Woche XXXVI | Freitag, 06.05.2016

In dieser Woche tagt in Berlin die Konferenz zur Zukunft der Lernkultur. Mich beschäftigt von ferne die Frage, wann denn jeder Mensch endlich seinen natürlichen Lerndrang verfolgen kann. In seiner Intensität, in seinem persönlichen Maß.
Die Unausgewogenheit hat mir bei meinen beiden größeren Kindern schwer zu schaffen gemacht, und sie tut es noch. Nicht nur, dass sie unmäßig viel sitzen müssen und mussten, viel zu wenig eigene Entscheidungen zu treffen bekamen und im Grunde gar keine Wahl in Bezug auf den Themenplan, das Tempo und die Benotung haben und hatten. Nein, sie werden ihrer Unbeschwertheit beraubt, weil die Erwachsenen in diesem Land mit einer Grundannahme herumlaufen, die den Kindern unterstellt, von alleine sowieso nichts zu lernen. Die Erwachsenen in diesem Land gehen ja auch davon aus, dass Hartz-IV-Empfänger selbst schuld sind an ihrer Lage und nur durch Bedrohung dazu gebracht werden können, wenigstens für dieses Almosen aus ihrer Komfortzone zu kommen.
Das Ausmaß der Entwürdigung wird uns eines Tages zu Bewusstsein kommen, so wie uns DDR-Bürger*innen der Blick auf Nordkorea vielleicht einen Eindruck von unserer seinerzeitigen Manipulierung bescheren kann. Es ist mir eine jahrelange Aufgabe geworden, Linsen und Erbsen wieder auseinanderzusortieren, sachliche Zusammenhänge von ideologischen zu trennen.
Ich beklage die Unausgewogenheit, weil ich sie ausbaden muss: Sämtliche Bereitwilligkeit meiner Kinder ist von der Schule aufgebraucht und absorbiert worden, sie wurde sogar enorm überstrapaziert, so dass ich zu Hause andauernd in die Rolle der Krankenschwester gedrängt wurde und werde, in die Rolle der externen Steuerin und Überwacherin. Mir fällt die unliebsame Aufgabe zu, den übermäßigen Bücher- und Bildschirmkonsum ständig eindämmen zu müssen, was ich zum großen Teil dem Umstand zuschreibe, dass die Kinder in der Schule solche großen Zugeständnisse an viele ihrer Bedürfnisse machen müssen: wenn der Unterricht langweilig ist und sie sich nicht selbst belebende Beschäftigungen und Inhalte suchen dürfen, ihrer Kreativität nicht entsprechen können, weil z.B. Kritzeleien am Heftrand verpönt sind, ihren Hunger nach spannenden Schilderungen nicht stillen können, keine Rückzugsmöglichkeiten finden, keine Anleitung in der Lösung von Konflikten, keine Inspiration für die Erkundung der Kulturschätze bekommen und keinen Schutz vor der Androhung von Strafen oder vor Beschämung, zuwenig Zuwendung erfahren und nicht genug Zeit haben, Wissen und Verständnissicherung zu vollenden, bevor etwas Neues anfängt…
Was suchen sie in Büchern und im Internet, was sie in der konkret-analogen Umgebung nicht erlangen?
Mir geht es nicht um das Verhindern der Nutzung all dieser Medien, und ich sehe auch deutlich, wie sie einen Menschen vereinnahmen können. Ich weiß nicht, wo die Manipulation beginnt, die dazu führt, dass man seinen körperlichen Bedürfnissen keine Aufmerksamkeit mehr schenkt, zu essen, trinken, schlafen und sich zu bewegen solange hintanstellt, wie man es für eine Schulaufgabe wohl nie fertigbrächte, aber auch im Flow eines Gruppenspiels kämmen diese Dinge nicht zu kurz…
Ich weiß aber, dass ich selbst lieber draußen in der Natur bin, mich rühre und im Garten buddele oder still und andächtig den Vögeln und dem Blätterrauschen lausche als stundenlang Hayday oder Minecraft zu spielen oder Let’s plays zu gucken. Jedenfalls geht es mir nach Stunden von Ersterem viel besser als nach Stunden von Letzterem. Ich bin überzeugt, dass ich auch ohne die Unausgewogenheiten, die für meine Kinder definitiv durch die Schule entstehen, das Thema Maßhalten im Umgang mit den Medien aufkommt, denn dieses Maßfinden ist eine uralte Lebensaufgabe und im Tanz von Yin und Yang symbolisch dargestellt. Das muss mich aber nicht davon abhalten, die Unmäßigkeiten der Schule auf’s Korn zu nehmen.
Ja, sie entstehen durch die Schule, aber ich habe sie zugelassen, diese Unausgewogenheiten. Ich und viele andere Erwachsene. Und ich habe sie meinen Kindern angelastet. Anstatt endlich dafür zu sorgen, dass sich ihre Schulwelt endlich dahingehend wandelt, dass die Kinder dort sicher sind und achtsam begleitet werden auf ihrem Weg ins Leben. ein Leben als freie Erwachsene, die auf eigenen Beinen aufrecht stehen und gehen können und mit Weitblick und lebensfördernder Feinfühligkeit ihrerseits für Kinder und eine intakte Umwelt sorgen werden.
Nu aber.

