wünschenswerte Theorie durch Erfahrung bestätigt zu sehen. Und nichts erdet die entfesselte Fantasie mehr als echte Betätigungsmöglichkeiten. Ich erinnere mich nicht an alle Einzelheiten meiner eigenen Pubertät, aber ich war keinen Augenblick lang bösen Willens. Sicherlich eine Zumutung für mich und andere, uneinsichtig und dickköpfig zuweilen, aber auch voller guten Willens und zartfühlend. Mit großen Träumen und wildem Entschluss. Aber auch wechselhaft und höchst unsicher. Die Erinnerung daran hilft mir bei meinen Großen. In Zeiten, in denen ich so ratlos bin, dass ich denke, sie tun alles nur, um mich zu ärgern. Bis jetzt komme ich ganz gut klar.

Woche XXVII | Freitag, 04.03.2016

Noch am selben Abend ereilte mich die Schule doch wieder: in Form von Hausaufgaben. Genau gesagt, mehrfach nicht angefertigten Hausaufgaben, die nun mittels Androhung einer Sechs eingefordert werden sollten. Mein Kind wollte meinen Segen für einen Tag schulfrei. Es ging ihm wirklich schlecht, diesem geplagten Wesen. Das Hauptproblem mit den HA: sie sind langweilig, haben nichts mit der Interessenwelt meines Kindes zu tun, und niemand hat sich die Mühe gemacht, eine Verbindung herzustellen. Da hatte mein Kind aber nicht nur ein Problem sondern zwei: Ich wollte da nicht so einfach mitspielen. Eine Woche lang hatte es sich nicht die geringste Mühe gemacht, irgendeine passable Lösung zu finden. Die Strategie bestand darin, die Augen zu verschließen, solange es ging, und damit das Problem unsichtbar zu machen. Es ist nur dummerweise nicht verschwunden. Ich meinte, es solle zu seiner Meinung stehen und sie vertreten und jetzt nicht kneifen. Das ist natürlich leicht gesagt.
Immerhin ließ es sich dann auf das geringere Übel ein, die Aufgabe dazu zu nutzen, seine Meinung anzudeuten und gleichzeitig guten Willen zu zeigen, indem überhaupt einige Sätze zu Papier kamen. Diesen Vorschlag hatte ich schon Tage zuvor unterbreitet. Alles braucht seine Zeit.
Am Ende hatte wohl auch die Lehrerin keine Lust, wieder Pech zu haben, jedenfalls wurde die HA gar nicht abgefordert…
Am Vorabend des letzten Schultages dieser Woche nun wieder ein Drama. Wieder Hausaufgaben. Jedoch eingebettet in eine ganze Sammlung von Übelkeiten, die meinem Kind zu schaffen machen. Sein ganzes Leben ist im Moment scheiße. Ich glaube, das ist kein Wunder, jetzt schlägt die pubertäre Neuverkabelung im Oberstübchen zu. Meine Große hatte das meiste eher im Stillen und mit sich selbst abgemacht, die „Kleine“ ist da viel explosiver und enthält uns nichts vor…
In Sachen HA habe ich das Argument gelten lassen, dass dieses gepeinigte Kind kein Papier verschwenden wollte. Was man im Kopf hat, muss man nicht aufschreiben, also warum nicht mündlich? Solange ich keine Argumente bekomme, die dagegen sprechen, sich mit der Materie zu befassen, ran da! Immerhin haben wir uns für die Schule entschieden und nicht für den Abbruch, das Kind möchte ein Abitur in die Tasche bekommen und mit seinen Freunden zusammen sein. Kein Freilernen oder Homeschooling oder Sabbatjahr zur Selbstfindung und Orientierung im Universum. Wir hatten nicht den Mumm dazu. Und wenn nun schon Schule, dann ran da, und notfalls die Mutter als Eltern(vertreterin) oder das Kindchen selbst zu Schülervertretung, Sozialarbeiterin, Klassenlehrerin, Schulleiter hin und die Dinge ansprechen. Aber nicht einfach kneifen. Damit ist es jetzt vorbei. Auch für mich.
Wir haben obendrein ein Experiment vor: In der kommenden Woche soll der Bildschirm erst nach dem Abendbrot zu Freizeitzwecken herangezogen werden. Die Zeit bis dahin soll der Erholung, Bewegung, Hobbys, Hausaufgaben oder Haus-/Hof-/Gartenarbeiten vorbehalten sein, Kreativität ja gerne, aber nicht am Bildschirm. Zu schnell sind die üblichen Fluchtwege zu erreichen, wenn die Kiste einmal an ist. Und da sie nicht zur Verbesserung des Familienklimas beiträgt, ist sie von kaum einem wünschenswerten Nutzen. Bin gespannt.
McFlitz ist ruhig durch die Woche gesegelt. Er hat noch eine Englisch-HA offen, meinte, er würde es dann eben im Unterricht aufschreiben. Er hat keine Drangsalierungen zu befürchten, also bleibt die Erörterung wirklich der Sinnfrage vorbehalten. Wow. Das fühlt sich gut an! Er kann sich wirklich dafür entscheiden, sie anzufertigen, weil er die Vorteile jenseits einer Strafvermeidung in Betracht ziehen kann! Hier: da er lange braucht zum Schreiben, hat er zu Hause mehr Ruhe dafür. Und kann im Unterricht darauf zurückgreifen und in Ruhe Neues lernen.

