Woche XXXXVIII | Montag, 25.07.2016

Ferien nun also. Für mich heißt das in dieser ersten Woche: ich habe keines meiner Kinder zu Hause. Sie sind vorfreudig in ihre jeweiligen Vorhaben gestartet, davon eins innerfamiliär, das andere ein aus Bundesmitteln finanziertes Medienferienlager.
Ohne diese beiden Möglichkeiten sähen wir alt aus, denn wir können uns keine kostenpflichtigen Ferienlager leisten.
Als mein „innerfamiliäres“ Ferienkind übergeben wurde, entspann sich ein Gespräch über Motivation in einer Schule ohne Noten, das emotionsbeladen wurde in dem Moment, als das Wort Gehorsam fiel. Insbesondere als ich sagte, dass es nur entweder oder geben könne – entweder ich will intrinsisch motivierte Bereitwilligkeit, dann kann ich keine Gehorsamsforderungen stellen, oder ich fuße meine Antriebskultur auf Gehorsam. Diese Position stieß auf vehementen Widerstand.
Da es nicht genug Zeit gab, das eingehend zu betrachten, ist es auch müßig, sich deshalb aufzuregen, aber ich war nicht gleichgültig geblieben in Bezug auf die Art des Gespräches. Nicht nur, dass aus einer Betrachtung von Wirkungen gleich ein Meinungsstreit zu werden drohte, was etwas völlig anderes ist, ich hatte außerdem nicht das Gefühl, dass die Begriffe überhaupt genug geklärt waren, so dass wir hätten wissen können, was der jeweils andere damit genau meinte. Ich fühlte mich weder verstanden noch akzeptiert.
Früher hätte mich das völlig aus der Fassung gebracht. Ich blicke auf eine lange Reihe missglückter Diskussionen (mit meinen Eltern) zurück, und weil es nie gelang, ein Streitthema wirklich für alle bereichernd zu erörtern, habe ich es irgendwann aufgegeben. Ich habe stattdessen eine Konfliktscheu entwickelt und es mir zur Gewohnheit gemacht, meine Probleme im Stillen zu betrachten, selber alle erdenklichen und mir zugänglichen Perspektiven abzuwandern, um wenigstens für mich selbst eine tragbare Haltung zu einer Sache zu finden.
Nur in meinem Freundeskreis finde ich Menschen, mit denen ich kontrovers diskutieren kann. Uns macht es nichts aus, unterschiedlicher Ansicht zu sein. Es ist vielmehr spannend, die Geschichte des Anderen kennen zu lernen. Da keiner unbedingt Recht bekommen möchte, gibt es auch die Streitebene nicht, selbst wenn der eine oder andere Standpunkt emotional vorgetragen wird. Es herrscht einfach eine Stimmung der Neugier. Wie kommt einer auf seine Art der Betrachtung und Auffassung?
Da wir einander also nicht missionieren wollen, erlebe ich selbst die Nichtübereinstimmung als Bestätigung! Denn ich kann eine weitere Perspektive dazugewinnen und meinen Horizont runder machen.
Nicht so im Familienkreis.
Hier scheint die Unterschiedlichkeit von Auffassungen eine Gefahr für Leib und Leben darzustellen.
Und genau das empfinde ich so in Sachen Gehorsam.
Wenn ich ihn verweigere, dann bringe ich etwas ins Wanken – die Pläne des Bestimmers, die Pfeiler seiner Welt. Und jede einzelne Gehorsamsforderung ist ein Angriff auf die Integrität eines Menschen, Kindes. Eine Untergrabung seiner Autonomie, Selbstbestimmung. Ein Akt der Willkür. Eine Erfahrung von Willkür. Eine Untergrabung der Ernsthaftigkeit und Wahrhaftigkeit freiheitlicher Werte.
Natürlich gibt es Fälle, in denen wenig Zeit zur Diskussion und Betrachtung ist, ich muss ein Kind handfest vom Betreten der Straße abhalten, wenn ich ein Auto heransausen sehe, das es selbst nicht bemerkt. Aber es wird unmittelbar feststellen können, dass es zu seinem Schutz war, und sich entsprechend schnell mit diesem Übergriff in Übereinstimmung bringen können. Das heißt aber noch lange nicht, dass es mir nun bis ans Ende aller Tage blind vertrauen wird und mir kommentarlos erlaubt, nach Gurdünken überzugreifen.
Wir sind Lebewesen mit ständiger Rückkopplung. Ein Naturgesetz erkennen wir daran, dass es in 100% der Fälle wirkt, und wenn es das nicht mehr tut, dann ist es keins. Und auch nach 1000maligem „Funktionieren“, wenn wir vielleicht schon eine gewisse Überzeugung gewonnen haben, kann Nr. 1001 eine Überraschung bereithalten – das haben wir alle vielfach erlebt, als wir laufen lernten. Immer auf die Nase gefallen, und dann doch irgendwann mal oben geblieben. 100%ige Zuverlässigkeit haben wir Menschen allein darin, dass wir uns irren können. Ich denke, also irre ich.
Demgegenüber ist die Bereitwilligkeit, sich einem Projekt anzuschließen, einem Chor, einer Sportgruppe, um mit anderen gemeinsam ein Ziel zu erreichen, eine völlig andere Kiste. Ich gehe gestärkt aus allen Anstrengungen hervor, denn ich wende meine Kraft für eigene Ziele an, die ich mit anderen gemeinsam habe. Zwischenzeitlich auftretende Zweifel werden ernst genommen und aufgelöst, nicht einfach übergangen, denn jeder Motor, der ausfällt, verlangsamt den Vorgang, und jede Kraft, die zur Aufrechterhaltung der Mitwirkung abgezogen wird, fehlt dem Schaffensprozess.
