Woche XXXVI | Freitag, 06.05.2016

In dieser Woche tagt in Berlin die Konferenz zur Zukunft der Lernkultur. Mich beschäftigt von ferne die Frage, wann denn jeder Mensch endlich seinen natürlichen Lerndrang verfolgen kann. In seiner Intensität, in seinem persönlichen Maß.
Die Unausgewogenheit hat mir bei meinen beiden größeren Kindern schwer zu schaffen gemacht, und sie tut es noch. Nicht nur, dass sie unmäßig viel sitzen müssen und mussten, viel zu wenig eigene Entscheidungen zu treffen bekamen und im Grunde gar keine Wahl in Bezug auf den Themenplan, das Tempo und die Benotung haben und hatten. Nein, sie werden ihrer Unbeschwertheit beraubt, weil die Erwachsenen in diesem Land mit einer Grundannahme herumlaufen, die den Kindern unterstellt, von alleine sowieso nichts zu lernen. Die Erwachsenen in diesem Land gehen ja auch davon aus, dass Hartz-IV-Empfänger selbst schuld sind an ihrer Lage und nur durch Bedrohung dazu gebracht werden können, wenigstens für dieses Almosen aus ihrer Komfortzone zu kommen.
Das Ausmaß der Entwürdigung wird uns eines Tages zu Bewusstsein kommen, so wie uns DDR-Bürger*innen der Blick auf Nordkorea vielleicht einen Eindruck von unserer seinerzeitigen Manipulierung bescheren kann. Es ist mir eine jahrelange Aufgabe geworden, Linsen und Erbsen wieder auseinanderzusortieren, sachliche Zusammenhänge von ideologischen zu trennen.
Ich beklage die Unausgewogenheit, weil ich sie ausbaden muss: Sämtliche Bereitwilligkeit meiner Kinder ist von der Schule aufgebraucht und absorbiert worden, sie wurde sogar enorm überstrapaziert, so dass ich zu Hause andauernd in die Rolle der Krankenschwester gedrängt wurde und werde, in die Rolle der externen Steuerin und Überwacherin. Mir fällt die unliebsame Aufgabe zu, den übermäßigen Bücher- und Bildschirmkonsum ständig eindämmen zu müssen, was ich zum großen Teil dem Umstand zuschreibe, dass die Kinder in der Schule solche großen Zugeständnisse an viele ihrer Bedürfnisse machen müssen: wenn der Unterricht langweilig ist und sie sich nicht selbst belebende Beschäftigungen und Inhalte suchen dürfen, ihrer Kreativität nicht entsprechen können, weil z.B. Kritzeleien am Heftrand verpönt sind, ihren Hunger nach spannenden Schilderungen nicht stillen können, keine Rückzugsmöglichkeiten finden, keine Anleitung in der Lösung von Konflikten, keine Inspiration für die Erkundung der Kulturschätze bekommen und keinen Schutz vor der Androhung von Strafen oder vor Beschämung, zuwenig Zuwendung erfahren und nicht genug Zeit haben, Wissen und Verständnissicherung zu vollenden, bevor etwas Neues anfängt…
Was suchen sie in Büchern und im Internet, was sie in der konkret-analogen Umgebung nicht erlangen?
Mir geht es nicht um das Verhindern der Nutzung all dieser Medien, und ich sehe auch deutlich, wie sie einen Menschen vereinnahmen können. Ich weiß nicht, wo die Manipulation beginnt, die dazu führt, dass man seinen körperlichen Bedürfnissen keine Aufmerksamkeit mehr schenkt, zu essen, trinken, schlafen und sich zu bewegen solange hintanstellt, wie man es für eine Schulaufgabe wohl nie fertigbrächte, aber auch im Flow eines Gruppenspiels kämmen diese Dinge nicht zu kurz…
Ich weiß aber, dass ich selbst lieber draußen in der Natur bin, mich rühre und im Garten buddele oder still und andächtig den Vögeln und dem Blätterrauschen lausche als stundenlang Hayday oder Minecraft zu spielen oder Let’s plays zu gucken. Jedenfalls geht es mir nach Stunden von Ersterem viel besser als nach Stunden von Letzterem. Ich bin überzeugt, dass ich auch ohne die Unausgewogenheiten, die für meine Kinder definitiv durch die Schule entstehen, das Thema Maßhalten im Umgang mit den Medien aufkommt, denn dieses Maßfinden ist eine uralte Lebensaufgabe und im Tanz von Yin und Yang symbolisch dargestellt. Das muss mich aber nicht davon abhalten, die Unmäßigkeiten der Schule auf’s Korn zu nehmen.
