Woche XXXII | Freitag, 08.04.2016

Eine recht familienfreundliche Woche liegt fast hinter mir – will sagen, abgesehen von ein paar Hausaufgaben hatten wir die Familienzeit für unsere eigenen Hobbys und die Schule drängte sich da nicht rein. Weder per Kopfschmerz noch per Sorgen oder übermäßiger Hausaufgaben-Zeitbeanspruchung. Einige überstrapazierte Eigenschaften müssen wir noch in Ausgleich bringen, dazu gehört definitiv die Bereitschaft, Aufträge auszuführen. Sämtliche diesbezügliche Ressourcen werden von der Schule aufgebraucht. Wenn ich meine Großen um etwas bitten möchte, dann muss ich mächtig baggern, bis sie einigermaßen bereitwillig darauf eingehen. Oder ich muss einen der äußerst selten gewordenen Augenblicke erwischen, in denen sie ansprechbar sind.
Mein Jüngster ist da wirklich das Gegenbeispiel. Zwar braucht auch er seine Zeit für sich, aber nicht in diesem schwer erträglichen Ausmaß.
Bei den Großen kommt natürlich auch die nächste Abnabelungsphase dazu, in der es darauf ankommt, sich auf neue Weise abzugrenzen, als Jugendliche und junge Erwachsene die eigene Identität neu zu definieren: viel unabhängiger und eigenständiger zu werden, und vor allem das eigene Urteilsvermögen auszubauen. Sie verlassen gewissermaßen den euklidischen Raum mit den überschaubaren eher linearen und statischen Koordinaten und treten ein in die Welt der Dynamik: die unvergleichlich größere Auswahl an Orientierungspunkten und die Komplexität von Zusammenhängen werden für sie sicht- und spürbar bei jeder eigenen Entscheidung, die sie treffen. Auch die Auswahl der Blickwinkel, von denen aus sich eine Sachlage betrachten lässt, wird größer – wenn man all dies zulässt. Alles wird infrage gestellt, was ich als Mutter sage, auch wenn es bis vor Kurzem noch einfach hingenommen wurde. Abgesehen von den manchmal schwer nachzuvollziehenden Wendungen, die das emotionale Befinden nimmt, ist die vielfältige Betrachtung der Werte eine meine Lieblings-Nebenwirkungen der Pubertät. Ein Schwerkrafttest. Eine Echtheitsprüfung. Nicht nur Werte, auch wir Erwachsenen werden auf Herz und Nieren geprüft. Lassen wir auch im Ernstfall unsere Geduld walten? Worauf greifen wir zurück, wenn wir sie verlieren? Reagieren wir bockig und versuchen die jungen Leute zu erpressen oder zu manipulieren? Respektieren wir ihre Entscheidungen und machen uns die Mühe der ausführlichen Erörterung, wenn wir nicht einverstanden sind? Können wir sie in ihrem Umbau-Wahnsinn auch einfach mal in Ruhe lassen und uns darauf beschränken, sie nur vor schlimmen Verletzungen zu bewahren? Ich denke an solche mit PS-bestückter Technik, an Drogen und allzu waghalsige Experimente. Aber die Jugendzeit ist genau dafür vorgesehen – die eigenen Grenzen kennenzulernen, Tapferkeit und Mut zu erproben. Welche Möglichkeiten bieten wir ihnen dafür?
Ich wäre gern auf eine Art Wanderschaft gegangen, so wie die Handwerksgesellen. Ich war aber an Schul- und Unibänke geschnallt und ohne ausreichend eigenen Mumm bis ich Mitte zwanzig war. Dann wurde die Aufbruchsnotwendigkeit auch für mich groß genug, um endlich aus dem Mußtopf zu kommen.
Gefühlt etwas spät.
Jemand hat einmal gesagt, mit 14 müssten die Kinder aus dem Haus. Ich denke, sie müssten auf jeden Fall wichtige Aufgaben übertragen bekommen, die ihnen Orientierung geben, worauf es ankommt. Sie müssten sich um andere Menschen kümmern, die auf ihre tatkräftige Hilfe angewiesen sind. Zum Beispiel Hilfe im Haushalt für Ältere, Lernbegleitung für Jüngere, Tierpflege, Handwerkliches, Gartenbau …
Diese Aufgaben müssten sie sich auch aussuchen können, eigene Absprachen treffen, Erfahrungen machen mit Einhaltung und Versagen, Irrtum und Erfolg. Sie bräuchten Begleitung und Erörterung. Erfahrungen mit Menschen jenseits der Familie, die die Werte der Familie bestätigen oder ergänzen oder meinetwegen sogar ersetzen könnten, bzw. die Wege ihrer Verwirklichung. Nichts ist stärker tragend für den Weg ins eigene verantwortliche Leben, als alle wünschenswerte Theorie durch Erfahrung bestätigt zu sehen. Und nichts erdet die entfesselte Fantasie mehr als echte Betätigungsmöglichkeiten. Ich erinnere mich nicht an alle Einzelheiten meiner eigenen Pubertät, aber ich war keinen Augenblick lang bösen Willens. Sicherlich eine Zumutung für mich und andere, uneinsichtig und dickköpfig zuweilen, aber auch voller guten Willens und zartfühlend. Mit großen Träumen und wildem Entschluss. Aber auch wechselhaft und höchst unsicher. Die Erinnerung daran hilft mir bei meinen Großen. In Zeiten, in denen ich so ratlos bin, dass ich denke, sie tun alles nur, um mich zu ärgern. Bis jetzt komme ich ganz gut klar.

