Woche XIII | Montag, 23.11.2015

Ein zauberhafter Start: über Nacht ist etwas Schnee gefallen. Draußen sind Feld, Wiese und Bäume mit etwas Weiß überpudert. Dieser Erste bewegt mich immernoch und bringt mich zum Staunen. Ich fühle mich wie ein personifiziertes Oh! und Ah!
Wir sind alle gesund und an unserer Arbeit. Das Wochenende hat mir interessante Gespräche und Beobachtungen und damit Stoff zum Nachdenken beschert. In der Schule war Elternsprechtag, ich hatte keine eigenen Termine vereinbart, gesellte mich einfach in das SchülerCaf´e und plauderte mit den Pädagog*innen. „Druck müssen wir aber auch machen“, ist ein Spruch, den es immer wieder zu hören gibt. Ich bin jetzt ganz klar in dieser Hinsicht geworden: Kinder brauchen nicht Druck, sie brauchen Schwerkraft. Wichtigkeit, Bedeutung, Sinn. Muskeln, Sehnen, Knochen – das alles brauchen wir, um der Schwerkraft der Erde etwas entgegenzusetzen. Und ihre Benutzung macht sie besser, bewirkt die Produktion von Botenstoffen in unserem Körper, die uns verlocken, weiter zu trainieren. Naja, nur, wenn freiwillig. Bzw. sonst werden diese Botenstoffe gleich wieder verbraucht, um die Verletzungen der eigenen Intergrität zu reparieren. Oder so.
Es ist sinnlos, das mit Noten zu bewerten.
Genauso die Musikalität eines Menschen.
Oder seine künstlerische Begabung.
Oder oder.
Und fürs Lernen braucht es Sinn, Wichtigkeit – JA! aber Druck??? Die Schwerkraft heißt hier dann vielleicht Werte, wenn etwas als Schatz betrachtet wird, wahrhaftiglich, dann muss es niemandem eingeprügelt werden, oder? Lasst die Schulen zu Schatzkammern werden!
McFlitz hatte Chorwochenende und war begeistert. Die Chorleiterin versuchte, das mit Worten zu fassen, was Kindern an so einem Wochenende angedeiht. Sie singen zusammen, stellen sich aufeinander ein und gliedern ihre eigene Stimme in den Gesang. Sie hat beobachtet, wie die gegenseitige Achtsamkeit zunimmt und die Kinder beginnen, füreinander Verantwortung zu übernehmen, Unterstützung für ein gemeinsames Leben zu leisten.
Kkumhada kam mit zum Abschlusskonzert, ich staunte über ihre Aufgeschlossenheit und ihren Wunsch, beim ersten Auftritt ihres kleinen Bruders dabei zu sein, Oishi-Kawaii dagegen zog es vor, für sich zu Hause zu bleiben. Sie hatte drei Tage lang ein Wechselbad der Gefühle durchwatet: Geplant war ein Ausflug nach Berlin mit ihrer Freundin. Deren Eltern wollten das dann aber nicht, wegen der Attentatsgefahren. So blieb es bei einem Bummel-Gang durch eine näher gelegene Stadt. Das konnte sie dann schlussendlich auch froh genießen und kam am Samstag Abend glücklich wieder nach Hause. Der nächste Wermutstropfen ließ nicht lange auf sich warten, ein größeres Treffen mit Freunden am Sonntag Morgen drohte für sie zu scheitern wegen des Zeitplanes der Eltern ihrer Freundin…
Wenn ich mir Konzerte meiner Kinder ansehe, kommen mir immer die Tränen der Rührung. Sicherlich hängt das auch mit meinen eigenen Erinnerungen an Chorerlebnisse zusammen, aber mitzuerleben, wie aus dem eigenen Kind ein aufgeregtes, frohes, Musik machendes Wesen in einer Gemeinschaft wird, das eine Bühne bekommt und sein selbst geübtes Können beitragen und zeigen darf, treibt mir die Wasser der Glückseligkeit durch die Schleusentore. Nicht nur das Musizieren selbst ist unschätzbare Medizin, auch das in einer Gruppe gelebte Miteinander schafft Einsamkeit ab und bietet Berührungspunkte. Natürlich vorausgesetzt, dass genau das auch zum Kriterium erhoben wird…
Heute also weiß und mit Sonne, die die unzähligen Schmelzwassertropfen an den Sträuchern und Bäumen zum Glitzern und Funkeln bringt. Auch mein Gemüt ist sonnig, und ich spanne die Segel auf, um das Licht einzufangen.