Ja, sie entstehen durch die Schule, aber ich habe sie zugelassen, diese Unausgewogenheiten. Ich und viele andere Erwachsene. Und ich habe sie meinen Kindern angelastet. Anstatt endlich dafür zu sorgen, dass sich ihre Schulwelt endlich dahingehend wandelt, dass die Kinder dort sicher sind und achtsam begleitet werden auf ihrem Weg ins Leben. ein Leben als freie Erwachsene, die auf eigenen Beinen aufrecht stehen und gehen können und mit Weitblick und lebensfördernder Feinfühligkeit ihrerseits für Kinder und eine intakte Umwelt sorgen werden.
Nu aber.

Woche XXXIV | Montag, 18.04.2016

Fast hätte ich es verpasst – ist ja schon wieder ein Beitrag fällig geworden, wenn ich meinen Turnus einhalten möchte… Zum Start der 34. Woche dieses Schuljahres bewegten mich weniger die Sorgen meiner eigenen Kinder, sie sind vergleichsweise harmlos geworden. Mein kleines großes Mädchen, dessen Präfrontaler Kortex sich derzeit erheblich gestaltet, empfindet sehr scharf jegliche Art des Zunahetretens: insbesondere auch die Beschneidung ihrer eigenen Entscheidungen durch die in ihrer Schule gängige Unterrichtspraxis. Sie träumt immer kräftiger von selbstbestimmtem Lernen, von Begleiter*innen, die anregen und anleiten statt vorzuschreiben oder mit Benotung zu drohen. Von Räumen voller Material und Möglichkeiten. Sie hat die permanente Unterstellung der schülerischen Unwilligkeit mehr als satt.
Mein Grundschulkind geht ebenfalls wieder, wenn auch hustend, zur Schule. Seit ich nun andere Kinder mit Schulproblemen begleite, wird mir der Segen der benotungsfreien Rückmeldung noch einmal mehr deutlich und ich genieße es, diese Ablenkung vom eigentlichen Sinn des Erlernens der Kulturtechniken nicht auch bei ihm zu haben, und den Umgang damit am Ende des Tages als Hauptthema serviert zu bekommen. Ja, die Kinder verletzen sich an schlechten Noten, vielleicht schlimmer als an Schlägen auf den Hosenboden – da kann man sich wenigstens als tapferer Held feiern lassen. „Es macht gar keinen Spaß zu lernen, wenn man immer nur schlechte Noten bekommt“, gestand mir ein 9jähriges Mädchen kürzlich.
Ich arbeite mit den Kindern daran, dass sie trotzdem wieder an die Sache herangehen, erschließe mit ihnen den Spaß, den man daran haben kann, zu rechnen oder Botschaften schriftlich zu ver- und wieder entschlüsseln. Die Eltern bestärke ich darin, Eltern zu sein, keine Nachhilfepauker, und ihr normales Familienleben nicht für Hausaufgaben- und Übungsorgien zu opfern. Ich rede zudem mit ihren Lehrer*innen, möchte sie ermutigen, menschlich auf die Not der Kinder zu schauen. Sie sagen, sie müssen das alles schließlich in der Grundschule lernen, und ich frage, ob denn die Kinder, die sie mit schlechten Zeugnissen dann weiterziehen lassen, gelernt haben, was sie sollen. Das einzige, was geschehen ist, ist die Abarbeitung des Planes seitens der Pädagog*innen. Sie haben ihre Pflicht erfüllt. Die Kinder, die nicht das Glück haben, rein zufällig mit dem Tempo und der Darreichungsform der Unterrichtsinhalte gut klarzukommen, könnten sich diagnostizieren lassen, manche fahren weite Wege übers Land, um in eine LRS-Klasse zu gehen, stehen morgens dafür eine Stunde oder mehr früher auf, ihre Eltern mit ihnen, und kommen müde wieder heim, womöglich immernoch mit demotivierenden Erlebnissen. Abgesehen davon, als diagnostiziertes Wesen aus dem sonst Üblichen hervorzustechen, zementiert sich die Diagnose nachträglich noch, wenn die Resignation einsetzt.