Woche XXX | Freitag, 25.03.2016

Vor drei Monaten war Weihnachten, die diesseitige Feierlaune hielt sich in Grenzen, viel verlockender war es, diese freie, unschulverpflichtete Zeit mit den vielen Sättigungsquellen hinter den Bildschirmen zu verbringen, sich zurückzuziehen von den nervigen Verpflichtungen gegenüber anderen Menschen – jedenfalls bei den Kindern, und auch dieses Mal habe ich in den Ferien reichlich Gelegenheit, meine Angebote und Wünsche in Bezug auf die Kinder und unser Familienleben mit den Boni der virtuellen Welt ins Verhältnis gesetzt zu erleben.
Ich vermute ja meistens Flucht, wenn ich die Kiddies vorm Bildschirm sehe, aber es darf auch gern ein Fantasy-Buch sein oder Lego-Welten auf dem Wohnzimmerboden. Natürlich ist ein Treffen mit Busenfreundinnen in 3D und zum Anfassen davon kaum zu toppen, aber die Begegnung mit der eigenen Mutter schon. (Das spricht Bände, nicht wahr?)
Also Flucht ist ein Aspekt, aber was finden wir in den Tiefen des Internet, was uns das analoge Hierundjetzt nicht bieten kann?
Für meine Kinder freue ich mich, weil sie recht unkompliziert auch Freunde treffen können, die sonst immer zu Hause bleiben müssen, wenn sie sich verabreden wollen. Natürlich wünsche ich ihnen die echten Begegnungen, aber die jeweiligen Eltern haben dieses Bedürfnis nicht ganz so im Auge wie ich. Oder auch dann, wenn eben kein Bus fährt, sie sind weniger abhängig von der (fehlenden) Infrastruktur vor Ort.
Aber auch weniger abhängig von den Menschen vor Ort. Wenn hier nun einmal keine passenden Freund*innen zu finden sind – Zeit, Chemie, Interessen, Alter etc. – und somit man selbst irgendwie einsam bleibt in der Menge, dann bietet die Telefonleitung doch die Möglichkeit einer befriedigenden Verbindung. Mir selbst geht es ja auch so. Und dank dieser Schreibplattform kann ich Leute finden, die sich mit mir über meine Lieblingsthemen austauschen möchten, Leute, die widersprechen oder gleich gesinnt beipflichten – alles sehr befruchtende Impulse. (An dieser Stelle danke!!!)
Und dann der Hunger nach allen möglichen Ideen, Rollen, Experimenten! Jenseits von Räuber und Gendarm, aber nicht irgendwie doch auch wieder ähnlich. In einer Unzahl von Variationen. (Da kommt mir der Denkspruch „Alles ist Nichts, und aus Nichts kann Alles werden“ in den Sinn.)
Die Zeit, die wir miteinander verbringen, hält sich in Grenzen. Ich brötele gern mal für mich allein herum, bin froh, dabei nicht unterbrochen zu werden. Klar, als Mutter bin ich immer irgendwie im Bereitschaftsmodus, lasse alles stehen und liegen, wenn Not am Kind ist. Oder um echte Not zu vermeiden. Das hat natürlich nachgelassen, seit ich keine Windeln mehr wechseln muss. Aber die Art, wie wir diese Zeit verbringen, ist wesentlich: Vielleicht bringt Baymax das analog auf den Punkt, als er sagt, „…wenn Fliegen mich zu einem besseren Gesundheitsbegleiter macht…“ (sinngemäß). Wenn die Zeit in den persönlichen Höhlen und Welten dazu beiträgt unser Miteinander zu verbessern, dann habe ich nichts zu bemängeln oder befürchten. Wenn aber unsere gemeinsame Zeit explosiv ist, jeder irgendwie dauernd ungeduldig (re)agiert und vielleicht sogar verletzend wird, dann schiebe ich die Schuld gewohnheitsmäßig gern auf die Daddelei, die ich ja so großzügig toleriere.
Neuerdings nehme ich jedoch unser Miteinander diesbezüglich unter die Lupe: Welche Automatismen und Selbstverständlichkeiten pflege ich im Umgang mit meinen täglichen Nahestehenden, -sitzenden, und lebenden? Meine Kindheit fand statt im Kontext von Gehorsam, eine Ansage, und dann ein Mensch – ein Wort, ein Wort – eine Tat. Keine großen oder kleinen Abstufungen, nur Sanktionen bei Nichtbefolgen. Durchaus auch mündlich, in Form von „Vorträgen“, Leviten oder anderen Ansprachen, die aber fernab von Gesprächen in Gleichwürdigkeit waren. Ich war dann die Dumme oder Böse. Oder Undankbare. Es gab beschämende Strafen und unterwerfende Bedingungen, wenn ich nicht den Wünschen und Vorstellungen meiner Umwelt entsprach. Ich hatte auf der anderen Seite jedoch auch sehr viel unbehelligte Zeit, vielleicht auch weil ich mich gern still beschäftigte. Da fällt nicht gleich auf, womit. Ich dachte viel nach, hatte Fragen, kam auf Situationswitze (oft im Stillen, weil als unangemessen empfunden, wenn es von einem Kind kam) und beobachtete Ironien des Schicksals.
Meinen Kindern kann ich mit den Automatismen aus diesen prägenden Jahren nicht kommen. Ich stehe vor der Wahl, sie als vollwürdige Menschen anzusehen, die eher ruhige Begleitung und Aufklärung brauchen, oder als unmündige Unfähige, denen mit Kritik und Zurechtweisung das Leben gerettet werden muss.
Ich übe ersteres, versuche die Schwerkraft nicht aufzuheben und sie nicht in Watte zu packen, wenn ich meine Grenzen und die unserer Welt geltend mache und verständlich.
Frohe Ostern, und Großer Geist vergib uns, denn wir wissen nicht, was wir tun!

