Woche XXXXVII | Freitag, 22.07.2016

FERIEN! Endlich in Ruhe lernen!

Eigentlich fällt mir gar nicht mehr zu sagen ein.
Als lebende Wesen mit etwas mehr als einem Amphibiengehirn machen wir Menschen nicht das ganze Leben dasselbe. Selbst diejenigen nicht, bei denen es so aussieht.
Wir praktizieren eine fortwährende Überprüfung – Bestätigung oder Widerlegung unserer bisherigen Erfahrungen, manche vielleicht weniger intensiv das Letztere, denn das macht auch Angst. Aber eben dieses Letztere, auch wenn es uns aus unserer Sicherheitszone schiebt, ist der Motor fürs Lernen.
Und sei es zu lernen, immer neue Strategien zur Gefühlsverdrängung anzuwenden, um der Erhaltung oder Wiederherstellung unseres Sicherheitsgefühls willen.
Das heißt schon auch, sich im Kreis zu drehen oder auf der Stelle zu treten.
Dieses Gefühl bleibt aber auch den offensiv Lernenden nicht erspart, die immer wieder auf Einsichten kommen, die sie schon vor einem Jahr einmal hatten. Aber: diesmal mit mehr Erfahrung, aus neuen Perspektiven! Und: nicht zuletzt die Bestätigung ihrer immernoch beständigen Gültigkeit. Handelt es sich vielleicht gar um ein Naturgesetz?
Eine Einsicht, zu der ich immer wieder gelange, ist die Wichtigkeit, sich gegenseitig zu unterstützen. Im Ernstfall hoffe ich worauf? Auf Wohlwollen, Gnade, Vergebung, Milde, Verständnis. Sei es bei einer Rede, die ich halten will, zu der mir so viel einfällt, dass ich am Ende gar nichts mehr sagen kann, auswählen muss und still hoffe, dass es das „Richtige“ ist, was ich dann sage. Sei es die Auswahl eines Geschenkes für einen besonderen Menschen. Oder auch die Kleidung zu einem bestimmten Anlass.
Manchmal bin ich „abgebrüht“ genug, um einfach nach meinem eigenen Gutdünken zu gehen, dann ficht mich da nichts an. Meistens habe ich diese Gewissheit nicht.
Und jetzt pauke ich mir ein: Im Grunde suchen alle Menschen Halt und Unterstützung, Vergewisserung und Sicherheit, Geborgensein und Bestätigung. Ich werde es mir an sichtbare Stelle schreiben, wie Vokabelkärtchen, denn Wiederholung ist die Mutter der Weisheit. Ich will diese vielfach gemachte Erfahrung im Ernstfall parat haben, nämlich dann, wenn ich an meiner Unzulänglichkeit und Ratlosigkeit verzweifle. Die mich hauptsächlich in Bezug auf andere Menschen befällt, Säbelzahntiger habe ich ja nicht zu befürchten. Höchstens noch Zecken und ihre unbequemen Mitreisenden…
Ferien – Zeit, die frei ist von Bewährungssituationen, die nicht so angelegt sind, dass jedes Kind in seinen Stärken gesehen und gespiegelt wird. Was wollen diese Unglücklichen in den Ferien lernen? Alles, nur nichts, was irgendwie nach Schule riecht, und so bleiben unsere gesetzlich anerkannten Kulturschätze wie Schreiben, Lesen, Rechnen, Zeichnen, Denken, Musizieren, Experimentieren… als kult-ur-menschliche Ausdruckswege beiseite, gepflegt werden stattdessen die einzelkämpferischen Großkotzstrategien. Können wir das wollen?
Liebe Leute, nutzt die Ferienzeit zum Nach-Denken. Ist uns die gegenseitige Unterstützung wichtig? Dann lasst uns alle schulischen Handhabungen aufspüren, die das untergraben, und sie durch mitmenschliche ersetzen!