Woche XII | Freitag, 20.11.2015

Alle sind körperlich gesund und an ihren jeweiligen Arbeitsplätzen, auch ich, aber wie gehabt rein ehrenamtlich. Ich mache mir viele Gedanken über den Wert von Arbeit, bezahlte, unbezahlte, frei, angestellt, … Wie kann es z.B. sein, dass Pädagog*innen von der Arbeit mit meinen Kindern leben können und ich nicht?
Alles, was die Welt im Innersten zusammenhält, wird ehrenamtlich geleistet, will mir scheinen, und die Lohn- und Gehaltsarbeit darf in einer Art und Weise organisiert sein, die dieses Werk wieder einreißt und zerstört? Den Flüchtlingen wird ehrenamtlich geholfen, aus Steuermitteln finanzierte Fürsorge zuteil, unsere Herzensqualitäten der Einfühlung und Solidarität fließen von Natur aus. Auf der anderen Seite ziehen ganze Wirtschaftszweige privatisierten Vorteil aus dem Geschehen, Waffen und Kriegs-Knowhow werden meistbietend verhökert, aus Spenden finanzierte humanitäre und medizinische Hilfsgüter füttern die Lebensmittel- und Pharmakonzerne fett und letztlich profitieren auch die Agrar-Riesen von der Zerschlagung sozialer Strukturen und können ihre patentierten Sorten und die ganze damit verbundene Chemie an den gepeinigten Mann bringen. Ganz zu schweigen von der Militarisierung unserer Kinderzimmer mit diesen tollen bunten Plastik-Kalaschnikoffs und den virtuellen Kriegsspielen und den Gewinnen, die damit gemacht werden…
Ich fühle mehr denn je mit Hannah Ahrendt und ihrer Beobachtung, dass sich die Handelnden hinter Amtssprachen verstecken und die Verantwortlichkeit in ihren Strukturen zerbröseln. Aber ein jeder lebender Mensch handelt immer aus eigener Entscheidung, es geht gar nicht anders, und wenn er sich weigert sein Tun zu betrachten, dann ist auch das seine Entscheidung. Und wenn er sich weigert anzusehen, was sein Handeln für Folgen zeitigt, stellt er sich der Ignoranz und Arroganz anheim. Und wenn er sich weigert, auf seine eigenen Bedürfnisse zu achten und wahre, gute und schöne Stillungswege zu suchen, darf er sich dann als Krone der Schöpfung betrachten? Ich sehe da eher ein Zahnrad.
Es ist kindtypisches Verhalten, die Augen zuzuhalten und dann zu denken, wenn ich es nicht sehe, gibt es das nicht. Oder gar – dann bin auch ich nicht da. Nichts für etwas zu können, hat wenig mit Erwachsensein zu tun. Wir er-wachsen – im besten Falle – aus unserer Hilflosigkeit, wenn wir als Kinder immer mehr lernen, uns selbst mit dem Nötigen zu versorgen, selbst zu sitzen, laufen, die Stullen zu schmieren, zu lesen, schreiben, rechnen – denken und unsere Gefühle richtig zu deuten. Und irgendwann können wir alles selber, was uns die Eltern bis dahin liefern mussten, um unser Leben zu sichern, und wir können auch selber für Kinder sorgen.
Nun ist es an uns, sozial-emotional erwachsen zu werden und ENDLICH! aufrichtig zu unserem Friedenswillen zu stehen. Unsere Impulse zu regulieren und lebensförderliche Strategien zu finden, mit ihnen umzugehen. Die Konflikte – einander gegenseitig als Menschen anerkennend und wertschätzend – beizulegen und uns für ein aufgeschlossen-kennenlernendes Miteinander zu ENTSCHEIDEN.
In meiner Arbeit als Elternvertreterin geht es mir genau darum: mit allen Beteiligten gemeinsam auf die Schwierigkeiten zu schauen ohne den Umweg der Verstärkung der Konfrontation. Denn wenn wir nicht leben und lernen, um das Leben zu verbessern und einander dabei zu helfen, dann weiß ich auch nicht wozu. Und hier können dann wirklich alle Ersatzbefriedigungen identifiziert werden, alle Pseudo-Stillmittel und gleich auch die den Frieden untergrabenden und verhindernden Faktoren. Lebensentfremdende Kommunikation gehört gleich an erster Stelle dazu. Ich erarbeite mit einigen anderen Eltern gerade Angst- und Stressauslöser an unserer Schule, um sie sichtbar zu machen und auch die sich verbergen wollende Natur des Scheiterns. Deshalb ist es nicht offensichtlich, dass die Kinder sich bedroht fühlen. So etwas zu zeigen bedeutet, sich gleich einer weiteren Gefahr auszusetzen – dem Eingeständnis des Versagens und damit der Lächerlichkeit, Beschämung, Beschuldigung und gar Bestrafung. Was wunder, es stellt sich heraus, dass insbesondere die Bemerkungen von Mitschüler*innen und Pädagog*innen einen solchen Faktor darstellen, genau, wie es in der „Gewaltfreien Kommunikation“ beschrieben ist. Aber wenn ich diese Formen beiseite schiebe und auf die Rufe des dahinter verbarrikadierten und eingesperrten Herzens lausche, ihm Klopfzeichen meines Herzens zurücksendend, dann offenbart sich mir das Wunder der Abrüstung, der Nacktheit und Verletzlichkeit, die uns allen gemeinsam ist. Und der Wärme, wenn wir uns aneinanderschmiegen in der gemeinsamen Suche nach Lösungen und der Zusammenarbeit an den Baustellen des Lebens. Statt im kalten, Wärme ableitenden Metall unserer Schutzpanzerungen einzeln zu erfrieren.
Meinen Kindern schenke ich „geteilte“ Aufmerksamkeit: die kritische, auf das Nichtfunktionieren gerichtete, sortiere ich in bedingungslose Zuwendung und, wenn dieser Tank wieder aufgefüllt ist, beratende Begleitung, falls überhaupt nötig. Seit ich sie einfach in den Arm nehme, wenn sie nicht üben wollen oder Haushaltsaufgaben ablehnen oder anderweitig im „Willaber(nicht)“-Modus feststecken, und nicht wie bisher zähneknirschend an ihrer Stelle oder mit ihnen zusammen die ungeliebten Aufgaben erledige oder sie dahin schiebe, etwas von mir Gewünschtes zu tun, kommen viele Dinge wieder an ihren richtigen Platz. Wenn die Liebe wieder da ist, dann belebt sich auch die Lust zum Klarinettenspiel, zum Kochen, Aufräumen und Putzen oder zu einer Wanderung mit dem Hund an der frischen Luft.
Einfach nur mal Liebhaben ist das Rezept. Ohne Wenn und Aber.
Kommt alle in gutem Miteinander ins Wochenende und gebt Klopfzeichen von Herz zu Herz. Danke für Eure Anteilnahme und -gabe und schreibt weiter!!!