Woche XXVIII | Freitag, 11.03.2016

In dieser Woche bin ich als Mutter nicht in Schulsachen hineingezogen worden und die Schule hat nach meinem Erleben auch nicht allzu übergriffig in mein Familienleben hineingewirkt. Völlig frei sind wir natürlich nicht davon, denn nach wie vor muss die Familienzeit dafür herhalten, den Ausgleich für überstrapazierte Bereitwilligkeit zu bieten, was sich – worin sonst? – in sehr großer Zurückhaltung äußert, wenn es darum geht, hier bereitwillig an den anfallenden Aufgaben mitzuwirken. Und natürlich haben Schul-Hausaufgaben unbestritten Vorrang, wobei ich sie gleichrangig mit den Hobbys behandle und mich weigere, diese zugunsten der Schule zurückzustellen.
Ich bin überaus froh, dass McFlitz einfach gern zur Schule geht, Hausaufgaben sind Ausnahme, mal die Empfehlung, Mathegrundaufgaben zu wiederholen, mal Forschermaterial heraussuchen und in die Schule mitnehmen. Aber er darf selbst entscheiden, wie viel er machen will. Jetzt ist ihm mal aufgefallen, dass er so lange fürs Schreiben braucht, und er hat überlegt, jeden Tag Tagebuch zu schreiben. Zur Tat ist es noch nicht gekommen, ich werde ihn am Wochenende fragen, was er nun diesbezüglich vorhat. Ich staune immer wieder, mit welchen eigenen Überlegungen meine Kinder zu ihren Entschlüssen kommen, und wenn diese nicht aufgesetzt sind, mit welcher Hingabe sie sie umsetzen. Das betrifft auch schulische Bereiche, wenn diese nicht durch Antipathien besetzt sind.
Zenzen Shirimasen wird von den pubertären Umbaumaßnahmen durchgerüttelt und ich gebe zu, mich rüttelt Einiges mit. Ich hätte gern mehr Abstand, ich werde dran arbeiten. Auch die Abwesenheit der großen Schwester bedeutet eine große Umorientierungsaufgabe. Es ist, als ob eine Wand, an der man sich gewohnheitsmäßig abstützen oder orientieren will, plötzlich nicht mehr da ist. Man greift oder starrt ins Leere und kommt ins Taumeln und Grübeln. Nun ist unser Auslandsmädchen keine Wand, aber Maßstäbe hatte es durchaus gesetzt. Selbstsicher. Beständig.
Schule ist nun mehr ein Thema, das ich aus reinem Interesse betrachten konnte in der vergangenen Woche, ich kann mich ihm von mir aus zuwenden – eine völlig andere Qualität. Ich kann aus Neugierde hinschauen, ich muss nicht auf irgendwelche Notstände reagieren. Das macht den Blickwinkel weiter und setzt auch bei mir selbst kreative Ansätze frei, wie ich sie unterstützen und bereichern könnte. Auf jeden Fall kommt das Gefühl der Dankbarkeit auf, dafür, dass mein kleines großes Kind dort einen Ort und Hort des Lernens, der Begegnung und des Miteinanders findet. Und ich kann mich um unser Familienleben scheren. Um unsere Werte jenseits der erste-Hilfe-Einsätze für meine geschundenen Jungen.
Meine große Große scheint glücklich zu sein in ihrer Wahlheimat für ein knappes Jahr. Falls du hier mal schmökern solltest: Hab dich lieb und drücke dich an mein Herz! Grüße deine Gasteltern und -geschwister herzlich von mir und danke ihnen in meinem Namen für ihre Fürsorge! DANKE!
Mädchenschule, Schuluniform, eine exotische Alltagssprache, vom 20-Seelen-Ortsteil in eine Hauptstadt-Metropole. Aus einer konfessionslosen Familie in eine kirchliche Gemeinschaft.
Ich selbst: ständig in Bewegung, auf Auftragssuche, mit ersten Hoffnungsschimmern. Ich genieße die Windstille dieser Tage, die milden Sonnenstrahlen. Ich schlafe tief und fest und eher viel. Ich habe gesehen, was das Zurechtstutzen eines Kindes anrichtet. Ich bin da sehr sensibel, ein Seismograf. Und ich finde Möglichkeiten, mich für den Wandel einzusetzen, sogar beruflich und nicht mehr nur ehrenamtlich oder privatvergnüglich. 🙂

Woche XXVII | Montag, 29.02.2016

Da die Schule also nun kaum noch für Alarmstimmung und entsprechenden Ersthelferhandlungsbedarf sorgt, kann ich mich wohl verstärkt dem Boden widmen, der den unliebsamen Symptomen die Nahrung liefert. Ich sehe die Schule nicht als ursächlich an, das habe ich in der „Gewaltfreien Kommunikation“ zu schätzen gelernt. Täte ich es, könnte ich nie aus dem Schlamassel finden, solange die Schule nicht gnädig sein möchte. Ich fühle mich lieber als Gestalterin, damit liegt alles in meiner Hand.
Ich sehe sie allerdings als auslösend an, als Hinweis auf anstehende Aufgaben. Was nicht bedeutet, dass ich alles gutheiße, was sie mir an Gelegenheiten bietet. Ich bin durchaus bereit, das Herangehen dieser Institution an die Bildung unserer Kinder in Frage zu stellen, da sie uns vor Aufgaben stellt, die nicht im Rahmenplan verankert sind, und für die sie uns auch keine Strategien an die Hand gibt…
Ich nehme nun unser Miteinander innerhalb der Familie in den Fokus. Auf welche Weise fordern wir uns, was wollen wir voneinander… Mir ist wichtig, die Bedürfnisse zu erkennen, die hinter dem Hunger stecken, und die Wege zu erforschen, die zu ihrer Stillung führen, und die Kriterien zu entdecken, an denen wir uns orientieren können. Das stelle ich mir als Alternative zu einem Leben nach Vorschrift vor – auch wenn die Vorschriften Gutes bieten: mir sind sie lieber als Anleitungen oder Empfehlungen, bei denen es mir freisteht, ob ich sie befolge oder meine eigenen Experimente und Erfahrungen mache. Ich glaube, wenn wir einander das zugestehen können, ich den Kindern, meinem Mann, und sie mir, dann sehen wir uns als gleichwürdig. Und wenn es uns gelingt, einander in Geduld und Zugewandtheit Rückmeldung zu geben über die Auswirkungen unseres Auftretens, dann können wir bestimmt alle ganz viel voneinander lernen!

