Woche XXXXVII | Montag, 18.07.2016

Aus Sicht von zwei Tagen später: Das Theaterprojekt ist erfolgreich abgeschlossen, in der einen Schule steht gemeinsames Frühstück und Gestaltung der Räume auf dem Programm. In der anderen wird noch ein Test geschrieben – Parallelverschiebung u.a.. Kein Drama, aus meiner Sicht, denn es geht nicht um Noten, sondern um die Ermittlung des Standes der Dinge und die Rückmeldung an die Kinder; und die Beschäftigung mit Lehrplaninhalten hat dort schon eher die Qualität einer spannenden Erkundung der Kulturschätze.
Ich helfe beim Rückbau der Bühne und Publikumsinfrastruktur, denn der Aufführungsort dient sonst anderen Zwecken. Dieses Aufräumen ist kein Zuckerschlecken, aber ich kann mir nichts Besseres vorstellen, um dem Zauber der vergangenen Woche noch einmal nachzuspüren. Auch die war kein Zuckerschlecken gewesen – es war eher ein vielgängiges Menü mit allerlei Herausforderungen und Überraschungen!!! So nahrhaft und befriedigend kann Zuckerschlecken niemals sein! Also: rechtschaffen müde, verschwitzt und müffelnd schwelge ich in der Erfahrung dieses Projektes und bin im tiefsten Herzen dankbar für die Menschen, die das mit Leidenschaft, Kreativität und frohem Sinn den Kindern geschenkt haben. Ein Stück wahren Lebens: Bretter, die die Welt bedeuten, rauschender Beifall nach Herstellen, Einüben, Durchhalten, Bibbern und Sichtrauen.
Die letzte Schulwoche hat begonnen, meine Kinder sind wie ausgewechselt – ansprechbar, wenn auch müde. Nun ja, der Lütte ist ja ohnehin nicht so von sich entfremdet, aber auch er freut sich auf die Tage, deren Gestaltung ganz von Augenblick zu Augenblick entschieden werden kann. Mein großes Kind in der Ferne hat nun auch Ferien, aber wohl nur vier Wochen. Mein großes Kind hier ist noch auf Klassenfahrt, dank ihrer unternehmungslustigen Lehrerin gibt es also noch einmal einen Erlebnisrahmen für die Klasse, der dazu beitragen kann, die Jugendlichen mit sozialen Erfahrungen zu bereichern, die sie sonst nicht machen können. Hier leben viele weit verstreut, vereinzelt gibt es mal Übernachtungsverabredungen, aber meistens müssen unsere Nachbar(dorf)kinder immerzu lernen und dürfen nicht so recht vom Hof. Die Dörfer sind auch nicht mehr das, was sie mal waren. (Das musste ich jetzt einfach mal loswerden!) Nun begegnen sich die Kinder also als Freizeitmenschen, übernachten in einer Jugendherberge, und machen ihre Lehrerin hoffentlich nicht der Unternehmungslust abspenstig…
Ich werde in der ersten Ferienwoche kinderfrei sein, wenn sich das Leben da nicht anderweitig einmischt. Ich labe mich schon an dieser Aussicht, wobei ich auch meine Freude an den frei gestaltbaren Tagen mit den Kindern habe. Aber es ist mir definitiv lieber, wenn sie nicht die ganze Zeit allein zu Hause sind, während ich arbeite, ich bin zwar nicht 10 Stunden täglich weg, aber auch die wenigen Aufträge, die ich habe, hinterlassen bei mir ein schlechtes Gewissen, wenn ich die Kinder unbetreut weiß. Sie kommen definitiv allein zurecht und können sich was zu essen machen, das ist nicht die Frage. Eher treibt mich die Sorge um, dass sie zu viel am Bildschirm nuckeln. Und dann vergessen, sich gut zu versorgen, abwechselnd Bewegung, Kreativität, Werkzeugbenutzung an der frischen Luft und ruhige Phasen in blöder Körperhaltung in der muffig-dunklen Höhle zu pflegen und dann noch die kleinen Aufträge zu erfüllen.