Woche XII | Montag, 16.11.2015

Der Tag ist nicht mehr ganz taufrisch jetzt um 16:47, aber immerhin halte ich heute meinen Rhythmus einigermaßen ein. Der Start in die neue Woche fand nach einem Wochenende statt, an dem die Mädels, einen Tag sich selbst überlassen, kaum etwas anderes taten als am Bildschirm zu hocken. Sie gucken ihre Serien. Tanken dort etwas, was sie im analogen Hier und Jetzt nicht finden können. Kkumhada hatte sich für den Nachmittag zu Hausaufgaben verabredet, das brachte ihr ein bisschen Fahrradfahren an der frischen Luft ein, Oishi-Kawaii aber hat nur die paar Minuten draußen verbracht, die ich sie vor die Tür „geschoben“ habe, bevor ich zu den Kindern einer Freundin fuhr, mit denen ich an die fünf Stunden lang in einen Flow kommen sollte, der uns alle in Staunen versetzte… (Naja, für mich nichts Neues, aber immer wieder ein wundervolles Erlebnis.)
McFlitz hat noch von sich aus den Weg ins Freie gefunden, nach einer Woche mit vielen Freunden um sich herum genießt er das ungestörte Allein-Spielen in vollen Zügen. Es zieht ihn nirgendwohin am Wochenende. Wenn sein Freund zu uns kommt, spielt er gern mit ihm, aber selbst auf Freundesuche zu gehen, fällt diesem meinem Kind nicht ein.
Meine Oishi-Kawaii macht mir Sorgen, sie kommt immernoch nicht in eigenmotivierte Bewegung. Na gut, unter der Woche hat sie mehrmals 20 Minuten Fußweg an verkehrsarmer Landluft, und das Klarinettenspiel bewirkt Erwärmung und Beatmung ihres Körpers und ihrer Zellen, besser als gar nichts. Aber in ihr wohnt eine große Traurigkeit, aus den Jahren, in denen sie keine Freundin in der Nähe hatte. Zumindest ist das mein Gefühl. Ich muss an Kummer aus dem Film „Alles steht Kopf“ denken, wie sie am Boden liegt und sich von Freude am Bein ziehen lässt und so etwas sagt wie: „Ach das ist eigentlich auch ganz angenehm.“
Ich bin heute morgen dem Frust in die Falle gegangen. Frust über alles Mögliche, was gerade nicht gut klappt. Sorgen. Um meinen Start ins Geldverdienen. Sobald ich daran denke, verliere ich die Verbindung zu meiner Arbeit, meinen Themen. Die Verbindung zu allem, was gut ist. (Und meinen Kunden zur Zufriedenheit verhilft.) Ich denke nur noch daran, was alles gegen meine Arbeit spricht und sie madig macht und damit Grund zur Reklamation gibt. Und dass sie entweder zu teuer ist oder ich nicht davon leben kann… Ein ganzer Film kommt da ins Laufen.
Und dann habe ich auf Frau Birkenbihl gehört und minutenlang meine Mundwinkel in eine grinsende Stellung gebracht und entschieden, mir diese Sorgen später zu machen, wenn ich gerade nichts Besseres zu tun habe… Wenn die Muskeln dabei tatsächlich auf den Knopf zur Glückshormonproduktion drücken, kann ja nichts mehr schiefgehen. Jedenfalls konnte ich nicht gleichzeitig trübe Gedanken schieben und mich voll auf die ordnungsgemäße Ausführung der Übung konzentrieren. Ja, genauso geht es mir auch, wenn ich ein Lied übe oder mir eine Bastelidee für Kinder ausdenke – da habe ich keine Zeit für Trübsal. Jedenfalls bastele ich im Kopf an einem Vortragsprogramm, eine Mischung aus eigenen Texten und Liedern, die ich nun dochmal aus der Schublade freilassen könnte. Ich habe eine Freundin, deren Bilder ich dazu ausstellen möchte. Es kann ein anregend-berührendes Programm daraus werden. Und ich habe wirklich große Lust, mit Menschen ins Gespräch zu kommen über meine Themen, übers Schreiben und und und.
Ich weiß nur nicht, wie ich es angemessen und einladend in die Welt bringen kann, meistens sehe ich das als ein neues Erkundungsfeld an, nur heute Morgen, da kam es mir wie ein heilloses, undruchdringliches Dickicht vor, für mich kleines, nacktes, schwaches Wesen.

Woche VIII | Montag, 19.10.2015

Ja, ich geb’s zu, es ist noch Sonntag. Morgen früh habe ich nur keine Zeit, den Start in die Woche zu dokumentieren, so also dieses Mal mehr den Ausklang aus dem Wochenende und die Aussichten für den Wochenstart.
Beides: gut. Mehr müsste ich nicht sagen, wie meine großen Mädchen, wenn ich sie frage, wie es in der Schule war…
Dann kommen aber öfters doch Episoden zur Sprache, wenn ich nur hartnäckig genug nachbohre. (Spätestens bei Auftreten der Kopfschmerzen. Da Kkumhada keine hat, geht sie mir oft durch die Lappen. Sie lässt alles abprallen, irgendwie.) McFlitz plappert noch viel unbefangener aus der Schule als seine Schwestern in seinem Alter. Ihn hat die Sprachlosigkeit noch nicht ereilt. Naja, seine Schule paukt ihn ja auch nicht durch den Rahmenplan. Wenn er seinen Vortrag nicht halten möchte, muss er es auch nicht. Ohne Strafen oder Bewertung!!! Wir haben dadurch echt die Gelegenheit darüber zu sinnieren, wie schade es ist, dass nun die Anderen nichts über die Kartoffel erfahren konnten, und dass seine (halbherzigen) Vorbereitungen irgendwie umsonst waren. Und dass er beim nächsten Mal doch gleich aufrichtig sagen könnte, wenn ihm die Motivation fehlt, so dass ein besser anspornendes Thema gefunden werden kann… Es gibt da so viele Möglichkeiten, kreativ zu werden und Lösungen zu erdenken!
Kkumhada startet in eine Woche voller Tests und Klausuren. Sie nimmt es sportlich. Da sie nun die Zusage für ein Austauschjahr hat, das im Februar losgeht, fragt sie sich, ob ihr Aufwand denn dann überhaupt mitzählen wird, wenn sie in einem Jahr dann die zweite Hälfte ihres elften Schuljahres wieder aufnimmt, oder ob sie noch weiter zurückgesetzt den Faden wieder aufnimmt. Ich fragte, ob das Auswirkungen auf die Intensität ihrer derzeitigen Mitarbeit hätte. Ich meine, dass es so oder so eine Entscheidung ist, ob man Zeit absitzt und irgendwie rumkriegen will oder doch lieber lebendig teilnimmt.
Oishi-Kawaii nimmt Tests jetzt entschieden viel gelassener als ehedem. Einerseits habe ich ihr die Ignoranz und Arroganz vorgestellt, mit der sie den Prozeduren in der Schule unterworfen wird. Angeblich für ihr Wohl. Na, das haben wir ja erlebt. Dafür muss man keine Achtung oder Respekt haben. Auch nicht für die Leute (Erwachsene?!), die sich dem nicht entgegenstellen und die ganze Heuchelei aufdecken. (Vielleicht Mitleid, Verständnis. Aber kann man sie dann für so voll nehmen, wie sie das einfordern, und soll sie gleichzeitig schonen und Geduld mit ihnen haben?)
Andererseits ist sie im entspannten Zustand in der Lage, ohne viel zu üben ganz gute Ergebnisse zu erzielen, vorausgesetzt, sie hat im Unterricht nicht abgeschaltet. Das konnte sie inzwischen auch erleben und bekommt nun von dieser Seite Boden unter die Füße. Da sie ohnehin alles so intensiv wahrnimmt und schnell versteht, bleibt’s halt auch hängen. Nun scheint sie auch pauschale „Ansagen“ besser von sich fernhalten zu können, so dass sie etwas unbeirrbarer durch den Unterricht kommt.
Das Wochenende haben die Mädchen singend verbracht, im Jugendwaldheim mit dem Chor. Bei all dem Regen hatten sie lebendige Musik als Sonne für ihre Körperzellen…
McFlitz hat 2 Tage und Abende Lego gebaut, mit seinem Kumpel und allein, und heute abend war er immernoch nicht fertig. Die Schule kommt ihm da noch nicht so ganz gelegen. Nichtsdestotrotz – beim Einschlafen hat er mir erzählt, wie toll er sich fühlt als Drittklässler. Da kann man schon was. Ob das mit dem Vorlesen für die Ersties zusammenhängt?
Ich gehe morgen wieder hospitieren. Ich bin unglücklich, dass ich nicht so eindeutig vorfreudig auf die mögliche Arbeit an einer Schule schaue. Mein Problem: Zeugnis. Leistungsbewertung. Eine unüberwindliche Hürde, wenn ich schlechte Ergebnisse attestieren soll. Mal sehen, ich habe einen Gegenvorschlag erarbeitet. Vielleicht gibt es ja doch einen Weg. Und dann: in Ruhe und mit Freude und Kreativität Englisch erobern! Ja, das wär’s.