Woche XII | Freitag, 20.11.2015

Alle sind körperlich gesund und an ihren jeweiligen Arbeitsplätzen, auch ich, aber wie gehabt rein ehrenamtlich. Ich mache mir viele Gedanken über den Wert von Arbeit, bezahlte, unbezahlte, frei, angestellt, … Wie kann es z.B. sein, dass Pädagog*innen von der Arbeit mit meinen Kindern leben können und ich nicht?
Alles, was die Welt im Innersten zusammenhält, wird ehrenamtlich geleistet, will mir scheinen, und die Lohn- und Gehaltsarbeit darf in einer Art und Weise organisiert sein, die dieses Werk wieder einreißt und zerstört? Den Flüchtlingen wird ehrenamtlich geholfen, aus Steuermitteln finanzierte Fürsorge zuteil, unsere Herzensqualitäten der Einfühlung und Solidarität fließen von Natur aus. Auf der anderen Seite ziehen ganze Wirtschaftszweige privatisierten Vorteil aus dem Geschehen, Waffen und Kriegs-Knowhow werden meistbietend verhökert, aus Spenden finanzierte humanitäre und medizinische Hilfsgüter füttern die Lebensmittel- und Pharmakonzerne fett und letztlich profitieren auch die Agrar-Riesen von der Zerschlagung sozialer Strukturen und können ihre patentierten Sorten und die ganze damit verbundene Chemie an den gepeinigten Mann bringen. Ganz zu schweigen von der Militarisierung unserer Kinderzimmer mit diesen tollen bunten Plastik-Kalaschnikoffs und den virtuellen Kriegsspielen und den Gewinnen, die damit gemacht werden…
Ich fühle mehr denn je mit Hannah Ahrendt und ihrer Beobachtung, dass sich die Handelnden hinter Amtssprachen verstecken und die Verantwortlichkeit in ihren Strukturen zerbröseln. Aber ein jeder lebender Mensch handelt immer aus eigener Entscheidung, es geht gar nicht anders, und wenn er sich weigert sein Tun zu betrachten, dann ist auch das seine Entscheidung. Und wenn er sich weigert anzusehen, was sein Handeln für Folgen zeitigt, stellt er sich der Ignoranz und Arroganz anheim. Und wenn er sich weigert, auf seine eigenen Bedürfnisse zu achten und wahre, gute und schöne Stillungswege zu suchen, darf er sich dann als Krone der Schöpfung betrachten? Ich sehe da eher ein Zahnrad.
Es ist kindtypisches Verhalten, die Augen zuzuhalten und dann zu denken, wenn ich es nicht sehe, gibt es das nicht. Oder gar – dann bin auch ich nicht da. Nichts für etwas zu können, hat wenig mit Erwachsensein zu tun. Wir er-wachsen – im besten Falle – aus unserer Hilflosigkeit, wenn wir als Kinder immer mehr lernen, uns selbst mit dem Nötigen zu versorgen, selbst zu sitzen, laufen, die Stullen zu schmieren, zu lesen, schreiben, rechnen – denken und unsere Gefühle richtig zu deuten. Und irgendwann können wir alles selber, was uns die Eltern bis dahin liefern mussten, um unser Leben zu sichern, und wir können auch selber für Kinder sorgen.
Nun ist es an uns, sozial-emotional erwachsen zu werden und ENDLICH! aufrichtig zu unserem Friedenswillen zu stehen. Unsere Impulse zu regulieren und lebensförderliche Strategien zu finden, mit ihnen umzugehen. Die Konflikte – einander gegenseitig als Menschen anerkennend und wertschätzend – beizulegen und uns für ein aufgeschlossen-kennenlernendes Miteinander zu ENTSCHEIDEN.
In meiner Arbeit als Elternvertreterin geht es mir genau darum: mit allen Beteiligten gemeinsam auf die Schwierigkeiten zu schauen ohne den Umweg der Verstärkung der Konfrontation. Denn wenn wir nicht leben und lernen, um das Leben zu verbessern und einander dabei zu helfen, dann weiß ich auch nicht wozu. Und hier können dann wirklich alle Ersatzbefriedigungen identifiziert werden, alle Pseudo-Stillmittel und gleich auch die den Frieden untergrabenden und verhindernden Faktoren. Lebensentfremdende Kommunikation gehört gleich an erster Stelle dazu. Ich erarbeite mit einigen anderen Eltern gerade Angst- und Stressauslöser an unserer Schule, um sie sichtbar zu machen und auch die sich verbergen wollende Natur des Scheiterns. Deshalb ist es nicht offensichtlich, dass die Kinder sich bedroht fühlen. So etwas zu zeigen bedeutet, sich gleich einer weiteren Gefahr auszusetzen – dem Eingeständnis des Versagens und damit der Lächerlichkeit, Beschämung, Beschuldigung und gar Bestrafung. Was wunder, es stellt sich heraus, dass insbesondere die Bemerkungen von Mitschüler*innen und Pädagog*innen einen solchen Faktor darstellen, genau, wie es in der „Gewaltfreien Kommunikation“ beschrieben ist. Aber wenn ich diese Formen beiseite schiebe und auf die Rufe des dahinter verbarrikadierten und eingesperrten Herzens lausche, ihm Klopfzeichen meines Herzens zurücksendend, dann offenbart sich mir das Wunder der Abrüstung, der Nacktheit und Verletzlichkeit, die uns allen gemeinsam ist. Und der Wärme, wenn wir uns aneinanderschmiegen in der gemeinsamen Suche nach Lösungen und der Zusammenarbeit an den Baustellen des Lebens. Statt im kalten, Wärme ableitenden Metall unserer Schutzpanzerungen einzeln zu erfrieren.
Meinen Kindern schenke ich „geteilte“ Aufmerksamkeit: die kritische, auf das Nichtfunktionieren gerichtete, sortiere ich in bedingungslose Zuwendung und, wenn dieser Tank wieder aufgefüllt ist, beratende Begleitung, falls überhaupt nötig. Seit ich sie einfach in den Arm nehme, wenn sie nicht üben wollen oder Haushaltsaufgaben ablehnen oder anderweitig im „Willaber(nicht)“-Modus feststecken, und nicht wie bisher zähneknirschend an ihrer Stelle oder mit ihnen zusammen die ungeliebten Aufgaben erledige oder sie dahin schiebe, etwas von mir Gewünschtes zu tun, kommen viele Dinge wieder an ihren richtigen Platz. Wenn die Liebe wieder da ist, dann belebt sich auch die Lust zum Klarinettenspiel, zum Kochen, Aufräumen und Putzen oder zu einer Wanderung mit dem Hund an der frischen Luft.
Einfach nur mal Liebhaben ist das Rezept. Ohne Wenn und Aber.
Kommt alle in gutem Miteinander ins Wochenende und gebt Klopfzeichen von Herz zu Herz. Danke für Eure Anteilnahme und -gabe und schreibt weiter!!!