Ich denke zuallererst an die Noten. Die schlechten gehören abgeschafft, denn sie hindern uns daran, den Kindern das zu bescheinigen, was sie gut können. Ohne zu heucheln.
Ich denke an aktive Mitbestimmung der Kinder: sie sollen gefragt werden, wie es ihnen geht mit diesem oder jenem, und sich selbst kennenlernen können und was ihnen hilft. Sie sollen in individuellem Tempo alles lernen können, was wir wichtig finden, denn wenn es ein wahrer Wert ist, dann wollen sie auch. Bzw. tun es einfach, unbewusst.
Ich denke an die Aufhebung der Einzelkämpferschaft der Lehrenden, sie brauchen Partner in den Klassen, erwachsene Rückmelder und Mithelfer. Das ist vorgelebte gegenseitige Unterstützung. Sind es nicht die Lehrer selbst, die eine Beurteilung ihrer Arbeit am meisten fürchten? Gut so! Denn das ist die Basis für den Wandel – oder wollt ihr das den Kindern wirklich weiterhin antun??? Erlöst euch selbst und damit auch die euch Anvertrauten.
Ich fürchte mich vor nichts so wie vor Willkür und Beliebigkeit im Umgang der Menschen miteinander. Dazu gehören auch die Ideologien, die alles instrumentalisieren, was den Menschen eigentlich guttut, weil es Gemeinschaft fördert und Werte spürbar macht. Lernen wir, solches zu entlarven und uns davor zu schützen, aber vor allem unsere Kinder, die auf der Suche nach Orientierung und Sinn im Leben sind! Ich bin so froh und dankbar, dass ich im Frieden aufgewachsen bin und auch meine Kinder bisher kein unmittelbares Kriegsleid erfahren mussten. Aber wir baden noch in der Geschichte unseren Vorfahren widerfahrene Traumata aus, die sie stumm gemacht haben vor Entsetzen. Ich lerne nun langsam, zu sprechen, in Worte zu fassen, was mich sonst erdrückt oder woran ich ersticke. Die „Übel“ aus den Verliesen der Schule werden mir nun, spät, zu Schätzen der Verständigung und Lösungsfindung für mich. Ich war zwar immer gut in der Schule, aber ich habe unter den Verletzungen derer zu leiden gehabt, denen das nicht vergönnt war: ihren Neid oder ihre Missgunst unbeschadet zu überstehen oder durch Freundschaft zu verhindern hat bedeutet, meine Talente ein Stück weit zu opfern. Doch das war das geringere Übel, denn die Überheblichkeit der Guten habe ich noch schlechter ertragen. Wie schade, dass am Ende niemand Erfolge feiern kann…
Nun denn – schöne Ferien allen, und wer mit schlechten Noten nach Hause gehen muss: schreibt mir eure Gefühle und Empfindungen, versucht es, fasst in Worte, Musik, Bilder oder Figuren, was euch schmerzt und an welcher Stelle! Schreibt es in die Kommentare, lasst andere sehen, dass sie nicht allein sind. Macht gern Vorschläge, wie es besser wäre für euch und was ihr euch von der Schule erträumt! Eltern: sucht euch andere Eltern, die gut verstehen können, was ihr meint, trefft euch und gebt Rückmeldung an Schule und Sozialarbeiter, an die übergeordneten Elterngremien, schreibt dem Bildungsminister! Schüler, auch ihr könnt eure Anliegen demokratisch vertreten – ihr wisst vielleicht noch nicht wie, aber wendet euch Vertrauenspersonen und bittet sie, mit euch das Gesetz zu lesen, das Reden zu üben, das Wortefinden. Inspiriert euch bei „Schule im Aufbruch“. Bei den Gehirnforschern. Bei Menschen mit Herz. Beim Kinderschutzbund. Bei der Landeszentrale für politische Bildung. …
Ich drücke uns allen die Daumen!