Woche VII | Montag, 12.10.2015

Seit langer Zeit einmal hatte ich ein Wochenende, von dem ich mich am Montag nicht erholen muss. Ich, Samstag zur Fortbildung (Helikoptereltern, Angst, Resilienz), Papa derweil mit den Kindern in Berlin, eins hatte ein Vorstellungsgespräch für ein Austauschjahr, mit den beiden anderen Anti-TTIP/CETA-Demo und Ballettschuhe kaufen und Zutaten für Sushi…
Wir sind alle auf derselben Baustelle, nur manchmal nicht am selben Platz mit den denselben Aufgaben. Und langsam wird mir klar und klarer, wie wir den angeblichen Respektspersonen und Ehrwürdigen, die in Wirklichkeit alles kaputtmachen, den Weg ebnen. Wie wir unser Bauen von ihnen zerstören lassen. Denn es sind immer Personen. Wir dienen Strukturen, die uns als Vorschriften begegnen, wir spielen das „Amtliche Rollenspiel“ („Ich muss das ja machen.“), im Deckmantel unserer Bereitschaft, gesellschaftlichen Regeln zu folgen und sie nicht infrage zu stellen, verstecken wir uns, um nicht der Menschlichkeit zu dienen. Wer hätte gedacht, dass das heute so viel Zivilcourage erfordert! Wo wir doch keine KZ’s und Straflager mehr haben. (?!o?d!e?r!?) Dass Lehrende als Menschen agieren können, verlangt von ihnen Ungehorsam gegenüber Gesetzen, Verordnungen und anderen verbindlichen Texten. Ich als Mutter begebe mich aufs Glatteis, wenn ich meine Kinder ohne Krankenschein vom Arzt zu Hause behalte, gemäß meiner Intuition (bestätigt von der WHO-Definition) das Wohl im Auge habend, aber als Mutter wohl nicht wirklich die anerkannte Instanz, das zu beurteilen. Vielmehr gehe ich dann als Sanitätshelikopter in die Beurteilung ein, ver-wöhne meine Kinder, denen ich auf diese Weise die Möglichkeit des Aushalten-Lernens nehme.
So einfach ist das nicht. ICH nehme mir etwas heraus, wenn ich das tue, es ist für mich eine Mutprobe! ICH BIN schon ver-wöhnt worden, entfremdet, ohne Erfahrung, nur die der Strafe bei Nichtbefolgung, und habe die nötige Resilienz nicht im Gepäck. Ich will aus meinem Gehorsam gegen das Wort anderer Menschen heraus, will mich nicht einschüchtern lassen von Vorschriften, die werweißwem dienen nur nicht dem Wohlergehen meiner Kinder, Familie. Kann schon sein, dass die konkrete Strategie, mit der ich das derzeit versuche, sich als suboptimal herausstellt. Aber das werde ich erleben und wer will, kann mir gerne sagen, dass das ja wohl klar war und so kommen musste, und ich kann letzteres nur bestätigen, denn ohne diese Erfahrung bliebe mir nur wieder das gehorsame Befolgen fremder Rat-Schläge.
Auf dem Weg in die Freiheit müssen wir es uns wohl gefallen lassen, nicht mehr gehört zu werden, wenn wir es schon besser wissen und gut meinen. Und ich erwarte nicht, dass meine ganze Schreibarbeit irgend jemanden von oder zu etwas überzeugt oder die Welt verändert. Es ist nur für mich, in jeder Hinsicht. Ich emanzipiere mich damit von meiner Zurückhaltung, ich verlagere meinen Selbstausdruck von der körperlich-seelischen Gesundheits-Ebene auf die schriftsprachliche, in einigen Teilen auch auf die musikalische. Und mit den segensreichen Wirkungen, die das für mich hat, gehe ich als anderer Mensch in „die Welt“, ich mache andere Wellen im Ozean, wenn ich auf diese Weise darin bade. Und mit der Zeit schwappt dieser veränderte Selbstausdruck weiter ins Handeln, strahlt in jede Bewegung, in jede Geste, Miene. Die innere Haltung, die ich unter anderem durchs Schreiben gewinnen kann, wiedergewinnen – will ich sagen, durchdringt mein ganzes Wesen und alle meine Verknüpfungen mit der Welt. Berührt, wenn es mich rührt und bewegt, meine Familie, alle meine Freunde und Bekannten, in denen es sich fortpflanzt zu ihren Angehörigen, denn wir sind alle verbunden.
Ich habe dieses Impuls-Pendel vor Augen, während ich mir diese letzten Zeilen nochmals durchlese, manchmal scheinen sich die Angestoßenen nicht zu bewegen, das bedeutet vielleicht nur, dass sie noch nicht das Ende der Kette sind. Ich vertraue auf meine Wellen, und ich bin so reinen Gewissens wie selten – denn ich bin der Menschlichkeit verpflichtet, dem Leben, das spürbar pulsiert und fließt, wenn es nicht eingefroren ist und seine Wellenlänge so groß, dass sie in einer Lebensspanne nicht ermessen werden kann. Ich spüre mein Herz klopfen und Kribbeln im Bauch, mein Kopf ist berauscht ohne äußere Hilfsmittel: vom Lebendigsein, mit und für mich und meine Welt, die Menschen, die Pflanzen und Tiere, mit einem Sinn für das vielgestaltige Echo meiner Handlungen, das sich überall spiegelt, wo ich hinhöre und -sehe.
Ach ja: alle meine Kinder sind in der Schule, also gesund und der Meinung, sie kriegen’s hin. Danke!