Woche VI | Freitag, 09.10.2015

Ich habe die Mädchen zur Schule gebracht, sie scheinen keine ernsthaften Sorgen zu haben. Kkumhada war ein bisschen traurig, weil gestern ihre Fahrstunde mit häufigem Motor-Ausgehen angereichert war, sie im Nachgang jedoch nicht mit dem Fahrlehrer auswerten konnte, woran das gelegen haben könnte. Oishi-Kawaii hat tatsächlich öfters in ihr Tagebuch geschrieben und kann das als wohltuende Möglichkeit empfinden. Auch unterhaltsam, jedenfalls die Lektüre älterer Einträge. Sehr wortkarge. Das Tagebuch als Ort des Selbstausdruckes, des stillen Übens und Betrachtens. Des Denkenlernens, des Gefühle-Wahrnehmens.
Hatte ich früher auch gemacht. Und beim Schreiben meines Elends ist mir mit der Zeit so übel geworden von dem ganzen Gejammer, dass ich begann, die Verbesserungen herbei zu schreiben. Mir neue Sichtweisen zu erschreiben und damit Lösungswege zu eröffnen.
Die Mädels machen sich also anscheinend beide recht gut, ich erlebe sie ja nur, wenn die Luft schon raus ist. Und ich spüre jetzt schon viel eher, wenn sich der Trott des funktionierenden Tagesplanes einschleicht, wie wenig wir miteinander um- und aufeinander eingehen. Jeder arbeitet sein Pensum Hausaufgaben, dann das Ruhebedürfnis, Rückzug. Von Familienleben kann kaum die Rede sein. Immerhin ist keine*r krank. Ich nehme sie in den Arm, wenn ich mich darauf besinne, wie wir aneinander vorbei oder nebeneinander her leben. Ich rappele mich auf zum Vorlesen und geselligen Palaver. Ich träume von Gemütlichkeit und gemeinsamer Arbeit daran.
McFlitz kommt gerade sehr gut zurecht. Er und seine Mitschüler haben jetzt „Lesekinder“ in der ersten Klasse, jedes Pärchen sucht sich ein Plätzchen und der Große liest dem Kleinen was vor. Wenn das nicht Lernen fürs Leben ist! Er hat gestern in unserer Küche den Uroma-Ofen angeheizt, so dass wir in trauter Zweisamkeit schwatzen, Feuer hüten, kochen und essen konnten, am Ende begann er noch von sich aus, seine Geschichte in den PC zu tippen, die er in der Schule geschrieben hat und nun seinem Freund in Sachsen schicken will. Der ist jetzt in die Schule gekommen.
In dieser Woche hat unser Kreistag die Kostenübernahme für diejenigen Schulpflichtigen gestrichen, die nicht die örtlich zuständige Schule besuchen. Es ist mir unverständlich, wie das eine „freiwillige Leistung“ der Kreise sein kann! Eine Zwickmühle, in die der Staat seine Bürger nimmt: die eine Instanz zwingt uns in die Schule und ruht sich auf einem überalterten Herangehen aus, ignoriert das Wohlergehen der Kinder, eine andere Instanz setzt die Daumenschrauben an und macht den Weg in eine modernere Schule immer ungangbarer für die Finanzschwachen. Zumal es Leistungsträger*innen trifft, die ihre demokratische Betätigung auf ein Minimum beschränken, weil sie so viel arbeiten müssen, mit ihren Steuern das rostig-starre öffentliche Schulwesen mitfinanzieren und sich den Luxus einer privaten Schule leisten, damit die Kinder heil bleiben, die Schule läuft (eine Sorge weniger) und man Geld verdienen gehen kann. Oder so wie ich – die aus Gesundheitserfahrungen nicht mehr ohne weiteres „anschaffen“ gehen können, dafür umso mehr ehrenamtlich Einfluss zu nehmen versuchen (denn die wirklich wichtigen Arbeiten werden nicht mit Geld entlohnt) und in der Schleife abwärts in Richtung Armutsgrenze trudeln. Ein Engagement, das von den Erwerbstätigen nicht honoriert wird, wenn überhaupt wahrgenommen. So ist die Streichung der Busfahrkarten und Fahrtkostenzuschüsse wieder eine Quelle der unentgeltlichen Beschäftigung mehr, die ein Leben in Angstfreiheit und jenseits vom Daueralarm weiter in die Ferne rückt. Kein Wunder, dass Eltern ihre Kinder viel mehr beschützen wollen als vordem, ihren Kindern die Möglichkeiten eines erfolgreichen Lebens erschließen möchten, wenn sie schon nicht Gerechtigkeit und Achtsamkeit als gesellschaftlichen Konsens vorfinden, der uns allen die Sicherheit gibt, dass wir und unsere Nachkommen gut versorgt sind. Und sich dafür das Etikett „Helikoptereltern“ gefallen lassen müssen.
Extreme Umstände treiben eben unglaubliche Blüten, und der Lotus wächst im Morast…
Ich gehe voller Gedanken ins Wochenende, wieder traurig über meine Feigheit, wirklich die Schulpflichterfüllung zu verweigern, traurig, wie wenig es um Gemeinschaftlichkeit geht in den demokratischen Gremien, wie groß die Gier der Geldhorter, Landgrabscher, globalen Konzerne und die Missgunst der Zukurzgekommenen sind und wie sehr sie die Entscheidungen der Volksvertreter*innen vom Gemeinwohl weglotsen. Ich hoffe, dass wir bald gewahr werden, dass das gemeinschaftliche Prinzip mindestens gleichwürdig neben dem Wettbewerb zum Tragen kommen muss, wenn nicht gar viel mehr, zumindest bis die Wunden geheilt sind.

