Woche XXXXVI | Montag, 11.07.2016

Eins meiner Kinder nimmt an einem Projekt außerhalb der Schule teil, an dessen Ende eine Aufführung steht. Echter geht’s nicht. Und sicheres Experimentier-Feld für die Jugendlichen: sie sind begleitet, beraten, beschützt von Erwachsenen, die sich die Mühe machen, den ganzen Zirkus auf die Beine zu stellen, ohne dass ihnen das jemand aufgetragen oder vorgeschrieben hat.
Erwachsene, die für ihren Lebensraum und damit den der Kinder etwas schaffen wollen, was die Menschen zusammenbringt, sie etwas gemeinsam vollbringen lässt, was sie inspiriert und hinterm Ofen hervorlockt, weil sie unbedingt mitwirken wollen. Und dafür die Gelegenheit bekommen! Von ihren Nachbarn!
Danke, liebe Nachbarn!!!
Es wird keine Noten geben.
Der Applaus allein wird der „Lohn“ für alle Anstrengungen dieser Woche sein.
Und der Maßstab wird das eigene innere Bild sein, das im Laufe der Arbeit entsteht und wächst, und die Rückmeldungen der übrigen Mitwirkenden werden den Spiegel bilden, in dem jeder einzelne Beteiligte sein inneres Bild abgleichen kann, seinen Ist-Stand laufend ermittelt und Innen und Außen synchronisiert.
Wir müssen den Kindern solche echten Herausforderungen bieten, wenn sie in der Gegenwart bleiben oder wieder ankommen sollen. Und wir müssen ihnen dabei authentische Orientierungsmarken sein – integre Menschen wie sie auch, mit Bedürfnissen und Gefühlen, die wie auch ihre eigenen respektiert werden. Sie müssen selber was tun können, wichtige Aufgaben übernehmen, und brauchen Verständnis für Patzer aber keine Beliebigkeit, sondern Lösungen, die nach einem Missgeschick alles wieder in Ordnung bringen, das Lernpotenzial solcher Situationen muss einfach genutzt werden. Anstatt mit „Konsequenzen“ irgendwas zu lenken, müssen die echten Folgen wahrnehmbar sein und zur Basis der Entscheidungen werden. Wenn sich ein Kind zum Mitmachen im Unterricht bereitfinden soll, dann spielt es eine außerordentlich wesentliche Rolle, ob es gehorsam sein soll oder es wirklich wichtig ist für die Gruppe und die Lehrperson, und wenn ja, warum.
Kinder, die zum Beispiel gern gemein sind zu Anderen, müssten dann auf der Basis echter Emotionen „behandelt“ werden – also z.B.: Wenn ein Kind mich gerade ärgert, dann wende ich mich ab, weil ich traurig und wütend bin und in solch einer Verfassung nicht mehr mit ihm spielen kann. Ich gehe weg, um mit meinem inneren Sturm fertig zu werden, zur Lehrerin oder einem anderen Kind, was zu mir hält. Das Kind, das mir zugesetzt hat, verliert sein „Opfer“, plötzlich kommt es mir hinterhergerannt, der Spieß ist umgedreht, es will sein „Spielzeug“ nicht verlieren und muss sich auf meinen Teil der Regeln einlassen.
So etwas kann ein unterlegenes Kind nicht allein durchspielen, deshalb wendet es sich an einen Freund oder einen Erwachsenen. Wenn letztere sagen, das müssen die Kinder selber klären, dann verweigern sie gute Beratung und Begleitung und das Hochhalten von „Werten“. Schutz und Sicherheit sind dann Mangelware und die Tyrannei der Kinder untereinander kann sich ausbreiten.
Natürlich ist es keine Hilfe zu schimpfen oder zu bestrafen oder nur zu sagen „Das macht man nicht“. Es ist wichtig, die Kinder im Umgang mit ihren Gefühlen anzuleiten. Der Kneifer weiß gar nicht, wie weh das dem anderen tut, aber wenn der es ihm immer sagt und dann nicht nur einfach mit einem „Der ist doof“ zurückschlägt, sondern mit einem „Wenn du mir weh tust, kann ich nicht mit dir spielen und dein Freund sein.“ Genaueres mitteilt, dann wird der Kneifer dabei bleiben müssen, Fangen zu spielen, sich über Kneif-Treffer kurz zu freuen, über den Effekt, den das bringt: ja, der andere guckt, schreit, schlägt zurück oder läuft weg – friedlich und froh zusammen zu spielen ist da eine andere Qualität.
Auch ich als Erwachsene bin ein Testobjekt, wenn ich das zulasse. Aber auch ich als Erwachsene kann auf „Konsequenzen“ immer mehr verzichten, wenn ich beginne, meine Bedürfnisse und Gefühle gleichwertig ins Spiel zu bringen. Wenn mich ein Kind immer wieder „austrickst“, dann werde ich beim dritten Mal keine Ausnahme mehr annehmen, dann werde ich da auch nicht „großzügig“ über irgendwas hinwegsehen, denn es geht dem „Stänkerkind“ genau darum zu erfahren, was denn nun ist, wenn es stänkert.
Was will nun ich? Will ich Gehorsam oder will ich Bereitwilligkeit? Danach allein richtet sich mein weiteres Handeln.
Will ich letzteres, dann werde ich meine Traurigkeit und Enttäuschung mitteilen, vielleicht bin ich ja sogar wütend? Ich werde klar sagen, dass ich nichts mehr glauben kann, was es sagt, und nicht mehr mit ihm spielen, weil ich mich nicht darauf verlassen kann, dass es wirklich mein Freund ist. Ein Freund will doch keinen Ärger machen, der unterstützt doch?! Ich bin dann mitten in der Betrachtung des Geschehens, und dann geht der Praxistest weiter: Freund oder nicht?
Echt oder nicht?
Haltbar?
Zuverlässig?
Orientierungspunkt???
Unser aller Zugehörigkeits/Teilhabebedürfnis ist hier aktiv. Wenn ich mich als Schimpftante erweise, dann will sicherlich kein Kind zu mir gehören. Will ich eine Klasse zu einer Gemeinschaft machen, dann muss ich selbst Gemeinschaft können, wie geht das? Nur mit Vertrauen, vertraut Sein, einander kennen, die Grenzen und Anzeichen sehen und lesen können/lernen, die zeigen, wie es um die einzelnen Beteiligten steht.
Auch um mich als Lehrerin oder Betreuerin. Es strahlt ja ohnehin durch alles Tun hindurch. Sozial-emotional kompetent wäre dann, damit integrierend umzugehen, nicht es auszusperren und dauerhaft zu unterdrücken.
Sprechen lernen.
Verhandeln lernen.
Je jünger die Kinder, umso weniger ausdifferenziert ist das traurig-oder-froh-Kontinuum, und umso einfacher sind auch die Lösungen: es reicht z.B. „Vertragen“. Schulkinder sind da schon kritischer und bekommen ein zunehmend gutes Gedächtnis.
Und wenn sie groß sind, dann werden sie vielleicht genauso nachtragend wie wir…
Stellen wir uns dieser Aufgabe?
Wer macht mit?