Ja, hier in der Gegend gibt es einen Aufschrei, wenn ich das Thema Benotung anspreche und in Frage zu stellen wage. Die Eltern fürchten, ein wichtiges Instrument zur Erziehung ihrer Kinder zu verlieren. Für viele ist die Note die einzige Orientierung. Sie wissen dann sofort, ob ihr Kind „gut“ ist. Und wenn nicht, dann geht die Notfall-Maschinerie los: das Kind wird zu mehr Üben gezwungen, den Lehrpersonen in der Schule werden die Türen eingerannt. Schuld wird verteilt und zurückgewiesen. Der zweite Bildungsweg wird beschritten, monatlich viel Geld für Nachhilfe ausgegeben, da könnte man gleich in eine private Schule gehen, in der ein Kind in seinem Tempo lernen kann, individueller betreut wird und dann auch noch Freizeit behält, die für seine geistige und seelische Erholung unerlässlich ist.
Lehrer*innen beklagen sich, dass sie in der Schule die Erziehungsmängel der Elternhäuser ausbaden, ich selbst habe mich lange dagegen aufgelehnt, die Schädigungen meines Kindes durch die Schule ausgleichen zu müssen.
Und sehe ich es falsch? Steuerzahlende zahlen doppelt für ein schlechtes Schulwesen: entweder in Nachhilfe oder in private Schule fließt ihr Geld, beides macht die staatlichen Schulen nicht besser, die wiederum aus den Steuern derselben Leistungstragenden bemittelt werden. Und dann noch die Spätrechnung, wenn die Kinder krank werden, psychische Probleme bewältigen müssen oder, bei erfolgreicher Verdrängung, körperliche Leiden erleben müssen, die von all den Leichen im Keller hervorgerufen werden: „Das Gehirn macht aus Psychologie Biologie“, sagt Joachim Bauer in einem seiner Internet-Vorträge, der Körper ist das Gedächtnis unseres täglichen Empfindens, bis in die Gene hinein. Wann beginnt das Großreinemachen? Es ist Frühling, eine gute Zeit für den gründlichen Winterschlussputz! Für das Ausmisten all der Glaubenssätze und Ideologien, die uns von Mitmenschlichkeit im Umgang miteinander und mit uns selbst abhalten. Ich selbst bin intensiv dabei, und – es tut einfach gut!

Woche XXXI | Freitag, 01.04.2016

Habe ich gestern nicht geschrieben, um einen Aprilscherz auszuschließen? (Nun ist es schon vorgestern…) Vielleicht, aber es war auch sehr wenig Schreibzeit für mich drin.
Wir haben die beiden Schultage meisterlich bewältigt, d.h. die Kinder sind ungeschoren davon gekommen bzw. haben sogar einigen Erfolg verbuchen können.
Am Freitag Nachmittag nahmen wir einen Schulfreund mit nach Hause und nutzten am Abend das tolle, wenn auch etwas kalte Wetter, um das für Ostern vorgesehene Grillgut seiner Bestimmung zuzuführen. Dieser Schulfreund hatte das Pech, wegen dreier Gelber Karten nicht am Wandertag ins Schwimmbad teilnehmen zu dürfen. Als ich das hörte, ging ich innerlich gleich auf die Barrikaden, ich geb’s zu, aber ich habe das möglichst nicht gucken lassen und erst einmal genauer nachgefragt, ob ihm das dabei hilft, sein Verhalten besser zu kontrollieren. Es geht um einen 9jährigen Jungen.
Wenn man aus einem Kontext kommt, in dem Strafe ein probates Mittel zur Erziehung ist und einem der Sinn der Strafe auch erklärt wird, kann man das auch gut für sich akzeptieren, wie es scheint. Der Knabe war überzeugt, dass alles seine Richtigkeit hat.
Ich bin es nicht, ich denke nun darüber nach, wie ihm diese Strafe dabei helfen kann, günstige Umgangsweisen für jene Situationen zu finden, in denen er die drei gelben Karten zugeteilt bekommen hat. Ich könnte es soweit akzeptieren, dass er nicht mitdarf, wenn die Lehrerin meint, dass er wegen seiner mangelnden Selbstkontrolle eine besondere Gefahr für sich und andere darstellt und deshalb mehr Aufsichtspersonen nötig wären, die vielleicht gerade nicht vorhanden sind. Aber für die bessere Selbstkontrolle? Wäre es da nicht besser, es gäbe unmittelbarere Maßnahmen? Anstatt ihn auszuschließen, bräuchte er es doch viel eher, besseren Anschluss zu bekommen, oder?