Die Skepsis gegenüber dem Willen Anderer werden wir vom Leben gelehrt.
Und wenn Pädagogen und andere Erwachsene endgültige Prognosen stellen zu können meinen, dann müssen sie mit den mehr oder weniger bösen Überraschungen zu leben lernen… Die positiven Gegenbeweise sind es, die mich dazu bringen, meine Hoffnung nicht aufzugeben, immer das Beste zu erwarten und auf das Schlimmste vorbereitet zu sein.
Nunja, ich arbeite dran, denn der Weg aus der Hoffnungslosigkeit birgt viele Rückschläge.
Übers Denken können wir uns gepflegt streiten, aber Gefühle sind wie sie sind. Wenn ich über irgendetwas traurig werde, dann kann das keiner wegreden. Man kann vielleicht erreichen, dass ich nicht so lange traurig bleibe, wenn ich Trost erfahre durch Empathie und Anteilnahme, Spiegelung und Anerkennung meines Schmerzes.
Man kann auch erreichen, dass ich meine Trauer nicht mehr zeige.
Oder dass ich sie auch für mich selbst unsichtbar mache und unterdrücke.
Eine Gefühlslage zu kontrollieren macht durchaus Sinn, schon allein, wenn man in Betracht zieht, dass zu jedem Zeitpunkt mehrere Bedürfnisse hungrig sein können und immer hungriger werden, bis Stillung gefunden ist. Da muss man schonmal eine Reihenfolge bilden, und eines nach dem anderen sättigen. Manchmal gibt es „Nahrung“, die für mehrere Bedürfnisse Befriedigung bringt, das ist dann ein besserer Treffer im „Lotto“. Es gibt auch Stillungen, die auf Kosten anderer Bedürfnisse gehen, die sehe ich dann als faulen Kompromiss an.
Man kann über die Stillungsmittel und -wege diskutieren. Nicht über die Bedürfnisse und die dazugehörigen Gefühle und Emotionen, die eindeutig Hinweis geben.
Man kann darüber diskutieren, ob Ausnahmen die Regel sein dürfen, wenn es um diejenigen Stillungen geht, die auf Kosten anderer Bedürfnisse oder anderer Menschen/Lebewesen gehen. Man kann darüber diskutieren, wie die Kompensation aussehen kann. Wir können uns vor dem Leben verneigen, bevor wir es aufessen, denn wir leben nun einmal an diesem Ende der Nahrungskette. Es ist versöhnend und hilft, seinen eigenen Platz im Universum zu erkennen.
Wir, diese wahrnehmenden, fühlenden, reflektierenden, nachdenkenden Stoffwechsler. Denken. Danken.
Danke für die Pause von der Schule. Einer Schule, die ein fauler Kompromiss ist.

Woche XXXXVII | Freitag, 22.07.2016

FERIEN! Endlich in Ruhe lernen!

Eigentlich fällt mir gar nicht mehr zu sagen ein.
Als lebende Wesen mit etwas mehr als einem Amphibiengehirn machen wir Menschen nicht das ganze Leben dasselbe. Selbst diejenigen nicht, bei denen es so aussieht.
Wir praktizieren eine fortwährende Überprüfung – Bestätigung oder Widerlegung unserer bisherigen Erfahrungen, manche vielleicht weniger intensiv das Letztere, denn das macht auch Angst. Aber eben dieses Letztere, auch wenn es uns aus unserer Sicherheitszone schiebt, ist der Motor fürs Lernen.
Und sei es zu lernen, immer neue Strategien zur Gefühlsverdrängung anzuwenden, um der Erhaltung oder Wiederherstellung unseres Sicherheitsgefühls willen.
Das heißt schon auch, sich im Kreis zu drehen oder auf der Stelle zu treten.
Dieses Gefühl bleibt aber auch den offensiv Lernenden nicht erspart, die immer wieder auf Einsichten kommen, die sie schon vor einem Jahr einmal hatten. Aber: diesmal mit mehr Erfahrung, aus neuen Perspektiven! Und: nicht zuletzt die Bestätigung ihrer immernoch beständigen Gültigkeit. Handelt es sich vielleicht gar um ein Naturgesetz?
Eine Einsicht, zu der ich immer wieder gelange, ist die Wichtigkeit, sich gegenseitig zu unterstützen. Im Ernstfall hoffe ich worauf? Auf Wohlwollen, Gnade, Vergebung, Milde, Verständnis. Sei es bei einer Rede, die ich halten will, zu der mir so viel einfällt, dass ich am Ende gar nichts mehr sagen kann, auswählen muss und still hoffe, dass es das „Richtige“ ist, was ich dann sage. Sei es die Auswahl eines Geschenkes für einen besonderen Menschen. Oder auch die Kleidung zu einem bestimmten Anlass.
Manchmal bin ich „abgebrüht“ genug, um einfach nach meinem eigenen Gutdünken zu gehen, dann ficht mich da nichts an. Meistens habe ich diese Gewissheit nicht.
