Woche XXXXII | Freitag, 17.06.2016

Angenommen alles um mich herum ist ein Spiegel meiner eigenen inneren Umstände, die Menschen, die mich umgeben, sind nicht zufällig diese Menschen mit ihren jeweiligen eigenen Naturellen und Verstrickungen. Alles, was ich in ihnen sehe, ist allein meine Schöpfung. Sind sie mir Lust oder Last, zum Lachen oder zum Heulen – ich lerne nichts über sie, kann nichts über sie lernen, ohne mich selbst dabei mit zu betrachten. Denn alles, was ich sehe, was sie tun, kann alle möglichen Bedeutungen für sie selbst oder andere haben, es ist im Grunde völlig gleichgültig in seiner unglaublichen Beliebigkeit, wenn ich es nicht als die Palette der Möglichkeiten in mein Leben hole und mit Bedeutsamkeit belege. Es zählt immer nur das, was mit mir irgendetwas zu tun hat, was eine Regung bei mir hervorruft. Ich kann vielleicht aus der Palette der Deutungen wählen, wenn die aktuelle mir nicht passt. Also, wenn ein Verhalten mich alles andere als erfreut. Wenn ich Wut, Trauer oder andere unbequeme Empfindungen habe in Bezug auf Situationen und Handlungen anderer Menschen. Sonst gäbe es ja keinen Grund, alles zu überdenken. Ich könnte also versuchen, aus einem anderen Blickwinkel draufzuschauen und so alles ins rechte Licht zu bringen, ich könnte aus einer Negativ-Betrachtung in eine konstruktive Umdeutung finden. Was ich daran merken würde, dass aus dem Unwohlsein in Bezug auf die Lage Freude wird.
(Reicht das wirklich? Oder braucht es Umstellungen?)
So werden alle Menschen um mich herum zu einem Buch, in dem ich über mich selbst lesen lernen kann. In dem ich herum wandern kann, bis ich die heimeligen Orte und Blickachsen kenne und auch die Wege dorthin. Ich richte mich ein, in Bezug auf die Gegebenheiten, die inneren und äußeren, falls man das überhaupt so trennen und nennen kann. Dann ändert sich mal was, alles fließt, die Erde dreht sich weiter oder ein Mensch kommt dazu oder verlässt die Nähe. Ich plumpse aus meiner Komfortzone heraus, und darf mich auf den Weg machen, die Harmonie wieder zu finden. (Herzustellen?) Auf die nächste Wanderung des Lernens oder Festigens. (Schöpfen? Gestalten?)
Anspannung – Entspannung. Ein fortwährender Wechsel.
Aber wie ist es mit den Kindern, die durch mich auf die Welt gekommen sind? Was sind sie auf meinem Bildschirm?
Es heißt, die Schwächsten tragen und zeigen die Symptome. Sie sind in meinen Garten geboren und in ihn hineingewachsen, und sie bringen die Wirkungen zum Vorschein, die dieser Garten zeitigt. Wie das Kind im Märchen, das ruft: „Aber der hat ja gar nichts an!“ Der Kindermund tut Wahrheit kund, sagt man.
Wenn mir nicht gefällt, was ich an meinen Kindern beobachte, dann handelt es sich wohl folgerichtig um eine unbequeme Wahrheit über mich selbst? Wenn ich dann die Kinder zum Arzt oder Psychologen oder Therapeuten schleppe, dann diagnostiziert der letztlich meine eigenen Baustellen? Da sie als Lebewesen eine Eigendynamik haben, will ich mir das nicht einfach linear-mechanisch vorstellen, es ist wohl das Knirschen an der Schnittstelle, am Interface, das durch meine Beschränktheit ermöglicht wird, durch mein jeweils noch mangelndes Wissen und Verstehen. Durch das ich, zwar für mich bisher tolerable oder aushaltbare, Kompromisse aufgezeigt bekomme, die jetzt, mit Jungpflanzen, nicht mehr haltbar sind, wenn ich diese nicht leiden und darben sehen will.
Wieviel Verantwortung können die Kinder selber übernehmen? Solange sie nicht erwachsen und eigenständig sind, glaube ich, keine. Sie bleiben mit ihren Antwort- und Handlungsmöglichkeiten immer durch ihre Abhängigkeit beschränkt. Immer nur reaktiv. Bei aller Erfindungskraft, die sie dabei einsetzen mögen. Solange sie Heranwachsende sind, brauchen sie sie, um von ihrem Platz aus den Weg zum Licht zu suchen, und koste es Verrenkungen aller Art. Augenhöhe und Verantwortlichkeit kann erst bei Reife und Ausgewachsensein eingefordert werden. Bis dahin geht es um den Weg nach oben, mit allen möglichen Experimenten und Erfahrungen. Die ich Erwachsene entweder einräumen, begleiten und betreuen kann, oder aber nicht – wenn ich selbst diese Wachstumsaufgaben noch nicht gemeistert habe. Das zeigen mir meine Kinder.