Woche VI | Freitag, 09.10.2015

Ich habe die Mädchen zur Schule gebracht, sie scheinen keine ernsthaften Sorgen zu haben. Kkumhada war ein bisschen traurig, weil gestern ihre Fahrstunde mit häufigem Motor-Ausgehen angereichert war, sie im Nachgang jedoch nicht mit dem Fahrlehrer auswerten konnte, woran das gelegen haben könnte. Oishi-Kawaii hat tatsächlich öfters in ihr Tagebuch geschrieben und kann das als wohltuende Möglichkeit empfinden. Auch unterhaltsam, jedenfalls die Lektüre älterer Einträge. Sehr wortkarge. Das Tagebuch als Ort des Selbstausdruckes, des stillen Übens und Betrachtens. Des Denkenlernens, des Gefühle-Wahrnehmens.
Hatte ich früher auch gemacht. Und beim Schreiben meines Elends ist mir mit der Zeit so übel geworden von dem ganzen Gejammer, dass ich begann, die Verbesserungen herbei zu schreiben. Mir neue Sichtweisen zu erschreiben und damit Lösungswege zu eröffnen.
Die Mädels machen sich also anscheinend beide recht gut, ich erlebe sie ja nur, wenn die Luft schon raus ist. Und ich spüre jetzt schon viel eher, wenn sich der Trott des funktionierenden Tagesplanes einschleicht, wie wenig wir miteinander um- und aufeinander eingehen. Jeder arbeitet sein Pensum Hausaufgaben, dann das Ruhebedürfnis, Rückzug. Von Familienleben kann kaum die Rede sein. Immerhin ist keine*r krank. Ich nehme sie in den Arm, wenn ich mich darauf besinne, wie wir aneinander vorbei oder nebeneinander her leben. Ich rappele mich auf zum Vorlesen und geselligen Palaver. Ich träume von Gemütlichkeit und gemeinsamer Arbeit daran.
McFlitz kommt gerade sehr gut zurecht. Er und seine Mitschüler haben jetzt „Lesekinder“ in der ersten Klasse, jedes Pärchen sucht sich ein Plätzchen und der Große liest dem Kleinen was vor. Wenn das nicht Lernen fürs Leben ist! Er hat gestern in unserer Küche den Uroma-Ofen angeheizt, so dass wir in trauter Zweisamkeit schwatzen, Feuer hüten, kochen und essen konnten, am Ende begann er noch von sich aus, seine Geschichte in den PC zu tippen, die er in der Schule geschrieben hat und nun seinem Freund in Sachsen schicken will. Der ist jetzt in die Schule gekommen.
In dieser Woche hat unser Kreistag die Kostenübernahme für diejenigen Schulpflichtigen gestrichen, die nicht die örtlich zuständige Schule besuchen. Es ist mir unverständlich, wie das eine „freiwillige Leistung“ der Kreise sein kann! Eine Zwickmühle, in die der Staat seine Bürger nimmt: die eine Instanz zwingt uns in die Schule und ruht sich auf einem überalterten Herangehen aus, ignoriert das Wohlergehen der Kinder, eine andere Instanz setzt die Daumenschrauben an und macht den Weg in eine modernere Schule immer ungangbarer für die Finanzschwachen. Zumal es Leistungsträger*innen trifft, die ihre demokratische Betätigung auf ein Minimum beschränken, weil sie so viel arbeiten müssen, mit ihren Steuern das rostig-starre öffentliche Schulwesen mitfinanzieren und sich den Luxus einer privaten Schule leisten, damit die Kinder heil bleiben, die Schule läuft (eine Sorge weniger) und man Geld verdienen gehen kann. Oder so wie ich – die aus Gesundheitserfahrungen nicht mehr ohne weiteres „anschaffen“ gehen können, dafür umso mehr ehrenamtlich Einfluss zu nehmen versuchen (denn die wirklich wichtigen Arbeiten werden nicht mit Geld entlohnt) und in der Schleife abwärts in Richtung Armutsgrenze trudeln. Ein Engagement, das von den Erwerbstätigen nicht honoriert wird, wenn überhaupt wahrgenommen. So ist die Streichung der Busfahrkarten und Fahrtkostenzuschüsse wieder eine Quelle der unentgeltlichen Beschäftigung mehr, die ein Leben in Angstfreiheit und jenseits vom Daueralarm weiter in die Ferne rückt. Kein Wunder, dass Eltern ihre Kinder viel mehr beschützen wollen als vordem, ihren Kindern die Möglichkeiten eines erfolgreichen Lebens erschließen möchten, wenn sie schon nicht Gerechtigkeit und Achtsamkeit als gesellschaftlichen Konsens vorfinden, der uns allen die Sicherheit gibt, dass wir und unsere Nachkommen gut versorgt sind. Und sich dafür das Etikett „Helikoptereltern“ gefallen lassen müssen.
Extreme Umstände treiben eben unglaubliche Blüten, und der Lotus wächst im Morast…
Ich gehe voller Gedanken ins Wochenende, wieder traurig über meine Feigheit, wirklich die Schulpflichterfüllung zu verweigern, traurig, wie wenig es um Gemeinschaftlichkeit geht in den demokratischen Gremien, wie groß die Gier der Geldhorter, Landgrabscher, globalen Konzerne und die Missgunst der Zukurzgekommenen sind und wie sehr sie die Entscheidungen der Volksvertreter*innen vom Gemeinwohl weglotsen. Ich hoffe, dass wir bald gewahr werden, dass das gemeinschaftliche Prinzip mindestens gleichwürdig neben dem Wettbewerb zum Tragen kommen muss, wenn nicht gar viel mehr, zumindest bis die Wunden geheilt sind.