Und jetzt pauke ich mir ein: Im Grunde suchen alle Menschen Halt und Unterstützung, Vergewisserung und Sicherheit, Geborgensein und Bestätigung. Ich werde es mir an sichtbare Stelle schreiben, wie Vokabelkärtchen, denn Wiederholung ist die Mutter der Weisheit. Ich will diese vielfach gemachte Erfahrung im Ernstfall parat haben, nämlich dann, wenn ich an meiner Unzulänglichkeit und Ratlosigkeit verzweifle. Die mich hauptsächlich in Bezug auf andere Menschen befällt, Säbelzahntiger habe ich ja nicht zu befürchten. Höchstens noch Zecken und ihre unbequemen Mitreisenden…
Ferien – Zeit, die frei ist von Bewährungssituationen, die nicht so angelegt sind, dass jedes Kind in seinen Stärken gesehen und gespiegelt wird. Was wollen diese Unglücklichen in den Ferien lernen? Alles, nur nichts, was irgendwie nach Schule riecht, und so bleiben unsere gesetzlich anerkannten Kulturschätze wie Schreiben, Lesen, Rechnen, Zeichnen, Denken, Musizieren, Experimentieren… als kult-ur-menschliche Ausdruckswege beiseite, gepflegt werden stattdessen die einzelkämpferischen Großkotzstrategien. Können wir das wollen?
Liebe Leute, nutzt die Ferienzeit zum Nach-Denken. Ist uns die gegenseitige Unterstützung wichtig? Dann lasst uns alle schulischen Handhabungen aufspüren, die das untergraben, und sie durch mitmenschliche ersetzen!
Ich denke zuallererst an die Noten. Die schlechten gehören abgeschafft, denn sie hindern uns daran, den Kindern das zu bescheinigen, was sie gut können. Ohne zu heucheln.
Ich denke an aktive Mitbestimmung der Kinder: sie sollen gefragt werden, wie es ihnen geht mit diesem oder jenem, und sich selbst kennenlernen können und was ihnen hilft. Sie sollen in individuellem Tempo alles lernen können, was wir wichtig finden, denn wenn es ein wahrer Wert ist, dann wollen sie auch. Bzw. tun es einfach, unbewusst.
Ich denke an die Aufhebung der Einzelkämpferschaft der Lehrenden, sie brauchen Partner in den Klassen, erwachsene Rückmelder und Mithelfer. Das ist vorgelebte gegenseitige Unterstützung. Sind es nicht die Lehrer selbst, die eine Beurteilung ihrer Arbeit am meisten fürchten? Gut so! Denn das ist die Basis für den Wandel – oder wollt ihr das den Kindern wirklich weiterhin antun??? Erlöst euch selbst und damit auch die euch Anvertrauten.
Ich fürchte mich vor nichts so wie vor Willkür und Beliebigkeit im Umgang der Menschen miteinander. Dazu gehören auch die Ideologien, die alles instrumentalisieren, was den Menschen eigentlich guttut, weil es Gemeinschaft fördert und Werte spürbar macht. Lernen wir, solches zu entlarven und uns davor zu schützen, aber vor allem unsere Kinder, die auf der Suche nach Orientierung und Sinn im Leben sind! Ich bin so froh und dankbar, dass ich im Frieden aufgewachsen bin und auch meine Kinder bisher kein unmittelbares Kriegsleid erfahren mussten. Aber wir baden noch in der Geschichte unseren Vorfahren widerfahrene Traumata aus, die sie stumm gemacht haben vor Entsetzen. Ich lerne nun langsam, zu sprechen, in Worte zu fassen, was mich sonst erdrückt oder woran ich ersticke. Die „Übel“ aus den Verliesen der Schule werden mir nun, spät, zu Schätzen der Verständigung und Lösungsfindung für mich. Ich war zwar immer gut in der Schule, aber ich habe unter den Verletzungen derer zu leiden gehabt, denen das nicht vergönnt war: ihren Neid oder ihre Missgunst unbeschadet zu überstehen oder durch Freundschaft zu verhindern hat bedeutet, meine Talente ein Stück weit zu opfern. Doch das war das geringere Übel, denn die Überheblichkeit der Guten habe ich noch schlechter ertragen. Wie schade, dass am Ende niemand Erfolge feiern kann…
Nun denn – schöne Ferien allen, und wer mit schlechten Noten nach Hause gehen muss: schreibt mir eure Gefühle und Empfindungen, versucht es, fasst in Worte, Musik, Bilder oder Figuren, was euch schmerzt und an welcher Stelle! Schreibt es in die Kommentare, lasst andere sehen, dass sie nicht allein sind. Macht gern Vorschläge, wie es besser wäre für euch und was ihr euch von der Schule erträumt! Eltern: sucht euch andere Eltern, die gut verstehen können, was ihr meint, trefft euch und gebt Rückmeldung an Schule und Sozialarbeiter, an die übergeordneten Elterngremien, schreibt dem Bildungsminister! Schüler, auch ihr könnt eure Anliegen demokratisch vertreten – ihr wisst vielleicht noch nicht wie, aber wendet euch Vertrauenspersonen und bittet sie, mit euch das Gesetz zu lesen, das Reden zu üben, das Wortefinden. Inspiriert euch bei „Schule im Aufbruch“. Bei den Gehirnforschern. Bei Menschen mit Herz. Beim Kinderschutzbund. Bei der Landeszentrale für politische Bildung. …
Ich drücke uns allen die Daumen!