Woche XIII | Montag, 23.11.2015

Ein zauberhafter Start: über Nacht ist etwas Schnee gefallen. Draußen sind Feld, Wiese und Bäume mit etwas Weiß überpudert. Dieser Erste bewegt mich immernoch und bringt mich zum Staunen. Ich fühle mich wie ein personifiziertes Oh! und Ah!
Wir sind alle gesund und an unserer Arbeit. Das Wochenende hat mir interessante Gespräche und Beobachtungen und damit Stoff zum Nachdenken beschert. In der Schule war Elternsprechtag, ich hatte keine eigenen Termine vereinbart, gesellte mich einfach in das SchülerCaf´e und plauderte mit den Pädagog*innen. „Druck müssen wir aber auch machen“, ist ein Spruch, den es immer wieder zu hören gibt. Ich bin jetzt ganz klar in dieser Hinsicht geworden: Kinder brauchen nicht Druck, sie brauchen Schwerkraft. Wichtigkeit, Bedeutung, Sinn. Muskeln, Sehnen, Knochen – das alles brauchen wir, um der Schwerkraft der Erde etwas entgegenzusetzen. Und ihre Benutzung macht sie besser, bewirkt die Produktion von Botenstoffen in unserem Körper, die uns verlocken, weiter zu trainieren. Naja, nur, wenn freiwillig. Bzw. sonst werden diese Botenstoffe gleich wieder verbraucht, um die Verletzungen der eigenen Intergrität zu reparieren. Oder so.
Es ist sinnlos, das mit Noten zu bewerten.
Genauso die Musikalität eines Menschen.
Oder seine künstlerische Begabung.
Oder oder.
Und fürs Lernen braucht es Sinn, Wichtigkeit – JA! aber Druck??? Die Schwerkraft heißt hier dann vielleicht Werte, wenn etwas als Schatz betrachtet wird, wahrhaftiglich, dann muss es niemandem eingeprügelt werden, oder? Lasst die Schulen zu Schatzkammern werden!
McFlitz hatte Chorwochenende und war begeistert. Die Chorleiterin versuchte, das mit Worten zu fassen, was Kindern an so einem Wochenende angedeiht. Sie singen zusammen, stellen sich aufeinander ein und gliedern ihre eigene Stimme in den Gesang. Sie hat beobachtet, wie die gegenseitige Achtsamkeit zunimmt und die Kinder beginnen, füreinander Verantwortung zu übernehmen, Unterstützung für ein gemeinsames Leben zu leisten.
Kkumhada kam mit zum Abschlusskonzert, ich staunte über ihre Aufgeschlossenheit und ihren Wunsch, beim ersten Auftritt ihres kleinen Bruders dabei zu sein, Oishi-Kawaii dagegen zog es vor, für sich zu Hause zu bleiben. Sie hatte drei Tage lang ein Wechselbad der Gefühle durchwatet: Geplant war ein Ausflug nach Berlin mit ihrer Freundin. Deren Eltern wollten das dann aber nicht, wegen der Attentatsgefahren. So blieb es bei einem Bummel-Gang durch eine näher gelegene Stadt. Das konnte sie dann schlussendlich auch froh genießen und kam am Samstag Abend glücklich wieder nach Hause. Der nächste Wermutstropfen ließ nicht lange auf sich warten, ein größeres Treffen mit Freunden am Sonntag Morgen drohte für sie zu scheitern wegen des Zeitplanes der Eltern ihrer Freundin…
Wenn ich mir Konzerte meiner Kinder ansehe, kommen mir immer die Tränen der Rührung. Sicherlich hängt das auch mit meinen eigenen Erinnerungen an Chorerlebnisse zusammen, aber mitzuerleben, wie aus dem eigenen Kind ein aufgeregtes, frohes, Musik machendes Wesen in einer Gemeinschaft wird, das eine Bühne bekommt und sein selbst geübtes Können beitragen und zeigen darf, treibt mir die Wasser der Glückseligkeit durch die Schleusentore. Nicht nur das Musizieren selbst ist unschätzbare Medizin, auch das in einer Gruppe gelebte Miteinander schafft Einsamkeit ab und bietet Berührungspunkte. Natürlich vorausgesetzt, dass genau das auch zum Kriterium erhoben wird…
Heute also weiß und mit Sonne, die die unzähligen Schmelzwassertropfen an den Sträuchern und Bäumen zum Glitzern und Funkeln bringt. Auch mein Gemüt ist sonnig, und ich spanne die Segel auf, um das Licht einzufangen.