Woche VI | Montag, 05.10.2015

Es gibt Menschen, die sich an so einem traumhaft-sonnigen Herbstwochenende auf den Weg an die Ostsee machen.
Die Menschen in meiner Familie tun das nicht. Sie wollen am Wochenende einfach nur zu Hause und in Ruhe gelassen sein. Sicherlich hätte ich mit ein wenig Anschieben so einen Ausflug erwirken können, aber auch mir fehlt die Kraft dazu. Die Woche ist voll mit Schulpflichterfüllung und tollen Hobbys. Und wenn wir wirklich Ruhe haben wollen am WE, müssten alle Haus- und Hofarbeiten auch bis Freitag abend erledigt sein. Naja, die laufen nicht weg, und ich kann auch ganz gelassen bleiben, wenn sie sich vor mir auftürmen. Da ist mir auch egal, was Nachbarn denken mögen, ich will es nicht wissen, denn wenn ihnen was nicht passt, wie ich es mache, findet sich physikalisch-unausweichlich auch das Gegending dazu… Ansprechbarer bin ich für einfühlsame Erörterung der Sachlage. Vor ein paar Monaten kam mal eine Tierschützerin auf meinen Hof und fragte, ob sie meinen Hund ausführen dürfte. Ich war arglos und die Frau zunächst einfach nett. Wie sich herausstellte, „kontrollierte“ sie mich und lamentierte dann lang und breit über das Elend, in dem sie viele Tiere vorfände. Ich riet ihr, sich mit dem Elend der dazugehörigen Leute zu befassen, wenn sie den Tieren wirklich helfen wollte.
Meine Familie also in Höhlenstimmung. Kkumhada macht ihr Ding, vermeidet jegliche Kommunikation mit mir, Oishi-Kawaii verschwindet zwischen den „Helden des Olymp“ und reagiert insgesamt sehr gereizt auf uns, wenn wir sie da rausholen, McFlitz ist zunächst auch im Onliniversum und später in seine Lego-Katalog-Träumereien vertieft. Dann geht er aber doch von alleine raus herumtoben und Fahrrad fahren oder quasselt mir von seinen Geschichten und Erlebnissen was vor. Der Papa? – Auch er geht seinen Anliegen nach, stoisch fast, aber dazu gehören auch Frühstück machen, Brombeeren ernten, Holz hacken. Ich wünschte nur, er würde sich öfters mal die Kinder schnappen und sie mit einspannen. Naja, er will auch mal ungestört bleiben. Ich schicke ihm Oishi-Kawaii auf den Hals, Kkumhada sucht sich selbst eine familien-gemeinnützige Arbeit und ich schiebe McFlitz an seine Hausaufgaben: ein Vortrag über die Kartoffel, Malfolgen üben, Leseheft lesen. Ich will frei haben! Wenn ich also eh mein Kind zu Hause auch noch beschulen soll – Hausaufgaben dieser Art sind immer Elternaufgaben! – dann könnte die Schulpflicht doch gleich abgeschafft werden. Billiger wäre es auch. So sehe ich mich gezwungen, meine, unsere Familienanliegen hintanzustellen, damit mein Kind den Anschluss nicht verpasst an einen Plan, der zwar zu seinem Besten ersonnen sein soll, aber ganz offenbar so weit über ihm steht, dass es darin schon wieder keine Rolle mehr spielt und eben zusehen muss, wie es klarkommt.
Ich sehe mich gezwungen, weil ich zu feige bin, einfach zu verweigern. Ich habe Angst vor der Strafe. Auch wenn es vielleicht erstmal „nur“ Geld ist. Nun, wir hätten im Monat an die 300 Euro mehr, wenn wir den Jüngsten aus seiner staatlich anerkannten Ersatzschule nähmen. Die könnten dann ja investiert werden in unsere und seine Menschenwürde-Wiederherstellung… Und sicherlich täten wir anderen ähnlich schreckhaften Eltern den Gefallen, mit unserem Beispiel voran zu gehen, so dass auch sie mutiger werden können.
Na, ich will jetzt erstmal noch weiter als Elternvertreterin und Schreiberin das Feld beackern, immerhin sind meine Kinder auch nicht gerade rebellisch, freuen sich auf ihre Freunde, für wen wäre es also? (Aber ich trage sie in mir, diese Sehnsucht nach freudvollem Lernen in lebendigem Sinnzusammenhang aus unserer Lebenswelt heraus, im Einklang mit ihr, along the way, gewissermaßen, und nicht als etwas, wovon man sich am Wochenende erholen muss und distanzieren will.)
Fazit für mich – mein Familienleben: nicht vorhanden. Ich erlebe die Kinder nur unbereitwillig, erschöpft oder krank (bei McFlitz hauptsächlich unbereitwillig zu Hausaufgaben).
Natürlich sehe ich die Schule auch als Aufgabe an und versuche, damit konstruktiv umzugehen. Natürlich denke ich mir unterhaltsame Möglichkeiten des Übens (für die Schule) aus. Das würde ich so oder so machen. Natürlich sehe ich das Lernpotenzial für mich und die Kinder. Aber ich frage mich, ob wir wirklich so bootcamp-artig mit uns und unseren Kindern verfahren wollen? Angebliche Spreu vom Weizen trennen und damit für selbsterfüllende Prophezeiungen sorgen, die dem Dogma in die Hände spielen, man müsse all die beschränkenden, luftabschnürenden und einschüchternden Vorkehrungen treffen, um das Leben in Freiheit zu retten – ?!? – Die, die’s betreffen soll, werden so auch nicht erreicht. Die Sensiblen kriegen dafür umso mehr das „Vergnügen“, sich erstmal wieder aufrappeln zu müssen, damit sie überhaupt zurück zur eigentlichen Sache kommen können. Worüber wundere ich mich da?
Neue Woche, neuer Anlauf. Neuer Versuch, das Gute darin zu erkennen. Und vielleicht ein paar kleine Wunder? Ach, heute fühle ich mich wenig mutig!

Woche V | Montag, 28.09.2015

Nun sind sie wieder alle fort. Einige Stunden nach dem „Blutmond“, den sie natürlich schlafend erlebt haben. Von dem sie theoretisch oder bei den Geschichten um Aang, den Avatar, erfahren werden/haben. Schule ist wichtiger als das echte Leben. Wo kämen wir hin?
Für die wichtigen Dinge lohnt es sich ausgeschlafen zu sein. Also kein Mondspektakel gucken.
Unser Wochenende war reich an Unternehmungen, wir haben viel mit Menschen und miteinander zu tun gehabt – Gäste haben, eine japanische Teezeremonie kennenlernen, einen Geburtstag feiern, ein Flüchtlings-Willkommen, ein Erntedankfest, eine Musiker-Begegnung wie sie lebendiger nicht sein könnte (lauter Leute, die so noch nie miteinander geprobt haben, und ein Klangerlebnis hinzauberten wie eine Wanderung durch Wald und Feld, nach Lust und Laune). Im herrlichsten Sonnenwetter Motorradfahren üben, Rad fahren, Pilze sammeln. Ich allerdings habe mich, nachdem Feiern und liebe Gäste gut überstanden waren, am Sonntag Mittag „nur kurz“ hingelegt und von dem ganzen Sonntagszauber nur die letzten Ausläufer vor dem Abendbrot mitbekommen. Wir schlossen mit „Shaun, der Film“ das Programm und fanden kurz vor dem Schlafengehen noch ein paar Hausaufgaben vor…
Tatsächlich von Freitag auf Montag aufgegeben. McFlitz würde also unverrichteter Dinge in die neue Woche starten. Auch Oishi-Kawaii darf sich auf eine Woche mit täglichen Leistungstests freuen, was ihr natürlich immernoch zu schaffen macht. Und damit auch mir wieder Begleitungsaufgaben liefert. Ich muss argumentieren und trösten und den Pädagog*innen Briefchen schreiben für meine beiden Kleinen. Jedenfalls für McFlitz. Das Wochenende sollte HA-frei sein! Wirklich frei zur selbstbestimmten Verwendung. Zum tief-Durchatmen und frohsinnigen Spiel/Kreativsein/Herumströpen/Bauen… Nun, es ist eine Entscheidung, das kann man auch mit HA haben. Die ignoriert man einfach genauso, wie die Schule ignoriert, dass mensch selbstregulierend auch einen eigenen Lerndrang hat, aus dem Bedürfnis nach Verständnis heraus. Und dass mensch immer das Nötige und Mögliche lernt. Und in einer ignoranten Gleichschrittsschule stolpern MUSS – bei aller Liebe und Rücksichtnahme, weil eben nicht in seinem eigenen Rhythmus und Tempo und von innen heraus bewegt. Und dass es manchmal bedeutet, dass mensch die übergriffigen Forderungen Anderer abwehren muss. Die dann eingeschnappt-vorwurfsvoll behaupten, es wäre doch zu menschen’s Bestem gedacht.
Oishi-Kawaii bekommt von mir die Ermutigung zur Lücke. Natürlich ist mir wichtig, dass sie sich in der Welt auskennt, zu denken lernt und sich den wichtigen Dingen stellt. Sie darf sich also gegen die Angstpaukerei entscheiden. Ich bin nicht böse auf sie über schlechte Noten. Ich spüre nur die Verletzungen der gequälten Seele, die ständig von außen gezogen und geschoben wird und sich weigert einzusehen, dass manche Menschen eben nicht so auf sie achten wie die eigenen Eltern. Ist vielleicht auch unsere Aufgabe, das mal deutlich zu machen und unsere Kinder dazu anzuleiten unterscheiden zu lernen. Das Gegenteil von „gut“ ist „gut gemeint“ (also ohne den Anspruch, die Wirkungen zu überprüfen und das Vorgehen anzupassen). Es geht eben nicht wirklich um die Kinder.
Kkumhada, meine Große „macht ihr Ding“. Sie schöpft aus der Quelle der Begeisterung für ihre Motorradfahrschule. Sie ist mit eigenen Zielen unterwegs und räumt sich ohne weiteres auch Kursänderungen ein. Sie kann inzwischen ganz gut „trotzdem“ lernen, wenn ihr eine Lehrperson unsympathisch ist, und sich auf diese Weise differenzierter auf Herausforderungen einlassen, sich für Gegebenes öffnen. Das geht erst ab einem bestimmten Reifegrad, sicherlich auch abhängig vom Hormonhaushalt und dem Stand der Pubertät – wie weit kann sich das Kind schon lösen und „den Rest der Welt“ auf sich beruhen lassen oder so ins Verhältnis setzen, wie es das Gebet ersehnt: …gib mir die Kraft zu ändern …, die Geduld hinzunehmen …, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden…
Ich merke schon, es geht immer wieder ums Unterscheiden. Immer wieder Aschenbrödel. Die Guten ins Töpfchen.
Also: statt „Lasst die Kinder endlich in Ruhe lernen!“ und strampelnd drauf zu warten, dass es wahr werde, selbst sortieren und mit einem „Machen wir das Beste draus!“ das Nötige und Mögliche lernen. Hier wohl: selbst entscheiden und die Folgen tragen. Sei es Verweigerung, Flucht nach vorn oder Mitwirkung in Kritik oder Einverständnis. Ich wähle eine Mischung aus allen dreien. Und wenn ich mutig genug bin, kann ich vielleicht sogar unmittelbar (direkt und mündlich) mit den Bildungsmachenden ins Gespräch treten und für das Verständnis sorgen, dessen es bedarf, um wirklich etwas zu verändern. Bis dahin erlaube ich meinen Kindern, in Ruhe zu lernen und sich von der Schule nicht stören zu lassen…