Woche XXXXIV | Freitag, 01.07.2016

Wenn ich nach einem 3-h-Abend im Elternrat die ganze Nacht so inspiriert-aufgekratzt bin, dass ich erst eine Stunde vorm Aufstehen einnicke, und dagegen nach 4,5 Stunden Teilnahme an der Schulentwicklung völlig verspannt und kopfschmerzig in die Federn falle, dann macht sich darin deutlich, wo das Leben pulsiert und wo es erstarrt.
Allerdings hege ich Hoffnung, denn auch in der Schule regen sich unter den Erwachsenen Kräfte, die nach Lebendigkeit lechzen.
Mein Part war gewesen, da zu sein. Ich habe in einer Arbeitsgruppe auch eine Beobachtung eingebracht, die sich auf das Erleben der Kinder bezieht, die Vorträge halten dürfen anstatt Klassenarbeiten zu schreiben. Die Rückmeldungen der anderen Schüler*innen kommen dabei dazu, was die Note in den Hintergrund rückt, die es natürlich auch noch gibt. Aber sie ist nicht mehr der einzige Grund für Vorbereitung. Und auch die Erweiterung der Jury von einem Erwachsenen, der sich Objektivität anmaßt, auf 20 oder mehr Personen bringt mehr Realismus in die Auswertung. Ich habe also gesagt, dass hier ein Sinnzusammenhang entsteht, in dem und für den gelernt und vorbereitet, erarbeitet und eingeübt wird. Das motiviert. Und zu wissen, man bringt anderen etwas bei, denn nicht alle halten denselben Vortrag zum selben Thema, macht die Sache erst richtig rund. Zumal man gern aus der Peergroup lernt, schnell und ohne die Hürden der Generationen oder besser gesagt der Hierarchie, denn solange von Schüler*innen Respekt verlangt wird bei gleichzeitiger Ignoranz ihrer Gleichwürdigkeit, ist es weniger der Altersunterschied, der den Weg des Wissens versperrt.
Es ist also nochmal richtig spannend geworden für mich, drei Wochen vor den Ferien.
Es haben sich nun einige Eltern mehr in die Aktivität locken lassen. Sie denken über Fragen der Gestaltung nach, über Werte, die belebt werden müssten. Sie wollen Impulse geben.
Ich bin so froh! Vor drei Jahren noch war ich ziemlich einsam auf meinem Posten. Mit meinen Träumen.
Jetzt frage ich mich, wie ich mein Zögern wohl rechtfertigen will…
Ich habe also erstmal „hospitiert“ und die Stimmung kennengelernt, in der Schule beschlossen wird von den Lehrenden. Meine Hoffnung liegt auf den Jüngeren, und bei ihnen insbesondere bei denjenigen, die sich andere Schulen ansehen, die sich Gedanken machen um ihr Menschenbild, um ihre eigene Freude an der Arbeit. Es ist heikel, Lehrern erzählen zu wollen, was man sich wünscht oder wie man sich etwas vorstellen könnte. Aber hier tauchen plötzlich mehr von der Sorte auf, die interessiert sind und es wissen wollen. Die nicht in erster Linie befürchten angegriffen oder infrage gestellt zu werden. Die nicht in Verteidigungs- oder Rechtfertigungshaltung übergehen, wenn man naht. Sondern die sogar fragen, wie man etwas sieht!
Wenn ich sehe, wie sich einige um Leben bemühen, bekomme ich Lust, sie zu unterstützen. Ich mache also den Mund auf und bringe meine Beobachtungen ein.
Mein nächstes Anliegen ist die alltägliche Spürbarkeit demokratischer und freiheitlicher Werte in der Schule. Das bedeutet konkret die Förderung des kontinuierlichen Rückmeldens und der Formulierung eigener Gedanken und Anliegen durch die Heranwachsenden. Und es bedeutet auch konkret, dass Schüler*innen und Eltern informiert werden über ihre Mitwirkungsmöglichkeiten in den Gremien. Also – es bleibt interessant, und wird es noch mehr im neuen Schuljahr.
Wie habe ich es nur hierher geschafft?
Obwohl ich kein Fan von Druckmachen oder Konfrontation bin? Oder gerade weil?
Ich habe immer wieder eingeladen oder Mut gemacht. Habe Andere bestärkt, ihrer eigenen Wahrnehmung Stimme zu geben, es sich nicht ausreden zu lassen, wie sie etwas empfinden. Habe zugehört und genau erfragt.
War einfach nur da.
Habe selbst immer mal wieder Nachfrage erfahren.
Das hat mich neu beflügelt.
Ich habe meine eigene Heilung vorangetrieben, habe Denkmuster aufgespürt, mit denen ich meine Kräfte erschöpfte. Habe sie stillgelegt und neue Schaltkreise angelegt. Habe selber Einiges an Lebensfreude wiedererlangt und insbesondere die Entdeckung gemacht, dass ich, wenn ich ohnehin einen Unterschied mache durch mein Hiersein, diesen Unterschied doch auch kreativ gestalten könnte.
Wichtig ist mir auch, dass ich mich mit vielen Widrigkeiten versöhnen konnte. Sie sind deshalb nicht gleich zu neuen Vorlieben geworden, aber ich kann nun oft die „True Colors“ durchscheinen sehen, kann einen Menschen mit seiner ablehnenden, zurückweisenden oder provozierenden Haltung voll Wärme ansehen und das verschreckte Wesen dahinter hervorlocken, um es zu beruhigen.