Woche XXIX | Freitag, 18.03.2016

Wie schön, wenn man einfach in Ruhe arbeiten gehen kann! Mit dem guten Gefühl, die Kinder gut aufgehoben zu wissen in ihren Schulen. Und, welch Romantik, am Nachmittag oder Abend Anekdoten und Abenteuer erzählt zu bekommen! Ich wage noch nicht, mich daran zu gewöhnen, aber ich schätze mal, das passiert einfach.
Nun, die ganze Romantik hatte ich nun nicht, es gab Läusealarm, ich hatte mein Grundschulkind drei Tage zu Hause, um ganz sicher zu gehen. Zum letzten Schultag konnten wir ihn nur motivieren, weil wir ihm die Sicherheit zu geben imstande waren, dass er nicht gleich wieder Läuse einfangen würde – in der Schule haben alle Eltern zugestimmt, dass ihre Kinder dort kontrolliert werden dürfen, so dass ganz gezielt informiert werden kann.
Nun haben wir wieder Ferien, heute mit praller Sonne und der Ahnung, wie schön es im Frühjahr sein kann – wenn nicht immer alles grau überhangen bleibt…
Aber was mir dennoch vergönnt war: ganz nach meinem Rhythmus zu leben. Mit welcher Kraft kann ich unterwegs sein, wenn ich mir meine eigene Art erlaube! Dann bin ich auch weniger davon abhängig, ob die Umstände günstig sind, und kann mich viel besser auf Gegebenes einstellen. Wie sehr ich doch meistens von mir selbst entfernt bin! Ich lande in einem Automatik-Modus, der auf Planerfüllung programmiert ist, ich funktioniere dann einfach und ich erwarte das natürlich dann auch von den Kindern. Ich tue Dinge nicht, weil sie notwendig sind, sondern weil das jetzt so geplant ist. Ich habe die Verbindung zum Sinn nur in der Planungsphase, in der Umsetzungsphase bediene ich nur noch die Programmpunkte. Ich bin auch in einem gewissen Grad flexibel und kann den Kurs ändern, aber eigentlich immer mit einem schlechten Gewissen wegen des Planes oder wegen anderen Menschen, die sich drauf verlassen. Es ist irre aufwändig, immer allen Beteiligten die Änderungen mitzuteilen, damit sie sich mit ihrer Planung darauf einrichten können.
Eigentlich möchte ich nicht planen, ich möchte lieber viele Möglichkeiten inpetto haben und auf die jeweilige Situation eingehen. Das macht Absprachen schwierig, vor allem mit Planer*innen, die jede Einzelheit festgelegt sehen wollen. Ich habe lieber die Möglichkeit, mit den Aktualitäten zu spielen, kreativ im Augenblick zu entscheiden, gern auch mit Anderen im Team, die genauso auf verschiedene Ressourcen zurückgreifen können und spontan Ideen aufgreifen und umsetzen.
Wenn das so läuft, erlebe ich Flow. Ich bin kaum zu erschöpfen, die Quelle sprudelt fröhlich, bis mir buchstäblich die Augen zufallen und meine Körperzellen mir Pause verordnen.
Das beobachte ich auch an den Kindern – wie werden sie munter und ihre Kopfschmerzen verfliegen, wenn sie nach ihrer eigenen Fasson lesenschreibenzeichnensingentanzenrechnen dürfen! Habe ich sie nach acht Stunden Schule völlig erledigt in Empfang genommen, kommen sie nach kurzer Ruhe auf ihre eigenen Gedanken und finden Betätigung, die sie wieder zu sich kommen lässt – wenn ich sie lasse und nicht mit Pflichten oder Vorstellungen behellige. Die suchtartige Ausprägung einer Beschäftigung macht klare Aussage darüber, wie sehr ihre Bereitwilligkeit zur Erledigung fremder Aufträge überstrapaziert ist. Wie sehr ihr Bedürfnis nach Selbstbestimmung im roten Bereich gelandet ist. Gewiss steht hier wissenschaftliche Untersuchung aus, es ist aber meine Beobachtung und Auslegung, immer wieder.
Nun, mal sehen, wie lange es dieses Mal dauert, bis sich eine gesunde Unternehmungslust einstellt und die Bereitschaft, den Rückzug in die persönliche Höhle einzutauschen gegen Expeditionen in die Welt. In ausgewogener Weise.
Achja: Liebe Grüße an mein Kind im fernen Lande! Bitte grüße deine Gastfamilie und alle, die sich freundlich um dich bemühen und sage ihnen meinen Dank!