Woche III | Montag, 14.09.2015

Ich habe das Wochenende einmal mein schlechtes Gewissen ignoriert und getan, was mir wichtig ist. Das bedeutete zwar, dass ich kaum mit meiner Familie zusammen war, aber auch, dass ich ihnen mal nicht vorlebte, wie man sich ständig bremsen lässt und von seinen Werten abhalten, um andere Werte (übertrieben?) zu würdigen. Im Klartext: Die Fürsorge für meinen (auf mich etwas allergischen) Nachwuchs habe ich auf Nachfrage und Anregungen beschränkt. Allerdings nicht durchgehend, einmal habe ich vehement auf Inhalieren bestanden, als ein „Willabernicht“ die Oberhand gewann über meine schniefende und hustende Tochter, die hier unter dem japanischen Lecker-Süß firmiert, Oishi-Kawaii. Ich habe „Willabernicht“ und „Magaber“ zu inakzeptablen Gesprächspartnern erklärt, und immer wenn sie zum Vorschein kommen, breche ich die Erörterung ab, die dann ohnehin gar nicht mehr möglich ist. Das hatte ich vor einiger Zeit noch nicht so erkannt und mich aufgeregt oder auf einen sinnlosen Kampf eingelassen. Aber ich bin noch selbständig erkenntnisfähig und konnte das jetzt also durchschauen. Seit ich hierin Klarheit habe, geht es uns allen besser. Ach ja, die Kinder hatten ihren Papa zur übrigen Versorgung zur Verfügung. Die Verwahrlosung blieb also in Grenzen (nehme ich an ;)).

Ich kann daher gar nicht viel über das Wohlergehen der Kinder berichten, mir stellt sich die Lage nach wie vor ungesund dar, meine Oishi-Kawaii werde ich heute zu Hause haben, bei McFlitz überlegte ich, ob ich ihn überhaupt in seine Läuse-heimgesuchte Schule schicke. Diese Massen-Haltung der Kinder in Schulen und Klassen ist vielleicht auch ein Thema für Kinderschutz. Wobei McFlitz nur 17 weitere Lernbeauftragte neben sich hat. Das Immunsystem bekommt hier jedenfalls auch seine Hausaufgaben. Mich nervt dabei, dass ich verpflichtet bin, über seine Abwesenheit Rechenschaft abzulegen, wegen des Anwesenheitszwangs und der Schulpflicht. Das hat nichts mit Verantwortlichkeit zu tun, das ist Vorschrift und Gehorsamsforderung. Dazu der ewig währende Wettbewerb und Leistungsdruck, der unweigerlich aufkommt, wenn im Gleichschritt gelernt werden soll.

Meine Große, ihr Name hier sei Kkumhada (koreanisch für Träumen), „krankt“ nicht körperlich, zeigt mir für ihr Teil nur „die kalte Schulter“. Das sei ihr zugestanden, denn ich denke, sie tut es aus Selbstverteidigung. Ich bin nicht immer eine Kuschelmama geblieben und wir stecken nun wohl wieder in einer Art Geburt, als was ich die Pubertät geneigt bin zu betrachten. Es könnte schlimmer sein, es könnte Gift und Galle geben oder gar tätliche Auseinander-Setzungen. Glücklicherweise bleibt es bei uns ganz gemäßigt bei friedlichem Aushandeln. Ich halte in diesem Zirkus die ellenlangen Vorträge und tanze durchaus auch einmal wie Rumpelstilzchen…

Ich war also Samstag und Sonntag Gutes Beispiel dafür, sich nicht vom Wahren, Guten und Schönen abhalten zu lassen und unterstützte ehrenamtlich mein Lieblingsprojekt: einen Ort, an dem Kulturaustausch und Achtsamkeit gepflegt werden, wo Menschen wirken, die mithilfe von Kunst und Literatur Raum zum Nachdenken und -empfinden geben. Mit denen ich auf eine Weise zuammenarbeiten kann wie sie mir heilsamer nicht denkbar ist. (Nun müsste man nur noch davon leben können!) (Und das wäre gar nicht teuer, nur Essen, Trinken, Kleidung, Obdach, Heizung, Mobilität. Was braucht man da schon, wenn man glücklich ist?) Wie ich mit Freude zu ungeahnter Höchstform auflaufen kann! Was ich da alles schaffe! Und wie lebensfroh ich noch bin, während mir vor Müdigkeit die Augen zu fallen! (Oh Mann! Wie blockieren wir die Lebenskräfte mit unserer Alltagskultur! Und wie kaputt sind wir am Ende des Tages, anstatt rechtschaffen müde mit einem breiten Grinsen im Gesicht einzuschlafen.)