Wenn ich mit Kindern arbeite, dann lege ich großen Wert darauf, das unerwünschte Verhalten nicht einfach nur zu kritisieren und zu unterdrücken. Natürlich ist es wichtig, das Stopp-Schild klar sichtbar zu machen und deutlich zu zeigen, was dieses Verhalten bewirkt. (Wenn du mir weh tust, kann ich nicht mit dir spielen. Wenn ich nicht mit dir spielen kann, wie soll ich dein Freund sein?) Genauso wichtig finde ich jedoch, dem Betreffenden Alternativen aufzuzeigen. Die Kindergruppe muss sich gemeinsam Gedanken machen und darüber klar werden. Jedes Kind kramt in seiner eigenen Erfahrung und erzählt, wie es in einer vergleichbaren Situation handelt. Was kann man tun, wenn man wütend ist? Wie kann man ruhig bleiben, wenn jemand einen provoziert?
Ich kenne den Gelbe-Karten-Katalog der Klasse nicht genau, aber wenn ich gelbe Karten einsetzte, dann würde ich versuchen, sie nicht über den Tag hinaus stehen zu lassen. Und wenn sich das Verhalten eines Kindes dauernd als problematisch erweist, dann würde ich versuchen, mit den Eltern zusammen auf Ursachensuche zu gehen, um die geeigneten Mittel und Wege wählen zu können. Sicherlich wäre auch die Hilfe eines Psychologen zu erwägen. Aber auch die übrigen Kinder der Gruppe haben dabei was zu lernen. Man kann nicht einfach einen „Übeltäter“ ausschließen oder in Ketten legen. Seine ganzen Anstrengungen gelten nur genau denselben Zielen, die jeder Mensch hat: sich zu schützen, sich zu behaupten und dazuzugehören. Dass die Mittel ungeeignet sein können, steht außer Frage, aber lernt derjenige die geeigneten, wenn er ausgeschlossen wird? Andererseits müssen auch die Anderen geeignete Wege lernen, sich zu schützen und mit schwierigen Situationen umzugehen. Weggucken, Wegschicken, Weglaufen geben sicherlich erstmal Zeit zum Luft holen. Aber engt man nicht seinen eigenen Spielraum auf die Dauer ein, wenn man alles Unerwünschte immer nur wegschiebt? Da häuft sich doch Einiges an, würde ich meinen, zumal sich nicht alles von allein „verwächst“.
Konsequent, also durchhaltend, zu sein gibt einer Forderung Bedeutung, ohne Frage. Eine Grenze wird dadurch zur sicheren Orientierung, dass sie hält. Aber Bestrafung als Konsequenz, also Folge, hat etwas Willkürliches an sich, etwas Entwürdigendes. Jemand denkt sich etwas für einen Anderen aus, was der dann machen muss oder nicht darf. Das ist eher das Gegenteil von Verantwortlichkeit. Es ist übergriffig. Es geht auf Kosten der Selbstbestimmung. Es gibt Einem (oder gar einer Gruppe) Macht über den Anderen. Der kann gar keine eigene Antwort geben außer einer Selbstschutzreaktion, wenn er sich nicht unterwerfen will. Und es vermischt diese beiden Aspekte, so dass man in einer Zwickmühle landet: Ich habe Einsicht, aber ich muss mich gleichzeitig erniedrigen. Ich finde das nicht sachdienlich.
So genau sortiert das für gewöhnlich keiner auseinander. Für mich macht es jedenfalls einen riesigen Unterschied, ob ich aus freien Stücken einsichtig bin und dann aus eigener Entscheidung mein Verhalten anders gestalte, oder ob ich zum Schämen in die Ecke verurteilt werde, damit ich endlich aufhöre, irgendetwas Bestimmtes zu tun und beginne mir irgendetwas Anderes anzugewöhnen.
Mit dem Daheimbleiben sind seine drei gelben Karten nun wieder gelöscht. Er ist traurig, dass er nicht mitdurfte, aber er meint, er habe es verdient. Und er meint, er strenge sich nun mehr an und passe besser auf sich auf. Ich bin gespannt.