Kurzmitteilung

Vertrauen ist gut, …

… Kontrolle ist besser?
Wenn blindes Vertrauen gemeint ist, würde ich sagen, JA.
Vertrautsein ist mir aber jedenfalls lieber, es bringt mich in Verbindung, ich lerne kennen, kenne mich aus, der/die Andere umgekehrt genauso. Es ist gegenseitig, auch wenn beide zu unterschiedlichen Ergebnissen und Schlussfolgerungen kommen mögen. Das kann aufschlussreich werden, wenn man sich auch darüber austauscht, feedbackt.
Kontrolle empfinde ich bedrohlich. Wer mich kontrolliert, muss sich nicht mit mir verbinden. Er/Sie kann mir fremd bleiben und damit unvertraut. Freund oder Feind? Vielleicht steht diese Frage gar nicht. Eindeutig Feind. Mich kontrollieren und dabei die Verbindung verweigern – das ist feindlich. Aber auch Kontrolle ausüben und dafür Verbindung vortäuschen, Vertrauen erwecken. Es wird in dem Moment gebrochen, wo Kontrolle Statt findet. (Es fühlt sich für mich beschämend an. Ich habe vertraut. Mich geirrt. Mir wird misstraut.) Es schließt sich aus. Ja Kontrolle und Vertrauen, das sind wohl zwei unterschiedliche Haltungen. Unvereinbar miteinander.
Kontrolle im Sinne von Lenkung, Machtausübung ist dann noch weniger ein Akt der gleichwürdigen Zusammenarbeit…

Auch deshalb sind Teste und Klassenarbeiten in der Schule asozial bzw. verletzen die Menschenwürde. Wie seht ihr das? Kennt ihr Leistungserhebungen, die glückbringend sind?

Kurzmitteilung

Werte,

die mir so wichtig sind, dass ich Alpträume von ihrem Verlust bekomme.
Unsere Welt ist schwer in Bewegung, Menschen aus anderen Kulturkreisen sind auf der Flucht vor Menschen mit wiederum anderer Kultur. Aus ideologischen Gründen dreschen sie auf andere, aufeinander ein. (Vielleicht mit dem stillen Einverständnis der Finanz- und Wirtschaftsheinis, die die Welt unter sich aufteilen und die schmutzige Arbeit dem „Pack“ überlassen. Hey Leute, kommt zur Besinnung!!! Ihr seid Puppen im Theater!)
Worum fürchte ich? Ich fürchte für mich als Frau und für meine Töchter, dass wir die Freiheit, mit der wir durch den Teil der Welt tanzen können, der das zulässt, verlieren könnten. Dass wir unsere Selbstbestimmung aufgeben müssen, die wir in unserer Familie und im Freundeskreis und in Deutschland und einigen anderen Gegenden leben können. Und dann sehe ich mich um: Es gibt auch hier genügend Beispiele von Gewalt gegen Frauen! Frauen, die still ertragen. Die sich nicht trauen, dagegen aufzubegehren. Die keinen kennen, der sie ermutigt, sich nicht alles gefallen zu lassen.
Da ist meine Angst wohl berechtigt. Wenn ich so ein seltenes Privileg habe. Und es nicht nutze, um auch anderen Frauen Teilhabe zu verschaffen.
Ich werde mir eine stärkere Basis schaffen, indem ich die gepeinigten Frauen ermutige! Indem ich mich mit anderen freien Frauen vernetze (unsere Freiheit fördert ja auch eine Individualgesellschaft ohne inneren Zusammenhalt, jedenfalls habe ich hier Nachholbedarf) Und diejenigen Männer würdige, die den Mumm haben, sich der vollen weiblichen Kraft und ihren Abgründen zu stellen, ohne sie fesseln, einsperren und quälen zu müssen! (So wie meiner :). Danke!)