Das zeigen Kinder ihren Lehrer*innen.
Alle Verantwortung für das Lernen der Kinder liegt bei den beteiligten Erwachsenen. Denn die Kinder lernen, und tun die ganze Zeit nichts anderes. Sie lernen ihre Umgebung. Mit Wiederholung als der Mutter der Weisheit und anhaltender Übung als dem Vater der Selbstverteidigung und Lebensrettung. Sie übernehmen die erfolgreichen Strategien und Wege der Großen, um ihre eigene Nische zu finden, ihren schützenden Wachstumspfad hinauf zu den ausgewachsenen Wipfeln.
Dann erst können sie aus unserem Schatten treten und im ungefilterten Sonnenlicht eigene Antworten erschaffen.
Wenn die Kinder in unseren Augen nicht gut lernen oder Schwierigkeiten in oder mit der Schule haben, dann ist es unsere Aufgabe als Erwachsene, uns darum zu kümmern. Wir müssen die Antworten geben. Wir müssen den Raum für das gewünschte Wachstum geben, Zugriff auf die „Nährstoffe im Boden“ gewähren und die Richtung sichtbar machen, aus der das Licht kommt – in der das Ziel liegt. Da hilft auch kein Ziehen und Schieben und Stützen, wenn das nicht zu sehen ist.
Meine Beobachtungen und Gedanken zum Schulleben meiner Kinder bescheren mir am Ende der 42. Woche dieses Schuljahres eine Erkenntnis, für die sich mein Blogvorhaben gelohnt hat. Alles ist klar vor meinen Augen. Ich fühle mich ganz leicht. So ein schönes Gleichnis! Diesen Platz in meinem Garten muss ich mir gut merken (werde ich ihn wiedererkennen?) und den Weg dahin sicherlich noch öfters suchen, bis ich ihn wieder finde. Aber nun weiß ich, dass es einen solchen Ort gibt, und ich werde das nie vergessen.
Ich habe noch Einiges zu tun, wenn ich glückliche Kinder sehen will. Vor allem ist da Angst zu überwinden. Oder aufzulösen. Angst zu versagen, Angst für mich einzustehen, Angst Probleme anzusprechen und Konflikten ins Auge zu sehen. Angst, meine Stärken zum Vorschein zu bringen. Ich habe das in meinem Leben noch nicht gemeistert, bisher ist es immer misslungen. So oft, dass ich des Lebens direkt müde geworden bin, mit all seiner Vergeblichkeit und Enge. Ich lege nicht Hand an mich, selbst zu so einer Aktion bin ich zu müde. Ich richte mich einfach unmerklich zu Grunde. Nach aller Wut meiner Jugendjahre, dem Kopfzerbrechen während der Kinderpflege, der Trauer im Abschied von der Zuversicht – heute nun diese klare Sicht in den blauen, sonnendurchfluteten Himmel!
Ich erhebe mich über die letzten Schatten meiner eigenen Kindheit, scheint’s.
Wohlan.

Woche XXXIX | Freitag, 27.05.2016

Heute und während der vergangenen Tage habe ich meine von akuten Schulsorgen freie Zeit genossen und mich ausgiebig mit Vorträgen aus dem Internet amüsiert. Besonders gern beschäftige ich mich mit Fragen der Freiheit: Als vor einem Vierteljahrhundert die Mauer fiel, fielen für viele Menschen sämtliche Orientierungspunkte weg, die bis dahin richtig für sie waren. Sie hatten der Freiheit keinen inneren Halt entgegenzusetzen, hatten keinen inneren Kompass, dem sie Zeiten äußerer Wirren zu vertrauen gewöhnt gewesen wären.
Es ist aber auch ein Feindbild weggebrochen für die westliche Welt, die bis heute daran festhält, dass es im Ernstfall eben knallen muss, und sich immer mehr ihre Glaubwürdigkeit verspielt, weil inzwischen nicht mehr nur minder Bemittelte ausgequetscht werden, sondern auch Aufgewecktere in der Zitronenpresse landen und das mangels moralischer und körperlicher Pufferzonen nicht aushalten. Abgesehen von den Lügen, die zutage treten, und auf deren Grund ganze (Kultur)Landstriche verwüstet wurden.
Bis heute bleibt Vieles beliebig anstatt frei. Aber es steht gleichzeitig auch jedem frei, sich ein Rückgrat zuzulegen und die Eigenschaften des Lebens für sich in Anspruch zu nehmen: Sich selbst zu regulieren, eigene Entscheidungen zu treffen, seine eigene Ordnung zu errichten. Anstatt angestrengt einem Wirtschaftssystem zu gehorchen, das wenig darauf gibt, wirklich wirtschaftlich zu sein, denn dann müsste es alles einrechnen, was zur Herstellung eines Produktes wirklich verbraucht wird: auch den Atommüll, der unseren Nachkommen vererbt bleibt, damit wir heute so billig wie es geht die Nacht zum Tag machen können.