Woche XXIX | Montag, 14.03.2016

Eines der besonderen Geschenke von Kinderbeschulung in größeren Gruppen ist definitiv der Läusealarm. Ich muss dann immer an die Szene in Monster AG denken, wo einer der Schrecker „kontaminiert“ ist mit einer Kindersocke o.ä. und sein Assistent den entsprechenden Alarm auslöst. Dann rückt ein Kommando von komplett verpackten Dekontaminierern an, sie sacken den Betroffenen ein und unterziehen ihn an Ort und Stelle einer umfassenden und rasanten Behandlung.
Die haben’s gut, sie arbeiten als Team, ich muss alles allein machen, aber nicht nur mit einem Kind, sondern mit uns allen, dann sämtliche Betten neu beziehen, alle Kuscheltiere ins Exil schicken, Mützen und Co. waschen, alle letzten Kontakte durchgehen, anrufen…
Auch das Bescheidsagen in der Schule ist was Spezielles. Ich schon wieder. Ich frage mich, ob mein Kleiner – denn er als Grundschulkind bringt sowas mit nach Hause – wirklich immer der erste ist? Und wenn ja, woher kommen die Biester hier? Ich denke dieses Mal über die Variante nach, dass andere Eltern lieber warten, bis irgendjemand Bescheid sagt, damit sie nicht diejenigen sein müssen? Ist doch aber auch Quatsch, es sei denn, man ist damit zufrieden, jeden Abend mit dem Nissenkamm zu hantieren oder hat die Zeit und die guten Augen, den Kopf des Kindes genauestens abzusuchen. (Jedenfalls kann es kaum daran liegen, dass man das teure Läusewaschmittel sowieso standardmäßig benutzt.) Oder aber wir sind eben empfindlicher mit der Haut, uns juckt es einfach schon bei einer einzigen Laus.
Das also mein Geschenk zum Wochenstart. Sonst scheint alles gut zu gehen, ich bekomme sogar von meinem Mädchen die eine oder andere Anekdote erzählt. Offenbar findet sie auch mehr Ermunterung in der Schule, ihr Erleben zu schildern oder sich für bestimmte Dinge einzusetzen. Einige Erwachsene dort fragen wohl neuerdings auch hin und wieder nach, wie die Heranwachsenden klarkommen. Ganz witzig finde ich die Aufforderung einer Lehrerin, dass die Kinder sich bitteschön unterhaltsame und kreative Erklärungen ausdenken und erzählen sollen, wenn sie eine HA nicht erledigt haben, anstatt sich nur so langweilig zu entschuldigen. Da lohnt es sich, die HA einfach anzufertigen, das dauert nicht viel länger. Aber natürlich macht es auch großen Spaß, sich Geschichten auszudenken, die möglichst unterhaltsam und gleichzeitig glaubwürdig sind und dann vielleicht darüber zu wetten. Nun bekomme ich wohl meine Kinder schonmal gesund und fröhlich wieder zurück und kann die Familienzeit für gemeinsame Unternehmungen jenseits der Krankenpflege nutzen. Z.B. in Ruhe und Gelassenheit draußen sein statt nur mal schnell, mit dem Hund spielen oder gar ein Hobby pflegen… (Läusealarm? Nicht wirklich.)
Mein Wochenende stand noch im Zeichen von Husten und Schnupfen, ein bisschen Einsatz im Garten hat mir aber Kraft und frischen Sauerstoff in die Zellen gegeben, Holundersuppe wirkt auch immer wieder Wunder – nun geht’s wieder los mit der sonst üblichen Aufgabenlage. Ein Berg Wäsche hat sich gesammelt, Projekte sind zu schreiben… (Na, und das Buddeln in der Frühlingserde ist kaum länger aufzuschieben, wenn man nicht in langem Gras wühlen möchte.) Ach – und hier gibt es keine Noten, hier gibt es ganz klare Erfolgsergebnisse: Entweder es wächst was und es gibt was zu ernten (wozu brauch ich dann noch eine „1“?) oder man geht leer aus und bleibt hungrig. (Da hilft ’ne 6 dann auch nicht weiter ;))
Ja – das könnte meine nächste Mission werden: Gute Zeugnisse für alle! Zeugnisse, auf denen drauf steht, was alles gut klappt, welche Schätze „gehoben“ wurden. Das ist auch absolut inklusionstauglich.