Woche X | Montag, 02.11.2015

So, nun ist es wieder losgegangen. Die Kinder sind mit gemischten Gefühlen gestartet: McFlitz ganz fröhlich, Oishi-Kawaii mit Befürchtungen, Kkumhada eher ruhig. Jedenfalls nach außen hin. Zumindest haben sie keine der Gefahren für ihr Leben zu meistern, die den Kindern auf den „Gefährlichsten Schulwegen der Welt“ (arte) begegnen, zu denen sich unsere Schulsorgen wie virtuelle Spiel-Herausforderungen ausnehmen. Was sie in meinen Augen aber nicht bagatellisiert, sondern die tückische Gefahr fürs Leben illustriert: Der Mangel an Schwerkraft im Leben unserer Kinder macht sie krank, die kläglichen Versuche, Wichtigkeit zu demonstrieren durch Strafen, Drohungen u.ä., tun ein Übriges. Das Fehlen des Sinnes, des Zusammenhanges, der Bedeutung von (Schul)Bildung für das eigene Leben, wurzelt in unserer Gesellschaft, unseren Beziehungen und Werten, und wird für Kinder zunächst in der Familie offenbar. Obwohl sie zu Schule gehen und sich anstrengen, kommen einige dieser Kinder einfach nicht auf einen grünen Zweig. Der wird ihnen von Menschen verwehrt, die dem Durchschnitt huldigen. Für sie wird die Schule nicht das Tor zu einem besseren Leben.
Bei uns in der Familie ist es nicht die Frage, ob Bildung wichtig ist – ja, klar! Bei uns ist die Frage, wie wir die künstlichen Zwangsmaßnahmen gut verdauen können, die die natürliche Lernfreude meiner beiden großen Kinder ver- und zerstört hat. Dieselben Maßnahmen, die dazu ersonnen wurden, den bereits Unmotivierten Feuer unter den Hintern zu machen, löschen in meinen die Freude und Bereitwilligkeit zum Lernen in der Schule.
Ich finde ja nun aus meiner Betroffenheit heraus, beginne wieder, meine Glieder aus der Schreckstarre zu erlösen. Das macht sich auch für die Kinder bemerkbar. Ich sortiere wie Aschenbrödel, welche der in der Schule für die Kinder anzutreffenden Haltungen hinnehmbar sind, und wo unser „Immunsystem“ dran ist. Allemal also was zu lernen, fürs Leben. In einem Setting, in dem es angeblich nur um bestimmte Lerninhalte aus unserer Kulturschatzkiste geht, eröffnet sich eine heimliche zweite Dimension, von kaum jemandem im Schulwesen offiziell reflektiert in ihrer Qualität als Lernaufgabe.
In unserer freiheitlichen Demokratie haben wir die Schwerkraft noch nicht erkannt und behelfen uns mit Krücken von künstlichen Obenunduntens. Oder wir haben uns aus dem Kraftfeld der Erde entfernt und müssen uns behelfen. Kreislauf- und Stoffwechselprobleme lösen, die Rolle der Schwerkraft hierfür erkennen und uns vorbereiten auf die Rückkehr.
Wenn es beim Lernen nicht um Gesundheit und Verbesserung der Lebensumstände geht, worum sonst? Und: das betrifft in erster Linie die Qualität unserer Verbindungen zueinander, miteinander. Sie entstehen nur, wenn wir einander wichtig sind. Soweit mein Stand der Erkenntnis.