Wir verbrauchen Holz ohne die Zeit zu vergüten, die es brauchte, um so zu werden, wie es wurde bis zum Zeitpunkt der Ernte. Wir vernichten Waldflächen und verflachen den bewohnbaren Teil der Biosphäre um unzählige Etagen, wir verlieren weiterhin die Vielfalt der Arten, nachdem wir unsere Kinder der Gleichmacherei unterzogen haben, die wir selbst durchlitten („Aus mir ist ja trotzdem was geworden!“ oder „Das hat mir nicht geschadet“), so dass wir mit der dazu nötigen Stumpfheit ausgestattet werden…

Es ist sicher alles andere als unterhaltsam, solche Litaneien zu lesen und meine wiederkehrenden Bemerkungen zur Schwere des Familienlebens. Und sicherlich ist es wenig zielführend, im Selbstmitleid all die auslösenden Umstände aufzuspüren, die für mein Elend gesorgt haben. Warum tue ich es dann?
Ich möchte einfach wissen, was ich anders machen kann. Ich möchte wissen, wie es denn sein muss, damit es gut wird. Und ich bin zugegebenermaßen recht angespannt. Weil es um die Gesundheit der Kinder geht. Das versetzt mich in Alarmbereitschaft, wie wohl jede fürsorgende Person. Mein Vertrauen in die regulären Versorgungssysteme ist tief erschüttert worden durch die Ignoranz der Ausübenden gegenüber den menschlichen Bedürfnissen. Durch die Arroganz der Gebildeten dem empfindenden Wesen gegenüber, dem sie raten, seinen inneren Schweinehund zu überwinden, so wie sie selbst den ihren zum Schweigen bringen. Wer das nicht tut, ist ihrer nicht würdig.
Dass ich nicht immer optimal tiefenentspannt und voller Verständnis und Geduld (re)agiere, habe ich sicherlich mit der Mehrheit der Menschen gemein. Es ist nie hilfreich, in Zorn, Wut, Verachtung oder Abscheu zu sein, wenn ich eigentlich erreichen möchte, dass sich andere Menschen, mit deren Ansichten ich nicht einverstanden bin, anhören, was ich sage, und mir ihre Zustimmung geben. Dass sie meinen Blickwinkel einmal einnehmen oder sogar ihr Handeln verändern, wenn nicht gänzlich ihre Haltung.
Sowas erreicht man nur, wenn man Sympathieträger für sie ist, und auch dann bleibt es immernoch eine Sache der eigenen Erfahrung, die ein Mensch erstmal machen muss, denn niemand lässt sich einfach so sagen, dass es falsch ist, was er oder sie tut. Es muss schon mit dem eigenen Erleben nachvollziehbar sein, sonst könnte ja Sonstwer kommen und Sonstwas erzählen. (Jemandem zu folgen, der einem aus dem Herzen spricht, ist viel einfacher…)
Ich bin eher weniger eine Sympathieträgerin. Auch das ist tief gespurt. Mein Kindheitsbad in einem Zeitgeist der Menschenverachtung mit all den dazugehörigen Schutz-, Nischensuche- und Anpassungsstrategien hat eine Aufschrift auf meine Stirn gegraben, und ich treffe viel auf ganz normale Menschen, die alle artig der unsichtbaren Anweisung Folge leisten. Kaum einer ist trotzig genug, emanzipiert sich davon, und folgt stattdessen lieber seinem Gewissen, das ihn/sie mahnt, Mitgefühl zu empfinden und eine eigene Antwort zu geben: Du bist richtig, so wie du bist, mit all deinen Schrammen und Narben, deinem krummen Wuchs, der Zeugnis davon ist, dass es mal eng war. Der sagt: „Ich sehe unter die Maske, hinter die äußere Erscheinung, sehe deine wirkliche Natur, deine „True Colours“.“ Dieses Lied von Cindy Lauper treibt mir regelmäßig die Tränen in die Augen, und wenn ich es selbst jemandem vorsingen will, versagt mir die Stimme.
Statt dieser, zugegebenermaßen für Ungeübte etwas anstrengenden, Blickweise (das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar) üben alle „Artigen“ die übliche Kritik. Zu schnell, zu laut, zu kompliziert, zu sprunghaft, zu verkopft, zu gefühlsduselig, … Es gibt eine lange Liste von Urteilen, die mich unannehmbar machen.