Woche XXII | Freitag, 29.01.2016

Letzter Schultag. Zeugnisse. Zwei hustende und schniefende Kinder ins Rennen geschickt. Damit sie nichts verpassen. Das Bedürfnis nach Dampfbad ist nicht ganz so groß wie das nach Geschichten in jeder Form und Selbstvertiefung in ungestörte Beschäftigung. Ich gebe eindeutig dem Selbermalen, Selberschreiben, Selberbauen meine ganze Sympathie und gestehe, dass ich das Glotzen und massenhafte Lesen eher als bedenklich ansehe. Aber wahrscheinlich ist es genau wie mit jedem anderen Hunger – wenn er mit günstigen Mitteln gestillt wird, ist auch eine Weile Ruhe. Also: persönlich vorlesen, gemeinsam glotzen, sich was erzählen? Und danach zusammen Essen machen, oder vorher, eine Runde an die frische Luft gehen.
Dazu müssten die Rhythmen übereinstimmen…
Die Zeugnisse scheinen nicht für allzuviel Unmut zu sorgen. McFlitz findet, er hat ein gutes Zeugnis, weil kein „Förderbedarf“ drin steht, nur „grundsätzliche, sichere und erweiterte“ Fähigkeiten. Die Mädels haben Noten drauf stehen, und Oishi-Kawaii hadert ein wenig mit sich, weil eine Note gerade vor einigen Tagen durch einen verhauenen Test verschlechtert wurde. Kkumhada ist seit Tagen in feierlicher Laune, weil sie im kommenden Halbjahr ganz woanders in eine Schule gehen wird. Mit ihrem Punktestand ist sie deshalb dennoch nicht ganz glücklich. Ihr fehlt Motivation. Die kommt nur von innen, wenn sie nicht durch Verbote oder Vorschriften halb erstickt oder vom Gift der Bewertung gelähmt oder anderweitig dienstunfähig geworden ist…
Könnten Geschichts-Tests nicht darin bestehen, dass die Kinder Krimis, Balladen oder andere literarische Werke verfassen, in denen die ganzen Daten und Fakten gebraucht werden, die für einen Test gelernt werden? Könnten die naturwissenschaftlichen und technischen Entdeckungen nicht in die Erzählung oder Darstellung anschaulicher Kurzgeschichten eingebettet werden, so dass man ihren Nutzen und ihre Bedeutung ermessen kann? Ja, sowas können schon Manche. Andere weigern sich, ihre Kreativität und Phantasie endlich frei zu lassen, denn Spielen ist verpönt, Lernen muss schließlich weh tun, sonst ist es keins.
Die künstlerischen Ausdrucksformen im Dienste der Präsentation schulischen Lernens – ein würdiger Platz? Damit rücken sie auch mehr in den Vordergrund und kommen vielleicht mal aus der Verbannung zurück, die nur dem Zweck dienen kann, den Menschen auf allen Kanälen zum Schweigen zu bringen. Klappt ja auch umfassend.
Aber jetzt sind Ferien, wir haben zwei Wochen. Nicht alle Kinder gehen gesund in diese Erholungsphase, auf die zwei wichtige Grundbedürfnisse beschränkt bleiben: Muße und Kreativität. Ach mehr noch, auch Zuwendung und Verstehen bleiben ja vielfach im „Alltag“ auf der Strecke. Oftmals fühlen sie sich auch nicht sicher genug, zumindest verstecken sie ihre Talente. Von Freiheit/Selbstbestimmung ganz zu schweigen. Damit bleiben drei von Max-Neef’s neun Bedürfnissen im grünen Bereich: Lebenserhaltung, Teilhabe/Zugehörigkeit und Identität. Bei letzterem bin ich mir aber nicht wirklich sicher…
Also auf in die frei gestaltbare Zeit! Möge sie ausreichen, wieder Mensch zu werden.