Ich werde als nächstes mein Gehorsamsproblem angehen und mich davon emanzipieren. Oder einfach heilen. Ich hoffe, ich lerne Vorschläge zu machen, die annehmbar sind (meine Kinder sind da die Jury), und das zudem auf eine Art und Weise, die annehmbar ist. Ja, das ist wohl manchmal der eigentlich springende Punkt. Vielleicht finden sich dann hier vor Ort auch mehr Mitstreiter*innen für die Verbesserung des Schullebens? Irgendwie strahle ich wohl etwas Zwanghaftes aus, was wenig einladend wirkt. Es kann also noch besser werden, und ich bin neugierig auf das Kommende!

Ich bin dankbar für dieses Wochenende, es war angefüllt mit Lachen und Heiterkeit und randvoll mit emsiger Arbeit neben wohliger stiller Besinnung. Ich habe gesungen und Tee getrunken.

Woche II | Montag, 07.09.2015

Das Wochenende wurde mir wieder zum Grund, doch weiter zu schreiben. Ich bin so traurig über meine Rolle als Außenmotor, in die ich mich gedrängt fühle. Dadurch, dass die Kinder für den Hauptteil ihrer wachen, ausgeruhten Zeit in einer Umgebung unterwegs sein müssen, in der sie unablässig fremde Aufträge zu erfüllen haben. Ich erlebe sie immer erst danach, müde und erschöpft und von der digitalen Nuckelflasche kaum wegzukriegen. Eigene Impulse zu eigener Aktivität, Kreativität beobachte ich nur sehr, sehr selten. Ich habe sie ganz anders in Erinnerung, voller Ideen und Lust, sie umzusetzen.

Kann sein, dass auch die Pubertät ihre Rolle dabei spielt.

Aber doch nicht so, dass der Selbstausdruck erstirbt. Ich habe meine Zeit noch so in Erinnerung, dass ich vor Bedürfnis nach Gestalten und Machen fast geplatzt wäre. Sicherlich wollte ich nicht mit meinen Eltern gestalten und machen, und zu Hause brütete ich eher in meinem Zimmer an immer wieder neuen Versuchen, in die Welt zu kommen.

Ich weiß nicht, ob mich meine Eltern als scheintot erlebten. Wahrscheinlich eher im Gegenteil – die Auseinandersetzungen sind ungezählt, es „blitzte und funkte“ nur so. Wir haben schwer darum gerungen, verstanden zu werden, nehme ich an. Ich für mein Teil hatte immer wieder das Gefühl, dass alles, was ich sagte, sich in übelster Weise in schlimme Dinge verwandelte, bevor es von meiner Mutter aufgenommen wurde, und dann natürlich unannehmbar war. Ich war der missverstandenste Mensch der Welt.

Meine Eltern haben mich zur Mithilfe im Haus verpflichtet. Das Ob war nicht verhandelbar. Und sie haben eine gewisse Ordnung in meinem Zimmer und Schränken erwartet. Ich habe mich in Erinnerung, wie ich mit großem inneren Widerstand zu ringen hatte, meine Lust immer geringer wurde, meine Rebellion immer stärker. Meine Sachen sind auch aus dem Fenster geflogen, und ich habe Schläge kassiert. Da war ich nicht die Einzige, ich konnte mit anderen Jugendlichen mitreden. Ja. Das war schon auch eine Möglichkeit, erstmal heil zu bleiben.

Aber meine eigenen Kinder wollte ich nie schlagen, ich wollte und will, dass sie ihre eigene Ordnung finden, sich freiwillig am Familienleben beteiligen. Und hier erschöpft sich meine Geduld gerade gründlich. Ich bin gereizt und fühle Wut aufsteigen, wenn nicht gleich nach meinem ersten freundlichen Anklopfen ein „Ja, hurra, wir machen mit“ kommt. Ich habe keine Lust, zu „betteln“ um das Selbstverständliche. Auch wenn ich theoretisch weiß, dass jeder seine eigenen Selbstverständlichkeiten hat. Und seine eigenen akuten Bedürfnisse. Und dass es hilfreicher wäre, wahrlich gelassen und die Liebe spürend darüber zu sprechen, was gerade bei jedem los ist. Ich arbeite dran. Aber ich möchte das Vertrauen nicht immerzu vergessen, dass meine Kinder gerade etwas anderes brauchen, was ich ihnen eben nicht liefern kann. Und sie sind nicht für alle meine Wünsche zuständig.

Ein Familienleben, das nicht nur von Ausspannen und Flucht in die Höhle geprägt ist, sondern Geselligkeit bietet und gemeinsame Verrichtungen – das ist mein Traum. Kinder, die beseelt und voller Ideen aus der Schule kommen, in Freude über ihre Errungenschaften und Entdeckungen, so wie wir Menschen nun mal sind. Dass diese Begeisterung nicht nur beim Shoppen erlebbar bleibt, bei der Jagd nach Schnäppchen und coolen Alleinstellungs- oder Dazugehörigkeitsmerkmalen.

Gestern habe ich mit meiner 14jährigen stundenlang Karten und Legespiele gespielt. Draußen stürmte es und regnete in Schauern. Mein Mann war nicht da (schade!), hatte im Wahlbüro im Dienste der Demokratie zu tun. (Es gab einen Volksentscheid. Leider mit zu geringer Beteiligung. Dafür aber mit großer Mehrheit für die zu entscheidende Sache. So kann’s gehen.) Die 17jährige setzte sich sogar zeitweise zu uns. Später klimperte sie auf meinen Wunsch auf dem Keyboard. Ich habe sie durchaus dazu gedrängt. (Schmeichelt ja auch, wenn jemand einen so um etwas anbettelt!)) Der 9jährige war mit seinem Kumpel unterwegs, mal bei ihm, mal bei uns. So oder ähnlich könnte es ruhig öfters sein. Ich hasse das Spielen nicht mehr so wie früher. Es gehört zu den Pflichtveranstaltungen in meiner Kindheit. Zumindest wurde es das irgendwann. Gestern jedenfalls hat es mir richtig Spaß gemacht mit meinem Kind!

Nun ja, alles vielleicht auch dank meines Schimpfens, ein sehr hoher Preis, wie ich finde!