Ich befinde mich in einer Umgebung überwiegend mit Menschen, die von mir nicht das wissen wollen, was ich weiß, nicht nutzen wollen, was ich kann. Es ist eine meiner Aufschriften. Ich bin dabei, sie aufzuspüren und auszulöschen. Es ist eine Verknüpfung im Gehirn, in der Kindheit angelegt. Dass diese Autobahn spurlos verschwindet, bräuchte es: – Macht mir gern Vorschläge, wie ihr alte Gewohnheiten los werdet, welche Umstände dabei helfen. Ich für mein Teil würde gern auf Therapeuten verzichten und stattdessen Menschen um mich haben, die auf’s Urteilen verzichten und ihre Rückmeldungen an mich im Sinne der Gewaltfreien Kommunikation geben. Mit denen ich in gegenseitiger Resonanz schwingen kann. Eine uralte Sehnsucht, schon aus Kindertagen, die stattdessen eher von Erziehung geprägt waren. Es würde mir sehr helfen beim eigenen Erlernen dieser neuen Wege und der Beräumung der ausgedienten.

Woche XXXVII | Montag, 09.05.2016

Alle sind auf ihren Wegen, weitgehend gesund. Ich höre von meiner Tochter inzwischen mal Geschichten aus ihrer Grundschulzeit und Orientierungsstufe – die mir die Haare zu Berge stellen. Ich habe der Schule ein feinsinniges Mädchen überlassen, und dort wurde sie – zwar viel indirekt durch die exemplarische Behandlung anderer Kinder – angegangen wie ein stumpfer, roher Klotz. Übertrieben gesagt. Sie hat so oft geweint dort, von dem wahren Ausmaß wusste ich kaum etwas. Hat sie damit ein Lehrerinnen-Herz erweichen können? Nein, wohl eher nicht. Schließlich müssen Kinder gefordert werden. Sie kann mir viele dieser Erlebnisse erst jetzt erzählen, nach Jahren. Ist kein Wunder, dass sie am Ende mit Kopfschmerzen umgehen musste als körperlichem Ausdruck, da die Sprache ihr nicht diente. Sie war einfach nicht gefragt. Niemand in der Schule hat sich die Mühe gemacht, mein Kind wirklich anzuhören und die Effekte dieser Art des Forderns zu erforschen. Ich zu Hause hatte dann nur noch ein verbeultes, quietschendes Bündel und wenig Lust, mein Kind mit Fragen zu nerven, wenn es einfach seine Ruhe brauchte.
Ich glaube, die Methoden der schulischen Disziplinierung um des Erfüllens eines Lehrplans willen machen jedes empfindsame Wesen erstmal sprachlos und schlagen es in die Flucht. Wenn es sich wie bei uns nicht um Löwen handelt, sondern um Gazellen.
In der Schule meines Sohnes entfällt der Druck, der z.B. durch Benotung der Leistungen erzeugt wird und den viele Eltern aufbauen aus Sorge um den Lernerfolg, der sich dann äußert in den Sprüchen der betroffenen Mitschüler und auf diesem Wege auch meine Kinder erreich(t)e. Aber womit werden dort die Kinder gelockt, damit sie die Lernaufträge annehmen wollen? Das ist mir derzeit nicht so ganz klar, ich weiß nur, was ich tue, wenn ich jemandes Interesse auf etwas Bestimmtes lenken möchte ohne Gewalt anzuwenden. Vor allem schalte ich nach Möglichkeit die Angst ab, dass es nicht klappen wird. Denn alle Kinder, mit denen ich bisher zu tun hatte, sind grundsätzlich offen für Neues. Meine Kunst besteht darin, das zu fördern und nicht zu verbauen oder zu verstören. Ich lade sie ein, sich meinen Vorschlag anzusehen, erlaube ihnen, Nein zu sagen, komme später wieder darauf zurück, erörtere die Wichtigkeit aus meiner Sicht und biete verschiedene Verbindungsmöglichkeiten an. Was ich auf jeden Fall vermeide, ist jegliche Form der Manipulation, auch das Loben oder Belohnungen zähle ich dazu.
Mein Sohn jedenfalls kann nicht alle Aufträge der Schule zu seiner Sache machen und mir fällt derzeit die Aufgabe zu, beispielsweise seine Schreibfertigkeiten verbessern zu helfen. Grundsätzlich spricht nichts dagegen, ich bin sehr dafür, dass meine Kinder die Kulturtechniken zu nutzen lernen. Aber wenn ich sie schon zur Schule schicken muss, dann soll dort wenigstens auch die dazu erforderliche Situation geschaffen werden, dass die Kinder es lernen können. Es reicht nicht, ihnen das anzuordnen und nun macht mal und seid leise. Genauso wie ich zu Hause für die Möglichkeit sorgen muss, dass Hausaufgaben für die Schule erledigt werden können, genauso muss in der Schule das Lernen ermöglicht werden. Also stellt sich die Frage, was dazu nötig ist.