Naja, nicht immer, aber ich habe den Zauber kennengelernt, der sich breitmacht, wenn es mal gelingt.
Ich habe Hoffnung. Und freue mich auf die nächsten Abenteuer.

Woche XXXV | Freitag, 29.04.2016

Ich möchte heute den Punkt hervorheben, welchen Unterschied es macht, ob man für Noten lernen soll oder für echte Ereignisse. Keins meiner Kinder hat sich direkt von Noten locken lassen oder für Noten gelernt. Noten gingen aber auch nicht spurlos an ihnen vorbei. Ich denke, sie haben intuitiv gespürt, dass es kein echtes Ziel ist, für eine Note zu lernen. Wenn es um Noten ging, dann immer darum, wie weh sie tun. Eine Zwei statt einer Eins, und der Weltuntergang bei einer sechs.
Aber nie haben sie es konkret auf die eine Sache im jeweiligen Fach bezogen, um die es gerade ging. Sie haben die Bewertungen immer auf sich als Person angewendet. Es ist viel Reden nötig, um das auszumerzen.
Wir haben von unseren Kindern nie bestimmte Noten erwartet, ich habe natürlich immer das Beste für sie gehofft. Und habe beobachtet, was eine Note bei ihnen zunächst anrichtet. Ich empfinde es als Verletzung der Menschenwürde, den Kindern schon so früh so eine Art der Bewertung anzutun. Und vor allem schadet diese Praxis der Erhaltung von Lernlust und Eigenmotivation. In der 9. Klasse mit Noten zu beginnen, ist völlig ausreichend, vor allem sind die Jugendlichen schon viel differenzierender in der Wahrnehmung und können viel besser zuordnen, was mit dieser Note bewertet wird. Bis dahin habe ich meine Mädels ermuntert, auch mal den schlimmsten Fall zu erforschen, und siehe, sie blieben heil und unversehrt, wenn sie es darauf anlegten. Auf diesem Umweg kamen sie schließlich zu einer recht entspannten Haltung und in die Lage, sich für das Lernen aus Interesse am Thema zu entschließen, weil sie nunmal da waren oder es nichts Besseres zu tun gab. Ich bin froh über diese Neutralisierung der Notenbelästigung.
Mein Jüngster bekommt in seiner Schule keine Noten. Wenn er etwas übt, dann weil er möchte, dass es gelingt, wenn er etwas erforscht, dann weil er es wissen möchte. Und er macht sich ans Schreiben, weil es praktisch ist, wenn’s automatisch und schnell geht.
Mir wurde meinerzeit immer gesagt: „Frau Roswein, wir wissen, dass sie das besser können.“ Dann bekam ich die schlechtere Note und man hoffte, ich würde mich beim nächsten Mal besser anstrengen. Ich sagte mir, ich weiß es auch, dafür brauche ich die Note nicht. Ich bin bis heute traurig, dass mir als Heranwachsender damals niemand echte Herausforderungen angeboten hat. Ich suche mir heute und seit Ewigkeiten sowas selbst, aber das wird eben im Schul- oder Uni-Kontext nicht gesehen, weil es gerade nicht zum Thema gehört. Leider fehlt mir aber dadurch die Erfahrung, einen Auftrag zu bekommen, bei dem ich gefordert bin. Mir ist immer alles leicht gefallen. Ich kenne nur selbst gewählte Schwierigkeiten. Und für deren Meisterung bekomme ich kein Feedback von anderen, weil niemand das Setting kennt und meiner Situation kundig ist. Ich bin selbst immer glücklich bei jeder genommenen Hürde, und ich würde mich zu Tode langweilen ohne alle meine selbst gestellten Aufgaben.
Dennoch fehlt mir die Spiegelung durch andere, die Herausforderung durch andere. Es hat mit dem Bedürfnis der Beteiligung, Teilhabe, Zugehörigkeit zu tun. Mit meinem Platz in der Gesellschaft.
Wenn Kinder und Jugendliche eine Bühne bekommen, für die sie lernen, bekommen sie so einen Platz. Sie lernen dann fürs echte Leben, und wenn dann noch irgendwas benotet wird, reiht sich das ein hinter das Erlebnis vor Publikum. So viele unterschiedliche Rückmeldungen können kommen, dass die Note in wohltuender Weise relativiert und auf das zurückgekürzt wird, was sie aus meiner Sicht bestenfalls sein sollte: eine vignettenartige Kurzillustration zur schnellen Orientierung.
Und selbst wenn keine individuellen Rückmeldungen kommen, so hat man sich getraut, ist ins Rampenlicht getreten, vollbrachte seinen Auftritt und präsentierte seine Arbeit oder die Früchte des Übens und hörte den Applaus. Vielleicht von ferne, weil man noch so überwältigt ist vom eigenen Mut und davon, dass alles gut ging.
