Woche XX | Montag, 11.01.2016

Ein Montag zum Einstampfen: Die Neuigkeit des Vorabends: Kopfläuse. Für mich also keine Aussicht auf geregeltes Arbeiten, zumal auch mein Auto immernoch in der Werkstatt chillt und ich keine Termine machen kann.
Lecker-Niedlich hat den Kopf weiterhin voll mit Schnupfen, ist als Patientin überhaupt nicht kooperativ, und ich drohe als unbezahlte Krankenschwester mit Streik. Überhaupt ist das, was wir an den freien Tagen machen, ganz und gar nicht meine Vorstellung von Familienleben: Schlafen, erholen, ausspannen. Froh sein, mal nicht loszumüssen. Das Loswollen kommt kaum auf, da ist schon wieder die Tretmühle dran. Ich habe solche Lust auf’s gemeinsame Bauen und Gestalten!
McFlitz ist gut drauf, toitoitoi, aber er ist auch nicht böse über die schulfreien Extratage, er ist auch heute am Dienstag noch zu Hause. Gestern in der Schule Bescheid sagen, dann müssen Eltern erstmal reagieren und behandeln, also gehe ich sicher und dehne die Quarantäne um einen Tag aus.
Die Traumtänzerin plagt sich mit Gedanken um die Erwartungen und Vorstellungen ihrer zukünftigen Gastfamilie im Ausland, sie befürchtet Enttäuschung über ihre wirklichen Qualitäten, wenn das, was auf dem Papier steht, zu viel verspricht. Sie tritt in meine Fußstapfen, sehe ich. Allerdings ist das vielleicht auch eine ganz gewöhnliche Phase, nur wenn sie nicht aufhört, wird’s lohnend es zu thematisieren. Also eigentlich ein sehr sympathischer Zug, wenn jemand nicht überheblich oder sehr von sich eingenommen ist, sondern aufmerksam bleibt für Diskrepanzen zwischen Traum und Wirklichkeit, eigener und fremder Wahrnehmung. Ich hoffe also, sie findet Frieden und behält Kontakt zu ihren eigenen Werten, zum inneren Schwerpunkt.
Was mich echt beschäftigt ist der Umstand, dass es so schwer ist, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Allerorts lauert die Forderung, sich in irgendein System einzupassen, sei es die Schule oder ein Arbeitsplatz oder amtliche Schubladen. Als Kranke in ein Krankenhaus zu müssen, kann ich mir nur für den Notfall vorstellen, nur, wenn ich selber gar nichts mehr kann oder weiß. Als ich meinen Autounfall hatte und einen Tag danach das Trauma einsetzte, so dass ich mich kaum zur Toilette schleppen konnte ohne schwindelig zu werden oder wegzutreten, und Schmerzen hatte, egal wie ich mich lagerte, habe ich zuerst alle anderen Register gezogen – Kügelchen, Osteopath meines Vertrauens, später noch eine systemische Betrachtung mit energetischer Integration. Und immer der Appell an meine Selbstheilungskräfte, immer der Spruch: Hey, das kann dieser Organismus alles selber, sonst wäre ich nicht hier. Ich habe schon eine schwere Geburt gemeistert, zwei Tage geackert, bis ich auf der Welt war, ich komme auch hier durch! Meine größte Schwierigkeit sah ich darin, schnell wieder auf die Beine zu kommen, damit sich die Kinder nicht ängstigen müssen und mein Mann nicht alles alleine wuppen muss. Mich dem System „Krankenhaus“ zu überantworten – nein, das verlockt mich nicht. Und blieb mir auch erspart.
Als mein großes Kind jüngst dort weilte, weil es mir in den Armen zusammengesackt ist, hatte ich durchaus Vertrauen in „das System“, es gibt Halt gebende Abläufe. Aber durch meinen Geist flitterten auch Erinnerungsschnipsel an Begegnungen mit Kinderärztinnen weniger einfühlsamer Art. Vor allem ihre Weigerung, über den medizinischen Tellerrand hinaus gehende komplexe und dynamische Zusammenhänge und Vorgänge in Betracht zu ziehen, wenn man eine Göttin in weiß vor sich hat. Diesmal hatten wir eine junge Frau, die wie ein Mensch mit Kompetenzen vor mir stand und mich damit sehr beeindruckte. Es war nichts Ernstes festzustellen gewesen bei meinem Kind, Schwindel und Ohnmacht sind nicht ungewöhnlich bei Jugendlichen. Dann kam auch noch heraus, dass der Papa das von sich kennt… Glück gehabt.
Ich tue mich auch schwer, mich beruflich der Schule zu überantworten. Und ich kann es kaum mit ansehen, wie die natürliche Lernfreude der Kinder in dem systematischen Unterrichten und Testen zerrieben, wie jeglicher eigener Impuls abgeschmettert und verstoßen wird. Der Wunsch nach Vertiefung bleibt unbeachtet, und wer das Tempo nicht schafft, muss sehen, wo er bleibt. Ich werde mich als außerschulische Lernbegleiterin zur Verfügung stellen und auf diesem Wege bei Lehrer*innen weiter für mitmenschlichen Umgang werben, Eltern ermutigen, solches immer wieder anzusprechen und einzufordern, um des Kindeswohles willen, und den Kindern den Spaß am Lernen wieder erlebbar machen…