Ich denke, nichts ersetzt die unmittelbare Begegnung zwischen den Menschen, einen Babysitter kann ich mir nicht leisten, es sei denn er/sie wäre mit Tauschvereinbarung einverstanden. Also sehe ich zu, wie ich die Kinder unterbringe, wenn ich zu viel anderes zu tun bekomme und dafür zu wenig Geld. Naja, die Gefahr besteht nicht wirklich, denn wenn ich’s durchrechne, ist es billiger und gesünder, nicht erwerbsmäßig zu arbeiten und die Kinderbetreuung selbst zu übernehmen. Es sei denn, ich kann mit ordentlicher Honorierung rechnen und mir Ferienlager, Ferienspiele oder Babysitter für die Kinder leisten.
Hier komme ich wieder auf Bedingungslose Grundeinkommen – ein Gedanke, der mich gar nicht mehr loslässt! Wenn alle grundversorgt sind, dann können alle einfach füreinander da sein! Ich für die Kinder, die können einfach Kinder sein, weil ich meine (unterdrückten) existenziellen Ängste nicht in die Stimmung mit einbringe, sondern völlig gelöst sein kann, mich von Herzen mit den Kindern mitfreuen und sie einfach Kinder sein lassen. Ich für Andere, Andere für mich, wir sogar auchmal zusammen, weil eben nicht andauernd durch eine Erwerbstätigkeit daran gehindert.
Dann würde die Arbeit mit den eigenen Kindern gleichgestellt mit der erwerbsmäßigen an den Kindern anderer Leute. Und wenn die Gesellschaft allzu große Angst vor der Eigenbrötlerei hat, dann kann sie doch attraktive Fortbildungsangebote schaffen, in denen die Menschen zusammentreffen können, sich austauschen und kulturelle Werte erörtern.
Ideologien sind an gut versorgte, selbst denkende Menschen schlecht zu verkaufen, dessen müsste eine freiheitliche, demokratische Gesellschaft sich bewusst werden. Und daraus die Zuversicht ziehen, dass eben diese freien Menschen alles daran zu setzen bereit sind, sich diese Freiheit zu erhalten. Und wenn es dazu der mitmenschlichen Gemeinschaftsanstrengung bedarf, dann wird diese auch unternommen – vorausgesetzt, sie wird nicht von oben verordnet, sondern lebendig erfahren und lernend gestaltet. Und das Kritierium dabei ist die Gleichwürdigkeit aller, die Gleichgültigkeit der Bedürfnisse jedes Einzelnen. Die Unverletzlichkeit der Bedürfnisse jedes Anderen. Die gleiche Freiheit für Jeden.
Da Zuwendung und Teilhabe/Zugehörigkeit Bedürfnisse sind, die wir alle teilen, sehe ich auch keine Schwierigkeiten bezüglich der Möglichkeit. Nur im Hinblick auf die Umsetzung…
Es gibt viel zu lernen. Machen wir es möglich, von mir aus gerne in der Schule. Nutzen wir die Schulpflicht in Deutschland als eine Pflicht der Erwachsenen, das Lernen dort möglich zu machen, es zu schützen, und es ordentlich zu befeuern. Und den benachteiligten Kindern kräftig unter die Arme zu greifen, anstatt sie weiter über den Querschnittskamm zu scheren und damit systematisch zu entmutigen. Asozialer geht’s kaum.