Woche IX | Montag, 26.10.2015

Ferien. Ein Zauberwort. Und alles eine Stunde später. Es ist hell, wenn wir morgens zur selben Uhr-Zeit frühstücken. Der Papa hat keinen Urlaub, er „darf“ arbeiten, wie er es nennt. Ich denke, er ist froh, dem Familienleben auch mal zu entkommen. Bei all dem Bereitschaftsdienst für die Kinder, die bei ihm nur zu bestellen brauchen, was sie wollen – er macht’s. Das kriegt der Weihnachtsmann nur an einem Abend im Jahr hin, mancherorts, ohne persönlich in Erscheinung zu treten. Unser Papa macht das ständig. Wen wundert’s, dass er eine Auszeit braucht… Zumal er das Glück hat, einer bezahlten Tätigkeit nachzugehen, die seine Leidenschaft ist. Ich will nicht behaupten, er erlebte das ungetrübte Vergnügen – er ist, wie wir alle, anderen Menschen ausgesetzt, von denen eher wenige die hohe Kunst des achtsamen Miteinanders beherrschen…
Da ich nicht Lohn-arbeite, habe ich in den Ferien das volle Vergnügen mit den Kindern und übe die hohe Kunst. Weil ich nicht (mehr) ganz so selbstlos bin wie der Papa in seinen Papa-Zeiten, und damit Konflikte vorprogrammiert sind.
Zwei von unseren Dreien haben gerade den Küchentisch mit Beschlag belegt und bekleben einen Luftballon mit Zeitungspapier und Mehlpamps. Daraus soll dann eine Maske für Halloween entstehen. Die Große kuschelt noch im Bett, nein, soeben kommt sie und möchte frühstücken. Ist genervt, weil BTS nicht gewonnen hat. (Eine koreanische Popgruppe.) Ich habe gestern abend schon angesprochen, dass ich die Bildschirmzeiten nicht der Intuition überlassen möchte und vor allem Wert darauf lege, Aktivitäten an der frischen Luft zu unternehmen.
Ein bisschen fürchte ich die Ferien, vor allem, wenn ich daran denke, wie genervt ich von dem ununterbrochenen Bildschirm-Einsatz der Kinder bin und von meiner daraus resultierenden Aufgabe, das zugunsten ihrer Gesundheit zu verhindern. Ich kann dem Geschehen nicht einfach seinen Lauf lassen. Klar wie Kloßbrühe, dass nur attraktive Alternativen im Hier und Jetzt die Aufmerksamkeit im Guten auf unsere Gemeinschaft lenken. Was zur Folge hat, dass man sich ein Miteinander basteln muss, das für alle einen wertvollen Gewinn darstellt. Für mich bezieht sich das in erster Linie auf das Klima, in dem wir hier zusammen den Notwendigkeiten des Lebens entsprechen. Vorschreiben, Meckern, Strafen, Zwingen, Erpressen, Bedrängen… das geht alles nicht. Außer vielleicht, wenn die Auseinandersetzung möglich ist und schließlich alle gewinnen. Die Erfahrung machen, dass Lösung möglich ist und die Anstrengung sich lohnt.
Diese Erfahrung war mir lange Jahre verwehrt in Bezug auf lebensnotwendige, persönlichkeitsstärkende Themen. Hier und da im Kleinen, aber Unbedeutenden, macht einem das sicherlich nichts aus, und es bedeutet entsprechend auch nicht viel, wenn es „hinhaut“. Es weckt vielleicht ein kleines bisschen Hoffnung, aber die verpufft auch so schnell wieder, wie sie aufflammte.
So habe ich seit zehn Jahren die Schulferien mit schwindender Hoffnung verbracht, die Kinder „normalisierten“ sich kaum noch, ich hatte keine Ahnung vom Gegenentwurf, nachdem mir mein „Werk“, unverhinderte Kinder aufwachsen zu lassen, durch die Schule zerstört worden ist. Ich habe der Schule und der in ihr herrschenden Ignoranz, ja Arroganz nichts entgegenzusetzen. (Oder wie nennt man es, wenn die Belange der einzelnen Personen nicht gefragt, geschweige denn beachtet werden?) Nun, meine Kinder sind so normal wie andere auch, die sich von anhaltender Fremdbestimmung erholen wollen, auf die Flucht gehen in Medienwelten, wozu ich auch Bücher zähle. Anderes Suchtverhalten haben wir noch nicht zu beklagen, vielleicht dem Grundsatz zu verdanken, dass wir zu Hause eben gewaltfrei zu leben versuchen.
So bin ich gespannt auf die kommenden Tage, welche Dynamik ich nun erleben werde, nun, da ich einige innere Hausaufgaben erledigt habe. Vielleicht finden wir unseren inneren Start- und Landepunkt in diesen Ferien schneller wieder, vielleicht sind die Kinder schneller wieder bereitwillig und offen für Anliegen, die über sie persönlich hinausgehen, ich nenne das die gemeinnützigen Notwendigkeiten, wie Tisch decken, Aufräumen, …, die nicht unmittelbar und ausschließlich der eigenen Person dienen, sondern erst nach einem bestimmten Aufwand und über einen Umweg ihren Segensreichtum entfalten. Dafür auch nachhaltiger und umfassender. Und vielleicht erwacht auch der eigene Bewegungsimpuls wieder, die Lust auf Unternehmungen und Aktivität. Es sieht ganz gut aus, heute morgen.