Nach meiner eigenen Erfahrung insbesondere erwachsene Menschen als Anleiter, Begleiter, Beschützer, Bereitsteller, Einlader und Willkommenheißer. Die den Kindern das Beste zutrauen und ihnen Raum, Gelegenheit und Hilfestellung geben, es auch zutage zu fördern. Als Menschen mit dem Herzen am richtigen Fleck. Erst als Jugendliche beginnen die Heranwachsenden auch die Erwachsenen differenzierter wahrzunehmen, können guten Menschen Fehler zugestehen, in doofen Menschen auch freundliche Züge entdecken. Bis dahin herrscht eher eine Art entweder-oder, möchte ich meinen, und die große Sehnsucht nach einer heilen Welt. Hauptsache die Lehrerin ist nett. Dann kriegt man auch den Rest irgendwie hin.
Ich bin nicht sicher, ob aus mir mal eine Löwenmutter werden könnte, die sich kampflustig vor ihre Jungen wirft. Vielleicht hätte es meiner Tochter ein paar Kopfschmerzen erspart. Oder vermehrt, denn die Kampfmütter, die ich kenne, finden auch wenig Gehör. Eher bekommen sie das Gefühl, dass es ihren Kindern nach jedem Einsatz noch schwerer wird in der Schule.
Wir kommen nicht drumrum, uns als Menschen im Gespräch zu treffen, Verständnis zu suchen, Einfühlung, um die Gratwanderung von Fordern und Fördern gut zu meistern im Sinne der Stärkung unserer Kinder, denen wir einen Planeten hinterlassen, der erstmal grundsaniert werden muss. (Was spielen wir uns also auf als diejenigen, die wissen, was gut ist für die Kinder??!) Ein guter Grund, endlich zusammenzuarbeiten und gemeinsam Verantwortung zu übernehmen, statt sich gegenseitig die Zuständigkeiten zu verlesen.

Woche XXXII | Freitag, 08.04.2016

Eine recht familienfreundliche Woche liegt fast hinter mir – will sagen, abgesehen von ein paar Hausaufgaben hatten wir die Familienzeit für unsere eigenen Hobbys und die Schule drängte sich da nicht rein. Weder per Kopfschmerz noch per Sorgen oder übermäßiger Hausaufgaben-Zeitbeanspruchung. Einige überstrapazierte Eigenschaften müssen wir noch in Ausgleich bringen, dazu gehört definitiv die Bereitschaft, Aufträge auszuführen. Sämtliche diesbezügliche Ressourcen werden von der Schule aufgebraucht. Wenn ich meine Großen um etwas bitten möchte, dann muss ich mächtig baggern, bis sie einigermaßen bereitwillig darauf eingehen. Oder ich muss einen der äußerst selten gewordenen Augenblicke erwischen, in denen sie ansprechbar sind.
Mein Jüngster ist da wirklich das Gegenbeispiel. Zwar braucht auch er seine Zeit für sich, aber nicht in diesem schwer erträglichen Ausmaß.
Bei den Großen kommt natürlich auch die nächste Abnabelungsphase dazu, in der es darauf ankommt, sich auf neue Weise abzugrenzen, als Jugendliche und junge Erwachsene die eigene Identität neu zu definieren: viel unabhängiger und eigenständiger zu werden, und vor allem das eigene Urteilsvermögen auszubauen. Sie verlassen gewissermaßen den euklidischen Raum mit den überschaubaren eher linearen und statischen Koordinaten und treten ein in die Welt der Dynamik: die unvergleichlich größere Auswahl an Orientierungspunkten und die Komplexität von Zusammenhängen werden für sie sicht- und spürbar bei jeder eigenen Entscheidung, die sie treffen. Auch die Auswahl der Blickwinkel, von denen aus sich eine Sachlage betrachten lässt, wird größer – wenn man all dies zulässt. Alles wird infrage gestellt, was ich als Mutter sage, auch wenn es bis vor Kurzem noch einfach hingenommen wurde. Abgesehen von den manchmal schwer nachzuvollziehenden Wendungen, die das emotionale Befinden nimmt, ist die vielfältige Betrachtung der Werte eine meine Lieblings-Nebenwirkungen der Pubertät. Ein Schwerkrafttest. Eine Echtheitsprüfung. Nicht nur Werte, auch wir Erwachsenen werden auf Herz und Nieren geprüft. Lassen wir auch im Ernstfall unsere Geduld walten? Worauf greifen wir zurück, wenn wir sie verlieren? Reagieren wir bockig und versuchen die jungen Leute zu erpressen oder zu manipulieren? Respektieren wir ihre Entscheidungen und machen uns die Mühe der ausführlichen Erörterung, wenn wir nicht einverstanden sind? Können wir sie in ihrem Umbau-Wahnsinn auch einfach mal in Ruhe lassen und uns darauf beschränken, sie nur vor schlimmen Verletzungen zu bewahren? Ich denke an solche mit PS-bestückter Technik, an Drogen und allzu waghalsige Experimente. Aber die Jugendzeit ist genau dafür vorgesehen – die eigenen Grenzen kennenzulernen, Tapferkeit und Mut zu erproben. Welche Möglichkeiten bieten wir ihnen dafür?