Woche XXXXV | Montag, 04.07.2016

Am Morgen in der Schule erfährt sie, dass am nächsten Tag drei Tests anstehen, am übernächsten einer und Zack-Bumm – schlägt der Kopfschmerz zu. Eine große Müdigkeit macht sich breit und Resignation.
Auch nach neun Jahren Schule ist das nichts, woran sich das Kind gewöhnen konnte. Es hat keine weiteren Strategien zur Hand, mit denen es der Bedrohung begegnen kann. Es hilft nichts, zu wissen, dass es doch bisher noch nie wirklich schlimm ausgegangen ist, dass die Eltern keinen Stress machen werden, wenn die Noten doch mal nicht stimmen.
Das lässt mich vermuten, dass es vielleicht nicht nur die (unbegründete) Befürchtung des Versagens ist, die zu dieser spontanen Stressreaktion führt. Ich denke nun, nach drei Tagen inneren Rumpelstilzchen-Tanzes, dass es weiter reicht: es ist die wiederholte Ignoranz gegenüber dem Bedürfnis nach Selbstbestimmung, das Erleben von Ohnmacht gegenüber der Willkür der Entscheidungen treffenden Erwachsenen. Die machen ihre Pläne über die Köpfe der Kinder und Jugendlichen hinweg, machen sich dabei wenig Mühe, auch für die Lernenden und ihre Gegenwart Relevanz zu schaffen, stattdessen nur ein Verweisen auf später und ein „Wir müssen das ja machen“. Vorgelebtes Opferdasein.
Und die eigene Mutlosigkeit entlädt sich dann in frustrierten Äußerungen, in ungeduldigen Erwartungen an die jungen Menschen. In Sarkasmus oder gar Zynismus, wirklich giftige Gewächse für Heranwachsende, deren Urteilskraft noch nicht ausreicht, um die Guten von den Schlechten zu unterscheiden.
Und es ist die nachhaltige Verweigerung menschlicher Zuwendung: Zuversicht zu wecken und anzuspornen, Trost zu spenden. Das Still-face Experiment zeigt, wie die Kleinstkinder reagieren. Die Großen haben das besser „im Griff“, rasten nicht gleich so aus, aber kalt lässt sie das auch nicht.
Und kein Verständnis zu suchen für das Verhalten der Heranwachsenden, halte ich für folgenschwer. Sie faul oder dumm zu nennen, hilft niemandem weiter, vielleicht kann man auf diese Weise Verantwortung abgeben. Aber wollen wir, dass sie was lernen? Dann müssen wir zunächst dran glauben, dass das geht…
Die Pädagog*innen wissen selbst am besten, was Prüfungssituationen auslösen können: Sie selbst fürchten sich am meisten davor, von Kollegen oder vielleicht gar von den Schüler*innen eingeschätzt zu werden. Anders kann ich mir nicht erklären, warum sie immernoch nicht nach Rückmeldung fragen und ihre Arbeit evaluieren lassen.
Wie würden sie bestehen, wenn sie die Maßstäbe, die sie den jungen Leuten anlegen, sich selbst anlegten?
Aber darum geht es gar nicht, es reicht in sich hineinzulauschen, was da losgeht beim Gedanken daran, dass der eigene Unterricht hospitiert wird. Wenn sich der Pädagoge dann seiner Aufregung bewusst wird und sich fragt, ob er unter diesen Umständen zu seiner Bestform auflaufen könnte – dann kann jeder leicht selbst beantworten, ob man dann wirklich ermittelt, was einer tatsächlich auf dem Kasten hat.
Ich selbst brauche vollstes Vertrauen, wenn ich etwas präsentiere oder durchführe und dabei aus dem Vollen schöpfen will, nur dann kann ich alle meine Register ziehen und „abheben“. Ein gewisses Maß an Aufregung ist dabei insoweit hilfreich, dass es Reserven mobilisiert, das gewisse Extra erweckt. Aber Argusaugen bewirken das ganze Gegenteil bei mir. Ich werde unsicher und patze.
Ist doch schade, oder?
Wenn Pädagog*innen wirklich ein Anliegen hätten, den Kindern die Ausstattung für ihr Leben als Erwachsene zu liefern, dann müssten sie wohl versuchen, das Beste aus ihnen herauszuholen. Sie müssten sich doch um Fortschritte bemühen und sich über jeden neuen Schritt ihrer Schützlinge freuen. Sie müssten doch Zeugnisse schreiben wollen, auf denen zu lesen ist, was sie Tolles können! Oder? Vor allem wenn man bedenkt, dass diese zukünftigen „Leistungstragenden“ nicht nur die Rente ihrer Lehrer erwirtschaften sollen, sondern womöglich als Pfleger, Ärzte und Physiotherapeuten die Oberhand haben werden… Oder schon vorher zu Vorgesetzten werden. Oder die Nachbarschaft in einer Weise bevölkern, die wenig einladend ist, noch vor die Tür zu gehen.
Wenn mich das Lampenfieber übermannt, dann finde ich mich um Wohlwollen winselnd im hintersten Eckchen meiner Seele wieder, nachdem ich wie verrückt im Carree gesprungen bin, um zu retten, was zu retten ist, und noch alles mögliche zu holen, was dabei helfen könnte – völlig außer mir.
Liebe Lehrer*innen, verwandelt euch bitte zurück in Quellen des Wissens und der Weisheit, lasst die Testerei, freut euch lieber über die Verbesserungen und sammelt nur die reifen Früchte eurer Arbeit. Schaut auf das, was gelingt, teilt eure Erfahrungen. Und werdet nicht müde zu verstehen, was es braucht, um gut lernen zu können. Werdet wieder die Helfer und Unterstützer, die die Kinder brauchen auf ihrem Weg ins Leben. Auch wir Eltern brauchen das: das Gefühl, dass die Kinder bei euch gut aufgehoben sind. Dass wir Schulpflicht haben, könnte dann eine Chance bedeuten. Für die Verwandlung der Schule in einen Ort des Wunderns, Forschens, Übens und Schätzebergens. Einen Ort der Freude und Herausforderung. Einem Quell von Erkenntnis und Erfahrung. Einem sicheren Hort für unsere Zukunftsträger: unsere Kinder. Die, solange sie nicht erwachsen sind und sich selbst versorgen können, besonderen Schutz brauchen. Den Schutz einer Gemeinschaft von Menschen. Nicht die Kontrolle und Überwachung durch willige Befehlsempfänger.