Woche VIII | Montag, 19.10.2015

Ja, ich geb’s zu, es ist noch Sonntag. Morgen früh habe ich nur keine Zeit, den Start in die Woche zu dokumentieren, so also dieses Mal mehr den Ausklang aus dem Wochenende und die Aussichten für den Wochenstart.
Beides: gut. Mehr müsste ich nicht sagen, wie meine großen Mädchen, wenn ich sie frage, wie es in der Schule war…
Dann kommen aber öfters doch Episoden zur Sprache, wenn ich nur hartnäckig genug nachbohre. (Spätestens bei Auftreten der Kopfschmerzen. Da Kkumhada keine hat, geht sie mir oft durch die Lappen. Sie lässt alles abprallen, irgendwie.) McFlitz plappert noch viel unbefangener aus der Schule als seine Schwestern in seinem Alter. Ihn hat die Sprachlosigkeit noch nicht ereilt. Naja, seine Schule paukt ihn ja auch nicht durch den Rahmenplan. Wenn er seinen Vortrag nicht halten möchte, muss er es auch nicht. Ohne Strafen oder Bewertung!!! Wir haben dadurch echt die Gelegenheit darüber zu sinnieren, wie schade es ist, dass nun die Anderen nichts über die Kartoffel erfahren konnten, und dass seine (halbherzigen) Vorbereitungen irgendwie umsonst waren. Und dass er beim nächsten Mal doch gleich aufrichtig sagen könnte, wenn ihm die Motivation fehlt, so dass ein besser anspornendes Thema gefunden werden kann… Es gibt da so viele Möglichkeiten, kreativ zu werden und Lösungen zu erdenken!
Kkumhada startet in eine Woche voller Tests und Klausuren. Sie nimmt es sportlich. Da sie nun die Zusage für ein Austauschjahr hat, das im Februar losgeht, fragt sie sich, ob ihr Aufwand denn dann überhaupt mitzählen wird, wenn sie in einem Jahr dann die zweite Hälfte ihres elften Schuljahres wieder aufnimmt, oder ob sie noch weiter zurückgesetzt den Faden wieder aufnimmt. Ich fragte, ob das Auswirkungen auf die Intensität ihrer derzeitigen Mitarbeit hätte. Ich meine, dass es so oder so eine Entscheidung ist, ob man Zeit absitzt und irgendwie rumkriegen will oder doch lieber lebendig teilnimmt.
Oishi-Kawaii nimmt Tests jetzt entschieden viel gelassener als ehedem. Einerseits habe ich ihr die Ignoranz und Arroganz vorgestellt, mit der sie den Prozeduren in der Schule unterworfen wird. Angeblich für ihr Wohl. Na, das haben wir ja erlebt. Dafür muss man keine Achtung oder Respekt haben. Auch nicht für die Leute (Erwachsene?!), die sich dem nicht entgegenstellen und die ganze Heuchelei aufdecken. (Vielleicht Mitleid, Verständnis. Aber kann man sie dann für so voll nehmen, wie sie das einfordern, und soll sie gleichzeitig schonen und Geduld mit ihnen haben?)
Andererseits ist sie im entspannten Zustand in der Lage, ohne viel zu üben ganz gute Ergebnisse zu erzielen, vorausgesetzt, sie hat im Unterricht nicht abgeschaltet. Das konnte sie inzwischen auch erleben und bekommt nun von dieser Seite Boden unter die Füße. Da sie ohnehin alles so intensiv wahrnimmt und schnell versteht, bleibt’s halt auch hängen. Nun scheint sie auch pauschale „Ansagen“ besser von sich fernhalten zu können, so dass sie etwas unbeirrbarer durch den Unterricht kommt.
Das Wochenende haben die Mädchen singend verbracht, im Jugendwaldheim mit dem Chor. Bei all dem Regen hatten sie lebendige Musik als Sonne für ihre Körperzellen…
McFlitz hat 2 Tage und Abende Lego gebaut, mit seinem Kumpel und allein, und heute abend war er immernoch nicht fertig. Die Schule kommt ihm da noch nicht so ganz gelegen. Nichtsdestotrotz – beim Einschlafen hat er mir erzählt, wie toll er sich fühlt als Drittklässler. Da kann man schon was. Ob das mit dem Vorlesen für die Ersties zusammenhängt?
Ich gehe morgen wieder hospitieren. Ich bin unglücklich, dass ich nicht so eindeutig vorfreudig auf die mögliche Arbeit an einer Schule schaue. Mein Problem: Zeugnis. Leistungsbewertung. Eine unüberwindliche Hürde, wenn ich schlechte Ergebnisse attestieren soll. Mal sehen, ich habe einen Gegenvorschlag erarbeitet. Vielleicht gibt es ja doch einen Weg. Und dann: in Ruhe und mit Freude und Kreativität Englisch erobern! Ja, das wär’s.