Ich wäre gern auf eine Art Wanderschaft gegangen, so wie die Handwerksgesellen. Ich war aber an Schul- und Unibänke geschnallt und ohne ausreichend eigenen Mumm bis ich Mitte zwanzig war. Dann wurde die Aufbruchsnotwendigkeit auch für mich groß genug, um endlich aus dem Mußtopf zu kommen.
Gefühlt etwas spät.
Jemand hat einmal gesagt, mit 14 müssten die Kinder aus dem Haus. Ich denke, sie müssten auf jeden Fall wichtige Aufgaben übertragen bekommen, die ihnen Orientierung geben, worauf es ankommt. Sie müssten sich um andere Menschen kümmern, die auf ihre tatkräftige Hilfe angewiesen sind. Zum Beispiel Hilfe im Haushalt für Ältere, Lernbegleitung für Jüngere, Tierpflege, Handwerkliches, Gartenbau …
Diese Aufgaben müssten sie sich auch aussuchen können, eigene Absprachen treffen, Erfahrungen machen mit Einhaltung und Versagen, Irrtum und Erfolg. Sie bräuchten Begleitung und Erörterung. Erfahrungen mit Menschen jenseits der Familie, die die Werte der Familie bestätigen oder ergänzen oder meinetwegen sogar ersetzen könnten, bzw. die Wege ihrer Verwirklichung. Nichts ist stärker tragend für den Weg ins eigene verantwortliche Leben, als alle wünschenswerte Theorie durch Erfahrung bestätigt zu sehen. Und nichts erdet die entfesselte Fantasie mehr als echte Betätigungsmöglichkeiten. Ich erinnere mich nicht an alle Einzelheiten meiner eigenen Pubertät, aber ich war keinen Augenblick lang bösen Willens. Sicherlich eine Zumutung für mich und andere, uneinsichtig und dickköpfig zuweilen, aber auch voller guten Willens und zartfühlend. Mit großen Träumen und wildem Entschluss. Aber auch wechselhaft und höchst unsicher. Die Erinnerung daran hilft mir bei meinen Großen. In Zeiten, in denen ich so ratlos bin, dass ich denke, sie tun alles nur, um mich zu ärgern. Bis jetzt komme ich ganz gut klar.

Woche XXXI | Freitag, 01.04.2016

Habe ich gestern nicht geschrieben, um einen Aprilscherz auszuschließen? (Nun ist es schon vorgestern…) Vielleicht, aber es war auch sehr wenig Schreibzeit für mich drin.
Wir haben die beiden Schultage meisterlich bewältigt, d.h. die Kinder sind ungeschoren davon gekommen bzw. haben sogar einigen Erfolg verbuchen können.
Am Freitag Nachmittag nahmen wir einen Schulfreund mit nach Hause und nutzten am Abend das tolle, wenn auch etwas kalte Wetter, um das für Ostern vorgesehene Grillgut seiner Bestimmung zuzuführen. Dieser Schulfreund hatte das Pech, wegen dreier Gelber Karten nicht am Wandertag ins Schwimmbad teilnehmen zu dürfen. Als ich das hörte, ging ich innerlich gleich auf die Barrikaden, ich geb’s zu, aber ich habe das möglichst nicht gucken lassen und erst einmal genauer nachgefragt, ob ihm das dabei hilft, sein Verhalten besser zu kontrollieren. Es geht um einen 9jährigen Jungen.
Wenn man aus einem Kontext kommt, in dem Strafe ein probates Mittel zur Erziehung ist und einem der Sinn der Strafe auch erklärt wird, kann man das auch gut für sich akzeptieren, wie es scheint. Der Knabe war überzeugt, dass alles seine Richtigkeit hat.
Ich bin es nicht, ich denke nun darüber nach, wie ihm diese Strafe dabei helfen kann, günstige Umgangsweisen für jene Situationen zu finden, in denen er die drei gelben Karten zugeteilt bekommen hat. Ich könnte es soweit akzeptieren, dass er nicht mitdarf, wenn die Lehrerin meint, dass er wegen seiner mangelnden Selbstkontrolle eine besondere Gefahr für sich und andere darstellt und deshalb mehr Aufsichtspersonen nötig wären, die vielleicht gerade nicht vorhanden sind. Aber für die bessere Selbstkontrolle? Wäre es da nicht besser, es gäbe unmittelbarere Maßnahmen? Anstatt ihn auszuschließen, bräuchte er es doch viel eher, besseren Anschluss zu bekommen, oder?