Woche XXI | Freitag, 22.01.2016

Der fast wegkurierte Schnupfen von Oishi-Kawaii sitzt täglich auf dem Sprung, um wieder zuzuschlagen, nach Schule und Hausaufgaben ist das Mädel so erschöpft, dass Tür und Tor offen stehen bleiben. Also weiter Dampfbaden… Wie kann sie lernen, ihren Einsatz so zu dosieren, das sie gesund bleibt? Ich denke doch, dass sie dafür in der Schule unterstützt werden müsste, wenn sie dort schon so viel Zeit verbringen soll. Aber niemand dort ermutigt ein Kind, sein eigenes Maß kennenzulernen und zu berücksichtigen.
McFlitz hatte Zeugnisgespräch in dieser Woche – was für ein Gegensatz! Keine am Querschnitt orientierten Noten, ein individueller Lernstand mit allem, was richtig gut klappt, und mit dem, was als nächstes kommen könnte. Zum Beispiel ist Lesen noch nicht so seine Leidenschaft, daher macht er’s nicht so oft wie gewünscht. Ist aber nicht schlimm, wir denken nun eben nach, was der richtige Stoff für ihn sein könnte, wenn er unter den vorhandenen Büchern noch nichts finden konnte. Vielleicht müssen es technische Texte oder Geschichten mit solchen Themen sein, so gern wie er baut und konstruiert. Hier regiert nicht die Angst, dass er es nie lernen wird, wenn nicht jetzt…
Meine Träumerin Kkumhada ist ihrem Traum nun ganz praktisch näher gerückt. Zwar sind wir finanziell nicht ganz aus eigenen Kräften unterwegs, aber es finden sich immer mehr Freunde, die uns Geld leihen oder sponsern, so dass ich die Erfahrung machen darf, wie sich ein unterstützendes Netz anfühlt!
Auch im Städtchen tut sich was: Man redet über Zustände in Schule und Gesellschaft, jenseits des Küchentisches und mit der wachsenden Absicht, darüber nachzudenken, ob man nicht doch etwas ändern kann. Aufhänger ist der Film „alphabet. Angst oder Liebe“. Die Kleinreder, Abwiegler und Pessimisten („Da können wir eh nichts machen!“) müssen die erste Reihe räumen und langsam aber sicher Platz machen für diejenigen, die nicht einfach nur labern. So kommt es mir jedenfalls vor und das fühlt sich gut an!!! Es gab sogar Leute, die vom bedingungslosen Grundeinkommen reden, ohne dass ich sie darauf gebracht hätte. Ja, ich denke, dass wir die Einteilung der Arbeit in Erwerbsarbeit und sonstige (Hobby, Ehrenamt, Familie, Freundeskreis) nicht mehr verantworten können.