Woche IV | Montag, 21.09.2015

„Mama, wann gehst du arbeiten?“, fragt mich meine Oishi-Kawaii am Frühstückstisch und meint damit Erwerbstätigkeit. Ich sage, ich arbeite die ganze Zeit, nur dass ich eben kein Geld dafür bekomme. Der Stellenwert der Erwerbstätigkeit ist durch nichts zu toppen. Traurig, oder? Auch wenn ich bedenke, mit welchem Geiz sie entlohnt wird. Unsere Sparsamkeit führt dazu, dass wir uns die Arbeit unserer Nachbarn nicht leisten wollen/können(?), ganz zu schweigen unsere eigene!, und lieber die Menschen am anderen Ende der Welt für uns bluten lassen.

Jedenfalls, wenn wir Geld als einziges Tauschmittel betrachten und uns dann selbst nicht mehr einräumen füreinander zu arbeiten. Oder gar miteinander! Die Tomaten im Laden sind billiger als wenn ich sie selber im Garten ziehe. Ich könnte sie niemals verkaufen und Mindestlohn dafür erhalten.

Eine andere Sorge bedrückte sie schon gestern abend: Heute wird ein Test geschrieben in einem Fach, in dem sie wegen Krankheit nicht aktiv teilgenommen hatte, und also nur weiß, was sie durch Abschreiben der verpassten Inhalte aufnehmen konnte. Worum fürchtet mein Kind? Um sich selbst? Dass ihm Schlimmes widerfährt? Eine schlechte Note? Versagen? Droht vielleicht darüber hinaus Beschämung? Ich habe ihr gesagt, dass sie von uns nichts zu befürchten hat, dass ich eher sehe, wie die Schule mal wieder versagt, wenn sie die Kinder vor solche Aufgaben stellt, ihnen aber gleichzeitig nicht ausreichend Zeit zur Beschäftigung mit der Materie einräumt, eben bis auch mein Kind ein sicheres Gefühl hat, die Herausforderung meistern zu können. Es wird ungefragt getestet. Wie ein Objekt. Was bleibt mir sonst zu sagen? Ich versuche für Gelegenheiten zu sorgen, in denen meinem Kind die Erfahrung von Kompetenz möglich ist. In denen es sich als lebensfähig bestätigen kann, als in der Lage, es hinzukriegen. Wir brauchen dazu keine Tests. Wir merken es daran, ob es „hinhaut“.

McFlitz konnte gestern abend auch keine Ruhe finden. Er hatte noch kein Geburtstagsgeschenk und fühlte sich schlecht, so ganz ohne etwas in der Hand für seinen Papa. Ich kenne dieses Gefühl gut. Bei mir kommt noch dazu, dass ich unter allen meinen Ideen keine ausmachen kann, mit der ich einfach so zufrieden bin. Ich rede mir und McFlitz zu: das Wichtigste sind die guten Gefühle für einander. Die Achtung und Wertschätzung jeden Tag. Nimm deinen Papa doch einfach in den Arm und gib ihm ein Küsschen. Sag ihm, wie lieb du ihn hast. Plötzlich sprudeln die Ideen für weitere liebe Aufmerksamkeiten und wir könnten ohne weiteres einige Wochen lang ein Geschenk nach dem anderen hervorbringen… Er sagte, morgen in der Schule könnte er ja was für Papa machen. Ist das nicht ein Traum? Die Schule als Ort für wirklich relevante Arbeit? (Leider meinte er den Hort. Aber den Traum haben wir tatsächlich schon mal gelebt, bevor ich in der Erschöpfung landete.)

Kkumhada ist anscheinend ganz entspannt in die Woche gestartet. Sie hat noch immer einen guten Schutzschild um sich, durch den nur Sachen herein dürfen, die sie sich selbst ausgesucht hat. Und sie ist wählerisch. Ich hatte in der Vergangenheit wiederholt den beinahe unbezähmbaren Impuls, ihr ihren Eigensinn kräftig auszutreiben, konnte mich aber immer noch weitgehend beherrschen. Schließlich ist er der Schlüssel zu ihrer Unversehrtheit. Unverstörtheit. Jetzt sehe ich die Aufgabe darin, ein gutes Maß zu finden, die Öffnung so „einzustellen“, dass der Schild nicht zu einem Gefängnis werden muss oder seelische und geistige „Mangelernährung“ bewirkt, aber eben auch nicht alles einfach so hineinstürmen kann, was der Rest der Welt gerne mal loswerden will. Rapunzel wird in ihrem Turm nur mit dem „gefüttert“, was ihre Entführerin erlaubt, sie hungert nach der Welt draußen. Mein Kind schaut ebenfalls weit in die Ferne, wo es sich das wahre Leben erhofft. Habe ich es verloren? Wer ist seine eifersüchtige Bewacherin und meldet Ansprüche an/auf es an? Womit haben wir diese Ansprüche geweckt? Mit unserem Gelüst nach Früchten aus dem fremden Garten? Mit unserer Erwerbstätigkeit? Anstatt unseren eigenen Garten gut zu bestellen? Könnten wir es? Wüssten wir, wie es geht?
Vor uns liegt eine Woche, in der wir unseren eigenen Garten wieder hintanstellen werden: „Arbeiten gehen“, Hausaufgaben aus der Schule, Elternabend, Schulfest, Geburtstagsprogramm. (Echt jetzt??? Ja. Die Hoffnungen der Eltern erfüllen. Ich habe mich noch gar nicht gefragt, wie ich es eigentlich gern für meinen Liebsten machen würde!) Dann die Rehas: Abschalten, Essen und Reden, Schlafen. Eigener Garten: Tanzen, Chor, Fahrschule, wenn wir dafür nicht zu erschöpft sind. Spielen, Vorlesen, Bauen und Basteln wage ich gar nicht zu nennen. Das müssen die Kinder allein machen.