Meine Kinder sind eher zurückhaltend mit Bühnenpräsenz in ihrem direkten Umfeld. Es ist ein sensibles Thema, und mich beschäftigt die Frage, welche Umstände sie brauchen, um sich hervorwagen zu können. Was fürchten sie? Ich hoffe, ich bekomme es eines Tages heraus. Was mich selbst angeht – ich fürchte das öffentliche Scheitern. Die Peinlichkeit des Versagens. Die abfälligen Bemerkungen oder gar das Ausgelachtwerden. Alles Überbleibsel aus der Kindheit, ich weiß nicht besser damit umzugehen, als solche Situationen zu vermeiden. Hin und wieder befällt mich eine gewisse Waghalsigkeit und ich taste es an, springe ins Leben, oder ich habe vorher lang und breit eingeübt, was ich in irgenwelchen möglichen Fällen denken will. Wäre ich sicher, ein kritisches Publikum vorzufinden, das meine Person schützt und nur meinen Auftritt kommentiert, dann wagte ich es viel öfter…

Woche XXX | Montag, 21.03.2016

Wenn man seine eigenen Kinder auch mal mehrere Tage hintereinander in ausgeruhtem Zustand erleben kann, ohne Aufträge, die sie erfüllen sollen, dann kann es vorkommen, dass sie sich irre langweilen und damit alle behelligen, die irgendwie auf Empfang sind. Es ist vielleicht wie das berühmte Loch, in das man fällt, wenn man von einem Tag auf den anderen keinen Arbeitsplatz mehr hat, an den man gehen kann. Haben sie dann nach einer Weile etwas gefunden, was sie machen wollen, dann geht damit so richtig die Post ab. Zum Beispiel ein Stück auf Mamas Gitarre einzuüben, das gerade in ist im Freundeskreis. Mit Hingabe und Anstrengungsbereitschaft. (Die ich mir auch für die Erledigung von Familien-Arbeiten wünsche.) Oder aus den Pappzylindern des Toilettenpapiers Werkzeuge zu bauen. Das macht das Leben lebenswert – etwas zu tun, was Bedeutung für das eigene Leben hat. Etwas, was einem Freude macht.
Dem gegenüber der Satz des Grundschulkindes einer Freundin: „Es macht einfach keinen Spaß zu lernen, wenn man immer schlechte Noten bekommt.“ Ich glaube, viele Lehrer*innen würden ihren Job an den Nagel hängen, wenn sie regelmäßig Noten bekämen für ihre Arbeit. Sie sagen, es seien ja die Eltern, die die Noten wollen. Das stimmt sicherlich, aber nicht für mich, zum Beispiel. Auf mich als einzelne Mutter hört dann aber niemand. Dann glaube ich, dass es auch nur eine Ausrede ist. Ich bin sicher, alle Eltern wollen Orientierung über die Sachlage bei ihren Kindern, und am liebsten sollen das natürlich gute Nachrichten sein. Was hindert uns, genau das zu machen? Warum stellen wir uns und den Erwachsenen an den Schulen nicht die Aufgabe, gute Zeugnisse auszustellen? Also nur aufzuschreiben, was gut klappt? Das zeigt doch dann ganz konstruktiv den Stand der Dinge, denn was da nicht draufsteht, bleibt als Aufgabe für den weiteren Schul- und Bildungsweg.
Was leben diejenigen Pädagog*innen vor, die deshalb Noten geben, weil sie müssen?
Was leben diejenigen vor, die einfach in Ruhe unterrichten wollen, ohne mit den Menschen in den Schulpflichtigen zu tun haben zu müssen?
Was leben wir vor, wenn wir die Anforderungen eines Systems über die Bedürfnisse des einzelnen Menschen stellen, selbst wenn dieser dadurch leidet oder erkrankt? Und wenn dieser Mensch ein Schutzbefohlener ist?
Wir haben jetzt Ferien, ich habe den ganzen Tag Gelegenheit, mit den Kindern zu erproben, wie es geht, wenn man z.B. das Kriterium Freiwilligkeit erfüllen möchte. Wie erreiche ich die Mitwirkung meines Kindes im Haushalt, wenn es gerade nicht sowieso begeistert angelaufen kommt, um mir zu helfen? Ohne es zu erpressen oder zu zwingen?
Wie? Indem ich mich als Mensch zeige, der die Dringlichkeit oder Ernsthaftigkeit seiner Bitte auf eine Weise deutlich macht, die dem anderen ans Herz geht und nicht auf die Nerven. Der am Ende Danke sagt für die Bereitschaft des Kindes, diesen Dienst zu leisten, der nicht unmittelbar mit seinen eigenen Bedürfnissen im Zusammenhang steht, sondern erst damit in Berührung kommt, wenn meine „Notlage“ deutlich wird – und dann berührt es das Bedürfnis nach Identität, „Ich bin wichtig“.
Ich selbst leide darunter, wenn ich Dinge für andere tue, die sie selber könnten, und das als Selbstverständlichkeit übergangen wird. Auch in unserer arbeitsteiligen Familie sehe ich diese Arbeitsteilung als etwas zu Würdigendes an, ich muss es nicht immer dick auftragen, aber ich nehme es auch nicht als Naturgesetz hin. Es ist eine Errungenschaft, wenn es gelingt. Oft genug scheitert’s ja.
Es ist aufgrund meiner Erziehung und der Kultur, in die ich hineinwuchs, ein Automatismus „Seid bereit – immer bereit“, aber einer, der mich schlaucht. Ich mühe mich, ihn stillzulegen im Umgang mit andern Menschen, auch Erwachsenen. Auch meinen Eltern. (Besonders heikel.) Ich mühe mich, mit den Kindern zu wachsen und die Versorgungsgewohnheiten abzulegen, die nicht mehr altersgemäß sind. (Das fällt spätestens dann nicht mehr allzu schwer, wenn man für das, was man tut, hauptsächlich Kritik oder Ärger erntet.) Ich mühe mich um meine eigene Freiwilligkeit. Wenn ich sie errungen habe, dann bin ich authentisches Vorbild, dann strahle ich es aus als Wesensmerkmal und muss nicht mehr reden wie ein Buch. Dann gestehe ich es mir und gleichzeitig allen zu.