Woche XXXIV | Montag, 18.04.2016

Fast hätte ich es verpasst – ist ja schon wieder ein Beitrag fällig geworden, wenn ich meinen Turnus einhalten möchte… Zum Start der 34. Woche dieses Schuljahres bewegten mich weniger die Sorgen meiner eigenen Kinder, sie sind vergleichsweise harmlos geworden. Mein kleines großes Mädchen, dessen Präfrontaler Kortex sich derzeit erheblich gestaltet, empfindet sehr scharf jegliche Art des Zunahetretens: insbesondere auch die Beschneidung ihrer eigenen Entscheidungen durch die in ihrer Schule gängige Unterrichtspraxis. Sie träumt immer kräftiger von selbstbestimmtem Lernen, von Begleiter*innen, die anregen und anleiten statt vorzuschreiben oder mit Benotung zu drohen. Von Räumen voller Material und Möglichkeiten. Sie hat die permanente Unterstellung der schülerischen Unwilligkeit mehr als satt.
Mein Grundschulkind geht ebenfalls wieder, wenn auch hustend, zur Schule. Seit ich nun andere Kinder mit Schulproblemen begleite, wird mir der Segen der benotungsfreien Rückmeldung noch einmal mehr deutlich und ich genieße es, diese Ablenkung vom eigentlichen Sinn des Erlernens der Kulturtechniken nicht auch bei ihm zu haben, und den Umgang damit am Ende des Tages als Hauptthema serviert zu bekommen. Ja, die Kinder verletzen sich an schlechten Noten, vielleicht schlimmer als an Schlägen auf den Hosenboden – da kann man sich wenigstens als tapferer Held feiern lassen. „Es macht gar keinen Spaß zu lernen, wenn man immer nur schlechte Noten bekommt“, gestand mir ein 9jähriges Mädchen kürzlich.
Ich arbeite mit den Kindern daran, dass sie trotzdem wieder an die Sache herangehen, erschließe mit ihnen den Spaß, den man daran haben kann, zu rechnen oder Botschaften schriftlich zu ver- und wieder entschlüsseln. Die Eltern bestärke ich darin, Eltern zu sein, keine Nachhilfepauker, und ihr normales Familienleben nicht für Hausaufgaben- und Übungsorgien zu opfern. Ich rede zudem mit ihren Lehrer*innen, möchte sie ermutigen, menschlich auf die Not der Kinder zu schauen. Sie sagen, sie müssen das alles schließlich in der Grundschule lernen, und ich frage, ob denn die Kinder, die sie mit schlechten Zeugnissen dann weiterziehen lassen, gelernt haben, was sie sollen. Das einzige, was geschehen ist, ist die Abarbeitung des Planes seitens der Pädagog*innen. Sie haben ihre Pflicht erfüllt. Die Kinder, die nicht das Glück haben, rein zufällig mit dem Tempo und der Darreichungsform der Unterrichtsinhalte gut klarzukommen, könnten sich diagnostizieren lassen, manche fahren weite Wege übers Land, um in eine LRS-Klasse zu gehen, stehen morgens dafür eine Stunde oder mehr früher auf, ihre Eltern mit ihnen, und kommen müde wieder heim, womöglich immernoch mit demotivierenden Erlebnissen. Abgesehen davon, als diagnostiziertes Wesen aus dem sonst Üblichen hervorzustechen, zementiert sich die Diagnose nachträglich noch, wenn die Resignation einsetzt.
Ja, hier in der Gegend gibt es einen Aufschrei, wenn ich das Thema Benotung anspreche und in Frage zu stellen wage. Die Eltern fürchten, ein wichtiges Instrument zur Erziehung ihrer Kinder zu verlieren. Für viele ist die Note die einzige Orientierung. Sie wissen dann sofort, ob ihr Kind „gut“ ist. Und wenn nicht, dann geht die Notfall-Maschinerie los: das Kind wird zu mehr Üben gezwungen, den Lehrpersonen in der Schule werden die Türen eingerannt. Schuld wird verteilt und zurückgewiesen. Der zweite Bildungsweg wird beschritten, monatlich viel Geld für Nachhilfe ausgegeben, da könnte man gleich in eine private Schule gehen, in der ein Kind in seinem Tempo lernen kann, individueller betreut wird und dann auch noch Freizeit behält, die für seine geistige und seelische Erholung unerlässlich ist.
Lehrer*innen beklagen sich, dass sie in der Schule die Erziehungsmängel der Elternhäuser ausbaden, ich selbst habe mich lange dagegen aufgelehnt, die Schädigungen meines Kindes durch die Schule ausgleichen zu müssen.
Und sehe ich es falsch? Steuerzahlende zahlen doppelt für ein schlechtes Schulwesen: entweder in Nachhilfe oder in private Schule fließt ihr Geld, beides macht die staatlichen Schulen nicht besser, die wiederum aus den Steuern derselben Leistungstragenden bemittelt werden. Und dann noch die Spätrechnung, wenn die Kinder krank werden, psychische Probleme bewältigen müssen oder, bei erfolgreicher Verdrängung, körperliche Leiden erleben müssen, die von all den Leichen im Keller hervorgerufen werden: „Das Gehirn macht aus Psychologie Biologie“, sagt Joachim Bauer in einem seiner Internet-Vorträge, der Körper ist das Gedächtnis unseres täglichen Empfindens, bis in die Gene hinein. Wann beginnt das Großreinemachen? Es ist Frühling, eine gute Zeit für den gründlichen Winterschlussputz! Für das Ausmisten all der Glaubenssätze und Ideologien, die uns von Mitmenschlichkeit im Umgang miteinander und mit uns selbst abhalten. Ich selbst bin intensiv dabei, und – es tut einfach gut!