Woche III | Montag, 14.09.2015

Ich habe das Wochenende einmal mein schlechtes Gewissen ignoriert und getan, was mir wichtig ist. Das bedeutete zwar, dass ich kaum mit meiner Familie zusammen war, aber auch, dass ich ihnen mal nicht vorlebte, wie man sich ständig bremsen lässt und von seinen Werten abhalten, um andere Werte (übertrieben?) zu würdigen. Im Klartext: Die Fürsorge für meinen (auf mich etwas allergischen) Nachwuchs habe ich auf Nachfrage und Anregungen beschränkt. Allerdings nicht durchgehend, einmal habe ich vehement auf Inhalieren bestanden, als ein „Willabernicht“ die Oberhand gewann über meine schniefende und hustende Tochter, die hier unter dem japanischen Lecker-Süß firmiert, Oishi-Kawaii. Ich habe „Willabernicht“ und „Magaber“ zu inakzeptablen Gesprächspartnern erklärt, und immer wenn sie zum Vorschein kommen, breche ich die Erörterung ab, die dann ohnehin gar nicht mehr möglich ist. Das hatte ich vor einiger Zeit noch nicht so erkannt und mich aufgeregt oder auf einen sinnlosen Kampf eingelassen. Aber ich bin noch selbständig erkenntnisfähig und konnte das jetzt also durchschauen. Seit ich hierin Klarheit habe, geht es uns allen besser. Ach ja, die Kinder hatten ihren Papa zur übrigen Versorgung zur Verfügung. Die Verwahrlosung blieb also in Grenzen (nehme ich an ;)).

Ich kann daher gar nicht viel über das Wohlergehen der Kinder berichten, mir stellt sich die Lage nach wie vor ungesund dar, meine Oishi-Kawaii werde ich heute zu Hause haben, bei McFlitz überlegte ich, ob ich ihn überhaupt in seine Läuse-heimgesuchte Schule schicke. Diese Massen-Haltung der Kinder in Schulen und Klassen ist vielleicht auch ein Thema für Kinderschutz. Wobei McFlitz nur 17 weitere Lernbeauftragte neben sich hat. Das Immunsystem bekommt hier jedenfalls auch seine Hausaufgaben. Mich nervt dabei, dass ich verpflichtet bin, über seine Abwesenheit Rechenschaft abzulegen, wegen des Anwesenheitszwangs und der Schulpflicht. Das hat nichts mit Verantwortlichkeit zu tun, das ist Vorschrift und Gehorsamsforderung. Dazu der ewig währende Wettbewerb und Leistungsdruck, der unweigerlich aufkommt, wenn im Gleichschritt gelernt werden soll.

Meine Große, ihr Name hier sei Kkumhada (koreanisch für Träumen), „krankt“ nicht körperlich, zeigt mir für ihr Teil nur „die kalte Schulter“. Das sei ihr zugestanden, denn ich denke, sie tut es aus Selbstverteidigung. Ich bin nicht immer eine Kuschelmama geblieben und wir stecken nun wohl wieder in einer Art Geburt, als was ich die Pubertät geneigt bin zu betrachten. Es könnte schlimmer sein, es könnte Gift und Galle geben oder gar tätliche Auseinander-Setzungen. Glücklicherweise bleibt es bei uns ganz gemäßigt bei friedlichem Aushandeln. Ich halte in diesem Zirkus die ellenlangen Vorträge und tanze durchaus auch einmal wie Rumpelstilzchen…

Ich war also Samstag und Sonntag Gutes Beispiel dafür, sich nicht vom Wahren, Guten und Schönen abhalten zu lassen und unterstützte ehrenamtlich mein Lieblingsprojekt: einen Ort, an dem Kulturaustausch und Achtsamkeit gepflegt werden, wo Menschen wirken, die mithilfe von Kunst und Literatur Raum zum Nachdenken und -empfinden geben. Mit denen ich auf eine Weise zuammenarbeiten kann wie sie mir heilsamer nicht denkbar ist. (Nun müsste man nur noch davon leben können!) (Und das wäre gar nicht teuer, nur Essen, Trinken, Kleidung, Obdach, Heizung, Mobilität. Was braucht man da schon, wenn man glücklich ist?) Wie ich mit Freude zu ungeahnter Höchstform auflaufen kann! Was ich da alles schaffe! Und wie lebensfroh ich noch bin, während mir vor Müdigkeit die Augen zu fallen! (Oh Mann! Wie blockieren wir die Lebenskräfte mit unserer Alltagskultur! Und wie kaputt sind wir am Ende des Tages, anstatt rechtschaffen müde mit einem breiten Grinsen im Gesicht einzuschlafen.)

Ich werde als nächstes mein Gehorsamsproblem angehen und mich davon emanzipieren. Oder einfach heilen. Ich hoffe, ich lerne Vorschläge zu machen, die annehmbar sind (meine Kinder sind da die Jury), und das zudem auf eine Art und Weise, die annehmbar ist. Ja, das ist wohl manchmal der eigentlich springende Punkt. Vielleicht finden sich dann hier vor Ort auch mehr Mitstreiter*innen für die Verbesserung des Schullebens? Irgendwie strahle ich wohl etwas Zwanghaftes aus, was wenig einladend wirkt. Es kann also noch besser werden, und ich bin neugierig auf das Kommende!

Ich bin dankbar für dieses Wochenende, es war angefüllt mit Lachen und Heiterkeit und randvoll mit emsiger Arbeit neben wohliger stiller Besinnung. Ich habe gesungen und Tee getrunken.