Wenn ich mit Kindern arbeite, dann lege ich großen Wert darauf, das unerwünschte Verhalten nicht einfach nur zu kritisieren und zu unterdrücken. Natürlich ist es wichtig, das Stopp-Schild klar sichtbar zu machen und deutlich zu zeigen, was dieses Verhalten bewirkt. (Wenn du mir weh tust, kann ich nicht mit dir spielen. Wenn ich nicht mit dir spielen kann, wie soll ich dein Freund sein?) Genauso wichtig finde ich jedoch, dem Betreffenden Alternativen aufzuzeigen. Die Kindergruppe muss sich gemeinsam Gedanken machen und darüber klar werden. Jedes Kind kramt in seiner eigenen Erfahrung und erzählt, wie es in einer vergleichbaren Situation handelt. Was kann man tun, wenn man wütend ist? Wie kann man ruhig bleiben, wenn jemand einen provoziert?
Ich kenne den Gelbe-Karten-Katalog der Klasse nicht genau, aber wenn ich gelbe Karten einsetzte, dann würde ich versuchen, sie nicht über den Tag hinaus stehen zu lassen. Und wenn sich das Verhalten eines Kindes dauernd als problematisch erweist, dann würde ich versuchen, mit den Eltern zusammen auf Ursachensuche zu gehen, um die geeigneten Mittel und Wege wählen zu können. Sicherlich wäre auch die Hilfe eines Psychologen zu erwägen. Aber auch die übrigen Kinder der Gruppe haben dabei was zu lernen. Man kann nicht einfach einen „Übeltäter“ ausschließen oder in Ketten legen. Seine ganzen Anstrengungen gelten nur genau denselben Zielen, die jeder Mensch hat: sich zu schützen, sich zu behaupten und dazuzugehören. Dass die Mittel ungeeignet sein können, steht außer Frage, aber lernt derjenige die geeigneten, wenn er ausgeschlossen wird? Andererseits müssen auch die Anderen geeignete Wege lernen, sich zu schützen und mit schwierigen Situationen umzugehen. Weggucken, Wegschicken, Weglaufen geben sicherlich erstmal Zeit zum Luft holen. Aber engt man nicht seinen eigenen Spielraum auf die Dauer ein, wenn man alles Unerwünschte immer nur wegschiebt? Da häuft sich doch Einiges an, würde ich meinen, zumal sich nicht alles von allein „verwächst“.
Konsequent, also durchhaltend, zu sein gibt einer Forderung Bedeutung, ohne Frage. Eine Grenze wird dadurch zur sicheren Orientierung, dass sie hält. Aber Bestrafung als Konsequenz, also Folge, hat etwas Willkürliches an sich, etwas Entwürdigendes. Jemand denkt sich etwas für einen Anderen aus, was der dann machen muss oder nicht darf. Das ist eher das Gegenteil von Verantwortlichkeit. Es ist übergriffig. Es geht auf Kosten der Selbstbestimmung. Es gibt Einem (oder gar einer Gruppe) Macht über den Anderen. Der kann gar keine eigene Antwort geben außer einer Selbstschutzreaktion, wenn er sich nicht unterwerfen will. Und es vermischt diese beiden Aspekte, so dass man in einer Zwickmühle landet: Ich habe Einsicht, aber ich muss mich gleichzeitig erniedrigen. Ich finde das nicht sachdienlich.
So genau sortiert das für gewöhnlich keiner auseinander. Für mich macht es jedenfalls einen riesigen Unterschied, ob ich aus freien Stücken einsichtig bin und dann aus eigener Entscheidung mein Verhalten anders gestalte, oder ob ich zum Schämen in die Ecke verurteilt werde, damit ich endlich aufhöre, irgendetwas Bestimmtes zu tun und beginne mir irgendetwas Anderes anzugewöhnen.
Mit dem Daheimbleiben sind seine drei gelben Karten nun wieder gelöscht. Er ist traurig, dass er nicht mitdurfte, aber er meint, er habe es verdient. Und er meint, er strenge sich nun mehr an und passe besser auf sich auf. Ich bin gespannt.

Woche XX | Montag, 11.01.2016

Ein Montag zum Einstampfen: Die Neuigkeit des Vorabends: Kopfläuse. Für mich also keine Aussicht auf geregeltes Arbeiten, zumal auch mein Auto immernoch in der Werkstatt chillt und ich keine Termine machen kann.