Woche XX | Montag, 11.01.2016

Ein Montag zum Einstampfen: Die Neuigkeit des Vorabends: Kopfläuse. Für mich also keine Aussicht auf geregeltes Arbeiten, zumal auch mein Auto immernoch in der Werkstatt chillt und ich keine Termine machen kann.
Lecker-Niedlich hat den Kopf weiterhin voll mit Schnupfen, ist als Patientin überhaupt nicht kooperativ, und ich drohe als unbezahlte Krankenschwester mit Streik. Überhaupt ist das, was wir an den freien Tagen machen, ganz und gar nicht meine Vorstellung von Familienleben: Schlafen, erholen, ausspannen. Froh sein, mal nicht loszumüssen. Das Loswollen kommt kaum auf, da ist schon wieder die Tretmühle dran. Ich habe solche Lust auf’s gemeinsame Bauen und Gestalten!
McFlitz ist gut drauf, toitoitoi, aber er ist auch nicht böse über die schulfreien Extratage, er ist auch heute am Dienstag noch zu Hause. Gestern in der Schule Bescheid sagen, dann müssen Eltern erstmal reagieren und behandeln, also gehe ich sicher und dehne die Quarantäne um einen Tag aus.
Die Traumtänzerin plagt sich mit Gedanken um die Erwartungen und Vorstellungen ihrer zukünftigen Gastfamilie im Ausland, sie befürchtet Enttäuschung über ihre wirklichen Qualitäten, wenn das, was auf dem Papier steht, zu viel verspricht. Sie tritt in meine Fußstapfen, sehe ich. Allerdings ist das vielleicht auch eine ganz gewöhnliche Phase, nur wenn sie nicht aufhört, wird’s lohnend es zu thematisieren. Also eigentlich ein sehr sympathischer Zug, wenn jemand nicht überheblich oder sehr von sich eingenommen ist, sondern aufmerksam bleibt für Diskrepanzen zwischen Traum und Wirklichkeit, eigener und fremder Wahrnehmung. Ich hoffe also, sie findet Frieden und behält Kontakt zu ihren eigenen Werten, zum inneren Schwerpunkt.
Was mich echt beschäftigt ist der Umstand, dass es so schwer ist, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Allerorts lauert die Forderung, sich in irgendein System einzupassen, sei es die Schule oder ein Arbeitsplatz oder amtliche Schubladen. Als Kranke in ein Krankenhaus zu müssen, kann ich mir nur für den Notfall vorstellen, nur, wenn ich selber gar nichts mehr kann oder weiß. Als ich meinen Autounfall hatte und einen Tag danach das Trauma einsetzte, so dass ich mich kaum zur Toilette schleppen konnte ohne schwindelig zu werden oder wegzutreten, und Schmerzen hatte, egal wie ich mich lagerte, habe ich zuerst alle anderen Register gezogen – Kügelchen, Osteopath meines Vertrauens, später noch eine systemische Betrachtung mit energetischer Integration. Und immer der Appell an meine Selbstheilungskräfte, immer der Spruch: Hey, das kann dieser Organismus alles selber, sonst wäre ich nicht hier. Ich habe schon eine schwere Geburt gemeistert, zwei Tage geackert, bis ich auf der Welt war, ich komme auch hier durch! Meine größte Schwierigkeit sah ich darin, schnell wieder auf die Beine zu kommen, damit sich die Kinder nicht ängstigen müssen und mein Mann nicht alles alleine wuppen muss. Mich dem System „Krankenhaus“ zu überantworten – nein, das verlockt mich nicht. Und blieb mir auch erspart.
Als mein großes Kind jüngst dort weilte, weil es mir in den Armen zusammengesackt ist, hatte ich durchaus Vertrauen in „das System“, es gibt Halt gebende Abläufe. Aber durch meinen Geist flitterten auch Erinnerungsschnipsel an Begegnungen mit Kinderärztinnen weniger einfühlsamer Art. Vor allem ihre Weigerung, über den medizinischen Tellerrand hinaus gehende komplexe und dynamische Zusammenhänge und Vorgänge in Betracht zu ziehen, wenn man eine Göttin in weiß vor sich hat. Diesmal hatten wir eine junge Frau, die wie ein Mensch mit Kompetenzen vor mir stand und mich damit sehr beeindruckte. Es war nichts Ernstes festzustellen gewesen bei meinem Kind, Schwindel und Ohnmacht sind nicht ungewöhnlich bei Jugendlichen. Dann kam auch noch heraus, dass der Papa das von sich kennt… Glück gehabt.
Ich tue mich auch schwer, mich beruflich der Schule zu überantworten. Und ich kann es kaum mit ansehen, wie die natürliche Lernfreude der Kinder in dem systematischen Unterrichten und Testen zerrieben, wie jeglicher eigener Impuls abgeschmettert und verstoßen wird. Der Wunsch nach Vertiefung bleibt unbeachtet, und wer das Tempo nicht schafft, muss sehen, wo er bleibt. Ich werde mich als außerschulische Lernbegleiterin zur Verfügung stellen und auf diesem Wege bei Lehrer*innen weiter für mitmenschlichen Umgang werben, Eltern ermutigen, solches immer wieder anzusprechen und einzufordern, um des Kindeswohles willen, und den Kindern den Spaß am Lernen wieder erlebbar machen…