Tja, ich ringe noch. In den Augenblicken des Gelingens weiß ich, dass es sich wirklich lohnt. Und ich merke das Gelingen, auch wenn mir niemand eine Note dafür gibt. Die ist nur wichtig für jene, die nicht mit mir vertraut sind.
Noten – ein Indiz für mangelndes Auskennen miteinander? Zuwenig Hinwendung, Interesse? Verständnis?

Woche XXIX | Montag, 14.03.2016

Eines der besonderen Geschenke von Kinderbeschulung in größeren Gruppen ist definitiv der Läusealarm. Ich muss dann immer an die Szene in Monster AG denken, wo einer der Schrecker „kontaminiert“ ist mit einer Kindersocke o.ä. und sein Assistent den entsprechenden Alarm auslöst. Dann rückt ein Kommando von komplett verpackten Dekontaminierern an, sie sacken den Betroffenen ein und unterziehen ihn an Ort und Stelle einer umfassenden und rasanten Behandlung.
Die haben’s gut, sie arbeiten als Team, ich muss alles allein machen, aber nicht nur mit einem Kind, sondern mit uns allen, dann sämtliche Betten neu beziehen, alle Kuscheltiere ins Exil schicken, Mützen und Co. waschen, alle letzten Kontakte durchgehen, anrufen…
Auch das Bescheidsagen in der Schule ist was Spezielles. Ich schon wieder. Ich frage mich, ob mein Kleiner – denn er als Grundschulkind bringt sowas mit nach Hause – wirklich immer der erste ist? Und wenn ja, woher kommen die Biester hier? Ich denke dieses Mal über die Variante nach, dass andere Eltern lieber warten, bis irgendjemand Bescheid sagt, damit sie nicht diejenigen sein müssen? Ist doch aber auch Quatsch, es sei denn, man ist damit zufrieden, jeden Abend mit dem Nissenkamm zu hantieren oder hat die Zeit und die guten Augen, den Kopf des Kindes genauestens abzusuchen. (Jedenfalls kann es kaum daran liegen, dass man das teure Läusewaschmittel sowieso standardmäßig benutzt.) Oder aber wir sind eben empfindlicher mit der Haut, uns juckt es einfach schon bei einer einzigen Laus.
Das also mein Geschenk zum Wochenstart. Sonst scheint alles gut zu gehen, ich bekomme sogar von meinem Mädchen die eine oder andere Anekdote erzählt. Offenbar findet sie auch mehr Ermunterung in der Schule, ihr Erleben zu schildern oder sich für bestimmte Dinge einzusetzen. Einige Erwachsene dort fragen wohl neuerdings auch hin und wieder nach, wie die Heranwachsenden klarkommen. Ganz witzig finde ich die Aufforderung einer Lehrerin, dass die Kinder sich bitteschön unterhaltsame und kreative Erklärungen ausdenken und erzählen sollen, wenn sie eine HA nicht erledigt haben, anstatt sich nur so langweilig zu entschuldigen. Da lohnt es sich, die HA einfach anzufertigen, das dauert nicht viel länger. Aber natürlich macht es auch großen Spaß, sich Geschichten auszudenken, die möglichst unterhaltsam und gleichzeitig glaubwürdig sind und dann vielleicht darüber zu wetten. Nun bekomme ich wohl meine Kinder schonmal gesund und fröhlich wieder zurück und kann die Familienzeit für gemeinsame Unternehmungen jenseits der Krankenpflege nutzen. Z.B. in Ruhe und Gelassenheit draußen sein statt nur mal schnell, mit dem Hund spielen oder gar ein Hobby pflegen… (Läusealarm? Nicht wirklich.)
Mein Wochenende stand noch im Zeichen von Husten und Schnupfen, ein bisschen Einsatz im Garten hat mir aber Kraft und frischen Sauerstoff in die Zellen gegeben, Holundersuppe wirkt auch immer wieder Wunder – nun geht’s wieder los mit der sonst üblichen Aufgabenlage. Ein Berg Wäsche hat sich gesammelt, Projekte sind zu schreiben… (Na, und das Buddeln in der Frühlingserde ist kaum länger aufzuschieben, wenn man nicht in langem Gras wühlen möchte.) Ach – und hier gibt es keine Noten, hier gibt es ganz klare Erfolgsergebnisse: Entweder es wächst was und es gibt was zu ernten (wozu brauch ich dann noch eine „1“?) oder man geht leer aus und bleibt hungrig. (Da hilft ’ne 6 dann auch nicht weiter ;))
Ja – das könnte meine nächste Mission werden: Gute Zeugnisse für alle! Zeugnisse, auf denen drauf steht, was alles gut klappt, welche Schätze „gehoben“ wurden. Das ist auch absolut inklusionstauglich.