Woche III | Freitag, 18.09.2015

Gestern erstellte ich wieder eine statische Seite: Fachkräftemangel.

Und ich habe meine Oishii-Kawaii am Mittwoch wieder in die Schule geschickt. Die Nase läuft noch, der Husten ist locker, kein Fieber oder Kopfschmerzen. Das Kind gehört unter ihresgleichen. Ist es das geringere Übel oder das Beste für sie, das in der Schule zu finden? Dort gibt es nicht ihresgleichen, wenige mit ihren Interessen, wenn auch viele in ihrem Alter. Zu wenig Zeit für freies Miteinander. Auf jeden Fall kam sie beseelt nach Hause und war sehr zu Scherzen aufgelegt.

Die Rache für meinen Egoismus heißt Kopfschmerz. Meine Oishi-Kawaii kam dann gestern nach 7 Stunden Schule beschädigt nach Hause, geplagt davon, (noch) nicht zu wissen, worum es im Unterricht ging und nicht alles zu verstehen, weil sie einiges verpasst hatte durch Krankheit, und durch die Aussicht auf Tests. Sie musste ihren Chor ausfallen lassen, auf den sie sich so gefreut hatte.

Wie bin ich sauer auf diese Angst machende, druckbelastete Lernwelt!!! Kein Wunder, dass Kinder sich davor schützen wollen und ihre Motivation verlieren. Tests werden geschrieben ohne Rücksicht darauf, ob sie sich bereit dafür fühlen, der Lehrplan wird abgearbeitet ohne Rücksicht auf die Lernbedürfnisse der Kinder. Wenn der Stoff so wichtig ist, warum dürfen sie ihn sich dann nicht in aller Ruhe erschließen? Warum wird ihr Bedürfnis nach guten Ergebnissen andauernd so übergangen? Da kann ich die Bewertungen überhaupt nicht mehr für voll nehmen. Sie sind für den Eimer!

Wenn man wie ich alles als Lernsituation aufzufassen bereit ist, dann steckt hier auch das Potenzial für Vielfalt-Lernen drin. Die Anerkennung der eigenen Besonderheiten, weil auch alle anderen ihre „Macken“ haben. Etwas negativ? Ja, dem Zeitgeist entsprechend. Alles, was den Gleichschritt behindert, ist eben ein Fehler. Microsoft sei dank haben wir die Alternative jedoch schon auf dem Zettel: It’s not a bug, it’s a feature. So bekommen wir also obendrein noch die Herausforderung zu lernen, die Bewertung des Gleichschrittes kritisch zu sehen und ihre Bedeutung zu relativieren. Für die Kinder bleibt das Erlebnis ihrer selbst als unfähig.