Woche XI | Montag, 09.11.2015

Wieder ein Beitrag in rückblickender Perspektive, gestern war oben genannter Montag, ich war am Vorabend sehr zeitig im Bett und konnte also nicht vorschreiben, habe den Montag vom Morgen an in ständiger Aktivität verbracht mit einer Stunde Verschnaufen zwischen 16 und 15 Uhr, in der ich sofort einschlief, und Nachtruhe, die ich ab 19:30 suchte. Alle meine Kinder waren nach mir im Bett, dank Papa’s Einsatz wohl auch nicht allzu spät.
McFlitz hatte am Sonntag Fieber, so gab ich ihm den Montag zum Kräftesammeln. Er nutzte ihn ausgiebig zum Lego-Bauen, soviel ich weiß, vielleicht hat er auch am Tablet „Blocky Cars online“ gespielt oder Minecraft-Filmchen geguckt. Ich war unterwegs zu einer weiteren Heilungssitzung, in der ich unverdaute alte Geschichten herauskrame und ihrer Lösung zuführe. Ich würde sagen, ich stecke Schaltkreise neu, bzw. entferne „Parallelschaltungen“, die seinerzeit meiner Rettung gedient haben mögen, mir jetzt aber das Leben schwer machen. Vielleicht ist es auch treffender zu sagen, dass ich aus ungünstigen Reihenschaltungen Parallelschaltungen mache, bei denen ich einen Schalter einbaue bei derjenigen Strecke, die über das „rote Tuch“ führt, so dass ich sie zu Anschauungszwecken wie im Museum zur Verfügung behalte, in Erinnerung. Ich kann solche Kreise bei anderen dann gut verstehen und mit diesem Verständnis andere Entscheidungen für meinen Umgang damit treffen.
Kkumhada und Oishi-Kawaii hatten wieder Tests, bzw. Klausuren vor sich, denen sie sich unterziehen mussten, nach wie vor empfinde ich das als ignorant gegenüber einem Menschen, wenn solche Termine über ihn verhängt werden. Auch wenn sie vorher rechtzeitig angekündigt werden, haben die Kinder doch keine Entscheidung zu treffen außer dafür zu lernen oder nicht. Und ich finde auch, dass es ein Unterschied ist, ob Menschen diese „höhere Gewalt“ ausüben oder „die Natur“ uns vor ihre „Termine“ stellt. Menschen, die sich gegen Einfühlung und Verständnis stellen, rufen in mir ein Gefühl der Ohnmacht wach, Verzweiflung macht sich breit, bis ich schließlich resigniere. Alles Bitten oder Aufbegehren hat bei ihnen nichts gefruchtet, sie wollen ihren Plan durchziehen, der nicht beinhaltet, dass ich mit meinem Stand der Dinge berücksichtigt werde oder einen wirklich guten Stand erreichen können soll.
Also wieder einmal kann ich nicht vorbehaltlos sagen, nimm es hin, es ist in Ordnung. Ich erlaube den Unmut und mache es so auch den Kindern schwer, einfach so in die Schule zu gehen und dort mit ihrem kindlich-offenen Wesen vertrauensvoll alles anzunehmen. Vielmehr überlasse ich sie damit einer schwer greifbaren Verletzungsgefahr. Habe es seit 10 Jahren. Unter dem Deckmantel ihrer Vorbereitung aufs Leben, was ich unreflektiert auslege als „zum Besten der Kinder“, werden sie einer Prozedur unterzogen, die unter Ausschluss der elterlichen Öffentlichkeit und im Alleingang der Pädagoginnen vonstatten geht. Diese Erwachsenen, Einzelkämpfer*innen in einer Horde Minderjähriger, haben niemanden auf Augenhöhe, der ihnen den Spiegel für ihre Handlungen vorhält oder einen zweiten Blickwinkel auf die durch sie beeinflussten Gruppensituation oder einzelne Kinder eröffnet, der Anhaltspunkte liefern könnte über Verstehen und Missverstehen, Zusammenhänge und Hintergründe. Natürlich kann auch ein einzelner Erwachsener für eine gesunde Lernatmosphäre sorgen und seine Antennen auf die Rückmeldungen der ihm anvertrauten Kinder richten. Er kann sie auch ermutigen, mit ihren Sorgen zu kommen, und ein Klima des achtsamen Miteinanders fördern.
Nun gebe ich der Schule die Schuld für das Schlechtergehen meiner Kinder, oder wenigstens sehe ich sie als Auslöserin. Natürlich müssen aus dem Elternhaus Strategien zur Bewältigung „geliefert“ werden, ich habe bisher meine Ratlosigkeit diesbezüglich geliefert. Denn wir leben zu Hause freiheitliche Werte und bringen einander Rücksicht und Achtung entgegen, respektieren die Freiheit des Andersdenkenden und seine freie Wahl. Aber ein „Immunsystem“ gegen diktatorische Übergriffe zu entwickeln, bleibt noch die Aufgabe. Wenn es freiheitlichen Werten entsprechen soll, muss Verständnis an die Stelle des Befehls treten, da bleibt uns wohl nur, die Verletzungen offenzulegen, die wir erleiden an den ignoranten Methoden. Sie müssen den Aktiven in der Schule gezeigt werden, nicht nur den Ärzten und Psychologen.
Aber nicht jeder erleidet Verletzungen; obwohl ohne Panzerung oder dickes Fell mitten im Getümmel, kommen manche heil wieder heraus. So möchte ich auch „tanzen“ können! Das möchte ich meinen Kindern ermöglichen! Mal schauen, was es dazu braucht… Ich zeige zwar auch meine Wunden. Aber, bevor ich tatenlos darauf warte, dass „die Anderen“ aufhören, ignorant und arrogant über sich und ihre Mitmenschen hinwegzugehen, möchte ich lieber auch tanzen lernen.