Woche XVI | Montag, 14.12.2015

Ich habe am Wochenende „einen drauf“ gemacht, leider ohne meine Familie, wie so oft bleibe ich mit meiner Begeisterung allein. Naja, umgekehrt ist es auch nicht selten der Fall, dass ich was nicht mitmachen will. Zur Zeit empfinde ich wohl weniger den Freiheitsanteil in dieser Konstellation und mehr den Hunger nach Gemeinsamem. Zum Glück lynchen wir uns nicht gegenseitig, wenn wir nicht im Schrittmaß des Anderen mitmachen und eigene Wege gehen. Und wir machen es uns nicht gegenseitig zum Verhängnis, wenn wir die Bedürfnisse des Anderen nicht stillen. Wir räumen einander ein, „Nein“ sagen zu dürfen. Ich habe mit dem Nein so meine Probleme, hin und wieder. Dieses Mal war ich ca. 5 Minuten lang traurig und dann habe ich Freunde aus dem Nachbardorf angerufen, sie hatten einen Platz frei im Auto, ich fuhr mit ihnen und habe den Abend mit handgemachter Livemusik und netten Menschen in vollen Zügen genossen. Ja, einen Schwips habe ich mir auch gegönnt und mich köstlichst amüsiert. Und habe die anwesenden Erwachsenen im Vergleich zu den anwesenden Kindern betrachtet, und ratet mal, wer da sichtbar in Bewegung kam… (Außer mir.)
Ja, ich kann auch still genießen, äußerlich unbewegt. Wenn ich niemandem verraten will, was mich bewegt und wie. Oder wenn ich hochkonzentriert nach innen bin. Dann halte ich sogar die Luft an.
Heute also wieder Schule, die letzte Woche vor den Weihnachtsferien. Eine Zeit von Klausuren und anderen Testungen. Keine Zeit zum Lernen, nur zum Pauken. Wobei die Vorträge, die für Oishi-Kawaii einen Großteil der Klassenarbeiten ersetzen, für viel mehr Austausch und Betrachtungsmöglichkeiten sorgen als so eine einzelkämpferische Klassenarbeit, die nur fürs Papier und den kontrollierenden Lehrer erbracht wird. Auch kann man für seine Präsentationen mit Erfindungsreichtum und Gedankenspiel viel Gutes erreichen, was ja oft genug angefeuert wird von der Aussicht auf Publikum. Schule macht mir heute keine besonderen Bauch- oder Kopfschmerzen. Die Kinder sind etwas verschnupft.
Dennoch, ich bin froh, wenn ich wieder meinem eigenen Rhythmus gemäß schlafen und schaffen kann und nicht nach dem Taktstock der Schulunterrichtszeiten hüpfen muss. Ja, ich muss es, denn ich bin zu feige, die Kinder einfach nach ihrem eigenen Rhythmus und Maß entscheiden zu lassen, ob und wann sie hingehen wollen. Die beiden Großen wollen nichts verpassen, sie würden, glaube ich, morgens auch allein losziehen (ich mag aber den gemeinsamen Start in den Tag). McFlitz ist freitags traurig, dass das Wochenende kommt, weil er dann seine Kumpels nicht sieht, aber auch froh, dass er sich nicht für irgendein Thema anstrengen muss. Eines aber macht er mit Hingabe: Geschichten schreiben. In seiner Klasse gibt es alle 14 Tage Autorenlesungen, und mit ihren Geschichten beflügeln sich die Kinder gegenseitig. Kürzlich habe ich zur Lesenacht mit ihnen eine Suppengeschichte gemacht – jedes Kind schrieb ein Wort auf einen Zettel, der zerknüllt in den Topf kam. Auf einen anderen Zettel anderer Farbe schrieb jedes seinen Namen, ebenfalls zerknüllt in die Suppe. Dann wurde ein Wort gezogen, zu dem sich jedes einen Satz ausdachte und aufschrieb. Per Namenzettel ziehen wurde das jeweils nächste Kind bestimmt, das dran kam und in der Suppe fischen durfte.
Zwischendurch und zum Schluss lasen die Kinder ihre Geschichten vor – wir haben viel gelacht und lauthals gestaunt. Manche hatten gezeichnet und zeigten die entstandenen Szenarien.
McFlitz hat das Schreiben für sich entdeckt, nachdem er sich lange Zeit schwertat, den Sinn darin zu erkennen… Keine Zensuren verderben die Freude am Geschichtenausdenken und -niederschreiben. Die Kinder erzählen sich, was ihnen besonders gut gefallen hat, und lernen dabei ganz unauffällig die Tricks und Mittel kennen, die eine gute Geschichte ausmachen. Rechtschreibung stellt sich als hilfreich beim Vorlesen heraus, ist aber erst relevant, wenn ein Text schriftlich veröffentlicht werden soll. Mal sehen, ob sie ein Buch machen am Ende.
Kkumhada und Oishi-Kawaii schreiben mehr fürs Jenseits ihrer Lernistitution, in der Schule sind ihre Sachen nicht gefragt. Deshalb bin ich als Elternvertreterin immer wieder dabei, solche Themen dort anzustoßen, mal mehr mit dem Schulleiter, dann wieder in den Kreisen einiger Eltern. So viele sind noch nicht der Ansicht, dass das Lernen in der Schule etwas mit der Gegenwart der Kinder zu tun haben muss. Sie orientieren ausschließlich auf die Zukunft. Alles ist für später. Und die Kinder gehen uns verloren. In der Freizeit müssen sie erstmal ihre Integrität wiederherstellen. Viele sagen, sie müssen lernen, sich anzupassen. Kinder machen nichts anderes! (Bis sie krank sind.) Gemeint ist sich unterzuordnen, wenn nicht gar sich unterzuwerfen. So würde das niemand sagen, aber widerlege mir das mal einer! Na, für heute lasse ich es gut sein und denke still weiter drüber nach…