Woche XXX | Freitag, 25.03.2016

Vor drei Monaten war Weihnachten, die diesseitige Feierlaune hielt sich in Grenzen, viel verlockender war es, diese freie, unschulverpflichtete Zeit mit den vielen Sättigungsquellen hinter den Bildschirmen zu verbringen, sich zurückzuziehen von den nervigen Verpflichtungen gegenüber anderen Menschen – jedenfalls bei den Kindern, und auch dieses Mal habe ich in den Ferien reichlich Gelegenheit, meine Angebote und Wünsche in Bezug auf die Kinder und unser Familienleben mit den Boni der virtuellen Welt ins Verhältnis gesetzt zu erleben.
Ich vermute ja meistens Flucht, wenn ich die Kiddies vorm Bildschirm sehe, aber es darf auch gern ein Fantasy-Buch sein oder Lego-Welten auf dem Wohnzimmerboden. Natürlich ist ein Treffen mit Busenfreundinnen in 3D und zum Anfassen davon kaum zu toppen, aber die Begegnung mit der eigenen Mutter schon. (Das spricht Bände, nicht wahr?)
Also Flucht ist ein Aspekt, aber was finden wir in den Tiefen des Internet, was uns das analoge Hierundjetzt nicht bieten kann?
Für meine Kinder freue ich mich, weil sie recht unkompliziert auch Freunde treffen können, die sonst immer zu Hause bleiben müssen, wenn sie sich verabreden wollen. Natürlich wünsche ich ihnen die echten Begegnungen, aber die jeweiligen Eltern haben dieses Bedürfnis nicht ganz so im Auge wie ich. Oder auch dann, wenn eben kein Bus fährt, sie sind weniger abhängig von der (fehlenden) Infrastruktur vor Ort.
Aber auch weniger abhängig von den Menschen vor Ort. Wenn hier nun einmal keine passenden Freund*innen zu finden sind – Zeit, Chemie, Interessen, Alter etc. – und somit man selbst irgendwie einsam bleibt in der Menge, dann bietet die Telefonleitung doch die Möglichkeit einer befriedigenden Verbindung. Mir selbst geht es ja auch so. Und dank dieser Schreibplattform kann ich Leute finden, die sich mit mir über meine Lieblingsthemen austauschen möchten, Leute, die widersprechen oder gleich gesinnt beipflichten – alles sehr befruchtende Impulse. (An dieser Stelle danke!!!)
Und dann der Hunger nach allen möglichen Ideen, Rollen, Experimenten! Jenseits von Räuber und Gendarm, aber nicht irgendwie doch auch wieder ähnlich. In einer Unzahl von Variationen. (Da kommt mir der Denkspruch „Alles ist Nichts, und aus Nichts kann Alles werden“ in den Sinn.)
Die Zeit, die wir miteinander verbringen, hält sich in Grenzen. Ich brötele gern mal für mich allein herum, bin froh, dabei nicht unterbrochen zu werden. Klar, als Mutter bin ich immer irgendwie im Bereitschaftsmodus, lasse alles stehen und liegen, wenn Not am Kind ist. Oder um echte Not zu vermeiden. Das hat natürlich nachgelassen, seit ich keine Windeln mehr wechseln muss. Aber die Art, wie wir diese Zeit verbringen, ist wesentlich: Vielleicht bringt Baymax das analog auf den Punkt, als er sagt, „…wenn Fliegen mich zu einem besseren Gesundheitsbegleiter macht…“ (sinngemäß). Wenn die Zeit in den persönlichen Höhlen und Welten dazu beiträgt unser Miteinander zu verbessern, dann habe ich nichts zu bemängeln oder befürchten. Wenn aber unsere gemeinsame Zeit explosiv ist, jeder irgendwie dauernd ungeduldig (re)agiert und vielleicht sogar verletzend wird, dann schiebe ich die Schuld gewohnheitsmäßig gern auf die Daddelei, die ich ja so großzügig toleriere.