Woche VIII | Montag, 19.10.2015

Ja, ich geb’s zu, es ist noch Sonntag. Morgen früh habe ich nur keine Zeit, den Start in die Woche zu dokumentieren, so also dieses Mal mehr den Ausklang aus dem Wochenende und die Aussichten für den Wochenstart.
Beides: gut. Mehr müsste ich nicht sagen, wie meine großen Mädchen, wenn ich sie frage, wie es in der Schule war…
Dann kommen aber öfters doch Episoden zur Sprache, wenn ich nur hartnäckig genug nachbohre. (Spätestens bei Auftreten der Kopfschmerzen. Da Kkumhada keine hat, geht sie mir oft durch die Lappen. Sie lässt alles abprallen, irgendwie.) McFlitz plappert noch viel unbefangener aus der Schule als seine Schwestern in seinem Alter. Ihn hat die Sprachlosigkeit noch nicht ereilt. Naja, seine Schule paukt ihn ja auch nicht durch den Rahmenplan. Wenn er seinen Vortrag nicht halten möchte, muss er es auch nicht. Ohne Strafen oder Bewertung!!! Wir haben dadurch echt die Gelegenheit darüber zu sinnieren, wie schade es ist, dass nun die Anderen nichts über die Kartoffel erfahren konnten, und dass seine (halbherzigen) Vorbereitungen irgendwie umsonst waren. Und dass er beim nächsten Mal doch gleich aufrichtig sagen könnte, wenn ihm die Motivation fehlt, so dass ein besser anspornendes Thema gefunden werden kann… Es gibt da so viele Möglichkeiten, kreativ zu werden und Lösungen zu erdenken!
Kkumhada startet in eine Woche voller Tests und Klausuren. Sie nimmt es sportlich. Da sie nun die Zusage für ein Austauschjahr hat, das im Februar losgeht, fragt sie sich, ob ihr Aufwand denn dann überhaupt mitzählen wird, wenn sie in einem Jahr dann die zweite Hälfte ihres elften Schuljahres wieder aufnimmt, oder ob sie noch weiter zurückgesetzt den Faden wieder aufnimmt. Ich fragte, ob das Auswirkungen auf die Intensität ihrer derzeitigen Mitarbeit hätte. Ich meine, dass es so oder so eine Entscheidung ist, ob man Zeit absitzt und irgendwie rumkriegen will oder doch lieber lebendig teilnimmt.
Oishi-Kawaii nimmt Tests jetzt entschieden viel gelassener als ehedem. Einerseits habe ich ihr die Ignoranz und Arroganz vorgestellt, mit der sie den Prozeduren in der Schule unterworfen wird. Angeblich für ihr Wohl. Na, das haben wir ja erlebt. Dafür muss man keine Achtung oder Respekt haben. Auch nicht für die Leute (Erwachsene?!), die sich dem nicht entgegenstellen und die ganze Heuchelei aufdecken. (Vielleicht Mitleid, Verständnis. Aber kann man sie dann für so voll nehmen, wie sie das einfordern, und soll sie gleichzeitig schonen und Geduld mit ihnen haben?)