Meine Kinder ermutige ich, sich den Weg in ihre Zukunft nicht gerade vorzustellen, Schule-Ausbildung-(Studium)-Job. Ich denke, sie werden nach der Schule erstmal Zeit brauchen, um herauszufinden, was sie überhaupt machen wollen, da ihre Talente und Neigungen dort vielleicht gar nicht zum Tragen kommen und sie daher nicht die entsprechende Klarheit gewinnen können. Warum auch nicht ein Jahr lang Familien-Gemeinschaft leben, selbstversorgend aus dem Garten, auch um einfach mal die Herkunft des täglichen Brotes zu erfahren…

Woche XIX | Montag, 04.01.2016

Mein großes Kind ist krank, Übelkeitsgefühle im Hals. Ich suche ja immer auch seelische Auslöser, aber bisher nichts gefunden. Offenbar gab es schon am Samstag morgen einen Anflug davon, dann wieder gestern abend, durch die Nacht bis heute, so dass das Kind sich für Bettruhe entschied. Ich vermute den Gedanken an Schule, Halbjahresendstress und Aufregung wegen der möglichen baldigen Abreise in ihr Lieblingsland Südkorea. Wenn die Finanzen stehen…
Die beiden jüngeren Kinder sind recht frohgemut aufgebrochen, Oishi-Kawaii meinte gestern abend, sie habe zum ersten Mal in diesem Schuljahr freiwillig Hausaufgaben gemacht – Thema und Kooperationspartnerin machten da wohl hilfreich mit. Sonst nur um Schlimmeres zu verhindern, wenn sie also eine nicht angefertigte HA nachholen musste und wusste, sie würde kontrolliert. Dieses Mal also auch mit Freude am Schaltpult, was ich sehr wohltuend empfinde. McFlitz ist nicht erbaut vom Losmüssen, aber die Aussicht auf seine Kumpels bringt ungetrübte Vorfreude, und da er nicht wirklich zu eigenen Vorhaben gefunden hat, wird ihn die schulische Auftragsbearbeitung wenig stören. Nur dass ihm vielleicht wieder die „Zeit in Ruhe“ etwas zu knapp wird.
Uns hat die Kälte voll im grimmigen Griff, schön ist die Aussicht auf Eisflächen, aber der Mangel an Schnee auf den Feldern und im Garten lässt die Erde und was in ihr lebt zu Eis erstarren. Mal sehen, was im Frühjahr alles noch lebt…
Dass unser Telefon nicht funktioniert, hat vielleicht auch was mit dem Kälteeinbruch zu tun, aber da kenne ich mich nicht aus. Immerhin kann ich jetzt aber meinen heute recht kurzen Montagsbeitrag schreiben. Ich denke oft an die Zeugnis-Umtausch-Idee, ich werde einfach mal eins entwerfen, den Text von neulich mit dem Kommentar nehme ich da schonmal als Anfang.
Sind ja nur noch knapp 4 Wochen.

Woche XVII | Montag, 21.12.2015

Gestern war oben genannter Tag, erster Ferientag, der für mich ganz und gar im Zeichen der Gesundung und Wiederherstellung stand. Ist ja nichts Ungewöhnliches, wenn endlich Luft ist: Erstmal brechen die Notfall- und Behelfsmechanismen zusammen, die alles aufrecht erhalten haben, was an Reserven da war, um das Alltagsprogramm zu absolvieren. Ich empfinde das durchaus wie einen Alarmzustand, wenn ich andauernd in Bereitschaft bin oder im Hinterkopf die Terminspirale rotiert und mich aus der Gegenwart zerrt.
Also alle geplagten Zellen wieder normalisieren, reparieren, aufräumen…
Die Kinder versenken sich in Legobauen (McFlitz), und Bildschirmgenuckel (die Mädels). Sie sind durchaus nicht nur am Saugen, Spiele und Chats funktionieren wie die echten, nur dass der Körpereinsatz der Spielenden auf ein Minimum beschränkt bleibt bzw. sehr einseitig belastende Haltungen vorherrschen. Ich habe also meine Rolle als böse Mutter eingenommen und sie an die frische Luft gejagt. Ich hasse diese Rolle. Ich denke, im Märchen musste immer eine Stiefmutter herhalten fürs Bösesein, weil man eine Mutter ganz sicher nicht mit solch einer Eigenschaft in Verbindung bringen wollte. Wo doch alle Kinder ihre Mutter lieben wollen!