Neuerdings nehme ich jedoch unser Miteinander diesbezüglich unter die Lupe: Welche Automatismen und Selbstverständlichkeiten pflege ich im Umgang mit meinen täglichen Nahestehenden, -sitzenden, und lebenden? Meine Kindheit fand statt im Kontext von Gehorsam, eine Ansage, und dann ein Mensch – ein Wort, ein Wort – eine Tat. Keine großen oder kleinen Abstufungen, nur Sanktionen bei Nichtbefolgen. Durchaus auch mündlich, in Form von „Vorträgen“, Leviten oder anderen Ansprachen, die aber fernab von Gesprächen in Gleichwürdigkeit waren. Ich war dann die Dumme oder Böse. Oder Undankbare. Es gab beschämende Strafen und unterwerfende Bedingungen, wenn ich nicht den Wünschen und Vorstellungen meiner Umwelt entsprach. Ich hatte auf der anderen Seite jedoch auch sehr viel unbehelligte Zeit, vielleicht auch weil ich mich gern still beschäftigte. Da fällt nicht gleich auf, womit. Ich dachte viel nach, hatte Fragen, kam auf Situationswitze (oft im Stillen, weil als unangemessen empfunden, wenn es von einem Kind kam) und beobachtete Ironien des Schicksals.
Meinen Kindern kann ich mit den Automatismen aus diesen prägenden Jahren nicht kommen. Ich stehe vor der Wahl, sie als vollwürdige Menschen anzusehen, die eher ruhige Begleitung und Aufklärung brauchen, oder als unmündige Unfähige, denen mit Kritik und Zurechtweisung das Leben gerettet werden muss.
Ich übe ersteres, versuche die Schwerkraft nicht aufzuheben und sie nicht in Watte zu packen, wenn ich meine Grenzen und die unserer Welt geltend mache und verständlich.
Frohe Ostern, und Großer Geist vergib uns, denn wir wissen nicht, was wir tun!

Woche XXII | Montag, 25.01.2016

Einen Monat nach dem ersten Weihnachtstag…
Ein Kind mit Husten und Schnupfen zu Hause, ein Kind mit Husten und Schnupfen in der Schule, ein Kind einigermaßen symptomfrei in der Schule. Ich selbst hänge ziemlich durch, auch heute noch, am Dienstag. Ich habe einen Herpes an der Oberlippe bekommen und seit Wochen einen rissigen Mundwinkel. Ich schlafe sehr viel, bin dann einigermaßen brauchbar. Ich raffe mich zum Einhalten des Tagesablaufes auf, aber nicht, um Ziele oder Leben zu retten. Nur um des Gehorsams willen, der tief in mir die Peitsche schwingt. Also irgendwie doch ein Leben retten – meins. Denn was wird mir geschehen, wenn ich nicht artig bin?
Ja, ich weiß, jetzt bin ich schon groß, und niemandem wird der Kopf abgerissen, und ich kann mich von kindlichen Denkmustern befreien. Das ist so einfach gesagt, sie wirken einfach, ohne dass man Zugriff haben muss, und es reicht auch nicht, sich ihrer bewusst zu werden oder ihnen ihr Weiterwirken zu verbieten. Manche dieser alten und tief gespurten (Auslegungs-, Denk-)Gewohnheiten werde ich vielleicht niemals los, weil selbst mit täglichen Achtsamkeitsübungen und Entwöhnungsaktivitäten kein Herankommen an die emotionale Verwurzelung ist. Da ist es schon viel, wenn mir täglich einmal einfällt, dass ich in einer freiheitlichen Gesellschaft lebe und ich es jeden Tag in der Hand habe, es so oder anders anzugehen. Sklavisch oder eigenverantwortlich. Aber diese dumme Angst vor „Konsequenzen“! Und sei es nur eine Ordnungswidrigkeit… Und überhaupt, was soll die?
Aber wie kann ich z.B. in Sachen Schule eigene Antworten geben, wenn alles festgelegt ist? Stundenplan, Uhrzeiten, Lehrplan, Hausaufgaben – an keiner Stelle können wir unsere eigenen Entscheidungen treffen außer, ob wir aktiv mitmachen oder passiv aussteigen. Im Fall von Hausaufgaben mit strafähnlichen oder ausgesprochen strafverfolgenden Effekten. In Sachen Lehrplan mit schlechten Noten. In Sachen Stundenplan mit Nachschreiben von Klassenarbeiten, aber ohne Nachholen versäumter Inhalte. Uhrzeiten: wer später kommt, muss sich entschuldigen. Hallo?! Unsere Kooperationswilligkeit wird gnadenlos strapaziert. Wer will denn schon immer nur dagegen sein? Die Kinder wollen Zugehörigkeit. Es kostet sie viel. Sie müssen sich unterwerfen, wenn sie noch nicht eingesehen haben, wie sinnvoll und wichtig die bestehende Regelung ist. Sie erleben Bloßstellung oder Strafen, Entwertung und Ignoranz gegenüber ihren Bedürfnissen, ihrem Tempo, ihren Eigenheiten.