Andererseits ist sie im entspannten Zustand in der Lage, ohne viel zu üben ganz gute Ergebnisse zu erzielen, vorausgesetzt, sie hat im Unterricht nicht abgeschaltet. Das konnte sie inzwischen auch erleben und bekommt nun von dieser Seite Boden unter die Füße. Da sie ohnehin alles so intensiv wahrnimmt und schnell versteht, bleibt’s halt auch hängen. Nun scheint sie auch pauschale „Ansagen“ besser von sich fernhalten zu können, so dass sie etwas unbeirrbarer durch den Unterricht kommt.
Das Wochenende haben die Mädchen singend verbracht, im Jugendwaldheim mit dem Chor. Bei all dem Regen hatten sie lebendige Musik als Sonne für ihre Körperzellen…
McFlitz hat 2 Tage und Abende Lego gebaut, mit seinem Kumpel und allein, und heute abend war er immernoch nicht fertig. Die Schule kommt ihm da noch nicht so ganz gelegen. Nichtsdestotrotz – beim Einschlafen hat er mir erzählt, wie toll er sich fühlt als Drittklässler. Da kann man schon was. Ob das mit dem Vorlesen für die Ersties zusammenhängt?
Ich gehe morgen wieder hospitieren. Ich bin unglücklich, dass ich nicht so eindeutig vorfreudig auf die mögliche Arbeit an einer Schule schaue. Mein Problem: Zeugnis. Leistungsbewertung. Eine unüberwindliche Hürde, wenn ich schlechte Ergebnisse attestieren soll. Mal sehen, ich habe einen Gegenvorschlag erarbeitet. Vielleicht gibt es ja doch einen Weg. Und dann: in Ruhe und mit Freude und Kreativität Englisch erobern! Ja, das wär’s.

Kurzmitteilung

Vertrauen ist gut, …

… Kontrolle ist besser?
Wenn blindes Vertrauen gemeint ist, würde ich sagen, JA.
Vertrautsein ist mir aber jedenfalls lieber, es bringt mich in Verbindung, ich lerne kennen, kenne mich aus, der/die Andere umgekehrt genauso. Es ist gegenseitig, auch wenn beide zu unterschiedlichen Ergebnissen und Schlussfolgerungen kommen mögen. Das kann aufschlussreich werden, wenn man sich auch darüber austauscht, feedbackt.
Kontrolle empfinde ich bedrohlich. Wer mich kontrolliert, muss sich nicht mit mir verbinden. Er/Sie kann mir fremd bleiben und damit unvertraut. Freund oder Feind? Vielleicht steht diese Frage gar nicht. Eindeutig Feind. Mich kontrollieren und dabei die Verbindung verweigern – das ist feindlich. Aber auch Kontrolle ausüben und dafür Verbindung vortäuschen, Vertrauen erwecken. Es wird in dem Moment gebrochen, wo Kontrolle Statt findet. (Es fühlt sich für mich beschämend an. Ich habe vertraut. Mich geirrt. Mir wird misstraut.) Es schließt sich aus. Ja Kontrolle und Vertrauen, das sind wohl zwei unterschiedliche Haltungen. Unvereinbar miteinander.
Kontrolle im Sinne von Lenkung, Machtausübung ist dann noch weniger ein Akt der gleichwürdigen Zusammenarbeit…

Auch deshalb sind Teste und Klassenarbeiten in der Schule asozial bzw. verletzen die Menschenwürde. Wie seht ihr das? Kennt ihr Leistungserhebungen, die glückbringend sind?