Ich empfinde mich als böse, wenn ich meine eigenen Bedürfnisse geltend machen möchte und das dann gleichzeitig bedeutet, dass die Kinder sich meinem Willen beugen müssten. Ich bin vielleicht übermäßig sensibel für Übergriffe auf die Selbstbestimmung. Wie gut hat es da Yakari, der nicht ständig vor einer menschgemachten gefährlichen Umwelt geschützt werden muss und zu diesem Zwecke eingesperrt oder rausgejagt wird o.ä.. Ich würde die Kinder gern jeden Tag einfach loslegen lassen bis sie von sich aus spüren, wie hungrig oder müde sie gerade sind. Wie sehne ich mich auch nach einer menschlichen Gemeinschaft, die wie ein Netz alle ihre Kinder hält, nach Bedarf anleitet oder unterstützt.
Nun, es bleibt den Ferien vorbehalten, den eigenen Rhythmus wiederzuentdecken. (Ich hoffe, sie sind dafür lang genug…)
Weihnachten ist dran. Ja, auch das empfinde ich als Termin. Ich bin weder in der Stimmung, die nötig ist, um die dunkelste Zeit des Jahreskreises als Wendepunkt und Beginn der Winterruhe zu feiern, zumal es nirgends wirklich dunkel ist und Ruhe auch nicht in Sicht. Heilig ist mir das Wohlergehen der Kinder und es reicht nicht, einmal im Jahr daran zu erinnern, wie zerbrechlich und nackt und liebenswert sie sind, und sie dann den Rest des Jahres ans Kreuz zu nageln und irgendwelchen Plänen zu opfern. (Die ja letztendlich von einem Wirtschaftswesen geprägt sind, das künstlich Not schafft, sie mit Pseudozeugs verlängert und daraus Profit schlägt.) Die Konsumschlacht vor Weihnachten gibt mir weitere Gelegenheit, die böse Mama zu sein, meine Kinder nur mit Nüssen und Äpfeln im Nikolausstiefel dumm aussehen zu lassen in der Runde ihrer Gleichaltrigen, die sich mit der Schilderung ihrer Gaben gegenseitig übertrumpfen.
Naja, ich bin’s ja schon ein wenig gewöhnt, diese Rolle zu spielen. Spaß macht’s trotzdem nicht. Vielleicht wird’s lustiger, der Wirtschaft die kalte Schulter zu zeigen. Den Lehrplänen und dem Zwang, schlechte Noten zu erteilen. Die armen Lehrer*innen! Sie müssen das ja machen. Ist ja Vorschrift. Wie wär’s mit einem Notenumtausch-Laden? Und die armen Firmen, sie müssen ja Gewinn erwirtschaften und Leute ausquetschen und Natur zerstören, schließlich wollen die Käufer billig kaufen. Vielleicht müssen sie, weil sie gar nicht genug Geld haben für planeten- und mitarbeiterfreundlich hergestellte Produkte?
Ich denke an all den Schmerz, der in den Sachen steckt, die wir hier zu kaufen kriegen. Und: schenke dieses Jahr nur selbst Gemachtes. Ich singe, nehme in den Arm, gebe meine Zeit, meine Gedanken, dichte eigene Reime und fertige kleine Büchlein an. Dazu bräuchte ich noch Umweltpapier, damit es rundum „verdaulich“ wird. Na, ich arbeite drauf hin… Oder wie wär’s Anfang Februar mit einem Zeugnis-Umtausch-Flashmob? Auf dem neuen Zeugnis steht sowas wie „Das Kind … ist ein menschliches Wesen mit Gefühlen und Bedürfnissen. Es lernt in eigenem Tempo, hat besondere Talente und möchte in einer sicheren, anregenden menschlichen Gemeinschaft aufwachsen.“ Oder so ähnlich. (Ach, traumhaft. Lasst mich noch ein bisschen weiterschlafen!) Vorschläge, Absichtserklärungen, Berichte und Hinweise auf solche Aktionen bitte hierher und an jedes schwarze Brett… Das wär mal weihnachtlich!