Aktiv auszusteigen habe ich in Erwägung gezogen, aber angesichts meiner Feigheit wieder verworfen. Außerdem wollen die Kinder auch mit Gleichaltrigen umgehen und sich außerhalb der eigenen Häuslichkeit umsehen. Mit zunehmendem Alter in immer größerem Radius. Wegziehen, zum Beispiel näher an eine weiterführende Schule, die es schon menschenfreundlicher macht – wo sogar ich arbeiten könnte: das ist ein verlockender Gedanke, aber so schlecht geht es uns wohl doch nicht. Und außerdem kann ich nicht ewig herumziehen, um die für mich passenden Orte zu finden. Irgendwann muss ich doch einmal auch selbst eine Sache in die Hand nehmen und für den notwendigen Wandel sorgen. Das macht mich unabhängiger. Wäre schon schön, mit allem klarzukommen, ohne sich selbst zu verlieren. Ich versuch’s weiter. Und die Kinder bekommen live Geschichte – Unterricht mit Zwang. Zwar ohne Rohrstock. Oder fliegende Schlüsselbunde. Anschaulicher geht’s kaum. Exklusiv. Nur ohne Bühne, Gage und Publikum wie bei „Ich bin ein Star – holt mich hier raus.“ Oder anderen Inszenierungen. Möge es ihnen die Kraft verleihen, die Befreiung weiter voranzutreiben!

Woche XX | Freitag, 15.01.2016

Von drei Kindern ist eins in der Schule. Was mir so durch den Kopf geht, wenn ich sie abmelden muss, ist wohl sehr aufschlussreich. Zum Beispiel denke ich, was für eine nervige Kontrolle das ist, der ich mich da unterwerfe. Ich sehe es gar nicht als mitmenschliche Kooperation, durch die sich alle auf die Situation einstellen können oder Verständnis oder gar Mitgefühl entsteht. Dann wieder habe ich Gedanken um meine Entscheidungskompetenz: Muss das nicht der Kinderarzt unterschreiben??? Ich bin ja bloß die Mutter. Ganz schön eigenmächtig, wenn ich allein urteile, ob es noch ein Tag länger sein muss…
Dann denke ich daran, was sie alles verpassen, wenn sie nicht hingehen. Das geht nur, wenn alle einem Programm folgen, wie bei einer Pauschalreise. Oder eben im Gleichschritt lernen sollen. Sie müssen dann alles nachholen und das Aktuelle mitmachen. Irgendwas leidet dabei immer. (Warum nicht gleich wieder die Gesundheit?)
Meine große Furcht ist jedoch nicht, dass sie etwas Wichtiges nicht lernen. Meine Furcht bezieht sich auf Bestrafung oder Beschämung. Auf welche Weise auch immer. Mir wird immer deutlicher, wie man für seine Unzulänglichkeit auf eine Weise „zur Rechenschaft“ gezogen werden kann, die einem selbst das Gefühl gibt, kriminell zu sein. Fängt es so an? Ist das die Wegbereitung für die Erschaffung der „Bösen“?
Mit meinen beiden „kranken“ Kindern habe ich in dieser Woche ein Miteinanderleben geübt, das schon sehr nahe an das herankommt, was ich als sinnvoll erlebe. Ich bin zwar auch wieder unbezahlte Krankenschwester, habe aber zu einer geruhsameren Lebensführung gefunden, in der das Kriterium unsere Bedürfnisse sind, nicht was „man“ muss. Auch ein leicht „krimineller“ Akt, denn die Beachtung der eigenen Anliegen unter Missachtung gesellschaftlicher Normen ist doch höchst egoistisch, wenn nicht gar aufwieglerisch, oder?
Jedenfalls geht es mit der Gesundheit langsam bergauf. Ist das nicht auch geschäftsschädigend?

Kurzmitteilung

Helikoptereltern?

Ein anregender Begriff, ich weigere mich, ihn auf mich anzuwenden, aber er drängelt sich auf. Nun gut, soll er. Schließlich bin ich tatsächlich in Sorge um meine Kinder, und warum nicht mal von oben draufschauen?
Ja, meine Kinder zeigen solche Symptome, die auf Verwöhnung hindeuten. Sie machen vieles nicht, was sie könnten, quengeln gerne mal. Verweigern sich den Anforderungen in unserem Leben.