Lecker-Niedlich hat den Kopf weiterhin voll mit Schnupfen, ist als Patientin überhaupt nicht kooperativ, und ich drohe als unbezahlte Krankenschwester mit Streik. Überhaupt ist das, was wir an den freien Tagen machen, ganz und gar nicht meine Vorstellung von Familienleben: Schlafen, erholen, ausspannen. Froh sein, mal nicht loszumüssen. Das Loswollen kommt kaum auf, da ist schon wieder die Tretmühle dran. Ich habe solche Lust auf’s gemeinsame Bauen und Gestalten!
McFlitz ist gut drauf, toitoitoi, aber er ist auch nicht böse über die schulfreien Extratage, er ist auch heute am Dienstag noch zu Hause. Gestern in der Schule Bescheid sagen, dann müssen Eltern erstmal reagieren und behandeln, also gehe ich sicher und dehne die Quarantäne um einen Tag aus.
Die Traumtänzerin plagt sich mit Gedanken um die Erwartungen und Vorstellungen ihrer zukünftigen Gastfamilie im Ausland, sie befürchtet Enttäuschung über ihre wirklichen Qualitäten, wenn das, was auf dem Papier steht, zu viel verspricht. Sie tritt in meine Fußstapfen, sehe ich. Allerdings ist das vielleicht auch eine ganz gewöhnliche Phase, nur wenn sie nicht aufhört, wird’s lohnend es zu thematisieren. Also eigentlich ein sehr sympathischer Zug, wenn jemand nicht überheblich oder sehr von sich eingenommen ist, sondern aufmerksam bleibt für Diskrepanzen zwischen Traum und Wirklichkeit, eigener und fremder Wahrnehmung. Ich hoffe also, sie findet Frieden und behält Kontakt zu ihren eigenen Werten, zum inneren Schwerpunkt.
Was mich echt beschäftigt ist der Umstand, dass es so schwer ist, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Allerorts lauert die Forderung, sich in irgendein System einzupassen, sei es die Schule oder ein Arbeitsplatz oder amtliche Schubladen. Als Kranke in ein Krankenhaus zu müssen, kann ich mir nur für den Notfall vorstellen, nur, wenn ich selber gar nichts mehr kann oder weiß. Als ich meinen Autounfall hatte und einen Tag danach das Trauma einsetzte, so dass ich mich kaum zur Toilette schleppen konnte ohne schwindelig zu werden oder wegzutreten, und Schmerzen hatte, egal wie ich mich lagerte, habe ich zuerst alle anderen Register gezogen – Kügelchen, Osteopath meines Vertrauens, später noch eine systemische Betrachtung mit energetischer Integration. Und immer der Appell an meine Selbstheilungskräfte, immer der Spruch: Hey, das kann dieser Organismus alles selber, sonst wäre ich nicht hier. Ich habe schon eine schwere Geburt gemeistert, zwei Tage geackert, bis ich auf der Welt war, ich komme auch hier durch! Meine größte Schwierigkeit sah ich darin, schnell wieder auf die Beine zu kommen, damit sich die Kinder nicht ängstigen müssen und mein Mann nicht alles alleine wuppen muss. Mich dem System „Krankenhaus“ zu überantworten – nein, das verlockt mich nicht. Und blieb mir auch erspart.
Als mein großes Kind jüngst dort weilte, weil es mir in den Armen zusammengesackt ist, hatte ich durchaus Vertrauen in „das System“, es gibt Halt gebende Abläufe. Aber durch meinen Geist flitterten auch Erinnerungsschnipsel an Begegnungen mit Kinderärztinnen weniger einfühlsamer Art. Vor allem ihre Weigerung, über den medizinischen Tellerrand hinaus gehende komplexe und dynamische Zusammenhänge und Vorgänge in Betracht zu ziehen, wenn man eine Göttin in weiß vor sich hat. Diesmal hatten wir eine junge Frau, die wie ein Mensch mit Kompetenzen vor mir stand und mich damit sehr beeindruckte. Es war nichts Ernstes festzustellen gewesen bei meinem Kind, Schwindel und Ohnmacht sind nicht ungewöhnlich bei Jugendlichen. Dann kam auch noch heraus, dass der Papa das von sich kennt… Glück gehabt.
Ich tue mich auch schwer, mich beruflich der Schule zu überantworten. Und ich kann es kaum mit ansehen, wie die natürliche Lernfreude der Kinder in dem systematischen Unterrichten und Testen zerrieben, wie jeglicher eigener Impuls abgeschmettert und verstoßen wird. Der Wunsch nach Vertiefung bleibt unbeachtet, und wer das Tempo nicht schafft, muss sehen, wo er bleibt. Ich werde mich als außerschulische Lernbegleiterin zur Verfügung stellen und auf diesem Wege bei Lehrer*innen weiter für mitmenschlichen Umgang werben, Eltern ermutigen, solches immer wieder anzusprechen und einzufordern, um des Kindeswohles willen, und den Kindern den Spaß am Lernen wieder erlebbar machen…