Tja, wie war’s sonst? Alle drei Schutzbefohlenen also seit drei Tagen wieder „im Dienst“. Ich selbst habe mir erste Notizen zu meinem vielleicht zukünftigen Aufgabenfeld gemacht: eine recht frei unterrichtende Englischlehrerin in der Elternzeit zu vertreten und ihre Arbeit fortzusetzen. „Wie bringt man Kindern Englisch bei, die nicht machen müssen, was ich sage?“ habe ich mir seinerzeit als Herausforderung formuliert, als ich Offenen Unterricht in einer Grundschule begleitete. Wir haben daraufhin gemeinsam Fragen betrachtet wie „Warum ausgerechnet Englisch?“ oder „Warum eigentlich nicht?“ Ich kam für mich zu dem (Zwischen)Ergebnis, dass die Motivation der Kinder für diese Sprache ganz entscheidend dadurch geweckt wird, wie sie sich auf mich als Person einlassen können, wie sie selbst bereits den Nutzen des Englischkönnens erlebt haben und welches Material sie zur Verfügung bekommen, wie lebensnah sind die Lernanlässe. Spiele, Bild/Wort-Karten, Bücher mit CD, LieblingsDVD auf Englisch… Hauptsächlich natürlich die persönliche Interaktion während des Schultages. „English along the Way“ war einer meiner Arbeitstitel geworden und ich hatte ein Briefwechselprojekt mit ihnen in Angriff genommen.

Ja, dank meinen Kindern, dass sie in der Schule sind! So konnte ich außerdem auch meine innere Geschichtsbewältigung weiter voran bringen. Das braucht Ungestörtheit.

Die Große hatte viel Unterrichtsausfall, dadurch die Möglichkeit, einen Fahrschultermin auf den Morgen zu legen. Unterrichtsausfall sehe ich als Gestaltungsraum, als Glück. Er ist einfach zu selten, um sich konzeptionell darauf einzurichten, aber es geht schon was: Wie bei den Wartezeiten im öffentlichen Verkehr oder in Arztpraxen und Behörden kann man bei Unterrichtsausfall endlich dem Muße-Bedürfnis entsprechen. Oder dem nach selbstbestimmtem Lernen. Ich selbst habe immer Stift und Papier zur Hand, schreibe oder skizziere was, wenn ich genug Löcher in die Luft geguckt habe. Aber auch ein zu-Fuß-Gang an der frischen Luft gehört zu meinen Warte-Beschäftigungen, jedenfalls, wenn es eine feste Uhrzeit für den nächsten Termin, das „Dran-Sein“, gibt. Meine Große hängt auch nicht in der Luft, sie nutzt die Gestaltungsmöglichkeit.

Und McFlitz? Auch noch verschnupft, im Schonungsmodus lernend. Vermeldete mir nach dem ersten Tag, dass er das Gefühl hat, in Mathe wieder den Anschluss verloren zu haben. (Das kommt heraus, wenn man im Gleichschritt unterrichtet und nur die Lehrperson als einzige Quelle der Weisheit anbietet sowie die Kinder nach Alter sortiert.) Andererseits z.B. erbat ich Befreiung vom Sport und dem häufig dort herrschenden Wettbewerb, damit seine Atemwege noch etwas in Ruhe ihrem Reparaturprozess dienen konnten. Dem wurde ohne weiteres entsprochen – bin ich froh! Helikoptermama? Ich möchte, dass die Kinder ihrem eigenen Maß folgen können dürfen. Pause machen, wenn sie eine brauchen. Gas geben, wenn sie bereit sind. Beispielsweise nahm McFlitz nicht am Kaffeetisch teil, hatte keine Zeit. Ich holte ihn hungrig ab. Die Argumentation essen zu sollen, weil ich es bezahle, ist sicher nachvollziehbar, aber ich sehe auch den Hunger nach selbstbestimmter Spielzeit, der ihn viel mehr zwickt. Sehr freundlicher Weise durfte er sich von den weggeräumten Resten (die ich ja bezahle) noch was nehmen, obwohl die Mahl-Zeit schon vorbei war. Ich konnte meine Sicht der Dinge ansprechen. Vielleicht finde ich das Verständnis der Pädagog*innen vor Ort, dass sie die Kinder mehr anleiten, zu den Mahlzeiten auf ihren Bauch zu achten und sie ihnen als DIE Gelegenheit in den Sinn zu rufen und nicht nur die gehorsame Befolgung des Zeitplanes einzufordern. (Der ja so gedacht ist, dass dem Bauch immer rechtzeitig was zugeführt werden kann.) McFlitz jedenfalls vergisst seinen Essenshunger, wenn der freies-Spiel-Hunger zu groß wird. Nun denn: fröhlich auf ins Wochenende! (Das ich auf einer Chorfahrt verbringen werde. Die Familie bekommt endlich wieder Mutterfrei!)