Aber halt – nicht immer. Ich sehe sie auch herumtollen und ausprobieren. Musikinstrumente, Naturmaterialien, Spiele (auch elektronische), das Kochen und Backen, sie richten sich häuslich ein in Lieblingsplätzen, lesen, knobeln, schreiben eigene Briefe oder Geschichten.
Nanu?
Aber, wenn sie sollen, geht das alles nicht. Sich anziehen, Stulle schmieren, Zähne putzen, Luft holen.
Wenn ich sie den (teilweise ungeliebten) Verhältnissen anbequemen will (Eva Strittmatter), können sie nicht, wollen sie nicht.
Ich bin keine Freundin von Zwang. Was also tun?
Helikoptern. Denn ich bin es, die Ja sagt zu den Zwängen der Gesellschaft. Aus Feigheit. Angst. Also bin ich in der Zwickmühle. Ich sehe den Unsinn. Hier steckt die Angst, das Stillhalten und Hoffen, dass es von alleine vorübergeht. Ich breite solange meine Fittiche über die Küken.
Was ist das für eine Gesellschaft, vor der ich meinen Nachwuchs schützen zu müssen empfinde???
Ich komme aus diktatorischen Verhältnissen und bin auf dem Weg in die Freiheit. Ich habe Umgangsformen und andere nützliche Dinge als Vorschriften gelernt. „Man macht das (so, nicht, …)“ Und war ich nicht willig, so gab es Strafen, Schläge, Zwang. Und war ich willig, gab es Korrekturen, Mangelhinweise und Ermahnung. Und manchmal ein Lob, das mich abheben ließ. Mit Bruchlandung. Ich möchte das nicht an meinen Kindern wiederholen, mir bleibt zu erfinden, wie es denn gewaltfrei ginge. Ich probiere und studiere. Solange ich ratlos bin, lasse ich es wie es ist, beherrsche meinen Frust. Ich habe auch das Glück erlebt, inspirierende Vorbilder zu finden hier und da. Dann ist vieles einfacher. Nachmachen, den Effekt erfahren, den Zusammenhang begreifen, weiter so.
Ich brauche immer dann besonders viel Kraft und Zeit, wenn das Mitwachsen nötig wird. Gerade habe ich eine akzeptable Strategie gefunden und alles läuft wie geschmiert, da verlassen die Kinder dieses Entwicklungsstadium und ich muss mitwachsen, ehemals nützliche Gewohnheiten abtrainieren, neue Zusammenhänge erforschen. Denn die sollen bei mir die Bedeutungsgeber sein. Natürliche Folgen, keine Strafkataloge. Wir machen also Erfahrungen. Wie geht es mir, wenn mein Kind mich nicht begrüßt? Will ich auf Formen bestehen, die nicht mit Leben gefüllt sind? Muss warten, bis sie sich im Leben als wirkungsvoll herausstellen für die Kinder. Kann sagen, dass sie mir wichtig sind, und es selbst so machen.
Ich habe ein wenig Angst, besonders in Bezug auf mich selbst, wenn ich ungehorsam sein muss, um dem Menschlichen zu dienen. Genauso groß ist meine Unsicherheit, Ratlosigkeit, der Zweifel, ob dieses oder jenes richtig ist. Aus ihr heraus tue ich Dinge anstelle der Kinder, die sie selbst könnten.
Ihr Schmerz ist auch oft mein Schmerz. Es heißt, die Kinder sind unsere Chance zur Aufarbeitung eigener unerlöster Verletzungen. Ja! Wenn ich für sie einspringe, dann eigentlich für mich. Ich hole da was nach. Was mir meine gesellschaftliche Umgebung seinerzeit nicht bot. Es ist hart, das auseinander zu halten zu lernen. Aschenbrödel hilf!
Je mehr ich meine eigenen alten Baustellen vollende, desto mehr Vertrauen gewinne ich zurück. Resilienz für mich, Zuversicht für die Entwicklung und das Lernen der Kinder. Und kann sie in Ruhe lassen. Sie machen das schon. Ihre Erfahrungen. Auch die mit ihrer eigenen Bewirkungskraft. Schließlich sind sie nicht allein und verlassen! Helikopterlandung möglich. Lieber zusammen sein und gemeinsam die Lage betrachten. Ich nehme sie mal mit auf eine Tour…