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Woche XXXIX | Montag, 23.05.2016

Es hat keinen Freitags-Eintrag gegeben, denn es gab nichts zu schreiben. Auch heute am Wochenstart bewegen mich weniger die aktuellen Vorfälle, weil es schlichtweg keine gibt. Jedenfalls keine, von denen ich weiß.
Ich habe gleichwohl immernoch um gelingendes Familienleben zu ringen, da die Kinder nicht ganz in ihrer Mitte sind, aber das, was jetzt läuft, halte ich überwiegend für „normale“ Entwicklungsetappen. So wie sie eine Phase des Ja-Sagens hatten, die von einer Nein-Zeit abgelöst wurde, so wie sich die Wahrnehmung im Laufe der Zeit ausdifferenziert, so wie sie eine zeitlang sehr hilfsbereit waren und mitwirken wollten, so gibt es eben auch eine Zeit des Alleinseinwollens, des Puzzelns, und bei den Größeren die Sucht nach Altersgenoss*innen und Abgrenzung von den Altvögeln.
Mich können jetzt auch Altlasten beschäftigen, noch offene Entwicklungsfragen, aber auch die Verwicklungen der vergangenen Schuljahre.
Sozial-emotionale Kompetenz steht da weit vorn, aber auch die Beantwortung der Frage, wie Kinder denn Motivation für den Erwerb der Kulturtechniken und die Aneignung von Wissen finden können, wenn sie nicht mehr per Zensuren und Sanktionen dazu gezwungen werden sollen. Wie an der Schule meines Jüngsten, die aber im Konzept dazu keine Aussage formuliert. Die Anfangsneugierde lässt irgendwann nach, es kommt früher oder später auch zum Nachlassen der Bereitwilligkeit zur Mitwirkung bei Themen und Aufgaben, die sich die Kinder nicht selbst gesucht haben. Nun wird es interessant: Wie kann ein*e Erwachsene*r das Feuer am Brennen halten? Oder kann er/sie es aushalten, wenn es mal ausgeht? Kann er/sie zulassen, dass der ihm/ihr anvertraute noch so junge Mensch die Sinnfrage stellt? Hier braucht es schon sozial-emotionale Kompetenz, denn die Welt der Gefühle und Emotionen ist wie ein Schilderwald. Hier brauchen Kinder ganz sicher gute Begleitung, wenn sie diese inneren Maßstäbe nutzen lernen sollen. Bisher ist Verdrängung und Überwindung das, was gemeinhin angeboten wird – mancherorts mag sich das bereits wandeln, aber es ist dennoch Neuland. Erst recht schwierig wird das Gelände, wenn es interaktiv wird und zwei Personen beteiligt sind. Die eigenen Gefühle und Bedürfnisse und die der anderen Person liegen nun in den Waagschalen, da kommt es einem langsam sinnvoll vor, dass sich die Mächtigeren Regeln ausgedacht haben, wie es sein sollte, und diese dann mit den Mitteln der Hierarchie durchgesetzt und aufrechterhalten haben.
Wie geht das zwischen gleichwürdigen Beteiligten?
Jedenfalls nicht so schnell.
Vielleicht spielt sich das im Laufe der Zeit ein, denn alle Sachen, die häufig genug vorkommen oder getan werden, automatisieren sich und werden dann auch schneller.
Kann es also einmal Gewohnheit werden, dass wir unsere Kommunikation umstellen von einer Anweisungsausteilung hin zur gemeinsamen Lagebetrachtung und Handlungsentscheidung? Dass wir sie dafür derart entschleunigen, dass es das heutige Schnellschnell wirklich nur noch in Notfällen gibt?
Ich hoffe sehr und bleibe weltfremd, indem ich es jetzt schon probiere. Nicht leicht, so oft falle ich selbst in die alten Gewohnheiten zurück…